"Wenn ich die Geschichte in Worten erzählen könnte,
brauchte ich keine Kamera herumzuschleppen."
(Lewis Wickes Hine) 1
B r u n o H a n u s c h k e
„Das Küken vom alten Startplatz“
Aus dem Leben des Konstrukteurs, Flugzeugführers und Unternehmers Bruno Hanuschke. Der erste Betrieb auf dem Motorflugplatz Berlin-Adlershof-Johannisthal im Jahre 1909.
Herausgeber & Autoren: Alexander Kauther, Berlin und Paul Wirtz, Jülich. Heft 5 der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914. © August 2011, 1. Auflage
Deckblatt- und Homepagegestaltung: D&M agentur, www.dundm-agentur.de 12487 Berlin-Johannisthal, Winckelmannstraße 70,
1 Lewis Wickes Hine (26.9.1874 - 4.11.1940), Zeichenlehrer und Fotograf in den USA.
3
Inhaltsverzeichnis:
Anmerkungen der Autoren 5
Kurzbiografie Bruno Hanuschke 6
Kurzbiografie seins Bruders Wilhelm (Willy) Hanuschke 8
Chronologie des Lebensweges von Bruno Hanuschke
Die Jahre 1909-1910, der Beginn auf dem Flugplatz Johannisthal 12
Das Jahr 1911 - Flugveranstaltungen mit Bruno Hanuschke 21
Das Jahr 1912 - Flugveranstaltungen mit Bruno Hanuschke 25
Das Jahr 1913 - Flugveranstaltungen mit Bruno Hanuschke 40
Das Jahr 1914 - Flugveranstaltungen mit Bruno Hanuschke 48
Die Jahre 1918-1922 50
Die letzten Jahre seines Bruders Willy Hanuschke bis 1977 53
Hanuschkes gebaute Flugzeugtypen 54
Personenregister 55
Quellen 56
Literatur 56
Zeitungen und Periodika 58
Bildnachweis 58
Anlage 1: Hinweise zu den Konstrukteuren Paul und Otto Timm 59
Anlage 2: Ansichtskarten aus Johannisthal um 1911-1922 63
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Anmerkungen der Autoren:
Der Johannisthaler Flugplatz - der erste Motorflugplatz Deutschlands - existiert nicht mehr. Er hat 1945 mit der letzten Landung des Flugzeugs Lissunow Li-2 aus Moskau und 1995 mit einer historischen Flugschau endgültig ausgedient. Am 26. September 2009 wurde der 100. Jahrestag des ehemaligen Flugplatzes Adlershof-Johannisthal begangen.
Heute stehen viele neue Häuser auf dem Flugfeld und fast nichts erinnert mehr an diesen historischen Ort. Kennen die jetzt dort angesiedelten Haus- und Grundstückbesitzer die Geschichten, die mit den Straßen - benannt nach Luftfahrtpionieren - verbunden sind? Obwohl dort selbst auf dem Platz nicht wohnhaft, interessierte uns, ob noch zeitgeschichtliche Bilder und Dokumente aufzufinden wären, die über diese Personen Auskunft geben. Wir begannen zu recherchieren, nachzulesen und zusammenzutragen. Während unserer Spurensuche hatten wir Kontakt mit vielen uns bisher unbekannten Menschen, die uns ausnahmslos freundlich anhörten und - soweit es ihnen möglich war - aktiv und mit Interesse unterstützten.
Die Biografie über Bruno Hanuschke soll dem interessierten Leser zum Zurückschauen und Erinnern an einen couragierten Mann dienen.
Zur Vervollständigung und Ergänzung sind wir weiterhin an Erlebnisberichten, Dokumenten und Fotografien über den Flugzeugführer und Unternehmer Bruno Hanuschke interessiert.
www.johflug.de
5
Ehefrau Tora Selma Hanuschke, geb. Sjöborg und Bruno Hanuschke im Jahre 1911.
Aus einem Brief geht hervor, dass Tora Selma Hanuschke, geb. Sjöborg vor einigen Jahren (vor 1953) verstorben war. 2 Weitere Hinweise zu ihr sind leider nicht bekannt. Tora Hanuschke besuchte die Flugschule „Melli Beese“. Vermutlich erhielt sie keine Flugzeugführererlaubnis, denn sie erscheint in keinen offiziellen Listen.
