Diss. : Stand 31.01.02 Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis 4
Glossar 7
1 Einleitung und Zielstellung 10
2 Theorien zur Bildung von Netzknoten und Netzen der Produktion 13
2.1 Derzeitige Theorien und Ansätze zur Beherrschung von Komplexität 14
2.1.1 Systemtische Ansätze zur Bildung sozio-kultureller Syteme 14
2.1.1.1 Kybernetische und biokybernetische Ansätze 16
2.1.1.2 Chaostheoretische Ansätze 18
2.1.1.3 Evolutionstheoretische Ansätze 20
2.1.2 Fabrikorganisationsansätze zur Herausbildung von Netzknoten 21
2.1.3 Kooperationsansätze zur regionalen Vernetzung der Netzknoten 29
2.1.3.1 Vernetzungs- und Kooperationsansätze 30
2.1.3.2 Kompetenz-, Transaktions- und Synergieansatz 35
2.1.3.3 Hierarchische und hierarchielose Vernetzungsanasätze 38
2.1.3.4 Regionaler Vernetzungsansatz 41
2.1.3.5 Vertrauen und Macht in Kooperationsansätzen 44
2.2 Künftige Anforderungen an Netzknoten und deren Vernetzung 47
2.3 Vision der regionalen Kompetenzvernetzung 49
3 Kompetenzzellen als Netzknoten in einer Region 52
3.1 Beschreibungsmerkmale 56
3.1.1 Funktion 56
3.1.1.1 Kompetenz 56
3.1.1.2 Kompetenzentwicklung 58
3.1.2 Dimension 60
3.1.2.1 Ziele 61
3.1.2.2 Ressourcen 63
3.1.2.3 Randbedingungen 65
3.1.3 Struktur 65
3.1.3.1 Spezialisierung 65
3.1.3.2 Koordination 67
3.2 Gestaltungsmerkmale 70
3.2.1 Selbstkoordination 70
4
Diss. : Stand 31.01.02 Inhaltsverzeichnis
3.2.2 Selbstreferenz 72
3.3 Evolution und Innovation im Lebenszyklus der KPZ 76
3.3.1 Lebenszyklus der KPZ 76
3.3.1.1 Entstehung 77
3.3.1.2 Wachstum 79
3.3.1.3 Wandel und Niedergang 80
3.3.2 Lebensfähigkeit durch permanente Innovationsfähigkeit 81
3.4 Bildung von Kompetenzzellen im Maschinen- und Anlagenbau 88
4 Regionale Produktionsnetze aus Kompetenzzellen 90
4.1 Beschreibungsmerkmale 92
4.1.1 Funktion 93
4.1.1.1 Vertrauen 93
4.1.1.2 Macht 94
4.1.1.3 Synergie 95
4.1.2 Dimension 97
4.1.2.1 Ziele 97
4.1.2.2 Randbedingungen 98
4.1.3 Struktur 100
4.1.3.1 Produktionsnetze 100
4.1.3.2 Dienstleistungsnetze 107
4.2 Gestaltungsmerkmal Selbstähnlichkeit 109
4.3 Lebenszyklus eines Produktionsnetzes 111
4.3.1 Entstehung 113
4.3.2 Durchführung 117
4.3.3 Neuorientierung und Niedergang 119
4.4 Planen und Betreiben von regionalen Produktionsnetzen aus KPZ´en 120
5 Auswirkungen kompetenzzellenbasierter Netzwerke auf die Produktionsstättenstruktur
in einer Region 123
5.1 Produktionsstättenstruktur 123
5.1.1 Die zentrale Produktionsstätte 124
5.1.2 Die dezentrale Produktionsstätte 125
5.1.3 Die mobile Produktionsstätte 126
5.2 Nutzen des kompetenzzellenbasierten Vernetzungsansatzes 127
6 Zusammenfassung und Ausblick 132
5
Diss. : Stand 31.01.02 Inhaltsverzeichnis
7 Verzeichnisse 134
7.1 Literaturverzeichnis 134
7.2 Abbildungsverzeichnis 144
8 Anhang 147
8.1 Vertrauen 147
8.2 Ausschreibung bei der Partnersuche von KPZ´en 148
8.3 Lebenslauf 149
8.4 Veröffentlichungen und weitere Tätigkeiten 150
8.4.1 Veröffentlichungen 150
8.4.2 Teilnahme an wissenschaftlichen Fachtagungen 150
8.4.3 Vorträge zu wissenschaftlichen Veranstaltungen 151
8.4.4 Lehrveranstaltungen 151
8.4.5 Mitarbeit in Arbeitsgruppen 152
9 Erklärung 153
6
Diss.: Stand 31.01.02 Glossar
Glossar
Dimension bezogen auf die KPZ ist hier die durchgängige Sichtweise auf einen besonderen Sachverhalt. /GOME-81/
Dimension bezogen auf Produktionsstätten ist die quantitative Ausprägung der Produktionsstättenelemente.
