Inhalt 1
Inhalt
1 Einleitung 3
2 Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 5
2.1 Literaturunterricht in der Grundschule 5
2.2 Was ist Lesemotivation? 6
2.3 Literaturauswahl 8
2.3.1 Untersuchungsergebnisse zur Auswahl von Literatur für
Grundschulklassen 8
2.3.2 Interessengeleiteter Literaturunterricht 9
3 Planungsgrundlagen der Unterrichtseinheit 11
3.1 Zur Situation der Lerngruppe und zur Lernausgangslage 11
3.2 Didaktische Entscheidungen 12
3.3 Ziele der Unterrichtseinheit 14
3.4 Methodische Entscheidungen 15
3.4.1 Beurteilungsbogen 15
3.4.2 Literaturauswahl 15
3.4.3 Lesetagebuch 16
3.4.4 Werbeplakat 17
4 Darstellung der Unterrichtseinheit 18
4.1 Gesamtübersicht der Unterrichtseinheit 18
4.2 Kurze Darstellung der Sequenzen 18
4.3 Ausführliche Darstellung einer Unterrichtsstunde 19
4.3.1 Zur Situation der Lerngruppe und zur Lernausgangslage 19
4.3.2 Von den Schülerinnen und Schülern ausgewählte Literatur 20
4.3.3 Didaktische Entscheidungen 20
4.3.4 Unterrichtsziele 20
4.3.5 Methodische Entscheidungen 22
4.3.6 Reflexion der Stunde 23
5 Gesamtreflexion 26
5.1 Möglichkeiten und Grenzen eines interessengeleiteten Literaturunterrichts 26
5.2 Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler 26
5.3 Schwierigkeiten 29
5.4 Schlussfolgerung im Hinblick auf die Zielsetzung und Weiterarbeit 30
Inhalt 2
Literatur 32
Anhang 34
A1 Beurteilungsbögen 34
A2 Geplanter Unterrichtsverlauf 40
A3 Literaturauswahl der Schülerinnen und Schüler 41
A4 Aufgabenvorschläge für das Lesetagebuch 42
A5 Gestaltete Arbeitsblätter zu den Aufgabenvorschlägen für das
Lesetagebuch 43
A5.1 43
A5.2 44
A5.3 45
A5.4 46
A5.5 47
A5.6 48
A5.7 49
A6 Ausgewählte Lesetagebucheinträge der Schülerinnen und Schüler 50
A6.1 50
A6.2 51
A6.3 52
A6.4 53
A6.5 54
A7 Werbeplakat 55
Einleitung 3
1 Einleitung
Lesen, das bedeutet Entspannung, in andere Welten eintauchen, Dinge erleben, die man sonst nie erleben würde, Gedankenanregung,... - für mich bedeutetet es das und für viele andere auch. Aber für längst nicht jeden öffnen sich diese Welten, die sich hinter Buchrücken verbergen.
In der zweiten Klasse, die ich seit Beginn meiner Anwärterinnenzeit unterrichte, gibt es viele Kinder, die gerne und viel lesen. Es gibt jedoch auch einige, denen sich das Lesen noch nicht als etwas Gewinnbringendes eröffnet hat. Wird dies noch geschehen? Sieht man sich die Ergebnisse der Studie von RICHTER und PLATH 1 zur Lesemotivation in der Grundschule an, scheint dies eher unwahrscheinlich. Sie zeigt, dass die Lesemotivation von Schülerinnen und Schülern während der Grundschulzeit rapide abnimmt, und dass sogar bei vielen der Schülerinnen und Schüler, die jetzt, nach dem Abschluss des Leselehrgangs, noch hoch motiviert sind, ihr neu erlangtes Können anzuwenden, die Motivation zum Lesen zusammen mit dem Spaß am Deutschunterricht im Laufe der Zeit kontinuierlich abnimmt. (Vgl. 3.2) Es scheint also, als gäbe die Schule den Schülerinnen und Schülern den Schlüssel in die Hand, mit dem sie sich Welten öffnen können, versäumt es aber dann, ihnen die Türen zu diesen Welten zu zeigen.
