Inhaltsverzeichnis
A. Einleitung. 1
B. Hauptteil. 2
1. Theorie des Nationbuilding. 2
2.Nationbuilding in Deutschland und Japan. 3
2.1. Deutschland. 3
2.2 Japan. 7
2.3. Gründe für den Erfolg der Projekte. 10
3. Heutige Herausforderungen des Nationbuildings. 11
C. Schluss. 15
D Literaturverzeichnis 16
A. Einleitung
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die Herausforderungen der Sicherheitspolitik ge-wandelt. Weniger die Bedrohung durch zwischenstaatliche Kriege, sondern innerstaatliche Konflikte und Angriffe gewaltbereiter nicht staatlicher Gruppen stehen im Vordergrund. Antwort auf beide neuen Herausforderungen soll das Nationbuilding geben. Westliche Staaten versuchen instabile und kriegszerrüttete Staaten nach demokratischen Richtlinien aufzubauen und somit langfristig Frieden und Stabilität in die Region zu bringen. Auf diese Weise sollen auch terroristischen Gruppen ihre Unterschlupf - und Nachschubmöglichkeiten entzogen werden. Beispiele für derartige Bemühungen findet man derzeit zahlreich - auf dem Balkan, in Afghanistan oder im Irak. Das Prinzip ist jedoch nicht neu. Als Pionierprojekte gelten der Wiederaufbau in Deutschland und Japan nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach dem erfolgreichen Demokratisierungsprozess in Deutschland zog man den Schluss, dass Demokratie übertragbar ist. Nach Japan schloss man, dass dies auch auf nicht-westliche Staaten zutrifft. Doch sind diese Erkenntnisse in der veränderten heutigen Welt noch anwendbar? Die geringen Fortschritte, die die heutigen Nationbuilding-Einsätze aufweisen machen eine genauere Betrachtung dieser Pionierprojekte nötig. Daher soll in dieser Arbeit die Frage geklärt werden: In wie weit kann der Wiederaufbau in Deutschland und Japan als Prototyp des modernen Nationbuilding gesehen werden?
Hierzu wird - nach einer kurzen Darstellung der Theorie des Nationbuilding - zunächst der Wiederaufbau in beiden Ländern aufgezeigt und analysiert. Danach werden die Herausforderungen an das moderne Nationbuilding an Hand der Beispiele Bosnien - Herzegowina, Kosovo, Afganistan und Irak untersucht. Dies wird abschließend einen Vergleich der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der jeweiligen Projekte ermöglichen.
Die Literatur zu diesem Thema ist breit gefächert. Werke über die Nachkriegsjahre in Deutsch-land sind in deutscher und englischer Sprache zahlreich. Auch nach Informationen über die amerikanische Besatzungszeit in Japan muss man nicht lange suchen. In Zusammenhang mit Nationbuilding ist besonders James Dobbins „America's role in nationbuilding“ zu empfehlen. Hierin werden die Nationbuilding-Projekte Deutschland und Japan beschrieben, ebenso wie neueren Projekte mit amerikanischer Beteiligung, darunter Afghanistan und Irak Die Erkenntnisse über die modernen Herausforderungen der Sicherheitspolitik, und damit auch des Nationbuildings, sind allgemein anerkannt und werden kaum überraschen. Ausführlich dargestellt sind sie zum Beispiel In dem Sammelwerk Turbulent Peace - The Challenges of Managing International Conflict. Da die Diskussion über das Nationbuilding vor allem im englischsprachigen Raum geführt wird, ist darauf zu achten, dass viele Angaben aus amerikanischer Sichtweise geschrieben sind.
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B. Hauptteil
1. Theorie des Nationbuilding
Nationbuilding, wie die wörtliche deutsche Übersetzung Nationen- oder Staatsbildung vor Augen führt, bedeutet im allgemeinen die Entstehung eines Staatsgebildes. In dieser Arbeit soll jedoch lediglich auf die 'moderne' Form des Nationbuilding eingegangen werden, die Jochen Hippler wie folgt beschreibt:
Nation-Building kann (...) eine politische Zielvorstellung, auch eine Strategie zur Er-
reichung konkreter Politikziele sein. (...) externe Akteure streben die Schaffung oder
Stärkung eines nationalstaatlich verfassten politischen und sozialen Systems ab, wenn
dies ihren Interessen zu nützen scheint (...). 1
Man kann dies auch als programmatisch-konzeptionelle Bedeutung bezeichnen. Also als politisches Konzept Außenstehender - in den hier gewählten Beispielen westliche Mächte - zur Etablierung eines Nationalstaats.
Die Notwendigkeit des Nationbuilding stieg nach dem Ende des Kalten Krieges sprunghaft an. Nicht nur das zunehmende Auftreten von innerstaatlichen und ethnischen Konflikten, die mit extremer Brutalität geführt wurden - wie etwa auf dem Balkan -, zwangen den Westen zum Eingreifen. Vor allem sah man sich durch weit entfernte Konflikte zunehmend in seiner eigenen Sicherheit bedroht. In diesem Zusammenhang entstanden auch Modewörter wie rouge state (Schurkenstaat) und failed oder failing state (gescheiterter/schwacher Staat). Daher erstarkte die Überzeugung, dass nach der Beendigung eines Krieges der Aufbau eines demokratischen, vor allem aber stabilen Systems unabdingbar sei.
Der Aufbau erfolgt hierbei in 4 Dimensionen: sicherheitspolitisch, politisch, ökonomisch und sozial oder humanitär. 2
Zur sicherheitspolitischen zählen die Demilitarisierung und Demobilisierung, die Reform der Sicherheitskräfte, die Neuordnung der zivil-militärischen Beziehungen und die Herstellung eines legitimierten Gewaltmonopols.
Politisch stehen vor allem die Schaffung einer neuen Nachkriegsordnung, die es ermöglicht Streitigkeiten dauerhaft friedlich auszutragen. Nach innerstaatlichen Konflikten ist hier besonders die Machtaufteilung - häufig nach ethnischen Maßstäben - von Bedeutung. Darüber hinaus müssen funktionsfähige soziale und politische Institutionen und Normen geschaffen werden. Auch müssen wichtige Positionen von Kriegsverbrechern gesäubert und diese vor Gericht gestellt werden. Die ökonomische Dimension bezieht sich auf den materiellen Wiederaufbau, die Umwandlung der Kriegswirtschaft in eine funktionsfähige Friedensökonomie, die in der Lage ist, die Bevölke- 1Hippler, Jochen: Nationbuilding, S. 19
2 Vgl. Ferdowsi, Mir A./Matthies, Volker: Kriege, Kriegsbeendigung und Friedenskonsolidierung, S. 33 f
2
rung zu versorgen.
