Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 1
2. Die Grundkonzepte der Evolutionstheorie 4
3. Die Natur der Fürstenherrschaft 6
3.1 Die Welt des Fürsten 7
3.2 The fittest Prince 10
4. Die evolutionären Mechanismen 15
5. Die unausweichliche Schlussfolgerung: Das böse System 17
6. Literaturverzeichnis 21
Vorbemerkung :
Diese Arbeit ist eine Untersuchung von Niccolò Machiavellis Schrift „Il Principe“, zu Deutsch „Der
F ürst“ Um die folgenden Seiten nicht mit überflüssigen Fussnoten zu überladen, sind die
Referenzen zum übersetzten Originaltext immer hinter die entsprechenden direkten oder indirekten
Zitate als eingeklammerte Hochzahlen (0) gesetzt. Diese Hochzahlen beziehen sich immer auf die
entsprechende Seite des1986 zum ersten Mal im Reclam Verlag erschienene, zweisprachige
Ausgabe von Machiavellis Werk (übersetzt von P. Rippel)
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1. Einleitung
Niccolò Machiavelli, der florentinische Staatsmann, Historiker und Philosoph des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts, verfasste gegen Ende seines Lebens, 1513 eine kleine Schrift, mit dem italienischen Originaltitel, "Il Principe". Dieses, in 26 kurzen Kapiteln abgefasste Büchlein, war eine Verhaltensempfehlung an den momentanen Fürsten von Florenz. Es beinhaltet die Richtlinien die Machiavelli seinem Herrscher empfiehlt um in seiner Regentschaft erfolgreich zu sein und zu bleiben. Die 26 Kapitel behandeln Themen wie Herrschaftsformen, den Erwerb und die Gestaltung von Herrschaft, Heerwesen, Tugenden, dem Wesen der Menschen, etc. und ist gespickt mit vielen Beispielen der Geschichte, um die gegebenen Empfehlungen zu begründen. Machiavelli hebt selbst hervor, dass seine Schrift eine Analyse und Synthese dessen ist, was er in seinem Leben als Politiker und Geschichtsliebhaber gesehen und gelernt hat. (6/7) "Il Principe" wird der literarischen Gattung der "Fürstenspiegel" zugeordnet. Das sind Schriften, die von Staatsmännern und Gelehrten für ihre jeweiligen Herrscher verfasst wurden, um den jeweiligen Regenten, im metaphorischen Sinne, einen Spiegel vorzuhalten, in dem sie das Idealbild von sich selbst erkennen, und sich danach verhalten können. Egal ob nun der berühmte Philosoph der Antike, Seneca, für seinen Herrscher, den römischen Kaiser Nero, oder nur der ehemalige Staatssekretär von Florenz, Niccolò Machiavelli, für den neuen Fürsten von Florenz, Lorenzo de´ Medici, beide Männer schrieben ihre Herrschaftsempfehlungen an ihre jeweiligen Monarchen nieder, in der Hoffnung, diese mögen ihnen eine lange und gute Herrschaft bereiten.
Was aber die Auffassung von "gut" angeht, da unterscheidet sich Machiavellis Ansatz in drastischer Weise von der anderer Autoren von Fürstenspiegeln. Wo Schriftsteller wie Seneca ihren Staatsoberhäuptern empfehlen aufrichtig, ehrlich, tapfer, grossmütig, wohlwollend, etc. zu sein, da schreibt Machiavelli, dass ein Fürst vor allem eins zu sein hat, listig. Mag kommen was will, die höchste Pflicht des Fürsten ist es seine eigene Macht zu erhalten und wenn möglich auszubauen. Dazu ist es nicht nur in Ordnung, sondern tatsächlich auch Tugendhaft, auf alle nur erdenklichen Mittel und förderlichen Charakterzüge die es gibt zurück zu greifen; Verschlagenheit, Lüge, Betrug, Mord, Folter, Furcht, Gewalt, Angst und dieser Mittel vieler mehr, welche von einem auch nur halbwegs moralischen Wesen nicht anders als für verwerflich empfunden werden können. Nicht nur die christliche, sondern eine jede mit der menschlichen Intuition in Vereinbarung zu bringende Moral verdammt Handlungen wie Sippenmord, Wortbruch, Verwandtenmord, Betrug und dergleichen, die Machiavelli aber allesamt als Handlungen charakterisiert die ein "tugendhafter" Fürst anzuwenden hat.
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klassisch, moralischen Sinne des Wortes "tugendhaft" ist. Er ist kein liebenswerter Benefaktor, der gottesfürchtig das tut, was eine höhere Macht ihm aufträgt. Auch hat er keine Züge eines heidnischen Helden á la Beowulf, der zwar aufs äusserste brutal, aber loyal und gerecht für sein Reich kämpft. Noch ist er ein mill´scher Utilitarist, der das grösstmögliche Glück für die grösstmögliche Anzahl Menschen zu erwirken versucht und erst recht hat er keine Züge eines kant´schen Moralisten, der sich rigide an absolute, ethische Prinzipien hält. Alle solchen Moraltheorien, seien sie christlich, heidnisch oder säkular-aufgeklärt werden Machiavellis "tugendhaften Fürsten" einfach als einen genuin bösen, selbstsüchtigen Tyrannen enttarnen und Machiavellis Handlungsanweisungen als unmoralisch ablehnen.
An dieser Stelle wird meine Arbeit einhaken. Es hat nämlich etwas rätselhaftes, dass ein so intelligenter und belesener Denker wie Machiavelli, der die Geschehnisse seiner Zeit haarscharf untersuchte und analysierte, Aspekte der Geschichte, der Politik, Psychologie, Soziologie, Staatstheorie, Jurisprudenz, ja sogar der Medizin in sein Werk mit einfliessen liess, aber keine ethisch-moralischen Bedenken zu seinen grausamen Empfehlungen zu haben scheint. Hatte Machiavelli denn gar keine Moral vor Augen, die ihm hätte anzeigen können, dass das was er da empfiehlt nach jeder christlichen oder sonstigen Moral böse Handlungen sind? Die Suche nach einer Antwort auf diese Frage wird uns, so denke ich, auch an einer zweiten Merkwürdigkeit von Machiavellis Text vorbeiführen. Ebenso befremdlich nämlich, wie der Umstand, dass Machiavelli so viele grausame und amoralische Ratschläge erteilt, ist, dass sie trotz ihrer Verwerflichkeit doch irgendwie Sinn machen. Obwohl man das, was Machiavelli an praktischen Ratschlägen äussert, eigentlich ablehnen möchte, muss man sich doch eingestehen, dass seine Begründungen, zumindest intuitiv, Sinn machen und die geschlossenen Konklusionen, obwohl sie moralisch verwerflich sind, doch zu stimmen scheinen. Der Mord an unschuldigen Kindern zum Beispiel kann keine gute Tat sein. Es stimmt aber, dass wenn es sich um die Kinder eines rivalisierenden Fürsten handelt, man sich seines eigenen Lebens nie sicher sein wird, solange nur der rivalisierende Fürst tot ist, aber nicht seine Kinder. Diese Argumentation leuchtet ein, es stört aber, dass sie plausibel wirkt. Wie lässt sich dieser Zwiespalt lösen? Ich werde in dieser Arbeit versuchen auf die genannten zwei Probleme eine Antwort zu finden. Um dies zu erreichen, werde ich dafür argumentieren, dass Machiavellis verschiedenen Vorstellungen, wie zum Beispiel die des "tugendhaften Fürsten" oder der Monarchie aber auch die moraltheoretische Sphäre seiner Schrift am besten durch Konzepte entliehen aus der Evolutionstheorie gefasst und verständlich gemacht werden können. Deshalb wird der folgende Teil sich zuerst mit den für diese Untersuchung zentralen Konzepten der Evolutionstheorie beschäftigen,
2. Die Grundkonzepte der Evolutionstheorie
Evolution ist ein weiter Begriff und beschreibt mehrere Phänomene der natürlichen Welt. Die Bedeutung für die wir uns zu interessieren haben, enstand Mitte des 19. Jahrhunderts und geht auf den Naturforscher Charles Darwin zurück. Darwin wollte mit seiner Theorie der Evolution durch natürliche Selektion einen Erklärungsversuch liefern, wie es zu der unglaublich grossen Diversität an organischem Leben auf unserem Planeten kommen konnte. Die Idee, welche er entwickelte war, dass nicht Gott für die Artenvielfalt auf Erden zuständig war, sondern ein spezieller Mechanismus, den er auf den Namen "natürliche Selektion" taufte. Diese besagt grob beschrieben, dass je besser eine Spezies oder ein Individuum seiner Umgebung angepasst ist, desto besser werden seine Chancen stehen, sich zu vermehren und seine eigenen, dem Überleben vorteilhaften biologischen Eigenschaften an nächste Generationen weiter geben zu können.
