Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung 3
I. Die Biografie der Eleonore von Aquitanien 5
I.1: Jugend und familiärer Hintergrund 5
I.2: Königin von Frankreich (1137-1152) 8
I.2.1: Eleonore und der französische Hof 8
I.2.2: Kreuzzug, Scheidung und erneute Heirat (1145-1152) 10
I.3: Königin von England (1154-1189) 21
I.3.1: Erfolgreiche Jahre (1154-1164) 21
I.3.2: Krisen und Gefangenschaft (1164-1189) 24
I.3.3: Die Königinmutter (1189-1204) 26
II. Eleonore von Aquitanien im Spiegel der Forschung 39
II.1: Die Eleonore-Forschung bis in die Gegenwart 39
II.1.1: Eleonore bei den Chronisten und in den Sagen 39
II.1.2: Eleonore und ihr Bild in der Historiografie 47
II.1.3: Eleonore und ihre populärwissenschaftliche Behandlung 54
II.2: Die Strömungen in der Eleonore-Forschung 57
II.2.1: Das romantische Eleonore-Bild: Régine Pernoud (1966) 57
II.2.2: Die problemorientierte Eleonore-Forschung: Jean Markale (1980) 63
II.2.3: Das sachliche Eleonore-Bild: Ursula Vones-Liebenstein (2000) 69
III. Zusammenfassung 74
IV. Anhang 76
V. Literaturverzeichnis 81
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
0. Einleitung
Eleonore von Aquitanien 1 (1122-1204) hat schon die Menschen ihrer Zeit fasziniert, durch ihr Selbstbewusstsein und ihre scheinbar unerschöpfliche Energie aber auch erschreckt und sie zum Gegenstand von allerlei Gerede und Sagen werden lassen. Sind die zeitgenössischen Quellen auch nicht reichlich vorhanden, so lässt sich sagen, dass die Herzogin-Königin Eleonore schon Thema in der Literatur war, noch bevor sie Gegenstand eines wirklichen wissenschaftlichen Diskurses wurde.
Die vorliegende Magisterarbeit beschäftigt sich eben mit diesem Thema: Eleonore von Aquitanien in der Forschung. Wie so oft bei Persönlichkeiten der Geschichte, so gibt es auch bei Eleonore verschiedene Sichtweisen, die, auch dies ist ein typisches Phänomen der Forschung, oft vor dem zeitgenössischen Hintergrund zu sehen sind, vor dem der jeweilige Autor schrieb.
Die Arbeit ist zweigeteilt: Im ersten Teil wird das Leben der Eleonore von Aquitanien vorgestellt. Immerhin war sie Herzogin von Aquitanien und nacheinander Königin von Frankreich und England und gebar in einem Zeitraum von 22 Jahren zehn Kinder; sie ging auf einen Kreuzzug und bewahrte ihrem Lieblingssohn Richard Löwenherz die englische Krone.
Im zweiten Teil soll dann der Stand der Forschung zu Eleonore von Aquitanien dargelegt werden. Neben den generellen Entwicklungen sollen drei Werke über die Herzogin-Königin besonders beachtet werden, die auch im ersten Teil eine Rolle spielen: Zum einen das Buch von Régine Pernoud: Eleonore von Aquitanien. Königin der Troubadoure (Düsseldorf und Köln 1966), zum zweiten das Werk von Jean Markale: Eleonore von Aquitanien (Freiburg im Breisgau 1980) und zuletzt Ursula Vones-Liebenstein: Eleonore von Aquitanien. Herrscherin zwischen zwei Reichen (Göttingen und Zürich 2000). Diese Bücher wurden ausgewählt, da sie zum einen die Eleonore-Forschung bis heute sehr prägen und weil sie darüber hinaus verschiedene Richtungen der Forschung repräsentieren. Während die französische Mediävistin Régine Pernoud (1909-1998) ein überaus romantisches Eleonore-Bild zeichnet und
1 In der vorliegenden Arbeit wird durchgehend die deutsche Form des Namens verwendet. In ihrer Zeit wurde Eleonore meist
Alienor, Alinor oder auch Aenor genannt. Der Hinweis gilt auch für alle anderen Personennamen.
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der Protagonistin alles Positive zutraut und ihrem Leben geradezu romanhafte Züge gibt, bemüht sich die seit 2006 in Frankfurt am Main lehrende Wissenschaftlerin Ursula Vones-Lieben-stein (* 1947) um eine sachliche, fast nüchterne Annäherung an das Thema. Jean Markale (1928-2008) hingegen sieht in seiner Arbeit die Sagengestalt Eleonore im Mittelpunkt, während er der Biografie der „wahren“ Herzogin-Königin nur einen geringen Raum einräumt. Des Weiteren ist für ihn die Frage der Scheidung Eleonores von Ludwig VII. von Wichtigkeit. Insgesamt betreibt er also Detailforschung. Es kann bei der Vorstellung der Werke nicht darum gehen, jedes Buch in Gänze zu analysieren, denn das würde den Rahmen dieser Arbeit unweigerlich sprengen. Viel mehr sollen vor allem folgende Fragen beantwortet werden: Wie schätzen die Forscher den Einfluss ein, den Eleonore als französische Königin auf die Politik hatte? Wie verhält es sich mit der eben angesprochenen Scheidung? War Eleonore die Königin der Troubadoure oder war sie es nicht?
Grundlagen der vorliegenden Arbeit sind neben den bereits genannten Werken vor allem die Arbeit Zehn Kapitel zur Geschichte der Eleonore von Aquitanien von Daniela Laube (Bern 1984), die Eleonore-Biografie von Marion Meade (New York 1977), weitere Arbeiten von Régine Pernoud, so Der Abenteurer auf dem Thron. Richard Löwenherz König von England (München 1996), und verschiedene Artikel und Aufsätze anderer namhafter Forscher. In ihnen finden sich zum Großteil auch die Primärquellen, die mehr oder weniger ausführlich über Eleonore berichten, so z. B. die Chroniken eines Richard von Devizes, Johannes von Salisbury oder Wilhelm von Newburgh.
Um die nicht immer ganz einfachen Familien- und Verwandtschaftsverhältnisse Eleonores zu erhellen, sind der Arbeit in einem Anhang Stammtafeln beigegeben.
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I. Die Biografie der Eleonore von Aquitanien
I.1: Jugend und familiärer Hintergrund
Wann Eleonore von Aquitanien zur Welt kam, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Heutige Forscher favorisieren in der Mehrheit das Jahr 1122. Edith Ennen hält sogar das Jahr 1123/24 für möglich, wenn sie schreibt, Eleonore sei 1137 „13-15jährig mit Ludwig VII., der 16 Jahre alt war, verheiratet“ 2 worden. Als Geburtsort kommen entweder der Herzogspalast in Poitiers oder die Stadt Bordeaux in Frage. Régine Pernoud nennt in ihrer Eleonore-Biografie sogar den genauen Geburtsort: das Schloss Belin bei Bordeaux. 3 Ihr Großvater Wilhelm IX., der Junge (1086-1126/27) ein, wie noch zu zeigen sein wird, erstaunlicher Mann, war zum Zeitpunkt von Eleonores Geburt regierender Herzog in Aquitanien, womit „ursprünglich alles Land südlich der Loire“ 4 gemeint war. Aquitanien war somit das größte und auch reichste Territorium Frankreichs. Jedoch ging später die reiche Grafschaft Toulouse verloren - ein Umstand, den auch Eleonore vergeblich zu korrigieren suchte. Ihr Vater, ebenfalls Wilhelm geheißen, war Herzog im Wartestand und erbte die Herzogswürde 1126 oder 1127. 5 Ihre Mutter hieß ebenfalls Eleonore. Sie stammte aus der Familie der Chattelerault, die in der heutigen Region Poitou-Charentes beheimatet war. Über sie ist nichts überliefert, und sie starb als Eleonore etwa acht Jahre alt war.
Nicht nur Eleonore ist und war bemerkenswert, sondern auch die Familie, aus der sie stammt. Einer ihrer Vorfahren, Herzog Wilhelm I., der Fromme (909-918), gründete um das Jahr 909 das Kloster Cluny, jenes Kloster, von dem im elften Jahrhundert die berühmte Klosterreform ausging, die Auswirkungen auf das gesamte geistliche Leben im Mittelalter hatte. Die Reform hatte zum Ziel, „die strenge Beachtung der Regula Benedicti, wie sie von Benedikt von Aniane interpretiert worden war, durchzusetzen und dem Verfall klösterlicher Sitten“ 6 entgegenzuwirken. Seine Nachfolger, alle Wilhelm geheißen, behaupteten die weitgehende Unabhängigkeit
2 Zitiert aus: Edith Ennen: „Frauen im Mittelalter“, C. H. Beck, München, 6. Auflage 1999, S. 126.
3 Siehe bei: Régine Pernoud: „Eleonore von Aquitanien. Königin der Troubadoure“, Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf und
Köln 1966, S. 19. In der Folge wird dieses Werk als „Pernoud: Königin“ zitiert.
4 Zitiert aus: Joachim Ehlers: „Geschichte Frankreichs im Mittelalter“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1987, S. 68. In der Folge
zitiert unter dem Kürzel „Ehlers: Geschichte“.
5 Um ihre Kontinuität unter Beweis zu stellen, benutzten mittelalterliche Adelsfamilien Leitnamen, die von Generation zu
Generation weiter vererbt wurden. Die Staufer in Deutschland hatten so z. B. den Leitnamen Friedrich, die Salier Heinrich, die
Welfen Welf. In der Familie Eleonores (sie stammte aus dem Hause Poitiers, auch Ramnulfiden genannt, die römische Kaiserin
Agnes von Poitou (1025-1077) war ihre Urgroßtante) war der Leitname der männlichen Linie Guilhelm (= Wilhelm).
6 Zitiert aus: Uta-Renate Blumenthal: „Der Investiturstreit“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1982, S. 19f.
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ihres Herzogtums, auch gegenüber dem französischen König, dessen Stellung als Oberhaupt des Königreiches sie jedoch immer trotz aller Reibereien akzeptierten. Eleonores Großvater, Wilhelm IX., der Junge, sorgte in seiner Zeit für großes Aufsehen. Er begnügte sich nicht damit, nur sein Herzogtum zu regieren. Der Hauptgrund, warum er der Geschichte verblieben ist, liegt darin, dass er meist sehr sinnesfrohe Lieder schrieb, die sogar seinen eigenen Klerus gegen ihn aufbrachten, der in den Dichtungen des Herzogs die reine Pornografie verkörpert sah. Im Allgemeinen wird Wilhelm IX. als erster Troubadour der Geschichte angesehen, jedoch muss man mit Joachim Bumke die Einschränkung machen: „Wilhelm IX. […] war der erste Trobador, dessen Lieder erhalten sind.“ 7 Es ist also nicht geklärt, ob es die Troubadoure nicht schon vor Wilhelm gab.
Auch das Privatleben von Eleonores Großvater verlief alles andere als ruhig. Um 1089 heiratete der 18jährige Irmgard von Anjou, die er allerdings schon 1092 wieder verstieß. Um 1094 schloss er seine zweite Ehe mit Philippa Mathilde von Toulouse, immerhin mögliche Erbin der Grafschaft gleichen Namens. Diese Ehe verlief nicht weniger turbulent und führte zu privaten und politischen Schwierigkeiten, die so weit gingen, dass Wilhelm IX. zweimal Toulouse besetzte (1098 und 1113), um den Anspruch seiner Frau auf die Grafschaft zu unterstreichen. Um 1119 klagte Herzogin Philippa Mathilde ihren Mann auf dem Konzil von Reims des Ehebruchs an. Als Sühne unternahm Wilhelm wohl einen Zug nach Spanien. Nach einem bewegten Leben starb Wilhelm IX. 1126 bei der Belagerung der Burg Blaye im Aquitanischen. Sein Sohn Wilhelm X. ( 1126/27-1137, geboren um 1099), Eleonores Vater, war nicht weniger kampfesmutig. Er zog gegen König Ludwig VI., den Dicken (1108-1137), von Frankreich ins Feld, als dieser einen Lehnsmann des Herzogs, den Grafen der Auvergne, wegen Kirchenraubs bestrafen wollte. Kirchenpolitisch verfuhr der Herzog ohnehin sehr eigenwillig. So stellte er sich im Kirchenschisma von 1130 auf die Seite des Gegenpapstes Anaklet (1130-1138), der Innozenz II. (1130-1143) die Rechte auf die Papstwürde bestritt. 1137 ging Wilhelm auf eine Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela, auf der er den Tod fand. Er hinterließ keinen männlichen Erben, da sein Sohn Wilhelm schon gestorben war.
Die Herzogswürde ging als Folge von Wilhelms Tod an seine Schwester Eleonore. Über ihre Erziehung, Kinder- und Jugendjahre in Aquitanien ist nicht viel bekannt. Es lässt sich jedoch vermuten, dass sie die für eine Adlige übliche Erziehung und
7 Zitiert aus: Joachim Bumke: „Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter“, dtv, München, 12. Auflage 2008,
S. 129.
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Bildung erhielt. Eines lässt sich zudem festhalten: „Da sie des Lesens und Schreibens kundig und mit der lateinischen Sprache vertraut war, ist es nicht unwahrscheinlich, dass sie einige Jahre in der Obhut ihrer Tante, der Äbtissin Agnes von Notre-Dame de Saintes, verbrachte.“ 8
Seit 1137 waren Eleonore und ihre jüngere Schwester Petronella ohne Eltern. Doch bevor ihr Vater zu seiner Pilgerreise aufgebrochen war, hatte er es noch vermocht, sein Erbe zu ordnen. Das war insofern nötig, als dass sein jüngerer Bruder Raimund seit einigen Jahren im Heiligen Land weilte und 1136 die Erbin des Fürstentums Antiochia geheiratet hatte. Deshalb war klar, dass er weder als Herzog von Aquitanien noch als Vormund für seine Nichten in Frage kam. Doch Wilhelm X. fand eine Lösung:
„Dass er, durch mündlichen Vertrag, den König von Frankreich zum Vormund seiner Tochter und Erbin Eleonore einsetzte und ihm die Sorge für die Vermählung sowie in der Zwischenzeit die Regierung seines Landes übertrug, war die wichtigste Tat seines
9 Lebens.“
In der Tat war dieser mündliche Vertrag ein unverhoffter Glücksfall für König Ludwig VI. von Frankreich und das französische Königtum, eröffnete sich den Kapetingern 10 durch ihn doch die Möglichkeit, den bisher auf die Île-de-France beschränkten königlichen Einfluss nach Südfrankreich auszudehnen. Ludwig VI. ergriff ferner die Gelegenheit und verheiratete die junge Herzogin mit seinem Sohn und Mitkönig Ludwig, der ihm noch 1137 auf dem Thron folgte. Den zeitgenössischen Chronisten war die Tragweite der Hochzeit, die am 25. Juli 1137 in der Kathedrale Saint-André in Bordeaux stattfand, durchaus bewusst. Überschwänglich wurde die „Vermählung der ,Lilie’ mit dem ,Ölzweig’, [die] Verbindung des nördlichen Frankreich mit dem südlichen Aquitanien“ 11 begrüßt und gefeiert.
Am 1. August 1137 starb König Ludwig VI. an einer bösartigen Ruhr, während sich Ludwig, nun Ludwig VII., und Eleonore noch auf ihrer Rundreise nach der Hochzeit befanden.
8 Zitiert aus: Ursula Vones-Liebenstein: „Eleonore von Aquitanien. Herrscherin zwischen zwei Reichen“, Muster-Schmidt Verlag,
Göttingen und Zürich 2000, S. 14.
9 Zitiert aus: Walter Kienast: „Der Herzogstitel in Deutschland und Frankreich“, Oldenbourg-Verlag, München 1968, S. 238.
10 Die Kapetinger (Robertiner), ein ursprünglich in Mainfranken beheimatetes Adelsgeschlecht, stellten zwischen 987 und 1328
in ihrer direkten und 1328-1848 in ihren Nebenlinien Valois, Bourbon und Orléans die französischen Könige.
11 Zitiert aus: Pernoud: Königin, S. 19.
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I.2: Königin von Frankreich (1137-1152)
I.2.1: Eleonore und der französische Hof
Eleonore scheint keine Schwierigkeiten gehabt zu haben, sich am französischen Hof in Paris einzuleben, obgleich in der Forschung verschiedene Sichtweisen darüber existieren, wie die Stadt, die erst unter Philipp II. Augustus (1180-1223) und danach zur festen Hauptstadt Frankreichs wurde, auf die Königin gewirkt haben könnte. Während Vones-Liebenstein festhält: „Als sich die junge Königin […] Paris näherte, bot sich ihr ein reizvoller Anblick“ 12 , beschreibt Friedrich Heer Eleonores Eindruck, ganz im Gestus der romantischen Eleonore-Forschung, ganz anders:
„Die junge, lebenshungrige Fürstin aus dem Süden kommt 1137 in ein Paris, das altfränkisch, primitiv, barbarisch ist, verglichen mit der reichen, luxuriösen Welt der Städte Aquitaniens. In diesem verfallenen, noch halb merowingischen Paris haust […] der König
13 in einem düsteren Palastturm […]“.
Dass Eleonore dem Hofleben neue Impulse gab, scheint hingegen festzustehen, vor allem, wenn man bedenkt, dass es bald schon Beschwerden über die Königin gab, die unter anderem eine neue Kleidermode einführte, die manchem als zu gewagt erschien. Aber auch in diesem Punkt scheint Vorsicht geboten, denn einer der prominentesten Beschwerdeführer war der Zisterzienserabt Bernhard von Clairvaux. Dieser war bekannt dafür, dass er jeglichen Luxus ablehnte. So ist es kein Wunder, wenn er in Bezug auf das Leben und die Mode am Hof in Paris missbilligend feststellt:
„Du siehst Frauen, die mit Gold, Silber, Edelsteinen und schließlich mit jedem königlichen Putz nicht so sehr geschmückt als beladen sind. Du siehst, wie sie lange, sehr kostbare
14 Schleppen hinter sich herziehen, die dichte Staubwolken in der Luft aufwirbeln […]“.
Bernhard, ein beredter Moralist seiner Zeit, beobachtete als Ratgeber Ludwigs VII. das Leben am Hof sehr genau, und zwischen ihm und Königin Eleonore entwickelte sich mit der Zeit eine tiefe und beidseitige Abneigung. Für Bernhard entpuppte sich
12 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 20.
13 Zitiert aus: Friedrich Heer: „Mittelalter. Vom Jahr 1000 bis 1350“, in: Friedrich Heer (hrsg.): „Kindlers Kulturgeschichte des
Abendlandes“, dtv, München 1983, Band 9, S. 400f.
14 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 20f.
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Eleonore im Laufe der Jahr als „ein dämonisches Zauberweib [und] zutiefst unfruchtbar“ 15 , da sie während der Ehe mit Ludwig „nur“ zwei Töchtern, nicht aber einem erhofften Thronfolger, das Leben schenkte. Die Königin wiederum sah mit Argwohn, wie groß der Einfluss von Männern der Kirche wie Bernhard auf den jungen König war, dessen Frömmigkeit selbst die Mönche von St. Denis überraschte. Ludwig VII. war ursprünglich für den geistlichen Stand bestimmt gewesen, wurde aber aus dem Kloster zurück gerufen, nachdem sein älterer Bruder Philipp bei einem Reitunfall in den Straßen von Paris ums Leben gekommen war. Er verließ den Frieden des Klosters nur ungern. Denn: „[Ludwig] hatte nur den einzigen Wunsch, eines Tages seine Stimme zwischen denen der Mönche zu hören; denn zum Herrscher fühlte er sich nicht berufen.“ 16 Aus dieser Tatsache darf freilich nicht der Schluss gezogen werden, am Hofe Ludwigs VII. wäre es eintönig zugegangen. Ursula Vones-Liebenstein zeigt zu Recht auf, dass der Hof Ludwigs, vor allem in späteren Zeiten, mindestens so glänzend war wie der seines Konkurrenten Heinrich II. von England und dass der französische König noch vor Heinrich und nach Kaiser Friedrich I. Barbarossa als großer Förderer der Dichtkunst galt! 17 Ein weiterer Gegner am französischen Hof erwuchs Eleonore in ihrer Schwiegermutter Adelheid von Savoyen. Diese konnte sich nur schwer damit abfinden, dass Eleonore ihren, Adelheids, Platz als erste Dame des Landes an der Seite Ludwigs VII. einnahm. Als klar wurde, dass Adelheid am Hof nicht mehr das Sagen hatte, zog sie sich gekränkt auf ihr Witwengut bei Compiègne zurück, um später noch einmal zu heiraten.
Inwieweit Eleonore in ihrer Zeit als Königin von Frankreich politischen Einfluss ausgeübt hat, ist in der Forschung umstritten. Stand sie wirklich hinter der Niederschlagung eines kommunalen Aufstandes 1138 oder hinter den Ereignissen von Vitry (1143), als Ludwigs Mannen während eines Feldzuges eine Kirche in Brand setzten, in der über 1000 Menschen ums Leben kamen? Darauf wird im zweiten großen Teil der Arbeit näher einzugehen sein.
15 Zitiert aus: Heer: a. a. O., S. 403.
16 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 15.
17 Siehe bei: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 21.
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I.2.2: Kreuzzug, Scheidung und erneute Heirat (1145-1152)
In der Weihnachtszeit des Jahres 1144 erreichte den Okzident die Nachricht, dass Zengi, der Herrscher von Mosul und Aleppo, Edessa erobert habe, die älteste der Kreuzfahrerherrschaften im Heiligen Land. Papst Eugen III. reagierte, indem er am 1. Dezember 1145 die Bulle Quantum praedecessores erließ. Er wandte sich mit seiner Bulle direkt an den französischen König und seinen Adel. Dass er dies tat, war nur folgerichtig, denn Frankreich galt erstens seit jeher als älteste Tochter der römischen Kirche, und der französische König führte den Ehrentitel des rex christianissimus. 18 Dahinter verbarg sich zwar kein offiziell vom Papst verliehener Titel, doch war er ein Faktum, ein ungeschriebenes Gesetz, das auch der Papst wiederholt anerkannt hat. Frankreich erwies sich schon sehr früh als Stütze und Beschützer des Papsttums, und mehr als einmal gewährte der französische Herrscher dem Kirchenoberhaupt Asyl, wenn es im Kirchenstaat für den Pontifex zu unsicher wurde. Im Gegenzug konnte der König auf die Unterstützung der Kirche bauen, wenn es darum ging, seinen zunächst nur schmalen Einflussbereich im eigenen Königreich immer weiter auszudehnen. Natürlich bedeutete die Sonderstellung Frankreichs nicht automatisch, dass das Verhältnis zwischen Paris und dem Heiligen Stuhl immer spannungsfrei war. Zweitens waren aber schon die Teilnehmer des Ersten Kreuzzuges vorwiegend Franzosen gewesen, deren Nachkommen jetzt im Heiligen Land lebten. Das Echo auf die Bulle Eugens III. in Frankreich blieb zunächst sehr zurückhaltend. Die Kreuzzugsbewegung im Abendland hatte seit der Eroberung Jerusalems im Jahr 1099 erheblich an Dynamik und Attraktivität eingebüßt. Man begnügte sich zunehmend damit, dem Heiligen Land „gelegentliche Hilfeleistungen“ 19 zukommen zu lassen. Es waren meist jüngere Adelssöhne, die nach dem Outremer 20 gingen, da sie in der Heimat kein Erbe zu erwarten hatten. Erst als sich Bernhard von Clairvaux, beauftragt von Papst Eugen, in die Werbung für den Kreuzzug einschaltete, sprang der Funken über. Auf einem Hoftag zu Weihnachten 1145 in Bourges teilte der König der Versammlung mit, ins Heilige Land gehen zu wollen. Es dauerte dann allerdings noch bis Frühjahr 1146, bis Ludwig in Vézelay das Kreuz tatsächlich nehmen konnte, nachdem Bernhard dort gepredigt hatte. Und mit Ludwig nahm auch Eleonore das Kreuz.
18 rex christianissimus = allerchristlichster König.
19 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 46.
20 Outremer: vom französischen Wort outre mer (= „jenseits des Meeres“) abgeleiteter Begriff für die vier Kreuzfahrerstaaten,
der im Okzident gebraucht wurde.
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Dass eine Königin das Kreuz nahm, überrascht die Forschung heute kaum noch. Schließlich wies schon Régine Pernoud darauf hin, dass auch die Führer des Ersten Kreuzzuges, wie Gottfried von Bouillon, ihre Gattinnen mit auf ihre Pilgerreise genommen hatten. 21 Die Entscheidung Ludwigs jedoch stieß bei den Anwesenden durchaus auf Erstaunen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es unüblich, dass ein gekrönter und gesalbter Herrscher für solch eine lange und gefahrvolle Reise sein Reich verließ. Am Ersten Kreuzzug war zwar der französische Adel, nicht aber der französische König beteiligt gewesen. Ein abwesender König konnte nie sicher sein, dass im Land in der Zwischenzeit nicht Aufstände des Adels ausbrachen, die seine Herrschaft bedrohten.