Soziale und humanitäre Herausforderungen sind die Versorgung der Bevölkerung, die Rehabilitation und Reintegration von Kriegsopfern und Flüchtlingen, die Überwindung der Kriegstraumata und die Wiederherstellung von nachbarschaftlichem Vertrauen und sozialen Netzwerken. Ebenso wie beim Prozess der Systemtransformation - beispielsweise in Osteuropa - besteht hier das Dilemma der Gleichzeitigkeit. Alle Dimensionen müssen relativ zeitgleich behandelt werden. Dies kann zu Konflikten einzelner Ziele führen. Häufig stehen sich hierbei vor allem Demokratisierungsbemühungen und der Erhalt der Stabilität im Wege. Ebenso erschwert die strafrechtliche Verfolgung von Kriegsverbrechern den Aufbau einer funktionierenden Verwaltung und umgekehrt. 3 Der Erfolg des Nationbuilding wird daran gemessen, wie gut all diese Aufgaben bewältigt werden.
Carlo Masala nennt drei Punkte, die wesentlich mitbestimmen, wie erfolgversprechend das Projekt verläuft. 4 Erstens ist es von großer Bedeutung, dass die Bevölkerung des zu erbauenden Staates die Anwesenheit der fremden Mächte - der Protektoren, wie Masala sie nennt - akzeptiert. Dies sollte geschehen, wenn sie sich Schutz vor internen oder externen Bedrohungen oder einen höheren Lebensstandard durch das Nationbuilding erhofft. Des weiteren hängt der Erfolg von den spill-over Effekten der Nachbarstaaten ab. Diese können sowohl positiv als auch negativ sein. Es zeigte sich, dass Demokratisierungsversuche in so genannten „guten Nachbarschaften“, also in Regionen, die ebenfalls demokratisch regiert werden, oder sich bemühen dies zu etablieren - zumindest aber politisch stabil sind - erfolgreicher sind. In nicht demokratischen Regionen kann dagegen die Etablierung einer Demokratie in einem Nachbarland als Bedrohung empfunden werden. Als dritte Voraussetzung erwähnt Masala die Notwendigkeit, die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Anwesenheit des Protektors zeitlich begrenzt ist. Anderenfalls könnte die fremde Macht als Bedrohung gesehen werden und die Bevölkerung mit Widerstand reagieren. Ebenso ist es möglich, dass eine permanente Besatzung akzeptiert wird und dies dazu führt, dass die eigenen Bemühungen am Aufbau der Regierung oder Wirtschaft eingestellt werden. Auch dies verfehlt zweifellos den Zweck des Nationbuildings.
Die hier gewonnenen Erkenntnisse können nun im Folgenden zur Analyse konkreter Beispiele verwendet werden.
2. Nationbuilding in Deutschland und Japan
2.1. Deutschland
Bereits vor dem Sieg der Alliierten über Deutschland hatten Großbritannien, Russland und die
3 Vgl. ebd. S. 35
4 Vgl. Masala, Carlo: Protektorate erfolgreich managen ; in: Internationale Politik, S. 112 ff
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Vereinigten Staaten von Amerika Pläne über die Nachkriegszeit in Deutschland gemacht. Auf der Konferenz in Casablanca Anfang 1943 entschied man, dass nur eine bedingungslose Kapitulation Deutschlands akzeptabel sei. In Jalta wurde dies durch den Beschluss der vollständigen Demilitarisierung und dem Abbau der Wirtschaft erweitert. Deutschland sollte nie wieder in der Lage sein eine Bedrohung für die Welt darzustellen. Auch holte man hier erstmals Frankreich zu den Beratungen. Bereits im September 1944 war die Teilung Deutschlands im Zonenprotokoll der EAC (European Advisory Commission) beschlossen worden. 5 Nach der Kapitulation im Mai 1945 trafen sich die vier Siegermächte in Potsdam und legten „die politischen und wirtschaftlichen Grundsätze zur Behandlung Deutschlands“ 6 fest. Daraufhin war Deutschland in vier Zonen aufgeteilt. Die britische, amerikanische und französische im Westen und die russische im Osten. Zumindest für die westlichen Staaten war klar, dass dies keine Annexion darstellte, sondern lediglich einen zeitweiligen Protektoratszustand. Dennoch war noch nicht entschieden, ob Deutschland jemals wieder ein vollständig souveräner Staat werden sollte. Besonders Frankreich und die Sowjetunion argumentierten dagegen. 7
Der Wiederaufbau begann mit den sicherheitspolitischen Maßnahmen.
Zunächst wurde die deutsche Armee entwaffnet, sowie alle nationalsozialistischen und militärischen Organisationen aufgelöst. Auch wurden alle Eroberungen Deutschlands für nichtig erklärt und die Oder-Neiße-Linie als Grenze festgesetzt. Die deutsche Regierung wurde abgesetzt. Damit übernahmen die Alliierten das Hoheitsrecht über Deutschland. An die Stelle der Regierung trat der Alliierte Kontrollrat. Der Kontrollrat bestand aus den vier Oberbefehlshabern der Besatzungszonen,
die gemeinsam >für eine angemessene Einheitlichkeit des Vorgehens< in ihren Besat-
zungszonen Sorge tragen und >im gegenseitigen Einvernehmen Entscheidungen über
alle Deutschland als Ganzes betreffenden wesentlichen Fragen< fällen sollten. 8 De facto waren also die wichtigsten Entscheidungsträger die Militärgouverneure der vier Zonen. Sie stellten während der Besatzungszeit das legitime Gewaltmonopol dar. Probleme bereitete die Reform der Sicherheitskräfte. Zunächst musste diese Aufgabe von den alliierten Kräften übernommen werden. Man versuchte jedoch bald möglichst, einheimische Kräfte im Polizeidienst auszubilden beziehungsweise ihnen Routineaufgaben zu übertragen und sich selbst noch um die Grenzkontrolle und die Überwachung der Flüchtlingsströme zu kümmern. Besonders die USA versuchten ihre Militärkräfte schnell zu entlasten, da sie ihre Kontingente nach der Kapitulation Japans aufteilen mussten. 9
Politisch war die erste Aufgabe die Denazifizierung. Die NSDAP wurde aufgelöst und alle politi-
5Vgl. Benz, Wolfgang: Potsdam 1945, S.36 ff
6 Ebd. S. 117
7 Vgl. Dobbins, James: America´s role in nationbuilding, S. 5
8 Ebd. Benz, S. 70
9 Vgl. ebd. Dobbins, S. 11
4
schen und gesetzlichen Strukturen, die sie hervorgebracht hatte, wurden zerstört. Sogleich begann man mit dem Aufspüren und der Verhaftung von Führungskräften des Naziregimes. Im November 1945 wurden die 24 hochrangigsten Kriegsverbrecher im Nürnberger Tribunal wegen des Mordes an Millionen Menschen und der Planung und Ausführung des Zweiten Weltkriegs angeklagt. Von den 21 Verurteilten - drei Angeklagte waren tot, vermisst oder zu schwach zur Zeit des Tribunals - wurden zehn zum Tod durch Erhängen und acht zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch auf unteren Ebenen gab es Tribunale zur Verurteilung von Anhängern des Naziregimes. Jedoch standen die Alliierten bald vor dem Problem, dass sie auf Grund der strengen Entnazifizierung kaum Personal für die Verwaltung des Landes fanden. So mussten die Bürokraten durch die Spruchkammern freigesprochen werden, bevor sie ihren Dienst aufnehmen konnten. 10 Höhere Posten in der Verwaltung wurden besonders sorgsam überprüft.
