Form und Funktion
fr ühneuzeitlicher Kräuterbücher
am Beispiel des Paradeißgärtleins
Inhalt 2
Einleitung 3
I Kräuterbücher 4
I.1 Zum Begriff Kräuterbuch 4
I.2 Form von Kräuterbüchern 4
I.3 Funktion von Kräuterbüchern. 8
II Das Paradeißgärtlein 11
II.1. Die Vorrede zum Paradeißgärtlein von Johann Spieß 12
II.2 Die Vorrede zum Paradeißgärtlein von Konrad Rosbach 14
II.3 Die Register im Paradeißgärtlein 14
II.4 Die Holzschnitte im Paradeißgärtlein 15
II.5 Zum Aufbau des Kräuterteils im Paradeißgärtlein 16
Schlussbetrachtung 17
Anhang 19
Literatur - und Quellenverzeichnis 23
2
Einleitung
Schließlich besprengt bisweilen ein Frühlingsregen die junge Saat, und wechselnd erquickt der schmeichelnde Mondschein der Blätter Zartes Gefieder. 1
Das aus dem Liber de Cultura Hortorum stammende Lehrgedicht verfasste Walahfrid Strabo 2 , ein Abt des Klosters Reichenau. Dieses Buch stellt eine wichtige Quelle zur Pflanzenkunde des Mittelalters dar, auf welches sich viele andere Kräuterbücher orientierten. Kräuterbücher waren, allein schon dadurch, dass sie anfänglich in lateinischer Sprache verfasst waren Fachbücher für Ärzte und Apotheker. Allein aus Gründen einer profitableren Vermarktung war es den Autoren mehr und mehr wichtig die Arzneimittel- und Pflanzenkenntnisse über die Fachkreise hinaus dem Laien zu vermitteln. Die Entwicklung von Kräuterbüchern wurde zum einen durch die immer weiter fortschreitenden botanischen Erkenntnisse und zum anderen durch die Beeinflussung der Kräuterbücher gegenseitig, geprägt. Das Da gewesene wurde meist in das Neue miteinbezogen. Wobei die Art der Wirkung der Pflanzen über die Jahrhunderte hinweg relativ konstant blieb, nicht aber die Darstellung der pflanzlichen Physiologie und der sich später durch Linné entwickelten Ordnung. So beeinflusste z.B. der Hortus, welcher im 9. Jahrhundert entstand, den Macer floridus 3 , welcher im 11. Jahr-hundert geschrieben wurde. Obwohl zwei Jahrhunderte zwischen diesen beiden Werken liegen, nahmen sie dennoch Einfluss aufeinander. Bis in die heutige Zeit versucht man immer wieder neue Ansätze zu finden, Zugang zur Natur zu bekommen. Man möchte Pflanzen, Tiere oder auch Steine sich zu Nutze machen. Dabei haben Praktiken, wie die des Besprechens oder Böthens, welche auch heute noch Anwendung finden, ihren Ursprung ihrer Kräfte im Geistlichen. Die von mir vorgenommene Untersuchung des Paradeißgärtleins zeigt, dass dieses Kräuterbuch eine Sonderstellung im Kanon der Kräuterbücher darstellt. Wie allein schon am Titel Paradeißgärtlein zu erkennen ist, geht der Inhalt dieses Kräuterbuches über ein rein naturwissenschaftlichen Inhalt hinaus und ist an den in der Bibel erwähnter Sündenfall von Adam und Eva angelehnt.
1 Strabo, Walahfrid: Liber de Cultura Hortorum. In: Der Hortulus des Walahfrid Strabo. Aus dem Kräutergarten des Kloster Reichenau. Sigmaringen 1978.