Dieser Grundsatz kommt aus der Beobachtung, dass Leben in der Natur ein permanenter Kampf ums Überleben ist. Fressen oder gefressen werden lautet die Devise welche Mutter Natur ihren Geschöpfen aufgezwungen hat. Wie aus diesem „Struggle for survival“ der Prozess der natürlichen Selektion folgt, beschreibt Darwin in seinem Buch "The origin of species" ein wenig ausführlicher wie folgt: "Owing to this struggle, variations, however slight, and from whatever cause proceeding, if they be in any degree profitable to the individuals of a species, in their infinitely complex relations to other organic beings and to their physical conditions of life, will tend to the preservation of such individuals, and will generally be inherited by the offspring. The offspring, also, will thus have a better chance of surviving, for, of the many individuals of any species which are periodically born, but a small number can survive. I have called this principle, by which each slight variation, if useful, is preserved, by the term Natural Selection, (...)" 1
In dieser Definition sind die Begriffe der Variation (also Veränderung) und der Vererbung von zentraler Bedeutung. Nur wenn sich Merkmale von Lebewesen verändern, können deren Träger sich ihrer Umgebung, welche Darwin hier ein "unendlich komplexes Verhältnis zu anderen organischen Wesen" nennt, anpassen und darin überleben. Anpassung geschieht über die Veränderung bestehender Merkmale und diese Veränderung kommt im Rahmen der Biologie einzig zustande, wenn Merkmale von einer Generation zur nächsten vererbt werden. Erst die Vererbung macht es möglich, dass Veränderung von Eigenschaften zustande kommen kann. Merkmale von
sondern erst bei der Vererbung.
Wenn wir den Sprung in die Moderne machen und uns anschauen, wie diese beiden Konzepte Darwins (Veränderung und Vererbung) heutzutage in der Genetik gefasst werden, kommen an dieser Stelle zwei neue, moderne Begriffe der Evolutionsforschung hinzu, die es anzuschauen gilt: die „Information“ und das „System“. Informationen sind metaphorisch gesprochen „gespeicherte“ Eigenschaften eines Lebewesens, während ein System der Bezugsrahmen ist, in dem sie sich befinden und umsetzen können. Den Träger von Information, der für die Eigenschaften eines Organismus zuständig ist, nennt sich in der Biologie „Gen“. Gene speichern unsere physischen Merkmale und werden von Generation zu Generation biologisch vererbt.
Die Idee der natürlichen Selektion Darwins und die Erkenntnisse der Genetik hatten weit reichende Konsequenzen für die moderne Biologie, die mit dieser Entdeckung erst ihre Form annahm, wie wir sie heute kennen. Dort blieb dieses neue Konzept der Evolution aber nicht stehen, sondern hat in jüngerer Zeit auch in der Soziologie Wurzeln geschlagen. Der Biologe Richard Dawkins hat in den siebziger Jahren vorgeschlagen auch soziale Phänomene im Menschen und Tierreich in den Konzepten der Darwin´schen Evolutionstheorie zu fassen. Dabei prägte er den neuen Begriff des "Mems", welches auf soziokultureller Ebene das Äquivalent zum biologischen "Gen" sein soll. Ein Mem, so Dawkins, ist die kleinste Informationstragende Einheit im Raum der Kultur. Meme sind, kurz gesagt, so etwas wie Ideen. Die Idee "Rad" oder die Idee "Uhr" sind Meme oder auch die Ideen "Glaube" oder "Geld". Ganz konkrete Dinge in der Welt sind, wenn wir sie begreifen, Meme. Genau so sind aber auch all unsere abstrakten Ideen und Stereotypen Meme in einem konzeptuell schwieriger zu fassenden Rahmen. Es geht nur darum, dass Ideen jeweils von intelligenten Lebewesen erdacht und weitergegeben werden müssen. Der Punkt dieses Gedankens ist, dass kulturelle Errungenschaften, die sich durch kopieren weitergeben und gleichzeitig auch weiterentwickeln, eine ähnliche Funktion erfüllen wie Gene und nach denselben zugrunde liegenden Mechanismen arbeiten. Deshalb sind sie zuständig für die Entwicklung, respektive Evolution von Kultur. 2
Was ich an Dawkins Idee, die allgemein unter dem Namen "Memetik" bekannt wurde, faszinierend finde, ist das, was der Philosoph Daniel Dennett in seinem Buch "Darwins Dangerous Idea" ausführt. Evolution ist nicht eine rein biologische Eigenschaft, ein biologisches Gesetz sozusagen, das sich auf eng definierte Räume im organischen Leben bezieht. Nein, Evolution ist ein Mechanismus. Ein Mechanismus der in ganz verschiedenen Gebieten walten kann. Was also im Bereich der Biologie, wie auch der Soziologie, geschieht ist nicht die Erfindung gewisser Konzepte,
beschreiben werden können, sondern die Entdeckung von herrschenden Abläufen. Man darf sich die Behauptungen der Memetik also nicht vorstellen, als Abstraktionen der Konzepte der Genetik. Vielmehr sind beide Theorien (natürlichen Selektion und Memetik) die Beschreibung von natürlichen, mechanischen Abläufen die in ihren jeweiligen Bezugssystemen stattfinden. Das Bezugssystem der Darwin´schen Evolutionstheorie ist die Biologie, das der Dawkin´schen Evolution ist der Raum der Kultur.
Was ich in den nächsten Kapiteln darlegen und zu beweisen versuchen werde ist, dass Niccolò Machiavelli evolutionäre Mechanismen seiner Zeit entdeckt und beschrieben hat und darüber hinaus ein wichtiges Mem seiner Zeit dekodierte. Das des tugendhaften Fürsten.
3. Die Natur der Fürstenherrschaft
Wollen wir Machiavelli anhand der oben beschriebenen Theorie der Evolution nach natürlicher Selektion und der Memetik untersuchen, müssen wir einiges an Wissen über seine Zeit zuerst zu Tage fördern. Wie zum Beispiel sah das Bezugssystem aus, das Machiavelli beschrieben und analysiert hat und wie sein Hauptprotagonist, der Fürst?
Zu unserem Glück ist es Machiavellis selbsterklärtes Ziel, die Umstände seiner Zeit und dessen was er vermitteln will zu beschreiben. Was ihn nämlich hauptsächlich interessierte, war das was wir den "Ist-Zustand der Welt" nennen können. In Phantastereien über den idealen Staat und dessen Grundlagen wollte er sich gar nicht erst ergeben. Darum meinte er: "Viele haben sich Republiken und Fürstentümer vorgestellt, die nie jemand gesehen oder tatsächlich gekannt hat; denn es liegt eine so grosse Entfernung zwischen dem Leben wie es ist, und dem Leben wie es sein sollte (...)." (119) Er stellt in diesem Kapitel (15) klar, dass er " (...) die blossen Vorstellungen über den Fürsten beiseite lasse[n] und nur von seiner Wirklichkeit spreche[n] (...)" will. Dieser Wirklichkeit, wie er sie wahrnahm, wollen wir jetzt nachgehen.