Wer sich in der Weimarer Zeit als Demokrat und Republikaner erwiesen hatte und
nach 1933 gegenüber dem Nationalsozialismus resistent geblieben war, hatte in der
Nachkriegszeit gute Chancen, wieder etwas zu werden. 11
Schon früh nach Beginn der Besatzung versuchten die Alliierten, die Verwaltung und auch Regierungstätigkeiten zumindest auf Länderebene unter alliierter Kontrolle an die deutsche Bevölkerung zu übergeben. Bereits im Potsdamer Abkommen war beschlossen worden, die Entstehung demokratischer Parteien zu fördern. Diese entstanden recht früh auf Kreisebene und dehnten ihren Einfluss später auch auf Länderebene aus. Während Frankreich und die Sowjetunion die deutschen Beamten in erster Linie als Ausführungsorgane der Besatzungsmacht sahen, förderten vor allem die USA die Selbständigkeit und Regierungsfähigkeit des deutschen Volkes. Bereits im September 1945 statteten sie die Länder mit voller legislativer, exekutiver und richterlicher Gewalt aus. Wenige Monate später riefen die Amerikaner den Länderrat als Koordinierungsgremium der drei Länderregierungen in ihrer Zone aus. 12 Im Januar 1946 wurden die ersten Wahlen in Gemeinden unter 20.000 Einwohnern durchgeführt und wenige Monate später auch in größeren Gemeinden. In der französischen und britischen Zone dauerte die Redemokratisierung etwas länger. Doch besonders die zunehmenden Auseinandersetzungen mit der Sowjetunion förderten die Bemühungen zur schnelleren Demokratisierung Deutschlands. So wurden 1949 die ersten landesweiten Wahlen in den Westzonen abgehalten, aus denen Konrad Adenauer als erster Bundeskanzler Deutschlands hervorging. Um das nationalsozialistische Gedankengut in der Bevölkerung zu verdrängen, kontrollierte man besonders das Schulwesen. Die Schulbücher wurden geändert und deren Inhalt streng überwacht. Ebenso die Lebensläufe der Lehrer und deren Unterrichtsinhalte. 13 Im Mai 1949 trat das Grundgesetz als neue Verfassung für die Westzonen in Kraft. Damit wurde die
10 Vgl. ebd. S. 13 f
11 Ebd. Benz, S. 128
12 Vgl. ebd., S: 126
13 Vgl. Dobbins, S. 16
5
Bundesrepublik Deutschland gegründet. Es dauerte jedoch noch bis 1955, bis vor allem Frankreich überzeugt werden konnte - unter anderem durch den Beitritt Deutschlands zur NATO und zum Atomwaffensperrvertrag - das Besatzungsregime in Westdeutschland zu beenden. Die wirtschaftlichen Pläne der Alliierten für Deutschland forderten zunächst den wirtschaftlichen Abbau, so dass ein neuer Krieg schon finanziell unmöglich sein sollte. Davon kam man jedoch rasch ab, da vor allem die Vereinigten Staaten und Großbritannien die Kosten für die Versorgung des deutschen Volkes minimieren wollten. So wurden Firmen und Minen wieder geöffnet. Außerdem wurde die Etablierung einer freien Marktwirtschaft gefördert, Monopole zerstört und der Handel vor allem in den angelsächsischen Zonen beziehungsweise zwischen diesen angeregt. Die Amerikaner forderten die kostenlose Lieferung von Kohle an Frankreich und andere Staaten als Teil der Reparationen und zahlten die Arbeiter im Gegenzug mit Naturalien aus. In der Sowjetzone demontierten die Besatzer Fabriken und Maschinen und transportierten sie als Reparationen nach Russland. Bald wurde klar, dass die Reparationen den wirtschaftlichen Aufbau Deutschlands extrem behinderten. Daher verabschiedeten die USA das „first charge“-Prinzip. Alle deutschen Exporteinnahmen sollten zuerst zum Kauf notwendiger Güter gebraucht werden und erst danach für Reparationen. 1948 riefen die USA den Marshall Plan ins Leben. Dieser sollte den wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas unterstützen. Allein in den Jahren 1946 und 1947 zahlten die USA über acht Milliarden US-Dollar an europäische Länder. Obwohl die Pro-Kopf-Zahlungen an Deutschland relativ gering waren im Vergleich zu anderen Ländern half der Marshall Plan dem Erstarken der deutschen Wirtschaft enorm, da er die alliierten Ländern bei der Unterhaltung ihrer deutschen Zonen unterstützte und die Reparationsforderungen senkte. 14 Die Westzonen führten 1948 eine Währungsreform durch. Dies war notwendig geworden, da die Sowjetunion unzählige Reichsmark druckte und damit in den Westzonen Güter einkaufte. Dies führte zu einer stetig steigenden Inflationsrate. Mit der Einführung der Deutsch Mark gelang es jedoch, eine langfristig stabile Währung zu schaffen. All dies führte zu einem schnellen Wachstum der deutschen Wirtschaft, besonders des Bruttosozialprodukts, in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf der sozialen Ebene war zunächst die humanitäre Hilfe das Hauptproblem. Millionen von Flüchtlingen suchten eine neue Heimat. Nahrung und Kleidung waren knapp. Private Trauerunternehmen, das Internationale Rote Kreuz und religiöse Organisationen kümmerten sich um die Menschen. Sie versorgten sie mit dem Lebensnotwendigen, halfen Flüchtlingen und Obdachlosen eine Unterkunft und verschollene Familienangehörige zu finden. All dies musste größtenteils von den Besatzungsmächten gezahlt werden. Nach dem Krieg war es vor allem schwierig, das Vertrauen der Nachbarstaaten in Deutschland wiederherzustellen. Hierbei half die Einbindung in zahlreiche internationale Organisationen, wie die NATO 1955 oder die Europäische Gemeinschaft
14 Vgl. ebd. S. 17 - 20
6
für Kohle und Stahl 1951.
