Helmut-Schmidt-University University of the Bundeswehr Hamburg Chair for Political Economy and Empirical Economics Master´s Thesis Spring Trimester 2011
Identification of Turning Points
Prepared by:
Zusammenfassung
Eine Vielzahl von Literatur und Forschungsinstituten beschäftigt sich mit dem Phänomen der Konjunkturzyklen und wie sich diese respektive deren Wendepunkte bestimmen lassen. In der vorliegenden Arbeit werden daher nicht-parametrische Verfahren, die eine Identifikation von konjunkturellen Wendepunkten ermöglichen, theoretisch und empirisch untersucht. Es sind die Dreimal-Regel des ifo-Instituts, die Presse-Regel und die Boldin-Modifikation der Presse-Regel zu benennen. Die Analyse ergibt, dass die Dreimal-Regel und Boldin-Modifikation plausible Ergebnisse erzielen. Die Presse-Regel ist jedoch zu stark vereinfacht und für die Identifikation von Wendepunkten nicht geeignet. Darüber hinaus wird eine eigene Chronik deutscher Konjunkturzyklen über den Zeitraum 1991: I bis 2011: I erstellt. Nicht zuletzt werden, da die Filterung von Zeitreihen essentieller Bestandteil der Analyse von Konjunkturzyklen ist, folgende Bereinigungsverfahren untersucht: Hodrick-Prescott-Filter, Baxter-King-Filter und Christiano-Fitzgerald-Filter. Der empirische Vergleich der Verfahren ergibt, dass der Christiano-Fitzgerald-Filter den anderen Methoden vorzuziehen ist.
III
Summary
A multitude of economists and research institutes deals with the phenomenon of business cycles and how to identify its turning points. Therefore, the present thesis examines different non-parametric methods, which enable the detection of turning points and business cycles, theoretically and empirically: The “Dreimal-Regel” of the ifo Institute, the Newspaper-Rule and the Boldin-Modification of the Newspaper-Rule. The analysis shows that the “Dreimal-Regel” and the Boldin-Modification produce plausible results. The Newspaper-Rule is too simplified and therefore not qualified for the identification of turning points. Furthermore, a chronicle of German business cycles between 1991: I and 2011: I is created. Last but not least: Since the filtering of time series is an essential part of the analysis of business cycles, the following filter methods are examined: Hodrick-Prescott-Filter, Baxter-King-Filter and Christiano-Fitzgerald-Filter. The empirical comparison yields that the Christiano-Fitzgerald-Filter is to be preferred.
IV
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis................................................................................................... VI
Tabellenverzeichnis. VIII
Abbildungsverzeichnis. IX
Abk ürzungsverzeichnis. X
Symbolverzeichnis. XII
1 Einleitung. 1
2 Konjunktur. 4
2.1 Konjunktur und Wachstum. 4
2.2 Konjunkturzyklen und konjunkturelle Wendepunkte. 7
2.2.1 Der Konjunkturzyklus. 7
2.2.2 Die Konjunkturphasen. 9
2.2.2.1 Expansion. 11
2.2.2.2 Hochkonjunktur. 12
2.2.2.3 Rezession. 12
2.2.2.4 Depression. 13
2.3 Resümee. 14
3 Referenzzeitreihen der Konjunktur. 15
3.1 Probleme der Messung. 15
3.2 Bruttoinlandsprodukt. 16
3.3 Produktionsindex des Produzierenden Gewerbes. 17
3.4 Verfahren zur Filterung von Zeitreihen. 18
3.4.1 Hodrick-Prescott-Filter. 21
3.4.2 Baxter-King-Filter. 26
3.4.3 Christiano-Fitzgerald-Filter. 29
3.4.4 Vergleich der Verfahren. 31
3.5 Resümee. 34
4 Indikatoren der Konjunktur. 35
4.1 Konjunkturindikatoren. 35
VI
4.2 Konjunkturindikatoren des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. 39
4.2.1 ifo Geschäftsklima für die Gewerbliche Wirtschaft. 40