Ludwig VII. hatte jedoch gute Gründe für seine Entscheidung. Erstens wollte er die Gelegenheit nutzen und das Kreuzzugsgelübde erfüllen, das einst sein tödlich verunglückter Bruder Philipp abgelegt hatte. Zweitens plagte den frommen König das schlechte Gewissen wegen der Ereignisse in Vitry, sodass er das Verlangen hatte, sich von diesem Verbrechen rein zu waschen. So begann das Kreuzzugsunternehmen des französischen Königspaares, und ohne es zu wissen, hat Ludwig 1147 eine Tradition der französischen Könige begründet: Kein anderer Herrscher Europas ging öfter auf einen Kreuzzug als der rex christianissimus. Ludwigs Ur-Enkel Ludwig IX., der Heilige (1226-1270) ging alleine zweimal. Zwischen dem 16. und 18. Februar 1147 traf das Königspaar in Etampes mit denjenigen zusammen, die es auf dem Kreuzzug begleiten wollten. Gemeinsam beriet man die Route ins Heilige Land und „verlas Briefe von den Fürsten der Länder, durch die man ziehen wollte.“ 22 Zur Wahl standen zwei Wege: Entweder der Weg über Land, durch Mitteleuropa und das Byzantinische Reich, oder zu Wasser unter dem Schutz des Königs Roger II. von Sizilien. Ludwig VII. entschied sich schließlich für den beschwerlicheren Landweg und nahm damit mögliche Irritationen mit Roger II. in Kauf, dem als gebürtigem Normannen besonders daran gelegen war, die Franzosen zu empfangen; zudem befand er sich mit dem byzantinischen Basileus im Kriegszustand. Doch Ludwig traute Roger nicht wirklich, denn: „Roger war Normanne, und in der damaligen Zeit nimmt niemand das Wort ,Normanne’ in den Mund, ohne ihm nicht sofort das Epitheton ,hinterlistig’ beizufügen.“ 23 Hinzu kam, dass der Papst die gerade sich als freundlich gestaltenden Beziehungen zwischen Lateinern und
21 Siehe hierzu: Pernoud: „Königin“, S. 47.
22 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 51.
23 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 51.
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Byzantinern nicht gefährden wollte, denn er „hatte ja die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dereinst die griechische Kirche wieder mit der römischen vereint zu sehen.“ 24 So nimmt es nicht wunder, wenn auf der Versammlung von Etampes sowohl der rex christianissimus als auch die anwesenden Vertreter des französischen Klerus dem Wunsch des Papstes entsprachen.
Königin Eleonore beteiligte sich von Beginn an aktiv an den Vorbereitungen des Kreuzzuges. Sie selbst übernahm es, eine „Propagandafahrt“ 25 durch ihre Länder zu veranstalten, auf der sie für den bevorstehenden Zug warb, Finanzmittel akquirierte und auch Schenkungen an Klöster, und hier besonders ihr Lieblingskloster Fontevrault, machte. In der Forschung wird zu Recht die These vertreten, dass ohne Eleonores Zutun längst nicht so viele Ritter aus Aquitanien am Zug teilgenommen hätten wie es am Ende der Fall war. 26 Die aquitanischen Edlen waren sehr auf ihre Unabhängigkeit bedacht und folgten ihrer eigenen Herzogin bereitwilliger als dem französischen König, der in ihren Augen nur wenig Autorität besaß. Das Kreuzzugsheer Ludwigs VII. sammelte sich in Metz und zog von dort aus durch Mitteleuropa und Ungarn nach Konstantinopel. Von Beginn an gab es Probleme. Dies lag daran, dass vor den Franzosen schon die Deutschen durch dasselbe Gebiet gezogen waren und alle Märkte leer gekauft hatten. Denn auch König Konrad III. (1138-1152) hatte sich entschlossen, am Kreuzzug teilzunehmen. Schon sehr bald sah sich Ludwig gezwungen, Botschaften nach Hause zu schicken, weil das Geld ausgegangen war. Alles in Allem benötigten Ludwig und sein Heer in etwa fünf Monate, bis sie am Bosporus ankamen. Am 4. Oktober 1147 zog man in Konstantinopel ein.
Konstantinopel galt als eine der prächtigsten Städte der damaligen Zeit. Kaiser Manuel I. Komnenos (1143-1180) empfing die Gäste aus dem Okzident freundlich und wies ihnen prächtige Räume zu. In den nächsten Wochen ihres Aufenthalts wurden Ludwig und Eleonore mit einer langen Reihe von Festen und Empfängen unterhalten. Der König von Frankreich ließ sich durch den Glanz und die Einschmeichelungen der Byzantiner nicht täuschen; er blieb misstrauisch. Und tatsächlich spielte Kaiser Manuel ein falsches Spiel: Während er seine Gäste umgarnte, verhandelte er gleichzeitig mit den Türken, also eben jener Gruppe, die zu den Gegnern der Kreuzfahrer gehörte und die schon das Heer König Konrads III.
24 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 52f.
25 Siehe: Pernoud: „Königin“, S. 49.
26 Siehe: Pernoud: „Königin“, S. 49.
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aufgerieben hatte, sodass dieser mit den traurigen Resten seiner Truppe umkehren musste. Auch gestaltete sich das Zusammenleben zwischen den Byzantinern und ihren Gästen oftmals als sehr schwierig. Letztere empfanden zum Beispiel die Preise auf den Märkten in Konstantinopel als zu überteuert und fühlten sich schlicht ausgenommen. Hinzu kam, dass sich der fromme und sittenstrenge König Ludwig VII. sehr bald von der Pracht und dem Pomp, der in Konstantinopel herrschte, überfordert fühlte. Die byzantinische Hofetikette blieb ihm ein Rätsel, kurz: „All das regte diesen schlichten Ludwig auf, der es für seine Pflicht hielt, so einfach wie möglich zu leben.“ 27 So wundert es nicht, dass Ludwig sehr bald zum Aufbruch drängte.
Auch auf dem Weitermarsch ließ der König Vorsicht walten. Doch dies konnte die Katastrophe vom Epiphaniastag 1148 nicht verhindern. Bei den Schluchten von Pisidie, unweit des Bergs Cadmos, geriet man ins Hintertreffen, weil einer der beiden Führer der Vorhut, Gottfried von Rancon, sich allzu waghalsig vom Heer entfernte und so einen Angriff der Türken provozierte. König Ludwig VII. sammelte sowohl all seinen Mut als auch seine Truppen und schlug die Angreifer unter nicht unerheblichen Verlusten zurück. Wo sich Eleonore zu diesem Zeitpunk befand, ist nicht mehr ersichtlich. Klar ist nur, dass die Königin nach den Ereignissen am Berg Cadmos im Heer keinen besonders guten Ruf mehr hatte, da Gottfried von Rancon zu ihren Leuten aus Aquitanien gehörte.
Wenige Tage später schiffte sich Ludwig auf byzantinischen Schiffen ein, um mit dem Großteil seines Heeres zunächst nach Syrien und dann weiter nach Antiochia zu segeln, wo er in Begleitung von Eleonore am 18. März 1148 eintraf. Hier in Antiochia, wo man sich endlich auf dem Territorium von Freunden befand, sollte, in der Rückschau betrachtet, nicht nur der Kreuzzug eine unrühmliche Wendung nehmen, sondern auch die Ehe zwischen Ludwig VII. und Eleonore einen unheilbaren Bruch erleiden. Dies lag zum einen daran, dass Eleonore in Antiochia auf ihren Onkel Raimund traf, der hier als Fürst residierte. So blieb es nicht aus, dass alsbald Gerüchte aufkamen, die Königin von Frankreich und den Fürsten würden mehr als nur verwandtschaftliche Beziehungen miteinander verbinden. Der Umstand, dass beide „viel Zeit in vertrauten Gesprächen“ 28 verbrachten, reichte jedenfalls aus, die Gerüchteküche zum Kochen zu bringen. Die Situation wurde durch den Eunuchen Thierry Galeran verschlimmert, der dem König eingab, Antiochia schnellst möglich zu
27 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 63.
28 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 32.
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verlassen, da sonst zwischen Eleonore und Raimund mehr passieren könne, wisse man doch, dass „Schuld häufig unter dem Schleier der Verwandtschaft verborgen liege“. 29 Was Ludwig nicht klar war: Thierry Galeran war schon immer schlecht auf Königin Eleonore zu sprechen gewesen, da sie sich über den Eunuchen bei Gelegenheit lustig gemacht hatte.
Die sich verselbstständigenden Gerüchte waren Wasser auf die Mühlen von Eleonores Gegnern im Heer, und man hat Jean Markale zuzustimmen, der kurz und bündig über die Zeit in Antiochia festhält: „In Antiochia ging überdies der gute Ruf der Königin endgültig zu Bruch […].“ 30 Ludwig VII. konnte seine Eifersucht nur schwer verbergen.
Zu den persönlichen Spannungen kamen solche politischer Art hinzu. Das Fürstentum Antiochia befand sich schon seit seiner Gründung durch die Kreuzfahrer 1099 unter permanentem Druck durch seine muslimischen Nachbarn, namentlich durch Nur-ad Din von Syrien und Aleppo, dem Sohn des 1146 gestorbenen Zengi, und Byzanz, das bestrebt war, Antiochia unter seine Oberhoheit zu zwingen. Der seit 1136 für seine junge Gemahlin Konstanze regierende Raimund hoffte, Ludwig für einen Kampf gegen seine Feinde gewinnen zu können und zog seine Nichte Eleonore diesbezüglich auf seine Seite. Doch Ludwig dachte ganz anders. Er war bestrebt, die Heiligen Stätten in Jerusalem aufzusuchen, von Kämpfen hatte er offenkundig genug. Möglicherweise wollte er dem Onkel seiner Frau auch schlicht nicht helfen. Als Eleonore ihrem Gemahl offen androhte, sie würde auch ohne seine Zustimmung bei Raimund in Antiochia bleiben, kam es zum offenen Streit zwischen dem Königspaar. Ludwig musste Eleonore schließlich zwingen, ihm nach Jerusalem zu folgen. Zudem berief er sich auf seine Rechte als Ehemann, was Eleonore kühl konterte: „Er [Ludwig] täte gut daran, erst einmal seine Eherechte klarzustellen. Nach Ansicht der Kirche sei nämlich ihre Ehe null und nichtig. Nach kanonischem Recht seien sie zu nahe miteinander verwandt…“ 31 Und obwohl sie sich fügte, war der Bruch zwischen beiden geschehen. Eleonores oben zitierte Worte sollten zudem noch wichtig werden.
Ludwig VII. beschleunigte nun die Abreise aus Antiochia. Am 24. Juni 1148 trat in Akkon eine Versammlung des Kronrats des Königreiches Jerusalem zusammen, an der auch Ludwig VII. und Eleonore von Frankreich teilnahmen. Weitere Teilnehmer
29 Zitat übernommen aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 32.
30 Zitiert aus: Jean Markale: „Eleonore von Aquitanien. Königin von Frankreich und England. Leben und Wirken einer
ungewöhnlichen Frau im Hochmittelalter, Verlag Rainer Wunderlich, Freiburg im Breisgau 1980, S. 43.
31 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 74.
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waren unter anderem die Bischöfe von Langres und Lisieux, die Grafen von Flandern, Perche, Troyes und Soissons, König Konrad III. mit den Bischöfen von Metz und Toul, Königin Melisendis und König Balduin III. von Jerusalem und der Patriarch von Jerusalem. Diese Versammlung nun fasste „nach einiger Debatte den grenzenlos dummen Beschluss“ 32 , anstatt Raimund von Antiochia gegen Aleppo beizustehen, gegen Damaskus zu ziehen, obwohl Damaskus mit dem Königreich Jerusalem verbündet und „das Bündnis mit dem […] Atabeg [von Damaskus] eine Lebensfrage für Jerusalem“ 33 war! Der Zug gegen Damaskus scheiterte denn auch kläglich. Die Vereinigung von Damaskus mit Aleppo, die die Kreuzfahrer zu verhindern getrachtet hatten, war dadurch nur beschleunigt worden und der Kreuzzug endgültig gescheitert. Der ebenso präzisen wie bündigen Zusammenfassung des Kreuzzuges, die Nikolas Jaspert gibt, ist in jeder Hinsicht beizupflichten:
„In jeder Hinsicht war der Kreuzzug von 1147/48 ein Misserfolg: Er verärgerte einen wichtigen Verbündeten (Damaskus), vertiefte die Spannungen mit Byzanz und schadete
34 dem Ansehen der Kreuzzüge im lateinischen Westen.“
Für Ludwig VII. spielte daneben aber eben auch die private Komponente eine Rolle, und es spricht für sich, wenn der König und die Königin von Frankreich zu Ostern 1149 das Heilige Land auf zwei getrennten Schiffen in Richtung Heimat verließen. Dass Eleonore auf der Reise zu allem Überfluss nicht unerheblich erkrankte und ihr Schiff obendrein durch die byzantinische Flotte aufgehalten wurde, um Ludwig VII. doch noch zum einem Bündnis mit Byzanz zu zwingen, verbesserte die Situation keineswegs. Erst drei Wochen nach ihrem Mann erreichte sie Italien. Nachdem Eleonore genesen war, empfing sie Roger II. von Sizilien und brachte sie an die Grenzen des Kirchenstaates, von wo es über das Kloster Montecassino nach Tusculum ging, wo man mit Papst Eugen III. zusammentraf. Nach der Darstellung des Johannes von Salisbury in seiner Historia pontificalis (1163) bemühte sich der Papst außerordentlich um das Paar. In Einzelgesprächen konnte er die Zweifel betreffs ihrer Ehe vorerst zerstreuen und wies ihnen anschließend ein prächtiges Gemach zu. Ferner verbot er ihnen bei Androhung des
32 Zitiert aus: Hans Eberhard Mayer: „Geschichte der Kreuzzüge“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 10. Auflage 2005, S. 131.
33 Zitiert aus Mayer: a. a. O., S. 132.
34 Zitiert aus: Nikolas Jaspert: „Die Kreuzzüge“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt, 2. Auflage 2004, S. 46.
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Anathems 35 , auch nur an eine Trennung zu denken. Er entließ sie am Ende des Aufenthaltes mit Geschenken und seinem Segen und konnte, so Johann von Salisbury, „kaum die Tränen zurückhalten.“ 36 Am 11. November 1149 trafen Ludwig VII. und Eleonore wieder in Paris ein.
Zunächst schien es, als hätte die Vermittlung Eugens III. ihre beabsichtigte positive Wirkung getan. Im Verlauf des Jahres 1150 brachte Eleonore ihr zweites Kind zur Welt. Doch es war wieder „nur“ eine Tochter, die den Namen Alix erhielt. Dies trug nicht dazu bei, die Situation zwischen Eleonore und Ludwig weiter zu entspannen, zumal der König wieder seine Eifersucht zeigte. Auffallend ist auch, dass Ludwig Eleonore nach 1149 immer mehr von der Regierung ausschloss, sofern sie je Anteil daran gehabt haben sollte. Elizabeth A. R. Brown geht in ihrem Aufsatz über Eleonore sogar so weit zu sagen, die letzten Jahre mit Ludwig wären für Eleonore ähnlich schwierig gewesen wie die ihrer fünfzehnjährigen Gefangenschaft in der Ehe mit Heinrich II. 37 Dies ist zwar sehr übertrieben, jedoch ist festzuhalten, dass Eleonore und Ludwig es sich in der letzten Zeit ihrer Ehe gegenseitig nicht einfach machten. Der König scheint seine Frau noch immer leidenschaftlich geliebt zu haben, doch für Eleonore muss spätestens seit Antiochia klar gewesen sein, dass ihre Zeit als französische Königin dem Ende zuging. Zwei Ereignisse trugen maßgeblich dazu bei, dass es im Frühjahr 1152 zur Scheidung kommen konnte. Dies war zum einen der Tod des bedeutenden Abtes Suger von Saint-Denis (1081-1151), der am 13. Januar 1151 eintrat. Sugr hatte schon Ludwig VI. als Ratgeber gedient und war maßgeblich verantwortlich für den Aufstieg des französischen Königtums, der unter Ludwig VI. begann. Solange er lebte, tat Suger alles, um die Ehe zwischen Ludwig VII. und Eleonore intakt zu halten, denn er wusste sehr wohl um den Zugewinn und die Bedeutung des reichen und großen Herzogtums Aquitanien für das französische Königshaus: Wollte das französische Königtum seinen Aufstieg fortsetzen, so musste es unbedingt an Aquitanien festhalten. Auch fungierte Suger als ein ausgleichendes Regulativ zwischen Bernhard von Clairvaux und Königin Eleonore. Suger und Bernhard, obwohl beide mit einer unglaublichen Energie ausgestattet und hoch gebildet, hätten
35 Unter einem Anathem (griechisch: Anathema = das Gottgeweihte, die Verfluchung) versteht man im Deutschen den
Kirchenbann.
36 Zitat übernommen aus: Pernoud: a. a. O., S. 81.
37 Siehe hierzu: Elizabeth A. R. Brown: Eleanor of Aquitaine: Parent, Queen, and Duchess, in: William Kibler (ed.): Eleanor of
Aquitaine. Patron and Politician, University of Texas Press, Austin und London 1976, S. 9-34, hier S. 14.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
persönlich nicht unterschiedlicher sein können, vor allem, was ihr Verständnis von Religion anging. Denn: „Der Abt von Saint Denis stellte der düsteren, kargen Religion [Bernhards] eine Religion entgegen, die gleichbedeutend mit Licht, Schönheit und Reichtum ist.“ 38 Erst als Suger ausfiel, war Ludwig VII. bereit, dem Drängen Eleonores auf eine Scheidung nachzugeben, die sie recht bald nach der Rückkehr aus dem Heiligen Land forderte und die Ludwig zunächst abgelehnt hatte. Das zweite Ereignis fiel ebenfalls in das Jahr 1151. In Paris traf Eleonore auf ihren späteren Ehemann Heinrich Plantagenet, Sohn des Grafen Gottfried von Anjou. Mit Gottfried hatte der französische König schon seit längerem politische Differenzen. Seit 1144 führte Gottfried zu seinem Grafentitel auch den Herzogstitel der Normandie; dies anerkannte Ludwig VII. im September 1149. Da seiner Grafschaft Anjou auch die Touraine und Maine angegliedert waren, entwickelte sich Gottfried zu einem nicht unerheblichen Machtfaktor im Rücken des Königs. 1150 gab Gottfried das Herzogtum Normandie an seinen siebzehnjährigen Sohn Heinrich weiter, ohne vorher bei seinem Lehnsherrn Ludwig VII. um dessen Belehnung zu bitten. Dies führte zu militärischen Auseinandersetzungen, die im August 1151 in Paris beigelegt werden sollten. Gottfried wurde durch seinen Sohn Heinrich begleitet. Chronisten wie Gerald von Wales (um 1146 bis um 1223) oder Wilhelm von Newburgh unterstellen Eleonore wegen dieser Begegnung gleich ehebrecherische Machenschaften, sowohl mit Gottfried als auch mit Heinrich, und es versteht sich, dass es sich hierbei einmal mehr um Verleumdungen handelt. Wohl aber mag es sein, dass Eleonore, enttäuscht in ihrer Ehe mit Ludwig VII., sich durch beide Männer beeindrucken ließ und eine Scheidung noch stärker ins Auge fasste. Noch im September 1151 starb Gottfried von Anjou überraschend an einem Fieber; sein Sohn Heinrich trat die Nachfolge an. Währenddessen unternahmen Eleonore und Ludwig eine letzte gemeinsame Reise durch Aquitanien. Diese war ungewöhnlich lang, und der König machte deutlich, dass er sich keinesfalls aus Aquitanien zurückziehen wollte, wie es manche Chronisten vermuten. In diesen Zusammenhang passt es auch, dass Ludwig den aquitanischen Herzogstitel erst 1154 ablegte - zwei Jahre nach der Scheidung von Eleonore. Doch Ludwig VII. hatte insgesamt nachgegeben. Am 21. März 1152 versammelte sich in Beaugency eine Synode, die die Scheidung des französischen Königspaares
38 Zitiert aus: Frédéric Delouche (hrsg.): „Europäisches Geschichtsbuch“, Ernst Klett Schulbuchverlag, Düsseldorf 1993, S. 151.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
aussprach. Als Grund wurde angeführt, Ludwig VII. und Eleonore seien zu nah miteinander verwandt.
Sobald die Scheidung ausgesprochen war, verließ Eleonore den Hof in Paris und begab sich nach Aquitanien, das ihr von Ludwig VII. zurück gegeben worden war. Sie sandte Heinrich von Anjou sofort eine Botschaft und machte ihm deutlich, dass sie für eine Ehe mit ihm frei sei. Die Hochzeit wurde in aller Heimlichkeit vorbereitet und fand am 18. Mai 1152 in Poitiers statt.
Ludwig VII. wurde durch diesen Coup völlig überrascht, denn er hatte „offensichtlich geglaubt, seine Gattin würde sich auf ihre Besitzungen in Aquitanien zurückziehen, um dort aus eigenem Recht als Herzogin zu regieren.“ 39 Sobald er die Kunde von der Heirat erhalten hatte, beeilte er sich, die Ehe durch einen Rat seiner Großen für ungültig erklären zu lassen. Ludwig war hiermit im Recht, denn nach dem gültigen Lehensrecht hätten sowohl Heinrich von Anjou als auch Eleonore vor ihrer Heirat um Erlaubnis bei Ludwig VII. einkommen müssen, denn er war beider Oberlehnsherr. Doch beide wussten nur zu gut, dass der König seine Zustimmung verweigert hätte. Bei der Verbindung zwischen Anjou und Aquitanien handelte es sich, so viel scheint klar, eher um eine Zweck- als eine Liebesheirat, aus der beide Seiten, sowohl Eleonore als auch Heinrich, ihren Nutzen ziehen konnten, wie Elizabeth A. R. Brown zeigt:
„Physical attraction and a thirst of power drew Eleanor and Henry together, despite the eleven-year difference which separated the queen and the young count. Eleanor’s prestige, authority, and widespread holdings offered Henry the prospect of valuable and much-needed assistance for he was determined to win the kingdom of England […]. For Eleanor, attachment to Henry meant the likelihood that she would simply exchange one royal title for another; it also meant that Aquitaine would be disengaged from Capetian
40 control and would once more be truly souvereign territory“.
Anhand des Zitats wird also deutlich: Heinrich erfuhr durch die Heirat mit Eleonore einen Kräftezuwachs für seinen Kampf um das Königreich England, während Eleonore ihr Herzogtum Aquitanien wieder aus dem französischen Königtum herauslösen und als unabhängige Herzogin regieren konnte, zumal sie in ihrem zwar jungen, aber politisch und militärisch bereits erfahrenen Gatten eine kraftvolle Stütze und einen Beschützer fand.
39 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 39.
40 Zitiert aus: Brown: a. a. O., S. 15.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
Für das Königreich Frankreich war die neue Ehe Eleonores gleich in mehrfacher Hinsicht eine Katastrophe. Nicht nur, dass dem kapetingischen Königtum Aquitanien, und damit der reiche Süden des Landes, verlorenging. Eleonore und Heinrich hielten zudem den ganzen Westen, von der Normandie und der Bretagne bis hinunter in die Gascogne in ihren Händen. Ludwig VII. war zwar ihr Lehnsherr, doch einen Nutzen konnte er daraus vorerst aus eigener Kraft nicht ziehen, im Gegenteil: Er sah sich einem gefährlicheren Machtfaktor als noch 1151 gegenüber. Es ist deshalb völlig richtig, wenn Joachim Ehlers für Ludwig VII. hier „einen Rückfall auf den Stand der letzten Regierungsjahre seines Vaters“ 41 diagnostiziert.
Es fällt auf, dass Eleonore nach ihrer Heirat mit Heinrich darum bemüht war, die Ehe mit Ludwig VII. vergessen zu machen. Das geht unter anderem aus den Urkunden hervor, die sie im Rahmen von Schenkungen für verschiedene Klöster in Aquitanien machte, darunter auch für ihre Lieblingsabtei Fontevrault im Poitou. Nach der Scheidung von Ludwig VII. legte sie gesteigerten Wert auf ihre Abstammung von den Herzögen von Aquitanien. Zu Recht betont Régine Pernoud, dass aus Eleonores Urkunden jener Zeit durchaus freudige Erwartungen in Bezug auf die gemeinsame Zukunft mit Heinrich hervorgehen und sie in Aufbruchsstimmung ist und nach vorne schauen möchte. 42
Weiter oben klang bereits an, womit sich Heinrich von Anjou vor, während und auch noch nach seiner Heirat mit Eleonore von Aquitanien zu beschäftigen hatte. Er, der älteste Sohn des bereits genannten Grafen Gottfried von Anjou und der Prinzessin Mathilde von England, verfocht in einem Bürgerkrieg gegen den englischen König Stephan von Blois (1135-1154) den Anspruch seiner Mutter auf den englischen Thron. Denn Mathilde war 1127 durch ihren Vater Heinrich I. (1100-1135) zu seiner Erbin erklärt worden und hatte 1128 Gottfried von Anjou geehelicht. Heinrich hatte seinen Adel nur durch Druck zur Anerkennung Mathildes als künftige Königin von England bewegen können. Als Heinrich I. nun am 1. Dezember 1135 gestorben war, ignorierte der englische Adel Mathildes Anspruch, da man in England keinesfalls an einem König aus dem Hause Anjou interessiert war. Zudem galt Mathilde als nicht sonderlich beliebt, da sie sich noch immer als Kaiserin bezeichnete und dementsprechend auftrat (Mathilde war zwischen 1114 und 1125 in erster Ehe mit Kaiser Heinrich V. verheiratet gewesen). An Mathildes Statt erhob der englische Adel
41 Zitiert aus: Joachim Ehlers: „Ludwig VII.“, in: Derselbe, Heribert Müller und Bernd Schneidmüller (hrsg.): „Die französischen
Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. (888-1498)“, Verlag C. H. Beck, Beck’sche Reihe, München 2006, S. 126-139,
hier: S. 133.
