1. Einleitung
Wie recht Robert Rubin mit dieser Aussage zur Asienkrise behalten sollte, zeigte sich schon knapp zehn Jahre später mit der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise. Bereits Anfang 1997 hatte es Anzeichen für eine Krise in den asiatischen Tigerstaaten, vor allem Thailand und Südkorea, gegeben. Im Juli 1997 spitzte sich die Lage zu, der thailändische Bath verlor massiv an Wert und es entstand eine Tsunami-artige Welle die mit voller Wucht den südostasiatischen Wirtschaftsraum traf. Innerhalb kürzester Zeit wurde ausländisches Kapital abgezogen, weitere Währungen verloren zum Teil 40% und mehr an Wert und es dauerte nicht lange, bis sich die Auswirkungen auch in China zeigten, wenn auch in weitaus abgeschwächterer Form. Zehn Jahre später ist nicht etwa wieder ein Land der Schwellen- und Entwicklungsländer Krisenauslöser, sondern die größte Ökonomie der Welt, die USA und die Folgen sind umso gravierender. Trotz unterschiedlicher Ausgangssituationen lassen sich gewisse Parallelen zwischen diesen beiden Krisen ziehen, wie zum Beispiel der Jobverlust von Millionen chinesischer Arbeiter damals wie heute. 2 In beiden Krisen war die chinesische Staatsführung zu massiven Eingriffen in das Wirtschaftssystem gezwungen.
Es fragt sich, inwiefern China Lehren aus der Asienkrise gezogen und diese auf die aktuelle Finanzkrise angewendet hat. Die vorliegende Arbeit sucht Antworten auf diese Frage. Der erste Teil dieser Arbeit wird sich der Analyse der Asienkrise und der Gegenmaßnahmen, vor allem den fiskalpolitischen, in China widmen. Daran anschließend werden die Auswirkungen der aktuellen Finanzkrise und das chinesische Rettungspaket analysiert. Im dritten Kapitel werden die beiden Maßnahmen miteinander verglichen und abschließend ein Fazit gezogen. 3
1 Bello, Walden (2008): Im Freien Fall. Zehn Jahre nach der Asienfinanzkrise. In: südostasien. Heft
1/2008. S. 4-7. Hier: S. 4.
2 Vgl. Wang, Dongjing (2009): The 1997-98 crisis offers lessons to China. China Daily. http://www2.chinadaily.com.cn/world/2009-01/12/content_7387130.htm.
3 Alle Internetquellen datieren auf den 01.08.2010 als Abrufdatum.
2
2. Die Asienkrise und die VR China
In China brachte das Jahr 1997 neben der Asienkrise weitere große Veränderungen mit sich. Bereits im Februar starb Deng Xiaoping, dessen politischer Reformpfad die Öffnung Chinas gen Westen bewirkt hatte, im Juni kehrte Hongkong nach über 100 jähriger Kolonialzeit wieder in die Heimat zurück und im September fand der 15. Nationale Volkskongress der KPC statt.
Chinas Nachbarn hatten währenddessen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen.