4.2.2 ifo Konjunkturuhr für die Gewerbliche Wirtschaft. 43
4.3 Überprüfung von Konjunkturindikatoren. 46
4.4 Resümee. 50
5 Theorie:
Verfahren zur Identifikation von konjunkturellen Wendepunkten. 52
5.1 Probleme der Identifikation. 52
5.2 Verfahren zur Identifikation. 54
5.2.1 Dreimal-Regel. 56
5.2.2 Presse-Regel. 61
5.2.3 Boldin-Modifikation der Presse-Regel. 63
5.3 Resümee. 65
6 Empirie:
Identifikation von konjunkturellen Wendepunkten. 66
6.1 Anwendung der Verfahren. 66
6.1.1 Dreimal-Regel. 66
6.1.2 Presse-Regel. 67
6.1.3 Boldin-Modifikation der Presse-Regel. 68
6.2 Vergleich der Verfahren. 69
6.3 Resümee. 77
7 Schlussbetrachtung. 78
Anhangverzeichnis. XIII
Anhang. XIV
Literaturverzeichnis. XXIII
Eidesstattliche Erklärung. XXIX
VII
Tabellenverzeichnis
3.1 Frequenzbänder des Baxter-King-Filters. 27
3.2 Chronik deutscher Konjunkturzyklen. 33
4.1 Antwortmöglichkeiten der ifo Umfrage. 41
4.2 Zahlenbeispiel der ifo Umfrage. 42
4.3 Die Konjunkturphasen in der ifo Konjunkturuhr. 44
4.4 Interpretation des Kreuzkorrelationskoeffizienten. 48
4.5 Kreuzkorrelationskoeffizienten von Produktionsindex und
Gesch äftsklima. 49
5.1 Dreimal-Regel und ifo Geschäftsklimaindex. 59
5.2 Presse-Regel und Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts. 62
5.3 Boldin-Modifikation und Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts. 64
6.1 Chronik deutscher Konjunkturzyklen gemäß Dreimal-Regel. 67
6.2 Chronik deutscher Konjunkturzyklen gemäß Presse-Regel. 68
6.3 Chronik deutscher Konjunkturzyklen gemäß Boldin-Modifikation. 69
6.4 Chronik deutscher Konjunkturzyklen gemäß Produktionsindex. 71
6.5 Chronik deutscher Konjunkturzyklen - Übersicht der Verfahren. 72
6.6 Vergleich der Verfahren. 72
6.7 Chronik deutscher Konjunkturzyklen - Ergebnis. 76
VIII
Abbildungsverzeichnis
1.1 Die Phasen des Konjunkturzyklus’ 1
2.1 Konjunktur, Wachstum und weitere Faktoren. 6
2.2 Konjunkturzyklen unterschiedlicher Länge. 8
2.3 Der ideale Konjunkturzyklus. 10
3.1 Das Bruttoinlandsprodukt als Referenzzeitreihe. 19
3.2 Das gefilterte Bruttoinlandsprodukt. 20
3.3 Anwendung des Hodrick-Prescott-Filters. 24
3.4 Vergleich der Filterverfahren. 32
4.1 Pro- und antizyklische Konjunkturindikatoren. 36
4.2 Gleich-, vor- und nachlaufende Konjunkturindikatoren. 37
4.3 Das Grundgerüst der ifo Konjunkturuhr. 44
4.4 ifo Konjunkturuhr für die Gewerbliche Wirtschaft. 45
4.5 Kreuzkorrelogramm von Produktionsindex und Geschäftsklima. 50
5.1 Der reale Konjunkturzyklus. 53
5.2 Dreimalregel und ifo Konjunkturindikatoren für die Gewerbliche
Wirtschaft. 57
6.1 Die konjunkturelle Komponente des Produktionsindex 70
IX
Kapitel 1
Einleitung
Wenn man sich mit dem in der Medienlandschaft viel und kontrovers diskutierten Themenkomplex der Konjunktur und Konjunkturzyklen auseinandersetzt und zu Beginn nach einer Begriffserklärung sucht, wird man schnell fündig. In zahlreichen Lexika ist ein Beitrag über den Konjunkturzyklus aufgeführt und beispielhaft soll folgende Definition aus Gablers Wirtschaftslexikon herangezogen werden: Ein Konjunkturzyklus ist die Bezeichnung für den Zeitabschnitt zwischen dem Anfang der ersten und dem Ende der letzten Konjunkturphase (Alisch et al., 2004, S. 1721). Unter dem Begriff Konjunkturphase ist anstehende Graphik zu finden:
Die Abbildung beschreibt einen Konjunkturzyklus auf anschauliche Weise und die einzelnen Phasen sowie die Wendepunkte sind klar zu erkennen. Ferner ist aufgrund der perfekten Symmetrie ein Wendepunkt, der einen Auf- oder auch Abschwung einleitet, problemlos zu identifizieren und sogar zu prognostizieren.
