Vorbemerkung
Im Jahr 1998 trug sich in einem Schnellimbiss folgende Situation zu: Drei Mädchen im Alter von zwölf Jahren saßen beisammen, aßen und tauschten sich über ihre Zukunftspläne aus. Sie besuchten gemeinsam die sechste Klasse einer Realschule. Sie waren sich einig. Sie alle wollten zukünftig ein Gymnasium besuchen. Mit Fleiß und Leistungswillen hatten sie bisher immer gute Noten erzielen können. Die Bewerbungen waren bereits abgeschickt worden und nun hofften sie alle drei auf eine Zusage. Diese war ihnen äußerst wichtig; so wichtig, dass sie bei einer Absage tief enttäuscht gewesen wären. Sie waren sich darüber bewusst, dass eine Ablehnung kein Weltuntergang wäre, doch dass es mit zunehmenden Alter immer schwieriger werden würde, aufs Gymnasium zu wechseln und das Leistungsniveau auszugleichen. Innerlich waren sie von der Befürchtung getrieben den Sprung nicht zu schaffen und aufgrund dessen später infolge eines Realschulabschlusses einer erhöhten Erwerbslosigkeitswahrscheinlichkeit ausgesetzt zu sein. „Wenn wir nicht aufs Gymnasium kommen, können wir später nicht studieren. Dann ist es viel schwieriger eine Arbeit zu finden.“
So hat es sich tatsächlich zugetragen. Heute wundere ich mich darüber, dass wir 12-jährigen Mädchen damals schon so einen Druck verspürten und ein Gespür für die damalige Arbeitsmarktsituation entwickelt hatten, aber schon in der Marienthalstudie wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts festgestellt, dass mit „… zunehmenden Alter … der Prozentsatz derjenigen Kinder, für die Arbeitslosigkeit ein persönliches Problem ist (, steigt), auch wenn sie selbst noch nicht davon betroffen sind.” 1 Das Erleben von Zukunftsangst ist für Jugendliche in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit charakteristisch. Zugleich ist es erschreckend, denn Furcht und Druck sollte in der Jugend nichts zu suchen haben. Heute - kurz vor Ende meines Studiums - wird diese stille Furcht wieder lauter. Obwohl ich ein hohes Ausbildungsniveau genieße, weiß ich doch um die Tatsache, dass in der heutigen Zeit auch zunehmend Akademiker von Erwerbslosigkeit betroffen sind. Diese Tatsache, dass zunehmend junge Menschen von Erwerbslosigkeit betroffen sind und dies zunehmend in allen Schichten der Gesellschaft, beschäftigt mich und erregt mein Interesse, sodass meine Bachelorarbeit die psychosozialen Folgen der Jugendarbeitslosigkeit und ferner das breite Spektrum der Bewältigungsformen thematisiert.
Wenke Pietsch Magdeburg, 06. Dezember 2009
1 Jahoda, M. / Lazarsfeld, P. F. / Zeisel, H.: Die Arbeitslosen von Marienthal. 1975. S. 75.
2
„Menschliche Arbeit hat nicht nur einen Ertrag, sie hat einen Sinn.“
(Willy Brandt, 1983)
3
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 7
A Gesellschaftliche Modernisierungen und
Erwerbsarbeit 9
l Der Arbeitsbegriff 9
ll Definition Jugend 9
lll Leitbild Lohnarbeit 9
lV Arbeitsbedingungen der industrialisierten
Dienstleistungsgesellschaft 11
1 Prekäre Beschäftigungslage und brüchige Normalbiografien 11
2 Veränderungen in der betrieblichen Arbeitsorganisation 11
3 Segmentierter Arbeitsmarkt 12
4 Jugendarbeitslosigkeit 12
4.1 Das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit 12
4.2 Ausbildung- und Beschäftigungschancen 13
4.3 Berufsvorbereitende Maßnahmen und Arbeitslosenstatistik 13
V Die Lebensphase Jugend im gesellschaftlichen und
demografischen Wandel 14
1 Individualisierung der Lebensentwürfe 15
2 Entgrenzte Jugend 16
Vl Folgen für die Bedeutung und die Funktion der Arbeit 17
1 Finanzielle Entlohnung 17
2 Formung der Persönlichkeit 17
3 Zeitstrukturierung 17
4 Identität und Selbstwertgefühl 17
5 Stabilisierung der Persönlichkeit 18
6 Handlungskompetenz 18
7 Status 18
8 Sozialintegrative Wirkung 18
9 Kontakt und Interaktion 18
10 Soziale Anerkennung 19
4
B Psychosoziale Folgen der Arbeitslosigkeit bei
Jugendlichen 21
l Strukturelle Merkmale arbeitsloser Jugendlicher 21
ll Theoretische Überlegungen zum Zusammenhang von
Arbeitslosigkeit und psychischer Gesundheit 22
lll Psychische und soziale Aspekte der Arbeitslosigkeit 22
1 Identitätsentwicklung 26
2 Verlust sozialer Kontakte und veränderte
Familienbeziehungen 29
2.1 Familie 29
2.2 Peergroups 32
2.3 Partnerschaft 34
3 Kinderwunsch 35
4 Ökonomische Lage 36
5 Zeitbewusstsein, Zeitstrukturen und Zeithorizont 39
5.1 Zeitempfinden 39
5.2 Freizeitorientierungen 41
6 Auswirkungen auf die Zukunftsperspektiven 43
7 Delinquentes Verhalten 44
8 Politische Einstellungen 45
9 Gesundheitliche Folgen 48
9.1 Subjektiver Gesundheitszustand 49
9.2 Illegale Drogen und Alkoholkonsum 50
9.3 Essstörungen und Zigarettenkonsum 51
9.4 Suizid und selbstverletzendes Verhalten 52
52
9.5 Depressionen
53
9.6 Stress
53
9.7 Mortalität
10 Selbstbild 53
11 Der Antizipationseffekt von Arbeitslosigkeit 54
12 Der Effekt der Arbeitslosigkeitsdauer 54
54
12.1 Phasenmodelle
55
12.2 Körperliche und psychosoziale Befindlichkeiten
55
a) Gesundheitlicher Zustand
56
b) Psychosoziale Auswirkungen
12.3 Stellensuche, Bewusstseinsstrukturen und
56
Wiederbesch äftigungschancen arbeitsloser Jugendlicher
13 Der Einfluss des Alters auf die Arbeitslosigkeit 57
14 Der Einfluss des sozioökonomischen Status auf die
Arbeitslosigkeit 58
15 Geschlechtsspezifische Unterschiede der
Jugendarbeitslosigkeit 58
59
15.1Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für Mädchen
60
15.2Die Bedeutung der Arbeitslosigkeit für Jungen
16 Stigmatisierung und Diskriminierung 62
17 Berufliche und schulische Folgeprobleme 64
64
17.1Dequalifikation und sinkendes Anspruchniveau.
