Inhalt
1. Einleitung 2
2. Höchstes Gut und Antinomie der praktischen Vernunft 3
2.1. Das höchste Gut 3
2.2. Die Antinomie der praktischen Vernunft 4
2.3. Zur kritischen Aufhebung der Antinomie der praktischen Vernunft 5
3. Gott als Postulat der reinen praktischen Vernunft 6
4. Kants Kritik an den griechischen Schulen 11
5. Das Reich Gottes gemäß der Lehre des Christentums im Sinne Kants 12
6. Das Gebot, das höchste Gut zu befördern 15
7. Schluss. 17
8. Literaturverzeichnis. 20
1
1. Einleitung
Nach Immanuel Kant sind alle auf der reinen Vernunft begründeten Gottesbeweise, womit der kosmologische, der ontologische wie auch der teleologische Gottesbeweis gemeint sind, zum Scheitern verurteilt, da dem Menschen bei diesen der zwingende Beweis für die Existenz des Transzendenten fehlt. Doch es war nicht in Kants Sinne die Existenz Gottes, aufgrund der Widerlegung aller klassischen Gottesbeweise, vollkommen abzulehnen. Er ließ bloß ausschließlich Erkenntnisse zu, welche durch die Vernunft legitimiert wurden. Somit beinhaltet seine Gotteskonzeption, dass Gott nicht in der theoretischen Erkenntnis, sondern in der moralischen zu finden ist. Für diesen moralischen Gottesbeweis formulierte er in seiner Kritik der praktischen Vernunft Postulate, wobei er von einer grundlegenden Differenz von Pflicht und Neigung ausgeht. Doch der nach Glückseligkeit strebende Mensch kann diese nur erreichen beziehungsweise sich ihrer erst einmal als würdig erweisen, wenn er diese Gegensätze vereinen kann. Das erste Postulat der praktischen Vernunft umfasst daher die Willensfreiheit, da der Mensch frei sein muss, um Neigung und Pflicht überhaupt vereinen zu können. Der Mensch handelt als Vernunftwesen aus Achtung vor dem Gesetz und damit gemäß des kategorischen Imperativs, der ihm moralische Vollkommenheit gebietet. Doch im irdischen Leben ist diese nicht erlangbar, wodurch der Mensch es nicht auf Dauer erreichen kann Neigung und Pflicht zu vereinen. Daher muss ein Leben über den Tod hinaus möglich sein, das die Unsterblichkeit der Seele postuliert. Das dritte Postulat Kants umfasst die Existenz Gottes und stellt den zentralen Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Hausarbeit dar. Denn erst Gott stellt die Verbindung von Glückseligkeit und Moralität her, womit das höchste Gut, wonach der Mensch strebt, erreicht werden kann. Demnach bildet es die Transzendenz, welche den klassischen Gottesbeweisen fehlt. Doch wie setzt sich der moralische Gottesbeweis in der Dialektik der Kritik der praktischen Vernunft im Konkreten zusammen und wovon ist er abhängig?
Einführend in die Untersuchung des kantischen Gottesbegriffs soll nicht allein das höchste Gut definiert werden, sondern ebenso eine Erläuterung hinsichtlich der Antinomie der praktischen Vernunft sowie ihrer Auflösung mit Hilfe des Gottespostulats vorgenommen werden. Nach einer umfangreichen Analyse des Postulats der Existenz Gottes hinsichtlich seiner Entwicklung und besonderen Merkmale, soll des Weiteren
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Bezug auf die Positionen der griechischen Schulen genommen werden, welche ebenfalls in Kants Dialektik Erwähnung finden. Es stellt sich die Frage, ob Gott auch von ihnen als Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts postuliert wird. Des Weiteren findet sich in dem Kapitel zum Gottespostulat in der Kritik der praktischen Vernunft Kants Auslegung der christlichen Lehre in Form eines Reich Gottes. Diese Interpretation nach der Lehre des Christentums soll ebenfalls in der vorliegenden Arbeit diskutiert werden. Abschließend gilt es zu beweisen, warum das Gebot, das höchste Gut zu befördern, für Kants Postulat Gottes solch eine wesentliche Rolle spielt.