1 Quelle: Alisch et. al (2004, S. 1717).
1
Nun stellt sich jedoch die Frage, warum sich eine so große Anzahl von Literatur und Forschungsinstituten mit diesem augenscheinlich simplen Thema auseinandersetzt. Die Antwort muss lauten: Der Themenkomplex der Konjunkturzyklen ist nicht simpel, sondern, wie es in nahezu allen bekannten Nachschlagewerken getan wird, vereinfacht dargestellt. In der Realität ist ein Konjunkturzyklus nicht perfekt symmetrisch und lässt sich auch nicht durch eine, zwar anschauliche, jedoch irreale Sinuskurve abbilden. In der Realwirtschaft treten stochastische, unsystematische Schocks auf und die Zeitreihe der Konjunktur unterliegt saisonalen sowie kalenderbedingten Einflüssen. So kann es geschehen, dass sich, obwohl keine Fabrik geschlossen wird, die Produktionsmenge verringert und/oder die Arbeitslosigkeit erhöht und die Volkswirtschaft unvorhergesehen in einer Rezession wiederfindet (Schirwitz, 2009, S. 2). Darüber hinaus ist zu beachten, dass sich Konjunkturzyklen nicht immer über einen exakt gleichgroßen Zeitraum erstrecken, sondern auch hier Variationen und Unregelmäßigkeiten auftreten. Ferner sind Konjunkturzyklen durch interagierende Prozesse aus der Wirtschaft, Politik und Gesellschaft bestimmt, deren Einflüsse wiederum variieren und sich fortentwickeln (Zarnowitz, 1991, S. 14). So resümiert Zarnowitz: “Business cycles make up a class of varied, complex, and evolving phenomena of both history and economic dynamics. Theories or models that try to reduce them to a single causal mechanism or shock seem [...] unlikely to succeed.” Zarnowitz (1991, S. 63).
Die Konjunktur ist also ein Phänomen hoher Komplexität, Dynamik und Variabilität. Demzufolge, und mit dieser Fragestellung beschäftigt sich die vorliegende Arbeit vorrangig, sind konjunkturelle Wendepunkte und damit ebenso Konjunkturzyklen nur schwerlich zu bestimmen.
Ungeachtet dieser Schwierigkeiten ist es natürlich dennoch erwünscht, Zyklen und Wendepunkte zu identifizieren, um diese antizipieren und beispielsweise auf Politikebene angemessene wirtschaftspolitische Steuerungsmaßnahmen durchführen zu können. Nun gibt es eine größere Anzahl an Verfahren, um die Wendepunkte eines Konjunkturzyklus‘ und damit einen anstehenden Auf- oder Abschwung der Wirtschaft mehr oder minder zuverlässig zu bestimmen. Solche Methoden werden in der vorliegenden Arbeit beleuchtet und hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit und Aussagekraft überprüft. Es wird ergo folgende Forschungsfrage im Mittelpunkt der Betrachtung stehen:
2
„Lassen sich mit Hilfe der Dreimal-Regel, der Presse-Regel und der Boldin-Modifikation konjunkturelle Wendepunkte zuverlässig identifizieren?“
Ziele werden demzufolge sein,
i die Methoden hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit und Aussagekraft zu überprüfen, ii konjunkturelle Wendepunkte und Konjunkturzyklen mit Hilfe der zu untersuchenden Verfahren in der deutschen Wirtschaft zu identifizieren und iii eine eigene Chronik deutscher Konjunkturzyklen aufzustellen.
Um diese Fragestellungen hinreichend beantworten zu können, wird wie folgt vorgegangen: Zunächst werden in Kapitel 2 die theoretischen Grundlagen behandelt und sowohl der Bereich der Konjunktur als auch der Zyklen und derer Phasen behandelt. In Kapitel 3 werden Referenzzeitreihen, also Möglichkeiten zur Messung der Konjunktur, untersucht sowie Filter-Verfahren, die der Bereinigung dieser Zeitreihen dienen. In Kapitel 4 steht der Bereich der Konjunkturindikatoren im Focus: Nach einem Überblick werden beispielhaft die Indikatoren des ifo-Instituts erläutert, da das ifo Geschäftsklima für die folgenden Kapitel 5 und 6 benötigt wird. Nachdem die theoretischen Grundlagen zum Bereich der Konjunktur abgehandelt worden sind, werden im Schwerpunkt dieser Arbeit, die bereits erwähnten Verfahren zur Identifikation von Wendepunkten in Kapitel 5 dargestellt. In Kapitel 6, dem empirischen Teil, werden die Verfahren auf Datensätze angewandt, um Wendepunkte in der deutschen Wirtschaft zu bestimmen und die Methoden hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit zu überprüfen. Im Schlusskapitel 7 werden die gewonnenen Erkenntnisse noch einmal aufgearbeitet, um schlussendlich auf die die Arbeit umfassende Forschungsfrage eingehen zu können. Nicht zuletzt werden ein kurzer Ausblick bezüglich des Themas geschaffen und weiterführende Aspekte betrachtet.