In einer Zeit, in der es vielen Kindern zu Hause an Lesevorbildern fehlt und andere Medien immer mehr mit dem Buch konkurrieren, kann die Aufgabe der Schule nicht nur sein, die Lesekompetenz und das Textverständnis zu fördern. Auch der Aufbau und das Erhalten einer stabilen Lesemotivation ist Aufgabe des Deutschunterrichts. 2 Um dieses Ziel zu erreichen, muss Literatur von den Schülerinnen und Schülern als etwas Bedeutungsvolles wahrgenommen werden. Es muss eine Erwartungshaltung bestehen, von dem Gelesenen belohnt zu werden. Eigene Erfahrungen und Gefühlserlebnisse müssen mit der Literatur verbunden werden und auch in der zwischenmenschlichen Begegnung muss das Lesen als sinnvoll erlebt werden. Auf einem solchen Fundament kann die Lesemotivation auch durch Schwierigkeiten und Frustration nicht erschüttert werden. 3
Literaturunterricht kann also nur dann zur Förderung der Lesemotivation beitragen, wenn er sich an den Leseinteressen der einzelnen Schülerinnen und Schüler orientiert. Denn nur, wenn das Buch inhaltlich zu dem einzelnen Kind passt und es
1 Vgl. Richter, Karin/Plath, Monika: Lesemotivation in der Grundschule. Empirische Befunde und Modelle für den Unterricht, Weinheim, München 2005, S. 42 ff.
2 Vgl. Hintz, Ingrid: Das Lesetagebuch: intensiv lesen, produktiv schreiben, frei arbeiten, Baltmannsweiler 2008, S. 60
3 Vgl. Hurrelmann, Bettina: Leseleistung - Lesekompetenz, in: Praxis Deutsch 176/2002, S. 14 f.
Einleitung 4
in seiner Lesekompetenz weder unter- noch überfordert, kann gewährleistet werden, dass alle Schülerinnen und Schüler die Möglichkeit haben, sich mit ihrem Lesestoff zu identifizieren.
Die vorliegende Hausarbeit geht der Frage nach, ob es gelingen kann, durch einen interessengeleiteten Literaturunterricht alle Schülerinnen und Schüler, sowohl leistungsstarke als auch leistungsschwache, zum Lesen zu motivieren.
Zu Beginn der Arbeit werden die Begriffe ‚Lesemotivation’ und ‚interessengeleiteter Literaturunterricht’ definiert. Zudem wird begründet, warum Literaturunterricht schon in der Grundschule stattfinden sollte und dargestellt, wie Literatur für Grundschüler ausgewählt wird, wenn nicht nach ihren Interessen.
Das dritte und vierte Kapitel beschreibt die Unterrichtseinheit, die zur Beantwortung der oben gestellten Frage durchgeführt wurde, und auf welcher Planungsgrundlage sie entstanden ist. Zudem wird eine ausgewählte Unterrichtsstunde der Einheit detailliert aufgeführt.
Im letzten Kapitel wird die gesamte Unterrichtseinheit im Hinblick auf die Fragestellung reflektiert, indem Möglichkeiten und Grenzen des interessengeleiteten Literaturunterrichts aufgezeigt werden, der Lernzuwachs der Schülerinnen und Schüler beschrieben wird und abschließend Schlussfolgerungen im Hinblick auf die Zielsetzung und Weiterarbeit gezogen werden.
Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 5
2 Lesemotivation durch interessengeleiteten
Literaturunterricht
2.1 Literaturunterricht in der Grundschule
Lesen ist laut PISA-Konsortium eine Basiskompetenz, dessen Beherrschung „für eine befriedigende Lebensführung in persönlicher und wirtschaftlicher Hinsicht sowie für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben“ 4 nötig ist. Reicht es da nicht, wenn Schülerinnen und Schüler in der Schule die Kompetenz erlangen, Texten Informationen zu entnehmen? Gerade vor dem Hintergrund, dass funktionaler Analphabetismus, also die Unfähigkeit, Texte zu verstehen, auch in Deutschland ein nicht zu unterschätzendes Problem darstellt? 5 Hat die Schule hier nicht ganz andere Schwierigkeiten zu bewältigen, als Kinder an Literatur heran zu führen? 6
