erzählerisch aus Marthas Perspektive Landschaftsbilder, Tiere und Stimmungen beschreibt. Die erzählende Instanz und Martha haben gleichermaßen poetische Sensibilität, und die Analogie ihrer Sprache lässt in diesem Bereich auf eine Identifikation von Erzählerin und personalem Medium schließen. Zwei Beispiele, um diese Aussage zu belegen, finden wir in der Einleitung des ersten Kapitels, die aus der Erzählperspektive geschrieben ist, und der im folgenden zitierten Schilderung aus Marthas Blickpunkt: "Jahrelang kam sie nun heim, stets wieder hingenommen von diesem, was sie zum ersten Male betroffen, als sie die Gasse und hinter der Mauer das schweigsame Haus entdeckt,....Dies war ein Klösterliches, der Friede, die Abgewandtheit, Abseitigkeit eines Stifts, etwas Träumendes, etwas Vergangenes,... Solche Häuser liegen immer im Abend, und leise spiegeln die blassen Scheiben verschwelendes Untergangsrot." (S.(8/9). Und ein Beispiel einer Tierbeschreibung aus Marthas Sicht: "Den Kondor wollte sie grüßen. Denn sie liebte den wunderbaren Vogel, der von allen in höchste Einsamkeit dringt, in eisesklare, schweigendste Luft, den Vogel der Sonnenmeere.... Er war gefangen hier, arm und fremd, und hockte, im kleinen, rötlichen Blick die frostige Trübseligkeit des Verbannten. Des Welkenden." (S.90).
Der Leser, der Einblick in Marthas Bewusstsein erhält, erkennt ihren inneren Sprachreichtum und ihre scharfe Beobachtungsgabe. Ihre poetischen Schilderungen der Umgebung sind aber auch Ausdruck ihres Wesens: Worauf ihr Auge fällt, was ihre Aufmerksamkeit fesselt und vor allem, wie sich die Dinge für sie darstellen, das beschreibt auch ihren Charakter. In der Erzählung wird die Person Marthas nicht nur aus deren Innenperspektive definiert. Die erzählende Instanz vermittelt durch Außenperspektiven dem Leser immer wieder kritische Distanz zur Hauptfigur. Das Schweigen Marthas ist aus dem Blickpunkt einiger sie umgebenden Menschen Ausdruck ihrer Fremdheit, Andersartigkeit und wird von diesen mit Gefühlskälte und Härte gleichgesetzt. Der "alte Wolg", der gegen die Heirat seines Sohnes mit Martha ist, bezeichnet sie als "Trauerlappen", als "kalt". Ihre Strenge werde sie hindern, "dem Manne Kameradin und Freundin zu sein". (S.15). Ihr Wesen wird vom Vater ihres zukünftigen Ehemannes zudem mit ihrer jüdischen Herkunft begründet: "Alttestamentarisch sieht sie schon aus... Jerusalem am Nordpol." Jüdisch, herb
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und schweigsam scheinen synonymisch verwendet. Aus dem Blickpunkt Friedrich Wolgs - Marthas Verehrer - lässt die Erzählerin ihre ruhige Art zu Beginn ihrer Beziehung vorteilhaft zu einigen durcheinander-schwätzenden Damen kontrastieren.
Die Beobachtungen des alten Wolg scheinen jedoch nicht völlig unbegründet. Friedrich Wolg, Marthas junger Ehemann, ist bald enttäuscht, denn Martha kann Nähe nur in der körperlichen Umarmung zulassen. "Ihr Wesen, das er bei Tage kannte, bedrückte und langweilte ihn". Die erzählende Instanz, die in einem Perspektivenwechsel hinter Friedrich Wolg als personales Medium zurücktritt, zeigt dem Leser, dass Marthas Sprachlosigkeit von ihm als Zeichen ihres Desinteresses an seiner Person interpretiert wird. Diese Verweigerung ihrerseits treibt ihn aus ihrem Leben. Die Erzählerin benutzt Friedrich Wolgs Blickpunkt, den er in der Aussage mit der der Figur des Vaters zusammenfallen lässt, um Marthas Wirkung auf andere darzustellen: "Es war ein Seltsames da, ein Fremdes, etwas ... er suchte den Namen dafür. Dies vielleicht, dass sie aus anderem Blut, dass sie Jüdin war". Hier setzt die Erzählerin erneut das Fremde ihrer Figur mit dem jüdischen Glauben gleich.