Interessanterweise ist Machiavellis eigene Textaufteilung so gestaltet, dass er in der ersten Hälfte seiner Schrift dem Leser zuerst die Umstände darstellt, in denen Fürsten zu bestehen haben. Es scheint, als sei Machiavelli klar gewesen, dass er einem Leser zuerst vorstellen müsse, wie die Welt aussieht, in der sich ein Fürst bewegt, bevor er zum Fürsten selbst kommen konnte. In der Sprache der Evolutionstheorie ausgedrückt, kümmert sich Machiavelli also zuerst um die Beschreibung des natürlichen Lebensraums der Fürsten. Wenn man eine grobe Einteilung der Kapitel vornimmt, so
beschäftigen. Diese Abschnitte beschreiben und analysieren bestehende und antike Monarchien, wobei Machiavelli ihre jeweiligen Eigenschaften und Mechanismen erklärt. Im zweiten Teil des Buches, ungefähr vom zitierten Kapitel 15 bis hin zum Schluss, spricht Machiavelli dann nur noch vom Fürsten, respektive von den Eigenschaften die ein Fürst inne haben sollte um, in Machiavellis Sinn, ein tugendhafter Fürst zu sein. Die Einteilung seiner Schrift folgt also dem Schema zuerst die Umwelt, den Lebensraum des Fürsten zu schildern und dann erst den Fürsten selbst. In den einzelnen Kapiteln überschreitet Machiavelli diese Einteilung manchmal. Da spricht er auch schon mal vom Fürsten selbst auch wenn es sich erst um die ersten Kapitel handelt. Im Grossen und Ganzen ist es aber so, dass in der ersten Hälfte viel häufiger die Rede von den Herrschaftsgebieten ist und erst im zweiten Abschnitt dann der Fürst als politisches Wesen besprochen wird. Zuerst untersucht Machiavelli also die Umwelt des Fürsten und dann erst den Untersuchungsgegenstand selbst. Es schient also als herrsche hier eine gewisse Form der Abhängigkeit des Fürsten von seinem Lebensraum, die Machiavelli seinem Leser zu schildern versucht. Zu der formellen Aufteilung der Untersuchung kommt noch eine Inhaltliche hinzu. In beiden Hälften von "Il Principe" untersucht Machiavelli die Wirklichkeit, in Bezug auf den Fürsten und die ihn umgebende Welt, meiner Meinung nach, hauptsächlich unter zwei Gesichtspunkten, einem politischen und einem anthropologischen. Der politische Teil sind die Beschreibungen von Herrschaftszuständen, respektive den politischen Entscheidungen des Herrschers. Was das anthropologische angeht, so sehen wir uns immer wieder mit Machiavellis Analysen der Menschen konfrontiert, wie sie sind, was ihre grundlegenden Charakterzüge ausmacht oder über was für Verhaltensdispositionen ein Fürst verfügen sollte. Gehen wir darum diesen Analysen des politischen und anthropologischen im ersten und zweiten Teil von "Il Principe" nach und schauen wir uns an, ob wir in diesem System evolutionäre Mechanismen finden können.
3.1 Die Welt des Fürsten
Was den politischen Ist-Zustand seiner Zeit angeht, da hält Machiavelli fest dass, „Alle Staaten, alle Reiche, die über die Menschen Macht hatten und haben, waren und sind Republiken oder Fürstenherrschaften. Die Fürstenherrschaften sind entweder ererbt, (...), oder sie sind neu erworben." (9) Andere Formen des politischen Zusammenlebens von Menschen zieht Machiavelli gar nicht in Betracht. Eine Idee wie den "Naturzustand" Lockes und Rousseaus, in dem allem Menschen ohne übergeordnete Machtstrukturen zusammenleben, überlegt er sich gar nicht. Dies ist für ihn aber aus der oben genannten Tatsache, dass er nur tatsächlich existierende Zustände in
Welt der Fürstenherrschaften aussieht, da ein Fürst ja nur in einem monarchisch organisierten System und nicht in Republiken Fürst sein kann. Im zweiten Kapitel erklärt Machiavelli seinem Leser, dass ererbte Fürstenherrschaften wesentlich leichter zu behaupten seien als Neuerworbene. Als Grund für diesen Unterschied, gibt er eine anthropologische Beobachtung an. Weil Untertanen die an einen Fürsten gewohnt seien, sich diesen auch nicht wegwünschen würden, wenn er sich nicht aus Versehen verhasst mache, sei ein alteingesessenes Herrschergeschlecht wesentlich sicherer verankert in seiner Bevölkerung, als ein neues. 3 Eroberte Fürstentümer zu behaupten sei da viel schwieriger, weil die Bevölkerung eine andere Herrschaft (Republik) oder ein anderes Herrschergeschlecht gewohnt sei. Aus dieser Beobachtung zieht Machiavelli wiederum einige Schlüsse für den Herrscher, wie solche Fürstentümer mit politischen Mitteln am besten gegen das Aufbegehren von innen, von Seiten der Untertanen her, zu behaupten seien. Es sind vor allem anthropologische Beobachtungen, die Machiavelli dazu bringen, gewisse politische Mittel als angebracht zu bewerten. Zum Beispiel stellt er fest, dass es "in der Natur der Dinge" läge, dass die Schwächeren eines Staates einem Eroberer zugelaufen kämen, in der Hoffnung aus seiner Herrschaft Profit schlagen zu können. (19) Dies führt ihn dazu, das politische Mittel der Kolonien als vorteilhaft zur Verteidigung von eroberten Aussenposten eines Reiches anzupreisen. 4 Oder, nur um noch ein solches Beispiel anzufügen: Machiavelli empfiehlt seinem Fürsten als politisches Mittel, in eroberten Gebieten selbst Wohnsitz zu nehmen, wenn diese Gebiete vorher Republiken waren. Denn diese Orte seien ganz natürlich (weil sie grosse Freiheiten gewohnt waren) Herde von Unruhen und ein Fürst müsse daher bei drohenden Problemen sofort intervenieren können. (17)
Vom Volk weiss Machiavelli also generell zu berichten dass es seinem Fürsten grosse Gefahr bedeutet, weil sein grundlegendes Streben das nach Freiheit sei, während Fürsten danach strebten ein Volk zu unterdrücken. (77) Wegen diesen einander entgegengesetzten natürlichen Bedürfnissen von Volk und Fürst, gelte es sich stets gegen unten, gegen das ganze Volk, gut abzusichern. In diese Vorsichtsmassnahmen müssten aber auch Absicherungen gegen das Machtstreben einzelner Individuen aus dem Volk, die dem Herrscher nahe stehen, erfolgen. Eine weitere Beobachtung Machiavellis ist es nämlich, dass ein Herrscher niemals alleine regiert, sondern immer auf die Unterstützung von Ministern, Beratern und anderen Individuen angewiesen ist. Es gilt jedoch, dass je klüger diese sind, desto bedrohlicher werden sie. Wenn sich, laut Machiavelli, ein Fürst nämlich
3 Wenn man sich heute noch die letzten verbliebenen Fürstentümer Europas anschaut, wie Lichtenstein oder Monaco,
deren Bevölkerung trotzt aller Vorteile, die eine Demokratie bieten, noch immer an ihrem uralten Herrschergeschlecht
hängen, dann kann man fast nicht anders als Machiavelli hier zuzustimmen.