2. Höchstes Gut und Antinomie der praktischen Vernunft
2.1. Das höchste Gut
Kants moralischer Gottesbeweis hat seinen Ansatz nicht, wie angenommen werden könnte, in der unbedingten Verbindlichkeit des Sittengesetzes, sondern im höchsten Gut, welches den Gegenstand der verantwortlichen und freien Handlungen bildet. Der Glaube an Gott nimmt bei Kant starken Bezug zu seiner Darstellung des Ideals des höchsten Guts. Er spricht vom „Begriffe des höchsten Guts, als dem eines Ganzen, worin die größte Glückseligkeit mit dem größten Maße sittlicher (in Geschöpfen möglicher) Vollkommenheit, als in der genauesten Proportion verbunden vorgestellt wird, [und] meine eigene Glückseligkeit mit enthalten ist.“ 1 Daraus ergibt sich, dass nicht allein die Sittlichkeit das höchste Gut darstellt, sondern der Begriff des Höchsten sogar zwei Komponenten enthält. Die Sittlichkeit als Glückswürdigkeit bildet zwar das oberste Gut, doch „das vollendete Gut enthält nicht nur die Sittlichkeit, sondern auch ihre Beziehung zur Glückseligkeit, die sich selbst zum natürlichen Zweck des menschlichen Lebens macht, und darüberhinaus auch als Zweck der Welt angesehen werden kann.“ 2 Hieraus ergibt sich für den kantischen Begriff des höchsten Guts eine synthetisch a priorische Verbindung von Tugend und Glückseligkeit, wobei die Tugend eine systematische proportionale Beziehung zur Glückseligkeit aufweist und die sogenannte Glückswürdigkeit impliziert.
1 Kritik der praktischen Vernunft. Hrsg. von Horst D. Brandt und Heiner F. Klemme. Meiner: Hamburg
2003 (= Philosophische Bibliothek 506) S. 174. Es wird im Folgenden nach der Akademie-Ausgabe unter
der Verwendung der Sigle AA und der Seitenangabe zitiert.
2 Chen, Jau-hwa: Kants Gottesbegriff und Vernunftreligion. Bonn: Univ., Diss. 1993. S. 90.
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Die Kritik der praktischen Vernunft leitet den Begriff des höchsten Guts vom Vernunftstreben nach dem Unbedingten ab: Die Vernunft „sucht, als reine praktische Vernunft, zu dem Praktisch-Bedingten (was auf Neigungen und Naturbedürfnis beruht) ebenfalls das Unbedingte, und zwar nicht als Bestimmungsgrund des Willens, sondern, wenn dieser auch (im moralischen Gesetze) gegeben worden, die unbedingte Totalität des Gegenstandes der reinen praktischen Vernunft, unter dem Namen des höchsten Guts.“ (AA S. 108) Der folgende Widerstreit im Gebrauch der praktischen Vernunft, den Kant in den Abschnitten I und II seiner Dialektik ausführt, ergibt sich allerdings nicht aus der Suche nach dem Unbedingten, sondern aus den sachlichen Gründen, welche sich auf die Verwirklichung des höchsten Guts beziehen. „Die systematische Verbindung des Begriffes vom höchsten Gut mit einer Antinomie der praktischen Vernunft und damit mit einer Dialektik derselben [bilden] das Eigentümliche der Lehre Kants vom höchsten Gut in der KpV.“ 3
2.2. Die Antinomie der praktischen Vernunft
Die synthetische Verbindung von Tugend und Glückseligkeit wirft in Abschnitt I des zweiten Buches der Dialektik die Frage nach der Realisation des höchsten Guts auf. Kant formuliert seine Antinomie wie folgt: „Es muß also entweder die Begierde nach Glückseligkeit die Bewegursache zu Maximen der Tugend, oder die Maxime der Tugend muß die wirkende Ursache der Glückseligkeit sein.“ (AA S. 113) Hierbei stellt er zwei widerstreitende Sätze auf, wobei Tugend und Glückseligkeit jeweils die eine Komponente als Ursache der anderen annehmen. Die Thesis beinhaltet das Streben nach Glückseligkeit als Bewegursache der Tugend und die Antithesis, dass die Tugend den Bewegungsgrund der Glückseligkeit ausmacht. Die Thesis vertritt eine Sittenlehre, welche rein von aller Glückseligkeitslehre entwickelt wird und steht somit im Gegensatz zu Kants Moralphilosophie. Die Analytik der Kritik der praktischen Vernunft lehnt den Eudämonismus entschieden ab. Aus diesem Grund erklärt Kant diesen Satz für „schlechterdings unmöglich“ (AA S. 113) und erwähnt ihn auch in der darauffolgenden Aufhebung der Antinomie nicht mehr. Die Antithesis, nach welcher die Tugend die Glückseligkeit hervorbringt, stellt aufgrund einer Vernunftidee eine Aufforderung an die
3 Sala, Giovanni B.: Kant und die Frage nach Gott. Gottesbeweise und Gottesbeweiskritik in den Schriften
Kants. Berlin; New York: de Gruyter 1990 (= Kantstudien: Ergänzungshefte 122) S. 403.