42 Siehe hierzu bei: Pernoud: „Königin“, S. 96-97.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
den mächtigen Grafen Stephan von Blois, einen Vetter Mathildes, zum König. Mathilde jedoch war nicht bereit, auf die Krone zu verzichten, sodass sich England seit 1139 im Bürgerkrieg befand, der aber letztlich keinen Sieger hervorbrachte, sodass sich beide Parteien, Mathilde und ihr Sohn Heinrich von Anjou auf der einen und Stephan von Blois auf der anderen Seite, 1153 auf den Vertrag von Winchester 43 einigten, der den Krieg beendete. Stephan von Blois sollte laut Vertrag bis an sein Lebensende König von England bleiben. Stephan erkannte im Gegenzug Heinrich als seinen Nachfolger an und adoptierte ihn darüber hinaus. Währen der Verhandlungen in Winchester blieb Eleonore in der Normandie zurück und brachte ihr erstes Kind mit Heinrich zur Welt: einen Sohn, der, der aquitanischen Tradition folgend, den Namen Wilhelm erhielt. Jedoch ist ihre Zustimmung zum Vertrag von Winchester „ausdrücklich erwähnt“ 44 . Stephan von Blois starb Ende Oktober 1154, sodass der 1153 ausgehandelte Erbfall früher als erwartet eintrat. Am vierten Adventssonntag (19. Dezember 1154) wurden Heinrich, nun Heinrich II., und Eleonore zu König und Königin von England gekrönt.
43 Dieser Vertrag ist auch bekannt als Vertrag von Wallingford oder Vertrag von Westminster, da er hier, in Westminster,
endgültig ratifiziert wurde.
44 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 45.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
I.3: Königin von England (1154-1189)
I.3.1: Erfolgreiche Jahre (1154-1164)
Auf den neuen König wartete in England eine schwierige Aufgabe, denn er hatte ein vom Bürgerkrieg gespaltenes und verwüstetes Land zu reorganisieren und einen Adel in die Schranken zu weisen, der den Krieg vor allem dazu genutzt hatte, die eigene Position zu stärken. Zunächst aber erließ Heinrich II. eine Charta, in der er erklärte, es solle alles so bleiben wie zu den Zeiten seines Großvaters Heinrich I. Ohnehin wurde die Herrschaft des jüngsten Sohnes Wilhelm des Eroberers für Heinrich II. „zunehmend zum idealtypischen Vorbild königlichen Handelns und zum ,Goldenen Zeitalter’ des englischen regnum.“ 45 Dann wandte er sich den Baronen zu. Diese „hatten sich in ihren zu wahren Banditenhöhlen umgewandelten Burgen verschanzt und zogen von da mordend und raubend durchs Land und schreckten vor keiner Schandtat zurück.“ 46 Doch Heinrich II. hatte schließlich innerhalb eines Jahres an die einhundert Burgen schleifen lassen. Die Barone beruhigte er, indem er sie, innerhalb gewisser Grenzen, an der Regierung beteiligte. Dadurch erreichte er nicht nur ihre Loyalität, sondern gelangte mehrfach an seine Ziele:
„Heinrich II. […] beriet sich gerne mit seinen Baronen, hielt sie über die Geschäfte des Königreichs auf dem Laufenden oder versammelte sie zu Reichsgerichten. Die Barone
47 fühlten sich geschmeichelt und zahlten die außergewöhnlichen Hilfsgelder williger.“
Neben seinen insularen Verpflichtungen hatte Heinrich II. sich auch um seinen ausgedehnten kontinentalen Besitz zu kümmern. Im Allgemeinen hat man sich angewöhnt, diesen Besitz in Verbindung mit dem Königreich England als das Angevinische Reich zu bezeichnen. Doch um ein Reich im wirklichen Sinne handelte es sich hierbei gar nicht. England und die von Heinrich II. in Frankreich gehaltenen Grafschaften und Herzogtümer waren getrennt verwaltete Gebiete, die sich recht unterschiedlich gestalteten und auch unterschiedlich der Herrschaft Heinrichs II. fügten. Auch darf nicht vergessen werden, dass Heinrich für seinen kontinentalen Besitz dem französischen König, also Ludwig VII., den Lehnseid zu leisten hatte und
45 Zitiert aus: Dieter Berg: „Richard Löwenherz“, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, S. 18f (in der Folge zitiert
als: „Berg: Richard Löwenherz“).
46 Zitiert aus: Christine und Pierre Lauffray: „Die Plantagenets“, Editions Rencontre, Lausanne 1969, S. 26.
47 Zitiert aus: Lauffray: a. a. O., S. 28.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
so deutlich wurde, dass seine Lehen immer noch Teil des Königreiches Frankreich waren.
Dennoch lässt sich feststellen, dass Heinrich II. seit 1154 ein riesiges Gebiet zu verwalten hatte, dessen Ausmaße schon die Zeitgenossen beeindruckte und welches ihm einiges Verwaltungsgeschick abverlangte. Der schon erwähnte Gerhard von Wales feierte den König dementsprechend:
„Eure Siege trotzen den Grenzen der Welt. Ihr, unser Alexander des Westens, habt Euren Arm von den Pyrenäen bis zu den östlichen Küsten des Nordmeeres
48 ausgestreckt.“
In den ersten Jahren ihrer Ehe mit Heinrich II. ist Eleonore als Sachwalterin und Vertreterin des Königs zu verstehen. Weilte er in Frankreich, um dort seine Herrschaft zu verteidigen, hielt sich die Königin in England auf und übte in seinem Namen die Herrschaft aus und sprach regelmäßig Recht. Zum ersten Mal war dies in der gesamten ersten Jahreshälfte 1156 der Fall, dann zwischen August und Dezember 1158. Die dritte Regentschaft Eleonores fällt in den Zeitraum 1159/60. Währenddessen zog Heinrich II. gegen Toulouse, um, wie schon Ludwig VII., das Erbe Eleonores einzufordern. Doch Heinrichs Zug scheiterte, da sich zu dieser Zeit Ludwig VII. in Toulouse aufhielt und Heinrich II. die Belagerung abbrach mit der Begründung, er könne nicht seinen eigenen Lehnsherrn belagern. Eleonore war nicht nur, wie alle ihre Vorgängerinnen auf dem englischen Thron seit 1066, innerhalb eines eigenen Krönungszeremoniells zur englischen Königin gekrönt worden, als solche verfügte sie über einen eigen Haushalt mit einem eigenen Kanzler, einem Sekretär und Bediensteten. Zudem wies ihr Heinrich II. nach der Krönung Ländereien in England zu, die sie bewirtschaften lassen und deren Einkünfte sie selbst verwenden konnte. Von Eleonore als englischer Königin sind zwar kaum Urkunden überliefert, jedoch lässt sich sagen, dass sie alleine schon auf Grund ihrer zeitweiligen Regentschaften am englischen Hof einen größeren Einfluss besaß als in Paris in ihrer Zeit als französische Königin.
Während also Heinrich II. in England Frieden und Sicherheit wieder herstellte, unter anderem dem Königtum entfremdetes Land wieder an sich zog und die zusammengebrochene Finanzverwaltung wieder aufrichtete, die England am Ende
48 Zitat übernommen aus: Martin Aurell: „Die ersten Könige aus dem Hause Anjou (1154-1216)“, in: Hannah Vollrath und Natalie
Fryde (hrsg.): „Die englischen Könige im Mittelalter. Von Wilhelm dem Eroberer bis Richard III.“, Verlag C. H. Beck, Beck’sche
Reihe, München 2004, S. 71-101, hier: S. 71.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
der Herrschaft Heinrichs I. noch zum am effizientesten verwalteten Königreich im Abendland gemacht hatte, trug Eleonore in den Jahren 1154-1158 im Ganzen vier Kinder, drei Söhne und eine Tochter, aus: Heinrich (1155), Mathilde (1156), Richard (1157) und Gottfried (1158). 1161 folgte die Tochter Eleonore, 1165 Johanna und 1167 schließlich Johann. Eleonore hatte mit der Geburt ihrer Kinder zwei Ziele erreicht: Erstens hatte sie ihren eigenen Ruf als Königin gefestigt, zweitens war durch die Geburt von fünf Söhnen der Fortbestand der jungen Königsdynastie Anjou-Plantagenet bis auf Weiteres gesichert. Mit ihren Kindern betrieben Eleonore, aber noch mehr König Heinrich II., eine kluge Heiratspolitik. 1160 wurde der älteste Sohn mit Margarete von Frankreich verlobt, der 1158 geborenen Tochter aus der zweiten Ehe Ludwigs VII. Mit dieser Verbindung eröffnete sich Heinrich und Eleonore die Aussicht, dereinst vielleicht den eigenen Sohn auf dem französischen Thron zu sehen. Ludwig hatte dieser Verbindung nur unter der Bedingung zugestimmt, dass seine Tochter nicht von Eleonore erzogen werden sollte, sobald sie an den englischen Hof kam. Diese Ehe war Ausdruck eines angevinisch-französischen Ausgleichs, der am 31. August 1158 auf der Burg Gisors geschlossen wurde. 1168 gelang dem englischen König der Abschluss der nächsten lukrativen Verbindung. Am 1. Februar diesen Jahres heirateten Heinrichs und Eleonores Tochter Mathilde und Herzog Heinrich der Löwe von Sachsen und Bayern im Dom zu Minden, nachdem sie bereits seit 1165 miteinander verlobt gewesen waren. Die Ehe hatte einen brisanten politischen Hintergrund, denn Kaiser Friedrich I. bot dem englischen König ein Bündnis gegen Papst Alexander III. an, mit dem er sich seit 1159 in einem tiefgreifenden Konflikt befand, den die Geschichtswissenschaft als das so genannte Alexandrinische Schisma kennt. Das Bündnisangebot an den Plantagenet fiel dem Kaiser umso leichter, als dass sich König Heinrich II. selbst im Konflikt mit der Kirche befand, da der Erzbischof von Canterbury, seit 1162 Thomas Becket, Heinrichs rigorose Kirchenpolitik ablehnte und sich zudem für Papst Alexander III. erklärte. Die Ehe zwischen Heinrich dem Löwen und Mathilde von England diente somit der Festigung des englisch-staufischen Bündnisses gegen den Papst. 49 Aber es gab noch einen weiteren Effekt: Durch dieses Bündnis wurde der französische König eingekreist und von seinem Gegner in die Zange genommen. Auch die jüngste Tochter Johanna wurde 1177 nach Europa verheiratet. Sie wurde verehelicht mit König Wilhelm II. von Sizilien.
49 Siehe zu dieser Thematik auch bei: Joachim Ehlers: „Heinrich der Löwe. Europäisches Fürstentum im Hochmittelalter“,
Muster-Schmidt Verlag, Göttingen und Zürich 1997, S. 45.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
I.3.2: Krisen und Gefangenschaft (1164-1189)
So erfolgreich die ersten Jahre in England für Heinrich II. und Eleonore waren, so sehr Ludwig VII. von Frankreich 1158 anerkennen musste, dass er als französischer König nicht über die Mittel verfügte, Heinrich im Zaum halten zu können: Seit ungefähr 1164 änderten sich die Vorzeichen. Dies lag vor allem daran, weil Heinrich begann, grundlegende Fehler zu machen. Auch im persönlichen Verhältnis des Königspaares begann sich eine Veränderung abzuzeichnen. Jedenfalls nahm Eleonore während eines gemeinsamen Aufenthalts mit Heinrich in England (1163-1165) an der Regierung des Reiches nicht teil, sondern hielt sich meist im Südwesten Englands auf. Hinzu kam: Obwohl Eleonore 1165 und 1167 zwei weitere Kinder zur Welt brachte, begann Heinrich verstärkt, sein Interesse anderen Frauen zuzuwenden. Seit wohl 1166 zeigte er sich öffentlich mit der Tochter des normannischen Ritters Walter Clifford, Rosamunde, die die Mit- und Nachwelt zu allerlei Geschichten und Sagen angeregt hat, wie zu zeigen sein wird. Obwohl es noch nicht zur vollständigen Entzweiung kam, erhielt die Ehe Heinrichs und Eleonores einen Haarbruch, der sich fatal auswirken sollte. Hinzu kamen für Heinrich Schwierigkeiten kirchenpolitischer Art, die 1164 mit der Veröffentlichung der Konstitutionen von Clarendon ihren Anfang nahmen und in einen erbitterten Streit zwischen dem König und Erzbischof Thomas Becket von Canterbury gipfeln sollten, abgeschlossen durch die grausame Ermordung Beckets in seinem Dom (Dezember 1170). Diese Ereignisse müssen hier nicht berücksichtigt werden, da Eleonore nicht an ihnen beteiligt war. Festzuhalten ist aber, dass Heinrichs Stellung seit 1170 geschwächt war.
Ein Jahr zuvor hatte sich der König daran gemacht, sein Erbe zu ordnen, was bedeutete, dass er seinen Festlandsbesitz unter seine Söhne verteilte. So wurde vereinbart, dass Richard Aquitanien erhalten sollte. Der Älteste Heinrich sollte die Krone Englands erben und zunächst zum Mitkönig seines Vaters gekrönt werden. Gottfried erhielt die Bretagne, einzig der jüngste Sohn, Johann, blieb zunächst unberücksichtigt. Eleonore nahm Richard mit nach Aquitanien, wo er neben ihr als Herzog regierte. Richard war Eleonores Lieblingssohn geworden, während Heinrich II. im Laufe seiner Herrschaft Prinz Johann als seinen Nachfolger aufbauen wollte. Daraus sollte sich später eine Abneigung sowohl zwischen Johann und Richard als auch Johann und Eleonore entwickeln.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
Heinrich II. beging nun aber einen großen Fehler: Er hatte zwar seine Söhne mit Ländereien und Einkünften ausgestattet, nur behielt er die tatsächliche Herrschaft für sich und ließ seine verärgerten Söhne außen vor. Gerade der Sohn Heinrich wollte nun endlich herrschen, erreichte 1172 zwar die schon erwähnte Krönung zum Mitkönig, sah sich aber noch immer von jeglicher Herrschaft ausgeschlossen. Hinzu kam, dass Heinrich II. ganz selbstverständlich auch in die Herrschaft in Aquitanien eingriff, was den dortigen Adel gegen ihn aufbrachte.
Ausgenutzt und angeheizt wurde diese Situation durch Ludwig VII. und seinen Sohn und Nachfolger Philipp II. Augustus von Frankreich. Ludwig hatte schon Thomas Becket in seiner Auseinandersetzung mit Heinrich II. Asyl geboten und machte sich nun die Unzufriedenheit der Plantagenet-Söhne zunutze, sodass es 1173/74 zum offenen Aufstand gegen den Vater kam. Inwieweit Eleonore in diesen Aufstand verwickelt war, ist heute nicht mehr ersichtlich, wohl aber hat sie die Söhne gegen den Vater zumindest ermuntert. Heinrich erwies sich zunächst jedoch als der Stärkere, der Aufstand scheiterte, die Söhne mussten sich unterwerfen. Eleonore wurde, wohl auf dem Wege zu Ludwig VII. nach Paris, von Mannen ihres Gatten abgefangen und in Gefangenschaft geführt. Nicht nur für den König, auch für die zeitgenössischen Chronisten war es nicht hinnehmbar, dass auch nur der Verdacht entstehen konnte, dass sich eine Königin gegen ihren Herrn und Gemahl erhob. Die nächsten fünfzehn Jahre saß Königin Eleonore an verschiedenen Orten, so z. B. Salisbury, in England in Ehrenhaft. Diese wurde 1183 und 1186 gelockert, als die Söhne Heinrich der Jüngere und Gottfried starben. Heinrich II., der sich nun mit seinem Sohn Richard als Gegner auseinanderzusetzen hatte, holte Eleonore lediglich nur dann an den Hof, wenn es unbedingt und in aquitanischen Angelegenheiten erforderlich war. Ansonsten war die Königin völlig von der politischen Bildfläche verschwunden. Heinrich II. verbrauchte derweil seine Kräfte im Kampf gegen Richard und Philipp II. von Frankreich und starb einsam und krank am 6. Juli 1189.
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I.3.3: Die Königinmutter (1189-1204)
Mit dem Tod Heinrichs II. im Juli 1189 fand auch Eleonores Gefangenschaft ein Ende. König Richard I. sandte seiner Mutter seinen Getreuen William den Marschall, der die Freilassung vollziehen sollte, doch dieser fand die Königin bereits in Freiheit vor. Schon die Zeitgenossen stellten überrascht fest, dass die Gefangenschaft der Königin nichts von ihrer Lebensenergie genommen hatte, immerhin war Eleonore zu diesem Zeitpunkt eine Frau von bereits 67 Jahren. Laut Régine Pernoud war sie noch immer von einem „inneren Feuer belebt“ 50 . Dies ermöglichte es Eleonore in den letzten eineinhalb Jahrzehnten ihres Lebens, ihren beiden Söhnen Richard und Johann, die nacheinander Könige Englands waren, eine unverzichtbare Stütze zu sein. Denn es ist nicht zu bestreiten, dass es Königin Eleonore war, die ihren Söhnen Reich und Krone erhielt, als das „Angevinische Reich“ am politischen Abgrund stand. Darauf wird nun einzugehen sein.
Eleonore nutzte ihre gewonnene Freiheit, um sogleich die Krönung ihres Lieblingssohnes Richard zum englischen König in die Wege zu leiten. Zunächst erließ sie ein Edikt, in dem sie anordnete, alle Gefangenen frei zu lassen. Sie selbst reiste durch England, verteilte Privilegien und ordnete Reformen an. Bei all dem zeigte sie eine große „Schnelligkeit und Entschlossenheit, die ganz England überraschte“. 51 Am 3. September 1189 ließ sich Richard in London zum König von England krönen. Doch seine Pläne führten weiter. Denn er hatte nicht nur ein Riesenreich von seinem Vater geerbt, sondern auch das Kreuzzugsgelübde, welches sein Heinrich II. noch ein Jahr zuvor abgelegt hatte, nachdem Jerusalem 1187 nach der christlichen Niederlage bei Hattin wieder in die Hände der Ungläubigen gefallen war.
Für seinen Zug benötigte der neue König vor allem Geld. Dafür ließ er zunächst den hinterlassenen Besitz seines Vaters schätzen. Um ihn zu mehren, wandte der König einen Trick an: Er entließ im Land zahlreiche Vögte und andere Würdenträger, die sich das Amt dann vom König zurückkaufen mussten. Richard zwang sie schlicht dazu, denn anderenfalls fanden sich die Betroffenen im Gefängnis wieder. Von dieser Maßnahme waren alle Ämter betroffen, die in England zu vergeben waren.
50 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 211.
51 Zitiert aus: Régine Pernoud: „Der Abenteurer auf dem Thron. Richard Löwenherz König von England“, dtv, München 1996, S.
78 (in der Folge zitiert als Pernoud: „Abenteurer“).
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Der Mönch und Chronist Richard von Devizes hält dazu erschüttert aber auch sarkastisch fest:
„Der König erleichterte in großer Eile all jene, die ein wenig zuviel besaßen, um ihr Geld
52 und gab ihnen dafür je nach Wunsch Macht und Besitz.“
Ferner hatte Richard darauf zu achten, dass er seine Länder mit einer intakten Verwaltung zurückließ. Die in dieser Verwaltung tätigen Menschen mussten ihm unbedingt treu ergeben sein. So ernannte er neue reisende Richter. Johann, den Bruder von William dem Marschall, machte Richard zu seinem Oberschatzmeister, während er den Bischof von Ely, William Longchamp, zum Kanzler von England ernannte und ihm dafür um 3000 Pfund in Silber abpresste. Dieser William Longchamp sollte später noch eine wichtige Rolle zu spielen haben. Und Richard ging auf seiner Suche nach Geldquellen sogar noch ein Stück weiter: Er entband den schottischen König Wilhelm I., den Löwen, von den seit 1173/74 bestehenden Lehensverpflichtungen und ließ sich das mit einer ansehnlichen Summe Geldes (10.000 Mark Sterling) vergelten.
Auch in der eigenen Familie musste Richard erst die Verhältnisse geklärt wissen, bevor er an einen Zug ins Heilige Land denken konnte. Seinen Halbbruder Gottfried 53 ließ er, gegen dessen Willen, zum Bischof von York wählen. Auch dies ließ er sich bezahlen. Seinen ehrgeizigen Bruder Johann, der in Richards Herrschaft eine wichtige Rolle spielen sollte, suchte der König dadurch ruhig zu stellen, indem er ihn mit großen Besitzungen ausstattete. Er wurde zum Grafen von Mortain erhoben und erhielt darüber hinaus auch Cornwall und Devon zugesprochen. Richard beließ ihm des Weiteren alle Ländereien, mit denen Heinrich II. seinen Lieblingssohn ausgestattet hatte. Zum Schluss verheiratete der König Johann mit Havise (Isabella), der Erbin des Herzogtums Gloucestershire. Gerade dieser Reichtum ermöglichte es Johann später, gegen seinen königlichen Bruder zu opponieren und England in Unruhe zu versetzen. Besonders reich bedachte König Richard jedoch seine Mutter Eleonore. Ihr überschrieb er die Leibgüter der Königinnen Mathilde und Aelis, ihrer Vorgängerinnen.
Da Richard erfuhr, dass auch Philipp II. Augustus von Frankreich ins Heilige Land aufbrechen wollte, beschloss man, gemeinsam zu gehen. Dies geschah weniger aus
52 Zitat übernommen aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 88.
53 Hier handelt es sich um einen der illegitimen Söhne Heinrichs II. Er ist nicht zu verwechseln mit Richards leiblichem Bruder
Gottfried, dem Herzog der Bretagne, der 1186 gestorben war.
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persönlicher Freundschaft, sondern aus politischem Kalkül, wie Joachim Ehlers ausführt:
„Als gleichsam natürlicher Führer des Unternehmens erschien diesmal der Kaiser [...]. Nicht ihn freilich bevorzugte das bedrängte christliche Königreich Jerusalem als Helfer, sondern die verwandten Anjou-Plantagenet in England, doch durch den Festlandsbesitz waren diese an ihren französischen Feind gekettet: Weder Richard noch Philipp durfte gehen, wenn einer von beiden zurückblieb und Vorteile aus der Abwesenheit des Konkurrenten zog, aber wiederum keiner von beiden konnte sich offen gegen den Kreuzzug stellen, wenn er nicht sein Ansehen in der Christenheit aufs Spiel setzen
54 wollte.“
Der Aufbruch Richards und Philipps verzögerte sich, da Philipps Frau Isabella im März 1190 im Kindbett verstarb und der König gezwungen war, die Regentschaft für die Zeit seiner Abwesenheit neu zu ordnen. Danach trafen sich beide Monarchen und vereinbarten miteinander, während des Zuges untereinander Frieden zu halten. Dann setzte man sich in Marsch.
England blieb mit einer scheinbar intakten Verwaltung zurück. Der Justiziar William Longchamp war Kanzler, dem es trotz seiner geringen Körpergröße nicht an Selbstbewusstsein mangelte. Insgesamt gesehen handelte es sich aber um eine „unpopuläre und schwache Regentschaft“ 55 , denn bald wurde klar, dass es von Vorteil war, wenn auch Eleonore ein wachsames Auge auf die Dinge hatte, die im „Angevinischen Reich“ vor sich gingen. Denn erstens war William Longchamp nicht nur selbstbewusst, sondern durchaus auch eitel, überheblich und anmaßend. Den meisten Zeitgenossen und auch Chronisten galt er als politischer Opportunist, der mit seinen geistlichen und weltlichen Würden prahlte. Er war nicht nur Kanzler von England und Bischof von Ely, sondern darüber hinaus auch päpstlicher Legat, und gerade dieses Amt gab ihm eine nicht zu unterschätzende Macht, denn viele englische Bischofssitze waren verwaist oder vakant, da ihre Inhaber mit König Richard ins Heilige Land gezogen waren. Auch soll es vorgekommen sein, dass William Longchamp königliche Befehle entweder ignorierte oder durch Gegenerlasse außer Kraft setzte. Richard, der den Winter 1190/91 bei seiner Schwester Königin Johanna von Sizilien verbrachte, erhielt von den Vorwürfen gegen William Kunde
54 Zitiert aus: Ehlers: „Geschichte“, S. 126.
55 Zitiert aus: Jürgen Sarnowsky: „England im Mittelalter“, Primus Verlag, Darmstadt 2002, S. 105.
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und sandte den Erzbischof Gautier von Rouen (1184-1208) nach England, um die Lage zu überprüfen und gegebenenfalls zu beruhigen. Doch William Longchamp weigerte sich von Beginn an, seine Arbeit mit dem Erzbischof zu teilen, sodass Gautier zur Untätigkeit verurteilt war.
