Inhalt
1. Erkennen als Wiedererinnerung - Platon und Marcel
Proust
S. 2
2. Vergessen
S. 3
2.1 Sprachliche Annäherung 3
2.2 Formen des Vergessens 4
3. Vergessen in verschiedenen philosophischen Traditionen
S. 5
4. Der Nutzen des Vergessens: Nietzsches zweite „Unzeit
gemäße Betrachtung“
S. 6
4.1 Historisches, Unhistorisches und Überhistorisches 7
4.2 Drei Arten von Historie - ihr Nutzen und ihre Gefahren 8
4.3 Die Übersättigung mit Geschichte ist dem Leben schädlich 9
4.4 Vergessen können 10
4.5 Vergangenes und Fremdes 12
5. Einfallen und Entfallen
S. 13
6. Erinnern als Wiederantworten
S. 15
7. Geschichte, Erinnerung und Fremdheit - einige Fragen
S. 16
Literatur
S. 17
1
In dieser Arbeit soll es um die Phänomene des Vergessens, des Erinnerns und der Fremdheit gehen und um Zusammenhänge zwischen ihnen. Den mittleren Hauptteil bildet eine Darstellung der diesbezüglichen Ausführungen Nietzsches in seiner zweiten „Unzeitgemäßer Betrachtung“. In den anderen Kapiteln beziehe ich mich auf die Lehrveranstaltung „Phänomenologie des Fremden“. Zum Abschluss möchte ich noch einige Fragen aufwerfen, die sich auf Fremdheit im Zusammenhang mit Geschichte beziehen.
1. Erkennen als Wiedererinnerung - Platon und Marcel Proust
Nach Platon ist Erkennen als solches schon Erinnerung, nämlich “Wiedererinnerung“. Damit wird ein „Urvergessen“ vorausgesetzt, mit dem die menschliche Existenz beginnt. Ausgedrückt wird dies mit dem Bild: aus dem Fluss Lethe trinken. Dieses Urvergessen setzt sich dann fort - der Mensch lebt im Körper wie in einer Außenschale; je mehr wir verkörpert sind, desto mehr vergessen wir. Nach Platon hat jede menschliche Seele „ihrer Natur nach das Seiende geschaut“, und wenn er mit dem Verstand „viele Wahrnehmungen in eins zusammenfasst“, so ist dies die „Erinnerung an jenes, was einst unsere Seele erblickte“. 1
Erkennen enthält immer Elemente des Fremden, doch wäre die Fremdheit, die am Anfang stünde, bei der es nicht um ein Wiedererkennen ginge, eine viel elementarere Fremdheit. Der „erste Blick“ wäre wie ein Schock; doch wenn man sagt, man habe etwas gesehen, kommt man schon auf etwas zurück. Jedes Sehen ist also ein Wiedersehen.
Ein ähnlicher Gedanke wie bei Plato findet sich auch bei Marcel Proust, wenn er in „À la recherche du temps perdu“ sagt, es sei, als ob unsere schönsten Ideen Melodien glichen, die uns wieder einfallen, ohne dass wir sie jemals gehört haben. Man findet etwas wieder, was man nie gehabt hat. Und man macht die Erfahrung des Verlusts von etwas, was man nie gehabt hat und nie haben wird, also eines Verlusts, der etwas Originäres darstellt, vergleichbar dem Urvergessen bei Plato. 2
Wichtig ist, dass Urvergessen und Wiedererinnerung nicht nur kognitiven Charakter haben; etwas in meinem Umfeld muss mich ansprechen. So erinnert Platon die Leier an den geliebten Knaben; bei Marcel Proust ist es die „Madeleine“ - ein bestimmtes Gebäck -, die durch ihren Geschmack Kinderheitserinnerungen wieder auftauchen lässt, oder das Anstoßen an unebene Pflastersteine, eine Empfindung, die „Bilder auslöst“, „Vergangenheit wiedererweckt“, „die „Türe zu einer anderen Welt“ öffnet . 3
1 Platon, Phaidros, 248E-249C (S.47-48)
2 B. Waldenfels, Die verspätete Antwort, S.180
3 ebd., S.187 und 175
2
Platons Theorie enthält auch Elemente des Speichermodells des Gedächtnisses, wenn er die Seele mit einer Wachstafel vergleicht oder mit einem Taubenschlag, aus dem man etwas herausgreift und eine Verbindung sucht.