Fremdheit des Wesens in der Gleichsetzung mit Fremdheit des Glaubens ist auch an anderen Stellen der Erzählung wiederzufinden. In der Begegnung mit dem Rechtsanwalt beispielsweise, in welcher Martha ihre Rachepläne damit rechtfertigt, dass sie Jüdin ist und von ihr deshalb keine christliche, und damit implizierend - keine vernünftige Reaktion zu erwarten sei. Inwiefern hier eine Identität hergestellt ist zwischen Erzählinstanz und personalem Medium, bzw. der Reflektorfigur wäre zu prüfen; auch ob diese Haltung das Judentum nicht eher negativ konnotiert.
In der Erzählhandlung wird denn auch gezeigt, dass Marthas Sprachlosigkeit immer dann aufbricht, wenn es um ihre Grundüberzeugungen geht. Im ersten Streit mit ihrem Ehemann, in dem es um die Taufe des Kindes geht, drängt eine Bedrohung an die Oberfläche, die aus der Perspektive Friedrichs dem Leser unheilvoll verkündet: "Sie ist imstande und tötet das Kind; das ist eine Medea!". Als das gemeinsame Kind geboren ist, wird mit außenperspektivischem Blick anderer personaler Medien in einer Sprache mit Tiermetaphern dargestellt, dass das Schweigen der Hauptfigur nur mühsam ihre ungestüme Wesensart verschleiert: nach Aussage der Schwiegereltern stürzte sich Martha auf das Kind "einer hungrigen Wölfin gleich", Friedrich sieht Martha als "eine Wilde
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jetzt, die er gewaltsam im Käfig hielt, die nur trachtete, auszubrechen", ihren Blick empfindet er als fremd und unheimlich flackernd, "wie eine Tiermutter, die um ihr Junges zittert" (S.18).
Diese von der Erzählinstanz hier in kritischer Distanz dargestellte symbiotische Beziehung Marthas zu ihrem Kind ist Dreh- und Angelpunkt der Handlung. Auf der Suche nach dem dann vermissten Kind bewirken Marthas Angst und ihre verschlossene Wesensart einen verengten Blick auf eine sich ihr dadurch feindlich darstellende Welt, die von der Erzählerin allerdings geteilt zu scheint: "die niedrige, vollgepferchte Küchenstube, düster von den vergitterten Fenstern - die sich darin befindende Frau mit ihren Töchtern, die flätzig und plump und breit die Eindringlinge musterten und in deren rohen Zügen unklar zu lesen war: Macht die ein Gewese um ihre Göre!" Der in dieser Szene erzählerische Blickwinkel und der mit der Reflektorfigur Marthas identische zeigen, dass in diesem Vorstadt- und Laubenkoloniemilieu ein verlorenes Kind nicht allzu viel Bedeutung hat. In der Milieuschilderung scheint auch eine gehörige Portion Sozialkritik zum Ausdruck gebracht, die man noch näher untersuchen könnte. In diesen dramatisch und emotional beschriebenen Szenen der Suche nach dem Kind wird dem Leser Marthas Bewusstsein in seiner Verschlossenheit gezeigt: Sie spricht nur zu sich selbst, die Gedanken kreisen. Von der Erzählerin wird ihr Entschluss, nicht zur Polizei zu gehen, um ihr Kind suchen zu lassen, in erlebter Rede und innerem Monolog ausgedrückt: "Trag ich mein Kind auf die Polizei, so heißt das: ich gebe es verloren" (S.25). In der Erzählhandlung ereilt sie einen Tag später jedoch die Ahnung, dass sie sofort die Kriminalpolizei hätte "aufhetzen müssen" (S.35). Es klingt an, dass sie in ihrem subjektiv gefassten Entschluss eine falsche Entscheidung getroffen hat. Sie überwindet sich zwar, und spricht viele Menschen an, um nach ihrem Kind zu fragen, aber sie kann nur "tasten, die Hand ausstrecken" (S.25). Damit lässt die erzählende Instanz den Leser wissen, will heißen, im Leser die Idee wecken, dass sie vielleicht die Menschen hätte bitten können, mit ihr zu kommen, um gemeinsam das Kind zu suchen. Dies ist eine der Stellen der Erzählhandlung, die zeigt, dass Martha ihr Inneres nicht überschreitet, nicht überschreiten kann. Nur unter dem Druck der Verzweiflung kann sie kommunizieren, aber dann wirkt sie noch fremder und abstoßender auf andere. Die Außenperspektive, in die die Erzählerin am Ende des dritten Kapitels des ersten Teils wechselt, zeigt Martha als "eine stammelnde Irre".
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Arbeit zitieren:
Sigrid Eckold, 1994, Vereinzelung und Sprachlosigkeit als grundlegendes Moment in Gertrud Kolmars Roman „Die jüdische Mutter“, München, GRIN Verlag GmbH
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