2.2 Japan
Bereits im Potsdamer Abkommen im Juli 1945 forderten die Vereinigten Staaten, Großbritannien und China von Japan die bedingungslose Kapitulation. Man beschloss, Japan danach zu besetzen bis das Kriegspotential des Landes zerstört beziehungsweise Friede und Stabilität sichergestellt sein würde. Nach dem Abwurf der Atomwaffen über Hiroshima und Nagasaki Anfang August 1945 teilte der japanische Kaiser dem Volk am 15. August die Kapitulation mit. Der Supreme Commander for the Allied Powers (SCAP) General Douglas MacArthur traf Ende des Monats in Japan ein und übernahm die Leitung des Wiederaufbaus. Im Gegensatz zum Nationbuildingprojekt in Deutschland wurde Japan nicht in verschiedene Zonen unter den Alliierten aufgeteilt. Zwar wurde die Far Eastern Commission in Washington eingerichtet, ebenso der Alliierten Rat, dem Gesandte aus China, den USA, dem Commonwealth und der Sowjetunion angehörten. Auch hatte das Commonwealth ein kleines Truppenkontingent nach Japan entsandt. Dennoch wurde die Besatzung und der Wiederaufbau de facto allein von den USA geleitet und ausgeführt. 15 Sicherheitspolitisch stellte dies zunächst ein Problem dar. Die Amerikaner wurden von der schnellen Kapitulation überrascht. Daher waren die Truppen noch nicht bereit einzumaschieren, was in Japan zu chaotischen Zuständen führte. Sorgen bereiteten der amerikanischen Regierung auch die zahlreichen japanischen Soldaten, die in anderen Teilen Asiens stationiert waren. Man fürchtete, dass diese sich der Kapitulation des Kaisers nicht unterwerfen würden. Diese Sorge erwies sich glücklicherweise als unnötig. Obwohl die Mehrheit der Bevölkerung den Kaiser unterstützte, hatte negative Propaganda panische Angst vor den Amerikanern verbreitet. Die Bevölkerung Japans glaubte, sie würden alle Männer töten und die Frauen vergewaltigen. Daher startete der Kaiser noch vor Eintreffen der Truppen eine Medienkampagne zu Gunsten der Besatzer. Die erste Aufgabe der US Armee war die Entwaffnung und Reintegration des japanischen Militärs. Die Hauptquartiere der Armee und Marine wurden geschlossen und nationalistische paramilitärische Organisationen zerstört. Die Entwaffnung konnte ohne größere Probleme bis Mitte Oktober 1945 abgeschlossen werden. Zunächst übernahmen die US Truppen sämtliche Sicherheitsfunktionen. Spätestens 1950 mit dem Ausbruch des Koreakriegs mussten die Japaner jedoch wieder verstärkt diese Funktionen übernehmen, da die amerikanischen Truppen verlagert wurden. Die Polizei wurde von Militärpersonal gereinigt und dezentralisiert aufgebaut. 16 Obwohl die oberste Regierungsgewalt in den Händen der amerikanischen Besatzer, und letztendlich bei General MacArthur, lag, entschied man sich, das japanische Parlament und die Bürokratie fortbestehen zu lassen. Dies geschah aus rein praktischen Gründen, da man über nicht genug ausgebildetes Personal mit japani- 15Vgl. Bailey, Paul J.: Postwar Japan, S. 24-28
16 Vgl. a.a.O. Dobbins, S. 33 ff
7
schen Sprachkenntnissen verfügte, um das Land selbst zu regieren. Die Amerikaner organisierten lediglich Militärregierungs-Teams, die Strukturen parallel zu den vorhandenen aufbauten und deren Arbeit überwachten.
Der Rückgriff auf vorhandenes Personal machte die Verfolgung von Kriegsverbrechern sehr schwierig. Im Herbst 1945 fanden in Tokio Kriegsverbrechertribunale statt. Die 25 Angeklagten der ersten Kategorie - darunter der ehemalige Premierminister - wurden allesamt verurteilt. Sieben wurden gehängt, die restlichen wurden mit lebenslanger Haft bestraft. Insgesamt wurden jedoch nur 0,29 % der Bevölkerung verurteilt - in Deutschland dagegen 2,5 %. Die meisten Verurteilten waren Militäroffiziere. Die Bürokratie war fast nicht betroffen. Lediglich die Führungspersönlichkeiten und Minister aus Kriegszeiten wurden ihrer Posten enthoben und vom öffentlichen Leben ausgeschlossen. 17 Negativ für die Verarbeitung der Kriegsschuld war auch, dass der Kaiser nicht belangt wurde, obwohl der Krieg in seinem Namen geführt worden war. Er musste lediglich seinem göttlichen Herrschaftsanspruch entsagen und wurde zu einem reinen Symbol des Staates, ähnlich der britischen Monarchie. Dies hielt man für sinnvoll, um nicht den Widerstand der Bevölkerung zu provozieren. Der Rückgriff auf die vorhandenen politischen Strukturen ermöglichte es, relativ schnell Demokratisierungserfolge vorzuweisen. So wurden im April 1946 bereits wieder Parlamentswahlen durchgeführt. An diesen durften erstmals in der Geschichte Japans auch Frauen teilnehmen. Konservative Parteien waren die stärkste Kraft. 18 Zur wirklichen Demokratisierung des Landes war jedoch bald eine Verfassungsreform nötig. Größtenteils wurde diese von den amerikanischen Besatzern vorgegeben, dennoch hatten auch japanische Politiker ein Mitgestaltungsrecht. Oberste politische Instanz sollte nun das vom Volk gewählte Parlament sein. Der Kaiser hatte nur noch repräsentative Aufgaben. Auch wurden in der Verfassung erstmals Menschenrechte wie Rede-, Meinungs- und Glaubensfreiheit, sowie die Gleichberechtigung von Mann und Frau verankert. Interessant an der neuen Verfassung ist besonders Artikel neun, der Japan fortan das Führen von Krieg, sowie den Besitz von Kriegsgerät verbot. 19 Die neue Verfassung trat im Februar 1947 in Kraft und war die Grundlage für erneute Wahlen des nun zweikammerigen Parlaments und der lokalen Administration. Ebenso wie in Deutschland vollzog man 1948 eine Schulreform. Alle Spuren der Kaiserherrschaft und des Militarismus wurden entfernt. Ebenso verbot man das Singen der Nationalhymne und das Verbeugen vor dem Porträt des Kaisers. Die Ver-antwortung für das Schulwesen legte man in die Hände der lokalen Verwaltung. Wirtschaftlich standen die Besatzer in Japan vor der selben Problematik wie in Deutschland. Einerseits fürchtete man ein Wiedererstarken der wirtschaftlichen Macht, auf der anderen Seite scheute man die hohen Kosten, die die permanente Versorgung der Bevölkerung mit sich brachte.
