1. Inhaltsverzeichnis:
1. Inhaltsverzeichnis: 2
2. Einleitung 3
3. Das Subjekt der Wissenschaft. 4
Descartes ’ Subjekt: das „Ich“ 4
Ockhams Subjekt: der Intellekt. 6
Der Unterschied der Subjektbegriffe. 7
4. Das Objekt der Wissenschaft 9
Die Propositionen Ockhams 9
Der Akt des Wissens 10
Die Ideen Descartes’ 11
Das Wesen der Wissenschaft: 12
5. Grundzüge der Methoden 13
6. Fazit 17
7. Literaturverzeichnis 19
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2. Einleitung
Die grundlegenden Prinzipien unserer Wissenschaften, denen wir Glauben und Vertrauen schenken, zu legen, darin besteht der Sinn und Zweck der philosophischen Auseinandersetzung mit Wissen und Erkenntnis. Erkenntnistheorie im Generellen, oder Wissenschaftstheorie im Konkreten wird dieser Zweige der Philosophie genannt. Dabei geht es der Wissenschaftstheorie darum, die Leitplanken zu legen, nach denen Wissenschaft betrieben werden kann. Das ist nicht definitorisch, als Vorschrift zu verstehen, sondern es geht dabei um die prinzipielle Natur der Erkenntnis. Die Wissenschaftstheorie dreht sich darum, das Wesen der Wissenschaft, was sie ist, was sie vermag, wo ihre Grenzen liegen, zu ergründen und zu erklären.
Es gibt unzählige Autoren, die sich im Verlaufe der Geschichte mit der Wissenschaft an sich als Untersuchungsobjekt auseinandergesetzt haben. Von Sokrates bis Einstein, bemühten sich grosse Köpfe das Wesen dieser Materie genauer zu ergründen und es waren lange nicht nur klassische Philosophen die sich mit ihren Problemen beschäftigten, sondern auch praktische Wissenschaftler, die sich über ihre eigenen Methoden zwangsläufig Gedanken machen mussten. 1
Die hier vorliegende Arbeit ist eine Untersuchung über die Konzeption der Wissenschaft zweier faszinierender Männer, Wilhelm von Ockham und René Descartes. Beide waren Vordenker ihres Zeitalters, Ockham des Mittelalters und Descartes der Neuzeit, die mit ihren Werken den Fortlauf der Wissenschaft nachhaltig beeinflusst haben.
Um aus den folgenden, wenigen Seiten eine fruchtbare Arbeit zu fertigen, wird sich meine Untersuchung strikt auf einen bestimmten Ausschnitt der Wissenschaftstheorien der beiden Philosophen beschränken. Das heisst, ich werde versuchen zu ergründen, was die Konzepte von beiden Autoren zu drei notwendigen Bestandteilen einer jeden Theorie der Wissenschaft sind: das Subjekt der Wissenschaft, das Objekt der Wissenschaft und die Art und Weise wie neues Wissen prinzipiell erlangt wird. 2
Die ersten beiden Teile sind also eine Auseinandersetzung mit den zwei grundsätzlichen Entitäten der Wissenschaft und der letzte Teil ist eine Beschäftigung mit einem Ausschnitt aus der Theorie zu den Methoden von Ockham und Descartes. Durch diese
1 Vgl. NATROP, P., Descartes’ Erkenntnistheorie, Marburg 1882, S. 12.
2 Diese Untersuchung ist also von Anfang bis Ende vergleichend strukturiert. Das heisst, die Theorien der beiden
Philosophen werden nicht beide separiert vorgestellt und erst in einem letzten Kapitel einander
gegenübergestellt, sondern fortlaufend erklärt und mit dem jeweils Anderen verglichen.
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Auseinandersetzung soll es möglich sein, die wichtigsten Thesen der beiden Philosophen zu diesem Thema zu verstehen, ihre Gemeinsamkeiten zu erkennen und ihre Unterschiede deutlich zu sehen.
Was diese Arbeit aber nicht bietet, ist eine systematische Einführung zu den Theorien von Descartes und Ockham. Ihre Theorien werde ich lediglich fortlaufend erklären und analysieren, um sie zueinander in Kontrast setzen zu können. Die Arbeit wird sich in erster Linie aber immer um den Begriff der Wissenschaft bei den beiden Philosophen drehen und nicht um ihr Schaffen im Generellen.
3. Das Subjekt der Wissenschaft - Das „Ich“ vs. Der Intellekt -
Beider Untersuchung des Subjektes der Wissenschaft, wollen wir uns daran setzten zu entdecken, wen oder was Descartes und Ockham als den Untersuchenden betrachteten. Anders gesagt, es geht darum zu sehen, was die beiden Philosophen als Voraussetzungen an den Betrachter stellten.
Natürlich, so mag der Einwand klingen, ist der Betreiber der Wissenschaft der Wissenschaftler selbst, das muss sogar für Descartes und Ockham der Fall sein. Dem ist auch so, keiner der beiden hätte etwas anderes behauptet. Wo liegt nun aber der Witz dieser Analyse? Nun, ganz einfach, der liegt in der Definition, was denn dieser Untersuchende ist und was seine Teile sind.
Descartes’ Subjekt: das „Ich“
Beginnen wir mit dem skeptischeren der beiden Denker, mit dem, der seine Fundamente bis aufs letzte, unanzweifelbare zurückgehakt hat, um von da aus seine ganze Welt neu aufzubauen, mit Descartes also.
