1. Einleitung
1.1. Untersuchungsgegenstand und Problemstellung
Der Zusammenbruch der Sowjetunion, der Sieg des Westens und die sich beschleunigende Globalisierung zwangen die Volksrepublik China und Indien zu inneren Reformen und außenpolitischen Neuorientierungen. Vor ähnliche Herausforderungen gestellt, schlugen sie jedoch völlig unterschiedliche Entwicklungswege ein, um ihre Gesellschaft zu modernisieren. 1 Zwischen den asiatischen Giganten ist ein regelrechter Wettlauf um die Weltspitze entbrannt. Noch Mitte der neunziger Jahre wurde prognostiziert, dass China mehrere Dekaden brauchen werde, um wirtschaftlich auf Augenhöhe mit Japan zu kommen. Es dauerte nicht einmal ein Jahrzehnt bis die Volksrepublik ihren Nachbarn als größten asiatischen Exporteur ablöste. Inzwischen hat China Deutschland als drittstärkste Volkswirtschaft abgelöst, und Deutsche, die heute in der Mitte ihres Berufslebens stehen, werden vermutlich noch vor ihrem Ruhestand erleben, wie sie auch von Indien verdrängt werden. 2 Indien und China sind in vielerlei Hinsicht ebenso unterschiedlich wie Mahatma Gandhi und Mao Zedong: China ist eine kommunistische Autokratie und Indien ist eine marktwirschaftliche Demokratie. Trotzdem werden sie immer wieder miteinander verglichen. Für einen Vergleich dieser Größenordnung sind zwar auch militärische und politische Aspekte relevant, trotzdem liegt der Fokus in den meisten Fällen auf der Wirtschaft. Die vorliegenden Daten erlauben verhältnismäßig genaue Prognosen über den weiteren Verlauf des Wirtschaftswachstums. Auch in dieser Arbeit soll die Wirtschaftsleistung Chinas und Indiens betrachtet werden, um die Frage zu klären: Welche der beiden Nationen den Wettlauf um die Position der führenden Wirtschaftsmacht für sich entscheiden kann.
1 Vgl. Christian Wagner: Die indisch-chinesischen Beziehungen, in: Reiter, Erich (Hrsg.):
Jahrbuch für
internationale Sicherheitspolitik 2002, Bd. 2, Hamburg 2002, S.305.
2 Vgl. Jochen Buchsteiner: Die Stunde der Asiaten - Wie Europa verdrängt wird, Hamburg
2008, S. 32.
2
1.2. Forschungsstand
Grundlegend für eine Beschäftigung mit dem Wettlauf der asiatischen Giganten sind die 2007 erschienenen Bücher von Robyn Meredith und David Smith. Sie skizzieren wie sich das globale Machtgefüge zugunsten des Elefanten und des Drachens verschieben wird. Dabei können sich beide Autoren auf gut sortierte Zahlen und Fakten der Weltentwicklungsbank, des World-Factbooks und anderer Quellen stützen. Obwohl bei so manchen Wachstumszahlen - besonders den von der chinesischen Regierung veröffentlichten - Vorsicht geboten ist. In den Fälle weisen die Autoren darauf hin, dass die genutzten Quellen fragwürdig sind. Während Meredith und Smith ihren Fokus eher auf den anglo-amerikanischen Heimsphäre legen, betrachtet Jochen Buchsteiner in „Die Stunde der Asiaten. Wie Europa verdrängt wird“ die Problematik aus europäischer Sicht. Fundierte Beiträge zum Thema Bildung und Infrastruktur liefern außerdem Brunhild Staiger mit ihrem Essay „Bildung und Wissenschaft“ und John S. Henley mit „Chasing the Dragon. Accounting for the Under Performance of India by Comparision with China In Attracting Foreign Direct Investment“.
1.3. Aufbau und Methode
Zunächst soll der wirtschaftliche Entwicklungsweg der beiden Länder nachvollzogen werden. Da China seine Reformen dreizehn Jahre vor Indien startete, wird China hier der Vortritt gewährt. Danach werden einzelne Aspekte des Wachstums analysiert. Dabei handelt es sich um die Bereiche Bildung, Demographie, Infrastruktur und politisches System. Abschließend werden die Analyseergebnisse zusammengefasst, um die Frage nach dem Sieger des Wettlaufs beantworten zu können.