17 Vgl. ebd. S. 40 f
18 Vgl. ebd., S. 44
19 Vgl. ebd., S. 43
8
In Japan war die Situation schlimmer als in Deutschland. Extreme Hungersnöte brachen im ganzen Land aus. Letztendlich entschloss man sich auch hier für den wirtschaftlichen Wiederaufbau. Die Etablierung einer freien Marktwirtschaft erwies sich in Asien als schwieriger als in Europa. Zunächst mussten die traditionellen japanischen Monopole, große Familienclans, die die gesamte Wirtschaft kontrollierten, aufgelöst werden. Die großen Firmen wurden zwar in ihre Teilunternehmen zerlegt, dennoch blieben die finanziellen Verbindungen intakt, so dass sich bis heute klientelistische Strukturen in der japanischen Wirtschaft erhalten haben. Trotzdem schuf die neue Struktur Räume für neue Firmen, die zahlreich entstanden. Neben dem Antimonopolgesetz mussten weitere westliche Prinzipien geschaffen werden. Arbeiterschutzgesetze wurde erlassen. Ebenso das Gesetz, sich in Arbeiterorganisationen zu vereinigen und zu streiken. Bis 1949 waren bereits über die Hälfte der japanischen Arbeiter in Gewerkschaften aktiv. Die tiefgreifendste Reform war die Landreform in den Jahren 1946/1947. Bis dahin war lagen der Großteil der Ländereien der Hand von Gutsherren, die es an die Bauern verpachteten. Die Regierung zwang nun die Groß-grundbesitzer ihr Land an den Staat zu verkaufen. Die Kleinbauer konnten es nun zu sehr günstigen Konditionen kaufen. Daraufhin stieg der Anteil der Grundbesitzer in den nächsten Jahren auf 70 % an. Die USA versuchte mit Stabilisierungsprogrammen die Wirtschaft und den japanischen Haushalt zu konsolidieren. Letztendlich führte jedoch erst die starke Nachfrage der Amerikaner im Koreakrieg Anfang der 50er zum wirtschaftlichen Aufschwung. 20 Die soziale Herausforderung bestand zunächst in der Überwindung der Hungersnöte. Zunächst sträubte sich die amerikanische Bevölkerung dagegen, den Feind zu ernähren. Priorität hatte die Versorgung der zahlreichen Kriegsgefangenen in japanischen Militärgefängnissen. Als die Lage jedoch zunehmend dramatisch wurde, kam man nicht umhin, die notwendigen Güter bereitzustellen, wollte man Unruhen in Japan vermeiden. Allein in den Jahren 1946/1947 zahlten die USA 250 Millionen Dollar.
This food aid, together with the chocolate and chewing gum that U.S. Soldiers gave
away for free and other goods for the troops that found their way onto the black mar-
ket, imprinted an image of U.S. affluence on the Japanese psyche that they admired
and to witch they aspired. 21
Nicht nur dieses positive Bild Amerikas, das sich in den Köpfen der Japaner einprägte, auch das Kriegsverbot in Artikel 9 der Verfassung machte die USA langfristig zum wichtigsten Partner Japans. Da man selbst kein Kriegsgerät besitzen durfte, war man bei Ausbruch des Kalten Krieges -und sämtlichen anderen Unruhen in Asien - auf den Schutz der Supermacht angewiesen. Die Orientierung an Amerika machte zwar die Demokratisierung leichter, erschwerte allerdings die Aussöhnung mit den asiatischen Nachbarstaaten. Daher sind bis heute die politischen Beziehungen beispielsweise zu China oder Südkorea angespannt. Vor allem, da sich Japan niemals mit seiner
20 Vgl. ebd., S. 46 - 51
21 Ebd. S. 38
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Kriegsschuld auseinander setzte, wie Deutschland dies getan hat.
2.3. Gründe für den Erfolg der Projekte
Es war eine großartige Leistung, aus den ehemaligen Kriegsfeinden stabile Demokratien und verlässliche Partner in der internationalen Gemeinschaft zu machen. Die Voraussetzungen dafür waren in Deutschland und Japan sehr gut.
Beide Länder wurden von ihren Kriegsgegnern besiegt - in einem Krieg, den sie selbst begonnen hatten. Dadurch war die Besetzung durch die Alliierten rechtmäßig und die einheimische Bevölkerung musste die ausländischen Truppen akzeptieren. Hinzu kam, dass die nationalistischen Militärregime auch im eigenen Volk Gegner hatten, so dass der Einmarsch der Alliierten Vielen als Befreiung erschien. Durch die Versorgung der Bevölkerung machten sich besonders die Amerikaner sehr beliebt. Letztendlich trug auch der Ausbruch des Kalten Krieges dazu bei, dass die Anwesenheit der Besatzer begrüßt wurde, da man auf den Schutz der USA angewiesen war. In Deutschland wirkten sich vor allem auch demokratische spill-over Effekte der westlichen Nachbarstaaten positiv auf die Entwicklung aus. Japan war durch die relativ isolierte Insellage zumindest nicht direkt durch seine Nachbarn bedroht.