Die Asienkrise war eine simultane Währungs- und Bankenkrise. Seit Anfang der 90er Jahre war es zu extremen Kapitalzuflüssen, vor allem in Form von Portfolioinvestitionen, nach Südostasien gekommen, unter anderem wegen hoher Zinsen bei festen Wechselkursen. 4 Im ersten Halbjahr des Jahres 1997 kam es in Thailand, Malaysia, aber auch Südkorea zu mehreren folgenschweren Ereignissen. Mehrere große Firmen gerieten in Zahlungsnot und brachen schließlich zusammen. Zeitgleich wurden in Thailand erstmals private Auslandsschulden in Höhe mehrerer Milliarden US$ nicht mehr bedient und der thailändische Bath geriet durch massive Spekulationen unter Druck. Nachdem man mehrfach versichert hatte, die eigene Währung nicht abzuwerten um eine Abwertungsspirale zu verhindern, blieb der thailändischen Zentralbank am 2. Juli 1997 schlussendlich nichts anderes übrig, als den Wechselkurs von fest auf flexibel zu ändern, woraufhin der Bath umgehend knapp 20% seines Wertes verlor. Von Thailand breitete sich die Krise rasant auf den gesamten südostasiatischen Raum aus. Abzug von Auslandskapital, Aktienkursverfälle und allgemeiner Geldwertverlust in großem Ausmaß waren die Folgen. 5
Aufgrund seiner extensiven intra-regionalen Handels- und Investmentbeziehungen schien es sehr wahrscheinlich, dass China der nächste Dominostein sein würde. Begründet wurde diese Annahme vor allem aus der Tatsache, dass China einige derselben Strukturschwächen aufwies wie eben Thailand, Südkorea oder Indonesien. Ein schwaches von Banken dominiertes Finanzsystem, eine schlechte Finanzaufsicht
4 Vgl. Resineck, Marc (2001): Internationale Finanzmarktkrisen: Ursachen, Ablauf, Prävention. Erkenntnisse aus der Asienkrise. Berlin: Verlag für Wissenschaft und Forschung. S. 31.
5 Vgl. Dieter, Heribert (1999): Die Asienkrise. Ursachen, Konsequenzen und die Rolle des Internationalen Währungsfonds. Marburg: Metropolis-Verlag. S. 165-168.
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und schwache Regulierung und Überwachung der Geschäftsbanken durch die Zentralbank, zudem eine große Ansammlung notleidender Kredite aufgrund exzessiver Kreditvergaben an ineffiziente und überdimensionierte Staatsbetriebe. Kombiniert mit einem zum größten Teil in Staatsbesitz befindlichen Finanzsektor der kurz vor der Insolvenz stand 6 , war eine Krise sehr wahrscheinlich.
Trotz all dieser negativen Indikatoren wurde Chinas Wirtschaft auf den ersten Blick nicht so hart getroffen wie die meisten seiner asiatischen Nachbarn. Dafür gibt es mehrere Gründe: Zum einen war und ist Chinas Nationalwährung, der Yuan, nicht vollständig konvertibel. Angriffe von Währungsspekulanten wie etwa die Attacke auf das britische Pfund und den EWS wenige Jahre zuvor waren also nicht so einfach zu unternehmen. Zudem besaß China zu diesem Zeitpunkt bereits mehr als 145 Mrd. US$ an Devisenreserven und hätte somit Spekulanten gegenüber ein hohes Gegengewicht bei der Stabilisierung des Yuan gehabt.
Verglichen mit anderen asiatischen Nationen war die Auslandsverschuldung relativ gering, unter 15% des BSP, und seine Finanzmarktinstitutionen (Banken, Aktienmärkte etc.) wurden sehr streng durch die Zentralregierung kontrolliert. Vor allem aber waren die Mehrheit der Auslandsinvestitionen Direktinvestitionen (wie z.B. in Joint Ventures) anstatt Portfolioinvestitionen (Aktien und Rentenpapiere) wie beispielsweise in Thailand. 7
Obwohl die chinesische Wirtschaft aufgrund der oben genannten Gründe nicht so stark wie andere in den Krisensog geriet, sah sich die Zentralregierung dennoch zu einer eigenen Anti-Krisenpolitik veranlasst.
Als wichtigste Elemente dieser Politik sind der Verzicht auf eine Abwertung des Yuan, spezifische Exportförderung, Wirtschaftsförderungsprogramme und eine beschleunigte Reform des Finanz- und Bankensystems zu nennen. 8 Im Folgenden soll der Fokus auf den Wirtschaftsförderungsprogrammen; sprich Konjunkturpaketen, liegen.
6 Vgl. Sharma, Shalendra D. (2002): Why China Survived the Asian Financial Crisis? In: Brazilian Journal of Political Economy, Vol. 22, No. 2 . S. 32-58. Hier: S. 32-33.
7 Vgl. Morrison, Wayne M. (1999): CRS Report for Congress. China's Response to the Global Financial Crisis: Implications for U.S. Economic Interests. S. 2. http://assests.opencrs.com/rpts/98-220_19990303.pdf.