Dieser verwirft nämlich alles, was ihm nicht als absolut sicher und unanzweifelbar erscheint. Dazu zählt er vor allem die körperliche Welt, respektive die Aussenwelt, womit alles gemeint ist, was sich nicht in unserem Intellekt befindet. Diese extramentale Welt weist er als Ursprung sicheren Wissens zurück, weil wir uns schlicht nicht sicher sein können, ob extramentale Dinge wirklich existieren. Es könnte ja sein, dass ein böser Gott uns die Welt um uns lediglich vorgaukelt, einem Traum gleich oder aber, dass ich als Mensch lediglich an
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einen Computer angeschlossen bin, der mit Drähten meinem Gehirn eine Matrix vorspielt, 3 die mir als echte Welt erscheint. Das Einzige was Descartes als sicher und unanzweifelbar akzeptiert, ist das denkende Selbst, das „Ich“ das denkt. Denn es ist unter keinen vorstellbaren Umständen möglich zu denken, dass man denkt, aber sich doch dabei zu täuschen und gar nicht wirklich zu denken, denn dann wäre kein denkendes Wesen da, welches diesen Gedanken wälzen könnte. Also ist dies ganz sicher, wenn ich denke, dann existiere ich auch! 4 Dies ist das Wissenschaft betreibende Subjekt Descartes, von dem er aber noch wesentlich mehr abverlangt als lediglich zu erkennen, dass es existiert, um Wissenschaft betreiben zu können. Auch alle anderen Einsichten, zu denen es gelangt müssen nämlich so sicher sein, wie die erste, unanzweifelbare. Dazu gehört die Einsicht, dass das „Ich“, damit es überhaupt Denken kann, sich zumindest in einer Zeit befinden muss, damit dieser Gedanke sich manifestieren kann. Wenn dem so ist, dann muss das „Ich“ daraus schliessen, dass es einmal angefangen hat zu denken und dementsprechend auch wieder damit aufhören wird. Es folgt also dies: Das „Ich“ ist nicht nur ein denkendes sondern auch ein finites Wesen. Darüber hinaus ist klar, dass obwohl ich meinen extramentalen Eindrücken nicht trauen kann, ich doch mindestens solche Eindrücke über das Extramentale habe. Ich bin also dazu gezwungen von der Existenz der Eindrücke des Extramentalen auszugehen, denn hätte ich noch nicht mal die Eindrücke davon, so würde ich sie mir gar nicht überlegen. 5 Also, egal ob diese Eindrücke
Phantasien, Illusionen oder tatsächlich existierende Dinge in einer Aussenwelt sind, die Eindrücke, die sie in mir hervorrufen sind wirkliche Eindrücke in mir.
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Somit wären wir also bei der Einsicht, dass das Subjekt der Wissenschaft, das „Ich“ ist, das eine denkende, temporal finite Entität ist, mit in der mentalen Innenwelt
tatsächlich existierenden Eindrücken. 7 Dass dieses „Ich“ auch tatsächlich das Wissenschaft betreibende Subjekt ist, führt Descartes uns in seiner dritten Regel aus. Dort sagt er nämlich: „(...) wenn gleich wir alle von anderen gefundenen Beweise im Gedächtnis behielten, wozu
3 Das Gedankenexperiment aus dem Film „Die Matrix“. Siehe dazu: WACHOWSKI, A & L., The Matrix, 1999.
4 Vgl. DESCARTES, R., Abhandlung über die Methode, übers. und hrsg. von A. BUCHENAU, Leipzig, 1922.
Vierter Teil, 3.
5 Vgl. SCHOLUS, P.A., Descartes and the possibility of science, New York 2000, S. 15.
6 Vgl. DESCARTES, R., Abhandlung über die Mehtode, ed. cit., Vierter Teil, 7.
7 Vgl. SCHOLUS, P.A., op. cit., S. 16.
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nicht auch unser Geist imstande wäre, Probleme aller Art selbst aufzulösen; (...) alsdann nämlich hätten wir offenbar nicht Wissenschaft, sondern Geschichte gelernt.“ 8 Diese unverzichtbare Wichtigkeit des denkenden „Ichs“, das in diesem Satz der „Geist“ genannt wird, zeigt uns, dass für Descartes das denkende „Ich“ die Essenz des Wissenschaft betreibenden Subjektes ist.
So weit so gut, damit hätten wir in Descartes Ontologie das „Ich“ gefunden und als kleinste, von der wissenschaftlichen Beobachtung unabtrennbaren Bedingung für eben diese ausgemacht.
Ockhams Subjekt: der Intellekt
Tun wir nun dasselbe bei Ockham, denn auch er hat eine klare Auffassung darüber, was und wie das erkennende „Ich“ funktioniert. Er geht zwar nicht soweit zurück wie Descartes, doch machte er einige sehr präzise Aussagen über das denkende Wesen in seinem Prolog zum Physikkommentar. Er definiert dieses Wesen nämlich als den Intellekt. 9 Respektive hält er fest, dass es nur der Intellekt sei, der uns Zugang verschaffe zu irgendeiner Art von Wissen über die Aussenwelt. Damit ist es dieser Intellekt, der das Subjekt der Wissenschaft bei Ockham ist 10 . Wie funktioniert nun dieser Intellekt?
Nun, erst einmal teilt er sich auf in zwei Akte, einen erfassenden und einen urteilenden Akt. 11 Der erfassende Akt beschäftigt sich mit der „Erfassung“ von Objekten. Das heisst dieser Akt nimmt Propositionen, welche verknüpft oder unverknüpft sein können, auf und leitet sie „tiefer“ in den Apparatus des Intellekts, wo sie vom urteilenden Akt anerkannt oder abgelehnt werden. Der erste Akt, der Erfassende, ist epistemologisch primär (also dem zweiten vorausgeschaltet). Das soll heissen, dass der zweite notwendigerweise vom ersten abhängt. Denn funktioniert das Erfassen der Aussenwelt nicht (wofür der erfassende Akt ja da ist), so gibt es kein Urteilen über das Erfasste, also keinen urteilenden Akt. 12 Nicht jedes Erfasste aber erfährt auch eine Beurteilung durch den urteilenden Akt. Diese nicht beurteilten Dinge nennt Ockham „Unverknüpftes.“ Beurteilte Dinge wiederum nennt er (nach dem sie also bereites durch den zweiten Akt beurteilt wurden), Verknüpftes. Das Unverknüpfte kann aber trotzdem, obwohl es nicht beurteilt wurde einen wichtigen Teil unserer Erkenntnis
8 DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, übers. und hrsg. von A. BUCHENAU, Leipzig, 1922. Regel
Ⅲ, 2.
9 Vgl. VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, übers. und hrsg. von R. IMBACH, durchgesehene
Ausg., Stuttgart, 1986. Absatz 20.
10 Vgl. PERINI-SANTOS, E., La théorie ockhamienne de la connaissance évidente, Paris 2006, S. 156.
11 Vgl. VON OCKHAM, W., Sentenzenkommentar, Prolog, übers. und hrsg. von R. IMBACH, durchgesehene
Ausg., Stuttgart, 1986. Frage 1, Artikel 1, Absatz 2 u. 3
12 ibid., Absatz 7.