3
Kapitel 2
Konjunktur
Wie in der Einleitung erwähnt, werden im anstehenden Kapitel die theoretischen Grundlagen zum Themenbereich der Konjunktur und Konjunkturzyklen abgehandelt, um eine einheitliche Wissensbasis für die weitere Lektüre zu schaffen.
2.1 Konjunktur und Wachstum
In diesem Abschnitt wird der Begriff der Konjunktur von dem Bereich des Wachstums abgegrenzt, da in zahlreichen Gebieten, insbesondere in der medialen Berichterstattung, eine Vermengung dieser zu differenzierenden Aspekte auftritt. Nicht ohne Grund ist die Vorlesung “Konjunktur und Wachstum“ an vielen Universitäten curricularer Bestandteil des Studiums der Volkswirtschaftslehre.
Der Begriff der Konjunktur stammt aus dem Mittellateinischen und leitet sich von „coniunctura“ ab. Coniunctura 2 bedeutet sinngemäß „Lage, die sich aus der Verbindung verschiedener Erscheinungen ergibt“. Demzufolge wurde Konjunktur im 17. Jahrhundert als Gesamtlage gesehen und bezog sich noch gar nicht auf einzelwirtschaftliche oder ökonomische Aspekte, sondern auf die allgemeinen Lebensumstände. Erst im 18. Jahrhundert fand „Konjunktur“ explizit im kaufmännischen Bereich Anwendung und seit dem 19. Jahrhundert im Zusammenhang mit ökonomischen Zyklen, also Auf- und Abschwüngen der wirtschaftlichen Entwicklung. Heutzutage, und insbesondere in den Medien, wird Konjunktur oftmals als positiver Verlauf der wirtschaftlichen Entwicklung gesehen, was jedoch nicht ganz korrekt und zu eng gefasst ist. Im Normalfall und der Richtigkeit halber ist der Begriff der Konjunktur synonym mit dem Begriff des Konjunkturzyklus‘ zu verwenden (Zinn, 2002, S. 29; Maußner, 1993, S. 1 f.; Kaumanns, 2007, S. 271). Wissenschaftlich betrachtet, lässt sich Konjunktur daher wie folgt definieren: Hierbei handelt es sich um unregelmäßig oder periodisch auftretende Schwankungen aller relevanten Größen der Volkswirtschaft, wie Produktion, Beschäfti- 2 Fernerist der lateinische Begriff „coniunctio“ anzuführen, der „Verbindung“ bedeutet (Menge, 2009, S.
124).
4
gung, Preise, Zinssatz etc. pp. (Alisch et. al, 2004, S. 1714). Dabei kommt die Wortabstammung der Verknüpfung zum Tragen: Der Konjunkturzyklus zeigt sich als Entwicklung vieler Einzelbewegungen unterschiedlicher volkswirtschaftlichen Größen zusammengefasst in einem Aggregat.
Wachstum 3 hingegen bedeutet eine Zunahme des Bruttoinlandsprodukts, respektive eine Erhöhung der inländischen Produktion. In diesem Zusammenhang bezieht sich Wachstum also auf den langfristigen Trend, die langfristige Tendenz der wirtschaftlichen Entwicklung (Heubes, 1991, S. 149). Wie in der folgenden Abbildung 2.1 zu sehen ist, lässt sich das Wachstum mehr oder minder als Gerade darstellen.
