Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Zur Ernährungssituation in den betrachteten Zeiträumen 3
2.1 Österreich: Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit 3
2.2 Deutschland: Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit 4
2.3 Das „Dritte Reich“ 4
2.4 Österreich: Erste Nachkriegsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg 5
2.5 Deutschland: Erste Nachkriegsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg 5
2.6 Gemeinsamkeiten
S. 6
3. Ideologie: Verherrlichung des Wirtschaftens mit knappen Mitteln 7
4. Die verschiedenen Taktiken und Strategien zur Lebensmittelbeschaffung 8
4.1. Legale Strategien und Taktiken 9
4.1.1 „Ein Königreich für einen Schrebergarten“
Privater Anbau 9
4.1.2 „Wir lasen Ähren, die wurden ausgeklopft und die Körner
in der Kaffeemühle gemahlen“
Sammeln von Wildprodukten, Ährenlesen u. ähnl. 10
4.1.3 „Hühner, Hasen, Kaninchen, Schweine etc.“
(Klein-)tierzucht in der Stadt 12
4.1.4 „Hunde und Katzen? ja, da hat’s wenige gegeben“
Überschreiten von Tabus 13
4.1.5 „wenn man Pech hatte, dann war die Milch schon verkauft,
wenn man endlich rankam“
Taktiken beim Anstellen 13
4.1.6 „Einmal überhäuften die Russen mein Tablett mit Tomaten“
Lebensmittel von den Besatzungstruppen 14
4.1.7 „CARE-Pakete aber konnte man sich sogar schicken lassen“
Spendenaktionen u. ähnl. 16
4.2. Illegale Strategien und Taktiken 17
4.2.1 „Und auch Essigessenz wurde von der Landbevölkerung gerne
genommen “
Hamstern S. 17
4.2.2 „Ähnlich wie heute in der Rauschgiftszene“
Einkaufen im Schwarzhandel - Tauschhandel 19
4.2.3 „Es wurde oft ein Schwein in einem hinteren Winkel
aufgef üttert“
Schwarzschlachten , Schwarzbuttern u. ähnl. 20
4.2.4 „ein Akt ausgleichender Gerechtigkeit“
Wilderei S. 20
4.2.5 „Bis zu den Knöcheln watete man in der Butter“
Pl ünderungen 21
4.2.6 „Erwischen durfte man sich natürlich nicht lassen“
Lebensmitteldiebst ähle 22
1
5. Stadt versus Land 23
6. Die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen an den Strategien zur
Lebensmittelbeschaffung S. 25
7. Zusammenfassung 27
Quellen und Literatur 27
2
1. Einleitung
Ziel dieser Arbeit ist es, einen Einblick zu geben in die Art und Weise, wie sich Menschen in Österreich und Deutschland in den Hungerzeiten der Kriegs- und Nachkriegsjahre beider Weltkriege zusätzliche Nahrungsmittel verschafft haben. Eine solche Arbeit muß im gegebenen Zeitrahmen notwendigerweise bruchstückhaft bleiben. Wohl habe ich versucht, auch regionale und zeitliche Unterschiede aufzuzeigen, doch war es mir bei vielen Details nicht möglich, Parallelstellen aus anderen Gebieten oder Zeiträumen zu finden oder schlüssig zu behaupten, es hätte dies oder jenes eben dort oder damals nicht gegeben. Manche der angeschnittenen Themen böten sicherlich Stoff für eine Diplomarbeit. Worauf es mir ankam, war, die vielen Facetten aufzuzeigen, die Lebensmittelbeschaffung in Notzeiten annehmen kann, ebenso wie die Komplexität der Situationen, in denen diese Nahrungsbeschaffung geschah.
Die Unterlagen, die ich verwendet habe, sind sehr verschiedener Art. Es überwiegt die Se-kundärliteratur - meist handelt es sich um Arbeiten zur Oral history, um Heimatforschung oder um zeitgeschichtliche Analysen - , doch habe ich auch einige Originalquellen einbezogen. Für die Zeit des Zweiten Weltkriegs und seiner Nachkriegszeit konnte ich zusätzlich auf eigene Erfahrungen zurückgreifen. Ein solch breiter Zugang bietet den Vorteil, daß viele verschiedene Aspekte sichtbar werden. Als Nachteil ist jedoch anzusehen, daß die Art der Quelle nicht immer explizit deutlich gemacht werden kann, sondern Quellen verschiedener Art mehr oder minder auf eine Stufe gestellt werden müssen.
