Einleitung
Im Jahre 314 v. Chr., dem ersten Jahr des 3. Diadochenkrieges, hielt Antigonos Monophtalmos, zu dieser Zeit mächtigster unter den Nachfolgern Alexander des Großen, vor seinem Heer eine bedeutende Rede, die er mit kalkuliertem Einfluss weit in der hellenistischen Welt verbreiten ließ. In dieser als „Proklamation von Tyros“ bekannten Rede verspricht er unter anderem allen griechischen Poleis Freiheit und Autonomie, ein Versprechen, dass für den Umgang hellenistischer Herrscher mit der griechischen Poliswelt unentbehrlich werden sollte. Außerdem beansprucht er die Übernahme der Regentschaft des Alexanderreiches, ein Anspruch, dessen Legitimation durchaus vieldeutig war. Nach einer historischen Einordnung dieses Ereignisses möchte ich auf den Inhalt der Proklamation eingehen, anschließend ihre Wirkungen auf sowohl Makedonen als auch Griechen untersuchen und schließlich auf dieser Grundlage analysieren, wie Antigonos seine Legitimation als Vertreter des Königshauses und Regent zu begründen versucht. Des Weiteren soll die Frage interessieren, ob Antigonos mit seiner Forderung von Freiheit und Autonomie für die griechischen Poleis eine neue Form eines politischen Motivs entwickelte und ob dieses von seinen Konkurrenten und Nachfolgern aufgenommen wurde.
Als wichtigste Quelle dient dabei Diodor, der in seiner „Weltgeschichte“ der Proklamation Raum gibt (Diod. XIX 61, 1-5). Da er sich in seiner Darstellung der Diadochenzeit vor allem auf Hieronymos von Kardia stützt, der zur fraglichen Zeit im Dienste des Antigonos stand und eine sehr gute Quelle abgibt, sind auch Diodors Berichte hier sehr verlässlich. In der Bearbeitung dieser Themen verwende ich die sog. „niedrige“ Chronologie, außerdem verwende ich die griechischen Namen, also z.B. Kassandros statt Kassander. Ausnahmen bilden Alexander der Große und Philipp II., um diese von ihren Namensvettern wie z.B. Alexanders Sohn, Alexandros IV., oder Polyperchons Sohn Alexandros abzugrenzen.
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1. Antigonos Monophtalmos und die Lage im Jahr 314
Antigonos (I.) Monophtalmos war derjenige unter den Diadochen, der dem Erbe Alexanders über die Reichsherrschaft am nächsten kam, mit der eventuellen Ausnahme von Seleukos in späterer Zeit. 1 Auf jeden Fall kann und muss man Antigonos als dominante Figur der antiken Geschichte der Jahre 323 - 301 sehen, wo er ereignisgeschichtlich in den ersten vier Diadochenkriegen entscheidende Rollen spielte. In der Periode der Jahre zwischen 314 und 311, die den historischen Hintergrund der Proklamation von Tyros bilden, befand sich Antigonos auf dem Höhepunkt seiner Macht. Mit Ausnahme von Ägypten und einigen Teilen Palästinas (sowie einigen verlorenen Satrapien im fernen Osten) regierte Antigonos den gesamten asiatischen Teil des Alexanderreiches. Er sah sich selbst als rechtmäßigen, durch Antipatros in Triparadeisos ernannten Strategen von Asien, auch nachdem ihm im Jahre 318 im Vorfeld des 2. Diadochenkrieges von Polyperchon dieses Amt entzogen worden war. Militärisch und finanziell befand sich Antigonos in einer exzellenten Position: Durch den langen Kriegszug gegen Eumenes und die Eroberug der Schätze der oberen Satrapien war Antigonos in der Lage, große Geldmengen für Kriegszüge gegen seine Konkurrenten aufzuwenden. 2
Als Reaktion auf diesen enormen Machtzuwachs sah er sich, aufgrund der Agitationen des aus Babylon vertriebenen Seleukos, allerdings einer Koalition aller anderen verbliebenen Diadochenherrscher gegenüber: Lysimachos in Thrakien, der allerdings erst wenig Kontrolle über sein Land und deshalb kaum eingreifen konnte, Ptolemaios, der Seleukos Zuflucht geboten hatte und in Ägypten eine starke Defensivposition und große Flottenmacht besaß, sowie - als vielleicht größte Bedrohung - Kassandros in Makedonien. Dieser hatte seine Machtposition nach dem Sieg über Polyperchon 3 durch städtebauerische Tätigkeit 4 und die Heirat mit Thessalonike, der Tochter Philipps II., welche ihn mit dem Argeadenhaus verband, ausgebaut.