5
17.2 Verschulungstendenzen und Entwertung der formalen
66
Bildungsabschl üsse
18 Exklusion 67
68
18.1 Exklusion vom Arbeitsmarkt
68
18.2 Ökonomische Exklusion
68
18.3 Gesellschaftliche Exklusion
19 Moralische Entwicklung 69
20 Positive Begleiterscheinungen 70
lV Reversibilität 70
V Jugendarbeitslosigkeit in der Stadt und auf dem Land 70
1 Soziale Kontakte, Stigmatisierung und Diskriminierung 70
2 Ökonomische Situation 71
3 Sozialbeziehungen 72
Vl Verarbeitungs- und Abwehrstrategien 72
1 Bewältigung und Geschlecht 74
2 Bewältigungsformen nach Vonderach, Siebers und Barr 76
76
2.1 Arbeitslosigkeit als Biografieblockierung
76
a) Wiederherstellung berufsbiografischer Normalität
76
b) Herstellung erwerbsbiografischer Normalität
77
2.2 Arbeitslosigkeit als eigener Biografieabschnitt
2.3 Arbeitslosigkeit als Übergang zu neuen Biografieabschnitten und
78
Lebensformen
3 Bewältigungsformen nach Alheit und Glaß 79
79
3.1 Schwierige Sozialisationskarriere.
79
3.2 Biografische Bruchstelle
79
3.3 Surrogatkarriere
80
3.4 Subkarriere
80
a) Subkulturen
80
b) Subökonomie
80
3.5 Kollektive Betroffenheit
4 Bewältigungsformen nach Ulich 81
5 Bewältigungsformen nach Jahoda 82
82
5.1 Frustration und Resignation
82
5.2 Ausstieg und Umorientierung
5.3 Gewaltsame und organisierte Revolte extrem rechter
82
oder linker Gruppierungen
83
5.4 Tumulte und Plünderungen
6 Proaktive Bewältigung 83
C Resümee 85
Quellenverzeichnis 88
6
Einleitung
Jugendarbeitslosigkeit ist seit vielen Jahren ein großes gesellschaftliches Problem und ein breit diskutiertes Thema. Erziehungs- und Sozialisationsinstanzen bereiten jeden Menschen in der westlichen Welt von Anfang an auf die spätere Arbeit vor. Heute dürfte sich angesichts der verschlechterten Wirtschaftslage und damit der verringerten Ausbildungsplatz- und Arbeitsplatzkapazität der Konkurrenzdruck erhöht haben. Eltern fördern ihre Kinder immer früher in unterschiedlichsten Disziplinen, damit diese für den Arbeitsmarkt gut vorbereitet sind. Jedoch sind es nicht nur die Eltern, die ihre Kinder früh und best möglichst vorbereiten; auch sind es heute zunehmend die Jugendlichen selbst, die mit Blick auf bessere zukünftige Arbeitsmarktchancen ihr Leben planen. Vielfach wird darauf geachtet, wie sich dieses oder jenes im Lebenslauf macht und damit später verkaufen lässt. Nicht wenige Jugendliche gehen nicht zuletzt ins Ausland, weil Auslandserfahrungen und Fremdsprachenkenntnisse auf dem Arbeitsmarkt noch nie so gefragt waren. Seit Jahrzehnten expandiert die Bildung. Immer mehr Jugendlichen streben das Abitur oder einen Hochschulabschluss an. Wer will da bezweifeln, dass dies nicht in erster Linie wegen der schlechten Arbeitsmarktlage geschieht? Viele streben, lernen und verfolgen von Anfang an das Ziel, später einen Beruf auszuüben und so pragmatisch wie die Jugend heute sein soll, hinterfragt sie dieses Ziel nicht einmal. Sie kommt vor lauter Anstrengungen dieses Ziel zu erreichen erst gar nicht dazu, möchte man meinen. Strebten nicht ganze Generationen zuvor und das heutige soziale Umfeld, die westliche Gesellschaft, immer noch unbeirrt nach Erwerbsarbeit? Die Jugendendlichen von heute wissen um die große Arbeitsmarktproblematik und jene, die mit genügend Ressourcen ausgestatten sind, und das dürften die meisten von ihnen sein, machen sich auf dieses Problem für sich persönlich in Angriff zu nehmen, indem sie sich anstrengen und Leistung zeigen. Dies schlägt sich in einer ausgeprägten Leistungsorientierung nieder. Sie müssen sich einfach anstrengen, wollen sie nicht auf der Strecke bleiben. Um in dieser angespannten Situation noch groß und breit über den Sinn von Erwerbsarbeit nachzudenken, bleiben kein Raum und keine Zeit. Was passiert nun aber, wenn dieser Jugend, für die die Erwerbsarbeit ungebrochen ungeheuer wichtig ist, der Zugang zu Ausbildungs- und Arbeitsplätzen verwehrt bleibt? Was geschieht in einem Menschen, dem die Chance auf eines seiner wichtigsten Lebensziele genommen wird - in einem Lebensabschnitt, indem so viel es richtig anfängt wie z.B. die Selbständigkeit? Auf diese Problematik soll sich diese Arbeit beziehen.
