Auszug
Der Begriff Identität wurde seit den 1990er Jahren immer häufiger im Zusammenhang mit der jüngeren Entwicklungsgeschichte des Ostseeraums verwendet und diskutiert. Deswegen liegt die Vermutung nahe, dass es Gemeinsamkeiten zwischen den Ostseenationen gibt, die der Region eine Identität verleihen. Kann man hier allerdings wirklich von einer Ostseeidentität sprechen, die die Anrainerstaaten verbindet, oder ist es nur das Meer als Namensgeber der Region, das die angrenzenden Staaten zusammenhält? Diese Arbeit erläutert zunächst die komplexe Thematik der „Identität“ und stellt die Ostseeregion und ihre jüngere Entwicklungsgeschichte seit 1990 bis heute vor. Im Hauptkapitel 4 richtet sich dann der Blick auf verschiedene Expertenmeinungen zum Thema der Ostseeidentität, um den aktuellen Forschungsstand zu diesem Themenkomplex festzuhalten. Es folgt ein exemplarischer Versuch mögliche Ansätze von Gemeinsamkeiten zwischen den Anrainern vorzustellen und zu bewerten. Des Weiteren werden verschiedene Untersuchungsmethoden, wie die Internetstichwortsuche und die Analyse von Umfragen zum Image und der medialen Wahrnehmung der Region und der Ostseeanrainerstaaten dazu dienen, Aussagen darüber zu treffen, ob aktuell ein Identitätspotential für die Region besteht und ob die Ostseeregion überhaupt als Einheit wahrgenommen wird.
Abstract
Since the 1990s the term “identity“ has frequently been used and discussed when talking about the young history of the Baltic Sea Region. Due to this fact, there seems to be something like commonness between the countries around the sea which actually gives the area a certain identity. But, is it really an identity that is shared by the neighboring countries or just the sea as the eponym of the region that holds the area together?
This paper gives a detailed explanation of the term “identity” as well as an introduction on the Baltic Sea Region and its development, mainly from the 1990s to today. In chapter 4, the main part of the term paper, a summary of experts´ opinions is given to get an idea of the existing research on the Baltic Sea Region identity, followed by some attempts to find and evaluate common features of the nations. Furthermore, study methods such as the internet keyword search or the analyses of polls on the image and media perception of the region and its nations are used to say whether there are potentials that make up a regional identity and whether the area is perceived as an entity.
Inhaltsverzeichnis I
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis III
Tabellenverzeichnis IV
Abk ürzungsverzeichnis VI
1 Einleitung 1
1.1Zielstellung und Aufbau der Arbeit 1
1.2Methodik 3
2 Die Identität. 8
2.1 Die Grundbedeutung der Identität 8
2.2 Die raumbezogene Identität 11
2.2.1Die raumbezogene Identität als interdisziplinäres Phänomen 15
2.2.2Forschungsansätze zur raumbezogenen Identität 18
2.3Kultur, kulturelle Identität und die Bedeutung von Heimat 26
2.3.1Die Heimat 27
2.3.2Die Neubelebung von Heimat und raumbezogener Identität 28
2.4Der Nutzen der raumbezogenen Identität 30
3 Der Ostseeraum 34
3.1Eine Region stellt sich vor 34
3.1.1Definition und topographische Abgrenzung des Raums 34
3.1.2Die Ostseeregion als Naturraum 38
3.2Die Entstehung und Entwicklung des Ostseeraums 39
3.2.1Das Region-Building im Ostseeraum 40
3.2.2Die Entwicklung des Ostseeraums zu einer Plattform
der Kooperation 41
Inhaltsverzeichnis II
3.2.3EU-Regionalpolitik: Die Ostseestrategie und
das Ostseeprogramm 42
4 Die Identität des Ostseeraums 45
4.1Ostseeraum - einheitlicher Raum? 45
4.2Gibt es eine Ostseeidentität? 45
4.3Ostseeraum versus Mittelmeerraum 49
4.4Exemplarische Untersuchung verschiedener Ansätze einer
Ostseeidentit ät 51
4.4.1 Eine gemeinsame Währung 51
4.4.2 Die Ostsee 52
4.4.3 Baltischer Bernstein 52
4.4.4 Einegemeinsame Vergangenheit 57
4.4.5 Kunst und Baukunst 60
4.4.6 Die Sprache 62
4.4.7 Der Ostseeraum als Wissensgesellschaft 64
4.5Untersuchungen des Images und der Identität der Ostseeregion 67
4.5.1 Branding the Baltic Sea Region 67
4.5.2 Visit and Invest 71
4.5.3Wahrnehmungen über die Ostseeregion in ausgewählten
Anrainerstaaten 76
4.6Untersuchungen des Images und der Identität der Ostseeanrainer 80
4.6.1 Der Anholt-GfK Roper Nation Brands Index (NBI) 80
4.6.2 Das Image des Nordens 97
4.7Die Medienpräsens der Ostseeanrainer und der Ostseeregion 106
5 Auswertung und Ausblick 109
6 Anhang 112
7 Quellenverzeichnis 122
Abbildungsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 2.1: Die regionale Identität als Schnittmenge zwischen
dem Charakter der Region und dem Wesen der Menschen
Abbildung 2.2: Die Identifikationsprozesse
Abbildung 2.3: Differenzierungsschema des Identifikationsprozesses
Abbildung 3.1: Der Ostseeraum
Abbildung 4.1: Taufbecken aus gotländischem Sandstein in der Aakirke
in Aakirkeby auf Bornholm
Abbildung 4.2: „Der Totentanz“ von Bernt Notke in der Tallinner
Nikolaikirche
Abbildung 4.3: Länder die zur Ostseeregion gehören aus Sicht der
3 polnischen Ostseeprovinzen (prozentuale Anteile)
Abbildung 4.4: Assoziationen mit der Ostseeregion - landesweit und in den
3 Ostseeprovinzen (prozentuale Anteile)
Abbildung 4.5: Zugehörigkeitsgefühl der Polen - landesweit und in den
3 Ostseeprovinzen (Angaben in Prozent)
Abbildung 4.6: Kontakte der Bewohner der polnischen Ostseeprovinzen
mit Bewohnern der anderen Ostseeanrainer
(prozentuale Anteile)
Abbildung 4.7: How Latvia is perceived versus reality: a qualitative
estimate of a perception/reality’ gap (2003)
Abbildung 4.8: Die 20 häufigsten Assoziationen mit Dänemark
Abbildung 4.9: Die 20 häufigsten Assoziationen mit Schweden
Abbildung 4.10: Die 20 häufigsten Assoziationen mit Finnland
Abbildung 6 1: Die Europäische Backsteinroute
Tabellenverzeichnis
Tabelle 2.1: Raumbezogene Identität als Problemstellung der Forschung - beteiligte Disziplinen und Themenbereiche ............ 16
Tabelle 3.1: Identifikationsräume auf unterschiedlichen Maßstabsebenen ..... 37
Tabelle 4.1: Unterrichtete Fremdsprachen in den Ostseeanrainern (ohne
Russland) .................................................................................... 63 Tabelle 4.2: Platzierungen der Ostseeanrainer (ohne Russland) und der
Tabelle 4.3: Platzierungen der Ostseeanrainerstaaten in der NBI-Studie
Tabelle 4.4: Platzierungen der Ostseeanrainerstaaten (außer Lettland)
Tabelle 4.5:
to 7 (highest) ............................................................................... 84 Tabelle 4.6: People Question Rating; Ranking from 1 (lowest)
to 7 (highest) ............................................................................... 84 Tabelle 4.7: Tourism Word Associations ........................................................ 85 Tabelle 4.8: People Word Associations .......................................................... 86 Tabelle 4.9: Deutschland über die Menschen und den Tourismus in