Die enorme Bedrohung, der sich die anderen Herrscher durch Antigonos Reichtum und Erfolg gegenübersahen, führten zu dem Ultimatum von 315/314. Dort wurden Antigonos von seinen
1 Zur herausragenden Bedeutung von Antigonos I. für die Diadochenzeit siehe z.B.: Alfred Heuss, Antigonos
Monophtalmos und die Griechischen Städte, in: Hermes Vol. 73 no. 2 (1938), 133-134 [im Folgenden zitiert als
Heuss, Hermes 73].
2 Richard A. Billows, Antigonos the One-Eyed and Creation of Hellenistic State, Berkeley 1990, 106-107 [im
Folgenden zitiert als Billows, Antigonos].
3 Polyperchon war zwar noch am Leben, zu diesem Zeitpunkt aber marginalisiert auf Gebiete in der Peloponnes
und Ätolien, wo er, zusammen von seinem Sohn Alexandros, nur geringen Einfluss besaß
4 So die Wiedererrichtung von Theben - was ihm in Griechenland viel Prestige einbrachte - und den Bau des
nach ihm selbst benannten Kassandreia auf dem Gebiet des ehemaligen Potideia (mit Bewohnern der von Philip
II. zerstörten Stadt Olynth)
4
Konkurrenten finanzielle und territoriale Forderungen gestellt, bei denen vorauszusehen war, dass sie einen Krieg provozieren mussten. 5
Antigonos lehnte diese Forderungen denn auch ab und so begann der dritte Diadochenkrieg, dessen erste bemerkenswerte Aktion die Proklamation von Tyros darstellte.
2. Proklamation von Tyros
2.1 Inhalt
Bei Diodor (Diod XIX 61, 1-5) wird der Kontext der Proklamation detailliert beschrieben. Grundlage für die Rede sind die Verhandlungen, die Antigonos´ Gefolgsmann und Freund Aristodemos von Milet auf der Peloponnes mit dem von Kassandros (und Antigonos) abgesetzten Regenten Polyperchon führte, der sich selbst immer noch als Regent gesehen haben dürfte. Dieser schickte nach einer Übereinkunft mit Aristodemos, der ihm unter anderem den Titel „General der Peloponnes“ zutrug, seinen Sohn Alexandros zu Antigonos, um ein Bündnis zu besiegeln. Nach den Verhandlungen mit Alexandros begab sich Antigonos vor das Heer und hielt eine Ansprache.
Er beginnt zunächst mir starken Anschuldigungen gegen Kassandros. So wirft er diesem aus mehreren Gründen Verrat an der Politik Alexanders und an den Argeaden vor. Er führt die Ermordung von Alexanders Mutter Olympias, die Gefangennahme von Rhoxane und dem jungen König Alexandros IV. an. Außerdem wirft er Kassandros vor, dass seine Städtebaupolitik der von Alexander und Philipp entgegensteht, da er das von Alexander zerstörte Theben wiederaufbauen und die Bürger des von Philipp zerstörten Olynth in einer neuen Stadt Kassandreia ansiedelte. Diese Gründung sei zusammen mit der Heirat mit Thessalonike, die laut Antigonos zur Heirat gezwungen worden war, ein Versuch oder zumindest die Vorbereitung einer Thronursuption. Deshalb erklärt Antigonos Kassandros im Namen der Könige, als deren Vertreter in Asien den Krieg und erhebt selbst Anspruch auf die Reichsverregentschaft, wohl in Übereinstimmung mit Polyperchon. 6
5 So z.B: Rudolf Engel, Untersuchungen zum Machtaufstieg des Antigonos I. Monophtalmos, Kallmünz 1978,
55-57; [im Folgenden zitiert als: Engel, Untersuchungen zum Machtaufstieg des Antigonos]; Billows,
Antigonos, 109-110.