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ausmachen, da es nämlich Unverknüpftes gibt, das mit Evidenz erkannt wird. Das heisst es wird auch so Teil unseres epistemischen Grundbaus, nämlich dann, wenn es ohne dass ein Urteil darüber zu fällen nötig wäre, evident, also mit absoluter, aus sich selbst hervorgehender Sicherheit erkannt werden kann 13 . Alles
Andere, das wir erkennen wollen, muss zuerst vom urteilenden Akt entweder noch Zustimmung oder Ablehnung erfahren. Es ist also die Aufgabe des urteilenden Aktes „Ja, richtig“ oder „Nein, falsch“ zu einem gegebenen Objekt zu sagen. Hat der urteilende Akt seine Arbeit getan, so haben wir neue Erkenntnis, nämlich, ob wir das betrachtete Objekt annehmen, oder ablehnen, gewonnen. 14 Um dieses erkennende Subjekt, den Intellekt, etwas einfacher verständlich zu machen,
schematisch wie eine Maschine vor, so wie die nebenstehende Abbildung. Mit dieser Beschreibung des Intellekts befinden wir uns bereits in der Frage danach, wie Erkenntnis gewonnen wird und nicht mehr ausschliesslich dabei, wer sie gewinnt. Diese beiden Dinge
sind bei Ockham aber eng miteinander verknüpft, weil der Intellekt das was und das wie ist und müssen daher auch gemeinsam betrachtet werden. Auf die Frage nach dem wie werden wir aber im 5. Kapitel noch näher eingehen.
Der Unterschied der Subjektbegriffe
Aus diesen Überlegungen zu den beiden Philosophen schliesse ich, dass wir es hier mit zwei verschiedenen Ebenen der Grundsätzlichkeit zu tun haben. Wo Descartes sich damit begnügt,
13 Nähere Erklärungen zur Evidenz folgen im 5. Kapitel.
14 Vgl. VON OCKHAM. W., Sentenzenkommentar, Prolog, ed. cit., Frage 1, Artikel 1, Absatz 3.
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das erkennende Subjekt als das unanzweifelbare „Ich“ zu bestimmen, definiert Ockham dieses Subjekt als den Intellekt. Die Funktionsweise dieses Intellekts mussten wir untersuchen, um zu bestimmen, was Ockham alles als Teil unseres Verstandes betrachtet. Für Descartes sind lediglich diejenigen Dinge Teil des unanzweifelbaren „Ichs“, die selbst unanzweifelbar daraus hervorgehen. Darum sucht man in seiner Definition des Subjektes der Wissenschaft vergebens nach einer Verbindung zur Aussenwelt, diese kommt erst in einem zweiten Schritt, in der Methode, hinzu. Bei Ockham hingegen, haben wir gesehen, ist eine Verbindung zur extramentalen Welt bereits im Subjekt enthalten. Der erfassende Akt ist nämlich so ein Zugang, der offenbar schon in der Wesensart des Subjektes liegt. Diese Angelegenheit bleibt bei Ockham etwas undurchsichtig. Denn einerseits schreiben seine Kommentatoren, dass sein Ansatz zur Erkenntnistheorie ohne das Extramentale auskomme, so wie Leppin dies zum Beispiel darstellt: „Das Wahre und Wissbare wird auf das dem Verstand unmittelbar Zugängliche zurückgeführt, ohne Rückgriff auf extramentale Voraussetzungen.“ 15 Andererseits lässt sich die Interpretation fast nicht ausschliessen, dass der Erfassende Akt, der ja Teil des erkennenden Intellektes ist, auch Sinnesdaten zu erfassen hat. Es ist sogar wahrscheinlich, dass Ockham der Ansicht ist, dass der erfassende Akt zur Verarbeitung von Sinneseindrücken dient. Er gibt uns Beispiele die klar drauf hindeuten: „Desgleichen kann ein Laie, der des Lateinischen unkundig ist, viele lateinische Aussagen hören, ohne ihnen zuzustimmen oder ihnen die Zustimmung zu verweigern.“ 16 Dieses „hören“ ist eindeutig ein extramentaler Sinneseindruck. Damit das gehörte Wort überhaupt verarbeitet werden könnte (wäre es nicht in Latein) muss es zwangsläufig mit dem erfassenden Akt in den Intellektapparat aufgenommen werden, wo es dann vom urteilenden Akt, wie beschrieben, angenommen oder abgelehnt werden könnte. Die wichtige Erkenntnis für uns aus dieser Stelle ist also, dass Ockham Extramentales nicht aus seinem Subjektbegriff ausschliesst, denn wenn es ohne Probleme durch „hören“ in den Intellektapparat einfliessen kann, dann wird es Teil seines Subjekts, denn der ganze Intellekt ist ja Ockhams Subjekt. Auf Grund dieser Beobachtung, dass Ockham eben doch schon im Subjekt (dem Intellekt) dem Extramentalen Tür und Tor öffnet, denke ich, ist die These gerechtfertigt, dass Descartes Auffassung vom Subjekt der Wissenschaft restriktiver definiert ist, im Hinblick auf den Ausschluss des Extramentalen aus dem erkennenden Subjekt, als diejenige Ockhams.
15 LEPPIN, V., Wilhelm von Ockham: Gelehrter, Streiter, Bettelmönch, Darmstadt 2003, S. 59.
16 VON OCKHAM W., Sentenzenkommentar, Prolog, ed. cit., Frage 1, Artikel 1, Absatz 3.
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4. Das Objekt der Wissenschaft - Propositionen vs. Ideen - Nachdem wir Descartes’ wie Ockhams Ansicht zum Subjekt der Wissenschaft soweit dargestellt haben, gehen wir dazu über zu betrachten, was denn nach ihren Theorien der Untersuchungsgegenstand der Wissenschaft ist. Betrachten wir also das Objekt, respektive den Gegenstand der Wissenschaft.
„Gegenstand“ ist in diesem Falle abstrakt zu verstehen, da dieser weder beim Einen noch beim Anderen unserer Philosophen einen Gegenstand in der physischen Welt bezeichnet, sondern eine abstrakte Entität ist. Es geht um das allen untersuchbahren Objekten zugrunde liegende Gemeinsame.