Tabelle 4.10: Polen über die Menschen und den Tourismus in
Tabelle 4.11: Russland über die Menschen und den Tourismus in
Tabelle 4.12: Schweden über die Menschen und den Tourismus in
Tabelle 4.13: Wahrnehmung der Bewohner und des Tourismus der
Tabelle 4.14: Wahrnehmung der Bewohner und des Tourismus der
Tabelle 4.15: Gegenüberstellungen der Ergebnisse der internationalen
Tabelle 4.16: Die häufigsten Assoziationen mit Nordeuropa ............................ 98 Tabelle 4.17: Die internationale Medienpräsens verschiedener Länder im Jahre 2006…...……………………….…………………............106
Tabelle 6.1: Veranstaltungskalender 2010: ausgewählte
grenzüberschreitende Events im Ostseeraum .......................... 112 Tabelle 6.2: “Efforts to Brand the Baltic Sea Region” ................................... 114
Tabelle 6.4: Projektbeispiele für den südlichen Ostseeraum ........................ 118 Tabelle 6.5: „Nation Branding Efforts“ der einzelnen Ostseeanrainer ........... 119
Abkürzungsverzeichnis
AMBERIF Amber International Fair BDF Baltic Development Forum BaltMet Inno Baltic Metropoles Innovation Strategy BaltMet Promo Baltic Metropoles Promotion BSA Baltic Sea Area BaltSeaIdent Baltic Sea Identity BSR Baltic Sea Region BSSSC Baltic Sea States Sub-regional Co-operation BalticStudyNet Baltic Study Network BSVC Baltic Sea Virtual Campus
BUP Baltic University Programme CBSS Council of the Baltic Sea States DZT Deutsche Zentrale für Tourismus DSN Daten Service Nord ETB Estonian Tourist Board ETC European Travel Commission EU Europäische Union EuRoB Europäische Route der Backsteingotik EVA Finish Business and Policy Forum (engl. Bezeichnung) FPB Finland Promotion Board FTB Finish Tourism Board
GfK HELCOM IFS Identifikationssubjekt INTERREG Integration der Regionen im Europäischen Raum M-V Mecklenburg-Vorpommern n.a. not announced NBI Nation Brands Index NGO Non-Governmental Organization
NSU Council for the Promotion of Sweden abroad (engl. Übersetzung) OEM Økonomi (Danish Ministry of Economic and Business Affairs) PBS DGA Pracownia Badaa Spoáecznych
PTO Polish Tourist Organisation SIDA Swedish International Development Cooperation Agency S-V Schleswig-Holstein TiF Trans in Form TVMV Tourismusverband Mecklenburg-Vorpommern UBC Union of the Baltic Cities UKIE Urzad Komitetu Integracji
1 Einleitung
1.1 Zielstellung und Aufbau der Arbeit
Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer ergaben sich völlig neue Möglichkeiten der Annäherung zwischen den Nationen die das Baltische Meer umgeben. Ein immer dichter gewordenes Kooperationsnetzwerk aus Vertretern der Länder, aus NGOs, verschiedenen Institutionen und vielen anderen Akteuren, das sich seit den 1990er Jahren entwickelte, überschritt die Ländergrenzen und ließ immer mehr Interaktionen zwischen den einst von-einander isolierten Ostseenationen zu. Im Zuge der Entwicklung der Ostseeregion seit den 1990er Jahren trat immer häufiger auch der Begriff der regionalen Identität zum Vorschein. Von einer Ostseeidentität, oder auch von einer Identität des Ostseeraums, ist in der Fachliteratur immer wieder die Rede, wobei die Expertenmeinungen über die Existenz einer solchen Identität auseinander gehen.
Aufgrund der Größe des Raums, seiner ungenauen Abgrenzung und der schwierigen „Messbarkeit“ einer regionalen Identität, können auch die Ergebnisse dieser Arbeit keine absolute Antwort auf die Frage geben, ob der Ostseeraum eine, mehrere oder gar keine Identitäten besitzt oder jemals besitzen wird. Hier werden zunächst die bisherigen Forschungsergebnisse, mögliche Identitätsansätze und Bemühungen zur Auffindung einer solchen Identität zusammenfassend dargestellt. Durch verschiedene Untersuchungsmethoden, die im Verlauf der Arbeit noch näher erläutert werden, können verschiedene Tendenzen aufgezeigt werden, aus denen heraus versucht wird, die folgenden Fragen zu beantworten:
x Wird der Ostseeraum, sowohl in der Region als auch auf der internationalen Ebene als Einheit wahrgenommen? x Ist ein Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen den Ostseeanrainern für eine solche Identität überhaupt erkennbar? x Welche Images haften an den Ostseenationen und sind diese Images vergleichbar oder gar ähnlich?
Vor der Möglichkeit diese Fragen zu beantworten, muss geklärt werden, was sich hinter dem Begriff der Identität verbirgt. Im Kapitel 2 dieser Arbeit soll zunächst das theoretische Fundament zum Thema Identität und raumbezogene Identität gelegt werden, das in den darauf folgenden Kapiteln zur Anwendung kommen wird. Es geht hier in erster Linie darum, die facettenreiche Begrifflichkeit zu
erläutern, artverwandte Bezeichnungen aus diversen Fachrichtungen vorzustellen und bisherige Forschungsergebnisse, auch in Form von Identifikationsprozessen, zu präsentieren. Hervorgehoben werden außerdem die große Bedeutung, bzw. der Nutzen der raumbezogenen Identität, und auch die Relation zwischen Identität und Image.
In Kapitel 3 wird dann der Untersuchungsraum vorgestellt und topographisch sowie naturräumlich, d.h. klimatisch und geologisch, abgegrenzt. Darauf folgt ein Abriss der jüngeren Entwicklungsgeschichte der Ostseeregion seit 1989. In diesem Zusammenhang wird der Prozess des „region-building“, bedeutende Kooperationsnetzwerke und auch die aktuelle EU-Regionalpolitik, in Form der Ostseestrategie und des Ostseeprogramms vorgestellt. Bereits in diesem Kapitel wird ein Bezug auf den Begriff der regionalen Identität des Ostseeraums und seiner Bedeutung erfolgen.
Das Kapitel 4 stellt den Hauptteil dieser Arbeit dar, in dem die theoretischen Grundlagen zur raumbezogenen Identität Anwendung finden werden. In diesem Abschnitt wird die Identität des Ostseeraums näher untersucht und analysiert, ob eine Ostseeidentität bereits existent ist. Wenn sie existiert, stellt sich die Frage, ob es Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Raum gibt die ihr zu Grunde liegen. Wenn es sie nicht gibt, soll herausgefunden werden, warum bisher noch nicht von einer gemeinsamen Identität der Großregion gesprochen werden konnte, ob identitätsstiftende Potentiale im Ostseeraum überhaupt existieren und ob in der Region, als auch international der Raum als Entität angesehen und kommuniziert wird. Der Versuch die eingangs formulierten Fragen zu beantworten, erfolgt in diesem Kapitel.
Der Anhang dieser Arbeit beinhaltet einen Veranstaltungskalender mit grenzüberschreitenden Events im Ostseeraum, sowie eine Liste von Institutionen, Projekten und Kooperationen im Ostseeraum, die sich bereits dem Thema Ostseeidentität und Image annahmen. Auch Marketingbemühungen der einzelnen Ostseeanrainer sind im Anhang exemplarisch dargestellt und unterstreichen zusätzlich die Bedeutung der Identität und des Images der Region und seiner Anrainer.
