Das Schöpfungswunder beginnt für Montessori mit der Keimzelle, die sich unentwegt teilt, wächst und aus der sich Organe herausbilden. Diese erste physische Entwicklungsarbeit leistet die Zelle ganz von allein. Sie handelt dabei nach einer nicht wahrnehmbaren Anleitung, die Montessori den „inneren Bauplan“ nennt. Mit der Geburt setzt die psychische Entwicklung ein. Auch der „geistige Embryo“ folgt dem „inneren Bauplan“. Erst den Zeitpunkt, wenn das Neugeborene seinem Willen Ausdruck verleihen kann, bezeichnet Montessori als „Fleischwerdung“. 1
Der „Bauplan“ ist sowohl für die körperliche als auch für die seelische Entwicklung verantwortlich. Er enthält sämtliche Informationen, die der Mensch braucht um sich selbst aufzubauen. Deshalb spricht Montessori vom Kind als „Baumeister“ oder „Vater des Menschen“ und erkennt den Eltern somit das alleinige Schöpfungswerk ab. Ihre religiöse Erziehung lässt Montessori vielmehr vom göttlichen Kind ausgehen. Als Naturwissenschaftlerin hat Montessori sich aber auch ausführlich mit der Biologie des Menschen beschäftigt. Mit Hilfe des Mikroskops lassen sich die natürlichen Abläufe der Zellteilung und des Wachstums genau beobachten. Interessanter sind für Montessori jedoch die inneren Vorgänge, in die wir weit weniger Einblick haben. Diese zu erforschen und dem Seelenleben des Kindes die ihm zustehende Beachtung zu schenken hat Montessori sich und allen anderen Erwachsenen zur Aufgabe gemacht. 2
Ihre Untersuchungen brachten Montessori zu dem Ergebnis, dass das Neugeborene bereits die Fähigkeit zu lernen in sich trägt. Zwar ist es zu Beginn schutzbedürftig und abhängig von der Hilfe der Erwachsenen, doch ist es selbst verantwortlich für den Aufbau seiner Persönlichkeit. 3 In diesem Zusammenhang benutzt Montessori den Begriff „sensible Perioden“, der auf die Entdeckungen in der Tierwelt von de Vries zurückgeht. Anhand dieser Empfänglichkeitsphasen veranschaulicht Montessori ihre Auffassung von Lernprozessen im Kindesalter. Zu bestimmten Zeitabschnitten ist das Kind besonders empfindsam für einen
1 vgl. Montessori, Maria: Kinder sind anders. 23. Aufl. München 2006, S. 25-27, 39
2 vgl. ebenda, S. 43-46
3 vgl. Ludwig, Harald (Hrsg.): Erziehen mit Maria Montessori. Ein reformpädagogisches Konzept in der Praxis. Freiburg 1997, S. 33f
2
speziellen Sachverhalt. Seine Instinkte bringen das Kind dazu all seine Energie auf die Aneignung dieser Fähigkeit zu richten. Das Kind legt dabei eine Ausdauer und Intensität an den Tag, die für den Erwachsenen oft nur schwer nachzuvollziehen sind, folgt er doch stets dem „Gesetz des geringsten Kraftaufwands“ 4 . Der Zeitpunkt und die Dauer einer sensiblen Periode sind nicht vorhersehbar und von Kind zu Kind verschieden. Mit Freude und Leichtigkeit entfaltet sich nach und nach jeder Teil der Persönlichkeit. 5
Für die ersten drei Lebensjahre ist die Begeisterung an Bewegung, Sprache und Ordnung charakteristisch. In der sensiblen Periode für Bewegungen übt sich das Kind in seiner Koordination und trainiert unbewusst seine Muskulatur, indem es immer wieder die gleiche Übung ausführt. Das kindliche Interesse an der Muttersprache wird deutlich, wenn es die Stimmen der Erwachsenen gebannt aufnimmt und später selbst Laute produziert. Der Sinn für Ordnung zeigt sich u.a. daran, dass das Kind den Alltagsgegenständen feste Plätze zuordnet. So lernt das Kind die Welt zu begreifen, zu kommunizieren und sich in ihr zurechtzufinden. 6
Die Umwelt, zu der auch der Erwachsene zählt, spielt dabei eine entscheidende Rolle, denn das Kind baut sich mittels seiner gewonnenen Eindrücke eine seelische Welt auf. 7 Die dabei entstehende enge Verbindung zwischen Kind und Umgebung erklärt auch das Bedürfnis des Kindes nach Ordnung. Nur wenn das Kind „äußere Ordnung“ erfährt, kann es eine „innere Ordnung“ aufbauen. 8 Die Umwelt muss also die Lernsituation des Kindes unterstützen, damit es zu einem erfolgreichen Abschluss der jeweiligen sensiblen Periode kommen kann. Wird das Kind während einer Empfänglichkeitsphase jedoch gestört - sei es durch menschliche Einwirkung oder durch die materielle Umwelt -, so lehnt es sich natürlich gegen diesen Widerstand auf. Für das nach außen gezeigte Verhalten des Kindes wählt der Erwachsene den Ausdruck „Launen“. Dies zeigt die Uneinsichtigkeit des Erwachsenen gegenüber der kindlichen Seele. 9
4 vgl. Montessori, Maria: Kinder sind anders. 23. Aufl. München 2006, S. 194
5 vgl. ebenda, S. 47
6 vgl. Ludwig, Harald (Hrsg.): Erziehen mit Maria Montessori. Freiburg 1997, S. 35f
7 vgl. Montessori, Maria: Kinder sind anders. 23. Aufl. München 2006, S. 47
8 vgl. Ludwig, Harald (Hrsg.): Erziehen mit Maria Montessori. Freiburg 1997, S. 39
9 vgl. Montessori, Maria: Kinder sind anders. 23. Aufl. München 2006, S. 50
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Arbeit zitieren:
Beate Schmitz, 2007, Montessoris Auffassung von Entwicklungs- und Lernprozessen, München, GRIN Verlag GmbH
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