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0 Einleitung
Im Alter von 72 Jahren nahm er sich das Leben, ein Bekannter meiner Großeltern. Er verlor seine Frau einige Monate zuvor - sie ertrank im gemeinsamen Badeurlaub. Er war Diabetiker und spritzte sich eine Überdosis Insulin - für ihn kam jede Hilfe zu spät. Im Alter von etwa 50 Jahren verlor er sein Augenlicht und versuchte bereits damals seinem Leben ein Ende zu setzen. Damals konnte er von seiner Frau gerettet werden.
Die gestellte Aufgabe in einem Zitat von Hermann Burger scheint in diesem Fall einfach zu lösen: „Der Tod ist gegeben - finden Sie die Lebensursache heraus!“ (Köster, Thomas, o.J., S. 1). Dieser Themenkomplex soll der Inhalt der hier vorliegenden Arbeit sein - Suizid im Alter. Was versteht man darunter? Inwiefern können statistische Erhebungen einen Einblick gewähren? Welche grundlegenden Faktoren können zum Suizid im Alter führen? Kann man ihn verhindern?
1 Allgemeines
Der Begriff Suizid hat seinen Ursprung in der lateinischen Bezeichnung 'Sua manu cadere' und bedeutet so viel wie 'sich selbst töten' bzw. 'sich durch eigene Hand fällen'. Genauer definiert versteht man unter Suizid, nach Wolfersdorf, „die vorsätzliche, bewusste und absichtliche, zielgerichtete Handlung eines Menschen bzw. die Unterlassung einer lebensrettenden Handlung mit der bewussten Absicht der Selbsttötung bzw. der Inkaufnahme des Versterbens“ (BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 19).
Laut der WHO (2005) steht der Suizid weltweit auf Platz 13 aller Todesursachen - in der EU nimmt er den siebten Platz ein und in Deutschland zählt er zu den 10 häufigsten Todesursachen (vgl. Wehr, 2007, S. 34). Betrachtet man Statistiken (s. Anlage 1) wird deutlich, dass die Anzahl der Suizide mit dem Alter ansteigt. Allein 40 Prozent von den mehr als 9000 Menschen, die sich jährlich in Deutschland das Leben nehmen, sind 60 Jahre alt und älter. Somit kann auch festgehalten werden, dass nahezu alle zwei Stunden ein über 60jähriger Mensch in Deutschland durch die eigene Hand stirbt (vgl. Arbeitsgruppe Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland, 2009, S. 3). Wichtig ist zu bedenken, dass man von einer hohen Dunkelziffer ausgehen muss. 2008 sprach man im bundesweiten Kongress Armut und Gesundheit davon, dass die tatsächliche Zahl aller Suizide in Deutschland bei 11-25 Prozent über den statistisch erfassten Suiziden liegen dürfte (vgl. Gesundheit Berlin (Hrsg.), 2008, S. 1). Vor allem im Alter ist mit größerer Wahrscheinlichkeit von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, denn sehr häufig erfolgt nach dem Tod einer älteren Person keine Autopsie und somit auch keine eventuelle statistische
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Erfassung. Man spricht hierbei von der Problematik der sogenannten 'stillen' oder 'verdeckten' Suizide im Alter, wobei beispielsweise die bewusste Verweigerung der Nahrungsaufnahme oder eine Unterlassung notwendiger Medikamenteneinnahme zum Tod führen. Betrachtet man die vorhandenen Suizidstatistiken weiter, wird ebenso klar erkennbar, dass Alterssuizid eine überwiegend männliche Domäne darstellt - deutlich mehr Männer nehmen sich im Vergleich zum anderen Geschlecht das Leben. Im vierten Altenbericht wird diese hohe Männerrate hauptsächlich auf den steilen Anstieg jenseits des 80. Lebensjahres zurückgeführt (vgl. BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 154). Unter anderem daher erreichen die Suizidraten in der Gruppe der hochbetagten Männer auch ihren Höhepunkt. Bei den Frauen hingegen verläuft der Anstieg etwas flacher - steigt also in den hohen Altersgruppen nicht so stark wie bei den Männern (vgl. BMFuS (Hrsg.), 1992, S.29).