Zweitens musste Eleonore ihren jüngsten Sohn Johann im Auge behalten. Sie traute ihm nicht und war besorgt. Die folgenden Ereignisse sollten ihr Recht geben, denn obwohl William Longchamp Kanzler Englands war: Er hatte in Johann einen mächtigen Gegner. Johann hielt sich in England auf, obwohl er seinem königlichen Bruder hatte schwören müssen, das Inselreich während Richards Abwesenheit nicht zu betreten. Der Herrscher hatte damit mögliche Rebellionsversuche seines Bruders unterbinden wollen. 56
Die Auseinandersetzungen zwischen Prinz und Kanzler begannen mit dem Streit um die Burg von Lincoln, die Longchamp sich anzueignen gedachte, sodass der Besitzer der Burg Prinz Johann um Hilfe anrief. William, der mit Truppen nach Lincoln marschiert war, ignorierte die Aufforderungen Johanns, sich sofort zurückzuziehen. Als Reaktion hierauf besetzte Johann die Burgen von Nottingham und Tickhill, offenbar, um diese „als Pfand für die Aufhebung des Belagerungszustandes verwenden zu wollen.“ 57 Die angespannte Situation wurde schließlich durch den Tod Papst Clemens’ III. (10. April 1191) gelöst, denn mit dem Tod des Pontifex erlosch auch Longchamps Legatenamt. Der Kanzler geriet dadurch in die Defensive, denn allein mit seiner weltlichen Macht war er Johann unterlegen. Deshalb sah er sich zu einem schnellen Friedensschluss genötigt und zog sich vorerst zurück. Schwierigkeiten bestanden aber auch zwischen Longchamp und Gottfried dem Bastard, dem Bischof von York. Obwohl dieser sich stets, wie bereits geschildert, gegen seine Erhebung zum Bischof gewehrt hatte, wollte er dennoch Besitz von seinem Bistum ergreifen. Aufgrund des Schwurs gegenüber dem König (siehe Fußnote 56) versuchte der Kanzler, den Kleriker daran zu hindern, auf die Insel zu gelangen. Dennoch gelang es Gottfried am 14. September 1191, englischen Boden zu betreten. Doch er wurde sofort durch Leute des Kanzlers empfangen, festgenommen, in eine Festung verbracht und aller seiner Würden entkleidet; sein Besitz wurde durch Longchamp eingezogen. Als Prinz Johann von den Vorfällen erfuhr, machte er im Adel und bei der Geistlichkeit Stimmung gegen William: Unter anderem
56 Régine Pernoud dazu: „Richard hatte seinen beiden Brüdern [Johann und dem unehelichen Gottfried] den Schwur
abgenommen, nicht nach England zu gehen, solange er abwesend sei. Ihre Mutter hatte jedoch den Schwur für Johann [in
Anbetracht der zugespitzten Situation mit William Longchamp] aufgehoben.“ (Pernoud: „Abenteurer“, S. 196).
57 Zitiert aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 196.
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die Bischöfe von Bath und Chester beklagten sich bitter über die Eigenmächtigkeiten des Kanzler-Bischofs. Daraufhin sah sich Longchamp gezwungen, Gottfried wieder frei zu lassen, der sich wiederum sofort nach London begab, um seinerseits gegen seinen Widersacher Beschwerde zu führen. Longchamp musste daraufhin nach Windsor und später nach London in den Tower ausweichen - dies alles, „„nachdem es einige Scharmützel zwischen seinen Leuten und denen von Johann ohne Land gegeben hatte.“ 58
Eleonore beobachtete dies alles und blieb nicht untätig. Wie bereits erwähnt, war sie in Bezug auf Prinz Johann skeptisch, noch weniger konnte sie aber die Eigenmächtigkeiten des Kanzlers hinnehmen - obwohl der angeblich „loyal [versuchte], die von Richard erhaltenen Instruktionen auszuführen.“ 59 Dies betraf auch die Bestimmungen des Vertrags von Messina, den König Richard 1190 mit Tankred von Lecce geschlossen hatte. Dieser hatte den sizilischen Thron usurpiert, nachdem König Wilhelm II. im November 1189 gestorben war. Wilhelm II. war, wie gehört, der Gatte von Richards jüngerer Schwester Johanna gewesen, die nun von Tankred gefangen gehalten wurde. Auf dem Wege ins Heilige Land machte Richard, wie geschildert, auch in Sizilien Station und forderte die sofortige Freilassung Johannas. Doch erst, nachdem Richard Messina belagerte, fand sich Tankred zu Verhandlungen bereit. Es wurde unter anderem vereinbart, dass die Tochter Tankreds denn Neffen Richards, Arthur, ehelichen sollte. Richard bestimmte überdies, dass Arthur ihn, Richard, beerben sollte, würde er kinderlos sterben. In ersten Novembertagen 1190 drangen die Bestimmungen des Vertrages nach England durch. Eleonore lehnte Richards Erbfolgerregelung ab. Erstens war „durch diese Entwicklung das Erbrecht ihres jüngsten Sohnes [Johann] ernsthaft in Frage gestellt“ 60 worden. Dies konnte Eleonore, trotz ihrer Vorbehalte gegenüber ihrem Jüngsten, nicht akzeptieren, da nach ihrem Verständnis Brüder vor den Kindern verstobener Söhne Anrecht auf das Erbe hatten. 61 Wären die Bestimmungen des Vertrages von Messina Wirklichkeit geworden, hätte dies zweitens für Eleonore persönlich zur Folge gehabt, dass sie in England keine Rolle mehr zu spielen gehabt hätte, weil die Regentschaft im Namen Arthurs an seine Mutter Konstanze von der Bretagne übergegangen wäre. All diese Überlegungen führten dazu, dass Eleonore
58 Zitiert aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 197.
59 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 79.
60 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 79.
61 Hier wird deutlich, dass Königin Eleonore durch die Gebräuche geprägt war, wie sie in Aquitanien gepflegt wurden, wo eben
diese beschriebe Erbfolge galt.
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sich dazu entschloss, die Heirat zwischen Richard und Berengaria von Navarra, die schon länger im Raume stand, in die Tat umzusetzen. Sie selbst nahm Berengaria in Pamplona in Empfang und reiste mit ihr über die Alpen und durch Italien, wo man mit Kaiser Heinrich VI. zusammentraf, nach Sizilien. Zuvor hatte Tankred noch versucht, ein Treffen zwischen Eleonore und Richard zu verhindern, indem er sie in Neapel abfangen und nach Brindisi verbringen ließ. Erst Richard erreichte durch Verhandlungen eine ungestörte Anreise seiner Mutter und seiner Braut und ehelichte Berengaria schließlich in Abwesenheit Eleonores auf Zypern. Die Königinmutter blieb nur drei Tage in Messina und reiste dann nach Rom ab. Hier nahm sie im April 1191 an der Kaiserkrönung Heinrichs VI. teil. Mitte Juni 1191 erreichte sie die Normandie, wo sie auch das Weihnachtsfest dieses Jahres feierte. Der sie begleitende Erzbischof von Rouen setzte derweil nach England über, wo er, wie gehört, auf den Widerstand William Longchamps traf.
Dieser hatte die Situation in England völlig überschätzt. Es wurde offenbar, dass Prinz Johann der Stärkere war: Am 8. Oktober 1191 fand in der Londoner St.-Pauls-Kathedrale eine erregte Versammlung statt. Hier erklärte Johann William Longchamp als Kanzler von England für abgesetzt und übergab das Amt des Kanzlers an Gautier von Rouen und Willian den Marshall. Oberste Richter des Landes wurden Hugo Bardulf und William Bruere. Longchamp blieb nichts anderes übrig als sein Amt abzugeben, und nach einigen größeren Schwierigkeiten gelang es ihm, sich in die Normandie einzuschiffen. Er unterließ es natürlich nicht, sich mehrfach bei Amtsbrüdern und dem Papst über seine Behandlung (er war u. a. gefangen gesetzt worden) zu beschweren. „Ein Regen von Exkommunikationen ging daraufhin auf die englischen Diözesen nieder.“ 62 Das Chaos war perfekt, denn Exkommunikationen bedeuteten immer ein Stück Unsicherheit für die Diözesen, denn das hieß nichts anderes als dass Exkommunizierte keine Gottesdienste mehr halten oder an Gottesdiensten teilnehmen durften und so das geistliche Leben Schaden erlitt. Die Situation wurde schließlich dermaßen unhaltbar, dass sich Eleonore zu Beginn des Jahres 1192 persönlich auf die Insel begeben musste. Zudem war bekannt geworden, dass sich der französische König auf dem Rückweg aus dem Heiligen Land befand. Er hatte den Kreuzzug ohnehin nur halbherzig betrieben, sondern nur deshalb, weil es politisch geboten erschien. 63 Der König hatte es nicht verwunden,
62 Zitiert aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 200.
63 Siehe hierzu bei: Steven Runciman: „Geschichte der Kreuzzüge“, Sonderausgabe in einem Band ohne Quellen- und
Literaturangaben, dtv, München, 5. Auflage 2006, S. 805.
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dass Richard ihn mit seinen raschen militärischen Erfolgen in Übersee in den Schatten gestellt hatte. 64 Eleonore begab sich in England auch in das Bistum Ely, um sich einen Überblick zu verschaffen. Richard von Devizes berichtet über ihre Inspektionsreise:
„„[…] Königin Eleonore nämlich, besuchte verschiedene Herrenhäuser in der Nähe von Ely, die ihr gehörten […]. Da kamen in allen Dörfern und Weilern Männer, Frauen und Kinder zu ihr, die nicht unbedingt zu den Allerärmsten gehörten. Ein Volk in Tränen und Jammer, mit nackten Füßen, die Kleider in Unordnung, das Haar ungekämmt. Sie wandten sich unter Tränen an sie, konnten vor Kummer kaum sprechen. Niemand brauchte zu erklären, was sie sagen wollten, man konnte es ihren Gesichtern ablesen. Unbeerdigte Leichen lagen hier und da auf den Feldern, da ihre Bischöfe jegliches christliches Begräbnis unterbunden hatten. Die Königin begriff, woher eine derartige Härte kam, sie selbst nämlich war voll Mitleid […]. Sie kümmerte sich nicht mehr um ihre eigenen Dinge, sondern begab sich nach London und bat den Erzbischof von Rouen, oder besser gesagt, sie forderte ihn auf, alle Güter des Bischofs dem Bistum zurückzugeben und die Exkommunikation desselben Bischofs, sofern sie seine Kanzlerschaft betraf, aufzuheben, die in der Provinz von Rouen ausgesprochen worden war. Wo gab es einen Mann aus Eisen, der nicht vor dieser Frau weich geworden wäre
65 und nicht auf ihre Wünsche gehört hätte?“
Zudem bewahrheitete sich, was Königin Eleonore befürchtet und zu verhindern gesucht hatte: Kaum war Philipp II. Augustus von Frankreich wieder im Abendland angelangt, begab er sich zu Papst Cölestin III. (1191-1198) und beschwerte sich bitterlich über Richard I. Gleichzeitig bat er den Papst, sich an Richard revanchieren zu dürfen, da dieser ihn schlecht behandelt hätte. Philipp wollte sich als Wiedergutmachung unter anderem das Herzogtum Normandie aneignen. Doch der Papst durchschaute den Plan des Kapetingers und verbot ihm unter Bannandrohung, Richards Länder anzutasten. Philipp II. wusste selbst nur zu gut, dass Richard noch immer Kreuzfahrer war, und es galt als unchristlich, sich den Besitz eines abwesenden Kreuzfahrers anzueignen und war daher verboten. Auch Prinz Johann tat das Seinige, um die Situation zu verschärfen. Immer wieder ließ er in den Ländern seines Bruders verbreiten, sein Bruder beabsichtige, nicht aus Outremer zurück zu kehren und habe daher ihn, Johann, zu seinem Nachfolger bestimmt.
64 Gute Darstellungen des Dritten Kreuzzuges und auch der Auseinandersetzungen zwischen Richard und Philipp II. August von
Frankreich finden sich u. a. bei: Pernoud: „Abenteurer“, S. 98-194. Ferner siehe bei: Mayer: a. a. O., S. 169-185 oder bei:
Runciman: a. a. O., s. 773-880.
65 Zitat übernommen aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 201f.
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Dies alles bewog Königin Eleonore, ihrem Sohn in Übersee zu schreiben, und ihre Botschaften wurden immer drängender. Schließlich konnte Richard nicht länger zögern und trat den Heimweg an, um seinen Bruder zu maßregeln und Philipp II. in die Schranken zu weisen. Am 9. Oktober 1192 begann seine Rückreise, im Dezember befand er sich bereits vor Wien. Doch weiter kam er nicht. Denn obwohl er verkleidet war, wurde er erkannt und gefangen. Herzog Leopold V. von Österreich sah die Gelegenheit zur Rache am Plantagenet gekommen, denn nicht nur Philipp II. Augustus fühlte sich von Richard schlecht behandelt, auch der Herzog hatte im Heiligen Land den Spott und die Erniedrigung durch den englischen König ertragen müssen, der nach einem Streit des Herzogs Standarte in den Schmutz geworfen hatte. Mit Richards Gefangennahme begann, so hält Dieter Berg zu Recht fest, „ein Geiseldrama, das den englischen König nicht nur für Monate an der Rückkehr in sein Reich hindern, sondern auch gravierende Konsequenzen für die politischen Kräfteverhältnisse im gesamten Abendland haben sollte.“ 66 Richards missliche Lage gewann zusätzliche Brisanz dadurch, dass Herzog Leopold ihn alsbald an Kaiser Heinrich VI. überstellte, der sich in einem Bündnis mit den französischen Kapetingern befand, während seine größten Gegner im Reich, die Welfen, wie gehört, enge Bande mit dem englischen Königshaus geknüpft hatten. Der Welfenherzog Heinrich der Löwe von Sachsen und Bayern war bekanntlich Schwager Richards und befand sich nach seinem Sturz 1180 zweimal im englischen Exil. Aufgrund der gegebenen Konstellationen blieb es nicht aus, dass die Gefangenschaft des Löwenherz auch zu einem Politikum zwischen Staufern und Welfen wurde. Während seiner Gefangenschaft wurde Richard abwechselnd an verschiedene Orte im Reichsgebiet gebracht. Zunächst wurde er streng, dann seinem Rang entsprechend in Haft gehalten. Er traf mehrfach mit dem Kaiser zusammen und wurde auch den Reichsfürsten präsentiert. Schließlich legte man für ihn ein Lösegeld von 100.000 Mark fest. Am 28. Dezember 1192 setzte der Kaiser den französischen König davon in Kenntnis, dass man den „inimicus imperii nostri et turbator regni tui“ 67 („den Feind unseres Reiches und Störer Eurer Herrschaft“) gefangen habe. In England traf die Nachricht von Richards Gefangenschaft im Februar 1193 ein. Man reagierte dort zwar einerseits geschockt, doch so bereitwillig, wie es zum Beispiel die Sagen um Robin Hood glauben machen wollen, waren die Engländer nicht, das
66 Zitiert aus: Dieter Berg: „Die Anjou-Plantagenets“, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2003, S. 80 (in der Folge zitiert unter dem
Kürzel: „Berg: Anjou-Plantagenets“).
67 Zitiert aus: Berg: „Anjou-Plantagenets“, S. 80.
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Lösegeld zusammenzutragen. Anders gesagt: „Den Engländern […] war ihr König weder lieb noch teuer, ihre einzige Erinnerung an ihn, der so selten daheim war, bestand darin, dass er sie immer geschoren hatte wie die Schafe, und sie hätten es lieber gesehen, ihn nicht wieder zu sehen.“ 68 Trotz ihrer Vorbehalte mussten die Engländer aber das Lösegeld aufbringen. Inzwischen war in ganz Europa bekannt geworden, was Richard geschehen war, und „immer mehr kirchliche Autoritäten setzten sich für ihn ein.“ 69 Leopold von Österreich wurde von Cölestin III. exkommuniziert, und auch gegen Philipp II. Augustus von Frankreich wiederholte der Papst seine Bannandrohung. Den Kaiser ließ der Pontifex aus politischen Erwägungen allerdings außen vor. Doch das allein reichte Königin Eleonore bei weitem nicht. Sie, die dafür sorgte, „dass die Lage in England stabil blieb, indem sie die Großen einen neuen Treueeid auf Richard leisten und Befestigungen anlegen ließ“ 70 , forderte mehr Engagement der Kurie. Es haben sich mehrere Schreiben der Königin an den Papst erhalten, die sehr deutlich die Sorge und den Zorn Eleonores über die päpstliche Untätigkeit zeigen. So heißt es zum Beispiel von ihrer Seite:
„Oft habt Ihr wegen unwichtiger Dinge Eure Kardinäle ans Ende der Erde geschickt und mit großer Vollmacht ausgestattet, aber in so einer verzweifelten wie bedauernswerten Situation habt Ihr nicht den geringsten [Sub]diakon oder Messgehilfen entsandt. Die Könige und Fürsten dieser Erde haben sich gegen meinen Sohn verschworen. Fern von HERRN wird er in Ketten gehalten, während andere sein Land verwüsten […] Und während all dieser Zeit bleibt Petri Schwert in der Scheide. Dreimal habt Ihr versprochen, Legaten zu schicken, habt es jedoch nicht getan […] War es das, was Ihr mir in Châteauroux unter Versicherung Eurer Freundschaft und Treue versprochen habt?
71 Inzwischen weiß ich leider, dass wichtige Versprechen nichts sind als bloße Worte.“
Der Papst reagierte nicht auf diese Anwürfe, doch Eleonore behielt das Heft des Handelns in der Hand: Die Finanzverwaltung fasste den Beschluss, „dass sämtliche Bischöfe, Kleriker, Grafen und Barone, alle Abteien und Propsteien ein Viertel ihres Einkommens für das Lösegeld des Königs zur Verfügung stellen mussten und sogar die silbernen Abendmahlskelche dafür verwendet werden sollten.“ 72 Währenddessen schuf Prinz Johann Tatsachen. Er verließ England und traf in Frankreich mit König Philipp II. Augustus zusammen. Man vereinbarte die Aufteilung
68 Zitiert aus: S. Fischer-Fabian: „Die deutschen Cäsaren. Triumph und Tragödie der Kaiser des Mittelalters“, Verlag Knaur,
ohne Ort und Jahr, S. 263.
69 Zitiert aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 220.
70 Zitiert aus: Sarnowsky: a. a. O., S. 107.
71 Zitiert aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 221.
72 Zitiert aus: Pernoud: „Abenteurer“, S. 220.
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von Richards Besitz untereinander; Philipp sollte unter anderem die Normandie rechts der Seine und einige wichtige Festungen erhalten. Kaiser Heinrich VI. erhöhte derweil das Lösegeld für Richard auf 150.000 Mark Silber, was in England zwei weitere Steuererhebungen erforderlich machte, für die man auf die Maßnahme der Dethesaurisierung zurückgreifen musste: Man schmolz liturgische Gegenstände und Geräte ein, um zusätzliches Geld zu gewinnen. Doch auch dies reichte letztlich nicht aus; England musste 200 Geiseln stellen, um seine König frei zu kaufen. Zu Beginn des Jahres 1194 verdichteten sich die Anzeichen, dass Richard tatsächlich freigelassen werden könnte. Johann und Philipp waren nun gezwungen zu handeln. Beide boten sie dem Kaiser 1000 Mark pro weiteren Haftmonat, wenn er Richard nicht freiließe. Heinrich kam das zusätzliche Geld sehr gelegen, denn er verfolgte eine äußerst ehrgeizige Reichs- und Italienpolitik. Er befand sich also in einer sehr günstigen Position:
„Heinrich beutete die Offerte prompt aus. Er stellte seinen Häftling vor die Wahl, entweder an Frankreich ausgeliefert zu werden oder das englische Königreich von ihm, Heinrich, gegen einen Jahreszins von 5000 Pfund Sterling zu Lehen zu nehmen. Eine Zumutung, die Richard zähneknirschend hinnehmen musste. Er wollte endlich seine Freiheit und war sogar bereit, zwischen dem Kaiser und Heinrich dem Löwen, dem Oberhaupt der [deutschen] Fürstenverschwörung [gegen Heinrich], ausgleichend zu
73 vermitteln.“
Dies brachte Richard Löwenherz die Freiheit. Gemeinsam mit dem Erzbischof von Rouen, der sie in der letzten Zeit loyal unterstützt hatte, brach Eleonore mit dem bisher gesammelten Lösegeld in einem schwer bewachten Zug nach Speyer auf, wo sie nach fünf Jahren wieder auf ihren Sohn und auch Kaiser Heinrich VI. traf und mit ihnen das Weihnachtsfest 1193 beging. Im Februar 1194 traf man erneut in Mainz zusammen, wo Richard von den Absichten seines Bruders und des Königs von Frankreich in Bezug auf ihn und den Kaiser erfuhr. Die nächsten Ereignisse wurden bereits weiter oben ausgeführt. Über Köln, Löwen und Antwerpen zogen Richard und Eleonore dann in Richtung England, wo man am 13. März 1194 in Sandwich wieder das Inselreich betrat.
Lange hielt sich der König allerdings nicht in England auf. Zunächst zog er gegen seinen Bruder, der sich in Nottingham aufhielt, Richard aber sofort die Festung
73 Zitiert aus: Fischer-Fabian: a. a. O., S. 263.
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übergab und sich unterwarf. Richard verfuhr mit dem Bruder milde und gab ihm nach seiner Unterwerfung die Grafschaften Mortain und Gloucestershire zurück, zudem erhielt Johann eine jährliche Zahlung von 8000 Pfund in angevinischer Münze. Johann dankte es dem Bruder, indem er sich bis Richards Tod im April 1199 loyal verhielt. Am Weißen Sonntag 1194 ließ sich König Richard, allerdings in Abwesenheit Johanns und seiner Gattin Berengaria, in Westminster erneut zum englischen König krönen. Danach verließ er England wieder, um sich dem Kampf gegen Philipp II. Augustus in Frankreich zu widmen.
Seit 1194 konnte sich Eleonore schrittweise aus dem öffentlichen Leben zurückziehen. Als Alterssitz wählte sie ihr Lieblingskloster Fontevrault. Einige Male allerdings musste sie den klösterlichen Frieden verlassen. Ende März 1199 starb König Richard überraschend, nachdem er bei der Belagerung der Burg Chalus einen Pfeilschuss erlitten hatte und die Wunde nicht behandeln ließ. Eleonore überwand ihre Abneigung gegen den jüngsten Sohn und machte sich für eine Nachfolge Johanns im gesamten „Angevinischen Reich“ stark. England hatte Johann, wie von Richard auf dem Totenbett gewünscht, sehr rasch anerkannt, doch in der Bretagne, Maine und in Teilen des Anjou regte sich Widerstand, der durch den französischen König unterstützt wurde, indem er Johanns Neffen Arthur von der Bretagne als Thronprätendenten für England aufbaute. Aus den ehemaligen Verbündeten Johann und Philipp II. Augustus waren somit Feinde geworden. Die Gegnerschaft wurde zusätzlich dadurch besiegelt, dass Arthur im August 1199 die Bretagne von Philipp II. Augustus zu Lehen nahm.
Eleonore wohnte der Krönung Johanns zum englischen König nicht bei. Stattdessen begab sie sich für ihn in die unruhigen Provinzen Anjou und Maine, um für ihn zu werben und gegen Arthur vorzugehen. Bei der Plünderung der Stadt Mercadiers, die von Anhängern Arthurs gehalten wurde, war sie anwesend. Hiernach begab sie sich auf einen großen Umritt durch ihr ureigenstes Herzogtum Aquitanien, um sich der Treue ihrer Untertanen zu versichern, nachdem sie nun, da Richard tot war, wieder alleinige Herzogin war. Über Loudun zog sie nach Poitiers, Niort und hinunter nach La Rochelle und Saintes. Überall stellte sie Privilegien aus und bestätigte bereits bestehende für Klöster und Städte. Wie später ihre Enkelin Blanka als französische Königin, so erkannte auch Eleonore die wachsende Bedeutung der Städte und suchte sie für Johann zu gewinnen. Zu den Begünstigten gehörten auch die Templer von La Rochelle und das Kloster St. Eutrope in Saintes. Zu Beginn des Juli 1199 langte sie in
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Bordeaux an, wo sie drei Tage lang Hof hielt und zahlreiche Vasallen wie den Grafen von Bigorre und den Erzbischof der Stadt empfing. Dann trat sie den Rückweg an und zog nach Rouen in der Normandie, um dort auf König Philipp II. Augustus von Frankreich zu treffen und ihm den Lehnseid für Aquitanien zu leisten. Letzteres ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass es so am leichtesten war, Johann die Treue des Herzogtums Aquitanien zu sichern. Zweitens wollte Eleonore die Eigenständigkeit des Territoriums sichern. Auch war dies ein deutliches Zeichen an ihren Sohn, das besagte: Sie kämpfte zwar für Johann, wollte aber die aquitanische Unabhängigkeit gesichert wissen und eine eventuelle Vereinigung mit der englischen Krone verhindern. Gleichzeitig ordnete Eleonore ihr Erbe, indem sie Ende Juli Johann in einer Urkunde als ihren Erben einsetzte und ihm unter anderem die Grafschaft Poitou übertrug und hierfür seine Huldigung entgegennahm. Ihre Vasallen forderte sie auf, Johann als ihren Herrn anzuerkennen. Im Gegenzug anerkannte Johann später seine Mutter als lebenslange Herzogin von Aquitanien und als Herrin seines Reiches. Nachdem es im September 1199 zu einem vorübergehenden Frieden zwischen Johann und Arthur gekommen war, wurde für Dezember eine Reise Eleonores nach Kastilien angesetzt, wo ihre Tochter gleichen Namens, wie als Königin an der Seite Alfons’ VIII. regierte. Die Königinmutter sollte ihre Enkelin Blanka nach Frankreich bringen, wo diese den späteren König Ludwig VIII., den Löwen, heiraten sollte. Diese Ehe, die Kapetinger und Anjou-Plantagenets miteinander aussöhnen sollte, war durch die Kurie ins Gespräch gebracht und bereits im Februar 1199 beschlossen worden. Eleonore meisterte den beschwerlichen Weg über die Pyrenäen und war mehrere Wochen Gast am Hof ihrer Tochter in Burgos. Danach begab sie sich mit Blanka nach Bordeaux, wo Eleonore sie dem Erzbischof der Stadt übergab, der die Zwölfjährige an ihr Ziel brachte. Eleonore begab sich nach Fontevrault, das sie bis 1202 nicht mehr verließ.