1.2 Methodik
Bei der Recherche um die Ostseeidentität war es zunächst notwendig den Begriff „Identität“ und „raumbezogene Identität“ theoretisch zu fundieren und auch artverwandte Bezeichnungen vorzustellen. Als Grundlage diente hier die Literatur aus verschiedenen Fachrichtungen wie der Soziologie oder auch der Psychologie. Auch die Geographie befasst sich mit der raumbezogenen Identität in beispielsweise der Regionalbewusstseinsforschung, der Mental-Map Forschung oder der Sozialgeographie. Die Erkenntnisse zur raumbezogenen Identität sind allerdings nicht auf eine wissenschaftliche Richtung, wie die Geographie zu begrenzen, da die Forschungsergebnisse der Fachrichtungen nicht isoliert voneinander zu betrachten sind, sondern vergleichbar sind, einander ergänzen oder gar aufeinander aufbauen. Verdeutlicht wird dies durch den Vergleich der Arbeiten von Klaus Werthmöller, Peter Weichhart und Heinz-Werner Wollersheim. Der Sozialgeograph Weichhart, bietet ein außerordentlich gutes theoretisches Fundament der raumbezogenen Identität, da er von Identifikationsprozessen ausgeht, die die Komplexität, d.h. u.a. verschiedene Dimensionen und Perspektiven der Identität, erfassen. Aufgrund dessen werden diese, aber auch das vergleichbare Identitätsverständnis Werthmöllers, auch im späteren Verlauf der Arbeit Anwendung finden.
Das Kapitel 3 dient dazu den Ostseeraum vorzustellen, abzugrenzen und seine jüngere Entwicklungsgeschichte von 1989 bis heute summarisch darzustellen. Diese Informationen basieren auf verschiedensten Quellen wie dem Ostseeinstitut Rostock oder den Internetauftritten der Kooperationsinitiativen für den Ostseeraum, wie dem Ostseerat. Dem Themenfeld des „region-building“ nahm sich u.a. Ute Papenfuß in ihrer 2002 an der Universität Rostock erschienenen Magisterarbeit an. Die Arbeit „Identitätsbildung in der Ostseeregion“ von Brand und Schröter beinhaltete ebenfalls wichtige Fakten zum Thema der Regionsbildung im Ostseeraum. Dieser Prozess wird in dieser Arbeit erläutert, da die raumbezogene Identität im „region-building“ eine wichtige Rolle spielt. Die aktuelle EU-Ostseestrategie und das EU-Ostseeprogramm werden hier so vorgestellt, dass deren Grundstrukturen nachvollzogen werden können und vor allem die Relevanz der Identität und des Images für die Region hervorgehoben wird. Die Informationen dafür wurden hauptsächlich der gedruckten Version des Baltic Sea Region Programme 2010 entnommen.
Das 4. Kapitel zeigt zunächst eine exemplarische Zusammenfassung von Expertenmeinungen, die sich dem Thema Ostseeidentität bereits annahmen. Zu
diesen Experten zählen u.a. Armon von Ungern-Sternberg, Mitglied der Baltischen Historischen Kommission und Bernd Henningsen, Direktor des Nordeuropa-Instituts an der Humboldt-Universität zu Berlin. Es wird außerdem erläutert, warum eine solche Identität so wichtig ist. Die Relevanz der regionalen Identität soll zusätzlich verdeutlicht werden durch die Gegenüberstellung der transnationalen Großregionen Ostsee- und Mittelmeerraum. Es folgt eine exemplarische Erläuterung und Bewertung von möglichen Ansätzen einer Ostseeidentität, die in der hier verwendeten Literatur thematisiert wurden. Die Ansätze werden vorgestellt und das identitätsstiftende Potential zum einen durch Literaturquellen belegt oder widerlegt, oder aber anhand des Faktes, ob der Ansatz eine Gemeinsamkeit für den Großteil der Ostseeanrainer darstellt oder nicht. Eine andere Möglichkeit den „Grad“ der Identifikation in der Region mit einem Identitätsansatz zu „messen“, ist die Stichwortsuche über die Internet-Suchmaschine Google. Diese Methode wurde für den Identifikationsansatz Bernstein gewählt. Der Name des Ostseeanrainers wurde in Verbindung mit dem Begriff „Bernstein“, bzw. „Amber“ gesucht (z.B. „Lithuania Amber“ oder „Mecklenburg-Vorpommern Bernstein“). Den Suchergebnissen konnte man dann entnehmen, ob und in wie weit „Bernstein“ in dem jeweiligen Gebiet präsent ist (Namen von Hotels oder Firmen, Museen usw.).
In den Punkten 4.5 und 4.6 wird der Blickwinkel von der raumbezogenen Identität auf das Image erweitert, da diese Termini eng miteinander verwoben sind. Sehr hilfreich zum Aufbau dieses Kapitels erschien der 2010 vom „Branding Experten“ Marcus Andersson veröffentlichte Report „Place Branding and Place Promotion Efforts in the Baltic Sea Region - A Situation Analysis“. Ein weiterer Experte auf diesem Gebiet ist der Brite Simon Anholt.
Grundlage der Untersuchungen in 4.5 sind die Ergebnisse von Umfragen verschiedener Marktforschungsinstitute zur Wahrnehmung der Region in einigen Ostseenationen, aber auch diverse Internetrecherchen auf den Visit- und Investseiten der Länder. Hier soll herausgefunden werden, in wie weit die Ostseeanrainer in ihren virtuellen Selbstdarstellungen im Hinblick auf den Tourismus und auf ihre Investitionsmärkte ihre Zugehörigkeit zur Ostseeregion betonen und wie sie sich vorstellen. Aus dieser Recherche heraus kann ebenfalls „abgelesen“ werden ob sich die Länder mit der Region identifizieren oder nicht. Die genauen Methoden werden in den entsprechenden Abschnitten noch nähere Erläuterung finden.
Nachdem der Focus auf die gesamte Region gelegt wurde, werden dann die raumbezogenen Identitäten und die Images der einzelnen Ostseeanrainergebiete im Mittelpunkt stehen, wobei hier insbesondere die so genannten „Fremdbilder“ untersucht werden. Dazu werden die Ergebnisse der Länder der Nation Brands
Die Identität des Ostseeraums 5
Index-Studie (kurz: NBI) aufgeschlüsselt und verglichen, um Aussagen über die
internationalen Reputationen der Ostseenationen treffen zu können und zu
überprüfen, ob diese Images gleiche Tendenzen aufweisen, die Grundlage für
eine Ostseeidentität bilden können. Ein Focus bei dieser Analyse wird auf die
Images der Bewohner und des Tourismus gelegt, da die theoretischen Grund-
lagen zum Thema raumbezogene Identität auf diese Bereiche sehr gut an-
gewendet werden konnten.
Eine weitere Vertiefung erfolgt in der genauen Darstellung der Bewertungen
ausgew ählter Ostseenationen über die anderen Länder der Ostseeregion. Durch
den Vergleich der Ergebnisse der NBI-Ergebnisse auf der internationalen und
regionalen Ebene soll herausgefunden werden, wie die Nationen übereinander
denken und ob diese Bewertungen ein Zusammengehörigkeitsgefühl als Voraus-
setzung für eine Ostseeidentität vermitteln. Die genauen Methoden sind auch hier
den entsprechenden Abschnitten zu entnehmen.
Es folgt eine weitere Studie über das Image des Nordens. Es handelt sich hier um
genaue Assoziationen über die Ostseeländer Dänemark, Schweden und Finnland
aus der Sicht junger deutscher Studenten. Es stellt sich die Frage, ob der Norden
ein eigenes, und vor allem einheitliches Image hat. Die Images der Länder
Nordeuropas werden verglichen und auch den Ergebnissen der NBI-Studie
gegen übergestellt. Weitere Möglichkeiten Fremdbilder zu untersuchen, bieten die
Darstellungen der Ostseenationen in verschiedenen Reiseführern und anderen
Literaturquellen , in denen Aussagen über die Fremddarstellungen der Länder
getroffen werden. Diese Gegenüberstellung ist ebenfalls Bestandteil dieses
Kapitels.
Zum Abschluss des 4. Kapitels wird die Präsens der Ostseeregion und seiner
Ostseel änder in den Medien beleuchtet, um zu erfassen, wie medienwirksam, d.h.