3
2. Der Aufstieg der Asiatischen Riesen
2.1. China
China hat heute mit seinen 1,4 Milliarden Einwohner eine kritische Masse erreicht. Die Wirtschaft des Landes ist viel zu groß um sie zu ignorieren. Die jährliche Wachstumsrate von durchschnittlich 9,5 Prozent, und das seit 1978, ist mehr als spektakulär. Über den Zeitraum von 2001 bis 2005 war China verantwortlich für ein Drittel des weltweiten Wachstums. „China's sheer size, coupled with its rapid growth, makes it a major player in the global economy. While this is an economy with a lot of catching up to do, with low per capita incomes and widespread poverty, China had become the major economic force in Asia.“ 3
Das sah Mitte des letzten Jahrhundert jedoch ganz anders aus. Im Jahr 1949 verkündete der Vorsitzende der Kommunisitischen Partei Mao Zedong die Gründung der Volksrepublik China. Ähnlich wie sein Vorbild in der UdSSR wollte er die Nation in seine persönliche Version eines egalitären kommunisitischen Utopias verwandeln. Da China jedoch eine Agrargesellschaft war, drehte sich Maos Version des Kommunismus um Bauern, nicht um Fabrikarbeiter, so wie es weiter westlich der Fall war. Nachdem 1955 die Bauernhöfe kollektiviert wurden, sank die Produktion von Lenbensmitteln in kürzester Zeit um 40 Prozent ab. Dabei hatte China schon immer damit zu kämpfen gehabt genügend Lebensmittel für alle seine Einwohner bereit zu stellen. 4
In den späten fünfziger Jahren, als die Beziehungen zu Moskau sich abkühlten und der erste Fünf-Jahres-Plan nach sowjetischem Vorbild zunehmend in Frage gestellt wurde, startete Mao seinen 'Großen Sprung nach Vorn'. Er hatte sich vorgenommen China innerhalb kurzer Zeit in eine führende Industriemacht zu verwandeln. Die Produktion von landwirtschaftlichen und industriellen Gütern sollte mehrere Gänge nach oben schalten. In weniger als 15 Jahren - so die Vorstellung Maos - sollte Chinas Stahlproduktion an die Großbritanniens heran reichen können. Das Resultat dieser Reorganisation war ein Desaster: In einigen Gegenden
3 David Smith: The Dragon and the Elephant - China, India and the New World Order, London
2007, S. 40.
4 Vgl. Meredith, Robyn: The Elephant and the Dragon. The rise of India and China an What It
Means for All of Us, New York 2007, S. 18.
4
verrottete Getreide auf den Feldern, weil Bauern angewiesen wurden Stahl zu produzieren anstatt die Ernte einzuholen. Eine vier Jahre dauernde, landesweite Hungersnot in der schätzungsweise 38 Millionen Menschen starben war die Folge. Auch der Industrie ging es schlecht. Ende 1958 befanden sich 1639 Fabriken in der Konstruktionsphase, doch nur 28 produzierten und viele wurden nie fertig gestellt. Mao hatte - auf tragische Art und Weise - sein Ziel erreicht: 77,6 Prozent der Unternehmen befanden sich in staatlicher Hand und der Rest war in Kollektive eingegliedert. Das Debakel um den 'Großen Sprung nach Vorn' kostete Mao zwar den Vorsitz der Volksrepublik, trotzdem blieb er weiterhin Vorsitzender der Kommunistischen Partei. 5
Nach der Kollektivierung folgte die 'Große Proletarische Kultur-Revolution' (1966-1976), eine blutige Hetzjagd auf potenzielle politische Gegner, Intellektuelle und Kapitalisten. Neben zahllosen Menschenleben fielen auch Bücher, chinesische Kunst, religiöse Symbole und Einrichtungen dem Mob zum Opfer. Keine Tradition war mehr heilig. 6
„Homes, with books an anything associated with culture, became a dangerous place. Fearing that Red Guards might burst in an torture the if 'culture' was found in their possession, frightened citizens burned their own books or sold them as scrap paper, and destroyed their own art objects. Mao thus succeeded in wiping out culture from Chinese homes. Outside, he was also fulfilling his long-held goal of erasing China's past from the minds of his subjects.” 7
Kapital- und Technologieimporte kamen zum Erliegen. Das Land schottete sich regelrecht von der Außenwelt ab. Außerdem bedeutete die Schließung von Universitäten, dass auch der Nachwuchs an Wissenschaftlern und Ingenieuren ausblieb. Mao hatte China um Jahrzehnte zurückversetzt. „Ten years of the Great Cultural Revolution had driven the Chinese economy to the verge of collapse“, schrieb Jinglian Wu 2005. 8
Nach Maos Tod 1976 war es Deng Xiaoping, der die Trümmer aufsammelte. Er ersetzte den Fanatismus und die Brutalität durch Pragmatismus. „Es ist egal ob
5 Vgl. David Smith: The Dragon and the Elephant - China, India and the New World Order,
London 2007, S. 47.