RICHTER bezeichnet die Tendenz, dass Lesen im Kontext der PISA-Ergebnisse „vornehmlich als instrumentalisierte Tätigkeit und als Weg zum allgemeinen Wissenserwerb begriffen wird“ 7 als Gefahr. Sie sieht es als Defizit der Literaturdidaktik, dass sie sich auf die weiterführenden Schulen konzentriert und der Grundschule lediglich das Erlernen von Lesen und Schreiben als basale Kulturtechnik zugeschrieben wird. Dies werde besonders dadurch deutlich, dass in der Grundschule selten von Literaturunterricht gesprochen wird, sondern viel mehr von Leseunterricht. 8
Literaturunterricht fördert und vereint die verschiedensten Kompetenzen. Auch für das Lesen fiktionaler Texte ist die Informationsverarbeitung eine grundlegende Voraussetzung. Zudem wird das Gelesene mit eigenen Erfahrungen und mit dem Weltwissen verknüpft. Textstrukturen werden erfasst und das Vorstellungsvermögen gefördert. Besonders Letzteres kann mit literarischen Texten intensiv geschehen, indem z.B. Szenen nachgespielt oder in anderer Form produktiv umgesetzt werden. Diese Förderung des Entstehens von inneren Bildern wirkt sich auch auf das
4 Deutsches PISA-Konsortium (Hg.): PISA 2000. Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Opladen 2001, S. 16
5 Vgl. Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e.V.:
http://www.alphabetisierung.de/infos/analphabetismus/fragen-und-antworten.html, Stand: 09.07.2010
6 Vgl. Stuck, Elisabeth: Neue Ansätze im Literaturunterricht. Didaktische Grundlagen und Methoden, Mülheim an der Ruhr 2008, S. 9
7 Richter, Karin: Kinderliteratur im Literaturunterricht der Grundschule. Befunde - Konzepte -Modelle, Baltmannsweiler 2007, S. 4 f.
8 Vgl. ebd., S. 4 ff.
Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 6
Verstehen von Sachtexten aus. Aber Literaturunterricht ist mehr als ein Mittel zum Zweck. Das Lesen literarischer Texte bietet die Möglichkeit, in andere Rollen zu schlüpfen und die Welt aus anderen Perspektiven zu betrachten. Dies fördert das Verständnis anderer Sichtweisen und die Entwicklung von Empathie. Der Horizont der Lesenden erweitert sich und Fremderfahrungen können mit eigenen Erfahrungen verknüpft werden. Das Kennenlernen anderer Sichtweisen ermöglicht es, ein differenziertes Urteilsvermögen und eine Werthaltung zu entwickeln. Auch das ästhetische Urteilsvermögen wird geschult, wenn literarische Texte als Kunstwerke erkannt und genossen werden. So trägt Literatur zur Persönlichkeitsbildung bei, indem sie sich förderlich auf die kognitive und emotionale Entwicklung auswirkt und damit das Selbstbewusstsein stärkt. 9 Ein weiterer Aspekt des Literaturunterrichts ist die Förderung der Sprachkompetenz, sowohl der rezeptiven, durch hören und lesen, als auch der produktiven, durch sprechen und schreiben. 10
HURRELMANN plädiert für eine Leseförderung, die den Umgang mit Literatur „nicht als Schulleistung, sondern als kulturelle Teilhabe versteht.“ 11 Leseförderung habe nicht nur kognitive Lesefähigkeiten zum Ziel, sondern auch
Kommunikationsbedürfnisse, Freude am Lesen sowie die Erfahrung, dass Lesen im Sozialen Zusammenhang Sinn macht. 12
Literaturunterricht sollte also zum Ziel haben, positive Leseerfahrungen zu ermöglichen. Er sollte Lesefreude vermitteln, mit schriftsprachlichen Texten vertraut machen und die Lesegewohnheiten stabilisieren. 13 Denn Lesekompetenz und Lesemotivation hängen eng zusammen. Wer gern liest, liest viel und wer viel liest, liest zunehmend besser. 14
2.2 Was ist Lesemotivation?
„Ein besonders bedeutsames, wenn nicht das bedeutsamste Ziel des Literaturunterrichtes ist die Ausbildung einer stabilen Lesemotivation.“ 15 Wer in und