„sichtbar“ der Raum und seine Anrainer sind. Grundlage dafür bot zum einen eine
d änische Studie, in der die Medienpräsens verschiedener Länder untersucht
wurde , sowie Expertenmeinungen diesbezüglich, wie beispielsweise von Marcus
Andersson
Probleme bei der Themenbearbeitung und Anmerkungen
Bei der Literaturrecherche zum Thema Ostseeidentität sind folgende Punkte aufgefallen:
x Ein großes Problem stellt die ungenaue Abgrenzung des Ostseeraums dar. Da man bei der Bearbeitung des Themas auf verschiedene Quellen zugreift, trifft man dementsprechend auch auf unterschiedliche Vorstellungen der Abgrenzung des Raums.
x Auch der Begriff Skandinavien wird in der Literatur nicht gleich gebraucht. Die Definitionen unterscheiden sich je nach Abgrenzungskriterium (z.B. naturräumliche oder historisch-kulturell bedingte Abgrenzungen). Die Definition des Brockhaus formuliert die Abgrenzung des Raums ebenfalls frei. Im engeren Sinne versteht man unter Skandinavien Schweden, Norwegen und den Nordwesten Finnlands (naturräumliche Abgrenzung) und im weiteren Sinne, aus historisch-kulturellen Gründen, auch Dänemark und ganz Finnland (BROCKHAUS 1973: 478). Für diese Arbeit wird der Begriff im weiteren Sinne benutzt, wobei auf Norwegen nicht weiter eingegangen wird, durch die fehlende Ostseelage des Landes. x Die Relevanz der Identität des Ostseeraums ist in der entsprechenden Literatur weit verbreitet. Es gibt Literaturquellen, die davon ausgehen, dass die Ostseeregion eine Identität besitzt. Ansätze, woraus sich diese allerdings zusammensetzt, werden kaum oder gar nicht weiter thematisiert. x Der Anhang der Arbeit zeigt eine Fülle an Projekten und Initiativen, die sich der Identität des Ostseeraums bisher annahmen. Ob diese allerdings zu Ergebnissen kamen, ist aus der Recherche nicht hervorgegangen. x Eine Identität kann man nicht messen, eine repräsentative Umfrage zu diesem Thema müsste entsprechend in weiten Teilen der Ostseeregion durchgeführt werden, um wahrgenommene Gemeinsamkeiten der Ostseeanrainer nachvollziehen zu können. Aufgrund dessen mussten für diesen Umfang der Arbeit alternative, weniger repräsentative Methoden gewählt werden, um eine Identifikation zu erkennen (z.B. Stichwortsuche und Analyse unterschiedlicher Studien).
x Nicht in jeder Betrachtungsweise werden alle Ostseeanrainer untersucht, da wichtige Tendenzen für den ganzen Raum bereits aus der Sicht auf ausgewählte Anrainer ersichtlich sind.
x Bei der Auswertung der NBI-Studie konnten nicht die Images aller Anrainerstaaten in gleichem Maße analysiert werden, da die genauen Daten nur für einige Länder im Internet aufzufinden waren - so wurde Lettland kaum
erwähnt, die Auswertung der Assoziationen waren nur für Estland, Finnland, Schweden und Dänemark erhältlich und nur 4 Länder der Ostseeregion repräsentieren die Imagebewertungen der Ostseeländer untereinander. Um trotzdem Aussagen über die Images mehrerer Anrainer treffen zu können, wurden die touristischen Darstellungen in unterschiedlichen Reiseführern ebenfalls betrachtet. x Auch die Ergebnisse der Studie Das Image des Nordens decken nur einen kleinen Teil der gesamten Region ab. Trotzdem kann man schon durch diese begrenzte Betrachtung Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Ostseeländer herausstellen.
x Da über das Leningrader Gebiet, als russisches Anrainergebiet, wenig Literatur- und Internetquellen erhältlich sind, konzentrieren sich die Untersuchungen zum einen auf ganz Russland, oder aber auf das Kaliningrader Gebiet und die Stadt St. Petersburg.
x Bei den verschiedenen Untersuchungsmethoden können hier lediglich die Ergebnisse dieser dargestellt werden. In einer weiterführenden Arbeit könnte man auf die Ursachen dieser Ergebnisse, wie etwa Konflikte oder andere Ursachen für bestimmte Verhältnisse der Anrainer untereinander, eingehen.
2 Die Identität
2.1 Die Grundbedeutung der Identität
Was ist Identität? Die Bedeutung dieser omnipräsenten Begrifflichkeit scheint klar, jedoch bedarf es einer komplexen Beantwortung der Frage, denn je nach Wissenschaft wird der Terminus unterschiedlich definiert, was einer eindeutigen Auffassung von Identität entgegenwirkt.
Geht man von der Etymologie des Begriffes aus, wird Identität vom lateinischen „idem facere“ abgeleitet und bedeutet „etwas gleich machen“. Auch die prägnante Definition des DUDEN Fremdwörterbuchs geht bei der Worterklärung des Substantivs von einer Gleichheit, nämlich der „Wesensgleichheit“ aus (ROHRBACH 1999: 11). In der englischen Übersetzung heißt Identität nicht nur, wie naheliegend angenommen, „identity“, sondern auch „sameness“, womit erneut das Charakteristikum der Gleichheit aufgezeigt wird. Dieses Merkmal impliziert, dass man von mindestens zwei Referenzpunkten ausgehen muss, seien es zwei Personen, Aussagen oder andere Dinge, um von Gleichheit sprechen zu können. Dieser Grundsatz wird auch in der Verwendung des Adjektivs „identisch“ deutlich: X und Y sind identisch, oder, X ist identisch mit Y. Auch wenn sich X mit Y identifiziert (Verb), bedeutet es, dass X z. B. eine bestimmte Einstellung von Y mit seiner eigenen vergleicht und erkennt, dass seine mit der von Y konform geht. Weitere Anhaltspunkte zur Auffassung des Terminus Identität werden deutlich, wenn man nach zusammengesetzten Substantiven sucht: Identitätskarte (österr. für Personalausweis) oder auch Identitätsnachweis. Damit sind Dokumente gemeint mit denen sich Personen identifizieren oder auch ausweisen, um zu demonstrieren, wer sie sind, dass die Charakteristika auf dem Ausweis ihrer Person entsprechen, aber auch um sich von anderen zu unterscheiden, oder unterschieden zu werden. Um zu belegen wer man ist, ist die Abgrenzung zu anderen Individuen unabdingbar.
Schon in diesen Grundüberlegungen zur Bedeutung von Identität wird klar, dass diese nicht isoliert entstehen kann, sondern sich in Abhängigkeit von mindestens zwei Referenzpunkten entwickelt. Wenn man also von einer Person ausgeht, ist der zweite Referenzpunkt z. B. eine andere Person und deren Charakteristika, von denen sich die erste Person abgrenzt oder in der sie Ähnlichkeiten zu sich selbst feststellt.
Identität in der Theorie
Dieser Grundgedanke zur Thematik der Identität ist ebenfalls Bestandteil theoretischer Überlegungen in unterschiedlichen Wissenschaften wie der Psychologie, Soziologie und der Philosophie, von denen nun vier, in der Literatur weit verbreitete Auffassungen, summarisch skizziert werden, um zunächst die Grundbedeutung des Begriffes festzuhalten. Da allerdings in der Theorie unterschiedliche Begrifflichkeiten verwendet werden, um die beiden Grundformen der Identität zu benennen, bedarf es zunächst einer kurzen Gegenüberstellung der Termini. Man unterscheidet die Identität einzelner Individuen und die ganzer Gruppen. Die so genannte Ich-Identität wird auch personale Identität genannt und steht der Gruppenidentität, die auch als kollektive Identität bezeichnet wird, gegenüber (CHRISTMANN 2008: 1; WEICHHART 1990: 18-19).
