Inhaltsverzeichnis
1. Auswahl von drei Definitionen - allgemeine Bemerkungen 2
2. Implikationen der Definition von Parsons. 5
2.1 Auswirkungen auf das Individuum. 5
2.2 Auswirkungen auf die medizinisch-/pflegerische Versorgung. 6
2.3 Auswirkungen auf die Tätigkeit der/des GesundheitspsychologIn. 8
3. Implikationen der Definition des Roche-Lexikons. 9
3.1 Auswirkungen auf das Individuum. 9
3.2 Auswirkungen auf die medizinisch/pflegerische Versorgung 10
3.3 Auswirkungen auf die Tätigkeit des/der GesundheitspsychologIn. 10
4. Implikationen der Definition von O’Neill 11
4.1 Auswirkungen auf das Individuum. 11
4.2 Auswirkungen auf die medizinisch/pflegerische Versorgung 12
4.3 Auswirkungen auf die Tätigkeit des/der GesundheitspsychologIn. 13
5. Zusammenfassung 15
Literatur 16
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1. Auswahl von drei Definitionen - allgemeine Bemerkungen
In der Literatur ist eine Vielzahl von Definitionen des Begriffes „Gesundheit“ zu finden. 1 So verschiedenartig diese Definitionen sind und so viele Aspekte sie enthalten, so überschneiden sie sich doch teilweise und sind auch häufig offensichtlich voneinander beeinflußt. Ich habe versucht, drei Definitionen zu wählen, die sich in wesentlichen Aspekten unterscheiden. Meiner eigenen Auffassung von Gesundheit entspricht dabei am ehesten die zuletzt angeführte Definition.
Die drei gewählten Definitionen sind:
• „Gesundheit kann definiert werden als Zustand optimaler Leistungsfähigkeit eines Individuums für die wirksame Erfüllung der Rollen und Aufgaben, für die es sozialisiert worden ist.“ (Parsons) 2
• „Gesundheit: ‘normales’ Aussehen, Verhalten und Befinden (lt. WHO auch das soziale Wohlbefinden), d. h. das subjektive Fehlen körperlicher und seelischer Störungen bzw. die Nichtnachweisbarkeit entsprechender krankhafter Veränderungen.“ (Roche-Lexikon) 3
• „Gesund ist, wer seine individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten umfassend einsetzen und genießen kann.“ (O’Neill) 4
Bevor ich die Auswirkungen dieser Definitionen auf das Individuum, die medizinisch/ pflegerische Versorgung und die Tätigkeit des/der GesundheitspsychologIn 5 diskutiere, möchte ich ein paar allgemeine Bemerkungen zu diesen Definitionen vorausschicken.
1 vgl. z. B. M.E. Hyland, 1977, S.390; E. Seidl, 1993, S.138-141; J.W. Egger, 1999, S.6-7
2 T. Parsons, 1972, S.71
3 Roche-Lexikon Medizin, 1993 3 , S.625
4 P. O’Neill, 1988, S.73
5 Der Einfachheit halber verwende ich in dieser Arbeit meist für „PatientIn“, „Arzt/Ärztin“, „PsychologIn“ und ähnliche Ausdrücke nur die männliche Form
2
Die Definition von Gesundheit, die der Soziologe Parsons gibt, entspricht der Theorie des Strukturfunktionalismus und ist auf dem Hintergrund der Situation der bürgerlichen Gesellschaft der USA in den 50er und 60er Jahren entstanden. Sie greift nur einen Aspekt von Gesundheit heraus, und zwar den der Leistungsfähigkeit im Sinne des Nutzens für die Gesellschaft. Daß dies eine zwar wichtige, jedoch sehr eingegrenzte Sicht ist, zeigt sich bereits beim Vergleich mit anderen Begriffsbestimmungen.
