1. EINLEITUNG: 3
2. DE CAELO - DAS ORIGINAL DES ARISTOTELES 4
2.1 DAS GÖTTLICHE IM DE CAELO 5
3. DIE FORM VON LE LIVRE DU CIEL ET DU MONDE 6
4. DIE THEMEN UND ABSICHTEN HINTER ORESMES KOMMENTAREN 8
5. DIE METHODEN IN ORESMES KOMMENTAREN: 9
5.1 EIGENE KAPITELAUFTEILUNG 10
5.2 VERWENDUNG UND ERKLÄRUNG VON FACHBEGRIFFEN 10
5.3 HERLEITUNG DES HISTORISCHEN KONTEXTES DER SCHRIFT 11
5.4 GEDANKENEXPERIMENTE 12
5.5 BEZUGNAHME AUF AVERROES UND SCOT 13
5.6 BEZUGNAHME AUF HEIDNISCHE SAGEN 14
5.7 BEZUGNAHME AUF DIE BIBEL 15
5.8 BEZUGNAHME AUF THEOLOGEN, POETEN UND SICH SELBST 15
6. FAZIT 16
7. ANHANG 18
TRADUCTIONS DU TRAITÉ DU CIEL D’ARISTOTE 18
8. BIBLIOGRAPHIE: 23
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1. Einleitung:
Aristoteles, einer der grössten Philosophen der Antike, Schüler des Platon an dessen Schule der „Akademie“, lebte zwischen 384 bis 322 v.Chr. 1 und beeinflusste die Entwicklung der Wissenschaft wie nur wenige vor und nach ihm. Als ein Universalgelehrter schrieb er voluminöse Werke in verschiedensten Sparten der Philosophie. Von Logik, Psychologie, oder Politik, über Biologie bis hin zu Schriften über Physik und Metaphysik deckte er ein gewaltiges Wissensgebiet ab. 2
Der Einfluss, den seine Werke nicht nur auf seine eigene Zeit, sondern den ganzen westlichen Teil des eurasischen Kontinentes hatten, lässt sich daran ermessen, wie oft sie in verschiedenen Kulturkreisen, Sprachen und Zeiten rezipiert und wissenschaftlich weiterverwendet wurden. 3 Der Liebe zum Werk des Aristoteles’ von verschiedenen Männern der Geschichte, verdanken wir ihren Erhalt bis heute. So hat Andronicus von Rodos im ersten Jahrhundert vor Christus die Schriften von Aristoteles gesammelt und gruppiert 4 . Diese altgriechischen Werke wurden dann nicht nur überliefert und von Staatsmännern und Philosophen wie Cicero gelesen, sondern essenziell auch in andere Sprachen übersetzt. Einerseits wurden sie von den Osmanischen Gelehrten ins Arabische übertragen und andererseits von westlichen Denkern vor allem auf Lateinisch übersetzt und studiert. Diese Arbeit befasst sich nicht direkt mit Aristoteles selbst, sondern mit der ersten Übersetzung seiner Schrift De Caelo in eine unserer heutigen, modernen Sprachen. Gegen Ende des Mittelalters, 1377 nämlich, wurde diese Schrift, die zu Deutsch „Über den Himmel“ heisst, vom Gelehrten Nicole Oresme (1323 - 1382) auf Auftrag des französischen Königs, Charles V., aus einer lateinischen Übersetzung des Willhelm von Moerbecke heraus ins damals gängige „François“ übertragen. 5 Was dieses Werk für uns so spannend macht, ist, dass Oresme nicht nur eine einfache Übersetzung angefertigt hat, sondern Aristoteles auch gleich kommentierte, was seinem Buch eine zusätzliche Dimension verleiht, die uns einen tiefen Einblick in die wissenschaftlichen Gefilde des Mittelalters und des Genies Oresmes werfen lassen.
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Vgl. SHIELDS., C.,
Aristotle,
in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2008 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL =
2 Vgl. LEGGATT., S., „Introduction“, in: On The Heavens I & II, Warminster 1995, S. 5.
3 Vgl. LEGGATT., op. cit. S. 38.
4 Zum Teil machte der diese Einteilung nach eigenem Gutdünken. Vgl. PELLEGRIN., P., „Introduction“, in: Traité du ciel, Manchecourt 2004, S. 9.
5 Vgl. MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., „Introduction“, in: Maistre Nicole Oresme, Le livre du ciel et du monde, Text and Commentary, New York, 1968, S. 254.
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Offensichtlich ist zu diesem Zweck ein genauer Blick auch auf die genuinen Gedanken des Aristoteles’ notwendig, jedoch liegt das Hauptaugenmerk dieser Arbeit nicht auf ihm, sondern auf Nicole Oresme. Ich werde einerseits seine Methoden untersuchen, das Vorgehen, das er wählt um seinen imaginierten Lesern Aristoteles näher zu bringen und andererseits auch einige seiner Gedanken und seine Weltsicht aufzeigen, die sich im Livre du ciel et du monde, wie seine Übersetzung heisst, offenbaren. Um dem beschränkten Umfang dieser Arbeit gerecht zu werden, wird sich meine Untersuchung allerdings auf lediglich zwei Kapitel aus Aristotles’ Original beschränken (2. Buch, Kapitel 1&2). Ich denke aber, dass dies bei weitem genügt, um eine detaillierte Darstellung von Oresmes Schaffen zu geben. Das Ziel meiner Arbeit soll demzufolge sein, dem interessierten Leser den Einstieg in die Lektüre dieses Werkes Oresmes zu erleichtern.