Erinnern kann als Gegenbewegung zum Vergessen gesehen werden. Bei Vergessen und Erinnern handelt es sich um ein dramatisches Geschehen; Parallelen wären Geburt und Tod oder Wachen und Schlafen. Es handelt sich hier um Schwellenereignisse. „Die Schwelle ist eine Grenze besonderer Art. Wer eine Schwelle überschreitet, gelangt nicht nur anderswohin, sondern wird ein anderer.“ 4 Schwellenerfahrungen sind dadurch charakterisiert, dass sie „Hintergründe des Außeralltäglichen im Alltäglichen öffnen, daß sie das Nächste fern-, das Fernste naherücken...“ Die Schwelle ist „der Fremdheitsort par excellence.“ 5 Auch in Marcel Prousts „À la recherche du temps perdu” hat - in Parallele zum Thema Vergessen/Erinnern - das Thema Einschlafen/Aufwachen Bedeutung. Einschlafen und Aufwachen sind keine willentlichen Handlungen, es geht um etwas, was uns geschieht. Proust widmet diesem Thema gleich zu Beginn seines vielbändigen Werkes einige Seiten. Der Augenblick des Einschlafens lässt sich nicht fassen: „ ... mes yeux se fermaient si vite que je n’avais pas le temps de me dire: ‚Je m’endors.’“ Im Schlaf nimmt der Erzähler verschiedene Identitäten an, nämlich jene der Dinge oder Ereignisse, von denen er vor dem Einschlafen gelesen hat: „ ... il me semblait que j’etais moi-meme ce dont parlait l’ouvrage: une église, un quatuor, la rivalité de Francois I er et de Charles Quint.“ Beim Aufwachen befindet er sich einen Moment lang in einem Zwischenreich: „Cette croyance survivait pendant quelques secondes à mon réveil...“ Dann ist der Erzähler wach, er hat in einem gewissen Grad die Möglichkeit der freien Wahl zurückerhalten : „Puis elle commencait à me devenir inintelligible … le sujet du livre se détachait de moi, j’étais libre de m’y appliquer ou non…“ 6 So sehr der Übergang erlebbar und dem sensiblen Beobachter auch beschreibbar ist, so liegt doch eine Kluft zwischen den beiden Bereichen. Es gibt keine Ordnung, die beide Bereiche umschließt, keine gesicherte Identität, die nach bestimmten Regeln hin und herwandern würde. 7
2. Vergessen
2.1 Sprachliche Annäherung
Die Bezeichnungen verschiedener Sprachen für „vergessen“ lassen verschiedene Aspekte des Vergessens hervortreten. Das deutsche „vergessen“ und das englische „to forget“ haben mit „dem Griff entgleiten“ zu tun. Das russische „zabyvát“ weist darauf hin, dass etwas „aus dem Sein tritt“. Die griechische Bezeichnung für Vergessen lässt etwas in die Verborgenheit zurücksinken, das lateinische „oblivisci“ (und davon spanisch olvidar und französisch oublier) ist mit „glätten“ verwandt: die Differenzen
4 B. Waldenfels, Vielstimmigkeit der Rede, S.203
5 ebd., S.204
6 M. Proust, Du coté de chez Swann, S.11
7 B. Waldenfels, Ordnung im Zwielicht, S.29-30
3
verschwinden. 8 Das italienische „dimenticare“ könnte man vielleicht mit „aus dem Geist oder aus dem Sinn geraten“ übersetzen, während erinnern hier „ricordare“ heißt, wörtlich: „ins Herz zurückkehren“, weil das Herz im Altertum als der Sitz des Gedächtnisses galt. Im Tschechischen fällt auf, dass ein einziger Stamm den Bezeichnungen für vergessen, erinnern und Gedächtnis zugrunde liegt, während die anderen genannten Sprachen dafür drei verschiedene Wortstämme benützen. Aus einem altsprachlichen Wort, das mit dem lateinischen mens verwandt ist, und einer altsprachlichen Vorsilbe entstand ein Stamm, der, mit Hilfe der verschiedensten Prä-und Suffixe variiert, ein System von Bezeichnungen entstehen ließ, die alle als verschiedene Bewegungen in bezug auf die „mens“ verstanden werden können.
Bedenkenswert ist auch, dass das Verb „vergessen“ zu jenen Verben gehört, die sich nicht im Präsens gebrauchen lassen. Ich kann nicht sagen: „Ich vergesse jetzt, dass...“, denn dann würde ich es ja gerade nicht vergessen. Vergessen ist kein Akt, den ich vollziehe. Wird das Verb im Präsens gebraucht, kann es nur eine allgemeine Aussage beinhalten, z. B. „Ich vergesse sehr oft darauf, dies oder jenes zu tun.“
2.2 Formen des Vergessens
Prinzipiell lassen sich drei Formen des Vergessens unterscheiden:
Von der ersten war schon die Rede im Zusammenhang mit der Wiedererinnerung, nämlich vom Urvergessen oder primären Vergessen. Dabei vergesse ich etwas, was ich nicht bewusst erlebt habe. Plato setzt dieses Urvergessen mit der Geburt an. Man kann aber auch die ganz frühe Kindheit dazurechnen oder Grenzzustände wie Rausch, Wahn, Narkose u. ähnl. Hier vergisst man etwas, von dem man nicht sagen kann: ich habe es einmal gekannt und habe es dann vergessen.
Die zweite Art kann als normales oder - in Analogie zur Freud’schen sekundären Verdrängung, die eine „Urverdrängung“ voraussetzt - als sekundäres Vergessen bezeichnet werden. Dabei handelt es sich um das alltägliche Vergessen, das jeder Mensch kennt. Hier vergisst man, was man schon einmal gekannt hat; dies setzt schon eine Form von Tätigkeit voraus, deren Produkte sich wieder auslöschen.
Die dritte Art könnte man als „Übervergessen“ bezeichnen. Gemeint ist hier nicht etwa „etwas übermäßig vergessen“, sondern es handelt sich bei der Wortbildung um eine Analogie zu „übersehen“ oder „überhören“. Ebenso wie man bei den zuletzt genannten Verben etwas sieht, aber doch nicht sieht, weil man nicht darauf achtet, oder etwas hört, aber doch nicht hört, so ist beim Übervergessen etwas da, das man nicht wirklich vergessen kann, es ist jedoch aus dem Blick gerückt. Das Erinnern bedeutet dann Erwachen und Erweckung. 9
8 B. Waldenfels, Antwortregister, S.384
9 ebd., S.386
4
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Ilsemarie Walter, 2002, Die Phänomene des Vergessens, Erinnerns und der Fremdheit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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