Die Propositionen Ockhams
Für Ockham, unseren Logiker, ist dieses grundlegende Objekt der wissenschaftlichen Untersuchung die Proposition, die sprachliche Aussage also. 17 Denn „Wissenschaften handeln nicht von extramentalen Dingen, sondern ausschließlich von Termini oder Begriffen oder Intentionen.“ 18 Diese Intentionen sind für Ockham die zu Sprache gewordenen Eindrücke über die Welt, die uns Menschen im Intellekt gegeben sind. 19 Ockhams eigene Worte dazu sind: „Vielmehr handelt die Naturwissenschaft im eigentlichen Sinne von den solchen Dingen gemeinsamen Intentionen der Seele, die in vielen Aussagen genau für diese Dinge supponieren (...).“ 20 Eine solche Intention ist also ihrem Wesen nach eine Proposition. Eine solche Proposition muss für Ockham zwei Voraussetzungen erfüllen, damit sie „durch Wissen im eigentlichen Sinne wissbar“ 21 wird: Ihr Inhalt muss notwendig und bezweifelbar sein. 22 Notwendig muss er sein, damit wir keinen kontingenten Aussagen apathisch gegenüberstehen, die weder ein „Richtig“ noch ein „Falsch“ zulassen. Also sollen wir keine Aussagen mit kontingentem Inhalt der Form „Es könnte sein, dass...“ untersuchen, sondern nur solche, die klare, notwendige Sachverhalte darstellen, à la „Es ist der Fall, dass...“. Es ist also wohlgemerkt lediglich der Inhalt einer Proposition, der ein notwendiges Verhältnis der
17 Vgl. IMBACH R., Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, Stuttgart 1996, S. 181.
18 IMBACH R., Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, Stuttgart 1996, S. 183.
19 Die Beziehung zwischen Eindrücken im Intellekt und ihren sie verursachenden Prinzipien in der Aussenwelt
und wie diese Beziehung zustande kommt bespricht Ockham ausführlich in seiner Suppositionslehre, die hier
leider nicht behandelt werden kann.
20 VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, ed. cit., Abschnitt 30.
21 VON OCKHAM, W., Sentenzenkommentar, Prolog, übers. und hrsg. von R. IMBACH, durchgesehene Ausg.,
Stuttgart, 1986. Frage 2, Artikel 1.
22 Vgl. IMBACH, R., op. cit., S. 181.
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Satzteile ausdrücken muss. Es ist nicht der Fall, dass Ockham nur logisch notwendige Sätze als solche notwendigen Propositionen anerkennt. 23
Andererseits, als zweiten Teil der Voraussetzung will Ockham, dass eine Aussage bezweifelbar ist. Das schliesst alle durch sich selbst bekannten Aussagen aus, die zwar notwendigerweise wahr sind, aber kein Wissen (verstanden als zusätzliches Wissen zum schon vorhandenen Wissen im Satz) zulassen. 24 Demnach wäre also die Aussage „Alle Vierecke bestehen aus vier Seiten“ keine Proposition, die durch „Wissen“, wie es Ockham versteht, gewusst wird, sondern eine aus sich selbst heraus evidente Einsicht. Im Prolog zu seinem Physikkommentar, nennt uns Ockham, noch eine dritte Bedingung, die eine Proposition erfüllen muss, damit sie durch Wissen gewusst werden kann. Dies ist ihre Evidentmachung durch einen Syllogismus. 25 Dieses syllogistische Verfahren betrachte ich aber als Teil seiner Methode, nicht als eine dem Gegenstand (der Proposition) inhärierende Eigenschaft. Deshalb wird sich erst das nächste Kapitel damit befassen.
Der Akt des Wissens
Am hier angelangten Punkt unserer Untersuchung ist es nun wichtig auf die offensichtliche Spannung einzugehen, welche sich ergibt, wenn wir die eben dargestellte Auffassung über Wissen mit der Descartes’ vergleichen. Für ihn gilt ja, wie wir im vorherigen Kapitel gesehen haben, dass nur das als wahr akzeptiert wird, was unanzweifelbar ist. In seiner zweiten Regel schreibt Descartes klar und deutlich: „Alles Wissen besteht in einer sicheren und klaren Erkenntnis.“ 26 Und Natrop fasst diesen Standpunkt Descartes’ so zusammen: „Ein zweifelhaftes Wissen ist kein Wissen, und führt immer die Gefahr des Irrtums bei sich, (...). Daher ist zu verwerfen alle bloss wahrscheinliche Erkenntnis: Nur was vollkommen erkannt und woran kein Zweifel möglich ist, darf als wahr gelten.“ 27 Auf den ersten Blick scheint dieser Standpunkt überhaupt nicht mit der Ansicht Ockhams vereinbar zu sein, weil sich Ockhams „Wissen im eigentlichen Sinne“ ja gerade durch seine Bezweifelbarkeit zu Wissen macht. Es scheint also, also ob das was Descartes eliminieren wollte, von Ockham gerade gesucht wird, die Bezweifelbarkeit des Wissens.
23 Das würde erstens die Vielfalt von wissenschaftlich erlaubten Sätzen auf eine Handvoll reduzieren und
zweitens ihre Bezweifelbarkeit verunmöglichen.