Zahlreiche Auswirkungen aufgrund von Erwerbslosigkeit sind zu vermuten. Tatsache ist, dass viele von ihnen unerwartet, widersprüchlich und/oder wenig abgesichert sind. Wenig abgesichert ist eine politische Radikalisierung, Fremdenfeindlichkeit oder Kriminalität. Der eigenständige Einfluss der Erwerbslosigkeit gilt als nicht abgesichert. Die Auswirkungen auf die Familie sind ebenfalls wenig abgesichert und zudem widersprüchlich. Bezüglich der Thematik des Suizids ist der statistische Zusammenhang zumindest in Deutschland nicht gesichert. Fest steht jedoch auch, dass soziale Isolation und/oder emotionale Labilität das Risiko des Suizids verstärken. Der Punkt des Alkoholmissbrauchs ist ebenfalls wenig abgesichert. Hinsichtlich somatischer Erkrankungen sind die Befunde widersprüchlich und wenig abgesichert. Ebenso sind die Ergebnisse über geschlechtsspezifische Reaktionen wenig abgesichert und widersprüchlich. So ist z.B. die positive „Alternativrolle Hausfrau“ für Frauen nicht bestätigt, da die
7
Datenbasis hierfür bisher zu gering ist. Auch über die Zeitgestaltung- und das Zeiterleben Erwerbsloser kann man noch nichts Genaues sagen, da auch hier die Befunde wenig abgesichert sind. Es ist zu vermuten, dass die freie Zeit nur dann positiv erlebt werden kann, wenn die Erwerbslosigkeit befristet und kurzfristig ist und nur als nützlich empfundene Aktivitäten sollen sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Schließlich sind die Ergebnisse der Arbeitsorientierung anders als zu erwarten wäre, denn eine mittlere Arbeitsorientierung wirke sich positiver aus as eine hohe. 2
Die Rahmenbedingungen, unter denen Jugendliche heute versuchen, einen Fuß in der Arbeitsgesellschaft zu fassen (Teil A), bildet den Anfang meiner Arbeit; gefolgt von der Thematik der psychosozialen Folgen, die im Falle einer Jugenderwerbslosigkeit auftreten (Teil B). Im zweiten Teil der Arbeit geht es zunächst darum, welche Jugendliche denn überhaupt überproportional gefährdet sind, keinen Ausbildung- oder Arbeitsplatz zu erhalten. Daraufhin wird ein möglicher Zusammenhang von Erwerbslosigkeit und psychischer Gesundheit thematisiert, um folgend viele (jedoch nicht sämtliche) psychosoziale Aspekte bzw. Folgen von Erwerbslosigkeit näher zu betrachten. Anschließend geht es um die Frage, ob mögliche Folgeschäden der Erwerbslosigkeit reversibel oder irreversibel sind. Hiernach folgt ein knapper Vergleich zwischen der Auswirkungen der Erwerbslosigkeit Jugendlicher auf dem Land und der Folgen auf dem Land, um schließlich verschiedenste Bewältigungsstrategien ins Blickfeld zu rücken. Im Nachstehenden impliziert der Begriff der „Jugendarbeitslosigkeit“ ebenso Jugendausbildungslosigkeit und umgekehrt. Zwischen den Begriffen
„Erwerbslosigkeit“ und „Arbeitslosigkeit“ wird keine Differenzierung vorgenommen.
2 Vgl. Mohr, G. / Richter, P.: Psychosoziale Folgen von Erwerbslosigkeit. 2008. S. 26 f.
8
A Gesellschaftliche Modernisierungen und Erwerbsarbeit junger Menschen
l Der Arbeitsbegriff
„Der Begriff des Arbeitslosen ist im § 16 und 118 des SGB lll definiert: „Arbeitslose sind Personen, die wie beim Anspruch auf Arbeitslosengeld
1. vorübergehend nicht in einem Beschäftigungsverhältnis stehen,
2. eine versicherungspflichtige Beschäftigung suchen und dabei den Vermittlungsbemühungen des Arbeitsamtes zur Verfügung stehen und
3. sich beim Arbeitsamt gemeldet haben.“ 3
ll Definition Jugend
„Jugend ist eine Altersphase im Lebenszyklus eines jeden Individuums, die mit dem Einsetzten der Pubertät (Geschlechtsreife) um das 13. Lebensjahr beginnt. Jugend ist zugleich die Altergruppe der etwa 13- bis etwa 20/25-jährigen. Jugend ist - wie Kindsein, Erwachsenensein, Alter - eine biologisch mit-bestimmte, sozial und kulturell überformte Lebensphase, in der das Individuum die Voraussetzungen für ein selbständiges Handeln in der Gesellschaft erwirbt. … Einigkeit besteht darüber, dass die Jugendphase dann als abgeschlossen gelten kann und als selbständiges Gesellschaftsmitglied voll anerkannt ist. Dazu gehören ökonomische Selbständigkeit durch Berufsausübung und eigenes Einkommen und die soziale Verselbständigung, z.B. durch Gründung eines eigenen Haushaltes und/oder einer eigenen Familie.“ 4 Jugend gilt darüber hinaus als „… biografische Lebensphase für innere Entwicklung, Lernen, Identitätsbildung; zum anderen bedeutet Jugend eine bestimmte Lebenslage, die massiv von objektiven gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, Erwartungen, vor allem bezüglich des Arrangements in und mit der modernen Arbeitsgesellschaft, geprägt ist.“ 5 Der Sinn der Jugendphase liegt darin, sich den „… Anforderungen der Erwachsenenrolle unter besonderer Berücksichtigung des Erwerbs zur ökonomischen Absicherung zu stellen.“ 6
lll Leitbild Lohnarbeit
Etwa „…ein Drittel 15- bis 30-jähriger Jugendlicher und junger Erwachsener ist selbst schon einmal von Arbeitslosigkeit betroffen gewesen.“ 7 Erwerbslosigkeit wird demnach allmählich eine Normalerfahrung, dennoch steht Lohnarbeit im Zentrum
3 Neumann, R.: Zum Krisenmanagement mit arbeitslosen Jugendlichen. In: T. Hofsäss (Hg.): Jugend
- Arbeit - Bildung. 1999. S. 18.
4 Schäfer, B.: Gegenwartskunde SH 2. S. 13.
5 Glaß, C.: Psychosoziale Auswirkungen von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit auf junge Menschen im Kontext moderner Lebensbedingungen. In: P. Fülbier / R. Münchmeier (Hg.): Handbuch Jugendsozialarbeit. 2001. S. 191.
6 Ebd. S. 191 f.
7 Ebd. S. 194.
9
einer individuellen Lebensplanung. „Lohnarbeit als die klassische Form von unselbstständiger Arbeit hat wohl auch in der heutigen Gesellschaft immer noch eine herausragende Bedeutung als unabdingbares Fundament der Erwachsenenexistenz und der darauf aufbauenden soziokulturellen Entfaltungsmöglichkeiten.“ 8 „Die Arbeitsgesellschaft … beruht auf normativen Orientierungen, die durch die betriebliche Sozialisation und durch Integration in eine Arbeitsorganisation vermittelt werden.” 9 Das Motto lautet: „Sozialisation durch die Arbeit für die Arbeit.“ 10 Die Institutionen Schule und Familie sind maßgeblich an der Sozialisation „für Arbeit“ beteiligt. „Die Rolle des Bildungssystems für soziale Chancen und Weiterkommen wird von den jungen Menschen zunehmend als Funktionslücke durchschaut (ohne dass damit aber automatisch eine grundsätzliche Abkehr von entsprechenden Bemühungen vorgenommen würde).“ 11
Seit nun ca. 25 Jahren gibt es in Deutschland Krisenerscheinungen. „Die gesellschaftliche Krise hat die Jugend erreicht!“ 12 Genannt seinen die „… Erwerbskrisen, Arbeitslosigkeit, Globalisierungserschütterungen,
Rationalisierungsverluste …“, 13 jüngst die Wirtschafts- und Finanzkrise etc. und sie „… mischen sich … massiv in das Leben … ein und stellen dessen Sinn selbst in Frage.“ 14 Doch verabschieden sich die Jugendliche nicht vom Arbeitsleben. Die Mehrheit bemüht sich nach wie vor um einen erfolgreichen Start ins Berufsleben, denn eine wirkliche Alternative gibt es nicht. Gelingt der Übergang ins Berufsleben nicht, werden viele orientierungs- und hilflos. „Der Berufseinstieg ist heute für die meisten Jugendlichen zum Improvisationskunststück geworden, Arbeitslosigkeit zum Teil der Normalbiografie. Weit davon entfernt, auf diese Situation mit einer kollektiven Verweigerung auf die gestiegenen Anforderungen zu reagieren, steigern die meisten Jugendlichen ihre Anstrengungen und treiben damit die Leistungsspirale weiter in die Höhe.” 15 Trotz aller Anstrengungen, guter Schul- und Ausbildungsabschlüsse, trotz Engagement, Praktika, Fremdsprachenkompetenz und gewinnendem Auftreten existiert keine berechenbaren Berufslaufbahnen, sondern unsichere und prekäre
Beschäftigungsangebote. 16 Der Arbeitsmarkt lässt biografische Muster vorheriger Generationen als Orientierungskonstrukt untauglich werden. 17 „Die Jugendlichen in