9 Vgl. Stuck, Elisabeth, 2008, S. 42 ff.
10 Vgl. ebd., S. 45 ff.
11 Hurrelmann, Bettina: Lesen als Basiskompetenz in der Mediengesellschaft, in: Stuck, Elisabeth: Neue Ansätze im Literaturunterricht. Didaktische Grundlagen und Methoden, Mülheim an der Ruhr 2008, S. 79
12 Vgl. ebd., S. 85
13 Vgl. Hurrelmann, Bettina, 2002, S. 17
14 Vgl. Kollenrott, Anne Ingrid/Kölbl, Carlos/Billmann-Mahecha, Elfriede/Tiedemann, Joachim: KOLIBRI. Leseförderung in der Grundschule, Münster 2007, S. 64
15 Richter, Karin/Plath, Monika, 2005, S. 21
Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 7
nach seiner Grundschulzeit nicht freiwillig liest, so LANGE, erlange die meisten Kompetenzen im Umgang mit Literatur auch später nicht mehr. 16 HECKHAUSEN definiert Motivation als eine „überdauernde Disposition“ für zielgerichtetes Handeln, wobei ‚Handeln’ als ein menschliches Verhalten verstanden wird, mit dem der Handelnde, bewusst oder unbewusst, einen Sinn verbindet. Motivation ist nach HECKHAUSEN ein Überbegriff für viele Prozesse, die gemeinsam haben, dass ein Verhalten aufgrund seiner erwarteten Folgen ausgewählt wird. „Die im Verhalten zu beobachtende Zielgerichtetheit, der Beginn und der Abschluss einer übergreifenden Verhaltenseinheit, ihre Wiederaufnahme nach Unterbrechung, der Wechsel zu einem neuen Verhaltensabschnitt, der Konflikt zwischen verschiedenen Zielen des Verhaltens und seiner Lösung - all dies wird dem Problemfeld der Motivation zugeschrieben.“ 17
Für die Motivation zum Lesen bedeutet dies, dass der Leser eine positive Erwartungshaltung gegenüber einer Lektüre haben muss. Die Berücksichtigung spezifischer Leseinteressen und -kompetenzen bei der Auswahl von Literatur sind daher grundlegend, um eine stabile Lesemotivation zu erlangen bzw. zu erhalten. 18 Viele Grundschulkinder versprechen sich nichts vom Lesen. Im Extremfall haben sie für sich nicht einmal eine Begründung überhaupt lesen zu lernen. Andere verlieren später die Lust zu lesen, wenn ihnen in der Schule Texte vorgelegt werden, die nicht ihrem Leseniveau entsprechen. 19
Ziel des Literaturunterrichts muss es sein, bei den Schülerinnen und Schülern eine intrinsische Lesemotivation aufzubauen. Auch wenn viele Unterrichtsinhalte aus extrinsischer Motivation gelernt werden, also um der Lehrerin/dem Lehrer oder den Eltern eine Freude zu machen, und dies nicht unbedingt als negativ gewertet werden muss, kann dies nicht für das Lesen gelten. Eine stabile Lesemotivation kann nicht entstehen, wenn das Interesse am Gelesenen von der Rückmeldung der Lehrerin/des Lehrers abhängt. Nur wenn die Schülerinnen und Schüler das Lesen als etwas für sie Bedeutsames erleben und sie daraus ihre Motivation zum Lesen schöpfen, kann sich diese festigen. 20
16 Vgl. Lange, Günter: Zur Didaktik der Kinder und Jugendliteratur, in: Lange, Günter (Hg.): Taschenbuch der Kinder und Jugendliteratur, Baltmannsweiler 2000, S. 947
17 Heckhausen, Heinz: Motivation und Handeln, Berlin, Heidelberg, New York, London, Paris, Tokyo, Hong Kong 1989, S. 9 ff.
18 Vgl. Frey, Ute/Richter, Karin: Didaktik der Kinder- und Jugendliteratur. Leseförderung in der Mediengesellschaft und Entwicklung von Medienkompetenz, in: Ewers, Hans-Heino u.a. (Hg.): Kinder- und Jugendliteraturforschung 2000/2001, Stuttgart, Weimar 2001, S. 117
