Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Theoretischer Teil 3
1.Öffentlichkeit 3
1.1 Spiegelmodell von Öffentlichkeit 3
1.2 Normatives Modell von Öffentlichkeit 6
2. Gegenöffentlichkeit 8
3. Teilöffentlichkeit 12
4. Operationalisierung 14
III. Empirischer Teil 15
1. Die taz 15
2. Inhaltsanalyse 18
IV. Schluss 23
V. Literatur 24
1
I. Einleitung
Die tageszeitung 1 versteht sich selbst als linkes Alternativmedium. Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, ob dieses Selbstverständnis noch gegeben ist, d.h. es wird untersucht, ob die taz eine Manifestation von Gegenöffentlichkeit darstellt, wie sie es selbst proklamiert, oder ob sie einem anderen Öffentlichkeitstypus entspricht.
Dazu werden in einem ersten theoretischen Teil die Begriffe Öffentlichkeit, Gegenöffentlichkeit und Teilöffentlichkeit erklärt. Anschließend werden die Merkmale der jeweiligen Öffentlichkeiten operationalisiert. Dies ist nötig, um in einem zweiten empirischen Teil der Arbeit eine Inhaltsanalyse durchzuführen. Mit dieser werden die Titelseiten der taz vom 17.Juli 2006 bis zum 1.August 2006 untersucht.
Es wird sich zeigen, dass die taz keiner Gegenöffentlichkeits-Manifestation entspricht.
Im Schlussteil werden die Ergebnisse der Arbeit zusammengefasst und bewertet. Als Literatur dienen Monographien und Aufsätze, die sich mit dem Thema Öffentlichkeit auseinandersetzen sowie Titelseiten der taz aus dem untersuchten Zeitraum.
1 Im Folgenden mit dem Kürzel taz verwendet.
2
II. Theoretischer Teil 1.Öffentlichkeit
1.1 Spiegelmodell von Öffentlichkeit
Das Spiegelmodell von Öffentlichkeit geht auf Niklas Luhmanns systemtheoretischen Ansatz zurück und wurde von Jürgen Gerhards weiterentwickelt. Dementsprechend wird Öffentlichkeit als spezifisches Teilsystem einer funktional differenzierten Gesellschaft betrachtet, welches die drei Merkmale innehat, die die Ausdifferenzierung von Teilsystemen konstituieren. 2 Als erstes Merkmal übernehmen Teilsysteme eine Funktion für die Gesamtgesellschaft. Die Funktion des Teilsystems Öffentlichkeit ist dabei die Beobachtung zweiter Ordnung. Dies bedeutet, dass durch Öffentlichkeit die Beobachtung der Gesellschaft durch die Gesellschaft selbst ermöglicht wird. Durch Öffentlichkeit gelingt damit die Beobachtung aller Teilsysteme, was letztlich zur Partizipation der Teilsysteme an der Gesamtgesellschaft führt. 3 Eine nach innen spezifische Struktur bzw. Codes konstituieren das zweite Merkmal von Teilsystemen. 4 Der Code des durch die Massenmedien geprägten Öffentlichkeitssystems ist der der Aufmerksamkeit/Nicht-Aufmerksamkeit. Daraus folgt die Aufgabe der Medien: Aufmerksamkeit produzieren und zentrieren. 5 Als drittes Merkmal schließlich stellen Teilsysteme ein auf Dauer gestelltes Sinnsystem dar. Die Kontinuität des Teilsystems Öffentlichkeit wird durch Ausdifferenzierung spezifischer Rollen, so genannter Leistungsrollen, sichergestellt. Leistungsträger des Öffentlichkeitssystems sind Berufsgruppen und Betriebe, die in das Mediensystem eingebunden sind. 6 Die Leistungsträger der Massenmedien sind vom Aufmerksamkeitszuspruch des Publikums abhängig, welches selber eine spezifische Rolle im System innehat, indem es die Inklusion der Gesamtgesellschaft ins Öffentlichkeitssystem über Teilnahmeregeln definiert. Entscheidend sind der generelle Zugang zum Öffentlichkeitssystem unabhängig von individuellen Eigenschaften sowie der
2 Vgl. Gerhards, Jürgen: Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer
Bestimmungsversuch, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale
Bewegungen, Opladen 1994, S.77 - 105, S.82.