8 Ebd. S. 194.
9 Maier, F. / Windolf, P.: Jugendarbeitslosigkeit und berufliche Desozialisation. In: C. Mühlfeld / H. Oppl / K. Plüisch et al. (Hg.): Jugendarbeitslosigkeit. 1984. S. 30.
10 Ebd.
11 Glaß, C.: Psychosoziale Auswirkungen von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit auf junge Menschen im Kontext moderner Lebensbedingungen. In: P. Fülbier / R. Münchmeier (Hg.): Handbuch Jugendsozialarbeit. 2001. S. 193.
12 Jugendwerk der Deutschen Shell (Hg.): Shell-Studie Jugend `97: Jugendperspektiven, Gesellschaftliches Engagement, Politische Orientierungen. Opladen 1997. In: Glaß, C.: Psychosoziale Auswirkungen von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit auf junge Menschen im Kontext moderner Lebensbedingungen. In: P. Fülbier / R. Münchmeier (Hg.): Handbuch Jugendsozialarbeit. 2001. S. 191.
13 Glaß, C.: Psychosoziale Auswirkungen von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit auf junge Menschen im Kontext moderner Lebensbedingungen. In: P. Fülbier / R. Münchmeier (Hg.): Handbuch Jugendsozialarbeit. 2001. S. 192.
14 Ebd.
15 Albert, M. / Hurrelmann, K. / Langness, A. et al.: Die pragmatische Generation unter Druck. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 446 f.
16 Vgl. Ebd.
17 Vgl. Glaß, C.: Psychosoziale Auswirkungen von Ausbildungs- und Arbeitslosigkeit auf junge Menschen im Kontext moderner Lebensbedingungen. In: P. Fülbier / R. Münchmeier (Hg.): Handbuch Jugendsozialarbeit. 2001. S. 188.
10
Deutschland wollen ihre Zukunft, trotz zunehmend prekärer Bedingungen, weiterhin vor allem eher in bekannten und eingefahrenen Bahnen meistern.” 18
lV Arbeitsbedingungen der industrialisierten Dienstleistungsgesellschaft
1 Prekäre Beschäftigungslage und brüchige Normalbiografien
Prekäre Beschäftigungslagen nehmen zu. So gibt es kaum noch
Vollzeitarbeitsplätze, weniger Lohn, befristete Verträge etc. Infolge des Anstiegs von Beschäftigungsrisiken kommt es zu einer Verschärfung sozialer Ungleichheit. „Mit der gesellschaftlichen Entwicklung nicht nur vorübergehender, sondern anhaltender Arbeitslosigkeit von Jugendlichen Ende der siebziger und achtziger Jahre in Deutschland ist die so genannte Normalbiografie des (normalen) Übergangs von der Schule zur Berufsausbildung und in berufliche Beschäftigung für Jugendliche brüchig, ungewiss und riskant geworden.“ 19 Dabei stellt die tatsächliche Einmündung in die Erwerbsarbeit ein wesentliches Element des Erwachsenwerdens dar. 20 Der durchschnittliche Lebensentwurf, der auf Vollzeit gründete, ist kaum mehr zu erreichen. 21 Der idealtypische Sozialisationsverlauf wird immer häufiger durchbrochen. Dies hat Folgen für die Lebenslagen und Orientierungen der Betroffenen. Es ist fraglich, ob man Jugendlichen das arbeitsgesellschaftliche Normalitätsmuster noch glaubhaft vermitteln kann, da eine generell hohe Arbeitslosigkeit herrscht. Der Normalitätsentwurf erlebt eine Krise und doch stellt Erwerbsarbeit nach wie vor den zentralen Modus gesellschaftlicher Integration dar. 22 Hieraus resultiert ein Orientierungsdilemma, denn alternative Vergesellschaftung-und Erziehungsperspektiven fehlen bisher. „Die Folgen dieser
Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland sind für längerfristig arbeitslose Jugendliche und junge Erwachsene fehlende Erfahrungen dauerhafter Arbeitsverhältnisse, in denen sie ihre berufliche Ausbildungskompetenzen verwerten und damit das Gefühl haben können, produktiv zu sein, gebraucht und adäquat entlohnt zu werden.“ 23
2 Veränderungen in der betrieblichen Arbeitsorganisation
Die Grenzen zwischen Erwerbsarbeit und Freizeit erodieren zunehmend stärker. „Arbeitszeit und Freizeit sind kaum noch voneinander getrennt, allzu oft wird die Freizeit von den Bedingungen und den Folgen der Erwerbsarbeit erfasst …“ 24 und der vormals äußere Zwang wird zum inneren Antreiber. „Die Erwerbsarbeit wird so zum einzig aktiven Antriebselement in der Lebensgestaltung, sie hat die Regie über alle anderen Lebensbereiche übernommen.“ 25
18 Vgl. Albert, M. / Hurrelmann, K. / Langness, A. et al.: Die pragmatische Generation unter Druck. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 451.
19 Schruth, P.: Junge Arbeitslose in der gemeinnützigen Jobvermittlung. 1999. S. 15.
20 Vgl. Richter, E.: Jugendarbeitslosigkeit und Identitätsbildung. 2004. S. 7.
21 Vgl. Ebd. S. 15.
22 Vgl. Schruth, P.: Junge Arbeitslose in der gemeinnützigen Jobvermittlung. 1999. S. 19.
23 Ebd. S. 21.
24 Morgenroth, C.: Arbeitsidentität und Arbeitslosigkeit. 2003. In: Aus Politik und Zeitgeschichte: Arbeitslosigkeit. 2003. S. 20.