6 So Heuss, Hermes 73, 149-150; dem entgegen: R.H. Simpson, Antigonus the One-Eyed and the Greeks, in:
Historia 6 (1957) 371-373, dessen Behauptung, dass Polyperchon sich nicht mehr als Regent gesehen habe, aber
jeder Grundlage entbehrt.
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Außerdem proklamierte er die Freiheit der Griechen: „ It was also stated that all Greeks were free, not subjected to foreign garrisons, and autonomous.“ 7
2.2 Wirkung
Grundsätzlich kann man sagen, dass Antigonos´ Rede nicht nur für das eigene Heer bestimmt war, was die bei Diodor beschriebene Aussendung von Boten „in alle Richtungen“ belegt. So gab es Teile der Proklamation, die jeweils bestimmte Gruppen ansprechen sollten: Die starken Bezüge auf die Argeadendynastie (und deren respektlose Behandlung durch Kassandros) zielten auf die Makedonen, unter diesen vor allem auf die Soldaten der Infanterie, die schon in Babylon und Triparadeisos ihre starke Bindung an die Argeaden bewiesen hatten und die deshalb von Perdikkas und Antipatros hatten beruhigt werden müssen. Dennoch dürfte der direkte Schaden für Kassandros´ Machtbasis in Makedonien eher unwahrscheinlich gewesen sein, so dass es Antigonos mit seiner Rede vornehmlich um die Heeresangehörigen ging und deren Hoffnungen und Wünsche mit ihm als rechtmäßigem Vertreter des jugendlichen Königs nach Makedonien zurückkehren zu können. Hier ist Errington zuzustimmen, wenn er sagt: „The demands were aimed in the first instance at his own Macedonians, the soldiers of his army, who hoped at gaining long-term influece in the agean and mainland greece.“ 8
Ein weitere beabsichtigte Wirkung war die Beruhigung der Satrapen des Ostens durch den Nachweis, dass Antigonos noch immer als Vertreter der Argeaden handelte und so seine rechtmäßige Position ihnen gegenüber trotz eines Konfliktes mit dem makedonischen Machthaber weiterbestehen könne.
Schließlich, und am bedeutendsten und folgenreichsten, war die Wirkung der Proklamation der Freiheit der griechischen Städte, die einen unmittelbaren Effekt hatte: Die weite Verbreitung des Inhalts der Proklamation und der Möglichkeit von Antigonos´ Vertretern in Griechenland, sich bei ihrem Vorgehen gegen Kassandros darauf berufen zu können, gab ihm die Möglichkeit, diesen in Griechenland in Bedrängnis zu bringen. 9 Denn nach dem
7 Diod XIX 61, 3.
8 Robert Malcolm Errington, A History of the Hellenistic World, Malden 2008, 31[im Folgenden zitiert als:
Errington, A History].
9 So schickte Antigonos unmittelbar nach der Proklamation seinen Neffen Dioskorides in die Ägais, welcher u.a.
Delos von den Athenern befreien konnte, was in der Folge zur Gründung des Nesiotenbundes führte und so
Antigonos´ Macht in der Ägäis deutlich auszubauen vermochte.
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Lamischen Aufstand waren die Griechen einer strengeren Politik durch Antipatros unterworfen. Da diese Politik, abgesehen von der Unterbrechung durch Polyperchon, von seinem Sohn Kassandros genauso weitergeführt wurde, waren die Griechen in ihrer Freiheit deutlich eingeschränkt.
Um diesen Sachverhalt zu genauer verstehen, muss man den Begriff der „eleuteria“ (also in etwa „Freiheit“) beleuchten. Laut einhelliger Meinung ist die beste Erklärung dieses Begriffes ein absoluter Gegensatz zur Sklaverei (so z.B. Claude Wehrli und Richard A. Billows) 10 , deren wichtigstes Element die „autonomia“ als Entscheidungsfähigkeit der Bürgerschaft bezüglich einer eigenen Rechtsordnung und Verfassung ist.