2. De Caelo - Das Original des Aristoteles
Aristoteles Schrift De Caelo heisst zu Deutsch „über die Himmel“ und ist eine Kosmologie. 6 Das ist eine Schrift, die sich mit der Funktionsweise des Kosmos befasst. Im Gegensatz zu vielen Philosophen vor ihm stellt Aristoteles seinem kosmologischen Werk keine Kosmogonie voran, das heisst, er beschreibt vor seiner Erklärung des Universums nicht wie dieses entstanden ist. Ganz im Gegenteil verwendet Aristoteles viel Zeit darauf zu beweisen, dass das Universum temporal weder Anfang noch Ende hat, sondern ein räumlich finites, aber zeitlich unendliches Gebilde ist, das schon immer existiert hat und auch nicht vergehen kann. Der Titel der Schrift rührt von der Art und Weise, wie Aristoteles das Universum versteht. „Die Himmel“ sind für ihn die verschiedenen Kreisbahnen in denen die Himmelskörper um die Erde, den Mittelpunkt des Universums, ziehen. Der äusserste, oder erste Himmel, ist derjenige der Fixsterne, die direkt mit dem „Äther“ in Berührung sind, welcher das Element des Himmels ist, im Gegensatz zu den vier irdischen Elementen, Erde, Wasser, Luft und Feuer. Nach dem ersten „Himmel" gibt es noch viele weitere davon. Sich von einander unabhängig bewegende Planeten wie Venus oder Mars teilt Aristoteles einen eigenen Himmel zu und auch Sonne und Mond haben je einen eigenen. Der Himmel des Mondes ist der letzte, der auch gleich die Grenze von der „sublunaren“ („unter-mondischen“) zur „supralunaren“
6 Pellegrin ist der Auffassung, dass es zu weit ginge De Caelo eine Kosmologie zu nennen, weil sie nicht die verschiedenen Teile der des Universums und ihre Fakultäten behandelt. Leggatt hat mit einer solchen Bezeichnung aber keine Probleme und nennt De Caelo auch häufig eine Kosmologie. Vgl. PELLEGRIN., op. cit., S. 22. und LEGGATT., op. cit., S. 37.
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(„über-mondischen“) Welt abgrenzt. Das Wort „Himmel“, so erklärt Aristoteles selbst, hat also drei Bedeutungen. 7 1. Äusserste Sphäre der Fixsterne 2. Die Sphären der Sterne, Sonne und Mond 3. Das ganze System des Kosmos, inklusive Erde.
Auch den Begriff „Welt“ versteht Aristoteles ganz allgemein als das was wir heute als „Universum“ bezeichnen. Die Elemente der sublunaren Welt unterscheiden sich von denen der supralunaren nicht nur in ihrer Anzahl, sondern auch in ihren Eigenschaften.
2.1 Das Göttliche im De Caelo
Was die 5 Elemente angeht, so vollziehen die irdischen vier von Natur aus nur geradlinige Bewegungen. Entweder aufwärts, weg vom Zentrum der Welt, oder abwärts, hin zum Mittelpunkt der Welt (welcher der Mittelpunkt der runden Erde ist). Die natürliche Bewegung des Äthers allerdings ist die des Kreises; unendlich und in sich geschlossen. Das bedeutet, dass die irdischen Elemente Veränderung, Entstehung und Vergehen unterworfen sind. Der Äther aber ist in seiner Art und Weise unvergänglich und hat dadurch teil am Göttlichen. Das bedeutet, dass je weiter sich etwas vom Zentrum der Welt befindet, desto göttlicher wird es, weil es sich näher am Äther befindet. 8
Das göttliche ist bei Aristoteles immer mit dem Gedanken der Nobilität verbunden. Rechts ist nobler als links, oben nobler und göttlicher als unten, und die weit entfernten Himmel sind nobler als die nahen. Gott selbst aber spielt nur eine marginale Rolle. Aristoteles versucht die Himmel und ihre Bewegungen viel mehr mechanisch, verschiedenen Naturgesetzten gehorchend zu erklären. Das Prinzip der Nobilität des Göttlichen ist dabei nur einer dieser Faktoren. Das Göttliche hat vor allem als Prinzip der Bewegung seinen Platz bei Aristoteles. So sind zum Beispiel die Himmelskörper selbst göttlich, weil sie Seelen besitzen, die für ihre Bewegung am Himmel verantwortlich sind. 9 Das ist eine Theorie die Aristoteles von seinem Lehrer Platon übernommen hat und laut Guthrie auch nie angezweifelt habe. 10 In dieser Unterscheidung zwischen „irdischem“ und „himmlischem“ sieht Pellegrin also noch eine vierte mögliche Bedeutung des Wortes „Himmels“, nämlich „Sitz des Göttlichen“. 11
7 Vgl. GUTHRIE., W. K. C. „Introduction“, in: Aristotle, in twenty-three volumes, IV, on the heavens, London, 1939, S. 9.
8 GUTHRIE., op. cit. S. 12.
9 Laut Guthrie ist De Caelo eine Schrift Aristoteles, in der er zwar schon zur Einsicht gelangt war, dass Bewegung natürlichen Ursprungs sein muss aber er noch nicht den Gedanken des unbewegten Bewegers ausgearbeitet hatte. Deshalb sei seine Theorie der Bewegung der Himmelskörper noch auf Seelen in den Körpern angewiesen. Vgl. GUTHRIE, op. cit., S. 36.