4 Und bitte erinnern wir uns daran, dass Machiavelli diesen Ratschlag über 200 Jahre vor der Blütezeit des
europäischen Kolonialismus gegeben hat, in denen sich zum Beispiel Großbritannien ganze Kontinente und
Resultat: "(...) jener, auf dessen Führung er sich verlassen hat, würde ihm nach kurzer Zeit die Herrschaft entreissen." (187)
Solche Analysen gibt Machiavelli noch einige mehr, mit denen er die Ergreifung politischer Mittel im Inneren eines Herrschaftsgebietes nachvollziehbar zu machen versucht. Sie sind immer abgefasst in der Form: Weil das Wesen des Mensch X (anthropologische Beobachtung) ist, darum ist es geboten Y (Politisches Mittel) zu tun.
Machiavelli beschränkt sich allerdings nicht nur auf das Innere seiner Herrschaft, sondern er weiss genau, dass auch das Aussen in Betracht gezogen werden muss. Diese Umwelt ausserhalb des Herrschaftsgebietes eines beliebigen Fürsten hatte ganz bestimmte Eigenschaften. Die Zeit Machiavellis war nämlich nicht die Epoche des geeinten Europas, sondern ganz im Gegenteil, eine Vielfalt an grossen, mittleren, kleinen und Kleinstherrschaften durchfurchten den Kontinent und führten auf der Landkarte zu einem immensen Gebilde an verschiednen Machtstrukturen. Kaiserreiche, Königreiche, Herzogtümer, Grafschaften, Kirchenstaat, Freie Reichsstädte, Reichs Ritter, Reichsdörfer, kleine Republiken, die Eidgenossenschaft und dieser politischen und juristischen Gebilde vieler mehr waren zwar einerseits unabhängig und unterschiedlich voneinander aber andererseits durch Heiraten, Bündnisse, Untertanenbeziehungen, Verwandtschaften und gegenseitigen Abhängigkeiten miteinander verflochten. Sich in diesem Netz aus Herrschaftsgebieten als Oberhaupt eines Staates zu behaupten, dazu war militärische Macht vonnöten. Denn es sei eine natürliche Anlage von Fürsten (und damit wären wir schon wieder bei einer anthropologischen Beobachtung Machiavellis) sich immer neue Gebiete einverleiben zu wollen. „Die Eroberungslust ist wahrlich eine sehr natürliche und verbreitete Erscheinung (...)“ (27) schreibt Machiavelli im Original. Sie, die Eroberungslust, die anscheinend eine Eigenschaft des menschlichen Charakters ist, muss einen Fürsten so vorsichtig machen, dass er sich gegen andere Fürsten mindestens verteidigen können sollte. Noch besser für einen Herrscher wäre es aber, wenn er im Stande wäre, selber Eroberungen durchzuführen, denn "(...) immer, wenn die Menschen - die dazu imstande sind- Eroberungen machen, werden sie gelobt oder wenigstens nicht getadelt." Wenn wir Machiavelli glauben wollen, hängt für einen Monarchen also sehr viel davon ab, ob er dazu im Stande ist sich militärisch durchsetzten zu können oder nicht. Sein ganzes Reich und wahrscheinlich auch sein Leben stehen auf dem Spiel. Daraus erklärt sich die immense Rolle, die Machiavelli dem Militär eines Herrschers zuspricht. Diesen Punkt werden wir uns im nächsten Unterkapitel ansehen.
Ziehen wir an dieser Stelle von Machiavellis Beobachtungen kurz Bilanz, auch wenn diese eher
auf die Gutmütigkeit und das Wohlwollen seiner Berater, seines Volkes oder gar der Fürsten anderer Staaten verlassen. Der Grund für diesen Umstand, den lokalisiert Machiavelli, wie wir schon mehrmals gesehen haben, in der Natur des Menschen. Seine Überlegungen zu diesem Thema, führen ihn in Kapitel 17 zu seiner wohl berühmtesten anthropologischen Ansicht über die natürlichen Anlagen des Menschen: "Denn man kann von den Menschen im allgemeinen sagen, dass sie undankbar, wankelmütig, unaufrichtig, heuchlerisch, furchtsam und habgierig sind; und solange du ihnen gutes erweist, sind sie dir völlig ergeben: sie bieten dir ihr Blut, ihre Habe, ihr Leben und ihre Kinder, wenn - wie ich oben gesagt habe - die Not fern ist; kommt diese dir aber näher, so begehren sie auf. (...) die Liebe wird durch das Band der Dankbarkeit aufrechterhalten, das, weil die Menschen schlecht sind, von ihnen bei jeder Gelegenheit des eignen Vorteils wegen zerrissen wird (...)" (130/131) Machiavelli scheint dieses negative Menschenbild konsequent vor Augen zu haben, denn er äussert sie auch an ganz anderen Stellen in lediglich anderen Worten: „(...) die Menschen werden sich dir gegenüber immer als böse erweisen, wenn sie nicht gezwungen werden, gut zu sein.“ (187) oder: „(...) da nämlich [in ruhigen Zeiten] kommt jeder gelaufen, gibt Versprechen und will für ihn [den Fürsten] sterben, solange der Tod fern ist; in schweren Zeiten jedoch, wenn der Staat die Bürger braucht, finden sich nur Wenige.“ Auf die Menschen, das stellt Machiavelli in diesen Passagen klar, ist kein Verlass. Ihre angeborenen, natürlichen Dispositionen für ihr eigenes Wohlergehen zu sorgen macht sie zu unzuverlässigen Bündnispartnern, gefährlichen Ministern, aufbegehrenden Untertanen; schlicht, zu Faktoren die einen Fürsten bedrohen. Diese Bedrohungen, die aus dem Verhalten der Menschen an sich und der System bedingten Rolle des Fürsten erwachsen, ist, wie wir weiter oben gesehen hatten, Grund für die politischen Ratschläge, die Machiavelli erteilt. Verhaltensdisposition X rechtfertigt (oder erzwingt sogar) das politische Mittel Y, wenn ein Herrscher auch Fürst bleiben will. Wenn er nicht Y durchführt, so steigt die Gefahr drastisch, dass er bald aufhört Fürst zu sein.
3.2 The fittest Prince
Politische Mittel zu kennen und zu erkennen sind das Eine, sie aber auch ergreifen zu können das Andere. Befehle einer gewissen Art zu erteilen, respektive sich im politischen Leben mit anderen Fürsten auf eine bestimmte, vorteilhafte Weise verhalten zu können, bedarf eines menschlichen Charakters, der auch dazu fähig ist diese politischen Mittel zu ergreifen. Die Beschreibung des Charakters, respektive der notwendigen Dispositionen, die ein Fürst unbedingt besitzen und trainieren sollte, zusätzlich zu einer exakten analytischen Fähigkeit, Situationen auch richtig
Principe" darlegt. Er gibt nun nicht mehr nur Handlungsempfehlungen ab, sondern beschreibt, wie ein Fürst sein muss, um diese Handlungen auch durchführen zu können. Es geht von nun an also um die Eigenschaften, die ihm innewohnen müssen, damit er in seiner feindlichen Umgebung als Fürst bestehen kann. Auch in dieser Beschreibung, denke ich, gibt uns Machiavelli zwei Ebenen. Einerseits die Beschreibung des Fürsten als abstraktes Wesen der Politik und andererseits als menschliches Wesen, mit menschlichen Charakterzügen.