24 Vgl. IMBACH, R., op. cit., S. 181.
25 Vgl. VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, ed. cit., Absatz 13.
26 DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, ed. cit., Regel ⅠⅠ, 1.
27 NATROP, P., op. cit, S. 5.
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Daraus jedoch zu schlussfolgern, dass die beiden Theorien Gegensätze sind, wäre meiner Ansicht nach aber falsch. Denn ausschlaggebend ist an dieser Stelle die Verwendung des Wortes „Wissen“. Ockham und Descartes verwenden das Wort nämlich nicht gleich. Descartes verwendet „Wissen“ als Umschreibung für eine Ansammlung von klar Erkanntem. Ockham aber spricht eindeutig von einer „(...) durch Wissen im eigentlichen Sinne wißbare[n] Aussage (...).“ 28 Dieses „durch“ bedeutet, denke ich, dass Ockham „Wissen“ als einen Akt der Erkenntnis auffasst. Er versteht es als ein Instrument zur Erlangung von Erkenntnis. Diese, meine Annahme, stütze ich nicht nur auf das kleine Wörtchen „durch“, sondern auch auf die Aussage Ockhams in seinem Prolog zum Physikkommentar wo er präzise ausführt, dass Wissen in diesem Sinne evidente Erkenntnis mit Hilfe eines Syllogismus sei 29 und dass er dies gleich auffasse, wie Aristoteles diesen Sachverhalt in seinem sechsten Buch der Nikomachischen Ethik darstelle. In diesem Dokument heisst es nun: „Das wissenschaftliche Erkennen ist folglich die zu einer Grundhaltung verfestigte Fähigkeit, bündige Schlüsse zu ziehen (...).“ 30 Dies führt mich also zur Schlussfolgerung, dass Ockham, wenn er den Anspruch der Bezweifelbarkeit ans Wissen stellt, von „Wissen“ als Akt des „wissenschaftlichen Erkennens“ spricht und nicht wie Descartes, vom reinen Zustand der Erkenntnis, sondern eben vom Weg dorthin. Ockham benutzt das Wort „Wissen“ an dieser Stelle also als Beschreibung seiner Methode, auf die wir im nächsten Kapitel genauer eingehen werden.
Damit hätten wir also geklärt, was Ockham als „durch Wissen“ versteht und wie es sich vom „Wissen“ im üblichen Sinne, wie Descartes diesen Term verwendet, abhebt. Was uns aber noch fehlt, ist die Auffassung Descartes’ zum Objekt der Wissenschaft. Sieht auch er, wie Ockham, Propositionen als diese Objekte an oder aber etwas anderes?
Die Ideen Descartes’
Halten wir, um uns der Antwort auf diese Frage zu nähern, erst einmal fest, dass es, laut Descartes, Dinge gibt, über die wir Menschen keine Erkenntnis haben können, weil wir von Natur aus nicht so angelegt wurden, um alles verstehen zu können. Um herauszufinden, was denn überhaupt gewusst werden kann und was uns für immer verschlossen bleiben wird, 31 meint Descartes, dass wir uns von den einfachen Dingen
28 VON OCKHAM, W., Sentenzenkommentar, Prolog, ed. cit., Frage 2, Artikel 1.
29 Vgl. VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, ed. cit., Absatz 13.
30 ARISTOTELES., Nikomachische Ethik, übers. von F. DIRLMEIER, durchgesehene Ausg., Buch Ⅵ, 3. Teil.
31 Vgl. DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, ed. cit., Regel Ⅷ, 2.
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ausgehend zu den schwierigen vorarbeiten sollen. 32 Die Dinge aber, mit denen wir uns nach dieser Regel beschäftigen, sind uns im Verstand gegeben. Auch wenn sie von der extramentalen Welt uns über die Sinne erreichen, so ist es doch unser Intellekt, der sich mit ihnen beschäftigt. Ja es gäbe sogar Dinge, meint Descartes, die nie in unseren Sinnen waren und doch zum Gegenstand unseres Denkens werden. So nennt er als Beispiel die Idee Gottes und der Seele. 33 Als „Idee“ bezeichnet Descartes an derselben Stelle in seiner Abhandlung über die Methode nicht nur schwierig zu erfassende, metaphysische Konzepte, wie die eben genannten, sondern auch konkrete, materielle Gegenstände. Unter diesen „Ideen“ versteht Descartes, so meine ich, nicht die platonischen Ideen, 34 sondern etwas, was wir im vorherigen Kapitel „Eindrücke“ nannten. Die Eindrücke, die, wie wir gesehen hatten, in unserem denkenden, finiten „Ich“ vorhanden sind, und deren Präsenz wir nicht leugnen können. Diese Behauptung belege ich mit folgendem Zitat: „Sodann hatte ich außerdem Ideen von einer Reihe von sinnlich wahrnehmbaren und körperlichen Dingen; denn nahm ich gleich an, daß ich träumte und daß alles, was ich sah oder mir einbildete, falsch sei, so konnte ich trotzdem nicht bestreiten, dass die Ideen hiervon wahrhaft in meinem Bewusstsein seien.“ 35 Aus diesen Überlegungen Descartes’, dürfen wir nun, so glaube ich, schlissen, dass er den Gegenstand der Wissenschaften, ob abstrakt oder konkret, wie Ockahm im Verstanden angesiedelt sieht, in diesem denkenden, finiten „Ich“. Anders als Ockham aber geht Descartes nicht von einer reinen sprachlichen Gegebenheit von Dingen aus, sondern scheint eine breitere Auffassung über die Objekte unserer Reflektion zu haben. Sie sind dem Menschen im Verstande gegeben und sind eben „Ideen.“
Das Wesen der Wissenschaft:
Aus diesen zwei verschiedenen Auffassungen über das Objekt der Wissenschaft geht ein interessanter Unterschied in den Theorien Ockhams und Descartes zum Wesen der Wissenschaft hervor. Weil Descartes als Ursprung des menschlichen Wissens die „Gesetzmäßigkeit unserer Erkenntnis der Objecte“ 36 annimmt und diese gesetzmässige Einheitlichkeit der Erkenntnis auf die Objekte der Welt überträgt ergibt sich für ihn eine
32 ibid., 43.
33 Vgl. DESCARTES, R., Abhandlung über die Methode, ed. cit., Vierter Teil, 9.
34 Die Idee eines Gegenstandes, abstrakt oder konkret, ist bei Platon eine Art Konzept. Sie ist eine allen diesen
Gleichen Gegenständen zu Grunde liegende Einheit, einem Naturgesetz gleich, welches das Wesen dieses
Gegenstandes bestimmt.
35 DESCARTES, R., Abhandlung über die Methode, ed. cit., Vierter Teil, 7.
36 NATROP, P., op. cit., S. 4.
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Einheitlichkeit der Natur, woraus für ihn eine Einheit des Wissens logisch resultiert. 37 Dies führt ihn dazu, in seiner ersten Regel zu schreiben, dass alle Wissenschaften untrennbar miteinander verknüpft seien, weil sie eben alle Teile des einen, im Verstande liegenden Wissens sind. 38
Diese Auffassung teilt Ockham nicht. Er argumentiert, dass Wissen höchstens eine Ansammlung von verschiedenen Arten der Erkenntnis ist und dass das Wissen kein gemeinsames Subjekt habe, so wenig wie die Welt einen gemeinsamen König habe. 39 Daraus ergibt sich für ihn, dass die Wissenschaften nicht Eins sind und dass es keine Königsdisziplin gibt. Noch nicht einmal der Logik kommt diese Rolle zu, sie ist lediglich ein wichtiges Instrument aller Wissenschaften, weil diese sich, wie wir gesehen haben, alle mit der folgerichtigen Verknüpfung von Termini beschäftigen müssen, da aller Wissenschaften Gegenstand ja Propositionen sind.