Einer der Wegbereiter der Identitätsforschung ist der Soziologe George Mead. Dieser befasste sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit dem Phänomen der Identität und konzentrierte sich in seinen theoretischen Überlegungen auf die Ausbildung der Ich-Identität in Abhängigkeit von sozialen Kollektiven, die das Individuum umgibt. Dabei beleuchtet er einen Kernaspekt der Identitätsentstehung, der von zahlreichen anderen Theoretikern vielfach aufgegriffen wurde: die Voraussetzung für die Ausbildung einer Identität ist die Sprache (WEICHHART 1990: 15). Soziale Interaktionen sind von großer Bedeutung und Grundstein der Entstehung der Ich-Identität, die er „als einen Balanceakt zwischen äußeren Erwartungen und eigener Einzigartigkeit“ versteht (STURM 1999: 28). Die Identität ist ebenfalls Gegenstand der Psychologie. Verbreitet ist in dieser Wissenschaft, dass der Mensch sein ganzes Leben auf der sozialen Ebene mit anderen Menschen interagiert und sich dabei abgrenzt oder aber mit anderen identifiziert. Somit findet auch in der Psychologie der Grundgedanke Meads, dass Identität in Interaktionsprozessen entsteht, Anklang. Wer bin ich und wie werde ich eigentlich von meiner Außenwelt wahrgenommen? Zum einen wird diese Frage in jeder Entwicklungsphase vom Menschen gewissermaßen anders beantwortet, was Identität zu einem dynamischen Phänomen macht, und zum anderen verlangt die Frage über die Wahrnehmung der eigenen Identität eine komplexe Antwort (DÜRRMANN 1994: 63).
Der Amerikaner Erikson entwickelte 1950 die „Ich-Identitäts-Theorie“, ein Identitätsmodell, bei dem er von 8 Stufen ausgeht, die der Mensch im Verlauf seines Lebens erklimmt, indem er verschiedene Hindernisse, Herausforderungen und soziale Rollenzuschreibungen, die das Leben stellt, überwindet, um stufenweise seine Ich-Identität ausbilden und formen zu können. Beim Überwinden verschiedener Hindernisse im Sozialisationsprozess eignet sich das
Individuum verschiedene konstante Verhaltensweisen an und übernimmt soziale Rollen. Durch soziale Interaktionen in Gemeinschaften entwickelt der Mensch ein Leben lang sowohl Gefühle der Zugehörigkeit, als auch der Abgrenzung, was der Identität sowohl das Charakteristikum der Wesensgleichheit, als auch das der Differenz gibt. Die Person definiert sich zunächst selbst, und ist dann gewillt sich auch einer Gemeinschaft zuzuordnen, mit deren Mitgliedern das Wesen des Ichs konform geht (DÜRRMANN 1994: 64). Folgt man den Annahmen Eriksons, so gilt das Zugehörigkeitsgefühl eines Individuums einer Gruppe, deren Mitglieder ähnliche, beziehungsweise sogar gleiche Merkmale aufweisen. Solche Merkmale sind zum Beispiel die Nationalität, Sprache, Beruf, Religion, Traditionen aber auch Charaktereigenschaften, oder ganz banal ausgedrückt, der Kleidungsstil oder ein ganz bestimmter Haarschnitt (DÜRRMANN 1994: 65-66). Schon an diesen exemplarisch aufgeführten Merkmalen erkennt man, dass es einer komplexeren Antwort auf die Frage nach der eigenen Identität bedarf, denn ein Individuum könnte sagen: Ich bin Deutscher, Arzt, Katholik und/oder Punk. „Ich-Identität (…) ist somit kein bloßes Mosaik aus einzelnen Identifikationen - ich bin Frau, Mutter, Altenpflegerin, Gemeinderatsmitglied, Deutsche -, sondern, wie Erikson schreibt, >>hier hat das Ganze eine andere Qualität als die Summe seiner Teile<< (DÜRRMANN 1994: 47).“
Folgt man der klassischen Bedürfnispyramide des Psychologen Abraham Maslow, so ist das Finden der personalen Identität von sehr großer Bedeutung, die auf der höchsten Stufe eines hierarchischen Models steht. Um diese Stufe zu erreichen, sind die niedrigeren Bedürfnisse des Menschen, z.B. nach Sicherheit und Geborgenheit, Zugehörigkeit, nach Achtung und nach Anerkennung zu befriedigen. Erst wenn diese befriedigt sind und der Mensch im Einklang mit sich selbst ist, kann die höchste Stufe der Pyramide, die der personalen Identität oder der „Selbstverwirklichung“, erreicht werden (BOURNE/EKSTRAND 2005: 293). Das Bedürfnis der Zugehörigkeit und Gemeinschaft ist demzufolge eine Voraussetzung für die Ausbildung der personalen Identität.
Sowohl Eriksons „Ich-Identitäts-Theorie“, als auch Meads identitätstheoretische Grundgedanken, wurden 1974 von dem Soziologen und Philosophen Jürgen Habermas aufgegriffen und erweitert. Er versteht die Abhängigkeiten zwischen der Ausbildung der Ich-Identität und der Gruppenidentität in entgegengesetzter Weise. Die Ausbildung der kollektiven Identität ist die der Ich-Identität übergeordnet und entwickelt sich vor der Identität des Ichs. Er beschreibt, dass sich das Ich erst in Abhängigkeit von Gruppen entwickeln kann und stellt dabei nicht wie Erikson die Reifung der Ich-Identität in den Mittelpunkt, sondern die Gruppenidentität, an der sich das Ich orientiert (DÜRRMANN 1994: 69-70). „Um die Frage nach dem >>Wer bin ich?<< aber beantworten zu können, bedarf es einer Gruppenidentität, einer
konkret vorhandenen Gesellschaft (DÜRRMANN 1994: 43).“ Dass diese Orientierung des Individuums an der Gruppe nur im Einsatz von Kommunikation und Interaktion funktioniert, vertritt somit, angelehnt an Meads Theorie, auch Habermas. Eine Übereinstimmung kann hier auch zwischen den Ansichten von Abraham Maslow und Jürgen Habermas erkannt werden, da beide die Zugehörigkeit zu einer Gruppe als Voraussetzung für die personale Identität verstehen.
Die grundliegenden Ansätze von Mead, Erikson, Maslow und Habermas benennen zunächst das Hauptkriterium zur Ausbildung der Identität, nämlich die soziale Interaktion. Desweiteren werden in den Grundtheorien Charakteristika der Identität deutlich - sie ist ein dynamisches, vielseitiges, menschliches Bedürfnis und sie dient sowohl der Findung einer Gleichheit zwischen Individuen, als auch einer Abgrenzung zu Personen deren Wesen andere Merkmale aufweisen als die eigenen. Außerdem benennen die Theoretiker die beiden Grundformen, die Ich-Identität und die kollektive Identität, wobei hier allerdings eine Uneinigkeit darüber besteht, welche der beiden Formen die Voraussetzung für die Entwicklung der anderen ist.
2.2 Die raumbezogene Identität
Die deutschsprachige Wissenschaft der Geographie stützt sich erst seit den 1980er Jahren ebenfalls auf diese und zahlreiche andere interdisziplinäre Arbeitsansätze zum Themenbereich Identität (WARDENGA 1998: 33). Allerdings unterscheidet man, unter anderem in der Geographie, weniger zwischen Ich-Identität und kollektiver Identität, sondern begibt sich in ein spezifischeres Forschungsfeld, indem das Phänomen Identität einen Raumbezug bekommt (WEICHHART 1990: 8). Grundsätzlich dienen zur Ausbildung der Ich-Identität und Gruppenidentität verschiedene Dimensionen wie z.B. „Geschlecht, Beruf, Körper, Alter, und so auch Kulturkreis und den Lebensraum (WOLLERSHEIM 1998: 50).“ Es ist in der Literatur umstritten, inwieweit der Raum die Identität beeinflusst. Man geht allerdings davon aus, dass die Bedeutsamkeit der raumbezogenen Identität geringer ist, als die der anderen genannten Teildimensionen (WEICHHART 1990: 24; WOLLERSHEIM 1998: 50).
