Gliederung
1 Einleitung 3
2 Deklinationsprobleme bei schwachen Maskulina als Zweifelsfall 4
(verfasst von Kirsten Meemann)
3 Erhebungsverfahren 7
(verfasst von Nils Schmidt)
3.1 Korpusrecherche 7
3.2 Umfrage 8
4 Abschließende Betrachtung 10
5 Literatur 11
2
1 Einleitung
Homo homini lupus - dieses berühmte Zitat des englischen Moralphilosophen Thomas Hobbes (1588-1679) soll der Ausgangpunkt für die folgende sprachwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Deklinationsproblemen im Deutschen am Beispiel des Wortes Mensch sein. Die Aussage, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sei, wirft nicht nur philosophische Fragen auf. Das Wort Mensch ist eines derjenigen Wörter, die vielen Sprechern des Deutschen allerlei Schwierigkeiten bei der Deklination bereiten. Es gehört zu den schwach deklinierten Maskulina, bei denen zum einen vermehrt Unsicherheiten bei der Genitivbildung auftreten, zum anderen eine Tendenz dazu besteht, im Dativ und im Akkusativ die Kasusendung wegzulassen. Ein Zweifelsfall besteht dann darin, ob dieses Weglassen der Endung korrekt ist oder nicht. Heißt es also des Menschen oder des Menschens und heißt es dem Menschen oder doch dem Mensch?
Als weitere einleitende Veranschaulichung des Problems kann eine Recherche bezüglich des Eingangszitats im Internet mit Hilfe der Suchmaschine Google dienen: Die Variante Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf liefert etwa 296.000 Treffer, die Variante Der Mensch ist dem Mensch ein Wolf ungefähr 30.200 Treffer. (Suchanfrage: 04.03.2010) In diesem Fall liegt im Bereich der schriftlichen Sprache also ein eindeutiger Befund vor: Dem Menschen ist in diesem Kontext etwa zehnmal so häufig zu finden wie dem Mensch. Welche Aussagekraft dieser erste beispielhafte Befund hat und inwiefern er sich verallgemeinern lässt, wird im Laufe der Arbeit zu klären sein.
Im zweiten Kapitel dieser Arbeit erfolgt eine systematische Festlegung des Phänomens auf einen sprachlichen Zweifelsfall. Des Weiteren wird an dieser Stelle der Umgang mit dem Problem in den prominenten Zweifelsfall-Nachschlagewerken Duden. Richtiges und gutes Deutsch. und Wahrig. Fehlerfreies und gutes Deutsch thematisiert. Das Kapitel beinhaltet darüber hinaus auch die Darstellung sprachwissenschaftlicher Perspektiven auf das Phänomen. Die Ausführungen zu zwei selbst angewandten Erhebungsverfahren im dritten Kapitel bilden den Mittelpunkt dieser Arbeit: Die Ergebnisse einer Korpusrecherche hinsichtlich der Verwendung der fraglichen Wortformen in zwei Tageszeitungen und die Resultate einer Umfrage in der Würzburger Innenstadt bieten die Möglichkeit, die theoretischen, sprachwissenschaftlichen Auseinandersetzungen mit dem Problem der Deklination der schwachen Maskulina im Deutschen an der tatsächlichen Sprachgebrauchssituation zu messen. Im Hintergrund dieser Erhebungsverfahren steht die Hypothese, dass zukünftig die Genitivform Menschens immer häufiger anzutreffen sein wird. Diese Annahme wird überprüft, bevor im letzten inhaltlichen Kapitel die Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden.
2 Deklinationsprobleme bei schwachen Maskulina als Zweifelsfall
Der in der Einleitung dieser Arbeit bereits verwendete Terminus sprachlicher Zweifelsfall ist erklärungsbedürftig. Der Definition von Klein zufolge ist ein sprachlicher Zweifelsfall eine „sprachliche Einheit (Wort/Wortform/Satz), bei der kompetente Sprecher (a.) im Blick auf (mindestens) zwei Varianten (a, b...) in Zweifel geraten (b.) können, welche der beiden Formen (standardsprachlich) (c.) korrekt ist (vgl. Sprachschwankung, Doppelform, Dublette). Die beiden Varianten eines Zweifelfalls sind formseitig oft teilidentisch (d.) […]“ 1 . Zu beachten ist darüber hinaus, dass sprachliche Zweifelsfälle nur dann als solche gelten können, wenn eine relevante Anzahl an Sprechern bei den betreffenden Formen in Zweifel gerät. Die Abgrenzung von einem sprachlichen Fehler ist zuweilen äußerst schwierig. Diese Problematik greift Eisenberg auf, indem er auf die Unterscheidung zwischen Systemfehlern und Normfehlern eingeht: Bei Systemfehlern könnten „[…] die Sprecher des Deutschen Einigkeit darüber erzielen, dass ein Fehler vorliegt […]“, bei Normfehlern gelinge dies nicht. 2 Als Systemfehler ist beispielsweise ein Verstoß gegen die Regel zu bezeichnen, dass Subjekt und Prädikat in Person und Numerus übereinstimmen müssen. Anhand eines von Klein entwickelten Zweifelsfallschemas kann zwischen so genannten konditionierten und unkonditionierten Zweifelfällen unterschieden werden: Zunächst muss überprüft werden, ob beide Varianten im allgemeinen Usus vorkommen. Ist dies der Fall, wird untersucht, ob beide Formen auch im standardsprachlichen Usus Verwendung finden. Ist dies wiederum der Fall, gilt es die Frage zu klären, ob beide Varianten in denselben grammatischen Kontexten auftauchen. Wird auch diese Frage bejaht, muss analysiert werden, ob die beiden Formen die gleiche Bedeutung haben. Ist dies ebenfalls gegeben, kann unter der Perspektive des Sprachwandels untersucht werden, ob beide Formen in der älteren und neueren Sprache gleichermaßen zu finden sind. Wird im Durchlauf des Zweifelsfallschemas ein Kriterium zur Unterscheidung der beiden Varianten gefunden, handelt es sich um einen konditionierten Zweifelsfall, findet sich jedoch kein Kriterium zur Klassifikation handelt es sich um einen unkonditionierten Zweifelsfall. Für das Problem der unterschiedlichen Deklinationsformen des Wortes Mensch ergibt sich folgendes Bild: Die Varianten kommen im Usus vor, auch im standardsprachlichen Usus tauchen die Formen dem Mensch und den Mensch und zuweilen auch Genitivformen wie des Menschens auf. Die Varianten werden in denselben grammatischen Kontexten verwendet: des Menschen/des Menschens als Genitiv Singular, dem Menschen/dem Mensch als Dativ Singular und den Menschen/den Mensch als Akkusativ Singular. Generell lässt sich feststellen, dass die Deklinationsprobleme bei schwachen Maskulina vorrangig im
1 Klein, Wolf Peter: Sprachliche Zweifelsfälle als linguistischer Gegenstand. Zur Einführung in ein vergessenes
Thema der Sprachwissenschaft. In: Linguistik online. Berlin 2003.
2 Eisenberg, Peter/Voigt, Gerhard: Grammatikfehler? In: Praxis Deutsch 102, 1990, S. 11.
Arbeit zitieren:
Nils Schmidt, Kirsten Meemann, 2010, Analyse von Deklinationsproblemen bei schwachen Maskulina am Beispiel "Mensch", München, GRIN Verlag GmbH
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