Funktion einer KPZ bezieht sich auf die Weiterentwicklung der Kompetenz der KPZ und damit der Differenzierung von anderen KPZ´en.
Funktion eines Produktionsnetzes besteht vorrangig darin i n gleichberechtigter Partnerschaft Kundenprobleme zu lösen und dabei den Aufbau von Vertrauen zu fördern sowie die Macht einzelner KPZ´en in einem angemessenen Rahmen zu halten.
Genpool ist die Bezeichnung für die Speicherung der Erbinformationen einer biologischen Zelle.
Geschäftsprozesse sind Teile des Wertschöpfungsprozesses und können z.B. funktional in die Prozesse Marketing, Forschung, Produktion usw. unterteilt werden. Heterarchisch ist eine Kooperation durch wechselnde Macht und Weisungsbefugnis zwischen den Netzpartnern.
Hierarchielos ist eine durch Selbstorganisation gekennzeichnete Kooperation ohne Machtausübung und Weisungsbefugnis der Netzpartner.
Identcode ist ähnlich dem genetischen Code der persönliche Ausweis eines Individuums im Kooperationsnetz, in dem alle Kompetenzen des Individuums abgelegt sind. Kernkompetenz ist die Kompetenz einer Gruppe von Individuen in Form von Gruppenkompetenz und widerspiegelt somit die Einzigartigkeit einer Organisation. Kompetenz - besteht aus Dispositionen (menschlichen Anlagen, Fähigkeiten, Bereitschaft) eines Individuums als Einzelkompetenz sowie dem Individuum zugehöriger Ressourcen. Kompetenz - und Ressourcenpool - setzt sich aus einer oder mehreren Identcods von Individuen zusammen, die in einer KPZ integriert sind. In ihm sind die Kompetenzen und Ressourcen der KPZ abgelegt. Der Pool dient dem Informations- und Datenaustausch zwischen vernetzten KPZ´en.
Kompetenzzelle (KPZ) ist die kleinste, noch lebensfähige Wertschöpfungseinheit, die aus Kompetenz und/oder Kernkompetenz besteht. Die KPZ realisiert die Grundfunktionen Speichern, Bewegen und Transformieren, besitzt die Eigenschaften elementar, autonom, lebens-
7
Diss.: Stand 31.01.02 Glossar
fähig im Netz und ist im hohen Maße anpassungs-, erweiterungs-, lern- und kooperationsfähig und hat damit die Voraussetzung zur Selbstorganisation. Kooperation ist die Umsetzung der Vernetzung von KPZ´en oder unternehmerischen Produktionseinheiten auf operativer Ebene. Kooperation stellt eine freiwillig ausgehandelte Zusammenarbeit verschiedener Partner dar, von denen jeder bestimmte Aufgaben des Wertschöpfungsprozesses zur Erreichung eines gemeinsamen Zieles übernimmt. Kooperationsnetze bestehen aus Netzknoten und deren Verbindungen. Sie stellen die Verschmelzung von strategischer und operativer Ebene der Interaktion zwischen Unternehmen, Unternehmensteilen und/oder unternehmerischer Einheiten dar. Kooperator ist eine KPZ oder Softwareagent welche die Zusammenarbeit der KPZ´en im Produktionsnetz überwacht.
Macht bedeutet jede Chance, innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben der Partner durchzusetzen, egal worauf diese Chance beruht. Netzknoten sind Individuen und deren Ressourcen, die in Unternehmen, Unternehmensteilen, unternehmerischen Einheiten und Institutionen eingebunden sind. Produktionsnetz stellt eine besondere Form des Kooperationsnetzes dar, in dem überwiegend materielle Güter produziert werden.