2 Lebte cica von 808 bis 18. August 849.
3 Stammt von Odo von Meung.
3
Dan weil Menschliche Natur nach dem Fall unserer ersten Eltern vmb der Erbsuende willen/ auch von wegen der taeglichen vnnd wircklichen Suenden so viel vnnd mancherley Kranckheit/ vn den Todt selbst vnterworfen ist/ so will sich dennoch Gott der Bußfertigen widervmb erbarmen vnnd durch das Mittel der Arzeney viel Kranckheiten vnd Leibschaeden gnaediglich vorkommen oder vertreiben/ wie geschrieben. 4
I. Kräuterbücher
I.1. Der Begriff Kräuterbuch
Eine genaue Definition des Begriffes Kräuterbuch birgt mehrere Schwierigkeiten in sich. Da bereits die Verwendung dieses Begriffes und nicht z.B. des Begriffes Pflanzenbuch zu den jeweiligen Schriftstücken/Büchern schwierig erscheint. Zunächst beinhalten diese die Beschreibungen über Pflanzen, welche erst durch ihre ihnen zugeschriebene Wirkung den Begriff Kräuter erhalten. Die Rechtfertigung der Verwendung des Begriffes Kräuterbuch liegt in seiner etymologischen Bedeutung, welche mehrere Bedeutungswandlungen durchgemacht hat. Während man im 8.Jh. noch unter dem Wort Kraut allgemein eine Gemüsepflanze verstand, änderte sich dies später durch regionale Bedeutungsunterschiede zu z.B. Blattpflanze und Schießpulver. Der letzteren Bedeutung liegt die ursprüngliche Bezeichnung von Heilkräutersirup; in der Bedeutung Schießpulver als Anlehnung an die Herstellung in der Alchimistenküche 5 zu Grunde.
I.2. Form von Kräuterbüchern
Das mit dem Verständnis eines Kräuterbuches in Verbindung zu bringende Älteste ist das aus China stammende Pentsao kang mu. Hiesige Kräuterbücher wurden zuerst in Form von Handschriften niedergeschrieben, wie etwa der in Form von Arzneimittellehren der Antike existierende Wiener Dioskurides 6 , einer illustrierten Handschrift von 512/3 n. Chr. Nach der Zeit der Erfindung des Buchdruckes, wurden
4 Rosbach, Konrad: Paradeißgärtlein. Frankfurt a. M. 1588.
5 Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. Berlin, New York 2002.
6 Cod.med.gr.1, ÖNB.
4
sie auch in Buchform produziert. 1484 war es Peter Schöffer, der seinen Herbarius Latinus veröffentlichte 7 .
Vielfach weisen diese und die mittelalterlichen Kräuterbücher noch keine Abbildungen auf. Dies änderte sich ab der frühen Neuzeit. Der Aufbau dieser Bücher war wesentlicher Bestandteil der Wissensvermittlung. Auch heute noch fällt der erste Blick des Lesers auf das Titelblatt, es ist somit der erste Eindruck, den man von einem Buch gewinnt. Laut Gerard Genette gehört die Gestaltung der ersten Umschlagseite zu den Paratexten 8 , denn es ist ein dem Haupttext ergänzender Text. Vor dem 16. Jahrhundert wurden Aussagen über den Autor, Titel und Inhalt im Vorwort getätigt 9 . Der Umfang der auf dem Titelblatt gebotenen Informationen nimmt im Laufe des 16. Jahrhunderts und später durch den Titelschmuck des Barocks kontinuierlich zu 10 . Man war immer bemüht, die lesersteuernden Orientierung.hilfen 11 , wie Überschriften, Titelblatt oder Register, zu verbessern. Diese dienen dazu, dass der Leser sich schneller in einem Buch zurechtfindet. Der dadurch entstehende höhere Gebrauchswert des Werkes führte auch zur Steigerung dessen Absatzes. Somit war man stets um Neuerungen bemüht. Die Informationen auf den Titelblättern sind mannigfaltig. Es kam oft das Wort Kräuter und Buch vor. Mit dem ersten Blick auf das Buch wusste der Leser sofort, um was für ein Werk es sich handelt: ein Medium, welches sich mit dem Thema Kräutern befasst. In manchen Werken des 16. Jahrhunderts findet man lateinisch - deutsche Titel 12 Aus Gründen der Sprachkenntnisse der potentiellen Käufer war es zieldienlich das Lateinische aus diesen Büchern zu entfernen. Denn, wenn ein nicht - Lateinkundiger ein Buch mit einem deutschen und lateinischen Titel sah, wirkte dies erst einmal abschreckend, da er den lateinischen Teil auf dem Titelblatt nicht verstand. Dies führte wiederum dazu, dass er abgeneigt war, dieses Werk zu erwerben. Mit der Vermeidung dieser Mischtitel versuchten die Autoren also eine noch größere Auflage zu erzielen. Es gab immer wieder Kräuterbücher, die kein Inhaltsverzeichnis besaßen, welches dem Leser einen ersten stichwortartigen Überblick zum Inhalt des Werkes gibt. Fehlte in einem Buch ein Inhaltsverzeichnis, so sind das Auffinden und die schnelle
7 Heilmann, Karl Eugen: Kräuterbücher in Bild und Geschichte. München 1966.
8 Vgl. Genette, G.: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches, Frankfurt am Main, 1992.
9 ein Beispiel hierfür ist der Gart der Gesundheit.