Machiavelli sagt uns, dass der Fürst als Politiker vor allem eines sein muss; ein Herrscher. Er muss den Menschen um sich herum seinen eigenen Willen auferlegen können. Das ist die Grundlage dafür, tatsächlich auch Fürst zu sein. Machiavelli geht dabei nicht wie Hobbes ein Jahrhundert nach ihm darauf ein, ob es eine legitime Grundlage für Herrscher gibt, über andere Menschen zu befehlen. Die Herrschaft von Fürsten über Menschen, so stellt Machiavelli den Ist-Zustand dar, war ein Faktum seiner Zeit und Herrschaft braucht nicht ein fundamentales Prinzip, das sie legitimiert. Herrschaft legitimiert sich selbst und zwar durch eine zentrale Eigenschaft: Macht. Sie erst, so Machiavelli, realisiert Herrschaft. Wer Macht hat, der regiert, der befiehlt und erlässt, was gut und recht ist. 5 Das ist, denke ich, die Bedeutung hinter Machiavellis Bemerkung im zwölften Kapitel: „Die hauptsächlichen Grundlagen, die alle Staaten brauchen (...) sind gute Gesetze und ein gutes Heer. Und da es keine guten Gesetzte geben kann, wo es kein gutes Heer gibt, aber dort, wo ein gutes Heer ist, auch gute Gesetze sein müssen, will ich die Erörterung der Gesetzte übergehen und nur vom Heerwesen sprechen.“ (94/95) Machiavelli versteht unter Macht also militärische Stärke. Deshalb gehört zur Untersuchung des Ist-Zustandes verschiedener Staaten vor allem die Betrachtung darüber, „ob ein Fürst so viel Macht hat, dass er sich nötigenfalls aus eigener Kraft behaupten kann, oder ob er zu seinem Schutz immer Andere nötig hat.“ (83) Und weil militärische Macht das zentrale Kriterium für Herrschaft ist, darf sich ein Fürst auch nicht auf Söldnertruppen verlassen, da diese „herrschsüchtig, undiszipliniert und treulos“ (95) seien, sondern muss ein eigenes Heer besitzen. Es ist also militärische Macht, welche Grundlage und Legitimation für Herrschaft im Innern wie im Äussern darstellt und das Besitzen von Macht ist die Grundeigenschaft des Fürsten als politisches Wesen. Hält man sich diesen Umstand vor Augen, dass nur militärische Macht Legitimation für Herrschaft sein kann, dann überrascht auch die Einleitung von Kapitel 14 nicht. „Ein Fürst darf also weder eine andres Ziel noch einen anderen Gedanken haben oder sich mit irgendeiner anderen Kunst befassen als mit der Kriegskunst, ihren Regeln und der ihr eigenen Disziplin; denn dies ist die einzige Kunst, die man von dem erwartet, der befiehlt; sie besitzt solche Wirksamkeit, dass sie nicht nur gebürtige Fürsten auf dem Thron erhält, sondern oftmals auch Männer aus privaten Verhältnissen zu solcher Würde emporsteigen lässt; und umgekehrt sieht man,
verloren haben." Macht ist die Legitimation von Herrschaft und die Kriegskunst die dazugehörige "Tugend", in der ein Fürst geübt sein muss, um seine Herrschaft aufrecht erhalten zu können.. Wenn wir nun von diesem abstrakten Level des Fürsten als Politiker, zum Fürsten als Menschen kommen, zu dessen anthropologischem Aspekt also, dann stellen wir fest, dass wir nun bei dem Wesen angekommen sind, das uns in der Ausgangsfrage der Einleitung schon beschäftigt hat. Wir sind beim "bösen" Fürsten angelangt. Ab Kapitel 15 beschreibt Machiavelli nämlich direkt und unverblümt, wie die moralische Konstitution eines Fürsten (wir würden dies heute Charakter nennen) zu sein hat.
Zu aller erst, darf ein Fürst keine Skrupel, also weder Gewissensbisse, noch sonstige Bedenken, haben, moralisch verwerfliches zu tun. Machiavelli schreibt dies in seinen eigenen Worten vie folgt: "Ich weiss wohl, dass ein jeder zugeben würde, es wäre am löblichsten, wenn ein Fürst von allen vorgenannten Eigenschaften nur diejenigen hätte, die für gut gehalten werden; da man sie aber weder alle besitzen noch vollständig verwirklichen kann, insofern die menschliche Natur dies nicht erlaubt, ist es nötig, dass er den schlechten Ruf derjenigen Laster zu vermeiden weiss, die ihn die Herrschaft kosten würden, und dass er sich auch vor solchen Lastern, die ihn nicht um die Herrschaft bringen würden, zu hüten versteht, wenn es ihm möglich ist; vermag er dies jedoch nicht, so kann er sich ihnen mit geringeren Bedenken überlassen." (121) Denn für Machiavelli ist klar, dass nur diejenigen Tugenden echte Tugenden in seinem Sinne sind, die das Fortbestehen des Fürsten begünstigen und diejenigen Dispositionen schlecht sind, die bei ihrer Verwirklichung das Überleben des Fürsten behindern. Es darf also nicht erstaunen, dass Machiavellis tugendhafter Fürst folgendes tut:
• Er lügt. Wann auch immer er im Halten seines Wortes einen Nachteil erfahren könnte, muss er es brechen, um keinen Schaden zu nehmen. Der Grund dafür ist, dass die Menschen "schlecht sind und ihr Wort dir gegenüber nicht halten würden, [darum] brauchst auch du dein Wort ihnen gegenüber nicht zu halten." (137)
• Er betrügt. Den Schein erwecken zu können, gut zu sein im Sinne von "milde, treu, menschlich, aufrichtig sowie fromm", (139) ist für einen Fürsten von äusserster Wichtigkeit, schreibt Machiavelli. Es ist aber eher schädlich, tatsächlich alle diese Tugenden zu besitzen. Jedoch, im Ruf zu stehen, ein solcher Mann zu sein, das ist von äusserster Nützlichkeit und darum erstrebenswert. Dabei musst ein Fürst aber immer in der Lage sein, "dies alles, sobald man es nicht mehr sein darf, in sein Gegenteil verkehren zu können". (139) Wann er diese Tugenden, die er zum Schein besitzen sollte, aufgeben muss, das hängt schlicht von den Umständen ab. Sobald sie nicht mehr nützlich, oder gar schädlich sind, müssen sie ohne zögern aufgegeben werden.
umzubringen, dann darf er eine solche Chance nicht vergehen lassen. Sei es jetzt durch einen Feldzug, oder durch pure List. Wenn er es irgendwie schafft, sich seiner Rivalen zu bemächtigen, dann muss er diese umbringen und zwar am besten dessen ganze Familie. Das ist die Lehre, die ein Leser aus dem Beispiel Cesare Borgias ziehen muss, das Machiavelli in Kapitel sieben als vorbildhaft zitiert. Der Wille zum Verrat muss gar soweit gehen, dass ein Fürst auch seine eigene Familie, oder zumindest Mitglieder daraus verkaufen, verraten oder gar umbringen können muss, wenn die Umstände es verlangen. 6
• Er ist Grausam. Ein Fürst muss sich darauf verstehen Grausamkeiten richtig anzuwenden. Darunter versteht Machiavelli, sie gezielt und wenn möglich nur von kurzer Dauer zu gebrauchen, um nicht den Hass des ganzen Volks auf sich zu ziehen, aber es zu verängstigen und zu unterwerfen. (37) Die Notwendigkeit bestimmt dabei, wie viel und wie lange Grausamkeit als Mittel angewandt werden darf. Es ist jedoch klar, dass Grausamkeiten begangen werden müssen um eine Herrschaft sichern zu können. (129)
• Er verbreitet Furcht. Obwohl Machiavelli auch die Möglichkeit in Betracht zieht, dass ein Fürst geliebt und dadurch eine sichere Herrschaft aufrecht erhalten könnte, kommt er doch zum Schluss, dass es "viel sicherer [ist], gefürchtet als geliebt zu werden (...), denn die Liebe wird durch das Band der Dankbarkeit aufrechterhalten, das, weil die Menschen schlecht sind, von ihnen bei jeder Gelegenheit des eigenen Vorteils wegen zerrissen wird; Furcht aber wird durch die Angst vor Strafe aufrechterhalten, welche dich niemals verlässt." (131) Furcht vor dem Fürsten dient also dazu, jeden davon abzuschrecken gegen den Fürsten irgendetwas zu unternehmen. Gefürchtet zu werden, sichert also seinen Herrschaftsanspruch.