Ebenso bei der Wahl der einzelnen Suizidmethoden lassen sich deutliche Geschlechtsunterschiede erkennen. Männer höheren Alters entscheiden sich überwiegend für die 'harten' Methoden des Suizids, wie etwa Erschießen, Ertrinken, Erhängen, Erdrosseln und den Sturz aus der Höhe. Frauen hingegen wählen häufiger eine der 'weichen' Methoden wie Vergiftungen aller Art beispielsweise durch die Überdosierung von Medikamenten, Autoabgase oder andere toxische Stoffe (vgl. BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 42). Dies bedeutet natürlich nicht, dass Frauen immer die Statistik der 'weichen' und Männer die der 'harten' Methoden anführen, denn beispielsweise starben im Jahr 1996 mehr Frauen durch einen Sturz aus der Höhe (vgl. BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 44). Man kann jedoch festhalten, dass Männer immer noch stärker zu drastischen und gewaltsamen Suizidmethoden greifen als Frauen; und dass die 'härteren' Methoden dennoch immer häufiger auch von Frauen verwendet werden (vgl. BMFuS (Hrsg.), 1992, S.36).
2 Epidemiologie
Ein Mensch, der Suizid begangen hat, hat vor seiner 'letzten Handlung im Leben' drei Stadien durchlaufen. Im ersten Stadium hat er den Suizid in Erwägung gezogen; im Zweiten durchlebte er die Ambivalenz des Suizids - war hin und hergerissen zwischen dem Gedanken an den Tod und dem Gedanken zu leben. Im letzten Stadium entschloss er sich schließlich für den Suizid - bereitete ihn vor und führte ihn aus. Daher stellt sich die Frage, was einen Menschen, in diesem Fall älteren Menschen, überhaupt erst einmal in das Stadium 1 geraten lässt - was kann einen Menschen dazu bringen, einen Suizid in Erwägung zu ziehen? Schaut man sich ein Profil für ein hohes Suizidrisiko im Alter (s. Anlage 2) an, wird deutlich, dass die nachfolgenden Einflussfaktoren in Kombination miteinander zum Suizid führen
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(können). Lassen sich also die einzelnen Faktoren „in ihrer Gewichtung und wechselseitigen Bedingtheit erkennen, können sie als Risikofaktoren für Suizidalität im Alter interpretiert werden“ (BMFuS (Hrsg.), 1992, S. 57). Dementsprechend kann kein Einzelfaktor isoliert zur Erklärung einer Suizidhandlung herangezogen werden.
Einteilen lässt sich die Vielzahl an epidemiologischen Befunden zum Alterssuizid in wesentliche drei Bereiche: Biologische/körperliche, psychische und soziale Faktoren. 2.1 Biologische und körperliche Faktoren
Wohlbefinden und Selbständigkeit im Alter sind maßgeblich von der Erhaltung der körperlichen Funktionen abhängig. Daher gelten Einschränkungen und Verluste dieser Funktionen meist als schwere Einschnitte im Leben, wobei körperlichen Erkrankungen eine besondere Bedeutung zukommt. Vor allem im Alter nehmen chronische Erkrankungen, welche durch ihre Folgen in großem Ausmaß die Lebensqualität und Selbständigkeit der betroffenen Menschen bestimmen, deutlich zu. Als immer wieder besonders beeinträchtigende Beschwerden gelten beispielsweise Störungen der Mobilität, chronische Schmerzen, Atemnot, Lähmungen, Inkontinenz und Minderung oder Verlust der Sehschärfe bzw. des Gehörs (vgl. Arbeitsgruppe Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland, 2009, S. 12). Auch die im Alter häufig bestehende Multimorbidität 1 , also das gleichzeitige Bestehen mehrerer Erkrankungen und Funktionseinschränkungen, kann als sehr belastend empfunden werden - besonders weil dadurch in allen Lebens- und Erlebensdimensionen Artikulation, Orientierung und Mobilität eingeschränkt sind. Man kann jedoch von keiner direkten Kausalität zwischen Erkrankung und Suizid ausgehen. Im Krankheitserleben sind nicht die medizinischen Diagnosen selbst entscheidend, sondern ihre „funktionellen Beeinträchtigungen in der Alltagsbewältigung, die den Grad der Hilfsbedürftigkeit bestimmen […]. Die diagnostizierte Krankheit ist folglich der Auslöser für eine Reihe von psychischen und sozialen Begleitumständen, mit denen sich der kranke Mensch, insbesondere der alte Mensch bei chronischen Erkrankungen, bei denen Besserung oft nicht zu erwarten ist, auseinandersetzen muss“ (BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 61).