Die Alliierten machten von Anfang an klar, dass der Besatzungsstatus nur temporär war - auch wenn dies von der einheimischen Bevölkerung zunächst anders empfunden wurde. In Deutsch-land änderte der rasche Abbau von Truppen und die Einbindung einheimischer Verwaltungsapparate diese Meinung. In Japan dürfte die Beibehaltung des Kaisers und der Bürokratie die Eigenständigkeit Japans als Staat klar gemacht haben. Damit waren die drei von Masala aufgestellten Voraussetzungen erfüllt. Hinzu kam, dass sich in Deutschland und Japan bereits vor dem Krieg demokratische und parlamentarische Strukturen gebildet hatten. Selbst wenn diese, wie die Weimarer Republik gescheitert waren. Auch verfügten beide Staaten bereits über eine funktionierende Administration und wirtschaftliches Potential. Dies bedeutet natürlich auch, dass das Volk und die Eliten damit bereits vertraut waren, was die Etablierung und Konsolidierung von Demokratie und Marktwirtschaft erheblich vereinfachte.
Ebenso zu erwähnen ist, dass Deutschland und Japan ethnisch sehr homogene Staaten sind, die nicht durch innerstaatliche Machtkämpfe zerrüttet waren. Daher war das Zusammenleben im Land nach dem Krieg recht einfach.
Zu guter Letzt kam beiden Ländern der Ost-West-Konflikt zu Gute. Waren die Alliierten zu Beginn für eine De-Industrialisierung und komplette Entwaffnung, so begann man schnell die ehemaligen Feinde als wichtige Verbündete im Kampf gegen die Sowjetunion zu sehen. Nur durch diese neue Bedrohung war es möglich, die finanziellen Mittel zu genehmigen, die für den raschen
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Wiederaufbau benötigt wurden. Anderenfalls hätte so bald keine Wiederbewaffnung der einstigen Kriegstreiber stattfinden können. Ohne die strategische Lage, die die Anstrengungen der Alliierten vergrößerte, wäre weder in Deutschland noch in Japan das Nationbuilding so erfolgreich gewesen.
3. Heutige Herausforderungen des Nationbuildings
Seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die sicherheitspolitischen Herausforderungen verändert und neue Konfliktlinien gebildet. Viele sprechen sogar von einer neuen Weltordnung. Fakt ist, dass nach der Beilegung des Ost-West-Konflikts viele regionale Konflikte ausbrachen. Diese veränderte weltpolitische Lage hat natürlich auch die Anforderungen an das Nationbuilding verändert.
Einen wesentlichen Unterschied zu den Aufbauprojekten in Deutschland und Japan bildet die Art der Intervention durch die Besatzer. Nach dem Zweiten Weltkrieg marschierten die Alliierten in die Länder der besiegten Kriegstreiber ein. Bei den heutigen Nationbuildingeinsätzen waren die späteren Protektoren nicht im herkömmlichen Sinne angegriffen worden. Am ehesten provoziert war der Einmarsch in Afghanistan, der dem Terroranschlag vom 11. September 2001 folgte. Hier bekämpfte man die regierenden Taliban, deren Kontakte zum Terrornetzwerk Al Qaida bekannt waren. Die Intervention im Irak war nach internationalem Recht nicht zulässig, obwohl die sicherheitspolitischen Überlegungen dahinter gerechtfertigt sein mochten. Auf dem Balkan sah der Westen sich aus humanitären Gründen zum Eingreifen gezwungen, um die ethnischen Säuberungen zu beenden. So gut die Absichten teils auch gewesen sein mochten, brechen die Einsätze dennoch das Gesetz der Unverletzbarkeit der Souveränität des Nationalstaates. 22 Dies kann dazu führen, dass die Bevölkerung den Protektor als feindlichen Eroberer wahrnimmt und ablehnt. Man kann dies besonders in Afghanistan und dem Irak beobachten, wo Teile der Bevölkerung noch immer gegen die ausländischen Truppen kämpfen. Oft wird hier auch von einem 'gewalttätigen Frieden' gesprochen. 23 Dies konnte man auch in Bosnien-Herzegowina beobachten, wo auch nach dem Friedensabkommen von Dayton gewalttätige Übergriffe weitergingen. Bei der nichtkämpfenden Bevölkerung führt dies zu Frustration, da sie keine Besserung ihrer Lebenssituation durch den Eingriff der ausländischen Mächte sehen können. Wenn die Bevölkerung keine Fortschritte im Nationbuilding sehen kann, nimmt ihre Akzeptanz gegenüber den Protektoren ab. Besonders stark ist dies vor allem in den Ländern, die den Einmarsch nicht provoziert hatten.
22 Vgl. Hoffmann, Stanley: The debate about intervention; in Crocker, Chester A./ Hampson, Fen Osler/ Aall,
Pamela: Turbulent Peace, S. 276 ff
23 Vgl. Sisk, Timothy D.: Democratization and Peacebuilding; in Turbulent Peace, S. 787
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Auf dem Balkan, in Afghanistan und auch im Irak sind die Gesellschaften ethnisch fragmentiert. Sie bleiben stabil, solange keine ethnische Gruppe die Vorherrschaft übernimmt, wie in Jugoslawien. Oder eine Ethnie unterdrückt die anderen, welche nicht stark genug sind, sich zu wehren, wie in Afghanistan oder im Irak. Im Fall Jugoslawiens führten die ethnischen Differenzen letztendlich zum Krieg. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und dem Tod Tito´s setzten Sezessionsbestrebungen ein. Nachdem sich die wirtschaftlich starken Teile Slowenien und Kroatien losgesagt hatten, entstand eine Dominanz der Serben. Diese Dominanz war die Hauptursache für die blutigen Konflikte in Bosnien-Herzegowina und dem Kosovo. 24 Auch wenn in Afghanistan und im Irak die ethnischen Unterschiede nicht zum Krieg führten, stören die nun ausbrechenden Konflikte das friedliche Zusammenleben. In solchen Gesellschaften ist die Etablierung eines stabilen demokratischen Systems besonders schwierig, da eine gerechte Repräsentation der einzelnen Gruppen gewährleistet werden muss. Daher muss ein komplexeres politisches System entwickelt werden, was gerade in Staaten mit mangelnder demokratischer Erfahrung äußerst schwierig ist. Zusätzlich wird dies erschwert, da die Verhandlungen häufig von ethnischen Machtkämpfen bestimmt werden anstatt das Wohl des Gesamtstaates zu betrachten.