Die oben aufgeführten Punkte werden Machiavelli dabei noch nicht ganz gerecht, weil es verschiedene Stellen im "Il Principe" gibt, in denen er davon schreibt, dass es auch Vorteile hat, von einem Volk geliebt zu werden und sich Freundschaften mit anderen Herrschern zu erhalten und in diesem Zusammenhang auch Grosszügigkeit und Menschenfreundlichkeit kultivierenswert sind. Aber auch bei diesen Bemerkungen gilt, dass ein Fürst nur dann moralisch gut sein sollte, wenn es einen guten Grund dafür gibt, also nur dann, wenn es sich für ihn auch lohnt tatsächlich gut zu sein. Für den politischen Zusammenhang gilt, wie wir gesehen haben, dass dasjenige Mittel förderlich ist, das Macht verschafft und dasjenige abträglich, das Macht vermindert. Um nun so gut wie
6 Machiavelli illustriert diesen Punkt mit dem Beispiel des Oliverotto von Fermo, der von seinem Oheim aufgezogen
wurde und diesen samt seiner Getreuen umbrachte, um die Macht des Staates an sich zu reissen. (69) Obwohl Machiavelli
ein solch schlimmes Verhalten ausdrücklich nicht als tugendhaft bezeichnen will, akzeptiert er es trotzdem als zulässig
für einen Fürsten. "(...) es genügt meines Erachtens, dass derjenige sie [die Art vom Privatmann zum Fürsten
aufzusteigen] nachahmt, der dazu genötigt wird."
Verhaltensweisen schlicht nötig.
Wenn wir alle diese Punkte unter einem Schlagwort zusammenfassen, so bleibt uns quasi nur eines übrig auf das wir zurückgreifen können; die List. Machiavelli betont selbst an verschiedenen Stellen, dass ein Fürst von seinem Charakter her listig sein soll und sich darauf verstehen muss immer das zu tun, was ihm selbst hilft. List ist dabei nicht nur ein Verhalten, sondern, eine Grundeinstellung, respektive eine grundlegende Eigenschaft, die einem Fürsten zukommen muss. Ob sie angeboren sein muss oder erlernt werden kann, sei dahingestellt aber auf jeden Fall kann ein Fürst ohne sie nicht auskommen. Seine Umwelt würde ihm das Überleben, laut Machiavelli, ohne die Verwendung der oben beschriebenen Handlungen und ohne eine Portion verschlagene Listigkeit, nicht erlauben.
Dieses Zusammenspiel von Machtbesitz/Machtanwendung und der beschriebenen Listigkeit (also zur gegebnen Zeit das vorteilhafteste Mittel anzuwenden) ist Machiavellis Konzept der "Tugendhaftigkeit". Das optimale Zusammenspiel des politischen Fürsten und des anthropologischen Fürsten machen diesen Begriff aus, den Machiavelli auf italienisch "Virtù" nennt. Daher hat Virtù natürlich auch nichts mit dem klassischen Sinn von Tugend zu tun. Er darf eben gerade nicht im moralischen Sinne verstanden werden. Machiavellis „Virtù“ ist eine rein nutzorientierte Tugendhaftigkeit. Dieser Nutzen von Tugendhaftigkeit ist natürlich auch kein abstrakter Nutze, wie in Bentham und Mill formulierten. Für diese beiden Utilitaristen war Nutze ein Höherer Zweck für die Menschheit (das menschliche Glück). Nutze für Machiavelli ist aber im Gegenteil dazu nichts weiter als ein Überlebensvorteil für nur ein Individuum, nämlich den Fürsten. Ein „virtùoser“ Mann ist also ein solcher, der sich optimal darauf versteht Macht mit Listigkeit zu kombinieren; Macht als die Grundvoraussetzung für den Fürsten als Politiker und List als dessen basale Charaktereigenschaft. Machiavelli macht die Wichtigkeit dieses Zusammenspiels der politischen Seite und der anthropologischen Seite für das Überleben des Fürsten klar, wenn er die Metapher des Fuchses und des Löwen verwendet. Ein Fürst müsse nämlich, um sich behaupten zu können, wissen "(...) von der Natur des Tieres und von der des Menschen den rechten Gebrauch zu machen. (...) [er muss] sich unter ihnen den Fuchs und den Löwen auswählen; denn der Löwe ist wehrlos gegen Schlingen und der Fuchs gegen Wölfe. Man muss also ein Fuchs sein, um die Schlingen zu erkennen, und ein Löwe, um die Wölfe zu schrecken." (135) Der Löwe ist Machiavellis Sinnbild der Macht. Die politische Seite des Fürsten muss von dieser geprägt sein. Mit Krallen und der Kraft alles zu erlegen, oder jeden abzuschrecken der ihm sein Revier streitig macht muss der Löwe mächtig sein. Die anthropologische Seite des Fürsten aber muss von der Art des Fuchses geprägt sein, listig und verschlagen, um sich von niemandem reinlegen zu lassen und selber die
In diesem Sinne ist derjenige Fürst Tugendhaft, der Macht hat (also ein Löwe ist) und sich darauf versteht sie nach den Geboten der List anzuwenden (respektive, seine fuchsenhafte Natur auszuleben). Machiavellis Tugendhaftigkeit ist also der Garant fürs Überleben des Fürsten. Um diese Konklusion genauer zu verstehen, wird es nötig die gefundenen Ergebnisse mit den Konzepten der Evolutionstheorie zu interpretieren.
4. Die evolutionären Mechanismen
Wenn wir die zwei Beobachtungen, über einerseits den Lebensraum des Fürsten und andererseits den Fürsten selbst, wie ihn Machiavelli uns beschreibt, zusammenführen, zeigen sich an diesem Punkt unserer Erörterung langsam die evolutionären Kategorien, in denen Machiavelli dachte. Gerade die Beschreibung des allumspannenden Charakterzuges der List und damit dem Schlüsselkonzept von Machiavellis Tugendbegriff, hat nämlich etwas sehr darwinistisches an sich. So schreibt er, dass diejenigen Herrscher, die "sich darauf verstanden haben, mit List die Menschen zu hintergehen;" seit jeher die Fürsten seien, die "sich gegen diejenigen durchgesetzt [haben], welche auf die Redlichkeit gebaut hatten." (135) Dieses Konzept des "sich durchsetzens" ähnelt meiner Ansicht nach stark der Art und Weise, wie Darwin seinen Prozess der natürlichen Selektion begriff. Ein Fürst hat sich nämlich nicht nur gegen irgendwen (gegen ein Einzelwesen, oder eine bestimmet Klasse von Lebewesen) durchzusetzen, sondern muss sich vor allem in seiner Umwelt behaupten. Machiavellis Fürst ist eine Figur, welcher von ganz vielen Seiten her Gefahren drohen. Wenn er darum nicht die notwendigen charakterlichen Dispositionen mit sich bringt (oder erlernt hat), so wird die ihn umgebende Umwelt, das System in dem er sich befindet, ihn zu Fall bringen. Egal ob dies nun nur seine Entmachtung oder aber gar seine physische Vernichtung ist. Sobald ein Fürst aufhört Fürst zu sein, ist er als politisches Wesen eliminiert und aus dem System, in dem er sich hätte durchsetzten müssen, verschwunden. Dabei verhält es sich so, dass, laut Machiavelli, ein stärkerer und geeigneterer Fürst seinen Platz einnehmen wird und dieser Fürst muss unweigerlich mehr von Machiavellis oben genannten Eigenschaften besitzen. Es ist nämlich ganz undenkbar, dass ein nicht listiger Fürst Komplotte seiner Minister, Verschwörungen seines Volkes und die Rivalitäten seiner Peers heil überstehen kann. Das ist die Essenz des oben zitierten Ausspruchs und der evolutionstheoretischen Idee des Überlebens des Stärkeren.