1202 war ein Krisenjahr für Eleonore, denn sie wurde ernstlich krank. Auch brachen die Feindseligkeiten zwischen Johann und seinem Neffen Arthur wieder aus. Die alte Königinmutter geriet selbst in Bedrängnis, denn ihr wurde zugetragen, dass Arthur ein großes Heer gerüstet und dem französischen König für Aquitanien gehuldigt hatte. Eleonore erkannte, dass Philipp II. versuchte, das Herzogtum über den Umweg Arthur der französischen Krone anzugliedern. Gleichzeitig setzte der Kapetinger König Johann unter Druck und ließ ihn dreimal vor sein Lehnsgericht laden, da die Herren von Lusignan ihn verklagt hatten. Dies hing mit Johanns zweiter
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Eheschließung im Jahr 1200 zusammen: Johann hatte die zwölfjährige Isabella von Angoulême geehelicht, obwohl diese bereits Hugo von Lusignan versprochen war. Die Lusignans waren daraufhin vor Johann erschienen, hatten Genugtuung gefordert und waren abgewiesen worden. Den Gebräuchen der Zeit folgend hatten sie sich hiernach nach Paris an Johanns Oberlehnsherrn Philipp II. Augustus gewandt. Als der englische König nun auf keine der Ladungen reagierte, „bot sich Philipp II. Augustus die Möglichkeit, ihn wegen Nichterscheinens aller französischen Lehen verlustig zu erklären.“ 74 Auch diese Lehen gingen an Arthur von Bretagne. Eleonore sah sich trotz ihres hohen Alters zur Reaktion gezwungen. Sie verließ das Kloster und wollte sich hinter die Mauern von Poitiers begeben, um sich vor dem anrückenden Arthur in Sicherheit zu bringen. Doch auf dem Wege wurde sie in der Burg Mirebeau belagert und musste auf den Entsatz durch Johann warten. Dieser kam in aller Eile heran und befreite seine Mutter. Er machte ungefähr 200 Gefangene, darunter auch Arthur von Bretagne und seine Schwester Eleonore. Arthur wurde schließlich zuerst in die Burg Falaise und schließlich nach Rouen verbracht, wo er ein gewaltsames Ende fand.
In den letzten Monaten ihres Lebens musste Eleonore erleben, wie ihr Lebenswerk und das Heinrichs II. zusammenbrach. Johann zeigte sich aufgrund seiner persönlichen Unzulänglichkeiten unfähig, das „Angevinische Reich“
zusammenzuhalten, eine Tatsache, die von Philipp II. Augustus sofort genutzt wurde. Kurz nach Eleonores Tod ging dem Plantagenet die Normandie verloren, was es dem Kapetinger erleichterte, gegen Johann erfolgreich vorzugehen. Eleonores Tod trat entweder am 31. März oder 1. April 1204 in Poitiers ein. Ihr Leichnam wurde nach Fontevrault überführt, wo die Herzogin-Königin neben Heinrich II. ihre letzte Ruhe fand. Mit ihrem Tod endete ein Leben, das reich an Triumphen und nicht arm an Niederlagen war und welches schon die Zeitgenossen beeindruckte und verwirrte.
74 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 99-100.
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II. Eleonore von Aquitanien im Spiegel der Forschung
Nachdem im ersten Teil das interessante Leben der Eleonore von Aquitanien dargestellt wurde, soll es im zweiten Teil um einen nicht weniger wichtigen Aspekt gehen, der das heutige Bild der Eleonore entscheidend gestaltet und prägt: Auf den folgenden Seiten soll die Forschung zum Thema Eleonore von Aquitanien im Mittelpunkt stehen. Dabei wird sowohl ein genereller Überblick über den Forschungs-stand bis heute gegeben als auch verschiedene Tendenzen der Forschung aufgezeigt und drei Werke näher vorgestellt.
II.1: Die Eleonore-Forschung bis in die Gegenwart
Eleonore von Aquitanien ist im Laufe der Jahrhunderte in vielerlei Literaturgattungen behandelt worden. Hier kann man zwei, wenn nicht gar drei große Bereiche unterscheiden: Zunächst gilt es, die Sagen und Legenden zu beachten; zweitens gibt es die mehr oder weniger ernsthafte Historiografie; drittens kann man die Herzogin-Königin in der Belletristik betrachten. Dieser Bereich ist jedoch mit großer Vorsicht zu genießen, weil besonders hier gern Wahres mit Legenden unkritisch vermengt wird.
II.1.1: Eleonore bei den Chronisten und in den Sagen
Die Sagenbildung und das von den zeitgenössischen Chronisten entworfene Bild der Eleonore von Aquitanien hängen eng miteinander zusammen, ja die Chronisten haben durch ihr Schreiben das Sagenbild erst möglich gemacht. Sie haben den angeblich anrüchigen Lebenswandel der Herzogin-Königin kritisiert. Besonders wurde hier auf die Ereignisse in Antiochia fokussiert. Viele Chronisten haben sich berufen gefühlt, über diese nicht nur zu berichten, sondern sie darüber hinaus auszuschmücken. Von hier aus war es dann nur noch ein kleiner Schritt zur Sagengestalt Eleonore. Neben Wilhelm von Tyrus, Wilhelm von Newburgh und Gervasius von Canterbury nahm sich selbst der sonst so gut unterrichtete Johann von Salisbury ihrer an; freilich nicht ohne seine Zweifel an der Richtigkeit dieser Gerüchte auszudrücken. Wilhelm von Tyrus (1130-1186) bemüht sich ebenfalls um Sachlichkeit, wird aber dennoch recht deutlich, wenn er schreibt:
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„[Raimund] fasste nämlich den Vorsatz, dem König entweder mit Gewalt oder mit List seine Frau wegzunehmen, welche ein leichtsinniges Weib war und in den Plan des Fürsten selbst einstimmte. Die Königin war, wie wir eben gesagt haben und wie sie davon früher und später deutliche Proben gab, ein unvorsichtiges Weib, das, ihrer
75 königlichen Würde uneingedenk, wenig Rücksicht auf ihre Frauenehre nahm.“
Jegliche Diplomatie in seiner Bewertung der Ereignisse lässt allerdings Helinand von Froidmont in seinem Chronicon vermissen. Er stellt unverblümt fest:
76 „„[Leider] hat sie sich nicht wie eine Königin, sondern wie eine Hure benommen.“
Auf den ersten Blick ist Helinand ein besonders krasses Beispiel für die Eleonore-Anfeindungen der Chronisten. Bei genauerer Überlegung fragt man sich doch, wie man dazu kommen kann, Eleonore in der Tat als Hure zu titulieren. Daniela Laube gibt eine mögliche Erklärung: Helinand kam es weniger darauf an, mit seiner Weltchronik tatsächlich und ernsthaft Sachverhalte darzustellen, sondern er wollte in erster Linie unterhalten, und das auf möglichst schmissige Art und Weise. Daher könne es durchaus sein, so Laube, dass es Helinand „mit seinen Äußerungen nicht so genau nahm“ 77 und bewusst eine drastische Ausdrucksweise wählte. Bedauerlicherweise hielt sich Helinands Behauptung von der Dirne Eleonore sehr hartnäckig. Noch im 14. Jahrhundert übernahm der berühmte Dominikanerchronist Bernhard Guido (um 1261-1331) diese Behauptung kritiklos in sein Werk. 78 Aber nicht nur die Ereignisse im Orient haben die Fantasie bei den Chronisten ins Kraut schießen lassen, sondern auch ihre Scheidung und ihre überstürzte Wiederverheiratung. So behaupten beispielsweise die Chronisten Walter Map und Giraldus Cambrensis, schon vor ihrer Scheidung sei die Königin von Frankreich mit Gottfried von Anjou intim gewesen - nur macht Giraldus den Unterschied, Gottfried habe sich Eleonore mit Gewalt genommen. 79 - Der einzige Punkt, zu dem auch die Chronisten weitgehend schweigen, ist Eleonores Gefangenschaft, denn ihr Verbleib war schon den meisten Zeitgenossen unbekannt.
75 Zitiert aus: Die Geschichte der Kreuzzüge und des Königreiches Jerusalem des Wilhelm von Tyrus, neu bearbeitet von
Manfred Hiebl nach der Übersetzung von G. und R. Kausler, ohne Ort und Verlag (PDF-Dokument), 2003, Buch XVI, cap.
XXVII, S. 258. Dieses Dokument ist auch als Online-Ressource verfügbar unter: http://www.manfredhiebl.de/Wilhelm-von-
Tyrus/tyrus16.htm, eingesehen am 6.4.2010, 12:24.
76
Zitat übernommen aus: Bumke: a. a. O., S. 567.
77 Zitiert aus: Laube: a. a. O., S. 88.
78 Siehe hierzu bei: Laube: a. a. O., S. 95.
79 Siehe hierzu bei: Markale: a. a. O., S. 217.
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In der Rückschau muss gesagt werden, dass Eleonore das Unglück hatte, einen schlechten Ruf angedichtet zu bekommen von Menschen, die nicht nur Chronisten waren, sondern Chronisten geistlichen Standes. Dieser Punkt ist insofern wichtig, da geistliche Chronisten naturgemäß einen eher skeptischen Blick auf das Individuum Frau hatten. Schnell wurde ihnen ein leichtfertiges Wesen und ein leichtsinniger Lebenswandel angedichtet und nachgesagt, erst recht dann, wenn es sich um eine in der Tat unabhängig und selbstbewusst auftretende Dame wie Eleonore handelte. Und auch wenn es etwas drastisch erscheint, wenn Marion Meade schreibt:
„The historical record, written to accomodate men, has assigned women whom it could
80 not ignore into three classic categories: wife, mother, and whore“ ,
so ist damit zumindest die lange Geringschätzung der Frau durch die vor allem geistliche Geschichtsschreibung des Mittelalters hinreichend umrissen. Und so war es auch bei Eleonore von Aquitanien: Pure Frauenfeindlichkeit und zum Teil bewusstes Missverstehen prägten ihr Bild.
Eleonore wurde von den meisten Chronisten nicht nur deswegen nicht verstanden, weil sie eine Frau war. Auch geografische Gegebenheiten spielen hier eine nicht unerhebliche Rolle. Wenn man sich mit Eleonore befasst, darf man nicht vergessen, dass sie eine Frau aus dem Süden Frankreichs war. Der Norden und der Süden Frankreichs unterschieden sich im Mittelalter ganz fundamental voneinander. Dies betraf nicht nur Klima, wirtschaftliche Bedingungen und die Sprache, sondern auch die Mentalität. Die Südfranzosen galten bei den Franzosen des Nordens als laut, undiszipliniert, aufsässig und auch treulos. Eleonore passte für die Chronisten des Nordens genau in dieses Bild, das auch von vielen Mitgliedern des königlichen Hofes geteilt wurde, nicht nur von Bernhard von Clairvaux. Denn auch wenn sich Eleonore, wie im ersten Teil gezeigt, in Paris schnell zurecht fand, blieb nicht aus, dass hinter ihrem Rücken getuschelt wurde, denn:
„[Am Hof] war die Herzogin von Aquitanien eine Fremde geblieben, von schlechtem Geschmack und schlechtem Ruf, die in ein Land, das für seine strengen Sitten bekannt war, den Bazillus der Sinnlichkeit eingeschleppt hatte. Man verzieh ihr nicht, dass sie Komödianten und Sänger hatte kommen lassen […]. Eben so wenig verzieh man ihr,
81 als Französisch sprach und sich mit Okzitanisch dass sie lieber Okzitanisch
80 Zitiert aus Meade: a. a. O., S. ix.
81 Okzitanisch, auch langue d’oc: Sprache des französischen Südens.
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sprechenden Leuten umgab. Zudem entrüstete man sich, dass sie Wein trank und
82 offensichtlich sogar Geschmack daran fand.“
Nimmt man all dies in Rechnung, verwundert es nicht, dass das Gerede um Eleonore derart überhand nahm. Unter den mittelalterlichen Chronisten gibt es denn auch nur wenige Ausnahmen, die Eleonore tatsächlich freundlich oder zumindest weniger kritisch gesinnt sind. Zu ihnen gehört ohne Zweifel Richard von Devizes, der Ende des 12. Jahrhunderts gestorbene Mönch und Chronist aus dem Kloster St. Swithin in Winchester. Zu seinem Leben ist so gut wie nichts überliefert, doch hinterließ er eine Chronik, die zumindest die ersten drei Jahre der Herrschaft des Richard Löwenherz in England und seine Taten in Übersee beschreibt. 83 Hier lässt Richard einen französischen Juden als Erzähler auftreten, der seinem jungen Freund, einem französischem Christen, einige gute Ratschläge gibt, bevor dieser sich auf eine Reise nach England begibt. Richard entwirft ein sehr ironisches Bild der englischen Städte, einzig Winchester erscheint ihm lebenswert. Davon abgesehen hat Richard ein starkes Bild von Eleonore, die während der Abwesenheit ihres Sohnes sorgsam darauf achtet, dass England nicht völlig dem Chaos anheim fällt und die sich für die Bedürftigen einsetzt. Nicht umsonst nennt er sie eine „unvergleichliche Frau“. 84 Zunächst noch wohl gesonnen ist Eleonore auch der Dichter und Chronist Richard de Poitevin, über dessen Leben ebenfalls nur wenig gesichert ist. Fest steht, dass er sich als Poiteviner lange Zeit Eleonore und ihrer Familie verbunden fühlte und am Hof der Herzöge von Aquitanien verkehrte. Sein Werk zeichnet sich durch einen in der Sprache „heftigen Stil“ 85 aus, er arbeitet mit ausdrucksvollen Bildern, und oft fehlt es nicht an einem gewissen Pathos. Doch Richards Wohlwollen hat auch gegenüber Eleonore seine Grenzen. In den Jahren des Aufstandes gegen Heinrich II. und nach ihrer Gefangennahme 1174 greift er die Königin versteckt an, indem er schreibt:
„Sag mir, Adler mit den zwei Köpfen, sag mir: Wo warst Du, als Deine Jungen aus dem Nest flogen und es wagten, ihre Krallen gegen den König des Nordwindes zu richten? Du warst es - wir haben es vernommen -, der sie angetrieben hat, sich gegen ihren Vater zu erheben. Deshalb bist Du aus Deiner Heimat fortgeschleppt und in anderes Land gebracht
86 worden.“
82 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 103.
83 Richard von Devizes: „Chronicon de rebus gestis Ricardi Primi“ (1192), ediert durch John T. Appleby, Nelson, London 1963.
84 Siehe in diesem Zusammenhang auch das Zitat auf S. 32 dieser Arbeit.
85 So Régine Pernoud in: „Königin“, S. 183.
86 Zitiert aus: Pernoud: a. a. O., S. 182.
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Wichtig ist zudem der Punkt, dass Eleonores Ruf nicht von Beginn an schlecht war. Suger von St. Denis beurteilte sie zu Beginn ihrer Ehe mit Ludwig VII. als das „sehr edle Mädchen Alienor“ 87 , und auch der Chronist Orderic Vital (um 1075-um 1143) berichtet in seiner Historia ecclesiastica (bis 1141) zumindest neutral über sie. 88
Es sei an dieser Stelle noch einmal betont: Oft beruhen die Sagen und das Bild der Eleonore bei den Chronisten also auf bloßen Gerüchten oder schlicht übler Nachrede. Dabei ist eines klar: Eleonore ist weder als kühne Amazone auf den Kreuzzug gegangen, noch hat sie der Geliebten ihres Mannes, der schönen Rosamunde, nach dem Leben getrachtet, so wie es die Sagen berichten. Auch wird sie kaum eine Dreiecksbeziehung mit ihrem zweiten Gatten und seinem Vater Gottfried gehabt haben, wie es de zeitgenössische Geschichtsschreiber Walter Map zu behaupten können meint. Kurz: In den Sagen und bei den Chronisten wird ein Nebenbild der Eleonore entworfen, das ihr, wie gesagt, im wahren Leben eher schadet als gerecht wird.
Dieses Nebenbild entstand, wie gesagt, schon zu Eleonores Lebzeiten. Bereits um 1150, also noch in ihrer Zeit als französische Königin, entsteht das Chanson des Girard de Roussillon, zu welchem Daniela Laube bemerkt, dass die „darin vorkommende Königin Elissent mit ihr identifiziert werden kann. [Denn wie] Eleonore ist auch Elissent die Gemahlin eines französischen Monarchen und zeichnet sich durch außergewöhnliche Schönheit, Koketterie und Freigebigkeit aus.“ 89 1241 ist sie die Hauptperson einer Geschichte, die der Chronist Philippe Mousket in seiner Reimchronik von ihr entwirft. Hier ist sie ein wahres Teufelsweib, das Männer verführt und Ehebruch begeht, indem es sagt: „Ist mein Leib nicht verführerisch? Der König behauptet, dass ich eine Teufelin bin“. 90 Einmal in der Welt, wurde das Motiv des Ehebruchs weiter aufgegriffen, so von Matthäus Paris (um 1200-um 1259), der, freilich etwas diffus, von „mehreren Fehltritten“ der Königin berichtet - einschließlich mit Sultan Saladin, dem großen Gegner ihres Sohnes Richard auf dem Dritten Kreuzzug! 91
87 Zitat entnommen aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 11.
88 Siehe hierzu bei: Daniela Laube: „Zehn Kapitel zum Leben der Eleonore von Aquitanien“, Peter Lang Verlag, Bern 1984, S.
86.
89 Zitiert aus: Laube: a. a. O., S. 95.
90 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 8.
91 Siehe hierzu bei: Laube: a. a. O., S. 87.
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Fragt man nach berühmten Sagen, die um Eleonore gesponnen oder für ihre Person umgedeutet wurden, so hat man unweigerlich die Sage von der Schönen Melusine zu beachten. Diese ist die Tochter des Königs Elinas und seiner Frau Pressine, die ihrerseits ihrem Gatten verheimlicht, dass sie eine Fee ist. So oft der König sie auch fragt, woher sie käme oder wer sie sei - Pressine verrät es ihm nicht. Eines Tages aber kommt Elinas hinter das Geheimnis seiner Frau, die ihn als Konsequenz daraus verzaubert und sich mit ihren Töchtern Melusine, Meliot und Palatine auf die Verlorene Insel zurückzieht. Melusine aber schwört ihrem Vater Rache, kehrt nach fünfzehn Jahren zurück und missbraucht ihre magischen Kräfte zu dem Zweck, ihren Vater für immer einzukerkern. Die Mutter Pressine jedoch ist mit dem Vorgehen ihrer Tochter nicht einverstanden und verflucht sie. Melusine muss nun jeden Samstag in der Gestalt eines Schlangenmenschen leben. Eines Tages heiratet sie den Grafensohn Raimund von Forez, der unabsichtlich seinen Onkel getötet hat. Sie bekommen zehn Kinder und werden reich. Doch Raimund macht sich daran und will das Geheimnis seiner Frau lüften; er beobachtet sie heimlich und findet heraus, dass er mit einem Schlangenmenschen zusammen lebt.
Ein anderer Sagenkreis, der zunächst nichts mit Eleonore zu tun hatte, aber auf sie umgemünzt wurde, war der um die treulose Königin Ginevra, der wiederum ein Teil der Sagenwelt um den legendären britischen Herrscher König Artus ist. Ginevra verliebt sich auf den ersten Blick in Lancelot, den Ersten Ritter ihres Gatten. Obwohl Beide ihren Herrn lieben und sich gegen ihre Gefühle wehren, werden sie unweigerlich voneinander angezogen. Eines Tages werden sie durch den bösen Ritter Mordred, der gleichzeitig ein Bastardsohn des Königs ist, entdeckt und verraten. Dies hat unweigerlich den Bruch der verschworenen Gemeinschaft der Ritter der Tafelrunde zur Folge, die eigentlich gegründet worden war, um das Land zu befrieden und die Untertanen des Königs zu beschützen. Hier ist es das Thema des Ehebruchs, welches sich, in Anspielung auf die angeblichen Ereignisse zwischen Eleonore und ihrem Onkel Raimund in Antiochia, auch auf Eleonore anwenden ließ. Als drittes Beispiel seien Merlin und seine Prophezeiungen genannt. Beides war im Mittelalter ein beliebtes Mittel, um unerklärliche Phänomene zu erklären oder zu begründen. So wurde zum Beispiel auch die Sendung der Jeanne d’Arc im 15. Jahrhundert unter anderem damit begründet, der Zauberer Merlin habe geweissagt, dereinst würde eine Jungfrau aus dem Eichenwald kommen, um Frankreich zu befreien. Die Zeitgenossen Jeannes kannten solche Prophezeiungen und glaubten
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an sie, was Jeannes entschiedenem Auftreten noch zusätzliche Legitimität und Glaubwürdigkeit gab. 92 Und auch bei Eleonore ist Merlin mit im Spiel, wenn behauptet wurde, einst werde ein Doppeladler über Frankreich und England herrschen. 93
Auch die wohl beliebteste und bedeutendste Liebesgeschichte des Mittelalters, nämlich die um Tristan und Isolde, wurde sehr bald auf die treulose Eleonore umgedeutet. Eleonore als Isolde verlässt hier ihren eifersüchtigen Mann Marke (Ludwig VII.), um mit Tristan (Heinrich II.) die Erfüllung ihrer Liebe zu finden.
Die Sagen prägten noch sehr lange das Eleonore-Bild, und das, wie bereits erwähnt, meist nicht zu ihrem Vorteil. William Shakespeare (1564-1616) drückte seine Abneigung aus, indem er die Königin-Herzogin eine „canker’d grandam“ nannte und sie, noch einen Schritt weiter gehend, als „a monstrous injurer of heaven and earth“ 94 titulierte und beklagte, ihr Schoß würde nur Sünden erzeugen. Auch hier kommt erneut die Scheu vor Eleonore zum Ausdruck und die Hilf- und Ratlosigkeit vor der Aufgabe, wie man mit der Person Eleonore umzugehen hat. Ein gutes Beispiel für die vielen Legenden und Geschichten, die sich in späteren Jahrhunderten mit Eleonores Leben befassen, ist die Ballade „Fai[r Rosamond] Ga[?...] who wa[s King Henry] the Seco[nd’s concubine], and put [to death] by Queen [Elinor,] in the bower of Woodstock, near Oxford“ des englischen Balladendichters Thomas Deloney (1543-1600), auf die weiter oben bereits hingewiesen wurde. Sie behandelt die im ersten Teil dieser Arbeit bereits erwähnte Beziehung zwischen König Heinrich II. und der Rittertochter Rosamunde Clifford. In der Ballade tritt Eleonore als rachsüchtige und verbitterte Königin auf, die ihrer Konkurrentin die Wahl lässt zwischen Gift und Dolch, nachdem es ihr gelungen ist, Rosamunde in ihrem Versteck aufzuspüren, welches Heinrich für sie in Form eines Labyrinths hat anlegen lassen. Wie schon gesagt, entbehrt ein Mord der Königin an Rosamunde aber jeglicher Grundlage, da Eleonore um die fragliche Zeit, im Jahr 1176, bereits in der Gefangenschaft ihres Gatten saß. Die Ballade von Thomas Deloney 95 ist nicht die einzige, die sich mit der Thematik Heinrich-Rosamunde-Eleonore befasst. Schon im 14. Jahrhundert widmete sich der englische Dichter Geoffrey Chaucer in seiner
92 Siehe hierzu bei: Gerd Krumeich: „Jeanne d’Arc. Die Geschichte der Jungfrau von Orleans“, Verlag C. H. Beck, Beck’sche
Reihe, München 2006, S. 26.