Der Terminus raumbezogene Identität wurde 1990 von dem Sozialgeographen Peter Weichhart eingeführt. Weichhart, Weiske und Werlen verstehen diese als „die persönliche und emotionale Bindung von Menschen an bestimmte Orte oder Gebiete (WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 21).“ Diese Orte sind zum Beispiel der
Wohnort, Geburtsort, eine beliebte Urlaubsdestination und für einige Menschen vielleicht sogar der Arbeitsplatz. Bei der Bindung an einen Ort unterscheidet der Wirtschaftswissenschaftler Ewald Werthmöller zwei unterschiedliche
Empfindungen einer Ortsbindung. Diese kann „affektiv“ sein, indem man sich zugehörig oder aber fremd fühlt und sich damit emotional abgrenzt, oder die Ortsbindung ist „funktional“, wie zum Beispiel die Bindung an den Arbeitsplatz (WERTHMÖLLER 1995: 50). Die Bindung an den Raum geht einher mit der menschlichen Internalisierung des sozialen Wertesystems des Raums. Diese äußert sich in der Bildung symbolischer Gruppen von wesensgleichen Mitgliedern, die sich von anderen differenzieren und nach dem gegebenen Wertesystem agieren (WERTHMÖLLER 1995: 98).
In ihrem Vortrag zum Thema „Identität und Raum“ unterscheidet die Soziologin Christmann, angelehnt an die Grundformen der Identität, zwischen raumbezogener kollektiver und personaler Identität, wobei sie erstere als „abstraktes, symbolisches Konstrukt, als ein auf den Raum bezogener gesellschaftlicher Wissensvorrat eines Sozialzusammenhangs (CHRISTMANN 2008: 1).“ versteht. Für Christmann orientiert sich die raumbezogene personale Identität an diesem symbolischen Kollektiv und das Individuum ist „mit dem Gefühl persönlicher Zugehörigkeit verbunden (=Identifikation mit dem Raum) (CHRISTMANN 2008: 1).“ Von dieser grundsätzlichen Unterscheidung wurde in der Mehrheit der verwendeten Literatur zum Themenkomplex der menschlichen Bindung an den Raum allerdings abgesehen. Daher werden die Aspekte dieses Phänomens auch in dieser Arbeit nicht grundsätzlich getrennt auf die personale und die kollektive Identität bezogen.
Neben der raumbezogenen Identität gibt es auch die Termini räumliche oder regionale Identität. Da der Terminus raumbezogene Identität am weitesten in der eingesehenen Literatur verbreitet ist, wurde diese Bezeichnung in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen, wobei auch verwandte Begriffsverwendungen entsprechende Erläuterungen finden werden.
Der Raum
Bevor das Phänomen der raumbezogenen Identität detailierter erklärt wird, bedarf es zunächst einer Erläuterung des Raums auf den sich die hier thematisierte Identität bezieht, denn der Raum wird je nach Fachrichtung anders definiert. Diese Arbeit stützt sich auf die allgemeine Definition der Geographie. Hier wird der Raum als ein abgegrenzter „Container“ beschrieben, dessen Basis eine Fläche darstellt. Gefüllt ist dieser mit verschiedenen Dingen der physischen Umwelt, wie
Gewässer, Gebäude, Siedlungen oder Straßen, aber auch soziale Gegebenheiten wie Sprache, Bräuche, Normen und Traditionen (BLOTEVOGEL 1995: 55; WERTHMÖLLER 1995: 90-91). Verschiedene Sichtweisen des Raumbegriffs werden schon in der Geographie deutlich, denn in der Physiogeographie konzentriert man sich eher auf die erdräumliche Fläche als Basis des Raums, der gefüllt ist mit Geofaktoren wie Boden, Klima, Wettergeschehen, Wasser oder dem Relief, während der Humangeograph doch vielmehr kulturelle Gegebenheiten des Raumes untersucht (BLOTEVOGEL 1995: 64). Es ergeben sich verschiedene Räume. Anders als politische Räume und Naturräume sind Sprach- oder Kulturräume nicht genau abgrenzbar. Räume müssen also weder durch eine feste Abgrenzung, noch durch strikte innere Homogenität gekennzeichnet sein. Diese Merkmale führen allerdings auch häufig zu Definitionsschwierigkeiten des Raumbegriffes (BLOTEVOGEL 1995: 56, KUNZMANN 1995: 88). Im Hinblick auf die raumbezogene Identität fügt Werthmöller hinzu, dass der physische Raum einen noch geringeren Identifikationscharakter hat als der soziale, was die kulturellen Aspekte eines Raums hervorhebt, da diese die Identität stärker beeinflussen und formen als naturräumliche Elemente (WERTHMÖLLER 1995: 105). Aufgrund dessen wird der Begriff der Kultur im Verlauf der Arbeit noch näher erläutert (siehe 2.3).
Maßstabsebenen der raumbezogenen Identität
Wenn man die Identität auf den physisch-geographischen Raum bezieht, kann dieser auf unterschiedlichen Maßstabsebenen verstanden werden. In der Geographie spricht man z. B. von regionaler Identität aber die raumbezogene Identität kann man nicht ausschließlich auf die Region anwenden, sondern auf verschiedene räumliche Ebenen. Menschen identifizieren sich mit unterschiedlichen physischen Räumen und häufig nicht nur mit einem. Man kann sich gleichzeitig als Greifswalder, Norddeutscher, Deutscher und Europäer fühlen.
Die Sozialgeographen Weichhart, Weiske und Werlen sehen die Identifikation zunächst im engeren Sinne. Das Individuum identifiziert sich zunächst mit seinem Zimmer, seiner Wohnung, seinem Haus oder auch mit seiner „kleinen Nachbarschaft“ auf der „lokalen Maßstabsebene“. Das ist der kleinste Maßstabsbereich der raumbezogenen Identität, gefolgt von dem Stadtviertel oder der Gemeinde, die das Individuum bewohnt. Auf diesen Maßstäben kann das Individuum die größte Bindung und eine entsprechende „Ortsloyalität“ ausbilden. Die nächst größeren Bezugsgrößen sind Städte, Regionen, Bundesländer, Länder oder die gesamte Erde. Das nahe, bzw. unmittelbare Wohnumfeld ist der Mittelpunkt der raumbezogenen Identität, in der das grundliegende Bedürfnis nach
Sicherheit befriedigt wird, aber auch auf höheren Maßstabsebenen können tiefe Bindungen mit dem Raum eingegangen werden. Wichtig sind die „Identifikationspotentiale“ des Raums, die die Bindung des Individuums fördern oder nicht. Je klarer die Grenzen eines Raums sind, desto einfacher ist es sich mit ihm zu identifizieren (WEICHHART 1990: 77; WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 84-89).
Ein anderer Versuch die raumbezogene Identität verschiedenen Maßstabsebenen zuzuordnen machen Tzschaschel, Bode und Micheel, aus Sicht der Raum-ordnung. Sie haben in diesem Zusammenhang den verschiedenen Identifikationsräumen unterschiedliche Identitätsebenen gegenübergestellt. Auf der „Mikroebene“ gibt es das Raumkonzept des „Satisfaktionsraums“, der sich auf das Zuhause, die Wohnung oder das Haus eines Individuums bezieht. Symbole für diesen Identifikationsraum sind die Haustür oder der Zaun, die das eigene Territorium von anderen Räumen abgrenzen. Auf der regionalen Ebene, bzw. „Mesoebene“, kann z.B. ein Landstrich, eine durch eine gemeinsame Geschichte beeinflusster Raum in Menschen ein Regionalbewusstsein oder ein Heimatgefühl erwecken. Symbole für derartige Identifikationsräume können Landschaftsformen und auch das kulturelle Erbe sein. Die nationale oder auch internationale Ebene wird auch als „Makro- oder Kollektivebene“ bezeichnet (siehe auch 3.1.1). Ein Beispiel dafür ist das bewohnte Land oder der Kontinent. Der Raum ist z.B. die Nation der zum Identifikationsraum werden kann, der verschiedene Merkmale beinhaltet, z. B. kulturelle Traditionen wie die Sprache, oder die politischadministrative Zugehörigkeit, was den Menschen das Bewusstsein darüber gibt deutsch, schwedisch oder polnisch zu sein (TSCHASCHEL/BODE/MICHEEL 1998: 111).
