Inhalt
1. Einleitung 3
1. 3
2. Theoretische Grundlagen. 4
2. 4
2.1. Kurze Skizzierung von Alois Wierlachers Theorien vom Fremden und Eigenen. 4
2.2. Thematische Legitimation der Arbeit im Kontext des Seminars 6
2.2. 6
3. Analyse zu „Deutschland schafft sich ab“ von Thilo Sarrazin 9
3.1. Darstellung von Sarrazins Position im Kapitel 7: Zuwanderung und Integration 9
3.2. Kritische Anmerkungen zum Inhalt 12
3.3. Kritische Anmerkungen zur Methodik. 19
3.4. Wird auch Sarrazin durch Medien zum Feindbild gemacht? 21
3.4. 21
4. Ausblick 22
4. 22
5. Literaturangaben 27
5.1. Primärliteratur. 27
5.2. Sekundärliteratur 27
5.3. Internetrecherche 29
5.3. 29
6. Abbildungsverzeichnis 31
Abbildung 1 Das Panoptikum als Überwachungssystem (ein vom Philosophen Jeremy
Bentham stammendes Konzept) 31
Abbildung 2 Blaupause eines Panoptikumgrundrisses 31
Abbildung 31
Abbildung 31
Abbildung 31
Abbildung 31
Abbildung 31
2
2
1. Einleitung
Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab - Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ ist eines der vieldiskutiertesten Veröffentlichungen des letzten Jahres. Doch soll es nicht Ziel dieser Arbeit sein jegliche Meinungen diverser Medien und Personen hier darzulegen; sie werden im Höchstfall angeschnitten, argumentativ und selektiv verwendet. Demnach erhebt sie dahingehend nicht den Anspruch der Vollständigkeit. Diese Arbeit will kritische Überlegungen anstellen, die sich auf die inhaltliche und methodische Ebene des Buches beziehen und wissenschaftlich genau untersuchen auf welch subtiler Ebene Sarrazin versucht ein Fremdheitsbild zu konstruieren, welches dann von den jeweiligen Rezipienten dieser Lektüre absorbiert und auf den Islam bzw. seine Anhänger projiziert wird. Zu diesem Zweck wird die Arbeit nur die Thesen Sarrazins darlegen, die im Kapitel 7 „Zuwanderung und Integration“ seines Buches vorkommen. Hiermit ist gleichzeitig die Legitimation für die Thematik der Arbeit gegeben, die sich in den Kontext des Seminars einbetten lässt. Diese Arbeit wird auch kurze Überlegungen zur Gegenseite äußern: nicht nur Sarrazin konstruiert Fremd-‐ und Feindbilder, sondern auch er wird zur Projektionsfläche der Medien, die ein Feindbild konstruieren. Zur Untersuchung der Konstruktion des Fremden bei Sarrazin werden die Theorien von Alois Wierlacher als Folie verwendet. Die Anwendung von Wierlachers Theorien ist methodisch unproblematisch, da Wierlacher als Germanist, genauer gesagt als Begründer der Interkulturellen Germanistik, mit seinen Theorien direkt auf die Untersuchung von Literatur bzw. Medien abzielt, die sich mit interkulturellen Thematiken auseinandersetzen.
3
2. Theoretische Grundlagen
2.1. Kurze Skizzierung von Alois Wierlachers Theorien vom Fremden und Eigenen 1
Zur semantischen Ausgangslage des Wortes fremd bemerkte Wierlacher, das das Reden vom Fremden Konjunktur habe und ein Kulturthema 2 geworden sei. Der Begriff fremd ist polysem, da er je nach Kontext in einer Vielzahl von Bedeutungen benutzt werden kann und es deshalb möglich ist, neben dem Abstraktum Fremdheit, das Adjektiv fremd in allen drei Genera zu substantivieren. Das heißt es gibt der, die, das Fremde. Dabei suggeriert der bestimmte Artikel ein bestimmtes Metaphernregister bzw. einen bestimmten Referenzrahmen. Dies bedeutet eine inhaltliche Bestimmtheit des wesentlich Unbestimmten: das Fremde als etwas Sächlich-‐objekthaftes oder Unbestimmt-‐transzendentes (wie zum Beispiel das Heilige oder das Böse), die Fremde beispielsweise als fernes Land und der Fremde etwa als Eingrenzung auf vorwiegend menschliche Gestalten. Die Bedeutungsvarianten von fremd umschreiben zum Einen mit je unterschiedlichem Akzent ein Zugehörigkeits-‐ bzw. Nichtzugehörigkeitsverhältnis. Zum Anderen wird auf einen Bereich der Kognition und den Bereich einer Abweichung von der Normalität oder einer Normalitätserwartung verwiesen. Weiterhin konstituieren sich alle Sinngehalte von fremd durch Negation, mal mehr und mal weniger deutlich. Dies passiert entweder explizit durch nicht oder über das Wort anders, welches seinerseits ein Verhältnis von Nichtidentität oder Verschiedenheit bezeichnet. Demnach verweist fremd auf Nicht-‐
1 Der komplette Unterpunkt bezieht sich auf Wierlacher, Alois (Hg.): Das Fremde und das Eigene. Prolegomena zu einer interkulturellen Germanistik. München: Iudicium 1985.; Albrecht, Corinna: "Fremdheit". In: Wierlacher, Alois; Bogner, Andrea (Hg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart, Weimar: Metzler 2003. S. 232-238.