10 Habermann, Mechthild: Kräuterbücher im Wandel. Untersuchungen zur Textorganisation an ausgewählten Werken des 15. bis 18. Jahrhunderts. In: Textsorten deutscher Prosa vom 12./13. bis 18. Jahrhundert und ihre Merkmale: Akten zum internationalen Kongress in Berlin 20. bis 22. September 1999. Bern, Berlin, Bruxelles u.a. 2002.
11 Ebd.
12 Vgl. hierzu: Gart der gesuntheit, auf deutsch/ HORTVS SANITATIS, auf latein.
5
Orientierung innerhalb des Textes schwierig. Ersatz findet sich jedoch oft auf dem Titelblatt.
Dort wurden grob die inhaltlichen Schwerpunkte dargelegt 13 . Auch eine genaue Benennung des Leserkreises findet sich in diesen Paratexten, wie z.B.: Ärzte, Apotheker, der gemeine Mann, Hebammen, Hausväter, Köche, Gärtner, Hufschmiede und Hausmütter 14 . Wie beispielsweise beim Nachfolger des Paradeißgärtleins von Konrad Rosbach findet man in manchen Titeln von Kräuterbüchern den Zusatz Neuw oder Neues. Die Verwendung dieses Adjektivs impliziert, dass es ein Vorgängerbuch gegeben haben muss, auf das sich das Neue zwar stützt, sich jedoch mit diversen Neuerungen davon abhebt. Vergleichbar mit der heutigen Werbepsychologie wurde mit der Apostrophierung des Neuen und Verbesserten zugleich ein Werbeeffekt beabsichtigt. 15 Dass man Buchtitel schon damals zu Werbestrategien einsetzte, erkennt man daran, dass man es nicht nur mit der Erwähnung des Neuen beließ, sondern dem Leser noch andere Zusätze darbot: vormals in keiner Sprach nie ans Liecht oder in Druck kommen sei 16 . Mit diesem Titel, der eine Hyperbel der Eigenschaft neu ist, wurde dem Leser ein noch größerer Reiz zum Kauf dieses neuen Buches vermittelt. Es soll ihm suggerieren, dass er beim Erwerb dieses Buches etwas noch nie da Gewesenes besitzen würde. Eine weitere und nicht von Werbezielen geprägte Orientierungshilfe für den Leser ist die vom Autor in den Pflanzenkapiteln vorgenommene sinnvolle Reihung und innerhalb der einzelnen Pflanzenbeschreibungen deren Binnengliederung. Die Anordnung der Pflanzennamen kann entweder alphabetisch oder nach inhaltlichen Kriterien bestimmt sein. Eine alphabetische Gliederung findet man beim Gart der Gesundheit 17 . Man wählte diese Art der Anordnung, da oft volkssprachliche Benennungen fehlten. Aber auch die Anordnung der Pflanzen nach ihren ihnen zutreffenden Kriterien lässt sich im Kreütterbuch des Hieronymus` Bock finden. Hier werden z.B. die Getreidearten oder die Distelkräuter zu einer Gruppe zusammen-
13 Vgl.das Titelblatt des Kräuterbuchs von Jacobus Theodorus Tabernaemontanus.
14 Vgl. hierzu verschiedene Paratexte der Kräuterbücher von Jacobus Theodorus Tabernae montanus, Konrad Rosbach, Hieronymus Bock.
15 Vgl. Habermann: S.557.
16 Jacobus Theodorus Tabernaemontanus: Neuw Kreuterbuch, Titelblatt.
17 Das ist der deutschsprachige Nachfolger des Herbarius Latinus.Hier ist auffällig, dass die alphabetische Ordnung der Pflanzen vom lateinischen Namen ausgeht.
6
Arbeit zitieren:
Stefan Schmitt, 2008, Form und Funktion frühneuzeitlicher Kräuterbücher am Beispiel des "Paradeißgärtleins", München, GRIN Verlag GmbH
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