Wenn wir all die oben genannten Eigenschaften und Verhaltensregeln unter dem Konzept der
verhalten, dass ein weniger virtuhafter Fürst immer von einem virtuhafteren ersetzt werden wird und sich darum die Konstanten "List" und "Erhaltung von Macht", welche Virtù ausmachen, immer bestehen und sogar verbessern werden. Dieser Vorgang geht mit Notwendigkeit aus dem System hervor, das Machiavelli uns in seiner Schrift darlegt. Der stärkere, in unserem Falle, virtùhaftere gewinnt und wird daher das Konzept "Virtù", im Vergleich zu seinem Vorgänger, verbessern. Virtù ist ein Herrschaftskonzept, eine Idee wie Herrschaft funktioniert oder aber, in sozio-evolutionären Begriffen ausgedrückt, ein Herrschafts-Mem. Es ist sogar ein sehr kompliziertes Mem, bestehend aus einer Fülle von Teilen, die uns Machiavelli in seinen 26 Kapiteln zu beschreiben versucht und das vor ihm noch nie jemand systematisch dargelegt hat. Was natürlich nicht heisst, dass noch nie jemand dieses Mem besessen hat, respektive, dass noch nie jemand unter seiner Kontrolle agierte. Cesare Borgia zum Beispiel, den Machiavelli an verschiedenen stellen als fast perfektes Beispiel eines virtùhaften Fürsten nennt, dachte und agierte unter dem Einfluss dieses Mems. Obwohl er sich der Existenz von so etwas wie einem Virtù-Mem sicherlich nicht bewusst war, so war sein Handeln trotzdem das Agieren nach den Prinzipien genau dieses Mems. Dasselbe gilt für Ferdinand den Katholischen von Spanien und alle anderen Fürsten, welche Machiavelli für ihr Handeln gemäss den Regeln des Virtù als gute Beispiele anführt. Sie alle wussten zwar nicht, dass sie unter dem Einfluss des Virtù-Mems standen, handelten aber genau nach ihm. Machiavelli hat dieses Mem verstanden und beschrieben oder wenn wir diesen Prozess im Jargon der modernen Genetik ausdrücken wollen, dekodiert.
Andererseits hat er ebenso minuziös die evolutionären Mechanismen des Systems Fürstenherrschaft behandelt. Alle seine Empfehlungen, wie ein Fürst zu sein und zu handeln hat gibt Machiavelli aus guten Gründen, wie wir gesehen haben. Die Art und Weise, wie das System funktioniert, mit allen politischen und anthropologischen Eigenschaften, die es inne hat und die Rolle welche Machiavellis Untersuchungsobjekt einnimmt, diktieren notwendigerweise dessen Verhalten und Dispositionen. Ein Fürst kann nicht überleben, in seiner Umgebung, wenn er sich ihr nicht anpasst. Anpassung bedeutet für uns aber nicht im Sinne Darwins eine biologische Anpassung durch kleinere, zufällige Veränderungen des Genmaterials und durch Vererbung. Bei Machiavelli bedeutet Anpassung die Anpassung des Charakters und der Geisteshaltung des Fürsten durch dessen Intellekt. Durch die korrekte Wahrnehmung seiner Umwelt und wie sie funktioniert, kann ein Fürst sich den ihn umgebenden Bedingungen anpassen und so den Fortbestand seiner Herrschaft, während seiner Lebenszeit, sichern. Es gilt dabei zu bemerken, dass in diesem System, das Machiavelli beschreibt, biologische Vererbung keine Rolle spielt. Das Virtù-Mem kann nicht weitervererbt werden, wie ein biologisches Gen vererbt werden kann. Es mag vielleicht in einem Herrscherhaus vererbbare
vererbbar sein können und es dem Virtù-Mem einfacher machen, sich in einem Fürsten zu entfalten, aber ansonsten spielt Vererbung keine Rolle. Meme werden laut den Theoretikern der Memetik schliesslich nicht durch genetische Kanäle transportiert, sonder erlernt oder unabhängig erdacht. 7 Alle wichtigen Eigenschaften die ein Fürst im politischen wie auch im persönlichen Bereich haben muss, kann er erlernen und wenn er seine Herrschaft auf legalem Wege geerbt hat, wie das häufig der Fall war, muss er sie sogar erlernen, ob nun von seinem Vater, oder von einem brillanten Beobachter wie Machiavelli.
5. Die unausweichliche Schlussfolgerung: Das böse System
Aus dem oben gesagten zeigt sich, wie ich denke, dass die Vorgänge, welche Machiavelli in "Il Principe" seinen Lesern darlegt, ziemlich gut in Begriffen entliehen aus der Evolutionstheorie Darwins, beschrieben werden können. Dem ist so, weil Machiavelli die evolutionären Mechanismen der Fürstenherrschaften seiner Zeit erkannt und detailliert analysiert hat. Damit klärt sich auch die Ausgangsfrage, warum Machiavelli nicht mehr Moral in seine
Verhaltensempfehlungen an den vorgestellten Fürsten hat einfliessen lassen. Hätte er das getan, so wäre seine Schrift nicht mehr eine Analyse und Schlussfolgerung aus den gegebenen Umständen gewesen, sondern eine Utopie. Die Schrift wäre dadurch zu einem Beschrieb einer idealen Fürstenherrschaft geworden, welche auf diese Art, nur im luftleeren Raum, in einem Vakuum ohne tatsächliche Umwelt, so zu sagen im Zoo, hätte bestehen können. In der "freien Natur" jedoch, mit allen natürlichen Feinden und Gefahren, mit dem System und seinen Komponenten, wäre eine Herrschaft des moralisch idealen Fürsten nicht möglich. Weil es sich Machiavelli, wie wir gesehen hatten, zur Aufgabe gemacht hatte, nur das zu beschreiben was tatsächlich auch existierte, den Ist-Zustand und nicht das, was sein sollte, konnte er auch nicht irgend eine gute Moral in sein Werk hinein legen, wenn das System diese nicht zuliess. Darum beschrieb er nicht den moralisch besten Fürsten, sondern den "fittesten" Fürsten, der am aller besten dafür geeignet war, in seiner Umwelt zu bestehen.
Die Schlussfolgerung, was die Sphäre des Moralischen angeht, muss also lauten, dass das System der Fürstenherrschaft, schlicht nicht dazu fähig ist, einen moralisch guten Fürsten aufzunehmen. Im Gegenteil, es wird immer mit Notwendigkeit einen machiavellistischen Fürsten produzieren. Das Virtù-Mem, das Machiavelli so gründlich beschreibt, ist eine Komponente die zu diesem System dazugehört, wie ein Y-Chromosom zum Gensatz eines Mannes. Wenn wir uns in einer Welt der
heraus unweigerlich weitergeben. Nicht zwingend vom Fürstenvater zum Fürstensohn, wenn der Sohn nicht zum Herrschen geeignet ist und die nötigen Dispositionen nicht erlernen kann, so wird er von einem virtùhafteren Rivalen verdrängt. In diesem neuen Fürsten wird dann aber das Virtù-Mem wieder seinen perfekten Wirt haben und dadurch bleibt das Mem im System verharren. Wenn Machiavelli also Recht hat, so ist Virtù ein integraler Bestandteil des ganzen Systems und daraus nicht herausstreichbar.