2 Wierlacher, Alois: Interkulturelle Germanistik. In: Wierlacher, Alois (Hg.): Kulturthema Kommunikation. Konzepte Inhalte Funktionen. Möhnesee: Résidence 2000. S. 77.: Als ‚Kulturthema’ bezeichnet das Institut [IIK Bayreuth] im Anschluss an die interkulturelle Germanistik ein Thema, das im öffentlichen Selbst- und Weltverständnis einer oder mehrerer Kulturen zu einem bestimmten Zeitpunkt besondere Bedeutung gewinnt. Kulturthemen können sich entwickeln, weil Kulturen begrenzte Themenhaushalte besitzen, die aufgrund ihrer geschichtlichen Entwicklung und unterschiedlichen Wirklichkeitskonzepte zu verschiedenen Zeiten unterschiedliche kulturelle und universalistische Lebensfragen und -bereiche ins Zentrum ihrer Aufmerksamkeit rücken, ihre Gegenthemen haben und erst in dieser Spannung - zum Beispiel des Fremden und des Eigenenwirksam werden. 4
Eigenes oder Anderes. Folglich eröffnet der Begriff fremd immer Leerstellen, die gefüllt werden müssen. Zudem transportiert das Wort in hohem Maße Ambivalenz: einerseits erlaubt der Begriff Ab-‐ und Ausgrenzungen zur Wahrung und Konstruktion von Gruppenidentitäten und andererseits die projektive Interpretation und Verkennung fremder Kulturen als Orte des Abenteuers, der unerfüllten Sehnsüchte oder der Alternative zum eigenen Leben. Des Weiteren ist der Fremdheitsbegriff ebenso ein relationaler Begriff. Das bedeutet, dass das Fremde nicht als Eigenschaft erscheint, die man in sich trägt oder mit sich bringt, sondern zunächst einmal als eine Frage der jeweiligen Konstellation. Demzufolge ist nur der der Fremde, der in der Fremde fremd ist. Die Fremde ist also abhängig von einer Konstellation und einem Standpunkt, aber sie ist nicht nur insofern eine relative Größe, sondern auch indem die Fremde als Wahrnehmungskategorie ein Verhältnis oder eine Beziehung ausdrückt. Jemanden oder etwas als fremd zu bezeichnen, heißt demzufolge eine Beziehung zu konstituieren, in der sich eine Person gegenüber einer anderen Person, sich selbst, einer Sache oder Situation auffasst. Das Fremde kann demnach nur in Relation zum Eigenen betrachtet werden.
