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Warum benötigt der Staatssouverän bei Thomas Hobbes derart absolute Macht? Die Ansichten des englischen Staatstheoretikers in der Kritik sowie Gegenentwürfe.
Obwohl der Leviathan von Thomas Hobbes wesentlich mehr behandelt als nur die Entstehung eines Staates unter autoritärer Herrschaft, dürfte dieser Aspekt aus dem 1651 erschienenen Werk die bedeutendste Annahme sein, von einschneidenden anderen Gesichtspunkten und Zitaten einmal abgesehen. Der Lenker des Staates ist die größte Macht. Dieser Essay will sich mit der Frage beschäftigen, inwiefern die höchste Instanz im Staat tatsächlich ihre Macht begründet, warum sie diese braucht und warum Thomas Hobbes gerade diese Form der Staatengewalt als die am ehesten funktionierende ansieht.
Doch zuerst: Wie definiert sich der Staatssouverän bei Hobbes? Am Anfang bleibt festzuhalten, dass jene machtvolle Position als oberstes Glied in der Kette des Staats, von ihm eben als künstlicher Mensch geschaffener Leviathan bezeichnet, keineswegs eine Einzelperson darstellen muss. Jedoch geht aus seinen Ausführungen durchaus eine Favorisierung des Monarchen hervor. Prinzipiell sollte der Staatssouverän eine Einzelperson sein, da eine Machtteilung zwischen mehrere Personen den erschafften Staat nur in Unordnung bringen könnte. 1 Und Ordnung zu bewahren ist für Hobbes das höchste Ziel des aus dem Gesellschaftsvertrag der Menschen erschaffenen Staates. Der Souverän muss über allem stehen, um eine größtmögliche Sicherheit für alle zu schaffen. Dafür bedarf es eines umfangreichen Herrschaftsapparats und eine Fülle von Handlungsmöglichkeiten bzw. Machtoptionen, die alle zur Voraussetzung haben, dass der Monarch unantastbar ist und seine Kraft jeden Bereich des Zusammenlebens der Staatsbürger durchdringt, dies aber nur in einem bestimmten Maße. So gilt die Freiheit für alle Untertanen des Souveräns bei jenen Handlungen und Bestrebungen, die nicht durch ein Gesetz geregelt sind, die wiederum der Souverän erlässt. 2 An dieser Stelle räumt Hobbes auch ein, dass der Herrscher unmöglich alle Bereiche des Lebens seiner Bürger regeln, überwachen und bestimmen kann. Genau dies ist eine der wichtigen Grundüberlegungen der hobbesschen Staatsphilosophie: Der Souverän ist nicht, wie man auf den ersten Blick nach einer groben Auseinandersetzung mit dem Leviathan
1 Thomas Hobbes: Der Leviathan, Köln 2009, S. 173: Hier erscheint eine erste Ausführung, indem er die
Uneinigkeit der Mächte nach dem Besiegen eines gemeinsamen Feindes beschreibt. In Kapitel 19 folgt mehr.
2 Ebd. S. 212
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vielleicht meinen könnte, ein diktatorischer Herrscher. Verehrung in Form von Zeremonien oder Symbolen ist eine eher notwendige Begleiterscheinung, um die Macht des Souveräns zu zementieren, die aber nur dazu dient seine Untertanen, das Volk seines Staatsgebietes, zu beschützen. 3 Dies ergibt sich aus dem Naturzustand der Menschen heraus, den diese überwinden, indem sie ihre Rechte und ihr Streben nach eigener Macht zugunsten einer allgemeinen Sicherheit an den Herrscher abgeben. Begründen lässt sich dies mit dem Menschenbild bei Thomas Hobbes. Auch wenn es unterschiedliche Ansichten der Forschung darüber gibt, inwiefern man das Menschenbild nun als klar pessimistisch bezeichnen kann, so liegt darin doch die Hauptursache für dieses Denken. Wie es die Erklärungen zum berühmten Ausspruch „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ sagen, können die Menschen nicht anders, als sich im Rahmen der Naturgesetze auf ihre angeborene Rationalität und getrieben von der Furcht, sowie dem Überlebensdrang, zu verlassen. Anders als bei Aristoteles ist der Mensch kein zoon politikon. 4 Er ist egoistisch und kann nicht wie beim antiken Denker mit seinen Mitmenschen einen besseren Staat, bei anderen Theoretikern zugespitzt in der Form der Utopie, errichten. Der Herrscher zähmt seine Untertanen mit Macht, nachdem diese ihre Rechte an ihn abgegeben haben. Diese taten dies zwar aus Furcht, aber auch aus der Vernunft heraus, dass ein gesellschaftliches Zusammenleben nur mit dieser Maßregelung ob der verderblichen Natur der Mitbürger funktionieren kann. Es ist an dieser Stelle interessant zu sehen, wie Hobbes aufgrund seiner Ausführungen scheinbar nur ein Schwarz/Weiß-Schema zu kennen scheint: Entweder gibt es das ewige, selbstverursachte Chaos durch die verfeindeten Menschen, die Anarchie und ein möglicher Rückfall in den Kriegszustand, oder die absolute Herrschaft des unantastbaren Souveräns, im Idealfall eben der allein herrschende Monarch. 5 Wo ist die Grauzone? Was ist beispielsweise mit der konstitutionellen Monarchie, die andere Denker vor und nach ihm untersuchten?