Was die Literatur betrifft, so sind Arbeiten zum Zweiten Weltkrieg und seiner Nachkriegszeit weit häufiger vertreten als solche zum Ersten Weltkrieg. Dies hängt größtenteils damit zusammen, daß die relativ junge Methode der Oral history nur mehr wenige Personen erfassen konnte, die die Zeit des Ersten Weltkriegs bewußt miterlebt haben. Da die Gliederung meiner Arbeit nach Themen und nicht chronologisch erfolgt, habe ich mich bemüht, aus dem Zusammenhang ersichtlich zu machen, auf welche Zeit und welches Gebiet sich einzelne Feststellungen oder Beispiele beziehen. Auf jeden Fall ist dies aus dem Literaturverzeichnis ersichtlich.
2. Zur Ernährungssituation in den betrachteten Zeiträumen
In Anbetracht der verschiedenen Zeiträume, auf die sich diese Arbeit bezieht, und der großen lokalen Unterschiede (Österreich/Deutschland, Stadt/Land, Besatzungszonen usw.) ist es hier nicht möglich, genauer auf die Hintergründe einzugehen. Daher möchte ich nur einige kurze Angaben zur Ernährungssituation in den Kriegs- und Nachkriegszeiten machen.
2.1 Österreich: Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit
Bereits vor dem Krieg war Österreich bzw. die „im Reichsrathe vertretenen Königreiche und Länder“ in bezug auf die Lebensmittelversorgung passiv. Es war durch eine Zollunion mit dem zweiten Teil der Doppelmonarchie, Ungarn, verbunden, aus dem u. a. ca. ein Drittel des Brotgetreides, aber auch andere wichtige Nahrungsmittel eingeführt wurden. 1 Die diesbezüglichen Verträge sahen wohl ein Recht Ungarns auf Ausfuhr, aber keine formelle Verpflichtung dazu vor. 2 Als daher Ungarn Anfang 1915 die Lieferung landwirtschaftlicher Produkte
1 H. Loewenfeld-Russ, 1919, S.7-9
2 H. Loewenfeld-Russ, 1986, S.34
3
nach Österreich praktisch unterband, machten sich hier gravierende Versorgungsmängel bemerkbar. Bereits im April 1915 wurden Brotkarten eingeführt; nach und nach wurden alle wichtigen Lebensmittel rationiert.
Schon 1916 war die Versorgungslage in Österreich schlecht. 1917 wurden die Lebensmittelrationen extrem gekürzt, Ersatzstoffe vermehrt propagiert. 3 Hungersnot herrschte vor allem in den städtischen Ballungszentren, aber auch in abgelegenen Siedlungen der Gebirgsgegenden. 4 Im Jahr 1918 spitzten sich nach einer kurzfristigen Besserung im Juli Anfang Oktober die Verhältnisse immer mehr zu. Besonders in Wien brach die Lebensmittelversorgung zusammen.
Erschwert wurde die Bewirtschaftung u. a. durch fehlende oder mangelhafte Produktions-, Verbrauchs- und Bevölkerungsstatistiken sowie organisatorische Mängel. So wurden z. B. die Berechnungen aufgrund der Volkszählung von 1910 vorgenommen; die nächste Volkszählung im Jahre 1920 zeigte dann, daß in Wien um 300.000 Brotkarten zuviel ausgegeben worden waren. 5
Deutschland half im Ersten Weltkrieg wiederholt Österreich bei der Lebensmittelversorgung aus, aber „die Verhandlungen mit den deutschen Regierungsstellen waren wiederholt höchst unerfreulich.“ 6 Dennoch bedauert auch Loewenfeld-Russ, von dem diese Aussage stammt, nach Kriegsende, daß die trostlose wirtschaftliche Lage „Rest“-Österreichs nicht durch einen Anschluß an Deutschland gemildert werden konnte. Erst 1920 besserte sich die Ernährungslage langsam. Die Rationalisierungsmaßnahmen wurden schrittweise aufgehoben. 7
2.2 Deutschland: Erster Weltkrieg und Nachkriegszeit
Obwohl im Vergleich zu Österreich die Ernährungslage in Deutschland besser war, kam es auch hier zu schweren Versorgungsproblemen. Gravierend war vor allem die Blockade der Nordsee durch Großbritannien. Eine Fehlentscheidung der Regierung im Frühjahr 1915 zur Zwangsabschlachtung der Schweine (als „Schweinemord“ bekannt) verschärfte die Situation nur noch. 8 Im Winter 1916/17 kam es zu einem Zusammenbruch der Lebensmittelversorgung; der Winter blieb als „Rübenwinter“ in Erinnerung. Die extreme Situation dauerte bis zum Sommer 1917, dann entspannte sich die Lage etwas, doch herrschte auch in Deutsch-land in der Folge in fast allen Städten ein Zustand dauernder Unterversorgung, der erst gegen 1920 abflaute. 9
2.3 Das „Dritte Reich“
In Deutschland war schon im Herbst 1934 die Einfuhr von Konsumgütern zugunsten des Imports von rüstungswichtigen Rohstoffen drastisch gekürzt worden. Am 12. 1. 1936 fand der erste „Eintopfsonntag“ statt (der erste solche Sonntag in der „Ostmark“ war der 9. Oktober 1938 10 ).