Diese Art von Freiheit, bestehend aus den zwei zentralen Begriffen der antiken Polisidentität, war nun durch Kassandros´ Politik stark eingeschränkt. Denn wie sein Vater nach dem Lamischen Krieg erhielt er oligarchische Herrschaften in den griechischen Städten an der Macht, welche durch makedonische Garnisonen gesichert waren. Ein solcher Oligarch war z.B. der berühmte Demetrios von Phaleron in Athen, der später von Demetrios (dem Sohn des Antigonos) vertrieben werden sollte (in der Tradition der in Tyros proklamierten Politik). Somit war die freie Wahl der eigenen Rechtsordnung durch die Bürgerschaft nicht möglich. Eine Änderung dieses Zustandes versprach nun Antigonos, wodurch er viele Sympathien gewann und was dazu führte, dass er Kassandros´ durch die Schwächung seiner Machtbasis in Griechenland die Möglichkeit nahm, in Kleinasien nennenswert in die Offensive zu gehen, während Antigonos in Syrien und Palästina mit Ptolemaios beschäftigt war. 11
Des Weiteren hatte dieses Vorgehen gegenüber den Griechen einen Einfluss weit über direkte Effekte auf Antigonos´ Position hinaus, wie in Teil 3 deutlich werden wird. So fühlte z.B. Ptolemaios sich (zumindest mit Worten) bemüßigt, ebenfalls für das Ziel der Freiheit und Autonomie einzutreten, auch wenn sein Vorgehen kaum so erfolgreich war wie das des Antigonos.
2.3 Beanspruchung der Regentschaft des Reiches
Zunächst möchte ich jedoch noch auf einen weiteren inhaltlichen Punkt der Proklamation zu sprechen kommen: Die (formal durch das Heer bestätigte) Ergreifung der Regentschaft durch
Vgl. auch dazu: Errington, A History, 31.
10 Claude Wehrli, Antigone et Demetrios, Genf 1968, 104; Billows, Antigonos, 194-197.
11 Allerdings konnte Polyperchon, als Antigonos Verbündeter in der Peleponnes, dadurch dass sein Sohn
Alexandros zu Kassandros´ Lager wechselte, keine großen Erfolge gegen jenen erreichen.
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Antigonos. Hier stellen sich drei Fragen: Wie versuchte Antigonos den Griff nach der alleinigen Vertretung des jungen Königs und seines Herrschergeschlechtes im gesamten Makedonischen Reich Alexanders zu legitimieren? Und, daraus resultierend, die Fragen, ob seine Legitimation „rechtmäßig“ - also stringent begründbar - und ob sie erfolgreich war und damit im Sinne dessen, was Antigonos mit ihr bezweckte, ihre Wirkung entfaltete.
Als Hintergrund und Basis des Regentschaftsanspruchs können zwei Dinge angesehen werden: Die Allianz mit Polyperchon und die Verurteilung der Taten des Kassandros, welcher sich bereits zum Regenten ernannt hatte. 12 Hier gibt Antigonos zwei Argumentationslinien für eine Rechtmäßigkeit seines Titelanspruchs vor.
Die erste Möglichkeit der Legitimierung beruft sich auf Polyperchon und die mit ihm getroffene Vereinbarung: Da Antipatros als allgemein anerkannter Regent seine Position direkt auf Polyperchon übertragen hatte, hätte auch Polyperchon sein Amt nach Belieben weitergeben können. Mit der Übereinkunft tat er dieses und ernannte so Antigonos zum Regenten, wofür er Geld und Truppen erhalten sollte. Problematisch ist daran allerdings, wie Billows erklärt:
„since Antigonos had never acknowledged the legitimacy of Antipatros´s procedure in appointing Polyperchon regent, it was certainly cynical and inconsistent on his part to claim to succeed to the regency through Polyperchon.“ 13
Nichtsdestotrotz erwächst die Proklamation nach Diodor deutlich aus den Verhandlungen mit Polyperchon, woraus sich folgern lässt, dass die Inkonsistenz der Legitimierungskette Antigonos nicht sonderlich wichtig war, sondern er nur, wie Billows es ausdrückt, „some source more „legitimate“ than his own fiat“ 14 benötigte. Dies mag für den allgemeinen Eindruck einer Zeit, in der man sich weniger um Verfassungsfragen gesorgt haben dürfte, ausreichend gewesen sein und für die Legitimation vor dem eigenen Heer allemal.