Es lässt sich feststellen, dass die Wirtschaft, also die gesamtwirtschaftliche Produktion eines Staates beispielsweise gemessen anhand des Bruttoinlandsprodukts, in verschiedene Komponenten unterteilt werden kann, aus denen sich die Konjunktur und das Wachstum ableiten lassen. Laut Rohwer teilt sich der Output gemäß dem Komponentenmodell in folgende Bestandteile auf: i Trendkomponente ii Zyklische Komponenten
iii Zufallskomponente (Rohwer, 1988, S. 35 f.; Maußner, 1994, S. 6). Die Trendkomponente, welche stetig und nicht-zyklisch ist, entspricht dem Wachstum, der zyklische Teil bezieht sich auf die Konjunktur und die saisonalen Einflüsse und die Zufallskomponente auf stochastische, also unsystematische Schocks. Diese Separierung ist notwendig und in der folgenden Abbildung veranschaulicht: Die Zeitreihe des BIP (blaue Kurve) besteht demzufolge und analog zu Rohwers Umschreibung aus dem durchschnittlichen Wachstum der Wirtschaft (schwarze Gerade), dem bereinigten Konjunkturzyklus (grün), den Faktoren der saisonalen Einflüsse (orange) 4 , die ebenso dem zyklischen Teil zuzurechnen sind, und der irregulären Restkomponente (rot) 5 .
3 Da der Bereich des Wirtschaftswachstums in der vorliegenden Arbeit nicht näher betrachtet werden
kann und an dieser Stelle lediglich von der Konjunktur abgegrenzt wird, wird der interessierte Leser dies-
bezüglich an die Quelle Economic Growth von Barro und Sala-i-Martin verwiesen, die dieses Themenge-
biet detailliert beleuchten (Barro und Sala-i-Martin, 1995).
4 Hierunter versteht man die Auswirkungen durch kalendermäßige, jahreszeitliche oder witterungsbeding-
te Einflüsse (Oppenländer, 1995, S. 5): Beispielsweise Erntezeiten in der Landwirtschaft, Winterpausen
im Baugewerbe oder Feriengewohnheiten der Bevölkerung (Maußner, 1993, S. 6).
5 Unsystematische und unvorhersehbare Ereignisse können Streiks, politische Krisen, Kriege oder auch
eine Verteuerung importierter Güter sein (Maußner, 1993, S. 6).
5
Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass in einigen Quellen die Meinung vertreten wird, die eigentlich zu trennenden Phänomene der Konjunktur und des Wachstums seien gar nicht strikt voneinander zu separieren, sondern „ein und dasselbe“. Neben zahlreichen Anderen hat sich J. A. Schumpeter (1961) mit dieser Fragestellung beschäftigt und kommt zu dem Schluss, dass der Wachstumstrend das Ergebnis zyklischer Entwicklungen der Produktionstätigkeit sei und damit das Wachstum ebenfalls zyklisch verlaufe (Rohwer, 1988, S. 213 ff.; Hahn, 1994, S. 2 f.). Gegen die Ansicht spricht, dass für beide Bereiche unterschiedliche Disziplinen in Forschung, Lehre und Wirtschaftspolitik existieren (Barro und Sala-i-Martin, 1995, S. XVII; Heubes, 1991, S. V; Rohwer, 1988, S. 213). Dieser umstrittene Punkt soll jedoch nicht eingehender betrachtet werden und es kann resümiert werden, dass Konjunktur und Wachstum zwei zu trennende Phänomene sind und Konjunktur als mehr oder minder regelmäßig schwankender Zyklus und Wachstum als stetiger Trend der Wirtschaft auftritt.
6 Quelle: Eigene Berechnung mit R (2011): R: A Language and Environment for Statistical Computing.
Vgl. auch Ligges (2007, S. 30 ff. und 127 ff.). In Anlehnung an Heubes (1991, S. 22).
6
2.2 Konjunkturzyklen und konjunkturelle Wendepunkte
Nachdem eine erste Abgrenzung der Konjunktur von dem Begriff des Wachstums vorgenommen wurde, können im Folgenden die Phänomene des Konjunkturzyklus‘ und der einzelnen Konjunkturphasen tiefergehend untersucht werden.
