Inhalt:
Inhalt : 1
1. Einleitung. 2
2. Punktuelle Analyse dreier tschechischen Zeitungen 3
2.1 Zwei Zeitungen der tschechischen Sozialdemokratie. 5
2.1.1 Hintergrund. 5
2.1.2 Zum Inhalt 6
2.2 „Pravda“ - die Wochenschrift der „Katholisch-politischen Vereinigung“ 8
3. Aus Erzählungen Betroffener. 12
3.1 Immigration und Beziehung zur früheren Heimat. 13
3.2 Beziehung zu den deutschsprachigen Wienern 15
3.3 Umgang mit der Zweisprachigkeit 16
3.4 Einige Gedanken zu Identität, Assimilation, Integration. 18
4. Zusammenfassung 21
Literatur : 22
1
1. Einleitung
Nach der amtlichen Volkszählung wohnten im Jahr 1910 in Wien 98.481 Tschechen und Slowaken. In der Tat war ihre Zahl viel höher, da nicht nur die Fragestellung (nach der „Umgangssprache“) ungenau war, sondern auch in verschiedenster Weise versucht wurde, Druck auszuüben, um die offizielle Zahl gering zu halten. Vor allem aber war der Assimilationsdruck sehr hoch, viele Tschechen bezeichneten sich zumindest in der zweiten Generation nicht mehr als solche. Einen weiteren Unsicherheitsfaktor bei der Angabe solcher Zahlen stellte die Fluktuation dar: viele Tschechen waren als Saisonarbeiter tätig und kehrten in der arbeitslosen Zeit in ihre Heimat zurück. John und Lichtblau schätzen, dass sich um die Jahr-hundertwende 250.000 bis 300.000 Tschechen und Slowaken in Wien befanden. 1 Für die Tschechen allein nimmt Soukup eine Zahl von ca. 185.000 für das Jahr 1918 an. 2
Dies war keine geringe Zahl - und doch kann man nicht sagen, dass die Wiener Tschechen in der Österreichisch-Ungarischen Monarchie wesentlichen politischen Einfluss gehabt hätten. Vor allem konnten sie ihr wichtigstes Anliegen, die Errichtung einer genügenden Anzahl tschechischer Schulen mit Öffentlichkeitsrecht, trotz jahrzehntelangen Bemühens bis 1918 nicht durchsetzen. 3 Von deutschösterreichischer Seite wurde den Tschechen massiver Wider-stand entgegengesetzt, dem gegenüber es ihnen nicht gelang, als einheitliche Gruppe aufzutreten. Zu untersuchen, warum dies so war, würde den Rahmen dieser Arbeit überschreiten. Was mir aber beim Durchsehen der Literatur immer bewusster wurde, war die extreme Schwierigkeit, vor der Immigranten stehen, wenn sie eigene schlagkräftige Organisationen aufbauen wollen, eine Schwierigkeit, die zu allen sonstigen Problemen des Lebens in der Fremde hinzukommt. Dabei ist zu bedenken, dass die Wiener Tschechen bis zum Jahr 1918 keine Ausländer waren; es handelte sich um Binnenmigration.
Nach längerem Suchen habe ich mich entschlossen, zur schwierigen Frage von Assimilation/Integration - hier auf die Wiener Tschechen bezogen - zwei punktuelle Analysen zu machen, die einander ergänzen sollen. Beide sollen die Situation von tschechischer Seite her in den Blick nehmen. Der erste Teil meiner Arbeit beschäftigt sich mit einigen Zeitungen der Wiener Tschechen, die ihren politischen Gruppierungen entsprechen. Damit kann ein gewisser Einblick gewonnen werden in die Möglichkeiten, wie unter den Bedingungen der Migrati- 1 M.John/A. Lichtblau, 1990, S.18
2 F. A. Soukup, 1928, S.140
3 H. Engelbrecht, 1986, S.307-309
2
on im Rahmen der Vereins- und Parteienbildung mit diffizilen Fragen umgegangen werden kann, nämlich mit den Gegensatzpaaren marxistische Weltanschauung versus nationales Zusammengehörigkeitsgefühl und angestrebte Durchschlagskraft versus innere Überzeugung. Es geht in den Zeitungen hauptsächlich um Programme, Soll-Vorstellungen und taktische Äußerungen, die stark von den Differenzen zwischen den einzelnen tschechischen Gruppen, von der allgemeinen politischen Situation in der Österreich-Ungarischen Monarchie und nicht zuletzt auch vom Wissen um die Pressezensur beeinflusst sind. Gezielte Versuche der Meinungsbeeinflussung sind offensichtlich. Für eine Analyse subtiler Formulierungen z. B. in Lokalnachrichten, die prinzipiell guten Aufschluss über die Beziehung zwischen zwei Ethnien geben könnte, erwiesen sich diese Texte als nicht fruchtbar. Vielleicht habe ich auch den Zeitpunkt der Untersuchung - das Frühjahr 1911 - dafür nicht günstig gewählt, da er gerade in den Wahlkampf für die zweiten allgemeinen Wahlen der Monarchie hineinfällt und dadurch in den Zeitungen explizite ideologische Fragen sehr im Vordergrund standen.