3 Ebd., S.87f.
4 Ebd., S.82.
5 Ebd., S.89.
6 Ebd., S.84.
3
universelle Zugang zum Öffentlichkeitssystem. Jedes Individuum kann aufgrund seines Daseins als Gesellschaftsmitglied an Öffentlichkeit teilnehmen. 7 Für Luhmann genügt „Aufmerksamkeit (…), um etwas kommunikativ existent zu machen, um etwas ins Gespräch zu bringen.“ 8 Um Aufmerksamkeit auf bestimmte Themen zu lenken, ist angesichts knapper Ressourcen wie Zeit und Rezipientenmotivation Selektion erforderlich. Selektionskriterien können unter dem Begriff Nachrichtenwerte zusammengefasst werden, weshalb sich auch der Code des Öffentlichkeitssystems nach Nachrichtenwerten operationalisieren lässt. Selektionskriterien sind in zeitlicher Dimension Neuigkeit, denn „was gedruckt oder gesendet wird, muß sich gegenüber Vorhandenem als neu ausweisen, um einer Kommunikation wert zu sein.“ 9 In sozialer Dimension erzeugen Konflikte zwischen Akteuren sowie der Status der Absenders Aufmerksamkeit, da diese Spannung generieren und Wichtigkeit implizieren. Die Sachdimension von Selektionskriterien bezieht sich auf Quantitätsveränderungen wie beispielsweise veränderte Aktienkurse sowie auf Themen, die „Human Interest-Charakter“ aufweisen. 10 Daneben zählen auch unterschiedliche ideologische Ausrichtungen verschiedener Medien zu Aufmerksamkeitsstrategien, da der Aufnahmewillen des Publikums unter Konkurrenzbedingungen angeregt werden muss und ideologische Ausrichtungen zumindest bei Teilen des Publikums Aufmerksamkeit erzeugen. Außerdem verwenden nicht alle Medien Nachrichtenwerte gleichermaßen. Dies liegt daran, dass sich das Publikum nicht nur horizontal nach Präferenzen, sondern auch vertikal hinsichtlich Bildung, Milieu- oder Schichtzugehörigkeit unterscheidet. 11
Den entscheidenden Beitrag leistet das Einfangen von Aufmerksamkeit mittels Massenmedien dadurch, dass durch die in der Öffentlichkeit vermittelten Informationen unterstellt werden kann, dass die Rezipienten voneinander wissen, was sie wissen, und damit wird Kommunikation sowohl öffentlich als auch
7 Vgl. Gerhards, Jürgen: Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer
Bestimmungsversuch, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale
Bewegungen, Opladen 1994, S.77 - 105, S.83ff.
8 Luhmann, Niklas: Soziologische Aufklärung 3. Soziales System, Gesellschaft, Organisation, Wiesbaden,
5.Auflage 2005, S.365.
9 Ebd., S.364.
10 Vgl. Gerhards, Jürgen: Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer
Bestimmungsversuch, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale
Bewegungen, Opladen 1994, S.77 - 105, S.90.
11 Ebd., S.92.
4
anschlussfähig. 12 Mithilfe des Selbstbeobachtungsspiegels der Gesamtgesellschaft stellt Öffentlichkeit den Spiegel der kommunizierten Beiträge einer pluralistischen Gesellschaft dar. 13
Voraussetzung für die Entwicklung von Öffentlichkeit ist der potenziell freie Zugang zur Kommunikation, der erst mit der Entwicklung der Massenmedien möglich wurde. 14 Durch Massenmedien wird Öffentlichkeit zum Verbreitungsmedium, das der Etablierung einer Struktur als bekannt und erwartbar dient. 15 Massenmedien kommt daher in der Öffentlichkeit eine wichtige Funktion zu: Thematisierung. Massenmedien sollen Themen vermitteln, auf die sich dann Kommunikation richten kann. 16 Damit generieren sie eine Relevanzstruktur, welche die Aufmerksamkeit in eine bestimmte Richtung lenkt und das Publikum nicht nur informiert, sondern auch miteinander ins Gespräch bringt. 17 Dadurch erfüllt Öffentlichkeit mithilfe der Massenmedien eine Homogenisierungsfunktion. 18 Das systemtheoretische Modell verzichtet auf normative Ansprüche und Vernunfterwartungen. Stattdessen ermöglicht Öffentlichkeit zusammen mit den Massenmedien Kommunikation, die zum einen als Feed-back für die Gesellschaft fungiert, und zum anderen die Erwartungen der Teilnehmer strukturiert. 19 Entscheidend ist das Sichtbarwerden von Themen und Meinungen, die Gesprächsstoff liefern und Aufmerksamkeit auf gemeinsame Themen konzentriert. 20
12 Vgl. Plake, Klaus/Jansen, Daniel/Schuhmacher, Birgit (Hrsg.): Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit im
Internet. Politische Potenziale der Medienentwicklung, Wiesbaden 2001, S.43.