10 GUTHRIE., op. cit. S. 34.
11 PELLEGIRN, op. cit., S. 10.
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Eine historisch besondere Wichtigkeit für das De Caelo kommt Platons Dialog Timaios zu. Laut Leggatt ist der Timaios, diese Kosmologie Platons, gar so wichtig für Aristoteles, dass De Caelo als seine „Antwort“ darauf betrachtet werden muss. 12 Das ist eine wichtige Beobachtung, denn De Caelo ist nicht ein Werk, das geschichtsphilosophisch ohne Vorfahren dasteht, es ist viel mehr eine wissenschaftliche Abhandlung in langer Tradition, das selbst aus früheren Ansichten schöpft und Oresme in seinen Kommentaren zur Darlegung eigener kosmologischer Thesen verhilft. Leggatt schreibt dazu: „(...); indeed, Oresme’s commentary offered him the opportunity to make contributions to the scientific theories of the day.“ 13 Die Wichtigkeit der historischen Perspektive des De Caelo für Oresme wird im fünften Kapitel näher erläutert.
3. Die Form von Le livre du ciel et du monde
Die erste, bestechende Eigentümlichkeit der Oresme’schen Übersetzung von Aristoteles’ Werk, ist, dass sie nicht wie moderne Übersetzungen ihren Originaltext fliessend wiedergibt. Ganz im Gegenteil, die Übersetzung wird nach zwei oder drei Sätzen immer wieder von einem Einschub unterbrochen. Diese Einschübe sind Oresmes Erläuterungen, die sich „Glose“ nennen, im Gegensatz zu Aristoteles Originaltext, welcher in der Übersetzung als „Tiext“ markiert ist. 14
Es stellt sich also die Frage, weshalb denn Oresme eine solche Übersetzung mit eingeschobenen Kommentaren verfasst hat und nicht eine simple Übersetzung, mit lediglich den Worten Aristoteles’ in französischer Sprache schrieb, wie wir dies heute von einer Übersetzung erwarten würden. Denn die Einschübe Oresmes zerstören nicht nur den Fluss der Leserlichkeit des Originaltextes, sie bringen teilweise auch dem Originaltext gänzlich fremde Themenbereiche hinzu.
Die Antwort auf diese Frage findet sich, wenn man den Auftrag für diese Übersetzung kennt. Oresme fertigte sie nämlich nicht für den akademischen Kreis von anderen Wissenschaftlern an, diese sprachen zur Zeit Oresmes sowieso alle Lateinisch um ihre Studien zu betreiben. Nein, es ist der Tatsache zuzuschreiben, dass die Übersetzung ins ordinäre Französisch für interessierte Laien gefertigt wurde, dass sie so viele Ergänzungen und Erklärungen enthält. Oresmes Auftraggeber war König Charles V., der ein grosser Liebhaber von Philosophie und
12 LEGGATT, op. cit. S. 18.
13 ibid. S. 38.
14 Für eine einfachere und bessere Leserlichkeit, werde ich von hier an die Wörter „Tiext“ und „Glose“ eingedeutscht, konjugierbar und ohne Anführungszeichen verwenden.
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Literatur war und Werke von grossen Denkern in seiner Sprache genoss. Darüber hinaus liess er diese Übersetzung auch für persönliche Freunde anfertigen und für den Adel, dessen Bildungsstand er sich so zu heben verhoffte. 15 Für Laienleser aber, so war sich Oresme bewusst, sind die Texte Aristoteles’ nur schwer verständlich und benötigen Erklärungen. Die zahlreichen Kommentare sollten also das Verständnis des Textes für den Laienleser, der weder über ausgeprägte Lateinkenntnisse noch über ein breites akademisches Wissen verfügt, vereinfachen. 16
Diese Kommentare Oresmes sind weit mehr als reine Erklärungen von Aristoteles’ Gedanken. Sie berücksichtigen auch die Meinungen und Lehren anderer Denker und Schriften zu den besprochenen Themen mit ein und Oresme selbst arbeitet in den Glosen seine eigenen wissenschaftlichen, theologischen und philosophischen Gedanken in das Werk mit ein. Dies macht es schwierig bei der Lektüre von Le livre du ciel et du monde die verschiedenen Meinungen auseinander zu halten und Oresmes eigene Ansichten zu erkennen. Das heisst, um seine Position zu eruieren, ist es unerlässlich seine Glosen zu analysieren. Neben der Untersuchung von Oresmes Kommentaren darf aber auf keinen Fall vergessen werden, dass das Kernstück von seinem Livre du ciel et du monde natürlich die Übersetzung von Aristoteles’ De Caelo ist. Nicht nur heutige Forscher, die sich mit Oresme beschäftigen, sondern auch spätere Übersetzer von Aristoteles Texten attestieren hier dem mittelalterlichen Gelehrten höchste Präzision und ein tiefes Verständnis der Schriften des Aristoteles. 17 Für heutige Leser ist lediglich das alte französisch, das „François“ etwas befremdlich, die Übersetzung aber ist dem Original treu und lässt sich mit modernen Übersetzungen bestens vergleichen. 18 Dies geht soweit, dass Oresmes Übersetzung sogar Passagen enthält, die genauer sind als moderne Übersetzungen. 19 Diese Präzision ist umso erstaunlicher, als dass sie nicht wie moderne Übersetzungen direkt aus dem griechischen Original erfolgte, sondern aus einer lateinischen Version (von Willhelm von Moerbecke), unter Berücksichtigung einer weiteren lateinischen Übersetzung des Michael Scot. 20
15 MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., op. cit., S. 239.
16 ibid., S. 255.