Produktionsstätten sind offene Systeme, mit den zugehörigen Produktionsstättenelementen. In der Produktionsstätte werden sowohl materielle Werte als auch ideelle Werte hergestellt.
Produktionsstättenelemente sind Individuen, Arbeitsmittel, Arbeitsgegenständen sowie den Produktions- und Dienstleistungsgebäuden.
Region ist der Wirtschaftsraum mit spezifisch entwickelter technischer, wirtschaftlicher, ökologischer und sozialer Struktur in der Ausprägung eines Industrie- und/oder Dienstleistungsraum, der ganz spezifische Kompetenzen besitzt. Ähnlich einem natürlichen Biotop bestehen enge Vernetzungen der in der Region lebenden Individuen.
Ressourcen sind alle Hilfsmittel, die zur Erhaltung der Lebensfähigkeit einer KPZ notwendig sind.
Selbstähnlichkeit bedeutet Übereinstimmung von Zielen, Visionen und Strukturen von Kompetenzzellen in einem Produktionsnetz.
Selbstkoordination umfasst die selbstständige Bestimmung von Methoden und Verfahren zur Aufgaben- bzw. Kundenwunscherfüllung innerhalb vorgegebener Ziele auf der operativen Ebene.
8
Diss.: Stand 31.01.02 Glossar
Selbstorganisation besteht aus der Selbstkoordination und der Selbstreferenz
Selbstreferenz ist sowohl das Agieren zum Beeinflussen der Umwelt als auch das Reagieren der KPZ auf Veränderungen der Umwelt durch die Optimierung bestehender bzw. die Bildung neuer Funktionen, Dimensionen und Strukturen unter strategischen Gesichtspunkten.
Softwareagent - ist eine Softwareentität, die vom Anwender delegierte Aufgaben autonom erfüllt.
Struktur bezeichnet die räumliche und zeitliche Anordnung von Teilen in einem Ganzen. Synergie wird durch die Nutzung des Umfeldes der KPZ´en in einer Region zum gegenseitigen Vorteil erzielt. Im Produktionsnetz wird also ein größerer Nutzen erreicht werden als im Alleingang.
Unternehmerische Produktionseinheit ist eine durch Autonomie, d.h. wirtschaftliche und juristische Eigenständigkeit und Selbstständigkeit gekennzeichnete Einheit (Fraktal, Segment, KPZ), die auf operativer, strategischer und normativer Ebene agiert und dabei Wertschöpfungsprozesse realisiert.
Vernetzung ist die Kopplung von Unternehmen, Unternehmensteilen und/oder unternehmerischen Einheiten unter strategischen Zielstellungen, ohne jedoch wertschöpfend tätig zu sein.
Vertrauen wird als antizipiertes positiv zu bewertendes zukünftiges Verhalten des Kooperationspartners, also als ein Reduktionsmechanismus von Unsicherheit und damit als funktionales Äquivalent von Macht interpretiert
Wandlungsfähigkeit ermöglicht die proaktive und reaktive Anpassung der Kompetenzzellen an das Umfeld und wird durch die Selbstorganisation und die Selbstähnlichkeit Gewähr leistet.
Wertschöpfungseinheiten sind Einheiten, die sich durch die Realisierung von Geschäftsprozessen zu Wertschöpfungsprozessen vernetzen.
Wertschöpfungsprozesse umfassen alle unternehmerischen Aktivitäten zur Lösung einer Kundenanforderung. Wertschöpfungsprozesse können funktional in Teilwertschöpfungsprozesse z.B. Marketing, Forschung, Produktion usw. untergliedert werden. Wissensbasis ist der Genpool einer KPZ in dem die gesamten Informationen über Erfahrung, Wissen und Entwicklung einer KPZ abgelegt sind.