25 Ebd.
11
3 Segmentierter Arbeitsmarkt
Der Arbeitsmarkt ist segmentiert. Das primäre Segment besteht aus stabilen, qualifizierten Arbeitsplätzen mit hohem Einkommen und Aufstiegschancen. Diese Arbeitsplätze vermitteln neue Lernerfahrungen und bieten Weiterbildungschancen. Das sekundäre Segment bietet instabile, unqualifizierte, schlecht bezahlte Arbeitsplätze ohne Aufstiegschancen. Diese Arbeitsplätze vermitteln keine neuen Lernerfahrungen. Erworbene Qualifikationen, die oft nicht mehr gebraucht werden, werden entwertet und es erfolgt ein häufiger Wechsel zwischen Beschäftigung und Erwerbslosigkeit. Meistens bleiben die Menschen in dem Segment, in dem sie ihre Karriere beginnen. Hohe Schranken verhindern Wanderungsbewegungen. Jugendliche Arbeitslose, die sich im zweiten Segment befinden und dementsprechend oft arbeitslos sind, entwickeln bestimmte Eigenschaften. Gegenüber dem Arbeitsinhalt entwickeln sie Gleichgültigkeit. Gegenüber der Monotonie entwickeln sie eine Resistenz. Sie sind so beweglich, dass man von Instabilität statt Mobilität sprechen kann. Ihre Sozialisation reduziert sich auf bloße Anpassung. Die Arbeit im zweiten Segment zwingt regelrecht zur Anpassung, wodurch die Menschen erst Recht für diese stupide Arbeit tauglich gemacht werden. 26
4 Jugendarbeitslosigkeit
4.1 Das Ausmaß der Jugendarbeitslosigkeit
Heute herrscht eine hohe Sockelarbeitslosigkeit - auch für die Jugend. Seit der deutschen Vereinigung hatte sich das Problem der Jugenderwerbslosigkeit beginnend in den 70er / 80er Jahren weiterhin verschärft. Im Osten existieren heute nahezu doppelt so hohe Jugenderwerbslosigkeitsraten wie im Westen Deutschlands. 27 „Seit den 1990er Jahren sind konstant rund eine halbe Million Jugendliche arbeitslos.“ 28 Allein im Zeitraum von 2000 bis 2005 ist die Jugendarbeitslosigkeit von 7,7 Prozent auf 15,2 Prozent gestiegen. 29 „Von einer im europäischen Maßstab niedrigen Jugendarbeitslosigkeit kann also nicht mehr die Rede sein …“ 30 So hat das Problem der Jugendarbeitslosigkeit „… in den letzten Jahren in der Bundesrepublik zunehmend größere Aufmerksamkeit erfahren. Vor allem das unzureichende Angebot von Ausbildungs- und Beschäftigungsstellen für junge Menschen und die Diskrepanz zwischen den Qualifikationsanforderungen der Nachfrageseite und den realen schulischen und beruflichen Voraussetzungen der Angebotsseite hat die Situation für die Betroffenen in den vergangen Jahren enorm verschärft.“ 31
26 Vgl. Maier, F. / Windolf, P.: Jugendarbeitslosigkeit und berufliche Desozialisation. In: C. Mühlfeld / H. Oppl / K. Plüisch et al. (Hg.): Jugendarbeitslosigkeit. 1984. S. 35.
27 Vgl. Rothe, T. / Tinter, S.: Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt. 2007. S. 9.
28 Schels, B.: Jugendarbeitslosigkeit und psychisches Wohlbefinden. 2007. S. 5.
29 Rothe, T. / Tinter, S.: Jugendliche auf dem Arbeitsmarkt. 2007. S. 8.
30 Ebd. S. 9.
31 Beelmann, G. / Kieselbach, T. / Traiser, U.: Jugendarbeitslosigkeit und soziale Ausgrenzung. In: J. Zempel / J. Bacher / K. Moser (Hg.): Erwerbslosigkeit. 2001. S. 134.
12
4.2 Ausbildung- und Beschäftigungschancen
Die Umstände, in denen Jugendliche und junge Erwachsene heute leben, haben sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Ausbildungsmöglichkeiten und Beschäftigungschancen verschlechtern sich und ist man einmal erwerbslos, bedarf es häufig „…mehrerer Versuche der Arbeitsaufnahme, bis eine stabile Wiedereingliederung in das Erwerbsleben gelingt.” 32 Die unter 20-Jährigen scheitern eher an der ersten Arbeitsmarktschwelle. Die Zahl der Jugendlichen ohne Ausbildungsvertrag hat zugenommen. Es gibt lange Wartezeiten auf eine Lehrstelle und ein hoher Anteil Jugendlicher wird nach der Ausbildung nicht übernommen. Da in vielen Berufen die Anforderungen gestiegen sind, ist es für viele Jugendliche schwieriger geworden, überhaupt eine passende Ausbildung zu finden. „Es ist deshalb zu befürchten, dass die Zahl der Jugendlichen, die auf Dauer nicht in den Ausbildungsmarkt integriert werden können, weiterhin zunimmt.“ 33 Doch die Probleme „… verlagern sich zunehmend an die 2. Schwelle beim Berufseintritt nach Abschluss der Ausbildung, damit auf die Altersgruppe der 20 bis 25jährigen.“ 34 Vor allem der Übergang in den ersten Arbeitsmarkt gestaltet sich zusehends problematisch. Folglich werden u.a. alternative Erwerbsmöglichkeiten wie z.B. in Form eines berufsfremden Einsatzes oder Schwarzarbeit, in Einfacharbeits- oder Leiharbeitsplätzen etc. gesucht. Ebenso besuchen Jugendliche heutzutage länger die Schule oder berufsvorbereitende Maßnahmen, um für sich bessere Voraussetzungen für einen erfolgreichen Berufsstart zu schaffen. Das Übergangsalter vom Bildungs- ins Beschäftigungssystem verlagert sich daher nach oben und der Begriff des Jugendlichen wird so bis zu den unter 25-jährigen ausgedehnt. 35 Zunehmend scheitern auch gut ausgebildete Jugendliche am Übergang nach der abgeschlossenen Berufsausbildung in eine entsprechende Beschäftigung. 36 Das Schlagwort von der „Generation Praktikum“ beschreibt, wie schwierig heute ein planbarer Berufseinstieg für viele junge Menschen geworden ist. 37
4.3 Berufsvorbereitende Maßnahmen und Arbeitslosenstatistik
Seit Mitte der 70er Jahre steigt die Jugendarbeitslosigkeit an und hat sich inzwischen auf einem hohen Niveau etabliert. Nur hin und wieder kommt es zu kurzzeitigen Rückgängen. Durch arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wird eine Vielzahl Erwerbsloser aufgefangen, die dann in den Statistiken der Arbeitsämter nicht mehr als erwerbslos geführt werden. Die kurzzeitigen Rückläufe in den Arbeitslosigkeitsstatistiken lassen sich demnach nicht durch eine bessere Arbeitsmarktlage erklären. Politische Interessen beeinflussen das statistische Datenmaterial der Bundesagentur für Arbeit. Darüber hinaus existiert eine hohe
32 Blaschke, D. / Stegmann, H.: Berufsstart in die Arbeitslosigkeit? Strukturen und Bedingungen der Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen. In: Maier, F. / Windolf, P.: Jugendarbeitslosigkeit und berufliche Desozialisation. In: C. Mühlfeld / H. Oppl / Plüisch, K.: et al. (Hg.): Jugendarbeitslosigkeit. 1984. S. 53.