Mit dieser Perspektive, dass Machiavellis Fürst nichts weiter ist, als ein notwendiges Produkt seiner Lebenswelt, müssen wir unweigerlich den Schluss ziehen, dass wir es also mit einem "bösen System" zu tun haben. Das moralisch verwerfliche steckt zwar im Fürsten, oder besser gesagt, in seinen Handlungen und seinem Verhalten aber produziert wird es ultimativ vom System selbst. Deshalb ist es auch so bezeichnend, dass Machiavelli in seiner ganzen Schrift, vom Titel bis zum Schluss immer von „dem Fürsten" spricht. Machiavelli empfiehlt nicht irgendeinem Individuum, sich so und so zu verhalten, sondern einzig und alleine demjenigen Menschen, der das Amt des Fürsten bekleidet. Machiavelli beschreibt die Stelle (oder sagen wir die Funktion im System) und nicht eine Einzelperson. Herr Lorenzo de´ Medici als Privatmann darf oder sollte sogar, ein moralisch guter Mensch sein oder zumindest versuchen es zu sein. Fürst Lorenzo jedoch, darf es noch nicht einmal anstreben eine aufrichtige Moral zu haben, denn ansonsten wird er über Lang oder Kurz aufhören Fürst Lorenzo zu sein. Der Lebensraum des Fürsten lässt es schlicht und ergreifend nicht zu, dass ein moralisch guter Fürst herrscht. Das will uns Machiavelli zeigen. Obwohl also in vieler Hinsicht nur Menschen in einem moralischen Sinne böse sein können, weil nur sie böse Absichten verfolgen können, so müssen wir doch schlussendlich auch das System der Fürstenherrschaft als "böses System" einstufen, wenn wir Machiavelli gelesen und verstanden haben. Ob Machiavelli als überzeugter Republikaner beabsichtigte, eine solche Schlussfolgerung in seinem Leser zu provozieren, um damit Monarchien als unmoralisch zu brandmarken, das sei dahingestellt. 8 Ich denke aber, dass es aus der Schlussfolgerung, dass Machiavellis System, so wie er es uns beschreibt, ein "böses System" ist, kein Entrinnen gibt. Erst diese Erkenntnis erklärt nämlich unsere zweite, eingangs gestellte Frage, warum Machiavellis Verhaltensempfehlungen irgendwie Sinn machen, obwohl jeder Leser auf den ersten blick ihre Verwerflichkeit begreift. Als Leser mit einem moralischen Gewissen (sei dies nun christlich, utilitaristisch, oder von Kant geprägt) verstehen wir nämlich intuitiv, dass Machiavellis Verhaltensregeln "böse" sind aber als Menschen mit logischem Denkvermögen, sind wir zur selben Zeit auch in der Lage, die Korrektheit der beschriebenen Schlussfolgerungen zu verstehen. Wir kapieren, dass das beschriebene System Machiavellis Verhaltensregeln nötig macht, auch wenn sie uns nicht gefallen. Die Crux löst sich
verdorbene Fürsten produzieren muss. Wir können dank Machiavellis präzisen Darstellungen nämlich alle seine Prämissen und Konklusionen nachvollziehen und ihnen (meistens) sogar zustimmen und diese führen uns zu den moralischen Verwerflichkeiten, denen wir eigentlich nicht zustimmen wollen. Haben wir aber nun einmal begriffen, dass da ganze System "böse" ist, dann haben wir zwar an der Tatsache, die Machiavelli uns beschriebt noch nichts verbessert, der notwendig böse Fürst, ist immer noch ein notwendig böser Fürst, aber wir haben wenigstens verstanden, warum wir dazu gezwungen sind, moralisch Schlechtem zuzustimmen. Es sind die systeminhärenten Mechanismen, welche wir zu begreifen fähig sind, die uns zu diesen amoralischen Schlussfolgerungen nötigen.
Damit zeigt sich, so denke ich zumindest, dass Machiavelli wahrscheinlich zu Recht als Lehrer des Bösen bezeichnet wurde: Dies aber nur, weil er das "böse System" und seine Vorgänge begriffen und auch seine Konsequenz, den bösen Fürsten, geschildert und das Virtù-Mem dargestellt hat. Zu der Art seiner Untersuchung lässt sich, unter Verwendung von evolutionären Begriffen, das folgende zusammenfassen:
• Machiavelli hat einerseits den Lebensraum, andererseits das Einzelwesen "Fürst" beschrieben.
• Beide Untersuchungsgegenstände beschreibt er von einer politischen und einer anthropologischen Seite her.
• Virtù ist ein Mem.
• Das Virtù-Mem ist eine notwendige Konstante der Monarchie als Herrschaftssystem. Bei der Untersuchung über die Art und Weise, wie Machiavelli seine Analyse über den Fürsten und seine Umwelt aufstellt, haben wir gesehen, dass er (mehr oder weniger) systematisch zuerst seinen Lebensraum, und dann erst den Fürsten selbst beschreibt. Dabei gilt, dass er stets einerseits politische und andererseits anthropologische Aspekte betrachtet, um seinem Leser darzustellen, wie ein virtuhafter Fürst sein muss und warum er so zu sein hat.
Aus diesem Zusammenspiel, welches wir als Leser nachvollziehen können, ergibt sich für uns die Crux, dass wir das amoralische Verhalten, welches Machiavelli schildert, als „richtig“ bewerten müssen, obwohl wir das eigentlich nicht wollen. Jetzt merken wir aber, dass uns dazu nichts anderes übrig bleibt, weil wir das böse System, das Machiavelli vor unsere Augen ausbreitet, zwar nicht für moralisch gut halten können, es aber doch als logisch korrekt begreifen können. Es zeigt sich also, dass Machiavelli das Böse in seiner Schrift lehrt, weil es ein notwendiger Bestandteil des Systems war, das zu beschreiben er sich zum Ziel gesetzt hatte. Das hat nichts mit Machiavellis persönlichen moralischen Einstellungen zu tun, sondern ist eine Konsequenz aus
Machiavelli war ein grossartiger Beobachter und egal welches Ziel er mit „Il Principe“ verfolgte, ob er seinem Medici Fürsten nun helfen wollte oder ob er das böse System „Monarchie“ vor den Augen seiner Leser nackt dastehen lassen wollte, die Beobachtungen und Schlussfolgerungen die er aus zeitgenössischen und historischen Begebenheiten zog, zeugen von einem grandiosen Denker, dessen grösste Leistung es wahrscheinlich war, Virtù als Mem zu dekodieren und dessen zentrale Rolle für jeden Fürsten zu beschreiben.
6. Literaturverzeichnis
MACHIAVELLI, NICCOLÒ., Der Fürst, übers. und hrsg. von Philipp Rippel, Stuttgart, 1986.
DARWIN, CHARLES., The Origin of Species, by means of natural selection, or the preservation of favoured races in the struggle for life, sixth edition, London, 1876.
DENNET, C. DANIEL., Darwins Dangerous Idea, Evolution and the meanings of life, London, 1995.
MASTERS, D. ROGER., Machiavelli, Leonardo, and the Science of Power, Indiana (USA), 1995.
Nederman, Cary., Machiavelli, in: The Standfort Encyclopedia of Philosophy, http://plato.stanford.edu/entries/machiavelli/, (18.8.2010).
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Pascal Lottaz, 2010, Survival of the fittest, München, GRIN Verlag GmbH
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