19 Vgl. Kollenrott, Anne Ingrid/Kölbl, Carlos/Billmann-Mahecha, Elfriede/Tiedemann, Joachim, 2007, S. 58
20 Vgl. ebd., S. 58 f.
Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 8
2.3 Literaturauswahl
Literatur, so SPINNER, ist ein „exemplarisches Medium einer Auseinandersetzung mit sich selbst [...], weil sie psychische Prozesse und Interaktionen des Einzelnen mit anderen zum Thema macht und den Lesenden dazu einlädt, sich selbst mit seinen Wünschen, seinen Enttäuschungen, seinen Konflikten in den Texten wieder zu finden.“ 21
Wer gerne liest, kann diesen Effekt des Lesens bestätigen. Bücher werden bewusst oder unbewusst danach ausgesucht, ob sie zur Identitätsfindung beitragen. Bücher, die keine Identifikationsmöglichkeit bieten, werden nicht zu Ende gelesen oder gar nicht erst gekauft. Die Schule bietet diese Möglichkeit der persönlichen Auswahl von Literatur nur selten. Im Literaturunterricht werden Bücher meist als Klassensatz eingesetzt. Alle Schülerinnen und Schüler lesen das gleiche Buch und bearbeiten dieselben Aufgaben dazu. 22
2.3.1 Untersuchungsergebnisse zur Auswahl von Literatur für
Grundschulklassen
Die Studie von RICHTER und PLATH zur Lesemotivation in der Grundschule zeigt folgendes Bild vom Literaturunterricht in der Primarstufe: 13 von 52 der Lehrerinnen, die an der Untersuchung teilnahmen, hatten während des gesamten Schuljahres nicht ein einziges Buch im Unterricht behandelt. Weitere 13 nur ein einziges. 23 Die Literatur, die die Lehrerinnen ausgewählt hatten, weist zudem eine große Diskrepanz zu den kindlichen Lektürewünschen auf, die in der Untersuchung erfasst wurden: 64,4% der befragten Schülerinnen und Schüler kreuzten bei der Frage „Welche Bücher/Geschichten liest du gern?“ das Genre Abenteuerliteratur an, welches damit sowohl bei Jungen als auch bei Mädchen an erster Stelle steht. An zweiter Stelle stehen bei den Mädchen Tiergeschichten und bei den Jungen Sachbücher. An dritter Stelle stehen bei beiden Geschlechtern
Fantasiegeschichten. 24 Fast die Hälfte der Bücher, die im Unterricht eingesetzt wurden, fielen jedoch unter das Genre „Wahre Geschichten“, welches nur von einem Viertel der befragten Kinder (Mädchen sowie Jungen) als „Texte, die sie gerne lesen“, angegeben wurde. Aus Abenteuerliteratur bestand dagegen nur etwa ein Sechstel der behandelten Literatur (14 von 89 angegebener Titel), Sachbücher
21 Spinner, Kaspar H.: Kreativer Deutschunterricht. Identität — Imagination — Kognition, Seelze 2006, S. 97
22 Vgl. Krauspe, Ulrike: Konsequenzen aus der Jungenforschung für den Literaturunterricht. Schriftliche Hausarbeit zur ersten Staatsprüfung, Bremen 2007 (unveröffentlicht), S. 30
23 Vgl. Richter, Karin/Plath, Monika, 2005, S. 76
24 Vgl. Richter, Karin, 2007, S. 10
Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 9
wurden elfmal angegeben, Tiergeschichten sechsmal und Fantasiegeschichten fünfmal. 25
Die Auswahl der Literatur ist sicherlich keine bewusste Entscheidung gegen die Interessen der Schülerinnen und Schüler. Die Orientierung an vermeintlichen Problemen aus der Lebenswelt der Kinder hat zum Ziel, das Leseinteresse zu wecken und die Lesemotivation zu steigern. Diese Intention scheint jedoch an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler vorbei zu gehen. Um Kindern die Möglichkeit zu geben, ihre „Bedürfnisse nach Weltorientierung, sinnlich-ästhetischer Erfahrung und Selbstaufklärung“ 26 zu stillen, sollte der Literaturunterricht auch zum Ziel haben, die Kinder zu befähigen, Literatur nach den eigenen Bedürfnissen selbstständig auszuwählen.
Da es in der Grundschulzeit nicht zu erwarten ist, dass sich die Lesemotivation bei allen Schülerinnen und Schülern bereits gefestigt hat, sollten für das Lesen von „Problemliteratur“ Wege gefunden werden, die verhindern, dass ein Teil der Schülerinnen und Schüler durch Überforderung demotiviert wird. (Vgl. hierzu 5.1)
2.3.2 Interessengeleiteter Literaturunterricht
Wenn Kinder ihren Lesestoff selbst auswählen dürfen, entscheiden sie oft anders, als es Erwachsene für sie tun würden. Sie richten sich nach ihren Interessen und Vorlieben für besondere Themen und Geschichten. Sie orientieren sich an ihren bisherigen Lesegewohnheiten oder an denen anderer Kinder. 27
Interessengeleiteter Literaturunterricht nimmt das Kind als Leser ernst und traut ihm zu, die richtige Literatur für sich auszuwählen. So beugt er einer Lesedemotivierung vor, die durch eine unpassende Literaturauswahl entsteht. Da die Schülerinnen und Schüler einer Klasse über höchst unterschiedliche Lesebiographien, -kompetenzen und -motivationen verfügen, kann das Leseniveau einer Klasse nicht bestimmt werden. 28 Zudem scheint es bei der Vielfältigkeit des Freizeit- und Medienangebotes, das Kindern zur Verfügung steht, unmöglich, ein Buch zu finden, das dem Interesse einer ganzen Klasse entspricht.