93 Markale: a. a. O., S. 41.
94 Zitiert bei: Meade: a. a. O., S. ix.
95 Diese ist zum Beispiel abgedruckt in: John S. P. Tatlock: “The Modern Reader’s Chaucer. The Complete Poetical Works of
Geoffrey Chaucer now first put into modern English“, ohne Ort 1912, Nachdruck New York 1938, S. 367.
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undatierten Ballade “To Rosamond“ der Mätresse des Königs. Weitere Variationen erfuhr das Rosamunde-Thema bei William Warner (um 1558-1603) oder Samuel Daniel (1562-1619). 96 Aber auch Hans Sachs, Friedrich von Schiller, Annette von Droste-Hülshoff oder Theodor Fontane beschäftigten sich zeitweise mit dem Thema. 97 Und noch im 20. Jahrhundert war Rosamunde außerordentlich populär. So wurde das Motiv in mehreren Bühnenstücken behandelt und gedeutet. 98
Als Resultat für diesen Abschnitt kann festgehalten werden, dass Eleonore bei den Chronisten und in den Sagen in der Tat einen „umfassenden Werdegang“ 99 durchmessen hat. Vom „sehr edlen Mädchen Alienor“ (Suger) wurde sie umgedeutet zur Mörderin oder bösen Fee, von einer Herzogin zu einer Ehebrecherin und leichtsinnigen Königin, die nichts auf Konventionen und einen guten Ruf gab. In den Chroniken und Sagen wird zum Großteil allerdings ein Bild gezeichnet, welches auf Hilflosigkeit und Ignoranz beruht.
96 Siehe hierzu: Laube: a. a. O., S. 98.
97 Schillers Arbeit über Rosamunde blieb Fragment. Die Dichterin Droste-Hülshoff (1797-1848) hinterließ ein undatiertes
Jugendgedicht. Theodor Fontanes Werk „Von der schönen Rosamunde“ ist unter anderem abgedruckt in: Theodor Fontane:
Sämtliche Werke in 25 Bänden, Band 20, München 1959-1975, S. 98-119.
98 Siehe hierzu: Laube: a. a. O., S. 100.
99 Zitiert aus: Lana Novikova: „Eleonore von Aquitanien. Königin von Frankreich und England, Mäzene, femme fatale“, Grin
Verlag, München 2006, S. 24.
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II.1.2: Eleonore und ihr Bild in der Historiografie
Während im vorangegangenen Teilstück gezeigt wurde, wie Eleonore bei den Chronisten und in den Sagen dargestellt wurde, soll nun dargelegt werden, wie dieses Bild sich auf die Historiografie auswirkte. Dabei wird vor allem die Frage im Vordergrund stehen, ob das Bild der Eleonore, wie es die Chronisten ihrer Zeit und danach geformt hatten, übernommen oder kritisch hinterfragt wurde.
Die mittelalterliche Historiografie ist ein sehr vielschichtiges Gebilde. Die Menschen des Mittelalters begriffen Geschichte zunächst, wie in der Antike, als endlichen Prozess. Vor allem war es nach mittelalterlichem Verständnis Gott, der die Geschichte lenkte, so wie er überhaupt die Geschicke der Menschen leitete. Schon im Frühmittelalter hatte es Herrscher-, Heiligenviten und Tatenberichte gegeben (zum Beispiel Einhards Biografie über Karl den Großen). Doch erst im 13. Jahrhundert wuchs im Wesentlichen „das Interesse an Königen und am Regieren […].“ 100 Auch bei den Herrschern selbst wuchs dieses Interesse, sodass in der Folge immer wieder das Amt des königlichen Geschichtsschreibers aufkam und eine feste Einrichtung wurde.
Das England des 13. Jahrhunderts kennt einen großen Geschichtsschreiber, nämlich den bereits erwähnten Matthäus Paris. Dieser Benediktinermönch, der in der Abtei St. Albans bei London lebte, ist in der Tat ein „großer Erzähler von Anekdoten und Skandalgeschichten“ 101 ; auch über den umstrittensten Herrscher seiner eigenen Zeit, Kaiser Friedrich II., weiß er manch Kurzweiliges zu berichten. In seiner mehrbändigen Chronica maiora ist beispielsweise auch der Elefant abgebildet, den Friedrich besessen hat. Er ist bemüht, sich der Person Friedrich zu nähern und situationsbezogen zu kommentieren. 102 Bei Eleonore verliert er jedoch jegliche Haltung und wirft ihr nicht nur Ehebruch vor, sondern Ehebruch mit einem Ungläubigen, dem schon erwähnten Sultan Saladin. 103
100 Zitiert aus: Laube: a. a. O., S. 102. - Zur Historiografie im Mittelalter siehe ganz allgemein bei: Joachim Gruber u. a.: Artikel
„Historiographie“, in: Avella-Widhalm, Gloria u. a. (hrsg.): Lexikon des Mittelalters in IX Bänden, dtv, München 2003, Band V,
Sp. 45-54.
101 Zitiert aus: Laube: a. a. O., S. 87.
102 Siehe hierzu bei: Hubert Houben: „Kaiser Friedrich II. (1194-1250). Herrscher, Mensch und Mythos“, Kohlhammer Verlag,
Stuttgart 2008, S. 14 und 131.
103 Siehe bei: Laube: a. a. O., S. 103.
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Die Geschichtsschreibung im England des 16. und 17. Jahrhundert steht ganz im Zeichen des Humanismus. Tonangebend ist in dieser Zeit vor allem Polydor Vergil (um 1470-1555), der zwischen 1507 und 1533 im Auftrag König Heinrichs VII. seine Historia Anglica niederschrieb; zu nennen sei auch Raphael Holinshed (um 1520-1580), der während der Elisabethanischen Ära bedeutend war. Das vor allem auch deshalb, weil er William Shakespeare als Quelle für viele seiner Historien diente. Insgesamt fällt auf, dass, obwohl sich gerade Vergil um einen sachlichen und verständlichen Stil bemüht, mit Eleonore recht leichtfertig umgegangen wird. Daniela Laube fasst zusammen:
„Nichts Schriftliches, das auf [die Autoren] gekommen ist, wird ausgeschieden, nichts kritisiert. Alles wird weiterge[ge]ben. Keine Fragen und kein Zögern bei der Wiedergabe
104 noch so unwahrscheinlicher Geschichten.“
Im 16, Jahrhundert war es auch, als Eleonore von Aquitanien das Opfer eines aufkommenden Nationalismus wurde. England war Frankreich im Hundertjährigen Krieg unterlegen, ergriff jedoch die Chance, sich von allem, was aus Frankreich kam, frei zu machen. In der Literatur hatte Geoffrey Chaucer damit begonnen, seine Canterbury Tales nicht in französischer oder lateinischer, sondern in altenglischer Sprache zu verfassen. In Frankreich wiederum sah man Eleonore in der Geschichtsschreibung plötzlich als Verräterin Frankreichs, da sie Ludwig VII. schnöde betrogen und Frankreich im Stich gelassen habe, um auf englischer Seite gegen Frankreich zu kämpfen. Über den nationalen Blick vergaßen französische Autoren wie Jean de Serres schlicht, dass die englischen Herrscher des 12. Jahrhunderts auch (normannische) Franzosen gewesen waren, die die Sprache des Königreiches, welches sie erobert hatten, nicht sprachen. Nicht umsonst hielt sich Richard Löwenherz lieber in Aquitanien oder im Poitou auf als auf der Insel.
Das 18. Jahrhundert stand bekanntlich besonders in seiner zweiten Hälfte unter dem Zeichen der Aufklärung. In allen Bereichen der Wissenschaft hielt eine Rationalität im Denken Einzug, die auch vor der Geschichtsschreibung nicht Halt machte. Besonders in Frankreich wandte man sich bald dagegen, Geschichte nur vom theologischen Ansatz her erklären und deuten zu wollen. Doch auch wenn es in Frankreich Schriftsteller gab, die zum Beispiel einräumten, die Vorwürfe gegen
104 Zitiert aus: Laube: a. a. O., S. 114.
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Eleonore, besonders bezüglich eines Ehebruchs mit ihrem Onkel Raimund, könnten möglicherweise doch übertrieben sein (so bei Dreux de Radier), so muss doch konstatiert werden, dass französische Historiker eher in dem Reflex verharrten, die altbekannten Vorwürfe gegen Eleonore zu wiederholen. 105
Die Historiker des 19. Jahrhundert sahen Eleonore kaum, beziehungsweise: Sie übersahen sie oftmals schlicht. Marion Meade gibt das Beispiel des englischen Historikers John Richard Green (1837-1883). Zwischen 1874 und 1880 erschien seine Short History of the English People, innerhalb deren er Eleonore ganze vier Mal erwähnt. 106 Auch im Fall von Green scheint eine Rolle zu spielen, dass er nicht nur Historiker, sondern auch Priester war; und die sahen Eleonore, wie im Fall der mittelalterlichen geistlichen Chronisten gezeigt wurde, kritisch oder lehnten sie ab. Eleonore zumindest ansatzweise gerecht zu werden versuchte William Stubbs (1825-1901), nicht nur Historiker, sondern auch Bischof von Oxford. Dieser edierte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Unmenge Material zur englischen Geschichte und zu den Regierungen einzelner englischer Herrscher wie Eduard I., aber auch die Chroniken maßgeblicher Schreiber wie Gervasius von Canterbury über die Zeiten der Könige Stephan, Heinrich II. und Richard I. (1135-1199), Ralf von Diceto oder Benoît von Peterborough und Roger Hoveden. Stubbs gab seiner Überzeugung Ausdruck, Eleonore sei bisher eher unfair bewertet worden, um diese Einschätzung gleich selbst wieder zu relativieren:
„I do not speak of her moral qualities although probably her faults have been exaggerated,
107 she can hardly be said to shine as a virtuous woman or a good wife.“
Die Frage, ob Eleonore eine gute Ehefrau und Mutter gewesen sei, beschäftigte nicht nur Historiker, sondern vor allem auch Historikerinnen der Viktorianischen Epoche. Folgt man beispielsweise Mary Anne Everett Green (1818-1895), so war Eleonore von Aquitanien eine höchst nachsichtige Mutter, die ihren Kindern kaum Grenzen setzte, ihre Launen ertrug und bei der jegliche ernsthafte Erziehungsversuche im Keim erstickt wurden. Ferner vertrat Green die Ansicht, Eleonores Töchter seien glücklicher gewesen als ihre Söhne, da sie das Glück gehabt hätten, sehr früh die
105 Siehe hierzu bei: Laube: a. a. O., S. 117-118.
106 Siehe hierzu bei: Meade: a. a. O., S. x.
107 Zitiert aus: Brown: a. a. O., S. 10.
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Eltern verlassen zu dürfen und so nicht verdorben werden konnten. 108 Das Beispiel Green macht deutlich, dass auch das Thema Eleonore von Aquitanien nicht immer mit den Maßstäben ihrer eigenen Zeit gemessen wurde, sondern sich innerhalb der Wertevorstellungen bewegte oder bewegen musste, die der jeweilige Historiker in seiner eigenen Zeit vorfand und die er gewohnt war anzuwenden. So versteht es sich von selbst, dass Autorinnen wie Green Eleonore mit den Frauen ihrer eigenen Zeit, dem 19. Jahrhundert, verglichen, in der sie Kinder zu erziehen und sonst wenig Rechte hatten und erst langsam begannen, ihre Bedürfnisse und ihr Selbstbewusstsein auch politisch zu artikulieren.
Während Historikerinnen wie Mary Anne Everett Green sich mit der Rolle Eleonores als Mutter befassten und ihr diesbezüglich eine eher schwache Leistung konstatierten, brachte Agnes Strickland (1796-1874) 109 ein anderes Element in die Eleonore-Diskussion ein. Sie sah Eleonore als geborene Anführerin, als Macherin und als furchtlose Kämpferin, die in der Lage gewesen sei, selbst Hannibal und seine Pläne zu verhindern! 110 Strickland folgt hier dem Bild, das von Eleonore auf dem Zweiten Kreuzzug entworfen wurde, nach dem sie, wie oben bereits erwähnt, begleitet von ihren Damen, als Amazone bewaffnet in den Kampf ritt, um in vorderster Reihe den ungläubigen Feind zu bekämpfen. Für solcherlei Abenteuer blieb zwar in Wahrheit keine Zeit, jedoch zeigt dieses Beispiel den teilweise unkritischen Umgang mit den Geschichten um Eleonore, wie er im 19. Jahrhundert durchaus aktuell war. Andererseits erkannte man Eleonore von Aquitanien im vorletzten Jahrhundert auch als Identifikationsfigur. In einer Zeit des wieder erstarkten Selbstbewusstseins in den Regionen Frankreichs galt die Herzogin-Königin den Südfranzosen als der Inbegriff einer Südfranzösin: Unabhängig, leidenschaftlich, offenherzig und sinnesfroh, aber gleichzeitig auch kultiviert und gebildet und dem Nordfranzosen überlegen, wurde sie zur „Blüte des Südens“ hoch stilisiert, „die im Norden Frankreichs […] einging, wo niemand auch nur ihre Sprache verstand.“ 111
Bei französischen Historikern im 19. Jahrhundert war Eleonore im Übrigen kaum ein Thema, das lohnend erschien. Im Frankreich des 19. Jahrhunderts standen andere Themen im Vordergrund, vor allem die Revolutionen. Daniela Laube hat zu Recht
108 Siehe dazu: Brown: a. a. O., S. 9-10.
109 Agnes Strickland gilt als eine der fruchtbarsten Historikerinnen der Viktorianischen Ära. Zu ihren bekanntesten Werken
gehören unter anderem die 12 Bände umfassende Sammlung “Lives of the Queens of England“ (1840-1848) und “The Letters
of Mary Queen of Scots“ (1842-1843).
110 Siehe hierzu bei: Brown: a. a. O., S. 10.
111 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 9.
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Konstantin Noack: Eleonore von Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung
betont: „Da beschäftigte die Gegenwart mehr als die Vergangenheit.“ 112 Wenn französische Historiker sich über Eleonore äußerten, wurde im Großen und Ganzen das Bild einer ungezogenen, frechen Frau gepflegt, die nur ihren eigenen Willen hatte und nicht bereit war, sich den Konventionen ihrer Zeit und somit den Männern unterzuordnen. 113 Anders gesagt: Es wurde Altbekanntes kritiklos übernommen und dadurch im allgemeinen Gedächtnis verfestigt. Selbst der berühmte Jules Michelet (1798-1874) verharrte in den altbekannten Denkmustern, wenn er schrieb: „Die wahre Melusine mit ihrer Mischung aus widersprüchlichen Naturen ist Eleonore von Guyenne“ 114 .
Hier wird eine grundsätzliche Tendenz deutlich: Während die Folklore die Königin für sich entdeckte und als Identifikationspunkt heranzog, stand die Fachwelt Eleonore lange Zeit weiter reserviert gegenüber. Viele Historiker, gleich welcher Nation, sahen sie als leichtfertige Ehefrau im Schatten ihrer beiden Ehemänner Ludwig VII. von Frankreich und Heinrich II. von England. Selbst wenn man zum Ende des 19. Jahrhunderts hin bemüht war, Eleonore Gerechtigkeit widerfahren zu lassen und eine Zeit der Quellen- und Dokumentensammlung begann: Dieses Bild hielt sich bis weit in das 20. Jahrhundert. Friedrich Heer (1916-1983) schilderte sie, wie im ersten Teil bereits gezeigt, als junge, lebenshungrige Fürstin und auch der britische Kreuzzugshistoriker Steven Runciman (1911-2003) schreibt Eleonore einen unguten Einfluss zu, der Ludwig VII. zu Beginn seiner Herrschaft zu „einigen […] Verfehlungen“ 115 verleitet habe. Andererseits anerkennt Runciman Eleonores Scharfblick, wenn er in Bezug auf die Ereignisse zwischen Ludwig, Eleonore und Raimund in Antiochia schreibt:
„Königin Eleonore war mit ungleich schärferem Verstand begabt als ihr Gemahl. Sie erkannte sofort, dass Raimunds Plan [, zur Rückeroberung Montferrants auszuziehen,]
116 klug und weit vorausschauend war […].“
Grundsätzlich war die Eleonore-Forschung im 20. Jahrhundert jedoch bemüht, das überlieferte Bild der Eleonore zu korrigieren. Zumindest Ansätze hierzu zeigt Alfred Richard (1839-1914) mit seiner Histoire des comtes de Poitou. Innerhalb dieser sehr nahe an den Quellen orientierten Arbeit spielt Eleonore allerdings eine
112 Zitiert aus: Laube: a. a. O., S. 121.
113 Siehe hierzu bei: Meade: a. a. O., S. x.
114 Zitat übernommen aus: Markale: a. a. O., S. 98.
115 Zitiert aus Runciman: a. a. O., S. 552.
116 Zitiert aus: Runciman: a. a. O., S. 583.
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merkwürdige Rolle, da Richard ein veraltetes Bild von der Frau im Mittelalter hat und meint, eine Frau könne im Mittelalter nicht selbst Lehen halten und sie also auch nicht beherrschen. 117
In den Fünfziger Jahren des 20. Jahrhundert brachte Amy Kelly ihr Buch Alienor and the four Kings heraus. Obwohl es an vielen Stellen populärwissenschaftliche Züge aufweist, wird Eleonore vor dem Hintergrund ihrer Zeit betrachtet. Zudem merkt man dem Buch Kellys Quellennähe an, worauf auch schon Daniela Laube verwiesen hat. 118
Seit den 1980er Jahren setzte sich immer mehr eine Versachlichung der Forschung durch, wenn auch die Stimmen der klassischen Eleonore-Forschung nicht verstummt waren. Das nimmt nicht weiter wunder, denn einmal aufgebaute Bilder, Vorurteile und Klischees lassen sich nur schwer korrigieren; anders gesagt: „Neue Forschungsergebnisse hingegen haben es schwer, sich durchzusetzen.“ 119 Immer wieder kommt es vor, dass in Artikeln, Aufsätzen oder Büchern das „alte“ Eleonore-Bild gepflegt wird und Dinge behauptet werden, die schon längst als widerlegt oder zumindest als höchst fragwürdig gelten müssen. Wenn gegenwärtig zum Beispiel immer noch die Behauptung anzutreffen ist, es sei überraschend oder ungewöhnlich gewesen, dass eine Königin wie Eleonore auf den Kreuzzug gegangen ist, dann wird schlicht ignoriert, dass schon Régine Pernoud, wie im ersten Teil dieser Arbeit gezeigt wurde, darauf hingewiesen hat, dass in Eleonores Gang nach Outremer eben nichts Außergewöhnliches steckt. 120 Gerade um auf solche Irrtümer immer wieder hinzuweisen, hat die gegenwärtige Eleonore-Forschung ihren Auftrag gefunden, den man folgendermaßen formulieren kann:
„Umso wichtiger ist es, die Königin von der Legende zu befreien, die sichzugegebenermaßen sehr dekorativ - um ihr Bildnis rankt. [Denn] auch ohne pikante Anekdoten bleibt Eleonore eine der aufregendsten Persönlichkeiten des Hochmittelalters
121 und eine der weitsichtigen Herrscherinnen.“
117 Siehe hierzu: Laube: a. a. O., S. 128-129.
118 Laube: a. a. O., S. 129.
119 So Maren Gottschalk im Vorwort zu ihrer Aufsatzsammlung „Königinnen. Fünf Herrscherinnen und ihre Lebensgeschichten“,
Beltz & Gelberg, Weinheim und Basel 2008, S. 8.
120 Noch Maren Gottschalk schreibt in ihrem Aufsatz über Eleonore: „Überraschenderweise entschließt sich Eleonore dazu,
ebenfalls ins Heilige Land zu ziehen.“ (Zitiert aus: Maren Gottschalk: „,Adler mit den zwei Köpfen’. Eleonore von Aquitanien (um
1122-1204)“, in: Dieselbe: „Königinnen. Fünf Herrscherinnen und ihre Lebensgeschichten“, Beltz & Gelberg, Weinheim und
Basel 2008, S. 11-54, hier: S. 24 (In der Folge zitiert unter dem Kürzel: „Gottschalk: Eleonore“).
121 Zitiert aus: Gottschalk: „Eleonore“, S. 12.
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Maren Gottschalk spricht hier im Übrigen einen wichtigen Punkt und ein gleichzeitiges Problem an, auf das die aktuelle Eleonore-Forschung verstärkt hinweist. Eine Aufgabe des Historikers ist es, Legenden und Mythen zu entzaubern, so schön und wichtig sie mitunter sind. Da im Fall der Eleonore von Aquitanien nur sehr wenige persönliche Dokumente oder Äußerungen vorliegen und man im Mittelalter so etwas wie das Führen eines persönlichen Tagebuches nicht kannte, ist und war die Nachwelt umso mehr geneigt, sich auf das zu konzentrieren, was vorhanden ist. Das sind bei Eleonore eben die Legenden und Sagen und das mitunter wenig differenzierte Schreiben der Chronisten, auch wenn es hier, wie gezeigt, Ausnahmen gibt. Selbst wenn es nicht vollständig gelingt, das Eleonore-Bild völlig zu revidieren, so sind solche Arbeiten wie die von Ursula Vones-Liebenstein oder Daniela Laube mit ihren nüchternen Analysen von höchster Wichtigkeit für die zukünftige Eleonore-Rezeption. Dies ist umso mehr der Fall, wenn man bedenkt, dass in der Historiografie über mehrere Jahrhunderte kritiklos das überaus negative Eleonore-Bild der Chronisten gehegt und gepflegt wurde.
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II.1.3: Eleonore und ihre populärwissenschaftliche Behandlung
Wie so viele Gestalten der Geschichte, so ist auch Eleonore von Aquitanien nicht nur Gegenstand eines wissenschaftlichen Diskurses, sondern auch Mittelpunkt zahlreicher belletristischer und populärwissenschaftlicher Arbeiten, in denen das Leben der Herzogin-Königin verschiedentlich geschildert und ausgeschmückt wird. Zu nennen sei hier unter anderem Tanja Kinkels historischer Roman Die Löwin von Aquitanien (Goldmann, 1991), in welchem besonders das Bild einer ehrgeizigen, machtbewussten und leichtsinnigen Königin gepflegt wird. Jedoch muss man Kinkel zugute halten, dass sie sich im Großen und Ganzen an die Tatsachen hält. Ein durch und durch kurioses Werk ist der Roman Im Schatten der Lilie. Die Erinnerungen der Eleonore von Aquitanien von Patrice Leavold (Bastei-Lübbe, 1998), der eine Mischung aus Liebes- und Abenteuerroman darstellt, in dem Eleonore ihre Liebe zu Heinrich von Anjou verheimlichen muss, sich letztlich dieser aber hingibt, weil sie alles andere besiegen kann - nur Heinrich von Anjou nicht. Leider kann sich Leavold nicht enthalten, auch die angebliche Beziehung zwischen Eleonore und Gottfried von Anjou auszuschlachten. Solche Werke haben im breiten Publikum durchaus Erfolg, nur tragen sie nicht dazu bei, das Bild der wahren Eleonore, welches ohnehin schon immer von Sagen und Legenden überlagert war, freizulegen. Andererseits ist es durchaus so, dass sich „ernste“ Wissenschaft und Populärwissenschaft gegenseitig hilfreich sein können. In der Belletristik wird Eleonore meist als selbstbewusste, machtbewusste und emanzipierte Frau dargestellt, und auch im wissenschaftlichen Diskurs wurde der Aspekt der emanzipierten Frau Eleonore durchaus diskutiert. Ein Beispiel hierfür bietet die schon erwähnte Eleonore-Biografie von Marion Meade aus dem Jahre 1977. Meade ist sichtlich bemüht, das althergebrachte Eleonore-Bild zu korrigieren. Vor allem möchte sie mit den moralischen Vorwürfen der Viktorianischen Epoche aufräumen, Eleonore sei eine schlechte Mutter gewesen. Wie noch gezeigt wird, stellt Meade die Herzogin-Königin als mittelalterliche Frau dar, die ihr Leben lang um ihre Unabhängigkeit kämpfen musste. Auch weiß Meade zu berichten, Eleonores Mutter und Großmutter hätten einen großen Einfluss auf sie gehabt. 122 Solcherlei Hinweise finden sich sonst nirgendwo, im Gegenteil: Es wird immer wieder betont, Eleonores Mutter sei so gut wie unbekannt.
122 Siehe hierzu bei: Meade: a. a. O., S. 22.
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So interessant der Aspekt der Emanzipation bei Eleonore sein mag, ist dennoch zu unterscheiden: Während in der Belletristik weiterhin das Bild einer emanzipierten Eleonore gepflegt wird, ist die seriöse Wissenschaft mittlerweile der Überzeugung, dass man Eleonore eben nicht als Vorläuferin der Emanzipation sehen kann. 123 Es ist zwar durchaus richtig, Eleonore als mittelalterliche Frau zu sehen, die ihre Grenzen ausmaß und nur wenig auf die Konventionen ihrer Zeit Rücksicht nahm, jedoch war ihr solch ein Begriff wie Emanzipation wohl doch eher fremd. Deshalb ist, selbst wenn es Schnittpunkte zwischen seriöser Wissenschaft und Belletristik und Populärwissenschaft gibt, auch weiterhin darauf zu achten, diese Bereiche voneinander zu trennen.