6 Vgl. Meredith, Robyn: The Elephant and the Dragon. The rise of India and China an What It
Means for All of Us, New York 2007, S. 20.
7 Vgl. David Smith: The Dragon and the Elephant - China, India and the New World Order,
London 2007, S. 49- 50.
5
eine Katze schwarz oder weiß ist, Hauptsache sie fängt Mäuse“, lautet sein viel zitiertes Motto. Als einer der letzten Überlebenden der chinesischen kommunistischen Revolution, hatte er das Land aus dem Chaos der Kultur-Revolution geführt, die Türen geöffnet und den Griff um die zentrale Planwirtschaft gelockert. Das Machtmonopol der Kommunistischen Partei blieb dabei allerdings unangetastet. 9
Chinas rasanter Aufstieg begann, wie immer, auf dem Land. Zunächst wurde das Staatsmonopol auf Agrarprodukte weitgehend gelockert und Preislimits aufgehoben. Von nun an konnten die Bauern die Menge und die Preise für ihre Produkte selbst festlegen. Die Reformen befreiten Millionen Menschen aus der Armut. Dengs erklärtes Ziel war eine „sozialistische Landwirtschaft“. Plötzlich erlebte Chinas rasch wachsende Landbevölkerung einen Grad an Wohlstand, der ihnen bis dahin völlig unbekannt war. Das Pro-Kopf-Einkommen ländlicher Haushalte stieg zwischen 1978 und 1985, bis auf knapp Rmb 400 (Renminbi - Chinas Währung, welche auch oft als Yuan bezeichnet wird) an und erreichte 2001 sogar Rmb 2366. Die Aussicht auf Arbeitsplätze und Wohlstand lockte außerdem große Teile der Landbevölkerung in die Städte. 1980 wohnten 796 Millionen - das waren 80,6 Prozent von insgesamt 987 Millionen - Chinesen auf dem Land, während in den Städten nur 191 Millionen Menschen lebten. Zehn Jahre später war die Landbevölkerung zwar auf 841 Millionen angewachsen, doch das waren nur noch 73,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dieser Trend setzte sich in den Neunzigern fort. 2003 war die Zahl der Menschen, die auf dem Land lebten auf nur noch 769 Millionen zurückgegangen (59,5 Prozent). 10 Nach den Erfolgen in der Landwirtschaft wurden so genannte Sonderwirtschaftszonen (SEZ) eingerichtet, um die „aktive Entwicklung von Beziehungen, einschließlich des wirtschaftlichen und kulturellen Austausches“ mit anderen Ländern zu fördern. Niedrige Steuern und tausende billige Arbeitskräfte sollte ausländische Unternehmen anlocken. Die ersten Sonderwirtschaftszonen, die ausschließlich durch Marktkräfte reguliert werden sollten, wurden im August 1980 in Shenzhen, Zhuhai, Shantou und Xiamen eingerichtet. Vier Jahren später erhielten
8 Vgl. ebd., S. 51.
9 Vgl. David Smith: The Dragon and the Elephant - China, India and the New World Order,
London 2007, S. 52.
10 Vgl. ebd., S. 55-56.
6
Arbeit zitieren:
Bianca Hühnerfuß, 2008, China und Indien im Wettlauf um die Weltspitze, München, GRIN Verlag GmbH
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