9
Diss.: Stand 31.01.02 1 Einleitung und Zielstellung
1 Einleitung und Zielstellung
In den letzten Jahren erfreut sich ein Themengebiet einer geradezu euphorischen Beliebtheit - DIE KOOPERATION. Inspiriert durch nationale und internationale Forschungen auf diesem Gebiet wurde vor fünf Jahren an der TU Chemnitz mit der Erarbeitung einen Antrages bei der Deutschen Forschungsgemeintschaft auf Einrichtung eines Sonderforschungsbereiches zum Thema „Regionale Produktionsnetze“ begonnen. Ab 1. Januar 2000 ist dieser Sonder-forschungsbereich mit dem Thema „Hierarchielose regionale Produktionsnetze“ an der TU Chemnitz eingerichtet. Die vorliegende Arbeit bildete eine wesentliche Grundlage zur Antragstellung. Gleichzeitig sind aber auch wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Finanzierungsantrag /WIRT-99/ der Jahre 2000, 2001 und 2002 zum Sonderforschungsbereich in die Arbeit eingeflossen.
Kleine und mittlere Unternehmen (KMU) bilden auf Grund ihrer wirtschaftlichen Bedeutung als Arbeitgeber, Innovator und Ausbilder das Rückgrat der deutschen Wirtschaft /BMWi-98/. Neue Wirtschafts- und Industriestrukturen passen sich in den hoch entwickelten Industrieländern den Markterfordernissen in Forschung, Entwicklung und Produktion an. Dabei zeichnen sich prinzipielle Veränderungen in den Strukturen der Wertschöpfung bis hin zur Mehrwertschöpfung (Mehr-Wertdienste) ab /WEST-99/. Hierbei spielen Kleinst- und Kleinunternehmen eine besondere Rolle als Systemanbieter komplexer Lösungen, wo sie gegenüber Großunternehmen, bei entsprechenden Organisationskonzepten der Vernetzung, nachweisbare Vorteile besitzen /BRAC-97/. Diese verfügen neben ihrer hohen Fachkompetenz jedoch über begrenzte Ressourcen und können somit nur begrenzte Teilsequenzen von Wertschöpfungsprozessen erstellen. Um trotzdem die Fähigkeit zur ganzheitlichen kundenorientierten Leistungserstellung innovativer komplexer Produkte zu behalten bzw. zu erwerben, müssen entweder fehlende Kompetenzen angelagert oder durch Kooperation vervollständigt werden.
Die derzeitigen Kooperationsformen in Produktionsnetzen bauen auf hierarchischen Strukturen in und zwischen den Unternehmen auf. So kommen beispielsweise für kleine Unternehmen oftmals große und wirtschaftlich leistungsstarke Unternehmen als Partner in Frage, mit denen über einen längerfristigen Zeitraum eine relativ stabile Kooperations beziehung aufgebaut wird. Diese Kooperationsbeziehung wird von den Großunternehmen weit gehend tech-nisch-organisatorisch sowie wirtschaftlich dominiert. Dem hierbei errungenen Vorteil relativer Stabilität stehen Nachteile der einseitigen Abhängigkeit und des nicht vorhandenen unmittelbaren Kontaktes zum Endkunden gegenüber. Während die Abhängigkeiten aber für regional bereits etablierte Unternehmen als Restriktionen wirken, entstehen insbesondere für Neu-
10
Diss.: Stand 31.01.02 1 Einleitung und Zielstellung
gründungen innovativer Unternehmen nicht zu unterschätzende Markteintrittsbarrieren. Im Ergebnis dessen kommt es zu der Erscheinung, dass regionale Potenziale und Kompetenzen nicht vollständig genutzt werden und damit eine volkswirtschaftlich gewünschte Dynamik in der Gründung und Entwicklung kleiner Unternehmen sogar behindert wird. Gegenwärtige und zukünftige Anstrengungen zielen auf die Gestaltung neuer Wertschöpfungsstrukturen durch hierarchiearme, effiziente Produktions- und Organisationsstrukturen großer und fusionierender Unternehmen ab /GERH-98/. Kleinst- und Kleinunternehmen können jedoch aus Gründen ihrer Struktur und ihrer Ressourcensituation an dieser Entwicklung in der Regel nicht oder nur unvollständig partizipieren. Weiterhin ist aber bekannt, dass durch die regionale Vernetzung von Unternehmen Synergien erzielt werden, wie sie auch in der Natur in einem biologischen Biotop erreicht werden. Es ist also die Frage zu beantworten, ob es Unternehmen in Form wertschöpfender Einheiten geben kann, die sich ähnlich der Elemente eines natürlichen Biotops zu größeren Systemen vernetzen können, ohne dabei ihre Autonomie aufgeben zu müssen
Das Hauptziel dieser Arbeit besteht nun darin, Erkenntnisse der Systemtheorie und Organi-sationsforschung für Produktionsunternehmen und deren Vernetzung systematisch und wissenschaftlich zu untersuchen und Anwendungsmöglichkeiten für den Produktionsbereich kleiner unternehmerischer Produktionseinheiten aufzuzeigen.