Werthmöller greift die Maßstabsebenen aus Sicht der Regionalbewusstseins-forschung auf und erläutert die Variationen des menschlichen Bewusstseins in Abhängigkeit des Raummaßstabs. Er unterscheidet dabei ebenfalls zwischen „Mikro-, Meso- und Makromaßstab“. Das Individuum kennt den Mikromaßstab am besten, denn damit sind auch hier Wohnung, Vereinshalle, Stadtbezirk oder Ähnliches gemeint. Die Raumausschnitte der „Mesoebene“, wie die Stadt oder Region, sind den Individuen zum einen aus dem eigenen Erfahrungsschatz bekannt, aber auch Informationen aus den Medien, wie der Regionalzeitung, dem regionalen Radio und Fernsehen, vermitteln den Individuen einen indirekten Raumerfahrungsschatz (Sekundärerfahrungen). Tendenziell kann man sagen, dass der Identifikationsgrad steigt, je mehr eigene Erfahrungen die Person mit dem Raum gemacht hat. Je großräumiger allerdings der Raummaßstab, desto weniger Erfahrungen hat das Individuum i.d.R. direkt mit diesem gemacht
(WERTHMÖLLER 1995: 124-125, 139). Es muss sich nicht für einen Maßstab entscheiden, sondern kann sich allen Maßstabsebenen bedienen um seine Identität zu entwickeln und zu beschreiben (WERTHMÖLLER 1995: 87).
2.2.1 Die raumbezogene Identität als interdisziplinäres
Phänomen
Die raumbezogene Identität, bzw. die Beziehung zwischen Individuen und ihrer räumlichen Umwelt ist nicht nur Gegenstand der Geographie, sondern wird auch von anderen Wissenschaften erforscht, wie z.B. den Politikwissenschaften, verschiedenen Arbeitsbereichen der Psychologie, den Wirtschaftswissenschaften oder auch der Linguistik (WEICHHART 1990: 8-9; WOLLERSHEIM 1998: 47). Raumbezogene Identität ist u.a. ein Forschungszweig der Psychologie, weil sie sich im Bewusstsein der Menschen abspielt. Sie ist Teil der Soziologie weil es um Bindungsgefühle der Menschen an einen Raum geht. Das sind nur zwei Forschungsergebnisse die von Nachbardisziplinen erbracht wurden, von denen die Geographie zehren kann. Diese befasst sich sowohl mit dem Bewusstseins-zustand des Menschen, als auch mit der physischen und sozialen Umwelt, der sich das Individuum bewusst ist (WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 31-32). Aufgrund dessen ist die Wissenschaft der Geographie nicht isoliert zu betrachten. Der Themenkomplex der raumbezogenen Identität ist mit einem interdisziplinären Charakter behaftet. Durch dieses ausgedehnte Wissenschaftsfeld existiert allerdings auch eine Fülle an verwandten Begriffen der raumbezogenen Identität. „Schlagworte wie „Satisfaktionsraum“, „Heimat“, „emotionale Ortsbezogenheit“, „Regionalismus“, „Territorialismus“, „Regionalbewusstsein“ oder „regionale Identität“ tauchen seither immer wieder in humangeographischen Veröffentlichungen auf (WEICHHART 1990: 5).“ Die genannten Termini finden sich häufig in der verwendeten Literatur wieder. Weichhart, Weiske und Werlen nehmen sich dem weiten Feld der raumbezogenen Identität an und fassen einige Themenbereiche ausgewählter Fachrichtungen und Beispiele involvierter Vertreter in der aufgeführten Tabelle 2.1 zusammen:
Tabelle 2.1: Raumbezogene Identität als Problemstellung der Forschung - eine Auswahl an beteiligten Disziplinen und Themenbereichen
Quelle: geändert nach WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 27
Die Tabelle zeigt nur einige ausgewählte Fachrichtungen und deren Forschungsschwerpunkte im Themenbereich der räumlichen Bindungen von Menschen. Durch die Fülle der Wissenschaftszweige, die sich mit der raumbezogenen Identität, im engeren und weiteren Sinne, befassen, wird sowohl die Relevanz, als auch die Komplexität des Themas deutlich. Im Folgenden werden verschiedene Ansichten der aufgelisteten Forschungsrichtungen kurz erläutert, um einige Grundannahmen dieses Phänomens festzuhalten.
In der Verhaltensforschung wird die territoriale Bindung von menschlichen Lebewesen mit den Verhaltensweisen von Tieren verglichen, um herauszufinden, ob diese ebenfalls erblich bedingt ist. Oft geht man hier davon aus, dass ein „territorialer Instinkt“ dafür verantwortlich ist, dass sich Menschen an Räume binden (WERTHMÖLLER 1995: 48). Grammer und Greverus sehen z. B. das Verlangen des Menschen nach einem Territorium als ein Streben, dass von Geburt an existent ist und durch Lebenserfahrungen dann zusätzlich beeinflusst wird (DÜRRMANN 1994: 41). In der gewohnten Umgebung kann sich der Mensch verwirklichen und, im Rückblick auf Maslows Bedürfnispyramide, sowohl das gewünschte Gefühl der Sicherheit, als auch das der Zugehörigkeit befriedigen (DÜRRMANN 1994: 38).
Die Vertreter der Soziologie, angelehnt an die Identitätstheorie Meads, gehen allerdings davon aus, dass die raumbezogene Identität erst durch soziale Interaktionen und Beziehungen auf lokaler oder regionaler Ebene entsteht, also im näheren Umfeld der Menschen (IPSEN 1999: 152; WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 26). Sowohl die Soziologie als auch die Psychologie verstehen das Zugehörigkeitsgefühl der Menschen zu einem Raum als unbewusst, wobei sich dieses Gefühl eher auf eine Bindung an eine Gruppe bezieht, die sich wiederum dem Raum zugehörig fühlt (WERTHMÖLLER 1995: 49). Aber warum binden sich Menschen emotional an einen Raum? Auslöser für die Entwicklung dieses Phänomens sind, laut Soziologie, die Ängste der Menschen ihren Raum, in dem sie soziale Kontakte pflegen, zu verlieren und nichts dagegen tun zu können. Verluste, die diese Ängste begründen, können zum Beispiel durch natürliche Einflüsse eintreten wie Hochwasser, Stürme oder Vulkanausbrüche. Andere Gefährdungen sind politische Entscheidungen, die große Veränderungen mit sich bringen, oder Maßnahmen wie Großbauprojekte, die das ursprüngliche Bild des Raums verändern könnten (WERTHMÖLLER 1995: 68-69).
Die Linguistik erkennt einen Zusammenhang zwischen der Sprache und der menschlichen Bindung an einen Ort, denn durch die Art und Weise des Sprechens, z. B. durch den Gebrauch von Akzenten oder Dialekten, drückt ein Individuum aus, welchem Territorium es sich verbunden fühlt und zu welchen Kollektiven es gehört. Mattheier nennt dieses Phänomen „Ortsloyalität“. Das Individuum kann anhand der Sprache auch von „Fremden“ als Mitglied eines bestimmten Kollektivs identifiziert werden (WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 28).
