Und der Altbundeskanzler Helmut Kohl
Statt ernsthaft über die Intervention eines emeritierten politischen Senior Chief Executives oder ehemaligen Staatschefs von Weltformat nachzudenken, der die Hand eines Präsidenten, nämlich die François Mitterands, vor dem Fiasko und Drama von hunderten von Jahren nachbarschaftlicher Feindschaften im Schweigen zusammen mit den Millionen von Opfern dieses historischen Debakels, symbolisch zum Zwecke der alternativlosen Aussöhnung angesichts der neuzeitlichen Imperative hielt - nur vergleichbar mit einem anderen historisch maßgeblichen Leader und dessen symbolischer Zeichensprache, nämlich Willy Brandts Kniefall vor
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dem Holocaust Mahnmal in Polen - versucht man, seine eigene Politik zu rechtfertigen und die Intervention zu relativieren, indem man sie einem nicht mehr zeitgemäßen geopolitischen Weltbild zuordnet, ja selbst sie zu diskreditieren - und so nichts dazuzulernen. Die verbale und paraverbale Semiotik können von weltpolitischer Tragweite sein. Man denke an Kennedys historisches Berlin Statement, dass unter anderem eine Abschreckung des Feindes in einer bipolarisierten Welt war und die transatlantische Partnerschaft als vitale Voraussetzung für das friedliche Gedeihen der jungen Bundesrepublik rituell bekräftigte.
Die gegenwärtige Debatte erinnert mich an eine Episode aus meiner Studentenzeit in meiner Madrider Männerwohngemeinschaft. Als der guatemaltekische
Medizinstudent Oscar einzog montierte er den klassischen Deckenleuchter in seinem Zimmer ab, legte aber dafür den ganzen Boden mit dickem Teppich als amoureuse Spielwiese aus. Es war seine Lösung des Wertedilemmas Pragmatik versus Klassik entsprechend seiner Sozialisierung in einer Kultur ohne viel geschichtlichen Ballast. Doch die Integration der beiden Werte hätte eine Optimierung sein können. Ebenso, wie im Management, lassen sich die neuen strategischen Akteure hierzulande ungern von ihren Vorgängern im Amt über die Schultern schauen und noch viel weniger hineinreden, obwohl der gegenwärtige Status nur im Lichte der Politik der Vorgänger erklärbar ist. Das junge Land hat eine geringe kulturelle Vergangenheitsorientierung und der für viele mehr vergangenheitsorientierte Kulturen besondere Vorzug der Seniorität mit seiner größeren Weisheit hat daher auch geringere Bedeutung.
Der Altbundeskanzler, ebenso wie der ehemalige französische Staatpräsident, der nicht lange vor seinem Tod, in Moskau klipp und klar in einem Satz mit drei Worten feststellte, dass der Nationalismus Krieg bedeutet (le nationalisme c’est la guerre),
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hatte diese Zeit, Kulturen und Systeme transzendierende zentrale Erkenntnis und beide haben in Verdun eine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft integrierende symbolische Handlung vorgenommen; eine Geste seitens zwei Elder Statesmen, die, so man sie nicht kontextarm, sondern im Sinne kontextreicher Kulturen interpretiert, ganze Bibliotheken füllt. Deutschland hat eine wesentlich kontextärmere Kultur als Frankreich, was zu einer unterschiedlichen Wertigkeit der Geste in den Augen der Bürger der beiden Länder führen mag. Doch zumindest Diplomaten und Strategen verstehen die Sprache des Protokolls, der Rituale und symbolischen Gesten und können sie ihren Landsleuten kulturspezifisch übersetzen. Sie sind vitale Signale gut gemanagter Kommunikation, sowie auch der Abschreckung und ein Teilbereich der Semiotik (Lehre von den Zeichen) in den internationalen Beziehungen. Das alltägliche Ritual der Europa integrierenden EURO-Symbolik in unseren Händen wird daher vielleicht nicht genügend politisch valorisiert. - Dieses Exposé ist ein Plädoyer für die Integration komplementärer innen und außenpolitischer Optiken im Hinblick auf die Optimierung maßgeblicher Entscheidungen.
In Deutschland tut man sich relativ leicht mit der Verhaltensweise der Vergötterung, gefolgt von der Verwerfung eines vormals hochgepriesenen Idols, das die Menschen zu solidarisieren vermochte. Die allgemeinkulturelle relationale oder
Beziehungsorientierung ist auch hier gering, die sachdienliche Aufgabenorientierung dominiert. - Auch hier kann man eine Umkehrung deutsch-französischer kultureller Wertepräferenzen beobachten. Und hier besteht in Deutschland offenbar eine systemunabhängige soziokulturelle Kontinuität. Und sie argumentiert für Kohl im Sinne der Kurzfristigkeit ohne langfristige, Zeit(en) überdauernde Orientierungden Kompassverlust, den man ja gerade in einer planetaren Gesellschaft, sowohl topographisch als auch durch die Multiplizierung maßgeblicher nationaler, wie organisationaler Player (die die Macht von souveränen Staaten nun häufig übertreffen und globale Wirtschafts- Finanz- und strategische Krisen auslösen können) und kultureller Akteure (zum Beispiel die kulturelle Instrumentalisierung
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Arbeit zitieren:
D.E.A./UNIV. PARIS I Gebhard Deissler, 2011, Und der Altbundeskanzler Kohl hat dennoch recht!, München, GRIN Verlag GmbH
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