33 BiBB: http:/gpcrelaunch.skygate.de/infoangebote_beitrag1006.php [Stand 21.03.2005] In: Häfke, A.: Hoffnungslos arbeitslos? 2007. S. 11.
34 Schober, K.: Jugend im Wartestand. Zur aktuellen Situation der Jugendlichen auf dem Arbeits- und Ausbildungsmarkt. In: MittAB 18. Jg. 1985. S. 247. In: Hermanns, M.: Jugendarbeitslosigkeit seit der Weimarer Republik. 1990. S. 25.
35 Vgl. Hermanns, M.: Jugendarbeitslosigkeit seit der Weimarer Republik. 1990. S. 23.
36 Vgl. Schruth, P.: Junge Arbeitslose in der gemeinnützigen Jobvermittlung. 1999. S. 20.
37 Vgl. Döhmel, K.: Geleitwort von Shell zur 15. Shell Jugendstudie. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 11.
13
Dunkelziffer 38 , da längst nicht alle erwerbslosen Jugendlichen erfasst werden, weil sie sich nicht arbeitslos melden, 39 berufsvorbereitende Maßnahmen durchlaufen oder als ABM-Kraft 40 tätig sind. Durch die berufsvorbereitenden Maßnahmen wird die Zahl der ausbildungssuchenden Jugendlichen minimiert, denn ausbildungssuchende Jugendliche, die in einer berufsvorbereitenden Maßnahme sind, werden statistisch nicht mehr als ausbildungssuchend erfasst. Lenz behauptete bereits 1985, dass die amtlichen Statistiken maximal 1 / 3 aller arbeitslosen Jugendlichen erfassen würden. 41 In Anbetracht dessen, dass viele Jugendliche heutzutage in zahlreichen arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen untergebracht sind und so statistisch nicht erfasst werden, kann man von einer höheren Dunkelziffer als Lenz es tat, ausgehen. Ferner wird die Statistik durch die Tatsache, dass arbeitslose
Ausbildungsplatzsuchende nach dem SGB lll nicht automatisch als arbeitslos geführt werden, beschönigt.
V Die Lebensphase Jugend im gesellschaftlichen und
demografischen Wandel
Die jugendliche Bevölkerung schrumpft numerisch und dennoch sind die „… Arbeitslosenquoten der unter 25-Jährigen … beängstigend hoch. Große Gruppen von Jugendlichen haben berechtigte Zukunftsängste.” 42 Es herrschen unsichere, jederzeit widerrufliche Arbeitsverhältnisse und die gesamte junge Generation befindet sich in einer unsicheren Lebenslage, “… denn einen Einstieg in den Beruf und eine einigermaßen berechenbare Arbeitsbiografie hält die Gesellschaft nur für einen Teil von ihnen bereit.” 43 Die Jugendlichen müssen heute früh einen Lebensplan entwickeln; mit Widersprüchen der Lebenslage umgehen können (ist doch die gesamte Sozialisation auf Erwerbsarbeit ausgerichtet); ihre Selbstdefinition auf einen schwierigen Sachverhalt, der Arbeitsmarktproblematik, ausrichten und trotz der unsicheren Zukunft ein Bild von der eigenen Persönlichkeit entwerfen. 44 Doch behalten Jugendliche ihre konstruktiven Erwartungen bislang bei, trotz aller Enttäuschungen wie der prekären Ausgangslage, die ein biografischer Schock für Jugendliche und ihre Eltern sein muss, wenn das Kind keine Arbeit findet. Die Jugendlichen haben ihre Kindheit in einer Wohlstandzeit verbracht mit sozial und wirtschaftlich gut situierten Eltern, die für ihre Kinder auf gleiche Bedingungen hofften. Die Angst vor einem kollektiven Absturz der Mittelschicht wächst. 45 Politische Demonstrationen finden in Ansätzen an Universitäten statt. Anders sieht die Ausgangslage bei sozial benachteiligten Jugendlichen und Jugendlichen aus Migrantenfamilien aus. Sie wurden nicht vom Elternhaus verwöhnt. Sie “… suchen
38 Vgl. Hermanns, M.: Jugendarbeitslosigkeit seit der Weimarer Republik. 1990. S. 27.
39 Viele Menschen melden sich nicht als arbeitslos, da sie keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld haben; nicht wissen, dass sie einen Anspruch hätten; Angst vor Behörden oder „Entblößungen“ haben oder sich als Bittsteller fühlen würden.
40 ABM: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme.
41 Vgl. Lenz, C.: Jugendarbeitslosigkeit - Ausmaß - Verlauf - Ursachen - Gegenmaßnahmen und Analyse ihrer psychischen Auswirkungen. Essen 1985. S. 30. In: Stuckstätte, E. M.: Lebensentwürfe langzeitarbeitsloser, minderqualifizierter Jugendlicher. 2004. S. 75.
42 Hurrelmann, K. / Albert, M. / Quenzel, G. et al.: Eine pragmatische Generation unter Druck. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 31.