Dieses Ortsverbundenheitsgefühl von Individuen findet auch Anklang in Konzepten der Stadt- und Regionalplanung, wenn es darum geht Städte und
Regionen zu vermarkten und Imagekampagnen aufzubauen, bei denen man von der raumbezogenen Identität Gebrauch machen möchte (siehe auch 2.4). Spezifischer als von bloßer raumbezogener Identität zu sprechen, nutzt man sowohl im Regionalmarketing als auch in den Fachrichtungen der Geographie die Begrifflichkeit regionale Identität und grenzt damit den Maßstab des Phänomens ein (BLOTEVOGEL 1995: 53, 56; WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 28).
Die Regionalbewusstseinsforschung fasst die Bezeichnungen „regionale Identität“ und „Territorialität“ zu dem Begriff Regionalbewusstsein zusammen, um die menschliche Bindung, sei es die individuelle oder die sozialer Kollektive, an Räume zu untersuchen. Sowohl in der Mental-Map Forschung der Geographie als auch in der Regionalbewusstseinsforschung geht es vor allem um die subjektive Wahrnehmung des Raums und seiner Merkmale, wie z. B. die Landschaftskomponenten, Wirtschaftsschwerpunkte, Siedlungsstrukturen oder auch kulturelle Veranstaltungen (WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 28). Dieses subjektive Wahrnehmen des Raums und das gleichzeitige Abgrenzen zu anderen Räumen bezeichnet Werthmöller als „kognitive Dimension“ des Regionalbewusstseins. Eine zweite Dimension ist die „affektive“, mit der die emotionale Bindung an den Raum gemeint ist. Die dritte Dimension ist die „konative“, die sich im Engagement für den Raum und in der individuellen Integration in den Raum äußert. Diese Dimensionen bezeichnet er als „Intensitätsstufen“, wobei die „konative Dimension“ der höchsten Intensität des Regionalbewusstseins entspricht und die beiden anderen voraussetzt. Trotzdem muss sich ein Individuum einem Raum nicht emotional verbunden fühlen, nur weil es sich diesem bewusst ist. Es muss auch kein Engagement für den Raum zeigen, nur weil es sich emotional an diesen bindet (WERTHMÖLLER 1995: 64-66).
2.2.2 Forschungsansätze zur raumbezogenen Identität
Von der anfänglichen Definition ausgehend, bleiben einige Fragen über das Phänomen der raumbezogenen Identität offen, die im Folgenden Beantwortung finden werden. Identifizieren sich Individuen mit dem ganzen Raum oder mit bestimmten Raummerkmalen? Gibt es verschiedene Verwendungsweisen des Phänomens? Besitzt der Raumausschnitt selbst eine Identität oder nur seine Bewohner? Aus welchen Perspektiven kann die raumbezogene Identität wahrgenommen werden? (IPSEN 1999: 150; WEICHHART/WEISKE/WERLEN 2006: 19; WERTHMÖLLER 1995: 92). Nachfolgend geben wissenschaftliche Arbeiten ver-
schiedener Fachbereiche Aufschluss über die verschiedenen Facetten des Phänomens der menschlichen Bindungen an den Raum.
Christian Rohrbach geht bei seinem Versuch die raumbezogene, spezifischer gesehen, die regionale Identität, zu definieren von dem Merkmal aus, dass es sich hierbei immer um das Verhältnis zwischen Menschen und der Region, und, anknüpfend an die allgemeine Definition von Identität, deren „Wesensgleichheit“ handelt. Rohrbach bezeichnet die regionale Identität als den „Charakter der Region“ und meint damit eine „Wesensgleichheit in der Region“, beziehungsweise der Menschen in einer Region, was sich z.B. in gleichen Traditionen, dem Akzent oder Dialekt, in einheitlichen Siedlungsformen oder Ähnlichem äußert (ROHRBACH 1999: 12).
Abbildung 2.1: Die regionale Identität als Schnittmenge zwischen dem Charakter der Region und dem Wesen der Menschen Quelle: nach ROHRBACH 1999: 14
Die Bewohner einer Region haben typische Eigenschaften, wie z.B. die Pünktlichkeit oder Gewissenhaftigkeit in unseren Landen. Die Menschen sind sich bestimmter Eigenarten der Region bewusst, eignen sich einige an, wie z.B. einen Akzent, dem man sich nur schwer entziehen kann, und identifizieren sich gewissermaßen mit der Region. Die Abbildung 2.1 zeigt die regionale Identität als die „Schnittmenge zwischen dem Charakter der Region mit seinen Ausprägungen
und dem Wesen der Menschen aus derselben Region (ROHRBACH 1999: 14).“ Der Grad der Wesensgleichheit zwischen Mensch und Region hängt davon ab, wie „identitätsstiftend“ die Merkmale der Region für den Menschen sind. Rohrbach geht hier von einer allgemeinen Definition der regionalen Identität aus, wobei offen bleibt, ob die Region selbst auch eine Identität hat und aus welchen Perspektiven die regionale Identität wahrgenommen werden kann.
Ewald Werthmöller nimmt sich dem Forschungszweig an und spricht nicht von raumbezogener oder regionaler, sondern von räumlicher Identität, und bezieht sich mit dieser Bezeichnung und seinen Ausführungen auf die Sozialwissenschaften (vgl. IPSEN 1999). Er unterscheidet zwei verschiedene Verwendungsweisen der Begrifflichkeit. Die räumliche Identität entsteht aus der Beziehung zwischen den Menschen und den Merkmalen ihrer räumlichen Umwelt. Folgt man der Umweltpsychologie, so bekommen Menschen eine räumliche Identität, weil sie ihre Umwelt identifizieren und sich mit ihr identifizieren. Auch er definiert das Phänomen, ähnlich wie Rohrbach, als eine Wesensgleichheit zwischen dem Raum und seinen Menschen. Aber Werthmöller fügt noch eine zweite Verwendungsweise hinzu, bei der nicht die Individuen im Mittelpunkt stehen, sondern der Raum selbst, dessen Eigenarten identifiziert werden und daher auf subjektiven Zuschreibungen von Individuen basieren (IPSEN 1999: 151). Dies führt dazu, dass der Raum selbst eine Identität bekommt (ZEITLER 2001: 130). Je deutlicher die Raummerkmale hervorstechen, desto eindeutiger kann man diese identifizieren und sich gegebenenfalls mit ihnen identifizieren. Dies ist natürlich schwierig bei großen Regionen, die keine eindeutige Identität vorweisen können, durch eine Fülle von divergierenden Merkmalen. Daher ist die räumliche Identität auch so wichtig für das Regionalmanagement (WERTHMÖLLER 1995: 9-10) (siehe auch 2.4).
Der Wirtschaftswissenschaftler unterscheidet außerdem zwischen dem Subjekt, das identifiziert, und dem Objekt, das identifiziert wird. Desweiteren nennt er zwei Perspektiven des Identifizierens. Bei der Innenperspektive identifiziert die Person sich selbst, da sie gleichzeitig Subjekt und Objekt darstellt. In der Außenperspektive handelt es sich bei dem Subjekt um eine Person aber das zu identifizierende Objekt ist eine andere Person, eine Gruppe, ein Verein oder eine Organisation. Wenn man die räumliche Komponente darauf bezieht, erfolgt eine Identifikation des Raums durch „Auswärtige“ wie Ortsfremde, die noch nie an diesem Ort waren, Touristen, die ein- oder mehrmals den Raum besucht haben oder Pendler (IPSEN 1999: 15; WERTHMÖLLER 1995: 37-39, 80). Anders als Rohrbach versteht Werthmöller unter dem Phänomen nicht nur die Wesensgleichheit zwischen Mensch und Raum. Er unterscheidet verschiedene
Arbeit zitieren:
Juliane Heß, 2010, Die Identität des Ostseeraums, München, GRIN Verlag GmbH
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