Flugschülerin Tora Sjöborg. Die Flugschüler von Melle-Beese (Mitte) am 8. März 1913. Zweite von links Tora Sjöborg.
2 Briefe 28. Juli 1953, Deutsches Museum München vom Bruder Willy Hanuschke.
7
Wilhelm (Willy) Karl Heinrich Hanuschke * 11.12.1893 in Berlin-Tegel
Gemeinsam mit seinem Bruder Bruno Hanuschke baute er 1908 in Berlin einen erfolglosen Gitterrumpf-Doppeldecker und arbeitete mit ihm gemeinsam in dessen Flugzeugbau bis Anfang 1913.
Am 1. Juli 1913 schrieb Willy Hanuschke an den Flugzeugführer und Fluglehrer Josef Suwelack 3 :
„Zurückkommend auf unsere Bekanntschaft vom Jahre 1911 bis 12 gestatte ich mir die ganz erg. Anfrage, ob Sie geneigt wären, mich bei Ihrer Firma zum Piloten auszubilden. Ich habe bei meinem Bruder bereits eine Zeitlang Flugunterricht genossen, viele Passagierflüge mitgemacht und schon selbstständig Rollversuche ausgeführt. Mein Bruder hat sich vor kurzem aus privaten Gründen mit mir überworfen, sodass ich mich gezwungen sah, den Flugunterricht bei ihm aufzugeben. Zu meinem Bedauern bin ich jedoch jetzt nicht in der Lage das Lehrgeld sofort zu zahlen und erlaube mir Ihnen den Vorschlag zu machen, dasselbe von den Stundenprämien aus der Nationalflugspende, die ich bei Ihnen absolvieren würde, abzuziehen. Ich bin 21 Jahre alt, besitze das Zeugnis zum Einjährigen freiwilligen Dienst und bin seit 1909 ununterbrochen in der Aviatik tätig. Seit 2 Jahren habe ich die gesamte geschäftliche Korrespondenz im Betrieb meines Bruders mit großem Erfolg geführt.
3 Josef Suwelack (1888-1915), Flugzeugführererlaubnis Nr. 102 am 30.08.1911 auf einer Etrich-Rumpler-Taube in Johannisthal. Der Brief stammt aus dem Privatarchiv von Walter Suwelack aus Warendorf.
8
Josef Suwelack bildete ihn nicht aus. Daraufhin ging Willy Hanuschke nach München und legte dort seine Fliegerprüfung zeitgleich mit den Flugpionieren Gerhard Sedlmayr 5 und Dr. Ludwig Hörmann 6 beim Münchner Ingenieur Gustav Otto 7 dessen Flugzeug „Otto-Doppeldecker“ ab. Gustav Otto war der Sohn von Nikolaus August Otto, dem Erfinder des „Otto-Motors“.
Gustav Otto, Flieger und Konstrukteur. Otto-Doppeldecker.
4 Heinich Hanuschke war der Vater von Willy und Bruno Hanuschke.
5 Hans Sedelmayr (1889-?), Flugzeugführerlizenz Nr. 736 am 25. April 1914 auf „Otto-Zweidecker“, Flugfeld Milbertshofen.
6 Ludwig Hörmann (1892-?), Flugzeugführerlizenz Nr. 732 am 24. April 1914 auf „Otto-Zweidecker“, Flugfeld Milbertshofen.
7 Gustav Otto (1883-1926), Flugzeugführerlizenz Nr. 34 am 4. Oktober 1910 auf „Farman-Zweidecker“, Flugfeld Mildbertshofen.
9
Nach dem 1. Weltkrieg, den Willy Hanuschke mit Auszeichnungen bis zu seiner Entlassung als Schwerbeschädigter mitmachte, arbeitete er infolge des damaligen Flugzeug-Bauverbotes als ehrenamtlicher „Sachverständiger für Luftfahrt“ beim Deutschen Reichstag.
1943, anlässlich seines 50. Geburtstages, wurde in der Zeitschrift „Flieger“ geschrieben, dass Willy Hanuschke neben Dr. Alfred Hildebrandt (1870-1949) 8 , Vorsitzender des Berliner-Flugsport-Verbandes, einer der ältesten
Luftfahrtjournalisten der Welt war.