3 H. Stammhammer, 1996, S.33
4 N. Stadler, 1994, S.5
5 H. Loewenfeld-Russ, 1986, S.228
6 a.a.O., S.86
7 A. Weisgram, 1969, S.195
8 A. Roerkohl, 1991, S.33
9 M.H. Geyer, 1994, S.320; A. Roerkohl, 1991, S.321
10 J. Stammhammer, 1996, S.84
4
Im September 1939 wurden für die wichtigen Verbrauchsgüter Karten eingeführt, Fett war aber schon vor Kriegsbeginn rationiert worden. Die Verbraucherkategorien der Selbstversorger und Teilselbstversorger wurden geschaffen. Gleichzeitig trat die Kriegswirtschaftsver-ordnung in Kraft, deren Artikel 1, § 1, in der Fassung von 1942 lautete: „Wer Rohstoffe oder Erzeugnisse, die zum lebenswichtigen Bedarf der Bevölkerung gehören, vernichtet, beiseiteschafft oder zurückhält..., wird mit Zuchthaus oder Gefängnis bestraft. In besonders schweren Fällen kann auf Todesstrafe erkannt werden.“ 11 Dazu kam eine „Verordnung gegen Volksschädlinge“, die u. a. die Todesstrafe für Plünderung vorsah. 12 Die „Verbrauchsrege-lungs-Strafverordnung“ setzte die Strafen für „Abgabe oder Bezug bezugsbeschränkter Erzeugnisse ohne Bezugsberechtigung“ (d. h. jede Form von Schwarzhandel) fest. 13
Der Bevölkerung wurde u. a. durch Schriften die Regelung der Versorgung nahezubringen versucht, wobei meist nicht versäumt wurde, darauf hinzuweisen, daß sich die wirtschaftliche Katastrophe aus dem Ersten Weltkrieg unter den Bedingungen des Nationalsozialismus nicht wiederholen würde. 14
Den Bauern gegenüber versuchte das nationalsozialistische Regime ein Gleichgewicht zwischen Zwang, Prämiensystem und Lob herzustellen, wodurch erreicht wurde, daß das Ablieferungs- und Kontrollsystem lange Zeit relativ gut funktionierte. Auf diese Weise und durch Abziehen von Lebensmitteln aus den besetzten Gebieten konnte erreicht werden, daß bis gegen Ende 1944 keine Hungerkatastrophe auftrat. 15 Mit dem Zusammenbruch der „Dritten Reiches“ kam es dann auch zum wirtschaftlichen Zusammenbruch.
2.4 Österreich: Erste Nachkriegsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Ernährungssituation war nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes katastrophal, wenn es auch große regionale Unterschiede gab. Besonders schlecht war die Lage außer in Wien in den Gebieten von Wiener Neustadt, Hainfeld, St. Pölten, in den Tälern des Voralpengebiets und im westlichen Wienerwald. 16 Erst im September 1945 konnten täglich 1550 Kalorien ausgegeben werden, eine Zahl, die bald darauf wieder auf 1200 sank. Ende 1946 kam man wieder im ganzen Bundesgebiet auf 1550 Kalorien. Die schlechte Ernte des Jahres 1946 und der extrem kalte Winter 1946/47 mit dem Zusammenbruch der Energieversorgung brachten eine neue Verschärfung. 17
Nur mit Hilfe von seiten der Besatzungsmächte und aus dem neutralen Ausland (siehe das be-treffende Kapitel in dieser Arbeit) konnte die Bevölkerung die ersten Nachkriegsjahre über-stehen. Dann besserte sich die Situation zusehends, aber erst im Sommer 1953 wurden die Lebensmittelkarten in Österreich abgeschafft.
2.5 Deutschland: Erste Nachkriegsjahre nach dem Zweiten Weltkrieg
In Westdeutschland hatte sich die Versorgung der Bevölkerung seit dem Frühjahr 1946 insbesondere in den städtischen Ballungszentren auf einem extrem niedrigen Stand, nämlich
11 H. Dombrowski (Hrsg.), 1942, S.38 - vgl. a. A. Schröder (Hrsg.), 1940, S.55, wo im Kommentar auf die Todesstrafe besonders hingewiesen wird.