17 ibid., S. 256.
18 Um einen Eindruck der Genauigkeit der Übersetzung zu erhalten, ist bitte die im Anhang beigefügte Gegenüberstellung von Oresmes Übersetzung mit zwei modernen Übersetzungen ins Französische und Englische zu beachten.
19 Vgl. Anhang, Übersetzungsgegenüberstellung, Passage 283b - 30., wo sich zeigt, dass Guthries moderner, Englischer Übersetzung ein Satz fehlt, den Oresme in seiner Übersetzung nicht vergessen hat.
20 MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., op. cit., S. 255.
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4. Die Themen und Absichten hinter Oresmes Kommentaren
Ein grundsätzliches Thema in Oresmes Kommentaren, neben den Überlegungen die Aristoteles bespricht, ist Gott. Dies ist erstaunlich, gerade wenn man sich vor Augen hält. dass Aristoteles mit seinem De Caelo eben gerade kein theologisches, sondern ein kosmologisches Werk geschaffen hat, das Gott und das Göttliche nur wenig erwähnt. Guthrie macht dies deutlich, wenn er sagt: „We find therefore that in De Caelo, where one of the main topics is the natural or internally-caused motion of bodies, there is almost complete silence about the transcendental and unmoved mover. There are one or two isolated hints that the body’s own nature is not the ultimate cause, but in the overwhelming majority of arguments the possibility of anything higher is left entirely out of account.“
Aristoteles war dementsprechend nicht nur ein Heide (aus der Sicht des christlichen Theologen Oresmes), sondern ein Philosoph der auch die antiken Vorstellungen von Göttlichkeit nur wenig bemühte um sein Weltbild zusammenzusetzen. Das ist ein Problem für Oresme, der einerseits die Bibel als Quelle der Wahrheit anerkennt und viel wichtiger noch, für den Gott als Konzept irdischer und transzendenter Vorgänge ein unumstössliches, wahres Prinzip ist.
Damit stellt sich die Frage, ob Oresme etwa die Absicht hatte De Caelo nicht nur zu übersetzten, sondern auch gleich Glaubenskonform zu machen. Dazu liefern uns Menut und Denomy in ihrer Einleitung zur Oresmes Werk eine klare Antwort: „Recurrent in this commentary is the clearly expressed intention to examine Aristotle’s arguments freely and frankly with the conviction that whenever these arguments can withstand the searching test of rational analysis they should be adopted into the catholic faith. Thus the church will be preserved from the danger of erroneous [scilicet irrational] teaching in the field of natrual philosophy, which for Oresme is merely a subordinate branch of theology.“ 21 Dieses ehrliche Bestreben Oresmes, die Theorien Aristoteles’, in denen er ohne Zweifel viele Wahrheiten enthalten sah, mit dem zu verbinden, was er als Wahrheit in der heiligen Schrift betrachtete, kommt in seinen Glose-Kommentaren klar zum Ausdruck. In ihnen erklärt er Bibel kompatible Stellen ausführlich, versucht heikle Stellen durch Interpretationen konform zu machen und weist der heiligen Schrift zuwiderlaufende Thesen zurück. Die Passagen aber, die gut in den christlichen Glauben passen, illustriert er auch oft an theologischen Beispielen. Diese Art der Argumentation, das Erklären von Ideen des De Caelo mit Bibelauszügen, fällt auf Aristoteles zurück. Es erweckt für den Leser den Eindruck, als seien seine Erkenntnisse
21 MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., op. cit., S. 252.
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diejenigen der Bibel. Das lässt sie als „präbiblische“ aber dennoch christliche Einsichten erscheinen und fügt sie so quasi in den christlichen Glauben ein.
Oresmes bestreben Aristoteles mit der heiligen Schrift zu verbinden fällt vor allem dann auf, wenn man sich die verschiednen Längen der Kommentare ansieht, die er dem De Caelo je nach theologischer Wichtigkeit beifügt. Die erste Hälfte von II,1 (2. Buch, 1. Kapitel) ist eine Zusammenfassung der Erkenntnisse des ersten Buches vom De Caelo. Diesen Sachverhalt hält auch Oresme in seinen Kommentaren fest. Er gibt die Stellen im ersten Buch an, an denen die erwähnten Argumente nachgelesen werden können und fügt lediglich einige nachträgliche Worte zu bestimmten Aussagen an. Sein Kommentar zu diesen Passagen von Aristoteles sind aber weder lang noch besonders tiefgründig.
Ganz anders sieht dies aber an der Stelle von II,1 aus, in der Aristoteles (in lediglich einem Satz) die Göttlichkeit des Himmels erwähnt. 22 Dort fügt Oresme eine acht Seiten lange Glose ein, die sich mit Gott, dessen Kräfte und gleich auch noch mit seinen Engeln befasst. Ähnlich lange Einschübe macht er lediglich an Stellen, an denen er Theorien des Aristoteles zurück weist. Wie zum Beispiel in II,2, wo er Aristoteles Aufteilung des Himmels in links und rechts, so wie seine Behauptung, dass der Himmel ein lebendes Wesen sei, zu widerlegen versucht. Doch selbst für diese Stellen braucht Oresme nicht mehr als drei bis vier Seiten Glose-Text. Der Umstand also, dass Aristoteles selbst nur an sehr wenigen Stellen über Gott oder das Göttliche schreibt, führt Oresme dazu an Stellen, an denen Gott doch Erwähnung findet, exzessive Kommentare einzufügen, in denen er das Konzept des christlichen Gottes ausführlich behandelt.