8 Vgl. Grimm, Klaus (1999): China: im Schatten der Asienkrise: Hort der Stabilität oder Transformationskrise unter neuen Bedingungen? FES Analyse. Teil 7. http://www.fes.de/fulltext/stabsabteilung/00407toc.htm.
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2.1 Das chinesische Konjunkturpaket zur Asienkrise
Anfang 1998 entschloss sich die chinesische Staatsführung, ein Konjunkturprogramm aufzulegen, um sozialen und politischen Folgen entgegen zu wirken. 9 China brauchte hohe Wachstumsraten, um die Übergangsprobleme seiner Strukturreformen abzuschwächen. 10 Krisenbedingt war das Wirtschaftswachstum der Volksrepublik von stattlichen 9,6% im Jahre 1996 über 8,8% 1997 auf beängstigende 7,8% 1998 gefallen. 11 Ein hohes Wachstum war aber nötig, um die wachsende Arbeitslosigkeit bei der Restrukturierung der Staatsbetriebe zu stemmen.
Mitauslöser des Wachstumsrückgangs in China war unter anderem die Tatsache, dass mit Beginn der Krise weite Teile der asiatischen Exportziele für Chinas Unternehmen wegbrachen. Textilexporte, beispielsweise nach Südkorea, sanken um über 25%. 12 Die offizielle Arbeitslosenquote stieg von 2,5% 1990 auf 3,1% (ungefähr 6 Millionen) im Krisenjahr 1997. Diese Zahlen lassen aber Wanderarbeiter und andere Arbeit suchende Gruppen - insgesamt knapp 200 Millionen Menschen - außen vor. 13 Maßnahmen der Regierung mussten also in arbeitsintensiven Bereichen ansetzen, die in der Lage waren, die Jobverluste durch die Exportrückgänge zu kompensieren und die Bildung sozialer Brennpunkte zu vermeiden. Hierfür bot sich eine staatlich verstärkte Förderung der Inlandsproduktion und somit des Konsums, an.
Im Gegensatz zur Währungspolitik bieten Maßnahmen der Fiskalpolitik einen direkten und effektiven Weg, um die Inlandsnachfrage anzukurbeln. In den 1990er Jahren war die chinesische Regierung für mehr als die Hälfte der Anlageinvestitionen verantwortlich, was ungefähr 30% des BIP produzierte. 14 Um die Binnenmarktnachfrage ausreichend zu stimulieren, erließ die Regierung im Rahmen ihres Konjunkturpakets mehrere Maßnahmen:
9 Vgl. Heilmann, Sebastian (1999): Chinas Reformpolitik und die Risiken einer „Ballonwirtschaft“. In: Draguhn, Werner (Hg.): Asienkrise. Politik und Wirtschaft unter Reformdruck. Hamburg: Institut für Asienkunde. S. 93-110. Hier: S. 103.
10 Vgl. Economic Department - Monetary Authority of Singapore (1998): The Impact of the Asian Crisis on China: An Assessment. S. 25.
http://www.mas.gov.sg/resource/publications/staff_papers/MASOP008-ed.pdf.
11 Schlotthauer, Nicolas (2000): Die Interdependenz von Währungs- und Finanzkrisen - Lehren aus der Asienkrise für China? S. 2. Tabelle 2. http://www.vwl.uni-wuerzburg.de/fileadmin/12010100/Publikationen/Nicolas_Schlotthauer/biostnick.pdf.
12 Vgl. Gao, Xian (o.A.): Asian Crisis and China. S.5. http://www.reggen.org.br/midia/documentos/asiancrisisandchina.pdf.
13 Vgl. Economic Department - Monetary Authority of Singapore (1998): The Impact of the Asian Crisis on China: An Assessment. S. 25.
14 Ebd. S. 30.
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Arbeit zitieren:
Felix Kullmann, 2010, Die Asienkrise von 1997 im Vergleich mit der Finanz- und Wirtschaftskrise, München, GRIN Verlag GmbH
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