Ergänzen möchte ich diese Darstellung durch eine Auswahl und Analyse von Aussagen, die Wiener Tschechen vor einigen Jahren im Rahmen einer Untersuchung gemacht haben, deren Inhalt wohl lebensgeschichtlicher Art ist, bei der aber von seiten der ForscherInnen linguistische Aspekte im Vordergrund standen. 4 Wichtig ist mir hier die Frage, wie die einzelnen Betroffenen mit dem Assimilationsdruck von seiten der deutschsprachigen Bevölkerung und mit den Angeboten ihrer eigenen Gruppierungen umgegangen sind, welche Haltungen sie eingenommen und welche Erfahrungen sie gemacht haben. Der Zeitpunkt, auf den sich die Erinnerungen beziehen, ist nicht immer genau festzustellen, und naturgemäß betreffen die Aussagen heutiger Zeitzeugen meist spätere Zeiträume, als dies bei der Zeitungsanalyse der Fall ist. Ich bin aber doch der Meinung, dass - da mir andere Quellen für die persönliche Erinnerung der Wiener Tschechen nicht zur Verfügung stehen - diese Ergänzung das Bild etwas abrundet.
2. Punktuelle Analyse dreier tschechischen Zeitungen
Bei der Auswahl der Zeitungen habe ich solche ausgeschlossen, die explizit nationalistische Tendenzen in ihrem Programm hatten. Es erschien mir zielführender, die Spuren ethnischer Konflikte dort zu suchen, wo eine weltanschauliche Orientierung im Vordergrund der offiziellen Zielsetzung stand. Die ausgewählten drei tschechischen Zeitungen sind:
4 J. Balhar et al., 1999
3
• Dlnické Listy, Organ der tschechoslawischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (zu diesem Zeitpunkt Blatt der tschechischen „Autonomisten“)
• Dlnický Denník, Zentralblatt der tschechischen Sektion der Internationalen Sozialdemokratie (erste Nummer am 27. 4. 1911 erschienen, Blatt der tschechischen „Zentralisten“)
• Pravda, Wochenzeitschrift der Tschechoslawen in Wien und Niederösterreich (Zeitschrift der Katholisch-politischen Vereinigung 5 bzw. der tschechischen katholischen Volkspartei, die nicht zu verwechseln ist mit den tschechischen Christlichsozialen, die sich eng an die Lueger-Partei anschlossen. 6 )
Was die gewählte Zeitperiode betrifft, so konzentrierte sich mein Interesse auf das Frühjahr 1911, da dies der Zeitpunkt war, in der es in der Wiener tschechischen Sozialdemokratie zu einer endgültigen Spaltung zwischen national gesinnten „Autonomisten“ und international ausgerichteten „Zentralisten“ kam. Langfristiger gesehen, fällt das Jahr 1911 auch in eine Zeit, in der sich die nationalen Konflikte zwischen Tschechen und Deutschen immer mehr zuspitzten. Bei der Auswertung erschien es mir sinnvoll, bei der Wochenzeitschrift „Pravda“ einen längeren Zeitraum in den Blick zu nehmen (das erste Halbjahr 1911) als bei den Tageszeitungen, bei denen ich mich auf die Monate April und Mai konzentriert habe. Fallweise habe ich auch Artikel aus anderen - tschechischen und deutschen - Zeitungen zum Vergleich herangezogen.