Als Fazit dieser ersten beiden Kapitel zum Objekt und Subjekt der Wissenschaft halte ich folgendes fest: Ockham und Descartes betrachten beide das Denkende eines Wesens, respektive den Intellekt, als Subjekt der Wissenschaft. Descartes Ansicht darüber, was ein Intellekt ist und wie er funktioniert, ist aber viel prinzipieller als die Meinung Ockhams darüber. Andererseits, sind sich beide wiederum einig, dass das Objekt der Wissenschaft im Verstande des Menschen angesiedelt ist. Für Ockham sind dies die Präpositionen, für Descartes, die zu reflektierenden Ideen. Darüber hinaus ist Wissen für Ockham ein Akt, der auch gleichzeitig seine Methode repräsentiert. Descartes dagegen versteht „Wissen“ als eine ganzheitliche Entität, eine Einheit, zu der es sich Zugang zu verschaffen gilt durch seine Methode. Einen Teil dieser Methoden wollen wir uns nun im nächsten Kapitel anschauen.
5. Grundzüge der Methoden
- Evidenz & Syllogismus vs. Intuition & Deduktion - Richtenwir nun unseren Fokus auf die Frage danach wie Wissen denn dem menschlichen Verstand zugänglich gemacht wird. Genau so präzise nämlich, wie Ockhams und Descartes’ Vorstellungen darüber sind, was Subjekt und was Objekt des Wissens ist, genau so akribisch gehen sie auch bei der Beschreibung vor, wie Wissenschaft betrieben werden muss, damit die
37 ALQUIÉ, F., Leçons sur Descartes, Paris 2005, S. 29.
38 Vgl. DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, ed. cit., Regel Ⅰ, 4.
39 Vgl. VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, ed. cit., Absatz 26.
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daraus resultierende Erkenntnis auch tatsächlich Wissen ist und nicht nur als wage Annahmen durchgehen muss.
Descartes’ wie auch Ockhams Theorien zum Wie der Wissenschaft sind natürlich extrem ausgeprägt und tiefgründig. Sie sind viel zu detailliert, als dass wir sie in ihrem ganzen Umfang betrachten könnten. Deshalb wollen wir uns hier lediglich auf die Grundbausteine der Methoden der Wissenschaft von beiden Denkern konzentrieren. Diese Grundbausteine sind die Art und Weise, wie wir zu sicherem Wissen kommen, respektive, was die beiden Denker als das Prinzipielle am Wissenserwerb betrachteten.
Untersuchen wir also zuerst Ockhams „Wissen“ als Methode, wie wir dies im Kapitel 3 gesehen haben. Ockham gibt uns nämlich noch eine letzte Bedingung im Physikkommentar, welche Wissen erfüllen muss, damit es mit Recht so genannt werden darf. Es muss, ihm zufolge, nämlich durch einen Syllogismus gewonnen werden. 40 Ein Syllogismus ist ein Konstrukt aus Sätzen, in dem zwei Prämissen logisch korrekt aufeinander bezogen werden und woraus daraufhin ein neuer Satz, ein Schlusssatz gefolgert wird. Diesen neuen Satz bezeichnet Ockham dann erst als das, was durch Wissen im eigentlichen Sinne gewusst wird. Mit den Worten Aristoteles’ sind es also die „bündigen Schlüsse“ 41 welche erst echtes Wissen darstellen. Ockham betont mit Nachdruck, dass nur der Schlusssatz des syllogistischen Diskurses, oder der ganze Syllogismus (Prämissen & Schlusssatz) als Wissen zählen darf aber nichts was ausserhalb dieser Form der klassischen Logik liegt.
Es zeigt sich also wieder, dass für Ockham wahres Wissen in der Sprache, respektive in der Logik zu suchen ist und nicht in der empirisch untersuchbaren Welt ausserhalb des eigenen Geistes. Die Verbindung zur Aussenwelt geschieht bei ihm erst durch die Art und Weise, wie die verwendeten Terme auf die extramentale Welt Bezug nehmen. Dieses Bezugnehmen nennt Ockham „Supposition.“
Es ist natürlich klar, dass sehr viel von seiner Theorie davon abhängt, wie Wörter dem Geist gegeben sind und wie diese Begriffe dann für Dinge in der Welt „supponieren.“ Seine Theorie diesbezüglich ist umfangreich und kann an dieser Stelle leider nicht besprochen werden. Für unsere Zwecke allerdings ist es ausreichend zu bemerken, dass die Wahrheit eines Syllogismus einerseits von der Bezugnahme der verwendeten Terme zur extramentalen Welt abhängt und andererseits von der Art und Weise, wie wir Menschen diese Terme verstehen. Dieser zweite Teil ist für uns wichtiger, als die Untersuchung der Supposition, denn es ist
40 Vgl. VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, ed. cit., Absatz 13.
41 ARISTOTELES., Nikomachische Ethik, ed. cit., Buch Ⅵ, 3. Teil.
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essenziell um Ockhams Bild der Wissenschaft nachvollziehen zu können, dass wir begreifen, wie für ihn sprachliche Ausdrücke zusammenspielen.