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Wirklichkeit. Doch auch dieser Satz wird von ihm für unmöglich erklärt, da die Natur „sich nicht nach moralischen Gesinnungen des Willens“ (AA S. 113) richtet. 4
2.3. Zur kritischen Aufhebung der Antinomie der praktischen Vernunft
Abschnitt II der Dialektik soll die Lösung der Antinomie bieten und den Schlüssel zur Aufhebung des dialektischen Scheins liefern. Kant erinnert in diesem Abschnitt an die Denkbarkeit der Freiheit in der Antinomie der reinen spekulativen Vernunft (Kritik der reinen Vernunft), nach der in der Sinnenwelt eine intelligible Kausalität nicht ausgeschlossen wird und behauptet, es sei bei der Antinomie der praktischen Vernunft ähnlich. (Vgl.: AA S. 114) Er geht davon aus, dass Erscheinungen nicht mit Dingen an sich gleichgesetzt werden dürfen. Womit es zur Auflösung des dialektischen Scheins der praktischen Vernunft gehört, dieses Missverständnis, dass „man das Verhältnis zwischen Erscheinungen für ein Verhältnis der Dinge an sich selbst zu diesen Erscheinungen hielt“ (AA S. 115) aufzulösen.
Weiterhin soll eine reale Möglichkeit des höchsten Guts in der Sinnenwelt vermittelt werden. Die Antithesis gilt auch nur so lang als „schlechterdings falsch, […] so fern sie als die Form der Kausalität in der Sinnenwelt betrachtet wird“ (AA S. 114) Trifft dies nicht zu, ist sie „nur bedingterweise falsch“ (AA S. 114), womit das höchste Gut denkbar wird. Die Verwirklichung des höchsten Guts beruht auf der Reflexion eines vernunftbegabten Wesens über einen Bestimmungsgrund der eigenen Kausalität: „Da ich aber nicht allein befugt bin, mein Dasein auch als Noumenon in einer Verstandeswelt zu denken, sondern sogar am moralischen Gesetze einen rein intellektuellen Bestimmungsgrund meiner Kausalität (in der Sinnenwelt) habe, so ist es nicht unmöglich, daß die Sittlichkeit der Gesinnung einen, wo nicht unmittelbaren, doch mittelbaren (vermittelst eines intelligibelen Urhebers der Natur) und zwar notwendigen Zusammenhang, als Ursache, mit der Glückseligkeit, als Wirkung in der Sinnenwelt habe, welche Verbindungen in einer Natur, die bloß Objekt der Sinne ist, niemals anders als zufällig stattfinden, und zum höchsten Gute nicht zulangen kann.“ (AA S. 114f.) Demzufolge schafft die sittliche Erfahrung nicht allein eine Welt, in welcher das Unbedingte des Sittengesetzes und der Freiheit existiert, sondern erlaubt dem Menschen einen Zugang zum Absoluten eines Welturhebers, dem sogar die Natur untersteht. „Daß
4 Vgl.: Sala, Giovanni B.: Kant und die Frage nach Gott 1990. S. 407ff.
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Arbeit zitieren:
Rebecca Tille, 2011, Das Postulat der Existenz Gottes, München, GRIN Verlag GmbH
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