2.2.1 Der Konjunkturzyklus
Zahlreiche Quellen 7 , welche sich mit dem Konjunkturzyklus beschäftigen, verwenden die Definition eines Konjunkturzyklus‘ von Burns und Mitchell aus dem Jahre 1947: „Business Cycles are a type of fluctuations found in the aggregate economic activity of nations that organize their work mainly in business enterprises: a cycle consists of expansions occurring at about the same time in many economic activities, followed by similar general recessions, contractions, and revivals which merge into the expansion phase of the next cycle; this sequence of changes is recurrent but not periodic; in duration business cycles vary from more than one year to ten or twelve years; they are not divisible into shorter cycles of similar character with amplitudes approximating their own.” Burns und Mitchell (1947, S. 3). Demzufolge sind Konjunkturzyklen Schwankungen der wirtschaftlichen Aktivität in einem industrialisierten Staat, die sich in Phasen einteilen lassen. Diese Phasen folgen immer dem gleichen, sich wiederholenden Verlauf (Maußner, 1994, S. 2 f.; Hartwig und Schips, 2010, S. 9): Ein Aufschwung, der an einem Hochpunkt sein Maximum erreicht, wird von einem Abschwung mit einem folgenden Tiefpunkt abgelöst. Nach dem Tiefpunkt folgt ein Erstarken der Wirtschaft, welches einen neuen Zyklus einleitet etc. pp. Ferner ist für die Phasen charakteristisch, dass sie sich zeitgleich auf zahlreiche verschiedene Bereiche der Wirtschaft auswirken. Die Rezession ist beispielsweise durch eine steigende Arbeitslosigkeit gekennzeichnet 8 , welche also in mehreren Branchen beziehungsweise Märkten vorzufinden ist. Jedoch ist zu berücksichtigen, dass die Zyklen nicht symmetrisch sind und nicht einen stets gleich großen Zeitraum betreffen: Burns und Mitchell sprechen von einem Zeitraum von 1 bis 12 Jahren. Andere Ökonomen wie Kondratieff haben Zyklen entdeckt, die sich über einen wesentlich größeren Zeitraum als die erwähnten 12 Jahre erstrecken. Die folgende Abbildung gibt einen Überblick über die diversen Konzepte von Konjunkturzyklen:
7 Zum Beispiel Zarnowitz (1992), Schirwitz (2009), Oppenländer (1995) und Vogt (2009) ziehen Burns‘
und Mitchells Definition heran.
8 Siehe folgendes Kapitel 2.2.2.
7
Demzufolge gibt es die sogenannten 3-jährigen Kitchins, 7-jährige Juglars und 50jährige Kondratieffs (Maußner, 1993, S. 4; Burda und Wyplosz, 2005, S. 335). 10 Der Kondratieff-Zyklus soll ob seiner Popularität ein wenig detaillierter betrachtet werden: Die großen Wellen spiegeln sogenannte Basisinnovationen wider, also Neuerungen, die eine weitreichende Reform in ihrem Gebiet darstellen und Nachfolgeinnovationen mit sich bringen. So sind die Erfindungen der Dampfmaschine, Eisenbahn, Elektrifizierung oder des Automobils zu nennen, die die ersten vier Kondratieffs und damit eine Basis für lange Konjunkturphasen darstellen. Der fünfte Kondratieff-Zyklus soll auf den „Neuerungen“ der Information und Wissen beruhen (Nefiodow, 1990, S. 23 ff.; Warren, 1982, S. 22 ff.), womit das Internet und die exponentiell steigende Verbreitung von Bildung und Wissenschaften gemeint sind. 11
9 Quelle: Eigene Berechnung mit R (2011) in Anlehnung an Schumpeter (1961, S. 223).
10 Zinn (2002, S. 45 f.) und van Duijn (1983, S. 6) legen sich nicht auf genaue Zeiträume fest, sondern
geben Intervalle an: Der Kondratieff-Zyklus soll beispielsweise 48-60 Jahre und der Juglar-Zyklus 4 bis
10 Jahre abdecken. Somit sind die obigen Angaben als vage Mittelwerte zu verstehen.
11 Jedoch existieren auch hier gegensätzliche Standpunkte: So schreibt van Duijn (1982, S. 18), dass die
Kondratieffs die am meisten hinterfragten Zyklen seien, weil sie wegen ihrer großen Zeiträume nur
schwerlich nachzuweisen seien. Ebenso Dauten und Valentine (1978, S. 286): „There is no statistical
evidence in production series in the United States of any long wave fluctuations of 50 or 60 years”.