Damit meine ich, dass Ockham natürlich möchte, dass wir nur Terme oder Verknüpfungen verwenden, die aus sich selbst heraus evident sind und nicht falsch sein können. Volker Leppin beschreibt dies treffend wie folgt: „Der syllogistische Diskurs diente demnach vor allem der Vermittlung von Evidenz: Wissenschaftlichkeit entstand durch die Kombination schon zuvor evident erkannter Prämissen im Rahmen des anerkannten syllogistischen Schlussverfahrens, (...).“
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Diese These verlagert den Schwerpunkt der Wissenschaftlichkeit auf die Evidenz von Sätzen. Mit Evidenz meint Ockham eine Wahrheit, die aus sich selbst heraus für wahr erkannt wird, insofern alle ihre Terme korrekt verstanden werden. (Diese ersten, unanfechtbaren Evidenzen nennt Ockham auch die „Prinzipien.“
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) Das ist, wie mir scheint, der Kern einer evidenten Wahrheit nach Ockham, wenn er schreibt: „(...) je dis que la connaissance évidente est la connaissance d’un complexe
Diese Überlegung erlaubt es uns einfach nachzuvollziehen, warum ein Syllogismus notwendigerweise zu gültigem Wissen führen muss. Denn wenn wir Prämissen, die aus sich selbst heraus für wahr erkannt werden können logisch korrekt aufeinander beziehen, dann folgt daraus notwendigerweise neues, korrektes Wissen. Solche syllogistischen Schlusssätze gewinnen durch dieses Verfahren dann selbst den Stand einer Evidenz, obwohl sie nicht im strengen Sinne aus sich selbst heraus für wahr erkannt werden können, kann ihre Korrektheit trotzdem, dank der Strenge des Verfahrens, für sicher angenommen werden. 45 So die Überlegung Ockhams.
Demnach ist die Arbeit des Wissenschaftlers also die richtige Kombination von evidenten Sätzen, damit daraus neues Wissen gewonnen werden kann. Es ist nicht die Welt, die wir empirisch erfahren können, die uns zu neuem Wissen führt, sondern Wissen (als Methode) ist ein rein geistiger Prozess. Ähnlich sieht die Lage denn auch bei Descartes aus. Versuchen wir ebenfalls diese etwas näher zu ergründen.
Interessanterweise findet sich auch für Descartes’ Position eine Aussage des Aristoteles’, die eines der Probleme berührt, die seine Methode zu lösen versucht: „En effet, même quand on mène sa recherche soi-même en soi-même, on n’avance que jusqu’au point où on ne peut plus
42 LEPPIN, V., op. cit, S. 55.
43 ibid., S. 55.
44 VON OCKHAM, W., Ordinatio, Prologue, übers. von D. PICHÉ, Paris 2005. Question 1, pp. 5.
45 LEPPIN, V., op. cit., S. 55.
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s’adresser d’objection à soi-même.“ 46 Wie dieses Zitat nahe legt, ist es ein zu wenig ausgeprägter methodischer Zweifel, der die wahre Erkenntnis der Antwort auf eine bestimmte Frage dem Forschenden vorenthält. Denn fühlt man seine eigene Meinung bestätigt, wird man nicht weiter gehen im Bestreben das zu untersuchende Ding weiter zu ergründen, auch wenn noch immer Zweifel an der eigenen Meinung angebracht wären. Descartes’ Methode, auf die wir hier zu sprechen kommen wollen, nutzt einen solchen methodischen Zweifel als Instrument zur Ergründung der Sicherheit eines angenommenen Wissens. So ist dann die sicherste aller Erkenntnisse diejenige, welche jedem Zweifel standhält. Der Zweifel dient Descartes also als Instrument der Analyse, zur Zerstückelung des vorhandenen (vermeintlichen) Wissens, auf seine Grundbestandteile. Descartes aber vorzuwerfen er sei ein Skeptiker, der nur um des Zweifelns willen zweifelt, wäre falsch. Seine Absicht war immer den Zweifel zu nutzen um durch ihn zu sicherer Erkenntnis zu gelangen. Denn der ganze Witz des Zweifelns besteht eben gerade darin, dass es irgendwann zu einem Ende kommt. Es gibt Einsichten, die wir rational nicht mehr anzweifeln können, dies sind für Descartes intuitive Einsichten; solche also, die für sich selbst (per se) gewusst werden 47 . Intuition ist dabei eine eigene, bestimmte Art des Begreifens; die fundamentalste die wir Menschen besitzen. Descartes eigene, wortwörtliche Definition von Intuition lautet: „Unter Intuition verstehe ich (...) ein so einfaches und instinktes Begreifen des reinen und aufmerksamen Geistes, daß über das Erkannte weiterhin kein Zweifel übrig bleibt, (...)“ 48 Damit wären wir bei einem ähnlichen Punkt wie mit Ockham im vorherigen Abschnitt. Intuition ist ein Akt der Erkenntnis (denn wir erkennen durch Intuition 49 ), der so prinzipiell ist, dass er nicht falsch sein kann. 50 Mit anderen Worten, wir sind bei Ockhams evidenter Erkenntnis. Wir sind bei Erkenntnissen wie 2+2=4 51 oder wie „Ich denke also bin ich.“ 52 Und gleich wie Ockham eine Verknüpfung der evidenten Erkenntnisse durch den syllogistischen Diskurs fordert um zu neuem Wissen zu gelangen, so stellt auch Descartes ein bestimmtes Verfahren als Bedingung, um neues Wissen aus dem zuvor durch Intuition Erkannten zu gewinnen. Dieses Verfahren ist die „Deduktion.“ 53 Das deduktive Verfahren funktioniert so, dass intuitive Einsichten zusammen verknüpft werden, um so neues Wissen zu erschaffen. 54
46 ARISTOTE, Traité du ciel, übers. von C. DALIMIER und P. PELLEGRIN, Manchecourt, 2004. 294b.
47 SCHOULS, P.A., op. cit., S. 84.
48 DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, ed. cit., Regel Ⅲ, 5.
49 ibid, 3. Regel Ⅲ, 5.