Auch in Film und Fernsehen war und ist Eleonore von Aquitanien des Öfteren Thema. Als gelungenes Beispiel aus diesem Bereich sei der Spielfilm The Lion in Winter (1968) genannt. Eleonore wird hier verkörpert durch Katharine Hepburn, die für ihre Leistung den Oscar erhielt. Heinrich II. von England (Peter O’Toole) versammelt zum Weihnachtsfest 1183 seine gesamte Familie um sich, auch Eleonore lässt er aus ihrer Gefangenschaft kommen. Er befindet sich in einer persönlichen Krise und möchte herausfinden, welcher seiner Söhne als sein Nachfolger in Frage kommt. Es entspinnt sich ein Film, der weniger ein Historienfilm als viel mehr ein Psychogramm einer gespaltenen und tief zerstrittenen Familie ist. Die Söhne buhlen um Heinrichs Anerkennung, und die Atmosphäre lebt von versteckten Andeutungen und Drohungen gegeneinander. Hepburn verleiht Eleonore Züge einer schlagfertigen, zynischen Frau, die, im Kontrast hierzu, derbe Witze macht, laut lacht und ihren Söhnen und ihrem Mann gerade heraus die Wahrheit ins Gesicht sagt. Ihre Beziehung zu ihrem Lieblingssohn Richard wird als eine Art Hassliebe gedeutet. Eleonore will zwar ihn als Nachfolger seines Vaters, zeigt ihm durchaus aber seine Grenzen auf, während er von ihr bedingungslose Unterstützung fordert. Heinrich wird als älterer, bisweilen melancholischer Mann dargestellt, der seine Frau zwar gefangen hält, sie aber noch zu lieben scheint, obwohl er eine junge Geliebte hat. Insgesamt stellt der Film einen guten Versuch dar, Eleonore zu deuten und zu verstehen. Letztlich muss man jedoch bemüht bleiben, sie aus ihrer eigenen Zeit heraus zu begreifen.
123 Siehe hierzu zum Beispiel bei: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 9.
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Überschaut man die Eleonore-Forschung bis in die Gegenwart, so lassen sich insgesamt drei große Strömungen erkennen. Es gibt erstens die Vertreter eines romantischen, soll heißen: überaus positiven Eleonore-Bildes (einige Historikerinnen des 19. Jahrhunderts, Régine Pernoud, Marion Meade u. a.); eine zweite Richtung widmet sich eher der Detailforschung und erörtert Teilaspekte und die
Wirkungsgeschichte Eleonores (Jean Markale, William W. Kibler, Elizabeth A. R. Brown u. a.). Die dritte Richtung schließlich ist bemüht, das Eleonore-Bild in der Forschung zu versachlichen und Eleonore neu und zeitgemäß zu deuten (Laube, Vones-Liebenstein u. a.). Im folgenden Abschnitt werden Werke vorgestellt, die die beschriebenen Strömungen repräsentieren.
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II.2: Die Strömungen in der Eleonore-Forschung
II.2.1: Das romantische Eleonore-Bild: Régine Pernoud (1966)
Wie kaum eine andere Historikerin verstand es die französische Archivarin und Mediävistin Régine Pernoud (1909-1998), historische Themen spannend zu bearbeiten und ihre Leserschaft mit ihrer eigenen Begeisterung für eine historische Person anzustecken. Über mehrere Jahre hinweg beschäftigte sie sich auch mit Eleonore von Aquitanien, deren Biografie sie 1965 in französischer Sprache vorlegte, die den Titel trug: Aliénor d’Aquitaine. Eine deutsche Übersetzung von Rosemarie Heyd erschien bereits ein Jahr später im Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf und Köln und hat etwa 300 Seiten.
Régine Pernoud gehört bis heute wohl zu den herausragenden VertreterInnen eines romantischen Eleonore-Bildes. Wie bereits mehrfach angedeutet wurde, bedeutet dies, dass Autorinnen wie Pernoud oder auch Marion Meade Eleonore von Aquitanien in den hellsten Farben malen und ihr viel, wenn nicht gar alles zutrauen und ihrem politischen Handeln mehr Bedeutung beimessen als vielleicht angebracht wäre. Auch stellt das romantische Bild der Herzogin-Königin diese immer noch gerne als bedeutende Förderung des Minnesanges und der Dichtkunst dar und sieht sie als Mittelpunkt eines Liebeshofes und als Richterin in Sachen der fin amor, der höfischen Liebe. In der aktuellen Forschung ist, wie noch zu zeigen sein wird, in Bezug auf dieses Thema allerdings eine größere Sachlichkeit eingezogen. Für Pernoud ist Eleonore von Aquitanien mehr als zweifache Königin, Herzogin und Gräfin. Für sie ist Eleonore eine eigenständige, politisch denkende und machtbewusste Person, die das Heft des Handelns selbst in die Hand nimmt und sich somit nicht um die Beschränkungen kümmert, die die von Männern geprägte mittelalterliche Gesellschaft den Frauen auferlegt. Sie sieht Eleonore sowohl hinter der Heirat ihrer Schwester Petronella (Aelis) mit Raoul von Vermandois (1141), die zu politischen Verwicklungen mit der Familie von Raouls erster Ehefrau, dem mächtigen Grafenhaus der Champagne führte und hinter den schrecklichen Ereignissen in Vitry (1143). Und auch später sieht Pernoud Eleonore am Werk: Sie steht mit hinter dem Aufstand 1173/74 gegen Heinrich II., weil er sie verraten hat und
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sie für ihre Kinder kämpft, so wie sie ihr Leben lang kämpft. Auch Marion Meade propagiert im Übrigen diese Denkweise, wenn sie schreibt:
„Her whole Life […] became a struggle for the indipendence and political power that
124 circumstances had denied her, although few of her contemporaries could realize this“.
Folgt man Régine Pernoud, so liest sich Eleonores Leben wie ein Jugend- oder Abenteuerroman. Jedes der 22 Kapitel ihrer Biographie beginnt die Historikerin mit einer lebendigen und fantasievollen Schilderung eines Ereignisses aus dem Leben der Eleonore. Das erste Kapitel setzt so zum Beispiel bei der Hochzeit Eleonores mit Ludwig VII. von Frankreich im Juli 1137 ein. Pernouds Art der historischen Erzählung hat sowohl Vor- als auch Nachteile. Der Vorteil liegt darin, dass man als Leser sehr schnell einen leichten Zugang zum Thema erhält. Zudem ist man aufgrund der packenden und ausschmückenden Erzählung viel eher bereit, sich mit der Hauptperson, in diesem Fall Eleonore von Aquitanien, zu identifizieren oder zumindest mit ihr zu sympathisieren. Durch diesen Effekt wird klar, dass historische Persönlichkeiten, so lange sie auch bereits verstorben sein mögen, den nachgeborenen Generationen dauerhaft als Vorbild oder Identifikation dienen oder dienen können. Solche Identifikationsfiguren hat jede Nation: In Deutschland ist es, auf das Mittelalter bezogen, Friedrich I. Barbarossa, der als Inbegriff des hochmittelalterlichen Kaisertums galt, oder Otto der Große (936-973), in Frankreich übernimmt diese Aufgabe Jeanne d’Arc, die bis ins 20. Jahrhundert hinein Streitpunkt zwischen den politischen Lagern im Nachbarland blieb, weil jede Seite „ihre“ Jeanne für sich reklamierte. Bei Jeanne d’Arc ist es aber weniger die Geschichtswissenschaft an sich, die das Thema interessant macht, sondern in einem größeren Maße die Tatsache, dass die Jungfrau von Orleans „quellenmäßig so gut belegt“ 125 ist, wie Gerd Krumeich festhält. Als dritte Identifikationsfigur sei Richard Löwenherz für England genannt, der dort immer Hauptfigur vieler Sagen und Legenden war, obwohl er, wie gehört, als König nicht unbedingt beliebt gewesen ist.
Von Nachteil kann eine solche Art und Weise der Darstellung wie Pernoud sie vornimmt, dann sein, wenn man den handelnden Personen Gefühle und Gedanken
124 Zitiert aus: Meade: a. a. O., S. ix.
125 Zitiert aus: Gerd Krumeich: „Jeanne d’Arc. Die Geschichte der Jungfrau von Orleans“, Verlag C. H. Beck, Beck’sche Reihe,
München 2006, S. 6. - Gerd Krumeich geht im Schlusskapitel seiner Biografie auch auf den weiter oben erwähnten Kampf der
politischen Lager in Frankreich um die Identifikationsfigur Jeanne d’Arc ein (ebd., S. 111-118).
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zuschreibt, die man selbst als Autor bei der Erstellung eines Textes hat. Régine Pernoud macht mit ihrer Biografie dieses Problem mehr als einmal sehr deutlich, denn sie behandelt das Thema Eleonore von Aquitanien sehr gefühlsbetont, wobei klar sein muss, dass der oder die Handelnde die beschriebenen Gefühle gehabt haben kann, aber nicht zwingend gehabt haben muss. Régine Pernoud versteht es jedoch sehr geschickt, eigene Gefühle und Gedanken als die Eleonores auszugeben. Nachprüfen lassen sich solche Gefühle weder bei Eleonore noch bei anderen verstorbenen Personen. Wenn also Pernoud schreibt:
„Sie, die sich in ihrer Jugendzeit für unfruchtbar gehalten hatte, schenkt ihrem Gemahl [Heinrich II.] weitere sechs Kinder und trägt die Last ihrer verschiedenen Mutterschaften
126 mit heiterer Gelassenheit“ ,
so ist letztere Aussage eine bloße Vermutung der Historikerin. Beweisen lässt sich Eleonores angeblich heitere Gelassenheit heute nicht mehr. Wohl belegt sind hingegen Eleonores Zweifel und Schuldgefühle hinsichtlich ihrer Kinderlosigkeit in den ersten Jahren ihrer Ehe mit Ludwig VII. Erinnert sei hier an das Gespräch Eleonores ausgerechnet mit ihrem Gegner Bernhard von Clairvaux im Jahre 1144. Am Rande der Einsegnung der Kathedrale Notre-Dame in Paris kommt es zu einer Zusammenkunft zwischen Bernhard und Eleonore. In dem folgenden vertraulichen Gespräch sprach die Königin von ihrer Kinderlosigkeit, der Abt überwand seine Abneigung gegenüber Eleonore und sagte: „Sucht doch dem Königreich Frieden zu geben, und Gott in seiner Barmherzigkeit wird Euch gewähren, worum Ihr ihn bittet.“ 127 Ein knappes Jahr später wurde Eleonore tatsächlich Mutter.
Bernhard von Clairvaux und Suger von St. Denis, diese beiden großen und unterschiedlichen Gestalten der europäischen Kirchengeschichte, werden von Régine Pernoud, die selbst von einer großen Religiosität geprägt war, sehr kräftig und ausführlicher dargestellt. Suger wird als umtriebig, zielstrebig und geschäftstüchtig beschrieben. In Bezug auf Bernhard von Clairvaux macht sich die Historikerin vor allem Aussagen von Zeitgenossen zu Eigen. Sie bewundert sein „Feuer des Geistes“ und seinen „völlig verwandelten, nach innen gekehrten Ausdruck, wie man ihn beispielsweise auf den letzten Photos eines Pater Charles de Foucault sieht.“ 128 Dass
126 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 108.
127 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 44.
128 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 43.
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man Bernhard von Clairvaux auch anders sehen kann, wenn nicht sogar sehen muss, wird noch gezeigt werden. Im Zusammenhang mit Suger und Bernhard ist darüber hinaus bemerkenswert, dass Régine Pernoud erstens den Einfluss der beiden Kirchenmänner am französischen Hof und auf den französischen König höher ansetzt als andere Forscher, indem sie nämlich Eleonores berühmten Ausspruch: „Ich habe manchmal den Eindruck, ich hätte einen Mönch geheiratet“ dahingehend uminterpretiert, dass Eleonore nicht die mönchische Lebensweise ihres Gatten beklagt, sondern darüber verbittert ist, dass die Kirchenmänner Suger und Bernhard einen zu großen Einfluss auf Ludwig VII. und den französischen Hof haben. 129 Zweitens: Zu der Scheidung Ludwigs und Eleonores äußert sich die Historikerin nur mit einem einzigen Satz, nämlich:
„Denn nunmehr verkündete ein Konzil unter dem Vorsitz des Erzbischofs von Sens die
130 Nichtigkeit ihrer fünfzehn Jahre zuvor in Bordeaux geschlossenen Ehe.“
Weiteres ist wohl deshalb von Régine Pernoud nicht zu erfahren, da die Umstände der Scheidung alles andere als transparent sind und die Kirche und besonders Bernhard dabei eine nicht unbedingt glückliche Rolle spielte. Dies wird Pernoud bewusst gewesen sein. Denn die Scheidung Eleonores wird heftig in der Forschung diskutiert. Handelte es sich um eine Scheidung in beiderseitigem Einvernehmen oder wurde Eleonore durch Ludwig verstoßen, wie immer wieder zu lesen ist? 131
Wie bereits ausgeführt wurde, war in der frühen Eleonore-Forschung das Bild der Eleonore als Förderung der Troubadoure weit verbreitet. Besonders, dies sei hier angefügt, die Literaturhistoriker der Klassikerzeit gefiel diese Vorstellung. Auch Régine Pernoud förderte sie, obwohl sie selbst betont, dass dieses Bild überholt ist. 132 Pernoud verstand jedoch die angeblich von Eleonore geschaffene Welt der Liebeshöfe, wo erdachte Streitfälle diskutiert und gerichtet wurden, auch als Teil der politischen Welt. Denn während es zum Aufstand gegen Heinrich II. kommt, zieht sich Eleonore nach Poitiers zurück, ihre Lieblingsstadt, und zieht einige ihrer Kinder an
129 Siehe hierzu: Pernoud: „Königin“, S. 38.
130 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 87-88.
131 Hierzu sei als Beispiel Louis Mexandeau angeführt, der Ludwig VII. verteidigt, die Schuld am Scheitern der Ehe voll Eleonore
anlastet und schreibt: „[…] und wenn er Eleonore unter dem verspätet vorgebrachten Vorwand der Blutsverwandtschaft
verstieß, so geschah es in Übereinstimmung mit seinen persönlichen Gefühlen und mit Bedachtnahme auf die Würde und
Achtung, die er sich selber und vielleicht auch der ungetreuen Königin bewahrt hatte.“ (Zitiert aus: Louis Mexandeau: „Die
Kapetinger“, Editions Rencontre, Lausanne 1969, S. 265f.).
132 Siehe hierzu bei: Pernoud: „Königin“, S. 166.
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sich, so ihren Lieblingssohn Richard, den Pernoud als „große[n] Dichter“ 133 sieht. Hier „floss das Leben am Hofe von Poitiers fröhlich dahin. Feste und Turniere wechselten einander ab, Viola, Laute und Zither erklangen, und unter den Augen von Eleonore begeisterte sich die ganze junge Generation an Tanz und Poesie.“ 134 Mit Troubadourmusik will Eleonore gegen den Tyrannen Heinrich II. vorgehen, um die Rechte ihrer Kinder zu wahren! 135 Insgesamt zeichnet Pernoud ein widersprüchliches Bild: Zum einen sagt sie zwar, dass dieses romantische Eleonore-Troubadour-Bild überholt ist; zum anderen ergibt sie sich diesem Bild allerdings sehr schnell. Recht hoch setzt Pernoud den Einfluss Eleonores auf die zeitgenössische Literatur an. So sagt sie, Eleonore habe Dichter wie Chrestien de Troyes und Wace besonders gefördert, die ihr aus Dankbarkeit ihre Werke gewidmet hätten. Auch habe Eleonore mit für die Verbreitung der Artussagen gesorgt. 136 Dass die aktuelle Eleonore-Forschung dies inzwischen anders beurteilt, wird noch gezeigt werden.
In der aktuellen Eleonore-Forschung löst Régine Pernouds Biografie der Herzogin-Königin durchaus ein gemischtes Echo aus. Loben die einen Pernouds „Gabe lebendiger Darstellung“ (Ennen), sehen die anderen in ihrem Buch eine „schmissige Biografie Eleonores von Aquitanien“ (Fuhrmann). 137 Oftmals wird ihrem Gesamtwerk nur ein populärwissenschaftlicher Wert zugebilligt. 138
Insgesamt ist Régine Pernoud ein kenntnisreiches, leidenschaftliches Eleonore-Portrait gelungen. Zu Recht sagt Daniela Laube, Pernoud sei ein sehr persönliches Buch gelungen. 139 Die Historikerin spannt einen sehr weiten Bogen und streut allerlei Wissenswertes über die Baukunst und die Kleidermode der Zeit ein, geistliche Würdenträger wie Bernhard von Clairvaux, Suger von Saint Denis und Thomas Becket werden in besonders positivem Licht dargestellt. Oftmals besteht durch die breite Streuung der Themen die Gefahr, dass der Leser vom eigentlichen Thema abgelenkt wird. Hinzu kommt: Die oft zu romanhaft gestalteten Auftakte der einzelnen Kapitel nehmen dem Werk einiges von seiner Wissenschaftlichkeit und geben ihm im Gegenzug durchaus einen verspielten Charme, der leicht dazu führen
133 Siehe: Pernoud: „Königin“, S. 169.
134 Zitiert aus: Pernoud: „Königin“, S. 170.
135 Siehe dazu bei: Pernoud: „Königin“, S. 166.
136 Siehe bei: Pernoud: „Königin“, S. 124f.
137 Zur Aussage Edith Ennens siehe: Ennen: a. a. O., S. 31; zu Horst Fuhrmann siehe: Horst Fuhrmann: „Einladung ins
Mittelalter“, Verlag C. H. Beck, Beck’sche Reihe, München, 3. Auflage 2004, S. 271.
138 So unter anderem bei Dieter Berg: „Richard Löwenherz“, S. 14. Berg bezieht sich hier auf Pernouds Löwenherz-Biografie
(1988).
139 Laube: a. a. O., S. 131.
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kann, dass der Leser sich durch diesen Charme übermannen lässt. Alles in Allem ist Pernouds Eleonore-Biografie ein sehr gutes Beispiel der älteren, gefühlsbetonten Eleonore-Forschung, denn Gefühle und Empfindungen spielen in diesem Werk eine große Rolle.
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II.2.2: Die problemorientierte Eleonore-Forschung: Jean Markale (1980)
Neben der klassischen und der sachlichen Eleonore-Forschung gibt es jene Forschungsströmung, die hier als problemorientierte Eleonore-Forschung bezeichnet werden soll. Was darunter zu verstehen ist, wurde weiter oben bereits ausgeführt, als von Detailforschungen zu Fragen der Lebens- und Wirkungsgeschichte der Eleonore von Aquitanien gesprochen wurde. Ausdruck dessen ist auch, dass regelmäßig Kongresse und Tagungen abgehalten wurden und werden, die sich mit Eleonore von Aquitanien oder der Stellung der Frau im Mittelalter beschäftigen. So fand zum Beispiel zwischen dem 23. und 25. April 1973 an der University of Texas in Austin ein Symposium statt, das sich mit Eleonore befasste. Hier hielten Forscher wie Elizabeth A. R. Brown, William W. Kibler, Moshé Lazar oder Eleanor S. Greenhill Vorträge zu Detailfragen der Eleonore-Forschung. Themen waren unter anderem die Biografie der Herzogin-Königin oder die Musik zur Zeit der Eleonore. 140 Die problemorientierte Eleonore-Forschung ist jeweils auch Teil der klassischen und der sachlichen Eleonoreforschung: Wie gezeigt wurde, hat man sich bereits im 19. Jahrhunderts mit speziellen Themen zu Eleonore und ihrer Zeit befasst (Eleonore als Mutter, Königin und Politikerin), und man tut dies auch heute (siehe die Diskussion um Eleonore als Vorläuferin der Emanzipation).
Ein weiteres Beispiel der problemorientierten Eleonore-Forschung ist Jean Markales Arbeit La vie, la légende, l’influence d’Aliénor comtesse de Poitou, duchesse d’Aquitaine, Reine de France, puis d’Angleterre, Dame des Troubadours et des bardes bretons (Paris 1979, dt. 1980 unter dem Titel Eleonore von Aquitanien. Königin von Frankreich und England, Leben und Wirkung einer ungewöhnlichen Frau im Hochmittelalter). Die deutsche Ausgabe hat rund 300 Seiten und ist erschienen im Rainer Wunderlich Verlag, Freiburg im Breisgau. Die eigentliche Biografie Eleonores wird hier insgesamt knapp und kursorisch auf circa 70 Seiten zusammengefasst, der Schwerpunkt des Werkes liegt bei den Themen der Scheidung von Eleonore und Ludwig VII. und den Sagen um Eleonore.
Der biografische Teil (S. 27-98) zeigt unter anderem deutlich, dass Markale, ebenso wie Régine Pernoud, zu einer deutlichen und farbigen Sprache neigt, die mehrfach in
140 Die Vorträge des Symposiums finden sich in überarbeiteter Form abgedruckt in: William W. Kibler (ed.): Eleanor of Aquitaine.
Patron and Politician, University of Texas Press, Austin und London 1976.
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schlichte Übertreibungen mündet. So bezeichnet er Eleonores Großvater Wilhelm IX. gar als den „notorischsten Schürzenjäger seiner Zeit“, der „selbst mit der Kirche ein Hühnchen zu rupfen“ 141 hatte und Spaß daran fand, „auch ein Luxusbordell errichten [zu lassen], in dem die Mädchen Nonnenkleidung tragen mussten, und dessen erster Kunde dem Chronisten zufolge er selber war.“ 142
In der Tradition Régine Pernouds und des romantischen Eleonore-Bildes zeigt sich Jean Markale auch in der Beurteilung der Frage, inwieweit Eleonore Einfluss als französische Königin hatte. Doch zeigt er sich hier inkonsequent, denn er behauptet die Politik Ludwigs VII. wäre in der Zeit ihrer Ehe maßgeblich von Eleonore beeinflusst worden, obwohl er gleichzeitig festhält, dass es hierfür nicht viele Beweise gibt:
„Aber Eleonores Einfluss beschränkte sich nicht auf Mode, Lebensstil, Literatur und Unterhaltung. Auch ihr Gatte konnte sich ihm nicht entziehen, wenn sich die zeitgenössischen Texte über diesen Punkt auch weitgehend ausschweigen. Ludwig VII. war nicht aus demselben Holz wie sein Vater, sondern entgegen dem Augenschein äußerst leicht zu bestimmen. Ganz unverkennbar trägt seine Politik nach der
143 Eheschließung Eleonores Stempel […].“
Markale sucht diese These unter anderem dadurch zu festigen, indem er aufzeigt, Ludwig hätte seine Mutter Adelheid von Savoyen eiligst „auf Reisen“ 144 geschickt und seinen Berater Suger von St. Denis des Hofes verwiesen. Es ist zwar richtig, dass Adelheid und Suger den Hof verließen, weil sie mit Eleonore augenscheinlich nicht zu Recht kamen, aber zumindest Adelheid scheint sich freiwillig auf ihr Witwengut zurückgezogen und neu geheiratet zu haben. Der Fall Suger liegt komplizierter und doch einfach: Er zog sich zwar zurück, aber setzte sich, wie gezeigt wurde, zeitlebens dafür ein, dass die Ehe zwischen Ludwig VII. und Eleonore Bestand hatte.
Im Zusammenhang mit Suger ist im Übrigen auch interessant, wie Markale Bernhard von Clairvaux sieht. Es sei daran erinnert, dass Régine Pernoud nicht nur Suger, sondern auch ihn in den kräftigsten Farben malt. Markale charakterisiert den Abt von Clairvaux hingegen anders, möglicherweise realistischer, vor allem aber weltlicher. Er ist für ihn der „unentbehrliche
141 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 27.
142 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 28.
143 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 35.
144 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 35.
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Handlager der Päpste“, der „kirchliche Machiavell“. Ferner sieht Markale Bernhard als „geniale[n] Schnüffler“ und „schlaue[n] Mönch“ 145 . In der Tat wird man dieser „Schlüsselfigur in der […] Kirchengeschichte“ 146 am besten gerecht, wenn man den von Régine Pernoud beschriebenen mit dem von Markale charakterisierten Bernhard verbindet: Persönlich galt er als bescheiden und war zeitlebens kränklich, jedoch konnte er, wenn es um Glaubensfragen ging, auch zu Hass und Übermaß fähig sein. Gerade durch seine Bescheidenheit wurde er dennoch auch Machtpolitiker, Berater von Königen und Päpsten, bei gleichzeitiger Verehrung durch das Volk. Nicht umsonst galt er vielen Zeitgenossen als „Orakel Gottes“. 147
Das zweite Kapitel (S. 99-143) befasst sich sodann mit Eleonores Scheidung vom März 1152. Eingangs wird die berechtigte Frage gestellt: „Wie kommt es, dass die Kirche 1152 akzeptierte, was der Papst 1149 ausgeschlossen hatte, nämlich die Blutsverwandtschaft als Scheidungsgrund?“ 148 In der Tat mutet der gesamte Vorgang der Scheidung seltsam an, und es sei daran erinnert, dass Papst Eugen III. Eleonore und Ludwig VII. unter Bannandrohung verboten hatte, über dieses Thema nachzudenken. Es war, wie Markale zeigt, nicht nur der Tod Abt Sugers im Januar 1151, der die Lage vereinfachte, sondern viel mehr die Intervention Bernhards von Clairvaux, der „selbst den König ermutigt zu haben [schien], sich mit dieser Begründung von seiner Gattin zu trennen“ 149 . Eine befriedigende Antwort auf die oben gestellte vFrage muss, nach Markale, ausbleiben. Für den Ehebruch und das angeblich anstößige Verhalten Eleonores, wie es ihr der Bischof von Langres auf dem Konzil von Beaugency als Ankläger vorwarf (und das im Übrigen in ihrer Abwesenheit!), gibt es keinerlei Beweise, und auch Markale kommt zu dem Schluss: „Die offizielle Beschuldigung des Ehebruchs […] ist also nicht ernst zu nehmen.“ 150 Jean Markale zeigt jedoch auf, dass auch der letztendliche Scheidungsgrund, die zu nahe Verwandtschaft, schlicht an den Haaren herbeigezogen war, um es einmal unwissenschaftlich auszudrücken. Schaut man sich die Genealogie an, so wird offenbar, dass nicht nur Ludwig VII. und Eleonore nach kanonischem Recht
145 Die Charakterisierungen sind zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 37-38.
146 Zitiert aus: Friedemann Bedürftig: „Bernhard von Clairvaux“, in: Derselbe: „Die Staufer. Ein Lexikon“, Primus Verlag,
Darmstadt 2006, S. 26.