5. Die Methoden in Oresmes Kommentaren:
Oresme hat ein Set von Methoden die er durch das ganze Le livre du ciel et du monde benützt um seine Kommentare zur gestalten. In den folgenden Passagen werden wir diese Methoden anhand von II,1 und II,2 von Aristoteles De Caelo untersuchen und identifizieren.
22 „Item, les anciens attribuent aus diex le ciel et le lieu qui est en haut ausi comme lieu lequel seul est immortel.“ ORESME, NICOLE., op. cit. S. 165.
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Jahrhunderte“ scheint ihm aber noch zu ungenau zu sein, also versucht er dies zu präzisieren in dem er einen exakteren lateinischen Fachbegriff einfügt: „(...) il peut extre dit seculum seculorum (...)“ welchen er auch gleich wieder übersetzt. „(...) c’est a dire le siecle des siecles, (...)“. 25
Ob Oresmes nominalistischen Wurzeln 26 dafür verantwortlich sind, dass er hier noch nicht aufhört mit seiner Begriffserläuterung, sei dahingestellt. Auf jeden Fall fühlt er sich verpflichtet die linguistischen Feinheiten dieses Genitivkonstrukts noch weiter offen zu legen. Er beschreibt die vier Möglichkeiten wie seculum seculorum zusammengesetzt sein kann und wendet die dort gefundenen Einsichten auf die aristotelische Rede über „die Himmel“ an. Das heisst, er erklärt, wie etwas ein „Jahrhundert eines Jahrhunderts“ sein kann und gleichzeitig bringt er seinem Leser Aristoteles Konzept der Himmel näher und wie sie zusammen hängen (der Himmel des Himmels / die Himmel des Himmels / der Himmel der Himmel / die Himmel der Himmel). So endet er die Passage mit der Konklusion dass: „(...) semblablement di(s)t l’en des siecles dont uns contiennent les autres par continence de duracion, si comme dit est.“ 27
Auf diese Art und weise erklärt Oresme nicht nur unmittelbar auf Tiext folgende Gedankengänge durch Fachbegriffe, sondern auch generell wichtig zu verstehende Konzepte. Denn gerade das Thema über die Zzusammenhänge der Himmel ist ein wichtiges Element um das Verständnis für Aristoteles’ Rede- und Denkweise zu fördern.
5.3 Herleitung des historischen Kontextes der Schrift
An mehreren Stellen seiner Kommentare stellt Oresme die nötige Verbindung zwischen Aristoteles’ De Caelo und anderen Schriften, respektive Lehren der Antike, her. Wie auch moderne Kommentatoren dieses antiken Textes zeigt er auf, wo und wann Aristoteles auf seine Vorgänger Bezug nimmt und erklärt deren Prämissen. So tut er dies gleich zu Beginn von II,1, wo er nach Aristoteles einleitendem Satz „Tout le ciel ne fu onques fait et ne peut estre corrompu si comme aucuns dient que si peut.“ 28 gleich anfügt, dass mit „aucuns“ (was auf Altfranzösisch „einige“ bedeutet und nicht „keine“) Platon und seine Anhänger gemeint seien. Auf dieselbe Art und Weise geht er auch bei anderen Gelegenheiten vor. Wann immer er weiss, von wem gewisse Theorien stammen, die Aristoteles bespricht, nennt er deren
25 ORESME NICOLE., op. cit., S. 161f.
26 Oresme war ein Schüler John Buridan, welcher wiederum zu Ockhams Pariser Schule gehörte. Beachte dazu: MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., op. cit., S. 251.
27 ORESME, NICOLE., op. cit., S. 163
28 ibid., S. 165.
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Vertreter beim Namen. Weitere Beispiele dafür sind Empedocles oder die Pythagoräer, deren Theorien Aristoteles in II,2 stark angreift. 29
Mit dieser Historisierung des Textes schafft Oresme ein Bewusstsein der Tradition, in welcher Aristoteles sein De Caelo verfasste. Sogar Leser die sich allen falls noch nie mit antiker Philosophie beschäftigt haben, gewinnen dadurch ein Verständnis für den Werdegang der Schrift und für die verschiedenen Strömungen die zu Aristoteles Zeiten auf diesem Gebiet herrschten.