Bevor man sogleich die Ausführungen des Engländers zur Beantwortung dieser Fragen zu Rate zieht, ist sein eigenes Leben zur Zeit des Bürgerkriegs zu betrachten. 6 Jenen führt er auch deswegen immer wieder als Schreckensvision für die Menschen heran,
3 In seinem Aufsatz Egoismus und Freiheitsbewegung beschreibt Max Horkheimer die Handlungsweise eines
bürgerlichen Volksführers. Dieser beruft sich stark auf die Wirkung von Symbolen, Zeremonien, Ritualen usw. Sein
Ziel ist es die Massen gefügig zu machen und eine alte Ordnung zu verändern. Damit schafft dieser Volksführer
Unruhe, was im Widerspruch zu der ordnungsschaffenden Vorstellung eines Machtinhabers von Hobbes steht.
4 Aristoteles: Politik, hrsg. von Otfried Höffe, Berlin 2001, S. 22: „Lebewesen in der Polisgemeinschaft“.
5 Wolfgang Kersting: Thomas Hobbes zur Einführung, Hamburg 2002, S. 185
6 siehe Ausführungen von Herfried Münkler: Thomas Hobbes: Einführungen, Frankfurt am Main & New York
1993, S. 61ff.
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weil er die großen Unruhen, im Kampfe aller miteinander, in seinem eigenen Heimatland selbst erlebt hat, als sich Anglikaner, Katholiken, Puritaner und Presbyterianer gegenseitig bekriegten, dabei die genannten individuellen, auf eigene Machtvergrößerung besonnene Gruppen darstellen und auch dem absolutistischen König schadeten, der in Hobbes Gedanken möglicherweise die von ihm viel beschworene Ordnung herbeibringen hätte können. 7 Sobald sich die Bürger eines Staates untereinander bekriegen, sieht Hobbes die finsterste Stunde für die Gemeinschaft gekommen. Seine Ausführungen nun dienen der Vermeidung des Bürgerkrieges um jeden Preis. Und aus eben diesem Krieg speisen sich nun auch die Argumente für sein vorgestelltes Staatsmodell.
Für Hobbes muss der Staatenherrscher absolut handeln können, weil alles andere seine Handlungsfähigkeit untergraben würde. Wie eingangs erwähnt favorisiert Hobbes durchaus einen Alleinherrscher, auch wenn er bei seiner Formulierung vom Souverän auch immer wieder die Versammlung miteinbezieht. Aber allein schon die heterogene Zusammensetzung einer solchen Herrschergruppe würde für Schwierigkeiten sorgen, sei es nun die Demokratie oder auch die Aristokratie. Der Monarch hingegen kann frei walten und hat Diener unter ihm. Würden diese an der Herrschaft direkt und gleichberechtigt beteiligt, beginnen eben erwähnte Probleme. Der prominenteste Gegenentwurf zu einer Gewaltenbündelung, wäre die Gewaltenteilung, die Montesquieu anführt. Eine Erwiderung von Hobbes könnte lauten, dass sie durch die Einschränkung der Macht des Souveräns nur wieder eine Gruppe von konkurrierenden Individuen erschafft, die sich selbst vernichten, da sich geteilte Gewalten nämlich gegenseitig zerstören. 8 Aus Hobbes‘ Sicht mag dies verständlich sein, da die kämpfenden Gruppen im englischen Bürgerkrieg als viele, verteilte Mächte gegeneinander gekämpft haben und die Wahrheit aus ihrer Sicht verkünden wollten. In einer konstitutionellen Monarchie, in welcher der König nun eine Art Vermittler zwischen den Kräften im Parlament spielen würde, käme dieses Problem ebenfalls zum tragen: Verschiedene Kräfte versuchen sich gegenseitig zu unterminieren und die Allmachtstellung des Souveräns als einhaltender Gebieter ist nicht vorhanden, wodurch die staatliche Ordnung zerstört wird.
Weiterhin gibt es drei mögliche Argumentationswege gegen den mächtigen Leviathan,
7 Hobbes, S. 199: Hier lobt er beispielsweise König Jakob I. für seine Versuche England und Schottland auf Basis
einer gemeinsamen Kultur zusammenzuführen, wodurch seiner Ansicht nach der Bürgerkrieg nicht hätte stattfinden
müssen.
8 Kersting, S. 188 u. 189, sowie die damit verbundenen Ausführungen.
Arbeit zitieren:
Ole Karnatz, 2010, Warum benötigt der Staatssouverän bei Thomas Hobbes derart absolute Macht?, München, GRIN Verlag GmbH
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