Alois Wierlacher charakterisiert die Beziehung vom Fremden und Eigenen weiterhin
als eine dialektische, die sich aus dem Verhältnis von Identität und Alterität ergibt. Demnach kann nur dort, wo es eine Vorstellung vom Eigenen gibt auch eine Vorstellung vom Fremden sein. Infolgedessen ist Fremdheit ein Interpretament von Andersheit. Dies impliziert aber, dass nicht alles, was anders ist, gleichzeitig als fremd gilt, sondern dass es einen breiten Spielraum der Andersheit gibt. Das heißt es gibt Personen oder Objekte, die trotz ihrer Andersheit nicht als fremd wahrgenommen oder bezeichnet werden. Dabei kann es sich um sichtbare naturhaft-‐körperliche, aber auch um gesellschaftlich-‐kulturelle Merkmale handeln. In kurzen Worten folgt demnach Fremdheit nicht notwendigerweise aus Andersheit, sondern entsteht erst aus der Interpretation heraus oder um direkt mit Wierlachers Worten zu sprechen: „Fremdheit ist das aufgefasste Andere“. 3 Wesentlich beim Verständnis vom Fremden, ist die Tatsache, dass es der, die, das Fremde per se nicht gibt, sondern stets eine
3 Wierlacher, Alois (Hg.): Das Fremde und das Eigene. Prolegomena zu einer interkulturellen Germanistik. München: Iudicium 1985. Dazu auch: Albrecht, Corinna: "Fremdheit". In: Wierlacher, Alois; Bogner, Andrea (Hg.): Handbuch interkulturelle Germanistik. Stuttgart, Weimar: Metzler 2003. S. 236.
Konstruktion vorliegt. Anhand dieser theoretischen Skizzierung wurde die Basis aufgezeigt, die für die Analyse von Sarrazins Buch unabdingbar ist: Wierlachers Theorien über das Fremde und das Eigene.
2.2. Thematische Legitimation der Arbeit im Kontext des Seminars
Migration ist die Bewegung von Menschen im Raum, die zudem immer mit einer Verschiebung des Lebensmittelpunkts einhergeht. 4 Weiterhin ist die Geschichte der Menschheit eine Geschichte der Wanderung. Unter anderem war das Mittelalter eine außerordentlich wanderungsaktive Zeit, in der sich eine Sprache manifestieren konnte, wenn sich eine Sprachgemeinschaft bildete, die mindestens 500-‐1000 Menschen umfasste. Migration ist ein sehr fruchtbares Phänomen (ausgenommen Zwangswanderungen wie Fluchtmigration etc.): so erhielten die Europäer von den amerikanischen Ureinwohnern erstmals Tomaten und Kartoffeln; Jazz-‐Musik bekam ihren Ursprungsimpuls durch die versklavten Afrikaner in den USA (afrikanische Rhythmen); 5 des Weiteren kurbelt Migration auch immer den Handel an; etc. Im Zuge von Migration bildete sich ein Nationalbegriff, welcher Begriffe wie Nationalität, Nationalgefühl und Nationalhymne beinhaltet bzw. bedingt. Dieser Terminus ist eine Erscheinung der letzten Jahrhunderte, das heißt des 18. und 19. Jahrhunderts. In dieser Zeit entstanden überall in Europa Nationalstaaten. 6 Die Nationalstaatenbildung war und ist bis heute Hintergrund bzw. Anlass für Bevölkerungsverschiebungen größten Ausmaßes, sowie für Versuche einer ethnisch-‐ kulturellen Homogenisierung. Ebenso war sie Grund bzw. Anlass der Kriege des ausgehenden 19. und des 20. Jahrhunderts und wurde als Muster für heutige Staatenbildung genutzt und ist demnach Teil gegenwärtiger Migrationsbewegungen. 7 Nationales Denken bedeutet aber ebenso eine ständige Abgrenzung bzw. Grenzziehung, da Menschen nach Identitäten suchen. Dies funktioniert aber nur durch Abgrenzung, daher wohnt auch in vielen Menschen die Angst vor Migration.
4 Vgl. Treibel, Anette: Migration in modernen Gesellschaften. Soziale Folgen von Einwanderung, Gastarbeit und Flucht. München, Weinheim: Juventa 2008 4 . S. 19f.
5 Hiermit soll nicht ausgedrückt werden, dass die Versklavung der Afrikaner positiv war, sondern nur, dass sie trotzdem positive Folgen für das kulturelle Leben der Menschen hatte.