5.4 Gedankenexperimente
„The idea of experimentation as we understand the term today was wholly foreign to Oresme’s mind;“ 30 Dies stellen Menut und Denomy zu Oresmes Methodologie in ihrer Einleitung zu seiner Übersetzung fest. Diese Beobachtung wird Oersme aber nicht ganz gerecht, denn er verwendet durchaus eine Art von Experimenten, die auch heute in der modernen Philosophie häufig angewandt werden, „Gedankenexperimente“ nämlich. Dabei handelt es sich nicht um tatsächlich durchgeführte Experimente, sondern um aus gewissen surrealen Prämissen logisch abgeleitete Schlüsse, die zu neuen Erkenntnissen über die Beschaffenheit eines Untersuchungsgegenstandes führen. Nur ein Bespiel für ein solches Gedankenexperiment, das schlussendlich Oresme zu einer Konklusion über die tatsächliche Beschaffenheit des Himmels führt, ist seine Widerlegung von Aristoteles These, dass es ein „Links“ und ein „Rechts“ des Himmels gibt. Aristoteles stellt diese Behauptung in II,2 auf, argumentierend, dass es auf der Erde noblere und weniger noble Teile gibt und dass auch die Himmelsbewegung von rechts nach links vom Nobleren zum weniger Noblen zieht und deshalb sich auch der Himmel in das noble Rechts und weniger noble Links einteilen lässt. Oresme stellt in seinen Glosen dazu ein Gedankenexperiment auf, das abgekürzt, Aristoteles wie folgt widerlegt: Wenn Aristoteles These stimmen würde, müsste es auf der Erde einen absoluten Punkt geben, der sie in ein Rechts und ein Links (Orient und Okzident) aufteilt. Diesen Punkt bestimmt er als die imaginierte Stadt „Arym“. Existiert die Stadt, dann läst sich Aristoteles Aufteilung vornehmen. Angenommen aber sie sei wie zu Zeiten Noas überflutet, dann verschwindet der absolute Bezugspunkt auf der Erde. Trotzdem würde sich der Himmel weiterhin wie gewohnt drehen und er wäre nicht mehr aufteilbar. Also kann es kein Links und Rechts am Himmel geben. 31
29 ORESME, NICOLE., op. cit., S. 176f.
30 MENUT, D. A.und DENOMY, J, A., op. cit., S. 253.
31 Die ganze Argumentation ist mit allen Einzelheiten von „Links“ und „Rechts“ auf der Erde und dem Himmel viel schwieriger als hier dargestellt. zur genauen Beschreibung vgl.: ORESME, NICOLE., op. cit., S. 189 - 191.
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Oresme benutzt eine Vielzahl solcher Gedankenexperimente, die sowohl mehrere Seiten lang, also auch nur einige Zeilen kurz sein können. Damit seine Leser auch vorbereitet sind auf solche imaginierten Argumente, leitet er sie konsequent mit Worten wie „par ymaginacion“ oder „ymaginé que“ ein. Ein Interessanter unterschied zu diesen Gedankenexperimenten, sind Sätze, die Oresme mit „par aventure“ einleitet. Dies sind lediglich kurze Überlegungen, die sich auf andere Kontexte wie die Bibel, oder Biologie beziehen. 32 Da Gedankenexperimente ein vitaler Teil von Oresmes Kommentaren sind, lohnt es sich kurz anzumerken, dass er selbst, in Bezug auf die gleiche Methode von Aristoteles, in einer Glose angemerkt hat, warum solche hypothetischen Argumente Wert haben: Sie helfen, obwohl rein erfunden und nicht der Wirklichkeit entsprechend, bei der Vorstellung der Wahrheit. 33
5.5 Bezugnahme auf Averroes und Scot
Neben Aristoteles selbst sind es vor allem die Erklärungen von Averroes (Ibn Rušd), einem arabischen Philosophen des Mittelalters, 34 auf die Oresme Bezug nimmt. Angesichts des hohen Ansehens das Averroes als Kenner in Sachen Aristoteles genoss, sind Oresmes Erwähnungen von seinen Interpretationsansätzen vielzählig und ausführlich. Wo sich Oresmes Werk in zwei Teile unterscheiden lässt, Übersetzung und Kommentare, ist dies mit Averroes Schaffen nicht genau gleich der Fall. Er hat Aristoteles’ Texte lediglich kommentiert, nicht aber ins Lateinisch übersetzt. Averroes benutzte für seine Kommentare die Übersetzung von Michael Scot. 35
Deshalb verwendet Oresme Averroes auch auf zwei verschiedene Arten. Einerseits erwähnt er ihn als Quelle für Interpretationen. Das sind Bezugnahmen auf die Kommentare, die Averroes schrieb. Diese werden von Oresme in einer Form wie „Et pour ce di(s)t Averroïz que Aristote veult yci dire que (...)“ 36 gekennzeichnet. Andererseits aber benutzt Oresme auch die lateinische Übersetzung die den Kommentaren des Averroes zu Grunde liegen als Referenz zur Erklärung gewisser Sachverhalte bei Aristoteles. Dabei ist es nicht klar, ob Oresme, der seine Quellen normalerweise sehr präzise nennt, Averroes eigene Worte zitiert, oder die Übersetzung von Michael Scot, die Averroes lediglich verwendet. Abschnitte wie die folgenden sind es, die zu dieser Unklarheit führen, wenn man sich vor Augen hält, dass
32 Z.B: „(...) car par aventure, quant Dieu les crea, Il mist en eulz (...)“ ORESME, NICOLE., op. cit., S. 170.
33 ORESME, NICOLE., op. cit., S. 186. „Item, selon la translacion d’Averroïz, il pose que un homme soit extendu ou ciel et le moeve d’orient en occident, et il n’est pas ainsi; mais il pose telles choses condicionelment pour nous mener a cognoissance de veritè.“
34 Vgl. BAUTZ. F. W., « Averroès », Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Hamm, Band 1, (1990), Spalten 208 - 309.