1943 wurde er für seine Verdienste um die Förderung der Luftfahrt von der Lilienthal-Gesellschaft für Luftfahrtforschung mit der Lilienthal-Medaille ausgezeichnet. Die Gesellschaft wurde 1936 auf Initiative des
Reichsluftfahrtministeriums aus der vor dem ersten Weltkrieg geschaffenen „Wissenschaftlichen Gesellschaft für Luftfahrt“ (WGL) und der 1933 gebildeten „Vereinigung für Luftfahrtforschung (VLF)“ gegründet. Ferner ist er Inhaber des Silbernen Ehrenbechers der Alten Adler, der Goldenen Ehrennadel des Deutschen Aero-Clubs“ und dessen Ehrenmitglied. 9
Er war wohl der einzige Deutsche, der alle AERO-Salons im Grand Palais bis 1939 besuchte.
Noch in Berlin-Tegel wohnend, hatte Willy Hanuschke als Motor-Fachschriftleiter („Automobil und Luftfahrt“) eine unter dem Namen „Archiv Hanuschke“ mit etwa 350.000 Fotos umfassende Sammlung. Leider wurden davon große Teile durch Kriegseinwirkungen vernichtet. 10
Während des 2. Weltkrieges war er Pressechef der Junkers-Flugzeug- und Motorenwerke in Dessau. In den letzten Kriegstagen ging er von Berlin weg, zog zu seinen Eltern nach Schlesien, wo er bei seiner Vertreibung weiteres Material seiner Sammlung verlor.
Überliefert ist ein Schriftverkehr aus 1953 mit dem Chefredakteur der Zeitschrift „Die Luftwelt“, Peter Supf (1886-1961). Willy Hanuschke
bat Dr. Supf für Schadenersatzansprüche um eine Erklärung, dass er im Besitz eines umfassenden Archivs war. Am 30. Juli 1953 schrieb Dr. Supf eine solche Erklärung und er unterzeichnete diese mit „Major der Luftwaffe d. R. a. D“. 11 Der Prozess wegen seines Kriegs-Schadenersatzes blieb in den Netzen der Bürokratie hängen. Am 12. Dezember 1953 wurde in der Zeitung berichtet, dass Willy Hanuschke mit dem Aufbau eines „Luftfahrt-Archivs“ beschäftigt ist. 12
Peter Supf 13
8 Heft 30 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914.
9 „Flieger“, 1943.
10 „FW“, 1. Januar 1959
11 Brief vom 30. Juli 1953, Deutsches Museum München.
12 „Der Schlesier“, 1953.
13 Foto aus dem Buch „Ikaros-Ein Fliegerleben“ von Rudolf Müller, Seite 201.
10
In Saulgau 1963 gratulierte in einer Feierstunde der Staatssekretär Dr. Adalbert Seifritz (1902-1990), Bundesbevollmächtigter Baden-Württembergs beim Bundesrat in Bonn und Ehrenpräsident des Baden-Württembergischen Luftsportverbandes, anlässlich des 70. Geburtstages von Willy Hanuschke. Seine Ehefrau war mit anwesend.
Gratulation zum 70. Geburtstag von Willy Hanuschke.
11
Chronologie des Lebensweges von Bruno Hanuschke
Die Jahre 1908-1910 - Der Beginn auf dem Flugplatz Berlin-Johannisthal
Bruno und Willy Hanuschke wuchsen bei ihren Eltern, Vater Heinrich, Mutter Pauline, geb. Lange in Berlin-Tegel auf. Die Tätigkeiten der Eltern sind nicht bekannt.
Mit seinem Bruder, Willy Hanuschke, baute er 1908/09 als 15jähriger Schüler ein Sportflugzeug, mit dem Gleitflüge auf dem damaligen „Tegeler Steinberg“ in Waidmannslust (heute Steinbergpark in Berlin-Wittenau) ausgeführt wurden, wobei Startüberhöhungen, deren Wert man damals nicht erkannte, bis zu 14 m gelangen.
Dann bauten beide 1908 den „Gitterrumpf-Doppeldecker“ oder auch „Gleitdoppeldecker“ genannt. Für das Flugzeug erwarb er sich von Max Schüler
14
einen von diesem konstruierten Motor.
Max Schüler.