6 Vgl. Oswald, Ingrid: Migrationssoziologie. Konstanz: UTB 2007. S.56.
7 Ebd. S. 55f.
Migration bedeutet weiterhin Veränderung. Schon Georg Simmel (1908) und Max Frisch (1967) beschäftigten sich vor Sarrazin mit der Migrations-‐ und Fremdheitsthematik. Simmel schreibt in seinem „Exkurs über den Fremden“, dass der Fremde der Gast ist, der bleibt. 8 Max Frisch sinniert in seinem Essay „Überfremdung“ 9 über Themen wie Kultur, Humanität, Toleranz, Rassismus, Fremde und Ausgrenzung. So eruiert er, dass Kultur nicht als Bildung komme, sondern als praktisches Erbe angesehen werden muss. Und auch Humanität ist keine theoretische Tradition: Schweizer sind keine Rassisten aus der Tradition heraus. Außerdem beschreibt er die Fremde als etwas störendes, da auch Fremde nichts nützen, doch für den Erhalt des Wohlstandes gebraucht werden. Weiterhin notiert er, dass die Schweizer sich zum Beispiel für etwas Besseres halten, für das „Herrenvolk“. Außerdem erkennt Frisch ganz richtig: „… man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen.“ 10 Doch warum wohnt der Schweiz bzw. den Schweizern, auch wenn dieses Essay aus den 60ern stammt, diese arrogante Toleranz inne? Weil sie sich - historisch betrachtet - immer neutral gehalten haben; weil sie eine der ältesten Demokratien ist; weil sie im 18. Jahrhundert ein Ort der Freiheit und der Zuflucht war? Doch auch die Schweiz fiel, wie Deutschland, rassistischem Denken zum Opfer, wenn gleich der Schweizer Rassismus nie eine derartige Schärfe hatte, wie der Deutsche. So wurde Ende des 19. Jahrhunderts geglaubt, dass Juden eine Rasse sind und keine Glaubensgemeinschaft. Später erkannten die Deutschen, dass der Begriff des „deutschen“ in Reparatur geschickt werden muss und so wurden die ersten Gastarbeiter in den 50/60er Jahren mit offenen Armen empfangen. Doch währenddessen wurde nicht bedacht, dass, wenn man Arbeitskräfte ruft, Menschen kommen, so wie - eben erwähnt - Frisch richtig erkannte. Demnach wurde die zweite Generation, das heißt die Familie der ersten Generation der Zuwanderer, nicht derart willkommen geheißen. Die Potentiale solcher Kulturbegegnungen werden nicht gesehen, obwohl Abstinenz von Kulturkontakten schließlich Stagnation bedeutet.
8 Ebd. http://socio.ch/sim/unt9f.htm
9 Vgl. Frisch, Max: Öffentlichkeit als Partner. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1967. S. 100-104.
10 Ebd. S. 100.
An den Begriff der Migration ist immer auch der Terminus der Fremde bzw. Fremdheit gekoppelt. Fremdheit in der Interkulturellen Germanistik bedeutet kulturelle Andersheit, dies besagt das völlig Andere verstehen zu lernen. Fremdverstehen in der interkulturellen Germanistik bedeutet Fremdverstehen mit dem Hintergrund der eigenen Kultur. Hierbei wird der Rahmen für Fremdverstehen durch ein Kulturthema gegeben, auch um Analogien zwischen den Kulturen aufzumachen. So haben alle Menschen zum Beispiel eine Vorstellung vom Essen, aber die Essensvorgänge laufen kulturellbedingt anders ab. Dies impliziert gleichzeitig eine Erkenntniskonstruktion vom Fremden: die Erwartung, dass Essen nun genauso abläuft, wie es bekannt ist. Das bedeutet demnach, wenn eine Aussage, Gewohnheit oder Annahme X fremd für mich ist, dann ist die Wendung „für mich“ schon eine Relativierung. Somit ist das Fremde ein Interpretament von Andersheit, da Gewohntes anders erscheint und individuell interpretiert wird. Auf Basis der dargelegten Logik und Äußerungen über Migration, kann Migration als Kulturthema ausgewiesen werden. Kulturthemen sind Themen, die konstant in mehreren Kulturen auftreten, das heißt sogenannte Universalthemen. Sie liefern Bezugspunkte zwischen den Kulturen und haben auch immer eine historische Dimension (Bsp.: auf der einen Seite rassistische Ausgrenzung in der Geschichte der Deutschen; andererseits ist das deutsche Volk selbst ausgewandert, zum Beispiel zur Zeit der Industrialisierung). 11 Demnach ist die Legitimation für die Beschäftigung dieser Arbeit mit diesem Thema gegeben.
11 Vgl. Wierlacher, Alois: Interkulturelle Germanistik. In: Wierlacher, Alois (Hg.): Kulturthema Kommunikation. Konzepte Inhalte Funktionen. Möhnesee: Résidence 2000. S. 77.
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Katharina Ströhl, 2011, Kritische Überlegungen zu Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ unter interkulturellen Aspekten, München, GRIN Verlag GmbH
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