Dennoch kann man anhand dessen, worauf Antigonos´ Schwerpunkt in der Rede zu liegen scheint, nämlich die Anklage des Kassandros, noch eine weitere Begründung erkennen. So wird bei Diodor die Betonung zunächst klar auf die Anklage gegen Kassandros gelegt, wenn die Beschreibung der Rede mit den Worten beginnt: „[Antigonos] laid charges against
12 Mit klar ursurpatorischem Charakter, wie zu betonen wäre, da sein Regentschaftanspruch weder auf einer
Ernennung durch seinen Vorgänger (wie bei Polyperchon) , noch auf einer Versammlung des Makedonischen
Heeres (wie bei Antipatros in Triparadeisos oder Perdikkas in Babylon) begründet war, sondern lediglich ex
negativo aus der Nichtakzeptanz der Ernennung Polyperchons durch die anderen Diadochen.
13 Billows, Antigonos, 115.
14 Ebenda.
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Cassander, bringing forward the murder of Olympias and…“. 15 Neben der Übereinkunft mit Polyperchon wird hier eine weitere Grundlage geschaffen. Das Dekret wird erst nach den Anschuldigungen gegen Kassandros und der Zustimmung dazu durch das Heer verfasst: „When the crowd showed that shared his wrath, he introduces a decree according…“. 16 Aus der Tatsache, dass Kassander zum Feind erklärt wird, und dem Hinweis auf Antigonos als „the duly established general“ folgt: „[he] succeeded to the guardianship of the throne.“ 17 Folglich wird bei Diodor klar, dass auch die Anschuldigungen gegen Kassandros zur Übernahme der Regentschaft führen. Dies lässt sich, wie Rudolf Engel schreibt, folgendermaßen erklären und legitimieren: 18
Kassandros hatte zumindest de facto - und bislang von Antigonos anerkannt - die Reichsverweserschaft inne und war somit zuständig für den Schutz des Königs, seiner Mutter und überhaupt der Argeaden. Wenn nun Antigonos ihm in seiner Rede derart die Befähigung und die Absicht diese Aufgaben zu erfüllen absprach, erkannte er ihn als Reichsverweser nicht länger an. Mehr noch, mit der Erklärung „Cassander was to be an enemy“ 19 , bis er die beschriebenen Verbrechen ungeschehen mache (was er natürlich nicht tun würde), wird Kassandros zum Feind des Reiches erklärt. Denn wichtig ist hier, dass Antigonos sich nach wie vor als Strategos von Asien sieht, als „duly established general“ 20 , der den König in Asien offiziell vertritt. Da nun der direkte Vertreter des Königs diesen verraten hatte, folgt für Antigonos die Verpflichtung im Namen des Königs und seines Geschlechtes gegen Kassandros vorzugehen und dazu, als Nächsthöchster, die Regentschaft zu übernehmen. Diese von Engel hervorgehobene Linie der Argumentation erscheint wesentlich stichhaltiger als die zunächst betrachtete, insbesondere wenn man sich etwas von Engels Fixierung auf die Gefangennahme des Königs 21 löst und prinzipiell in Kassandros Verhalten einen Verrat an der argeadischen Dynastie sieht. Da die Berufung auf diese auch noch im Jahr 314 bei den Soldaten und einfachen Makedonen sehr stark war, dürfte dies der Grund für die Betonung von Kassandros´ Untaten gewesen sein. 22
15 Diod. XIX 61, 1.
16 Diod. XIX 61, 3
17 Diod. XIX 61, 3.
18 Rudolf Engel, Untersuchungen zum Machtaufstieg des Antigonos, 57-58.
19 Diod, XIX, 61, 3.
20 Ebenda.
21 Die ja schon in einigem zeitlichen Abstand vor der Proklamation geschehen war.
22 Eher als die Absicht, Kassandros direkt in Makedonien zu schwächen, wo ein Effekt aus der Ferne angesichts
der dortigen Anwesenheit des Kassandros kaum zu erwarten war.