8
Doch zurück zu Abbildung 2.2: Die Überlagerung der oben angeführten Wellen zu einem Zyklus (blau) geht auf J. A. Schumpeter (1961) und seine Konjunkturtheorie zurück. Die dargestellten Konzepte sind die Bekanntesten und es gibt noch zahlreiche Weitere, wie die Kuznets-Wellen, die sich über einen Zeitraum von 20 bis 25 Jahren erstrecken oder 15-jährige Wardwell-Wellen. Problematisch bei der Abgrenzung auf verschiedene Längen ist jedoch, dass sie sich weder theoretisch noch empirisch ein-wandfrei durchführen lässt (Rohwer, 1988, S. 36), was an dieser Stelle nicht tiefergehend betrachtet werden soll. Von Relevanz ist, dass der Juglar-Zyklus der tatsächlichen Entwicklung der Wirtschaft mit einem Zeitfenster von 4 bis 11 Jahren am Ehesten entspricht (Zinn, 2002, S. 45 f.; van Duijn, 1983, S. 6).
Darüber hinaus sind die diversen Theorien, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben, zu erwähnen. Arnold (2002, S. 2 ff.) nennt diese in seinem Buch The Five Schools of Macroeconomic Thought: die Keynesianer, die Monetaristen, die Neuklassiker, die Real Business Cycle Theory und die Neukeynesianer. 12 Diese unterschiedlichen Denkweisen bieten dementsprechend unterschiedliche Herangehensweisen, Modellierungen und damit Definitionen des konjunkturellen Zyklus‘, die jedoch keine Gegensätze darstellen müssen, sondern Erklärungen mit anderen Schwerpunkten bieten (Baßeler et. al, 2010, S. 889). Diese sollen an dieser Stelle nicht weiter ausgeführt werden, sondern lediglich verdeutlichen, wie vielseitig und komplex das Themengebiet der Konjunktur ist. Im Folgenden werden die einzelnen, für einen Konjunkturzyklus typischen Phasen beleuchtet.
2.2.2 Die Konjunkturphasen
Wie bereits erwähnt, tritt ein Konjunkturzyklus als mehr oder minder regelmäßig wiederkehrende Schwankung auf und beinhaltet sogenannte Konjunkturphasen. Der Zyklus beginnt beispielsweise mit der Hochkonjunktur, geht in eine Rezession über, die das Minimum in der Depression erreicht und in eine Expansion mündet, die in der Hochkonjunktur endet und damit einen neuen Zyklus einleitet. Dieser sich kontinuierlich wiederholende und für einen Konjunkturzyklus typische Ablauf ist in der anstehenden Abbildung schematisiert und die Konjunkturphasen sind deutlich zu erkennen.
12 Auch Hartwig, Schips (2010, S. 28 ff.) und Zarnowitz (1991, S. 9 ff.) verwenden diese Aufteilung.
Berlemann (1999, S. 133 ff.) stützt sich hingegen verstärkt auf die politökonomische Konjunkturtheorie.
9
Besonderes Augenmerk soll hierbei auf den Extrema, Hochkonjunktur und Depression, liegen, die die Wendepunkte des Zyklus‘ markieren und für den weiteren Verlauf der vorliegenden Arbeit von großer Wichtigkeit sind. Es sei hinzugefügt, dass in der Literatur teilweise unterschiedliche Begrifflichkeiten für die Phasen verwendet werden. So kann man auch auf folgende Termini stoßen: Boom, Prosperität, Peak, Prosperity Kontraktive Phase, Abschwung, Niedergang, Recession Tief, Krise, Trough, Depression
Expansive Phase, Aufschwung, Erholung, Expansion, Revival (Zinn, 2002, S. 32; Bade und Parkin, 2009, S. 127; Assenmacher, 1998, S. 11; Vogt, 2009, S. 7). 14
Wie sich nun ein Wechsel von einer Phase in die Nächste darstellt und welche Auswirkungen das Durchlaufen eines kompletten Zyklus‘ beinhaltet, wird in den anstehenden vier Unterkapiteln erläutert.
13 Quelle: Eigene Darstellung in Anlehnung an Assenmacher (1998, S. 11).
14 Für gewöhnlich werden die oben angeführten Termini angewandt, jedoch nicht immer einheitlich. So
kann Prosperität als Aufschwung oder auch als Hochkonjunktur verstanden werden. Um Missverständnis-
sen vorzubeugen, werden daher im weiteren Verlauf der Arbeit die Begriffe Hochkonjunktur, Rezession,
Depression und Expansion verwendet.
10
Arbeit zitieren:
Stefan Leschonski B.Sc., 2011, Der Konjunkturzyklus: Identifikation von Wendepunkten, München, GRIN Verlag GmbH
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