43 Ebd. S. 32.
44 Vgl. Ebd. S. 35.
45 Vgl. Ebd. S. 32.
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einfach nur nach einem Platz in dieser Gesellschaft, mit einem Mindestmaß an Anerkennung und Zugehörigkeit. Wenn ihnen dies verwehrt wird, reagieren sie mit großer Unruhe.“ 46 Ökonomisch leben sie auf einem niedrigeren Niveau und haben in dieser Hinsicht wenig zu verlieren. „Aus diesem Grund kann sich bei ihnen schnell ein Protestpotential zusammenbrauen.“ 47
1 Entgrenzte Jugend
Früher galt Jugend als eine klar abgegrenzte eigenständige und gesellschaftlich weitgehend geschützte Bildungsphase; als Vorbereitung auf den „Ernst der Lebens“. Sie diente dem Übergang ins Erwachsenenalter und der Integration in Erwerbsarbeit. Heute ist Jugend zeitlich in Richtung Kindheit und Erwachsenenalter entgrenzt. Einem Teil der Jugend gelingt der Übergang in die Erwerbsarbeit und damit die Integration in die Gesellschaft überhaupt nicht mehr. „Nicht nur der zeitlich länger andauernde Besuch der Schule und Berufsausbildung, auch die Dauer der individuell erfahrenen Jugendarbeitslosigkeit trägt zur Verlängerung der Jugendphase bei.“ 48 „Mit länger werdenden Ausbildungszeiten und relativ später Übernahme einer Berufsrolle verschiebt sich die Adoleszenzkrise ins zweite, in Extremfällen auch in den Anfang des dritten Lebensjahrzehntes.” 49 Die Jugend dauert heute mindestens 10 Jahre und bei immer mehr Jugendlichen 15 oder gar 20 Jahre. 50 Der Trend zu höheren Abschlüssen und der steigende Anteil Jugendlicher zwischen 16 und 25 Jahren, die immer noch in der Ausbildung sind, ist ein europaweites Phänomen. 51 Spätestens seit 1985 ist die Verlängerung der Ausbildung aus sozialpolitischen Gründen mit dem Ziel „…die zahlenmäßig “zu vielen” potenziellen jungen Arbeitskräfte so lange wie möglich im Bildungssystem zu halten, um sie vom nur eingeschränkt aufnahmefähigen Erwerbssystem fern zu halten …“, 52 gewollt. „Das deutsche Bildungssystem wurde zu einem biografischen Warteraum auf dem Weg zum Erwachsenenalter, das traditionell mit dem Erwerbsalter gleichgesetzt wird.” 53 Die Jugend kann immer weniger davon ausgehen, stabile Erwerbsbiografien zu erfahren. Der gesellschaftliche und erwachsene Normalstatus kann nicht mehr von allen erreicht werden, weshalb es zu Irritationen der Normalitätserwartungen kommt. 54 „Die Übergangsphase und die Übergangswege in Ausbildung und Beschäftigung werden für einen Teil der Heranwachsenden in unterschiedlicher
46 Ebd.
47 Ebd.
48 Schruth, P.: Junge Arbeitslose in der gemeinnützigen Jobvermittlung. 1999. S. 24.
49 Maier, F. / Windolf, P.: Jugendarbeitslosigkeit und berufliche Desozialisation. In: C. Mühlfeld / H. Oppl / Plüisch, K. et al. (Hg.): Jugendarbeitslosigkeit. 1984. S. 34.
50 Vgl. Hurrelmann, K. / Albert, M. / Quenzel, G. et al.: Eine pragmatische Generation unter Druck. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 33.
51 Vgl. Orr, K. / McCabe, R.: Chapter Two - Education. In: Orr, K. (ed.): Youth Report 2004. http://www.youthforum.org/en/press/reports/yr.pdf. (24.04.06) 2004. In: Hurrelmann, K. / Albert, M. / Quenzel, G. et al.: Eine pragmatische Generation unter Druck. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 33.
52 Ebd. S. 33 f.
53 Hurrelmann, K.: Warteschleifen. Keine Berufs- und Zukunftsperspektiven für Jugendliche? Weinheim 1989. In: Hurrelmann, K. / Albert, M. / Quenzel, G. et al.: Eine pragmatische Generation unter Druck. In: Shell Deutschland Holding (Hg.): Jugend 2006. 2006. S. 34.
54 Vgl. Bonß, W.: Zwischen Erwerbsarbeit und Eigenarbeit. Ein Beitrag zur Debatte um die Arbeitsgesellschaft. In: Arbeit 14/2002. S. 13. In: Kreher, T.: „Heutzutage muss man kämpfen“. 2007. S. 60.
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Ausprägung immer prekärer und länger …“, 55 wodurch sich die Zeit der Jugend verlängert. „Es entsteht ein biografisch eigenständiges Lebensalter junger Erwachsener mit hoher Kontingenz und sich überlagernder jugend- und erwachsenenbezogener Anforderungen.“ 56 Ein andere Ursache für die Entgrenzung der Jungend, ist die Tatsache, dass die „… Risiken der Arbeitsgesellschaft wie Arbeitslosigkeit und Ausbildungsprobleme und die ökonomischen Prinzipien der Flexibilisierung und Konkurrenz schon im Jugendalter deutlich spürbar …“ 57 sind. Jugendliche sind heute einem enormen Konkurrenzdruck ausgesetzt. Sie stehen in Konkurrenz um Arbeit mit Ihresgleichen und älteren Generationen. Arbeitsweltbezogene „… Ansprüche der Beruforientierung sowie Anforderungen umfassenden Qualifikationserwerbs und Kompetenzentwicklung nehmen … schon früh im Lebenslauf Raum ein.“ 58 Der Jugend bleibt somit immer weniger Raum sich auszuprobieren.
Diese Krise wird erst durch die Übernahme einer stabilen Berufsrolle gelöst. „Die zentrale Bedeutung, die der Beruf für den Ausgang der Krise hat, ist sowohl auf ein psychisches Bedürfnis nach stabiler Rollenorientierung zurückzuführen als auch auf den sozialen Erwartungsdruck, einen Jugendlichen erst dann als Erwachsenen zu akzeptieren, wenn er eine stabile Berufsposition gefunden hat.” 59 Jugendarbeitslosigkeit fällt in einen mit psychischen Turbulenzen verbundenen Lebensabschnitt und erschwert die Ablösung aus der Herkunftsfamilie bzw. verlängert die Adoleszenzkrise mit ihren jugendspezifischen Verhaltensformen. Zwar beendet nicht nur die Übernahme einer Berufsrolle die Adoleszenzkrise, zutreffend „… ist jedoch, dass in Industriegesellschaften die Herauslösung aus der Herkunftsfamilie und die Re-Integration in andere Sozialsysteme durch die Berufsrolle vermittelt werden.” 60
2 Individualisierung der Lebensentwürfe
Heute gibt es keine eindeutigen klassenspezifischen Orientierungsrahmen für individuelle Verhaltensweisen mehr. 61 Durch den vergrößerten individuellen Gestaltungsraum infolge eines gestiegenen Einkommensniveaus, mehr Freizeit etc. pluralisieren sich Lebensstile. Die Bildung erlebte eine Expansion und führt ihrerseits zu einer allgemeinen Ausdehnung der Jugendphase. „Da längere Bildungswege die Vergesellschaftung durch Erwerbsarbeit zeitlich hinauszögern, befinden sich junge Menschen in einem verlängerten individuellen Entwicklungsprozess.“ 62 Subjektive Gestaltungsmöglichkeiten werden primär durch den Arbeitsmarkt eingeschränkt, da die Menschen vom Erwerbssektor äußerst abhängig sind. 63
55 Kreher, T.: „Heutzutage muss man kämpfen“. 2007. S. 61.
56 Ebd. S. 68 f.
57 Ebd. S. 59.
58 Ebd.
59 Maier, F. / Windolf, P.: Jugendarbeitslosigkeit und berufliche Desozialisation. In: C. Mühlfeld / H. Oppl / K. Plüisch et al. (Hg.).: Jugendarbeitslosigkeit. 1984. S. 34.