9
Antigonos dürfte auf beide Legitimationsgrundlagen zugleich gesetzt haben: Der Anstoß dürfte durch den Verhandlungserfolg mit Polyperchon gekommen sein, die Durchführung hingegen betont stärker die zweite Linie. Nichtsdestotrotz stehen die beiden Vorschläge zur Legitimierung seiner Regentschaft in einem Widerspruch: Würde Antigonos Polyperchon als Reichsregenten anerkennen um von ihm die Regentschaft zu erhalten, könnte er nicht gleichzeitig Kassandros als Regenten anerkennen um sich dann aufgrund von dessen Verhalten verpflichtet zu fühlen, selbst als Regent die Argeaden zu schützen. Wie bereits erwähnt, dürften Antigonos diese Bedenken aber eher wenig gekümmert haben. Zwei sich widersprechende Ansätze erscheinen besser als nur einer, denn sie dienten dem Erreichen unterschiedlicher Gruppen. 23 So hatte Antigonos zum einen die Legitimation des Polyperchon und dessen (vor allem in Griechenland vorhandenes) Ansehen 24 für sich gewonnen, und zum anderen einen Grund gefunden, im Kontakt mit seinen Soldaten und anderen Makedonen zu begründen, wieso er der wahre Vertreter der Argeadendynastie war und weshalb somit ihm - und nicht dem Manne in Kontrolle des Königs, also Kassandrosdie Vertretung des königlichen Hauses zustand.
Die eingangs gestellten Fragen lassen sich also dahingehend beantworten, dass Antigonos zwei verschiedene Wege der Legitimierung andeutet, die allerdings in ihrer Kombination kaum verträglich sind. Jedoch kann man mit Recht sagen, dass seine Strategie durchaus erfolgreich war, weil mehrere Gruppen angesprochen und bedient wurden und nur Wenige sich derart auf die Suche nach Widersprüchen begeben haben dürften.
3 Proklamation von Freiheit und Autonomie - Genese eines Motivs der hellenistischen Politik?
Die Frage, die man sich auf dieser Grundlage nun stellen kann, ist die nach dem historischen Einfluss von Antigonos Proklamation. Wie bereits erwähnt, war ihr wirkmächtigster Aspekt die Proklamierung der Freiheit und Autonomie für die griechischen Städte. Um einen Einblick in den historischen Einfluss zu gewinnen, müssen wir uns fragen, was Antigonos´ Vorgehen von der vorangegangenen Behandlung der „autonomia“ unterscheidet, und wie es nachgeahmt wurde und sich fortentwickelt hat.
23 Wie schon im Kapitel „Wirkung“ erwähnt, war die Proklamation darauf ausgelegt, möglichst vielseitig
Antigonos´ Prestige bei sowohl Griechen wie Makedonen zu erhöhen.
24 Das zum großen Teil aus Polyperchons Freiheitsdekret von 319 beruhte, mit dem er sich viel Symphathie bei
den demokratischen Parteien der Peleponnes erarbeitet hatte.
10
3.1 Entstehung des Motivs der Garantie von Eleuteria und Autonomia durch externe Herrscher
Die generelle Tradition, aus der die späteren Beziehungen der hellenistischen Herrscher zu den griechischen Poleis stammen, ist der allgemeine Friede, dessen Entwicklung mit dem sog. Königsfrieden (387) begann. 25 Sein Grundprinzip war einerseits, dass alle griechischen Poleis in Frieden miteinander und in Autonomie leben sollten, andererseits brauchte es eine Hegemonialmacht als Garanten dieses Friedens. 26 Die den Verträgen folgenden Friedenszeiten waren allerdings nur von kurzer Dauer, da weder die Poleis ihre Konkurrenz aufgeben wollten, noch Persien aus der Ferne eine hinreichende Dominanz entfalten konnte.