In der Definition des Roche-Lexikons Medizin ist - im Unterschied zu der in sich logischen Definition Parsons - eine nicht geringe Widersprüchlichkeit und Ambivalenz sichtbar, die bereits sprachlich zum Ausdruck kommt. So ist das Wort „normal“ unter Anführungszeichen gesetzt, was zeigt, daß sich der Autor der Definition der Problematik der Annahme einer „Normalität“ bewußt ist; er nimmt sie jedoch trotzdem als entscheidendes Kriterium. Die Klammer beim Ausdruck „soziales Wohlbefinden“ scheint eine fehlende Identifikation mit diesem Anspruch der WHO anzudeuten. Ein „d. h.“ setzt Gesundheit mit dem Fehlen von Störungen gleich, was explizit in Widerspruch zur bekannten Definition der WHO von 1948 steht. Dabei wird ein subjektives von einem objektiven Kriterium unterschieden, die mit einem etwas mehrdeutigen „bzw.“ verbunden sind. Laut Duden entspricht „beziehungsweise“ einem „oder“, was aber hier vermutlich gar nicht gemeint ist, da in diesem Fall das subjektive Fehlen von Störungen auch bei massivem pathologischen Befund („Gesundheitsparadox“) als Gesundheit bezeichnet würde, was von einem medizinischen Lexikon kaum anzunehmen ist.
Meiner Meinung nach läßt sich die Ambivalenz dieser Definition wenigstens teilweise damit erklären, daß sie aus einem von einer Pharmafirma herausgegebenen medizinischen Lexikon stammt. Einerseits sieht man sich notwendigerweise einem biologischen Modell von Gesundheit verpflichtet. „Soziales Wohlbefinden“ ist kaum mit Medikamenten herzustellen. Doch sollen andererseits offensichtlich moderne Trends nicht vernachlässigt werden. Das zweite große (und viel ältere) deutschsprachige medizinische Lexikon, der „Pschyrembel“, zieht sich hier wesentlich eleganter aus der Affäre, indem es zwischen drei Bedeutungen des Wortes „Gesundheit“ unterscheidet: Gesundheit „im
3
weiteren Sinn“ nach der WHO, „im engeren Sinn“ aus medizinischer Sicht und schließlich „im sozialversicherungsrechtlichen Sinn“. 6
Bei der Diskussion der Auswirkungen der Definition des Roche-Lexikons möchte ich mich vor allem auf die Hauptaussage, den Vergleich mit einer „Normalität“, konzentrieren.
Die als letztes genannte Definition (von O’Neill) ist der deutschen Übersetzung einer Veröffentlichung der Weltgesundheitsorganisation entnommen und ist breiter. Die Verwirklichung von Möglichkeiten wird ebenso wie das Wohlbefinden („Genießen“) als notwendige Bedingung für Gesundheit gesehen. Neu ist die Betonung des Individuellen. Aus dieser Perspektive muß Gesundheit nicht notwendigerweise für jeden das gleiche bedeuten. In dieser Definition ist auch ein gesundheitspolitischer Aspekt zu erkennen: um den Einsatz individueller Fähigkeiten zu ermöglichen, können u. a. gesundheitspolitische, insbesondere ökonomische und ökologische Maßnahmen nötig sein. Als Schwäche der Definition kann man meiner Ansicht nach die Vagheit des Begriffs „umfassend“ ansehen. 7
Was die Dimensionalität der drei von mir gewählten Definitionen von Gesundheit betrifft, so kann Parsons’ Definition als eindimensional angesehen werden. Dem Zustand optimaler Leistungsfähigkeit (Gesundheit) steht der Zustand eingeschränkter oder ganz fehlender Leistungsfähigkeit (Krankheit) gegenüber. Von den von Franke angeführten sieben Dimensionen der Gesundheit: Störungsfreiheit, Leistungsfähigkeit, Rollenerfüllung, Homöostase, Flexibilität, Anpassung und Wohlbefinden 8 werden nur zwei (Leistungs-fähigkeit und Rollenerfüllung) angesprochen, jedoch nicht voneinander unterschieden. Die Definition des Roche-Lexikons würde ich ebenfalls als eindimensional ansehen mit den beiden Polen Gesundheit und Krankheit. Bei O’Neill wird Gesundheit so definiert, daß es meiner Meinung nach möglich ist, Gesundheit und Krankheit als
6 Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, 1998 258 , S.571
7 Ich beziehe mich in meiner Analyse auf die deutsche Version. Im englischen Original heißt es: „It is the enjoyment of all those faculties which we posess als individuals“ (S.48) und in der französischen Version: „Il s’agit en fait de la jouissance de toutes nos facultés“ (S.48)
8 nach L.R. Schmidt, 1998, S.165
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Arbeit zitieren:
Ilsemarie Walter, 2000, Definitionen von Gesundheit - Implikationen für das Individuum, die medizinisch/pflegerische Versorgung und die Gesundheitspsychologie, München, GRIN Verlag GmbH
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