Bruno und Willi Hanuschke brachten den Flugkörper aber nie zum Fliegen. Noch im Jahre 1910 löste sich Bruno Hanuschke vom Doppeldeckerkonzept und baute zukünftig Eindecker.
Bruno Hanuschke im Pilotensitz.
14 Max Schüler (1888-1978), Flugzeugführerlizenz Nr. 436 am 17.Juni 1913 auf „AGO-Zweidecker“, Flugfeld Johannisthal.
12
Bruno Hanuschke war erst 18 Jahre, als er etwa zum Jahresbeginn 1910 in Johannisthal ankam und versuchte, sich auf dem Flugplatz eine eigene Existenz aufzubauen. Der „Hanuschke-Flugzeugbau“ wurde gegründet. Er war der erste rein deutsche Betrieb, der sich auf dem neugegründeten Flugplatz Johannisthal ansiedelte. In den Fliegerschuppen, die von der ersten Berliner Flugwoche im Herbst 1909 übriggeblieben sind, haben sich die ersten deutschen Flugtechniker einquartiert. Darunter Bruno Hanuschke und der Ingenieur Hermann Dorner
15
.
Bruno Hanuschke 1909.
Das erste Motorflugzeug, das die Brüder Hanuschke überhaupt gebaut haben, war eine gewaltig vergrößerte Bleriotkopie, die der Kraftfuhrunternehmer Ingenieur R. Conrad 16 bei ihnen bestellt hatte, der sich dann auch selbst mit Flugzeugkonstruktionen herumschlug.
Im „Hanuschke-Flugzeugbau“ entstanden einige Sportflugzeuge, schnittige kleine Eindecker in Stahlrohrbauweise.
Interessant ist auch, dass die Brüder Hanuschke schon im Jahre 1909 den ersten verstellbaren Metallpropeller verwendeten, der allerdings eines Tages durch das Schuppendach flog, was eine für sie schmerzliche Reparaturrechnung zur Folge hatte.
15 Hermann Dorner (1882-1963), Flugzeugführerlizenz Nr. 18 am 25. Juli 1910 auf „Dorner-Eindecker“, Flugfeld Johannisthal.
16 R. Conrad von der „Automobil- und Flugtechnischen Gesellschaft“.
13
Später begann Bruno Hanuschke mit dem Bau von rumpfverkleideten Eindeckern, die deutliche Ähnlichkeiten mit dem französischen „Morane-Saulnier-Eindecker“ 17 hatten. Dieses Flugzeugmuster wurde mit zwei hintereinander liegenden Sitzen gebaut und erwies sich als zuverlässiges Schul- und Sportflugzeug. Er konnte davon 30 Stück verkaufen.
In einem Teil des sechseckigen Schuppen, genannt „Sternschuppen“ oder „alter Schuppenplatz“, am alten Startplatz hatte 1912 Bruno Hanuschke seine Flugzeugbauwerkstatt und Fliegerschule.
Der Vermietungsschuppen wurde für die Aufnahme von 6 Flugzeugen gebaut. Gebaut wurden die Schuppen von der Ballonhallenbau Arthur Müller GmbH, Berlin-Charlottenburg 18 .
Um die Schuppenmiete bezahlen zu können, nahm Hanuschke die Brüder und Konstrukteure Otto und Paul Timm 19 aus Berlin-Rixdorf in seine Werksgemeinschaft auf. Sie teilten sich die Werkstätten im „Sternschuppen“ und später im Flugzeugschuppen Nr. 21.
17 Die Firma Morane-Saulnier war ein französischer Flugzeughersteller. Gegründet wurde das Unternehmen unter dem Namen Société Anonyme des Aéroplanes Morane-Saulnier am 10. Oktober 1911 in Puteaux von den Brüdern Léon und Robert Morane sowie deren Freund Raymond Saulnier.
18 Arthur Müller (1871-1935) war der Gründer des Flugplatzes Johannisthal.
19 Heft 13 „Paul und Otto Timm“ der Dokumentenreihe Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914.
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Arbeit zitieren:
Alexander Kauther, Paul Wirtz, 2011, Bruno Hanuschke (1892-1922) - "Das Küken" vom alten Startplatz. Aus dem Leben eines Flugzeugführers und Unternehmers., München, GRIN Verlag GmbH
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