Das System des allgemeinen Friedens übernahm auch Philipp bei seiner Neuordnung Griechenlands im Korithischen Bund. Nun gab es allerdings mit Makedonien eine Ordnungsmacht, die den Ansprüchen der Friedenserhaltung gerecht werden konnte. Außerdem fand eine Institutionalisierung statt. In dieser Hinsicht kann Philipps Konzept als eine Weiterentwicklung der Idee des allgemeinen Friedens gesehen werden. Hinzu kamen Elemente, die denen der athenischen und peleponnesischen Ligen ähnelten, 27 so gab es: „a symmachy (alliance) with a hegemon ([like] Athens), a synedrion, provinsions for joint military action, and the stated purpose of defending the freedom and autonomy of its members in accordance with the Peace of Antalkides [Königsfriede].“ 28
Inwiefern stand nun Antigonos´ Proklamation in dieser Tradition? Die Ausgangsposition erscheint zunächst komplett verschieden. Während Philipp und Artaxerxes einen Frieden durch eine eigene Machtstellung in Griechenland unter Berücksichtigung von Freiheit und Autonomie der Poleis etablierten, fehlte Antigonos eine dominante Position in Griechenland, die ihn in die Lage versetzt hätte, den Poleis Freiheit und Autonomie wirksam zu garantieren. Sein Versprechen an die griechischen Städte war nicht Resultat einer Hegemonialstellung, sondern Mittel zur angestrebten Erlangung einer solchen. Somit trennte Antigonos ein entscheidendes Element des allgemeinen Friedens von dem Friedenskonzept ab, auch wenn er durchaus das Ziel hatte, einen solchen zu etablieren und damit seine Herrschaft zu sichern.
25 Billows, Antigonos, 190-191. „König“ bezieht sich auf den persischen Großkönig Artaxerxes II.
26 Deswegen auch „Königsfriede“, da der persische Großkönig diese Funktion ausfüllen sollte.
27 Aber ohne eine solche formal zu fixieren, da sie im Gegensatz zum allgemeinen Frieden unbeliebt war.
28 Billows, Antigonos 191-193.
11
Dieser Ankündigung konnte sogar, zunächst im Kleinen mit dem Nesiotenbund und später im Jahre 303/302 durch Demetrios´ Hellenenbund, eine Institutionalisierung folgen. Somit kann man Antigonos´ Proklamation als einen Anspruch auf einen allgemeinen Frieden verstehen, allerdings mit der Einschränkung, dass hierfür eigentlich keine substantielle Grundlage gegeben war.
3.2 Die Perpetuierung des Motivs in der hellenistischen Geschichte
Die Strahlkraft dieser neuen Form der Freiheitspostulierung für die Poleis als eine Form des Anspruchs auf die Etablierung eines allgemeinen Friedens zeigt sich in Ptolemaios (vergeblichem) Versuch, mit Antigonos in den Jahren 310/309 zu konkurrieren. Schon in direkter Folge der Proklamation von Tyros hatte Ptolemaios ebenso die Freiheit und Autonomie der Griechenstädte proklamiert, was, wie Heuss es ausdrückt, der Absicht entsprang „daß auf diese Weise ein gegenseitiger Wettkampf um die Gunst der griechischen Öffentlichkeit intendiert war.“ 29 Wie Heuss im Weiteren ausführt, war dieser Versuch zwar längst nicht so erfolgreich wie der des Antigonos, weil er u.a. an dessen größerem Prestige bei den Griechen scheiterte, doch zeigt er zwar die Dominanz von Antigonos in diesem Feld, aber nicht die Einzigartigkeit seiner Politik. Denn mit dem Frieden von 311, welcher auf Betreiben des Antigonos die Bestätigung der Freiheit und Autonomie enthielt, konnten sich formal alle am Frieden beteiligten Diadochen auf diesen Anspruch berufen. So tat es auch Ptolemaios im Jahr 310, als er Antigonos beschuldigte, dieses Recht verletzt zu haben, was er als Grund zu einem eigenen „Freiheitsfeldzug“ nahm, auch wenn dieser nicht erfolgreich war. Dies zeigt, dass Antigonos mit seiner Proklamation von Tyros ein politisches Konzept einführte, das auch seine Konkurrenten und Nachfolger kaum noch missachten konnten.