35 Vgl: MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., op. cit., S. 254.
36 ORESME, NICOLE., op. cit., S. 165.
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Averroes nicht übersetzt: „Et la translacion d’Averroïz di(s)t ainsi.“ 37 Nach diesen Worten fügt Oresme direkt eine Passage ein die er als „Tiext“, also als Übersetzung markiert. Eben so kommt es vor, dass Oresme „selon la translacion de Averroïz“ schreibt und eine indirekte Rede von einer Übersetzung im Glose-Kommentar beifügt. 38 Ob mit diesen Passagen nun Scots Übersetzungen oder die Interpretation Averroes’ gemeint ist, wird nicht klar.
5.6 Bezugnahme auf Heidnische Sagen
Heidnische Sagen werden von Oresme hauptsächlich unter zwei Umständen verwendet. In einem ersten Fall bespricht er sie, wenn sie von Aristoteles selbst in seiner Schrift benutzt werden. In diesen Fällen handelt es sich meisten um griechische Sagen oder Legenden wie die des Atlas, 39 der den Himmel auf seinen Schultern trägt, oder Ixion 40 , der auf Ewigkeit ein Feuerrad drehen muss. Diese Geschichten erklärt Oresme und stellt ihren Bezug zum De Caelo her, um zu erklären, warum Aristoteles solche Mythenfiguren erwähnt. Hier zeigt Oresme ein deutliches Bewusstsein dafür, dass Antike Menschen mit diesen Geschichten sicherlich noch vertraut waren, aber schon seine Zeitgenossen mehr Hintergrundwissen benötigen um alle Anspielungen und Erwähnungen verstehen zu können. Anders verwendet er Sagen, wenn sie nicht im Zusammenhang mit Aristoteles Originaltext stehen, dann sind es meist Geschichten die von christlichen Theologen im Zusammenhang mit der Bibel überliefert wurden, die als Beispiele zur Erklärung einer Passage herhalten. Zum Beispiel bezieht sich Oresme auf die Geschichte des Echeladus, einem Gigant, der sich nirgends auf der Welt verstecken konnte, weil Gott überall sei. Gleiches gilt für die Referenzen auf Geschichten aus den „Legenda aurea“, einer Legendensammlung des Mittelalters, die zur Zeit Oresmes in ganz Europa bekannt war. Zum Beispiel die vom Erzengel „Saint Michiel“ 41 oder die Legende des Heiligen Morice 42 , welche von der Tapferen Verteidigung des Glaubens in Zeiten der römischen Christenverfolgung handelt. 43 Was an der Verwendung dieser heidnischen und früh christlichen Legenden auffällt ist, dass sie zwar immer im Zusammenhang mit Aristoteles verwendet werden, aber häufig Oresmes theologische Positionen stützen. Sie beziehen sich auf Gott und exemplifizieren an Hand
37 ORESME, NICOLE., op. cit., S. 174.
38 Vgl: MENUT, D. A., und DENOMY, J, A., op. cit, S. 167.
39 OERSME, NICOLE., op. cit., S. 176.
40 ibid., S. 177.
41 ibid., 173.
42 ibid., S. 170.
43 Vgl. VORGINE DE, JACOBUS., „The Life of Saint Maurice“ in: The Golden Legend or Lives of the Saints, Englished by William Caxton, Edinburgh 1900. Onlineausgabe konsultiert am 8.7.2009. the Internet Medieval Source Book, Paul Halsal. URL = < http://www.catholic-forum.com/saints/golden277.htm>.
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einfacher und bekannter Darstellungen von legendären Geschehnissen die Eigenschaften die diesem Wesen zugeschrieben wurden. Eigenschaften, wie Allgegenwärtigkeit und Ewigkeit, sind Konzepte die Aristoteles zwar verwendet aber nicht auf Gott bezieht, sondern zur Erklärung der Himmelsmechanik verwendet.
5.7 Bezugnahme auf die Bibel
Es sind aber bei weitem nicht nur heidnische und frühchristliche Legenden, in denen Oresme Aristoteles Gedanken mit dem Christentum verbindet. Noch viel häufiger geschieht es, dass er direkt die heilige Schrift (altes und neues Testament) zur Erklärung oder Widerlegung von aristotelischen Thesen herbeizieht. Diese Passagen leitet er mit grosser Konsequenz ein mit Worten wie „si comme di(s)t l’Escripture:“ 44 und nennt darauf hin auch immer wessen Standpunkt er einnimmt. Daniel, Ysaÿe, Jerome, Salomon, Augustin und die Bücher Moses sind einige der biblischen Autoritäten die er aufzählt. Auch diese biblischen Referenzen Benutzt Oresme auf zwei Arten. Einerseits als Illustrationen von Aristoteles Konzepten, was er an einer Stelle selbst wie folgt nennt: „Et ce pourroit estre couloré par la sainte Escripture qui dit de Dieu: (...).“ 45 Zum anderen verwendet er Bibelreferenzen um Aristoteles zu widersprechen, wenn dessen Theorien nicht mit ihr vereinbar sind.
5.8 Bezugnahme auf Theologen, Poeten und sich selbst
Durch alle seine Kommentare ziehen sich auch mannigfaltige Referenzen und Zitate von anderen mehr oder weniger bekannten Philosophen und Poeten aus der Antike und dem Mittelalter. Diese Denker werden entweder namentlich erwähnt oder schlicht mit ihrer Bezeichnung benannt. „Les poëtes“ sind die Dichter auf die er sich manchmal beruft, darunter fallen zum Beispiel Ovid und Virgile, die er als Referenzen erwähnt. „Les saint docteures“ nennt Oresme Theologen, wenn er allgemein auf eine Gruppe von Bibelgelehrten Bezug nimmt, die einstimmige Meinungen vertreten. Wenn ihre Werke und Namen bekannt sind, dann schreibt er ihre Namen ausdrücklich auf, Bernardus Silvester und Rmigius von Reims sind dabei nur einiger der theologischen Grössen, die er verwendet. Darüber hinaus deklariert Oresme auch seine eigenen Ansichten, wenn er diese einbringt. „Je di que (...)“ 46 ist zum Beispiel eine typische Einleitung für eine Passage in der er selbst seine genuinen Gedanken einfügt. Das können Syllogismen, logische Folgerungen oder
44 ORESME, NICOLE., op. cit., S. 168.
45 ibid., S. 163.