Neben körperlichen Erkrankungen sind auch biologische, dem Alterungsprozess entsprechende, Bedingungen beeinträchtigend auf das psychische Erleben. Hierzu zählen vor allem biochemische Veränderungen wie Transmittereffekte, Veränderung an Kortex und endokrinem System (vgl. Gesundheit Berlin (Hrsg.), 2008, S. 1). Suizidforscher konnten in ihren
1 Die Multimorbidität stellt auch eine Ursache für die eingangs erwähnte Dunkelzifferproblematik dar, denn
bei der Dokumentation der Todesursachen werden suizidale Handlungen, die letztendlich zum Tod geführt
haben (beispielsweise Einstellen der Nahrungszufuhr), nicht immer angegebenen. Das heißt, dass nur die
offensichtlichen Erkrankungen als todesursächlich erachtet werden (vgl. BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 154).
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Studien einen Zusammenhang zwischen diesen biologischen Veränderungen und suizidalem Verhalten nachweisen, worauf an dieser Stelle jedoch nicht weiter eingegangen wird.
2.2 Psychische Faktoren
Etwa jeder vierte ältere Mensch leidet an einer psychischen Erkrankung, wobei es sich am häufigsten um Depressionen handelt. Neben Hirnleistungsstörungen, also Demenzen, können Angststörungen, Wahnerkrankungen und Suchterkrankungen als weitere typische psychische Krankheiten bei Älteren beobachtet werden. Hierbei ist zu erwähnen, dass Demenzen im höheren Alter eindeutig häufiger auftreten. Egal um welche Art von psychischer Erkrankung es sich handelt, alle gehen mit erhöhter Suizidgefahr einher - in der internationalen Literatur werden solche Erkrankungen zudem als eine Hauptursache für Suizidhandlungen im Alter gesehen. Zudem geht aus dem vierten Altenbericht hervor, dass 36-90 Prozent aller älteren Menschen, die Alterssuizid begangen haben, an einer Depression litten (vgl. BMFSFJ (Hrsg.), 2002, S. 154).
Um eine psychische Erkrankung, welche als ein bedeutendster Risikofaktor für suizidales Verhalten gilt, kurz aufzugreifen fühlen sich beispielsweise depressive Menschen als solche, die nichts wert sind und glauben nichts Produktives mehr schaffen zu können. Weitere typische Gedanken, wie etwa an einer lebensbedrohlichen Krankheit zu leiden, können die Betroffenen in die Enge zwingen - zugleich glauben sie, dass keine Behandlung, und somit auch keine erhoffte Hilfe, erfolgen kann. Für einige depressive Menschen scheint dann der Suizid die einzige Möglichkeit zu sein, diesen quälenden Gedanken und Gefühlen entkommen zu können (vgl. Arbeitsgruppe Alte Menschen im Nationalen Suizidpräventionsprogramm für Deutschland, 2009, S. 11). Ein entsprechendes Beispiel hierfür ist der Fall des Schweizer André Rieder, der unter einer Depression litt und sich mit Unterstützung der 'EXIT'-Agentur das Leben nahm (s. Anlage 3).
2.3 Soziale Faktoren
Neben den bisher genannten Einflussfaktoren, welche eher im Bereich der Medizin einzu-ordnen sind, können einige nichtmedizinische, soziale Faktoren zum Alterssuizid führenhierzu zählen vor allem der Familienstatus, konflikthafte Sozialbeziehungen, soziale Isolierung und Einsamkeit.
Eine aus der Literatur bekannte Tatsache ist, dass diejenigen, die im Alter Suizid begangen haben, häufig alleinstehend waren. Viele waren geschieden, getrenntlebend, ledig oder ver- witwet. Gerade der Verlust des Partners durch Trennung oder Tod zählt zu einem Ereignis,
Arbeit zitieren:
Claudia Mueller, 2011, Suizid im Alter, München, GRIN Verlag GmbH
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