12 H. Dombrowski (Hrsg.), 1942, S.41
13 a.a.O., S.44ff.
14 vgl. z. B. E.F. Baer, 1940; W. Hahn, 1939; ohne Autor, 1939
15 Meine Darstellung in diesem Abschnitt folgt im wesentlichen G. Corni/H. Gies, 1997
16 M. Baumgartner, 1994, S.151
17 nach B. Bolognese-Leuchtenmüller in C. Federspiel, 1985, S.223
5
zum Teil auf wenig mehr als 1000 Kalorien, eingependelt. Es kam zu massenhaften Hungerprotesten. Da die Ernährungssituation in der britisch besetzten Zone besonders schlecht war, wurden am 1. 1. 1947 die amerikanische und britische Zone zum Vereinigten Wirtschaftsgebiet („Bizone“) zusammengeschlossen. Die Ernährung der Bevölkerung konnte nur durch Hilfsaktionen vor allem der Amerikaner aufrechterhalten werden. In der Bundesrepublik brachte die Währungsreform vom 20. 6. 1948 die Lebensmittel wieder auf den Markt, in Berlin verschärfte sich jedoch die Situation während der Berliner Blockade 1948/49. Der entscheidende Durchbruch in der Lebensmittelversorgung kam in der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1950. Am 1. 1. 1950 wurden die Lebensmittelmarken mit Ausnahme von Zucker aufgehoben. 18
In der sowjetischen Zone Deutschlands war die Hungersnot ebenfalls groß. Die Sowjets konnten - ebenso wie die Briten - aus eigener Kraftanstrengung nur wenig Nahrungsmittelhilfe geben. Das System der Lebensmittelverteilung wurde den sowjetischen Verhältnissen angeglichen, doch trotz dieser Umstrukturierungen lebte hier die „Rationengesellschaft“ der unmittelbaren Nachkriegszeit in der späteren DDR fort. Schlangestehen, Kompensationsgeschäfte, Hochpreismärkte und minderwertige Produkte beherrschten weiterhin den Alltag. 19 Die Zwangswirtschaft der Kriegsjahre ging in die sozialistische Planwirtschaft über.
2.6 Gemeinsamkeiten
Trotz aller Unterschiede der Lebensmittelversorgung im Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie der Situation in Österreich und Deutschland war doch beiden Perioden gemeinsam, daß es - zumindest während längerer Zeiträume - vor allem in den städtischen und Industriegebieten offiziell wesentlich weniger zu essen gab, als zur Lebenserhaltung notwendig ist. Während im Ersten Weltkrieg die ausgesprochene Hungerzeit schon bald begann, trat sie im Zweiten Weltkrieg, als man aus den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs gelernt hatte, infolge der sofort einsetzenden Rationierung von Lebensmitteln und Gebrauchsgütern erst mit dem nahenden Zusammenbruch Nazideutschlands ein, um dann über Jahre hinaus anzudauern.
Diese völlig ungenügende Lebensmittelversorgung zwang die einzelnen, sich auf die eine oder andere Weise zusätzliche Lebensmittel für sich und ihre Familie zu beschaffen. In einer in der Literatur oft zitierten Abhandlung, die sich auf den Ersten Weltkrieg bezieht, heißt es: „Es ist ein Irrtum, daß sich die Menschen an das Hungern gewöhnen können ... Ohne Rucksackverkehr und ohne Schleichhandel wäre bei den herrschenden offiziellen Ernährungszuständen Wien längst ausgestorben. Wenn der Wiener nicht tot ist, so ist damit der Beweis erbracht, daß er entweder selbst hamstert oder sich von Schleichhändlern seine Nahrung ergänzen läßt.“ 20 Daß die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg nicht weniger dramatisch war, zeigt u. a. die Tatsache, daß der Generaldirektor der UNRRA im Mai 1946 erklärte, Österreich zähle zu jenen Ländern der Welt, die dem Niveau des Hungertodes am nächsten seien. 21
Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg gibt es viele Angaben darüber, wie hoch die Kalorienmenge der offiziell zugeteilten Lebensmittel an verschiedenen Orten zu verschiedenen Zeitpunkten war. Die extremsten Zahlen bewegen sich zwischen 350 und 900 Kalorien. So
18 s. G.J. Trittel, 1994; P. Erker, 1990 und 1994; R. Gries, 1991, S.331-335
19 R. Gries, 1991, S.327
20 Gärtner, nach H. Loewenfeld-Russ, 1986, S.224-225