50 NATROP, P., op. cit., S. 8.
51 DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, ed. cit., Regel III, 7.
52 DESCARTES, R., Abhandlung über die Methode, ed. cit., Vierter Teil, 3.
53 DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, ed. cit., Regel III, 4.
54 NATROP, P., Descartes’ Erkenntnistheorie, op. cit. S. 6.
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Also stehen wir hier an einem Punkt, an dem die Sachlage aussieht, als ob Ockham und Descartes eine genau gleiche Ansicht über die prinzipielle Technik des Wissenserwerbs auf seiner fundamentalsten Basis gehabt hätten. Doch Achtung, Descartes selbst unterscheidet seine Methode (zu welcher auch die Deduktion zählt) vom klassischen Syllogismus und sagt ausdrücklich, dass sie nicht dasselbe sei. 55 Scholus weist seinen Leser ebenso darauf hin, dass „Deduktion“ bei Descartes eben nicht syllogistisch zu verstehen ist. 56 Aber was ist der Unterschied? Meiner Meinung nach, besteht dieser lediglich in der Form in der diese beiden Konzepte bestehen. Descartes „Deduktion“ ist eine allgemeine Verknüpfung von unanzweifelbaren Gedanken zur Erzeugung neuen Wissens. Ockhams Syllogismus andererseits ist eine logisch formalisierte Art desselben Vorganges. Ockham würde sozusagen eine Descartes’sche Deduktion nur dann gelten lassen, wenn sie sich in den Parametern der Logik befände. Sprich, wenn die Deduktion sich formal den Regeln der Logik gemäss in einer bestimmten Weise auf Termini bezieht. Es geht also Ockham wie auch Descartes darum, „bündige Schlüsse zu ziehen“, nur tut dies der Eine auf eine logisch formale Art, der Andere auf eine systematische aber offene Weise. Was beide Methoden ähnlich erscheinen lässt, ist meiner Meinung nach die Tatsache, dass Deduktion, wie auch Syllogismus beides Formen desselben Prozesses sind. Es sind beides Arten, analysiertes Wissen zu synthetisieren, um daraus neues Wissen zu generieren.
6. Fazit
Damit hätten wir unsere Untersuchung über Subjekt, Objekt und die grundlegende Art und Weise der Wissenschaft in den Theorien Ockhams und Descartes abgeschlossen. Halten wir nun noch mal die Hauptpunkte der Ergebnisse dieses Vergleiches fest: Subjekt der Wissenschaft ist bei Descartes das denkende, unanzweifelbare „Ich“, bei Ockham jedoch der Intellekt als ganzer, funktionierender Apparat, der aus einem „erfassenden“ und einem „urteilenden“ Akt besteht.
Als Objekt der Wissenschaft bezeichnet Ockham nicht physische Gegenstände in der Welt, sondern lediglich mentale Propositionen. Diese müssen notwendige und bezweifelbare Aussagen machen und durch einen syllogistischen Diskurs gewonnen worden sein, damit von ihnen gesagt werden darf, dass sie durch den Akt des Wissens gewusst werden können. Descartes wiederum vertritt eine etwas weniger auf der klassischen Logik aufbauende
55 DESCARTES, R., Abhandlung über die Methode, ed. cit., Zweiter Teil, 12.
56 SCHOLUS, P.A., op. cit., S. 8.
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Ansicht darüber, was die Objekte der Wissenschaft sind. Er beschreibt uns diese Objekte als die „Ideen“ in unserem Geiste. Das sind, so haben wir festgestellt, die „Eindrücke“ in unserer mentalen Welt, die wir über die extramentale Welt haben. Die Existenz dieser Eindrücke ist eben so sicher, wie die Gewissheit von der eigenen Existenz.
Was die prinzipielle Art und Weise angeht, mit der wissenschaftliche Erkenntnis gewonnen wird, so haben wir gesehen, dass für Ockham nur Resultate (Propositionen) in Frage kommen, welche aus evidenten Prämissen in einem klassischen Syllogismus gewonnen wurden. Nach Descartes muss Wissen wiederum durch die offene Form der Deduktion gewonnen werden. Die Prinzipien, auf welche die Deduktion angewandt wird, müssen auch bei Descartes evident sein. Bei ihm heissen diese „Intuitionen.“ Der Unterschied zwischen Ockhams Verfahren der Evidenz gekoppelt mit dem syllogistischen Diskurs und Descartes’ Methode der auf Intuitionen angewandten Deduktion, ist ihre Art der Formalisierung. Wo Ockham ein rein klassisch-logisches Vorgehen zur Wissensgewinnung beschreibt, in dem seine Objekte der Wissenschaft, Propositionen, aufeinander bezogen werden, um neue Propositionen, also neue Gegenstände zu gewinnen, gibt uns Descartes eine generellere Methode, mit der seine Objekte, die Ideen, zusammen verknüpft werden können. Dies ist die Methode der deduktiven Schlüsse, aus welchen, wenn sie korrekt gemacht wurden, auch bei Descartes dann neue Objekte hervorgehen, die echtes Wissen sind.
Das alles ist es, worauf Wissenschaft nach diesen zwei Philosophen im prinzipiellen aufbaut und wie sie betrieben werden muss. Das sind die groben Grundzüge der Wissenschaftstheorien von William von Ockham und René Descartes.
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7. Literaturverzeichnis
Primärtexte:
ARISTOTELES., Nikomachische Ethik, übers. von F. DIRLMEIER, durchgesehene Ausg., Stuttgart 2003.
ARISTOTE, Traité du ciel, übers. von C. DALIMIER und P. PELLEGRIN, Manchecourt, 2004.
DESCARTES, R., Abhandlung über die Methode, übers. und hrsg. von A. BUCHENAU, Leipzig, 1922.
DESCARTES, R., Regeln zur Leitung des Geistes, übers. und hrsg. von A. BUCHENAU, Leipzig, 1922.
VON OCKHAM, W., Physikkommentar, Prolog, übers. und hrsg. von R. IMBACH, durchgesehene Ausg., Stuttgart 1986.
VON OCKHAM, W., Sentenzenkommentar, Prolog, übers. und hrsg. von R. IMBACH, durchgesehene Ausg., Stuttgart, 1986.
VON OCKHAM, W., Ordinatio, Prologue, übers. von D. PICHÉ, Paris 2005.
Sekundärliteratur:
ALQUIÉ, F., Leçons sur Descartes, Paris 2005.
IMBACH R., Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, Stuttgart 1996. LEPPIN, V., Wilhelm von Ockham: Gelehrter, Streiter, Bettelmönch, Darmstadt 2003. NATROP, P., Descartes’ Erkenntnistheorie, Marburg 1882.
PERINI-SANTOS, E., La théorie ockhamienne de la connaissance évidente, Paris 2006. SCHOLUS, P.A., Descartes and the possibility of science, New York 2000.
Filme:
WACHOWSKI,A. u. WACHOWSKI, L., The Matrix, 1999.
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Arbeit zitieren:
Pascal Lottaz, 2009, Science! Die Grundbausteine der Wissenschaft nach den Theorien von Wilhelm von Ockham und René Descartes., München, GRIN Verlag GmbH
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