Ungünstig auf moderne Nationbuildingprojekte wirkt sich aus, dass die Länder keine oder kaum demokratische Traditionen hatten. Die besten Voraussetzungen brachten noch die Länder des ehemaligen Jugoslawiens mit sich. Dennoch waren hier die Administration und vor allem das gegenseitige Vertrauen durch den Krieg zerstört worden. In Afghanistan und dem Irak dagegen gab es keine demokratischen Strukturen. Am schwächsten war der Staat in Afghanistan. Hier herrschten seit jeher Clanstrukturen vor, wogegen einer zentralen Regierung kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Daher entstand auch keine funktionierende landesweite Administration und die wenigen existierenden staatlichen Institutionen waren nach dem Einmarsch der USA zerstört. 25 Im Irak existierte zwar ein starker Zentralstaat. Dieser war jedoch ein Apparat der Unterdrückung durch Saddam Hussein und konterkarierte die Demokratie. 26 Daher konnten die Besatzer kaum auf politische oder zivile bestehende Institutionen aufbauen, wie dies in Deutschland und Japan der Fall gewesen war. Der Aufbau eines vollständig demokratischen Systems gestaltet sich daher viel schwieriger, da keine Eliten vorhanden sind. Besonders in Afghanistan haben demokratiefeindliche Strukturen wie Klientelismus durch die Clanstruktur eine lange Tradition. Diese Denkmuster zu überwinden ist sehr schwierig, wie sich schon bei der Transformation der Länder Osteuropas zeigte. Hier kommen Vetternwirtschaft und Bestechung auch in höheren politischen Ämtern vor. Die Etablierung und Konsolidierung einer demokratischen Regierung in Ländern ohne Demokratietradition ist ein Prozess, der sich über viele Jahre hinzieht und in dieser Zeit perma-
24Vgl. Collier, Paul: Economic causes of civil conflict; in: Turbulent Peace, S. 156
25 Vgl. a.a.O. Dobbins, S. 131 f
26 Vgl. ebd. S. 187
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nent von den Protektoren überwacht werden muss.
Neben dem Mangel an demokratischen Strukturen fehlt es den Ländern auch an wirtschaftlichem Potential. Bosnien-Herzegowina sowie der Balkan waren bereits zu Zeiten Jugoslawiens wirtschaftlich schwache Regionen, die von den reicheren Republiken wie Kroatien unterstützt werden mussten. Nach dem Balkankrieg waren zusätzlich die meisten Produktionsstätten zerstört. 27 In Afghanistan hatte sich durch Jahrzehnte des Konflikts keine Wirtschaftskraft bilden können, sieht man vom illegalen Drogenanbau ab. So verfügte das Land weder über Wirtschaftskapazitäten, noch über die grundlegenden Institutionen einer Marktwirtschaft, wie einer Zentralbank oder einem Steuerwesen. 28 Der Irak besitzt auf Grund seiner Ölvorkommen über wirtschaftliches Potential. In den 1970ern erlebte das Land einen wirtschaftlichen Aufschwung. Durch die Kriege wurden jedoch viele Förderstätten zerstört und durch die jahrelange Diktatur Saddam Husseins auch die einst entstandene Mittelschicht. 29 In Ländern mit vorhandener Wirtschaftskraft gestaltet sich Nationbuilding leichter, da wirtschaftlicher Aufschwung - in einer freien Marktwirtschaft - zu mehr Wohlstand in der Bevölkerung führt. Der steigende Lebensstandard führt sowohl zu einer erhöhten Akzeptanz der Besatzer wie auch langfristig zur Entstehung einer Mittelschicht. Die Mittelschicht gilt als Träger der Demokratie, da sie nach größerer politischer Partizipation verlangt. Ohne wirtschaftliche Grundlagen ist es für ausländische Mächte schwierig und vor allem kostspielig eine Marktwirtschaft zu errichten und Wohlstand zu fördern. Dies zeigte sich in Bosnien-Herzegowina, wo in den ersten zwei Jahren der Besatzung internationale Hilfe von 4,5 Milliarden US Dollar gezahlt wurde, was einer pro Kopf Hilfe von 1400 $ entspricht. Dennoch wurde diese Hilfe nicht in einen langfristigen Wiederaufbau investiert, wodurch die Region bis heute von ausländischen Finanzleistungen abhängig ist. 30
Eine neue Herausforderung an das Nationbuilding stellt auch die neue Art der Kriegsführung dar. Häufig wird von neuer oder asymmetrischer Kriegsführung gesprochen. Gemeint ist der Kampf militärisch Unterlegener mit unkonventionellen Methoden. Dies kann den Einsatz von Massenvernichtungswaffen ebenso beinhalten wie Terroranschläge.
31
Hauptmerkmal ist jedoch vor allem, dass die Kämpfer nicht als solche zu identifizieren sind. Sie tauchen in der Bevölkerung unter und benutzen die Taktik der Nadelstiche, um den Feind zu zermürben. Diese Art der Kriegsführung kann besonders im Irak beobachtet werden, wo Bomben- und Selbstmordanschläge noch immer an der Tagesordnung sind. Dies führt nicht nur zu dem bereits angesprochenen Phänomen des gewalttätigen Friedens, sondern erschwert auch den Nationbuildingprozess, da die Entmilitarisie-
27Vgl. ebd. S. 93/ S. 114
28 Vgl. ebd. S. 132
29 Vgl. ebd. S. 192
30 Ebd. S. 158 f
31 Vgl. Freedman, Lawrence: Interventionist strategies and the changing use of force; in: Turbulent Peace, S.
313
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rung und Verfolgung von Kriegsverbrechern behindert wird.
Ein weiteres Problem der neuen Nationbuildingprojekte war, und ist, die schlechte Nachbarschaft. Im Umfeld des Balkans gab es zwar neue Demokratien wie Kroatien. Doch diese waren gerade selbst erst entstanden und noch nicht konsolidiert, so dass der demokratische spill-over Effekt recht gering war. Im Irak und in Afghanistan musste jedoch damit gerechnet werden, dass die Nachbarstaaten demokratische, westlich orientierte Regierungen ablehnen und diese daher bekämpfen würden. 32
Zu all diesen neuen Herausforderungen kommt noch die Häufung der Notwendigkeit des Nationbuildings in den 90er Jahren. Neue Projekte werden begonnen, während die letzten noch nicht beendet sind.