46 ibid., S. 171.
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Interpretationen sein. Sobald Oresme eigene Gedanken formuliert schreibt er auch, dass sie von ihm kommen, damit keine Verwirrung entsteht mit allen Anderen Meinungen von Philosophen, Poeten und Gelehrten die er in seine Kommentare einbaut.
6. Fazit
Es darf also festgehalten werden, dass, obwohl Oresmes Kommentare von vielen nicht aristotelischen Einflüssen geprägt sind, seine Methodik, die klare Nennung seiner Quellen und seine ausdrückliche Positionierung zu verschiedenen Themen, von grosser Wissenschaftlichkeit und einer klaren Haltung im Umgang mit Meinungen und Quellen zeugt. Die Vermerke auf andere Autoren und Texte, ob Averroes, Bibelstellen oder Poeten, haben die Funktion, die wir heute Fussnoten zukommen lassen würden. Sie sind Vermerke der Urheber gewisser wissenschaftlicher Thesen, die Oresme in sein Werk übernimmt. 47 Diese Exaktheit im Umgang mit Quellen ist, so scheint es mir, ein Beleg für Oresmes wissenschaftliche Sorgfalt und sein Bestreben, neben einem Buch für Laien, auch ein wissenschaftlich akkurates Werk zu schaffen.
Neben der methodischen Sorgfalt, die Oresme walten liess, ist vor allem Sein Bestreben Aristoteles’ Wissen mit der christlichen Lehre kompatibel zu machen, auffallend. Andererseits aber, und auch dieses Bestreben wird aus seinen Kommentaren klar ersichtlich, liegt Oresmes Ziel darin, Aristoteles laiengerecht aber in allen seinen Fassetten zu erklären. Dieses ehrliche, philosophische Bestreben ist es, was Oresme als Aristoteleskommentator heute noch lesbar und verständlich macht. Nicht nur seine Übersetzung besteht den Vergleich mit modernen Übersetzungen, auch seine Kommentare sind mit modernen Abhandlungen über die gleiche Schrift des Aristoteles vergleichbar, denn sie erleichtern tatsächlich das Verständnis für die schwierigen Gedanken dieses antiken Philosophen. Und obwohl in unserer Zeit die Vermischung von Glaube und Wissenschaft nicht mehr akzeptiert wird, darf doch nicht vergessen werden, dass Gott für Oresme nicht nur Glaube, sondern Naturgesetz war. Wie es Aristoteles niemals in den Sinn gekommen wäre Platons Theorie der „Seelen in den Himmelskörpern“ anzuzweifeln, 48 hätte es Oresme noch nicht mal im Entferntesten einfallen können, dass nicht Gott das alles bestimmende Prinzip des Himmels und der Erde ist.
47 MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., op. cit., S. 257.
48 Siehe Seite 5 dieser Arbeit.
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Mit dieser Einsicht vor unseren Augen können wir, so denke ich, Oresmes Werk schätzen als das was es ist: Eine wertvolle Synthese von antiker Philosophie mit mittelalterlicher Theologie und scholastischem Streben, die, was ihre Wahrheitswerte angeht, den Test der Zeit zwar nicht bestanden hat, aber uns kostbare Einsichten in die Entwicklung der Wissenschaften gibt.
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8. Bibliographie:
Primärtext:
ORESME, NICOLE., Le livre du ciel et du monde, Text and commentary by MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., New York, 1968.
Sekundärlitteratur:
SHIELDS., C.,
Aristotle,
in: The Stanford Encyclopedia of Philosophy (Winter 2008 Edition), Edward N. Zalta (ed.), URL =
PELLEGRIN., P., „Introduction“, in: Traité du ciel, Manchecourt 2004, S. 7-62.
LEGGATT., S., „Introduction“, in: On The Heavens I & II, Warminster 1995, S. 1-45.
MENUT, D. A., und DENOMY, J. A., „Introduction“, in: Maistre Nicole Oresme, Le livre du ciel et du monde, Text and Commentary, New York, 1968, S. 239 - 267.
GUTHRIE., W. K. C. „Introduction“, in: Aristotle, in twenty-three volumes, IV, on the heavens, London, 1939, S. 9 - 36.
BAUTZ. F. W., « Averroès », Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon Hamm, Band 1, (1990), Spalten 208 - 309.
Quellen:
VORGINE DE, JACOBUS., „The Life of Saint Maurice“ in: The Golden Legend or Lives of the Saints, Englished by William Caxton, Edinburgh 1900. Onlineausgabe konsultiert am 8.7.2009. the Internet Medieval Source Book, Paul Halsal. URL = < http://www.catholic- forum.com/saints/golden277.htm>.
Arbeit zitieren:
Pascal Lottaz, 2009, Aristoteles bei Nicole Oresme, München, GRIN Verlag GmbH
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