21 K. Vocelka, o.J., S.16
6
waren es z. B. in Wiener Neustadt im August 1945 497 Kalorien, 22 in Essen Anfang 1947 740 Kalorien. 23 Diese Werte machen nur ungefähr ein Fünftel bis ein Drittel dessen aus, was nach heutiger Auffassung ein Erwachsener (ohne Schwerarbeit) benötigt. 24 Aber auch der Wert, den Österreich in den besten Zeiten der Jahre 1945 und 1946 erreichte, nämlich 1550 Kalorien, deckte noch immer bei weitem nicht den Bedarf der ausgehungerten Bevölkerung. Für die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg (1919) gibt Loewenfeld-Russ eine tägliche Kalorienzahl von 1271 für Österreich an 25 ; Roerkohl nennt für den „Rübenwinter“ 1916/17 in Deutschland 1150 Kalorien. 26 Von der Kalorienzahl abgesehen waren auch bestimmte Lebensmittel oft äußerst knapp bemessen. 1917 gab es in Wien z. B. eine Zuteilung von wöchentlich nur 40 g Fett pro Person. 27
Es war also fast jeder gezwungen, sich auf irgendeine Weise zusätzliche Nahrung zu verschaffen, schon um den dringenden Lebensbedarf zu decken. Ein weiteres Bedürfnis nach zusätzlichen Lebensmittelquellen entstand aus dem Wunsch, etwas Abwechslung in den eintönigen Speiseplan zu bringen.
Die Last dieser zusätzlichen Nahrungsbeschaffung lag in erster Linie bei den Frauen; in hohem Maße daran beteiligt waren jedoch auch Kinder und Jugendliche (siehe das betreffende Kapitel). Die Männer waren großteils an der Front oder in Kriegsgefangenschaft.
3. Ideologie: Verherrlichung des Wirtschaftens mit knappen Mitteln
Auch bei Aufbesserung der Ernährung mit Hilfe legaler, teilweise sogar offiziell geförderter Methoden der zusätzlichen Nahrungsbeschaffung war es nur in seltenen Fällen möglich, damit das Auslangen zu finden. Um die Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht zu groß werden zu lassen, waren die (Haus-)Frauen in beiden Weltkriegen Adressatinnen massiver ideologischer Einflußversuche. 28 Die Art der Argumentation war dabei in den beiden Perioden ähnlich, und rationale Elemente wurden mit stark emotional gefärbten verbunden.
Die Tätigkeit zu Hause - an der „Heimatfront“ bzw. der „inneren Front“ - wurde in Parallele gesetzt zum Kampf der Soldaten an der Front. Mut, Entbehrungen, Beitrag zum Sieg usw. wurden verglichen, der Einsatz zu Hause als Pflicht der Dankbarkeit den Kämpfenden gegenüber dargestellt. Die propagandistische Literatur bis hin zu den Kochbüchern ist voll von Kriegsmetaphern wie Waffen, Kampf, Aufrüstung oder Schützengräben. „Gas sparen heißt Waffen schmieden“ 29 , der Kochlöffel ist die „Waffe“ 30 oder der „Marschallstab“ 31 der Frauen. Die bevorzugte Metapher im Zweiten Weltkrieg war die der Schlacht: es wurde nicht nur von der „Erzeugungsschlacht“ der Bauern, mit der „der deutsche Bauer zum Soldaten ge-worden“ 32 ist, und von der „Erhaltungsschlacht“ der Hausfrauen gesprochen, sondern man verwendete das Wort auch je nach konkreter Situation in verschiedenen Varianten. So hebt z. B. Buresch-Riebe die Leistung der „Landfrau“ bei der „Milcherfassungsschlacht“ her-
22 B.Binder-Pölzgutter, 1995, Bd.1, S.65
23 F. Grube/G. Richter, 1979, S.31
24 Das „Große Gesundheitslexikon“ (Reitner) von 1987 gibt an: ca. 2900 Kal. für Männer, ca. 2100 Kal. für Frauen
25 H. Loewenfeld-Russ, 1919, S.11
26 A. Roerkohl, 1991, S.321
27 J. Stammhammer, 1996, S.33
28 vgl. auch A. Roerkohl, 1991, S.179-194
29 R. Horbelt/S. Spindler, 1986, S.17, ohne Quellenangabe
30 Reichsfrauenführerin Gertrud Scholtz-Klink 1937 nach B. Bab, 1994, S.69
31 R. Horbelt/S. Spindler, 1986, S.15, ohne Quellenangabe
32 S. Hainzl, 1939, S.22
7
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Ilsemarie Walter, 2000, Taktiken und Strategien zur Lebensmittelbeschaffung in Notzeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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