29 Heuss, Hermes 73, 150
12
Fazit und Ausblick
Antigonos Monophtalmos musste sich in einer schwierigen Situation, von vielen Seiten bedrängt, strategische Vorteile sichern, um nicht seinen Konkurrenten um das Alexanderreich zu unterliegen. Dies tat er mit der Proklamation von Tyros geschickt, indem er sowohl seine makedonischen Gefolgsleute enger an sich band und gegen Kassandros einschwor, als auch den Griechen eine lang anhaltende, im Folgenden bekräftigte Perspektive gab sich ihm anzuschließen. Dadurch bediente er auch in der Legitimierung seines Anspruchs auf die Reichsregentschaft Argumenten, die geeignet waren, sein Prestige zu erhöhen. Durch die Verbindung mit Polyperchon konnte er dessen Beliebtheit bei den demokratisch orientierten Griechen für sich nutzen; mit der rhetorischen Positionierung aufseiten der Argeaden in einer Front gegen Kassandros erlangte er eine in weiten Schichten akzeptierte Begründung für den Krieg gegen die anderen Dynasten und konnte so auf das Ultimatum seiner Gegner antworten. Vor allem seine Proklamation von eleuteria und autonomia für die griechischen Poleis entfaltete Wirkung über Antigonos´ unmittelbare Geschichte hinaus. Die Verwendung dieser Grundbegriffe von Herrschern gegenüber deutlich schwächeren Poleis wurde vom Gesamtkonzept des „allgemeinen Friedens“ abgetrennt und bildete ein neues Motiv und gleichzeitig eine Motivation, sich als Stifter eines solchen Friedens hervorzutun. 30 Antigonos gab, wie wir gesehen haben, einen Anstoß zu diesem Verhalten, welches auf sein Betreiben mit dem Frieden von 311 zu einer Grundlage wurde, auf die sich auch andere Diadochen berufen konnten.
Wie sich der Anspruch, den griechischen Städten Freiheit und Autonomie zu garantieren, in späterer hellenistischer Zeit entwickeln sollte, wäre sicherlich untersuchenswert. Die folgende inflationäre Bestätigung dieser Garantien, die selbst dann gegeben wurden, wenn von Freiheit und Autonomie im ursprünglichen Sinne nicht mehr gesprochen werden kann, 31 hat zwar zu einer Verschleierung des Konzepts, doch wohl nicht zu einem Untergang des politischen Motives gesorgt. Dies zeigt sich schlussendlich daran, dass selbst dann, als Rom in Griechenland zu einzugreifen begann, dieses Mittel noch nicht ausgedient hatte. So wäre sicherlich lohnend zu untersuchen, inwieweit die Freiheitsproklamation für die griechischen Städte durch den Römer Titus Flamininus aus dem geschichtlichen Kontext des Konzepts des allgemeinen Friedens und der Proklamation von Tyros entstand.
30 Was quasi auch einer Einnahme von zumindest einem Teil der griechischen Poliswelt gleichkam.
31 So fügte Antigonos in seiner Proklamation Freiheit und Autonomie, noch die „Abwesenheit von Garnisonen“
an die Seite, in späterer Zeit wurden Städte oft für autonom und frei erklärt, obwohl eine Garnison anwesend
war.
13
Verwendete Literatur:
Primärquellenedition:
Diodorus of Sicily, übers. Von R.M. Geer, Books XIII-XIX 65 aus: Loeb Classical Library, London: William Heineman, 1947. Zitiert nach: Lacus Curtius:
http://penelope.uchicago.edu/Thayer/E/Roman/Texts/Diodorus_Siculus/19C*.html Datum: 8. 4. 2010
Sekundärliteratur:
Billows, Richard A.: Antigonos the One-Eyed and Creation of Hellenistic State, Berkeley 1990.
Engel, Rudolf: Untersuchungen zum Machtaufstieg des Antigonos I. Monophtalmos, Kallmünz 1978.
Errington, Robert Malcolm: A History of the Hellenistic World, Malden 2008. Heuss, Alfred: Antigonos Monophtalmos und die Griechischen Städte, in: Hermes Vol. 73 No.2 (1938).
Simpson, R.H.: Antigonus the One-Eyed and the Greeks, in: Historia 6 (1957). Wehrli, Claude: Antigone et Demetrios, Genf 1968.
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Ben Seel, 2010, Die Proklamation von Tyros, München, GRIN Verlag GmbH
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