13 Vgl. Weßler, Hartmut: Öffentlichkeit als Prozeß. Deutungsstrukturen und Deutungswandel in der
deutschen Drogenberichterstattung, Opladen 1999, S.31.
14 Vgl. Gerhards, Jürgen: Politische Öffentlichkeit. Ein system- und akteurstheoretischer
Bestimmungsversuch, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale
Bewegungen, Opladen 1994, S.77 - 105, S.84.
15 Beetz, Michael: Die Rationalität der Öffentlichkeit, Konstanz 2005, S.96.
16 Vgl. Plake, Klaus/Jansen, Daniel/Schuhmacher, Birgit (Hrsg.): Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit im
Internet. Politische Potenziale der Medienentwicklung, Wiesbaden 2001, S.45.
17 Ebd., S.43.
18 Vgl. Beetz, Michael: Die Rationalität der Öffentlichkeit, Konstanz 2005, S.147.
19 Vgl. Strum, Arthur: Öffentlichkeit von der Moderne zur Postmoderne 1960 - 1999, in: Peter Uwe
Hohendahl (Hrsg.): Öffentlichkeit. Geschichte eines kritischen Begriffs, Stuttgart/Weimar 2000, S. 92 - 124,
S. 102ff.
20 Vgl. Plake, Klaus/Jansen, Daniel/Schuhmacher, Birgit (Hrsg.): Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit im
Internet. Politische Potenziale der Medienentwicklung, Wiesbaden 2001, S.44.
5
1.2 Normatives Modell von Öffentlichkeit
Das normative Modell von Öffentlichkeit geht über das systemtheoretische Spiegelmodell hinaus. Öffentlichkeit als verfassungsrechtlich gesicherte Grundausstattung von Demokratien hat nicht nur eine anspruchsvolle Funktion inne. Bestimmte Bedingungen müssen erfüllt werden, um überhaupt von normativer Öffentlichkeit sprechen zu können
Gegenstand normativer Öffentlichkeit sind Angelegenheiten kollektiven Interesses. Üblicherweise handelt es sich dabei um politische Angelegenheiten, die einer Regelung bedürfen. Jedoch beziehen sich kollektive Angelegenheiten nicht nur auf praktische politische Fragen, sondern auch auf normative Prinzipien und Werte. 21
Öffentlichkeit wird durch Kommunikation von Akteuren gebildet, die aus dem privaten Leben heraustreten, um sich über solche Angelegenheiten kollektiven Interesses zu verständigen. Damit konstituiert die Teilnahme an Kommunikation das Publikum. 22
Erste Grundvoraussetzung für das Zustandekommen normativer Öffentlichkeit ist daher Gleichheit. Öffentlichkeit muss für alle gesellschaftlichen Gruppen offen sein 23 und geht eine nicht abgrenzbare Zahl von Personen an. 24 Die generelle Zugänglichkeit von Öffentlichkeit bedeutet auch, dass es weder Beschränkungen hinsichtlich des Adressatenkreises noch hinsichtlich der Informationen und Meinungen geben darf. 25 Das Gleichheitsprinzip schließt außerdem jegliche elitäre Beschränkung und formelle Vorrechte aus, weshalb jedes Gesellschaftsmitglied nicht nur den Meinungen anderer zuhören, sondern auch selbst zu Wort kommen darf. 26
Da niemand von Öffentlichkeit ausgeschlossen werden darf, gilt dies auch für Themen und Beiträge des Publikums. Daher stellt Offenheit die zweite Voraussetzung normativer Öffentlichkeit dar. 27
21 Vgl. Peters, Bernhard: Der Sinn von Öffentlichkeit, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit,
öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Opladen 1994, S.42 - 76, S.45.
22 Ebd., S.45.
23 Vgl. Neidhardt, Friedhelm: Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, in: Friedhelm
Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit, öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Opladen 1994, S.7 - 41, S.9.
24 Vgl. Plake, Klaus/Jansen, Daniel/Schuhmacher, Birgit (Hrsg.): Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit im
Internet. Politische Potenziale der Medienentwicklung, Wiesbaden 2001, S.18.
25 Ebd., S.19.
26 Vgl. Peters, Bernhard: Der Sinn von Öffentlichkeit, in: Friedhelm Neidhardt (Hrsg.): Öffentlichkeit,
öffentliche Meinung, soziale Bewegungen, Opladen 1994, S.42 - 76, S.46.
27 Ebd., S.47.
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Arbeit zitieren:
Katrin Bogner, 2006, Die taz - Manifestation von Gegenöffentlichkeit?, München, GRIN Verlag GmbH
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