60 Ebd.
61 Vgl. Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986. S. 129. In: Stuckstätte, E. M.: Lebensentwürfe langzeitarbeitsloser, minderqualifizierter Jugendlicher. 2004. S. 17.
62 Stuckstätte, E. M.: Lebensentwürfe langzeitarbeitsloser, minderqualifizierter Jugendlicher. 2004. S. 20.
63 Vgl. Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M. 1986. In: Stuckstätte, E. M.: Lebensentwürfe langzeitarbeitsloser, minderqualifizierter Jugendlicher. 2004. S. 20 f.
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Vl Folgen für die Bedeutung und die Funktion der Arbeit
Erst durch eine Berücksichtigung der Bedeutung von Arbeit wird das Ausmaß der mit Arbeitslosigkeit verbundenen psychosozialen Belastungen sichtbar. 64 Bedeutung und Funktion der Arbeit beeinflussen Lebensbedingungen, Erfahrungen und Verhaltensweisen eines Menschen. „Unter gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen lässt sich eine vollständige Substitution der psychologischen Funktionen von Erwerbsarbeit allerdings nur in den seltensten Fällen vorstellen. Es lässt sich momentan keine Aktivität denken, die die … psychologischen Funktionen ähnlich wie Erwerbsarbeit gebündelt ausfüllen könnte.“ 65 Je höher die Qualifikation, desto eher lassen sich folgende Punkte verwirklichen. „Einem von der Arbeitsgesellschaft Ausgeschlossenem bleibt diese Vielzahl an positiven psychosozialen und materiellen Konsequenzen einer Arbeit verwehrt.“ 66
1 Finanzielle Entlohnung
Der erwerbstätige Mensch sichert sich durch Arbeit seine materielle Existenzgrundlage. Arbeit dient so der Befriedigung von Bedürfnissen wie Essen, Wohnen, Konsum oder der sozialen Sicherheit. „Gerade für den Jugendlichen bedeutet Arbeit und Beruf eine Basis, auf der ein eigenes und späteres familiäres Dasein erreicht werden soll.“ 67
2 Formung der Persönlichkeit
Durch Erwerbsarbeit „… werden Fähigkeiten, Fertigkeiten, Charakter, Einstellung, Weltanschauung und andere Merkmalsbereiche wesentlich geprägt.“ 68
3 Zeitstrukturierung
Die Erwerbsarbeit strukturiert die Tages-, Wochen-, Jahres- und Lebenszeit eines jeden Erwerbstätigen. Selbst auf die Zeitstrukturierung Arbeitsloser nimmt sie Einfluss, wenn diese sich am Zeitrhythmus ihres sozialen Umfeldes orientieren. Freizeit wird durch ihre spezifischen Arbeitsbedingungen, -einkommen und -inhalte ebenso mit bestimmt.
4 Identität und Selbstwertgefühl
Erwerbsarbeit leistet einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Identität und der Selbstachtung und des Selbstwertgefühls, „… da sie die Erfahrung vermittelt, die notwendigen Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Ausführung einer bestimmten Tätigkeit
64 Vgl. Schumacher, E.: Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit. 1986. S. 19.
65 Kieselbach, T.: Arbeitslosigkeit. In: R. Asanger / G. Wenninger (Hg.): Handwörterbuch Psychologie. 1999. S. 44.
66 Schumacher, E.: Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit. 1986. S. 21.
67 Ebd. S. 19.
68 Ebd.
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zu besitzen.“ 69 Ein gelungener Übergang in ein Beschäftigungsverhältnis wirkt sich so identitätsstabilisierend aus. 70
5 Stabilisierung der Persönlichkeit
„Der Beruf soll eine Umwelt- und Innenstabilisierung der Person ermöglichen.“ 71 Erwerbsarbeit fungiert als aufbauendes Moment eines bestimmten Handlungssystems.
6 Handlungskompetenz
Durch seine arbeitende Tätigkeit und die damit verbundene Aneignung von Kenntnissen und Fähigkeiten entwickelt der Erwerbstätige ein Gefühl der Handlungskompetenz. Diese „… wird erst in der Arbeit vollständig ausgebildet.“ 72
7 Status
Je nach Art des Berufes und dessen sozialen Ansehen erhält das Individuum seine soziale Stellung bzw. seinen sozialen Status und Prestige in der Gesellschaft.
8 Sozialintegrative Wirkung
Als Folgen der Arbeit erfolgen eine Stabilisierung des Verhaltens sowie eine Strukturierung des Weiteren sozialen Umfeldes. Durch Arbeit wird der junge Mensch in die Gesellschaft integriert.
9 Kontakt und Interaktion
Durch das Arbeiten mit anderen Menschen werden kooperative Fähigkeiten gefördert. „Die Arbeitsstelle bietet durch die Möglichkeit, andere Menschen zu treffen, einen sozialen Orientierungsrahmen, der für die individuelle Selbsteinschätzung von Bedeutung ist.“ 73 Der soziale Horizont erweitert sich über das eigene enge soziale Umfeld von Familie, Freunden und Bekannten hinaus. Es entwickelt sich ein Gefühl des Einbezogenseins in eine soziale Realität der Gesellschaft. „Im Berufsleben ist selbst eine scheue und zurückgezogene Person gezwungen, ihre Kenntnisse von der sozialen Welt zu erweitern …” 74
69 Ebd. S. 19 f.
70 Vgl. Heinz, W.-R.: Jugendarbeitslosigkeit. In: Bremer Beiträge zur Psychologie, Nr. 53. Bremen 1985. S. 10. In: Häfke, A.: Hoffnungslos arbeitslos? 2007. S. 17.
71 Schumacher, E.: Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit. 1986. S. 19 f.
72 Frese, M. / Volpert, W.: Berufliche Sozialisation. In: R. Asanger / G. Wenninger (Hg.): Handwörterbuch der Psychologie. Weinheim 1980. In: Alheit, P. / Glaß, C.: Beschädigtes Leben. 1986. S. 20.
73 Schumacher, E.: Arbeitslosigkeit und psychische Gesundheit. 1986. S. 20.
74 Jahoda, M.: Wieviel Arbeit braucht der Mensch? 1986. S. 50.
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Wenke Pietsch, 2010, Über die psychosozialen Folgen der Jugendarbeitslosigkeit, München, GRIN Verlag GmbH
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