Of the 55 peace operations the United Nations (UN) has mounted since 1945, 41 (or
nearly 80 percent) began after 1989. Fifteen of these were still under way in 2003. 33 Von den vier hier behandelten Beispielen - Bosnien, Kosovo, Afghanistan und Irak - konnte bis jetzt noch keines fertiggestellt werden. Auch wenn der Bosnien-Konflikt mittlerweile im Konfliktbarometer des Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung nur noch als nicht-gewaltsamer manifester Konflikt eingestuft wird. 34 Diese Gleichzeitigkeit der Einsätze führt zwangsläufig dazu, dass die Anstrengungen der Besatzungsmächte im Einzelnen abnehmen. Vor allem im Vergleich von Bosnien-Herzegowina und Afghanistan sieht man, dass die Truppenstärke und finanzielle Hilfe in Afghanistan wesentlich niedriger ist. Der Erfolg der Nationbuildingprojekte wird dadurch gefährdet. Jedoch auch für die Besatzungsmächte kann dies schädliche Folgen haben, da die Einsätze die finanziellen und militärischen Kräfte im eigenen Land schmälern. Dr. Robert Hickson nennt die momentane Nationbuildingpolitik daher „eine Strategie des nationalen Selbstmordes“ 35 . All diese neuen Herausforderungen erschweren das moderne Nationbuilding.
32 Vgl. ebd. Dobbins, S. 169
33 Ebd. Dobbins, S.148
34 Vgl. Konfliktbarometer 2005 des Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung, S. 10
35 Hickson, Robert: Idee und Wirklichkeit des „Nation-Building“
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C. Schluss
Bei näherer Betrachtung zeigt sich, dass die Aufbauprojekte in Deutschland und Japan unter sehr guten Voraussetzungen stattfanden. Beide verfügten bereits über gewachsene politische Strukturen, ebenso über funktionsfähige Administrationsapparate und wirtschaftliche Kapazitäten. Darüber hinaus konnten sie als Verlierer des Zweiten Weltkriegs dankbar sein, dass die Alliierten ihren Wiederaufbau und ihre Souveränität förderten. Nationbuilding bedeutet der Definition nach die „Schaffung oder Stärkung eines nationalstaatlich verfassten politischen und sozialen Systems“ 36 . Da dies bereits vorhanden war, könnte man die Projekte in Deutschland und Japan eher als Wiederaufbau nach demokratischen Prinzipien bezeichnen.
Die modernen Nationbuildingeinsätze dagegen finden unter gegenteiligen Vorzeichen statt. Die meisten besitzen keine Demokratietradition, sind wirtschaftsschwach und zerrissen von internen Konflikten. Darüber hinaus erschweren asymmetrische Kriegsführung und tiefsitzende ethnische Konflikte die Beendigung von Auseinandersetzungen. Da die Voraussetzungen des modernen Nationbuilding völlig anders, ja sogar das Gegenteil des Wiederaufbaus nach dem Zweiten Weltkrieg sind, können Deutschland und Japan nicht als dessen Prototypen gesehen werden. Dafür spricht auch, dass die Erwartungen an das heutige Nationbuilding in keiner Relation zu den Erfahrungen beispielsweise aus Deutschland stehen. Die Besatzungszeit in Deutschland dauerte ein Jahrzehnt. Es wurden Milliarden von Dollar in den deutschen Wiederaufbau investiert. Von einem Land wie Afghanistan - dem sämtliche positive Grundlagen fehlen - erwartet man nun eine Stabilisierung und Demokratisierung in ein paar Jahren, bei Einsatz weniger Truppen und finanzieller Mittel.
Geht man nun davon aus, dass Deutschland und Japan nicht als Prototypen verwendet werden können, muss man auch die Schlüsse überdenken, die man nach dem erfolgreichen Aufbau geschlossen hatte. Also, dass Demokratie auf andere, auch nicht-westliche Staaten übertragen werden kann. Die Widerstände, auf die das moderne Nationbuilding stößt, impliziert, dass Demokratisierung von oben nicht so einfach ist, wie man nach dem Zweiten Weltkrieg dachte.
36 Siehe Kapitel 1 , S. 2
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D. Literaturverzeichnis
Originalquellen:
9 Konfliktbarometer 2005, Heidelberger Institut für Internationale Konfliktforschung
Sekundärliteratur:
9 Bailey, Paul J.: Postwar Japan - 1945 to the present, Oxford [u. a.], 1996 9 Benz, Wolfgang: Potsdam 1945 - Besatzungsherrschaft und Neuaufbau im Vier-Zonen-Deutschland, München, 2005
9 Collier, Paul: Economic causes of civil conflict; in: Crocker, Chester A./ Hampson, Fen Osler/ Aall, Pamela: Turbulent Peace - The Challenges of Managing International Conflict, Washington, DC, 2005
9 Dobbins, James: America´s role in nationbuilding - From Germany to Iraq, Santa Monica, 2003
9 Ferdowsi, Mir A./Matthies, Volker: Kriege, Kriegsbeendigung und Friedenskonsolidierung; in: dies (Hrsg.): Den Frieden gewinnen - Zur Konsolidierung von Friedensprozessen in Nachkriegsgesellschaften; in: EINE Welt- Texte der Stiftung Entwicklung und Frieden, Band 15, Bonn, 2003
9 Freedman, Lawrence: Interventionist strategies and the changing use of force; in: Crocker, Chester A./ Hampson, Fen Osler/ Aall, Pamela: Turbulent Peace - The Challenges of Managing International Conflict, Washington, DC, 2005
9 Hickson, Robert: Idee und Wirklichkeit des „Nation-Building“ - Moralische und und strategische Kritik an einer jüngst erschienenen Langzeitstudie; in: Zeit-Fragen Nr. 28/29, Artikel 10, vom 19.7.2004
9 Hippler, Jochen: Nationbuilding - Ein Schlüsselkonzept für friedliche Konfliktbearbeitung?, Bonn, 2004
9 Hoffmann, Stanley: The debate about intervention; in: Crocker, Chester A./ Hampson, Fen Osler/ Aall, Pamela: Turbulent Peace - The Challenges of Managing International Conflict, Washington, DC, 2005
9 Masala, Carlo: Protektorate erfolgreich managen; in: Internationale Politik. Energie für das 21. Jahrhundert, Frankfurt am Main, 2006
9 Sisk, Timothy D.: Democratization and Peacebuilding; in: Crocker, Chester A./ Hampson, Fen Osler/ Aall, Pamela: Turbulent Peace - The Challenges of Managing International Conflict, Washington, DC, 2005
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Arbeit zitieren:
Katrin Westhäußer, 2006, Nationbuilding in Deutschland und Japan, München, GRIN Verlag GmbH
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