25 Vgl. Richter, Karin/Plath, Monika, 2005, S. 76
26 Hurrelmann, Bettina, 2002, S. 15
27 Vgl. Bertschi-Kaufmann, Andrea: Lesen heißt selber auswählen - Comics im Klassenzimmer?, in: Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hg.): Lesen und Schreiben im offenen Unterricht, Zürich 1998, S. 103
28 Vgl. Wrobel, Dieter: Individuell lesen lernen. Das Hattinger Modell zur nachhaltigen Leseförderung in der Sekundarstufe, Baltmannsweiler 2009, S. 27
Lesemotivation durch interessengeleiteten Literaturunterricht 10
Damit Schülerinnen und Schüler einen Text finden, der ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht, ist es erforderlich, das Textangebot zu öffnen. 29 Dies kann in unterschiedlichen Ausmaßen geschehen. Es ist möglich, mehrere Bücher zur Auswahl zu stellen, die z.B. alle das gleiche Oberthema haben, aber unterschiedliche Genres bedienen oder alle von einer Autorin/einem Autor geschrieben sind, aber unterschiedliche Anforderungen an die Lesekompetenz stellen. Diese Vorgehensweise beschreibt METZGER aus seiner Praxiserfahrung als sehr förderlich zur Steigerung der Lesemotivation. 30 Die Auswahl kann aber auch völlig freigegeben werden, sodass jede Schülerin und jeder Schüler ein eigenes, individuelles Buch liest.
Die selbstständige Auswahl eines Textes, das selbstständige Lesen und das selbstständige Bearbeiten von Aufgaben zu der Lektüre machen die Individualisierung des Literaturunterrichts „maximal schüleraktivierend“. Durch die Selbstständigkeit und Eigenverantwortung bekommt die Beschäftigung mit der Lektüre mehr Bedeutung für die Schülerinnen und Schüler. 31 Zudem ermöglicht die individuelle Lektüre eine passgenaue Differenzierung des Textumfangs und -inhalts für jeden Einzelnen.
Die Lehrerrolle besteht in einem solch individualisierten Unterricht darin, das Lesen und Lernen der Schülerinnen zu begleiten, zu beobachten und zu fördern. Dies geschieht insbesondere durch eine „zuwendungsorientierte Kommunikation“ auf der Grundlage von Arbeitsergebnissen, die durch die individuelle und selbstständige Arbeit der Schülerinnen und Schüler ermöglicht wird. 32 (Vgl. 3.4.3)
Ziel eines interessengeleiteten Literaturunterrichts ist es, dass Kinder und Jugendliche sich Texten eigenständig, von ihren Interessen geleitet und mit einer Selbstverständlichkeit bedienen. Sie sollen aus ihnen „nicht nur lernen, sondern vor allem auch mit ihnen leben.“ 33
29 Vgl. Wrobel, Dieter, 2009, S. 33 f.
30 Vgl. Metzger, Klaus: Den jungen Leserinnen und Lesern gerecht werden — Plädoyer für eine differenzierte Klassenlektüre, in: Kliewer, Annette / Schilcher, Anita (Hg.): Neue Leser braucht das Land! Zum geschlechterdifferenzierenden Unterricht mit Kinder- und Jugendliteratur, Baltmannsweiler 2004, S. 152 f.
31 Vgl. Wrobel, Dieter, 2009, S. 34
32 Vgl. ebd., S. 34
33 Bertschi-Kaufmann, Andrea: Offene Formen der Leseförderung, in: Bertschi-Kaufmann, Andrea (Hg.): Lesekompetenz - Leseleistung - Leseförderung. Grundlagen, Modelle und Materialien, Seelze-Velber 2007, S. 166
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Ulrike Krauspe, 2010, Förderung der Lesemotivation durch einen interessengeleiteten Literaturunterricht, dargestellt an Lesetagebüchern einer 2. Grundschulklasse, München, GRIN Verlag GmbH
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