Als Problem erwies sich für mich die Unterscheidung zwischen Debatten und Argumenten, die im besonderen die Wiener Verhältnisse betrafen, und solchen, die sich mehr auf die Situation in Böhmen und Mähren bezogen. Dies mag jedoch auch teilweise an der tatsächlichen Komplexität der Ereignisse gelegen sein. Glettler spricht von einem „dreifachen Bezugssystem Kronländer - Wiener Kommune - Wiener Tschechentum“. 7 Mein erster Eindruck beim Durchsehen der tschechischen und auch einiger deutsprachigen Zeitungen war jedenfalls: hier ist jeder gegen jeden.
5 F. A. Soukup, 1928, S.317
6 M. Glettler, 1972, S.139-140 und 458
7 a.a.O., S.181-182
4
2.1 Zwei Zeitungen der tschechischen Sozialdemokratie
2.1.1 Hintergrund
Zu Beginn ihrer Entwicklung war die österreichische (und im besonderen die Wiener) Sozialdemokratie eine übernationale Organisation. Auf dem Kongress von Neudörfl im Jahre 1874 wurde die tschechische Partei als selbständiges Glied der internationalen sozialdemokratischen Partei in Österreich von den Deutschen akzeptiert. Im Vordergrund sollten die Interessen der arbeitenden Klasse stehen. Landesweit begannen sich jedoch die guten Beziehungen zwischen deutschen und tschechischen Sozialdemokraten bereits Anfang der 1880er Jahre zu verschlechtern. 8 Im Jahr 1897 brachte die Gründung der Nationalsozialen Partei in Prag eine Spaltung in die tschechische Arbeiterbewegung; unter den Wiener tschechischen Arbeitern war diese Partei allerdings nicht sehr stark. Um 1900 stand die Sozialdemokratie in den österreichischen Kronländern bereits vor einem fast unlösbaren Dilemma, wie nationale Interessen mit der marxistischen Theorie vereinbart werden konnten. „Kaum mehr entwirrbare Widersprüche brachen auf: Unvereinbares wurde gleichzeitig betrieben, Koexistenz und Konfrontation, Bewahrung des Status quo und revolutionäre Dynamik, ein einziger Sozialismus und mehrere sozialistische Wege, Demokratie und Parteidiktatur.“ 9 Am stärksten verankert war die übernationale Idee in den mit der Partei in enger Verbindung stehenden Gewerkschaften der gemischtsprachigen Gebiete (außer in Wien und Niederösterreich auch in Nordböhmen). Auf dem konkreten Gebiet des Kampfes innerhalb von gemischtsprachigen Betrieben waren Forderungen gar nicht anders durchzusetzen als unter Hintanstellung nationaler Gegensätze. 10 Die separatistischen Kräfte wurden jedoch immer stärker, und im Mai 1911 zerbrach mit der Gründung der Tschechischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei die sogenannte „Kleine Internationale“. Die Spaltung vollzog sich auch in Wien; Hauptgrund war hier vor allem die unnachgiebige Haltung der Wiener deutschen Sozialdemokratie in der Frage der tschechischen Schulen. 11
Die Zeitung „Dlnické Listy“ war schon seit längerer Zeit zum Sprachrohr der „Autonomisten“ (Separatisten) geworden. Die „Zentralisten“, die am internationalen Prinzip festhalten wollten, gründeten am 27. April 1911 ihre eigene Zeitung, den „Dlnický Denník“.
8 a.a.O., S.159-160; M. John, 1991, S.45
9 M. Glettler, 1972, S.153
10 a.a.O., S.168
11 Zum historischen Hintergrund vgl. M. Glettler, 1972, S.142-182, M. John, 1991, S.45, R. Löw, 1984, S.132-137, K. M. Brousek, 1980, S.18-20, F. A. Soukup, 1928, S.146-155, J. K. Hoensch, 1987, S.387
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Arbeit zitieren:
Ilsemarie Walter, 2001, Die 'Wiener Tschechen' - einige Aspekte ihrer Geschichte, München, GRIN Verlag GmbH
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