147 Siehe bei: Johannes Fried: „Das Mittelalter. Geschichte und Kultur“, Verlag C. H. Beck, München, 4. Auflage 2009, S. 220. -
Zu Leben und Wirkungsgeschichte Bernhards siehe auch: Günther Binding: „Bernhard von Clairvaux“, in: Gloria Avella-Widhalm
u. a. (hrsg.): Lexikon des Mittelalters in IX Bänden, dtv, München 2003, Bd. I, Sp. 1992-1998.
148 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 99.
149 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 99.
150 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 100.
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Verwandte fünften Gerades waren, sondern auch Heinrich und Eleonore. Alle drei, Ludwig, Heinrich und Eleonore, stammen von König Robert II., dem Frommen (996-1031), von Frankreich ab. 151 Treffend bemerkt Markale zur Verwandtschaft zwischen Ludwig und Eleonore: „Wie [festzuhalten ist], sind Eleonore und Ludwig VII. über verschiedene Linien verwandt, sodass es ein leichtes war, irgendeinen Verwandtschaftsgrad zwischen den königlichen oder fürstlichen Familien herzustellen.“ 152 Also wurden auf dem Konzil von Beaugency auch Zeugen beigebracht, die die zu nahe Verwandtschaft des königlichen Paares bezeugten. Insgesamt spielte bei der Scheidung die Kirche eine undurchsichtige Rolle, weil sie eben mithalf, einen Scheidungsgrund zu schaffen, der offenkundig durchsichtig war. Jean Markale untersucht eingehend auch die Rolle, die Eleonore bei ihrer eigenen Scheidung spielte. Was diesen Punkt anbelangt, formulierte er vor dreißig Jahren schon das, was noch der heutigen Überzeugung in der Forschung entspricht und was schon zeitgenössische Chronisten formulierten: Eleonore wollte die Scheidung. Im ersten Teil wurde bereits gezeigt, dass sie es war, die während des Streitgesprächs mit Ludwig in Antiochia die Blutsverwandtschaft als Scheidungsgrund ins Spiel brachte und seit dieser Zeit immer wieder auf eine Scheidung drängte. Nicht nur Markale, sondern der überwiegende Teil der Forschung geht davon aus, dass Eleonore schon 1149 mit dem Thema Scheidung zumindest befasst gewesen sein muss. Ob sie eine Trennung allerdings damals wirklich schon gewollt hat, ist fraglich. 153
Markale führt zudem aus, dass Eleonore, Heinrich und Gottfried von Anjou ein „abgekartetes Spiel“ 154 trieben, als es um die Scheidung ging. Völlig zu Recht weist er darauf hin, dass die Wiederverheiratung Eleonores mit Heinrich viel zu schnell vollzogen wurde, als dass es ohne Vorbereitung und Absprache hätte passieren können. 155 Markale geht sogar soweit zu sagen, Eleonore habe die Scheidung mit bewusst provokantem Verhalten provozieren wollen. 156 Für ihn ist die Scheidung zudem Zeichen einer aufbegehrenden Frau, die frei sein möchte, sich selbst den Mann zu wählen, den sie liebt. Es ist also für Markale vor allem das „Recht auf Selbstbestimmung“ 157 , das Eleonore dazu brachte, sich von Ludwig VII. zu trennen.
151 Siehe hierzu Stammtafel 4 im Anhang.
152 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 109.
153 Siehe hierzu: Markale: a. a. O., S. 101.
154 Zitiert aus: Markale: a. a. O., S. 102.
155 Siehe hierzu bei: Markale: a. a. O., S. 111.
156 Markale: a. a. O., S. 114.
157 Markale: a. a. O., S. 115.
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War Eleonore von Aquitanien die Königin der Troubadoure? Wie die Geschehnisse um die Scheidung, so diskutiert Markale auch diese Frage sehr weitschweifig. 158 Für ihn ist zunächst einmal klar, dass der Einfluss, den Eleonore auf das literarische Leben ihrer Zeit „dem politischen nicht nur in keiner Weise nachstand, sondern sich über die Zeiten sogar als der noch bedeutendere erweisen sollte.“ 159 Mit dieser eindeutigen Festlegung übertrifft Markale sogar Régine Pernoud, die, wie gesehen, die oben gestellte Frage eher unentschlossen beantwortete. Der Autor führt als Beweis unter anderem Eleonores Herkunft an. Als Herzogin von Aquitanien und daher als Enkelin eines Troubadours sei es ihr ganz besonders möglich gewesen, „geistige Energien von höchst bemerkenswerter Tragweite freizusetzen“ 160 . Doch dies allein reicht zur Begründung noch nicht aus. Hinzu kommen für Markale noch Eleonores „Schönheit und Anmut, aber auch […] ihre sagenhafte Ausstrahlung“ 161 , die die Schriftsteller und Dichter ihrer Zeit dazu animierte, Eleonore zum Vorbild ihrer literarischen Gestalten heranzuziehen.
Im Gegensatz zur heute gängigen Forschermeinung schließt Jean Markale auch die Existenz von Eleonores Liebeshöfen nicht aus 162 ; selbst Régine Pernoud hatte diese, wie gesehen, zwar beschrieben und gedeutet, aber im Großen und Ganzen akzeptiert, dass die Forschung sie als nicht existent eingestuft hat. Wie Pernoud sieht auch Markale die Liebesgerichtshöfe der Eleonore als eine Art Gegengewicht zur harten Männerwelt ihrer Zeit. Nur hier kann sie ihr Frausein ausleben, ohne sich rechtfertigen oder befürchten zu müssen, nicht verstanden zu werden.
Doch selbst wenn Eleonore die Literatur ihrer Zeit gefördert hat, erscheint jedoch Markales Einschätzung als zu positiv. Er ergibt sich zu einfach dem Eleonore-Bild, weil er schlicht von einer Troubadoursenkelin erwartet, dass auch sie Troubadoure förderte. Und selbst wenn es Eleonores Liebeshöfe wirklich gegeben haben sollte, so ist das Bild der Liebeshöfe als Ventil für unterdrückte Fraulichkeit wohl doch zu hell gemalt.
Wenn man Jean Markales Werk insgesamt betrachtet, muss man zum einen Daniela Laube zustimmen, die bereits 1984 in ihrer hervorragenden Arbeit über Eleonore
158 Markale: a. a. O., S. 144-196.
159 Markale: a. a. O., S. 144.
160 Markale: a. a. O., S. 144.
161 Markale: a. a. O., S. 145.
162 Siehe dazu: Markale: a. a. O., S. 151ff.
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festhielt, seine Biografie sei langatmig. 163 Zum anderen betont er Eleonores Rolle als Mäzenin in zu vielen Worten und mit zu vielen Beispielen über, bemüht Sagen und Legenden, denen sie Pate gestanden hat oder haben könnte. Außerdem ist er sehr gefühlsbetont, schreibt mehr als einmal von der Weiblichkeit, der Fraulichkeit und sieht bei Eleonore emanzipatorische Tendenzen, die die sachliche Forschung so nicht teilt. Einzig bei dem Thema Scheidung weist er sachliche Ansätze auf, auch wenn er hier ebenso viele Worte macht wie in allen anderen Teilen seines Buches auch.
163 Laube: a. a. O., S. 130.
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II.2.3: Das sachliche Eleonore-Bild: Ursula Vones-Liebenstein (2000)
Im Jahr 2000 kam die Historikerin Ursula Vones-Liebenstein mit einer Eleonore-Biografie an die Öffentlichkeit, die man als direkten Gegenentwurf zu Régine Pernouds Werk und noch mehr zu Jean Markale verstehen kann, wenn nicht sogar muss. Ihr 128 Seiten umfassendes Werk Eleonore von Aquitanien. Herrscherin zwischen zwei Reichen erschien als Band 160/161 innerhalb der Reihe „Persönlichkeit und Geschichte“ des Verlags Muster-Schmidt, Göttingen und Zürich. Vones-Liebensteins Biografie macht sehr gut deutlich, wonach die gegenwärtige Eleonore-Forschung strebt oder streben sollte: Nach einer Versachlichung, einer nüchternen Analyse und, wenn möglich, einer Neubewertung des gängigen Eleonore-Bildes. Dies ergänzt sich somit einhellig mit dem von Maren Gottschalk formulierten und bereits zitierten Forschungsauftrag. Welchen Schwierigkeiten die sachliche Forschung dabei begegnet, wurde ebenfalls bereits weiter oben deutlich gemacht.
Vones-Liebenstein hält sich jedoch nicht nur an die von Gottschalk formulierte Maßgabe, sondern sie erweitert sie noch, indem sie postuliert, der Historiker habe bei der Beschreibung von Eleonores Leben eigene Gefühle oder Gedanken
auszuschalten und sie nicht auf die zu behandelnde Person zu übertragen; anders gesagt: Eleonore muss, um ihr wirklich gerecht werden zu können, unbedingt aus ihrer eigenen Zeit heraus betrachtet werden. Genauer schreibt Vones-Liebenstein:
„Dabei kann es nicht Aufgabe des Historikers sein, der untersuchten Gestalt Gefühle und Gedanken zuzuschreiben, die aus unserer Sicht den entsprechenden Situationen adäquat erscheinen würden. Ein solcher Versuch sollte ausschließlich dem historischen
164 Roman oder der Filmkunst vorbehalten bleiben.“
Auch diese Forderung hält Vones-Liebenstein selbst in vorbildlicher Weise ein. In klarer, sachlicher Sprache stellt sie das Leben der Herzogin-Königin dar. Nur ganz selten einmal fühlt sich der Leser in ihrem Erzählstil an Régine Pernoud erinnert. Dies ist zum Beispiel der Fall, wenn die Forscherin die Reaktion Eleonores auf den Tod ihres Lieblingssohnes Richard Löwenherz schildert:
164 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 9.
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„Der Sohn, der ihrem Herzen am nächsten gestanden hatte, sollte als einziger in ihren Armen sterben. […] Eleonore aber sollte keine Zeit bleiben, sich ihrer Trauer hinzugeben. Sie musste sich aufmachen, um dem letzten ihrer Nestlinge, dem nun 32 Jahre alten
165 Johann Ohneland, die Krone zu sichern.“
Neben der Sachlichkeit in der Sprache fällt überdies auf, dass die Autorin bemüht ist, das Leben der Eleonore so nahe wie möglich an den Quellen entlang zu rekonstruieren. Bedauerlicherweise zitiert sie allerdings nur sehr sparsam aus diesen. Die Quellennähe hat zur Folge, dass das Eleonore-Bild relativiert wird und die teilweise überspannten Schilderungen Eleonores der früheren Forschung als überholt gelten müssen.
Es wurde bereits gezeigt, dass es in der Forschung umstritten ist, ob Eleonore als französische Königin überhaupt politischen Einfluss hatte. Die ältere Forschung billigt Eleonore wie gehört einen großen Einfluss auf ihren zaudernden und frömmelnden Gatten Ludwig zu. Ursula Vones-Liebenstein teilt diese Meinung nicht. Sie zeigt auf, dass Eleonore weder an Ludwigs Konflikten mit der Kirche, dem Adel oder den Städten direkt beteiligt war, noch hat sie Ludwig VII. zu dem missglückten Zug gegen Toulouse und zur Katastrophe von Vitry 1143 getrieben, im Gegenteil: Der Zug diente Ludwig dazu seine Ansprüche als Oberlehnsherr gegenüber den mächtigen Grafen von Toulouse und nicht nur Eleonores Ansprüche als Herzogin von Aquitanien auf die Grafschaft durchzusetzen. Als Untermauerung ihrer These vom schwachen Einfluss Eleonores als Königin dienen Vones-Liebenstein schließlich die Urkunden, die sie persönlich erließ. Im Vergleich zu ihrer Vorgängerin und Schwiegermutter Adelheid von Savoyen, unter der der Einfluss der französischen Königin besonders groß gewesen war und in deren Zeit immerhin 55 Urkurden auch nach ihren eigenen Regierungsjahren datiert sind, finden sich für Eleonore im Ganzen 21 Urkunden, die sie persönlich ausstellen und siegeln ließ. Auffällig ist für Vones-Liebenstein in diesem Zusammenhang zu Recht die Tatsache, dass Eleonore als französische Königin kein eigenes Siegel besaß, Ludwigs zweite Frau Constanze von Kastilien aber sehr wohl. Schlussendlich betont die Historikerin, dass Ludwig VII. insgesamt schlicht nicht bereit gewesen sei, Eleonore an der Herrschaft zu beteiligen oder auch nur auf ihren politischen Rat zu hören, denn er hätte sie doch auch nicht während seiner Abwesenheit 1147-1149 zur Regentin Frankreichs ernannt. Hier stellt sich
165 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 89.
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allerdings die Frage, warum er hätte dies tun sollen, wenn sie ihn auf dem Kreuzzug begleitete? Viel eher muss hier vermutet werden, dass Ludwig Eleonore in ihrem Wunsch ihn zu begleiten, nicht entgegenstehen wollte und Eleonore somit als Regentin nicht in Frage kam. Insgesamt ist ihre Nichternennung also nicht unbedingt ein Beweis für ihren schwachen Einfluss als Königin. 166
Was die Scheidung Eleonores von Ludwig VII. angeht, so vertritt auch Vones-Liebenstein die heute gängige Forschermeinung, Eleonore habe die Scheidung gewollt, während Ludwig dieser zugestimmt habe, wie es schon Wilhelm von Newburgh berichtete. 167
Kritisch steht die Historikerin dem Bild einer „Königin der Troubadoure“ gegenüber und verweist es nachdrücklich und „definitiv ins Reich der Sagen“ 168 . Dabei ist sie sich bewusst, dass dieses Bild noch immer seinen Reiz hat, denn:
„Zu verführerisch ist offenbar die Vorstellung, Eleonore habe in der Burg von Poitiers, […] inmitten herrlicher Gärten Hof gehalten. Einen Hof, durch dessen, in orientalischem Stil ausgestatteten Säle, die mit einer streng utilitaristischen Ausstattung angevinischer Burgen kontrastierten, die süße Musik der Zimbeln klang und der Gesang der
169 Troubadoure, welche die fin’amor, die höfische Liebe, priesen.“
Hier bestätigt Vones-Liebenstein die Beobachtung, die bereits im Abschnitt über Régine Pernoud und noch deutlicher bei Jean Markale ausgeführt wurde: Obwohl in allen Strömungen der Eleonore-Forschung das Bild der Troubadourkönigin distanziert gesehen wird, wird es dennoch gern gepflegt. Auch Vones-Liebenstein macht eindeutig klar, dass in der gegenwärtigen Eleonore-Forschung die Überzeugung vorherrscht, dass es „überraschend wenige, wenn nicht gar keine Zeugnisse für Eleonores Rolle als Mäzenin gibt“ 170 , wenn sie auch ausführt, dass Eleonore zumindest in den ersten Jahren ihrer zweiten Ehe Einfluss auf das Hofleben in England ausgeübt zu haben scheint. Die Forscherin macht dies klar am Beispiel des Chronisten Johannes von Salisbury der 1158 darüber klagte, „man müsse schon als
166 Zur Einfluss-Thematik insgesamt siehe bei: Vones-Liebenstein: a. a. O.,S. 22-27.
167 Siehe: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 39.
168 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 103.
169 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 103.
170 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 104.
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Poiteviner geboren sein oder sich wie ein Spanier oder Gascogner kleiden und sprechen, um bei Hofe etwas zu gelten.“ 171
Insgesamt aber wird deutlich, dass Eleonore nicht mehr Einfluss auf das literarische Leben gehabt hat als andere Königinnen vor ihr. Im Grunde tat Eleonore das, was sie für Dichter und Troubadoure als Königin eines Reiches tun konnte, sie tat das, was von einer mittelalterlichen Königin in ihrer Stellung erwartet wurde und was ihre Vorgängerinnen in England getan hatten. Anders gesagt: „Eleonore trat […] in die Tradition der englisch-normannischen Königinnen ein, denen Geschichtsschreiber und Dichter in der Hoffnung auf Förderung ebenfalls ihre Werke widmeten.“ 172 Darüber hinausgehende Aktivitäten sind heute, laut Vones-Liebenstein, nicht mehr nachweisbar, weder ein engerer Kontakt zu den Dichtern noch deren nachhaltigere Förderung. Eine ähnlich nüchterne Bilanz zieht Vones-Liebenstein auch dann, wenn es darum geht, welcher Geschichtsschreiber Eleonore seine Werke gewidmet hat. Ging die klassische Forschung zum Beispiel noch davon aus, der Kleriker Wace habe Eleonore seinen Roman de Brute, seinen Brutus-Roman gewidmet, so weist die Forscherin nach, dass Wace hofft, mit seinem Werk die Gunst der Königin zu erlangen - von einer direkten Widmung an Eleonore ist nirgends die Rede. 173 Es gibt, nach Vones-Liebenstein, überhaupt nur ein einziges Werk, das tatsächlich der Herzogin-Königin gewidmet wurde: Das Bestiarium des Philippe de Thaon, eine Sammlung, die in Gedichten die tatsächlichen oder fabelhaften Eigenschaften von Tieren beschreibt. Thaon widmete es Eleonore um 1154, nachdem er es zunächst der zweiten Gattin König Heinrichs I. von England, um 1135 zugeeignet hatte. 174
Insgesamt ist Ursula Vones-Liebenstein eine sachliche, ganz auf die Quellen gestützte Studie gelungen, die ohne jedes erzählerische Beiwerk einer Régine Pernoud oder einer Marion Meade auskommt. Mit ihrer nüchternen, rationalen Art und Weise legt sie sehr geschickt die „wahre“ Eleonore frei und ist bemüht, Vorurteile und das überholte Bild der Eleonore zu revidieren. Am Schluss ihrer Arbeit zeigt sie Eleonores Stärke noch einmal auf und fasst den Grund für ihren Platz in der Geschichte treffend zusammen:
171 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 104.
172 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 108.
173 Vones-Liebenstein, a. a. O., S. 107.
174 Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 108.
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„Aber ob Königin der Liebeshöfe oder rachsüchtige alte Hexe, die wahre Bedeutung der Eleonore von Aquitanien in ihrer eigenen Zeit lag nicht auf literarischer, sondern auf
175 politischer Ebene.“
175 Zitiert aus: Vones-Liebenstein: a. a. O., S. 112.
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III. Zusammenfassung
Im Rahmen dieser Arbeit wurde Eleonore von Aquitanien auf zweifache Weise nachgezeichnet. Im ersten Teil wurde ihr Leben dargestellt, so weit es historisch gesichert ist. Es wurde deutlich, dass sie gerade in ihren 15 Jahren als Königinmutter in England einen großen politischen Einfluss gehabt hat. Diesen sollte man nicht überschätzen, doch genau so wenig sollte man außer Acht lassen, dass es letztendlich Eleonores Tatkraft zu verdanken ist, dass ihren Söhnen Richard Löwenherz und Johann „Ohneland“ die englische Krone erhalten blieb.
Im zweiten Teil der Arbeit wurde gezeigt, welch ein vielschichtiges Bild in der Forschung und auch schon bei ihren Zeitgenossen Eleonore hat. Es wurde herausgearbeitet, dass das Eleonore-Bild, welches der Nachwelt überliefert wurde, schon durch zeitgenössische Chronisten negativ begründet und beeinflusst wurde. Dabei mischte sich üble Nachrede mit Gerüchten und bloßem Hofklatsch. Hinzu kam das bewusste oder unbewusste Nichtverstehen Eleonores durch die meist geistlichen Chronisten. Die Geschichtsschreiber der folgenden Jahrhunderte, und selbst die seriöse Geschichtswissenschaft seit dem 19. Jahrhundert, sah sich lange Zeit außer Stande oder ohne Willen, dieses überaus negative Bild einer in ihrer Zeit selbstbewussten und deshalb kritisierten Frau zu korrigieren. Kritiklos wurde übernommen, abgeschrieben und vertieft, was vorhanden war, Wahrheit und Legende miteinander vermischt, sodass es für die gegenwärtige Forschung noch schwieriger ist, die wahre Eleonore zu erkennen.
Dabei hat Eleonore von Aquitanien nichts von ihrer Faszination eingebüßt, die sie trotz aller Kritik schon bei ihren Zeitgenossen besessen hatte. Dies wurde innerhalb der Arbeit deutlich gemacht, indem die verschiedenen Strömungen aufgezeigt wurden, die in der Eleonore-Forschung existieren. Sehen die einen sie als politisch aktive, machtbewusste, emanzipierte Frau, möchten die anderen dieses positive Bild relativieren und einer neuer Sachlichkeit Platz einräumen, während dritte sich Detailfragen zuwenden oder immer noch das alte Eleonore-Bild pflegen von einer leichtsinnigen Frau. Die Faszination Eleonores hat bei alldem aber nicht nur mit ihrem eigenen Leben zu tun, sondern viel mehr auch mit der Zeit, in der sie lebte: Es war die Zeit der Kreuzzüge, der Ritterlichkeit, der großen Herrscher. Das regt die Fantasie bis heute an.
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Überschaut man die Forschung zu Eleonore von Aquitanien, werden zwei Punkte deutlich:
1. Die dargestellten Strömungen innerhalb der Eleonore-Forschung laufen nicht geordnet nebeneinander, sondern viel mehr durcheinander, sodass sich auch heute noch ein sehr vielschichtiges Bild der Herzogin und Königin ergibt. 2. Darauf aufbauend wird deutlich, dass es das Eleonore-Bild schlechthin nicht gibt. Selbst die derzeit statt findende Versachlichung der Eleonore-Forschung wird nicht verhindern können, dass es immer wieder Arbeiten geben wird, die das Bild einer leichtsinnigen und frivolen Südfranzösin zeichnen; andere werden auch weiterhin Eleonores Rolle als Mäzenin betonen und sie als Mittelpunkt ihrer Liebesgerichtshöfe sehen, ganz einfach deshalb, weil Forschung von Diskussion lebt und weil es zweitens auch heute die Tendenz gibt, bestimmten Verlockungen der eigenen Fantasie nachzugeben oder verkürzte Schlüsse zu ziehen: Zu einer Troubadoursenkelin passt und gehört es eben, dies nochmals als Beispiel, dass sie selbst Troubadoure fördert und sich selbst überaus gern Tanz und Musik widmet.
Zieht man dies alles in Betracht, so wird deutlich, dass die sachliche Eleonore-Forschung, wie sie gegenwärtig vorherrscht, noch ein gutes Stück Arbeit wird leisten müssen, um vollständig gehört zu werden. Ob dies gelingt, ist fraglich, denn Skandalgeschichten oder Sagen sind oftmals verlockender als nüchterne historische Fakten.
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1998
Ehlers, Joachim: Ludwig VII., in: Ehlers, Joachim, Schneidmüller, Bernd und Müller,
Heribert: Die französischen Könige des Mittelalters. Von Odo bis Karl VIII. (888-
1498), Verlag C. H. Beck, Beck’sche Reihe, München 2006, S. 126-139
3. Internetquellen
Die Geschichte der Kreuzzüge und des Königreiches Jerusalem des Wilhelm von
Tyrus, neu bearbeitet von Manfred Hiebl nach der Übersetzung von G. und R.
Kausler, ohne Ort und Verlag (PDF-Dokument), 2003. Dieses Dokument ist auch als
Online-Ressource verfügbar unter: http://www.manfredhiebl.de/Wilhelm-von-Tyrus/tyrus16.htm, eingesehen am 6.4.2010, 12:24
Stoyan, Herbert (hrsg.): WW-Person. Eine WWW-Personendatenbank des höheren
Adels in Europa, Version 9, Erlangen ohne Jahr, abrufbar auf der Homepage
http://www8.informatik.uni-erlangen.de, eingesehen am 29.4.2010, 21:00
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Arbeit zitieren:
Konstantin Noack, 2010, Eleonore v. Aquitanien (1122-1204) im Spiegel der Forschung, München, GRIN Verlag GmbH
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