Daraus leiten sich die folgenden Unterziele ab:
- Beschreibung des gegenwärtigen wissenschaftlichen Standes der Forschung bei gleichzeitiger Positionsbestimmung hinsichtlich Systemtheorie, Bildung unternehmerischer Produktionseinheiten und deren Vernetzung,
- Bestimmung der Erfolgsfaktoren der Bildung unternehmerischer Produktionseinheiten und deren Vernetzung unter Berücksichtigung biokybernetischer Gesetzmäßigkeiten,
- Erarbeitung eines visionären Ansatzes zur Herausbildung neuer, regional vernetzter, kleiner Produktionseinheiten,
- Bestimmung von Beschreibungs- und Gestaltungsmerkmalen für den visionären Ansatz,
- Beschreibung der Auswirkungen auf die Produktionsstätten.
Im Ergebnis entsteht eine ganzheitliche Denkanleitung zur Bildung und Vernetzung kleiner unternehmerischer Produktionseinheiten im Bereich der Produktion.
Die Arbeit zielt in Abgrenzung zu anderen Forschungsvorhaben - im Zusammenhang mit der Vernetzung von Unternehmen und der Herausbildung von Produktionsnetzen - ausschließlich auf die Untersuchung von qualitativen Aussagen ab. Der Betrachtungsbereich beschränkt sich auf kleine Produktionsunternehmen. Die Biokybernetik wird als wesentlicher Ansatzpunkt der regionalen Vernetzung und Bildung von Produktionsnetzen zu Grunde ge-
11
Diss.: Stand 31.01.02 1 Einleitung und Zielstellung
legt. Volkswirtschaftliche Einflüsse, die aus der regionalen Vernetzung und der Bildung kleiner unternehmerischer Produktionseinheiten resultieren werden in dieser Arbeit nicht untersucht.
Die Arbeit ist in sechs Hauptabschnitte unterteilt. Der erste Hauptabschnitt „Einleitung und Zielstellung“ stellt das Thema, die Zielstellung, die Abgrenzung der Arbeit und die Vorgehensweise der Zielerreichung dar.
Der zweite Hauptabschnitt „Theorien zur Bildung von Netzknoten und Netzen der Produktion“ gibt einen Überblick über derzeit vorhandene Erkenntnisse zur Vernetzung von Unternehmen. Der Schwerpunkt liegt aber bereits auf biokybernetischen und systemischen Ansätzen. Im Ergebnis der Auswertung der verschiedenen Ansätze werden künftige Anforderungen an Netzknoten und deren Vernetzung definiert.
Abgeleitet aus diesen Anforderungen wird im dritten Hauptabschnitt „Kompetenzzellen als Netzknoten“ zum Erarbeiten eines visionären Ansatzes hinsichtlich der Bildung autonomer Netzknoten in Form von KPZ´en und deren Vernetzung durch regionale Produktionsnetze angewandt. Dieser visionäre Ansatz mündet in eine ganzheitliche Denkanleitung, die im vierten Hauptabschnitt „Regionale Produktionsnetze aus Kompetenzzellen“ durch die Denkanleitung zur Gestaltung regionaler Produktionsnetze aus KPZ´en ergänzt wird. Im diesem visionären Ansatz werden neueste Erkenntnisse der Biokybernetik, der Chaosforschung, der Segmentierung und Fraktalisierung sowie der Kooperationsforschung berücksichtigt.
Im fünften Hauptabschnitt „Auswirkungen kompetenzzellenbasierter Netzwerke auf die Produktionsstättenstruktur“ werden Auswirkungen des kompetenzzellenbasierten Vernetzungsansatzes auf die Produktionsstätten der Kompetenzzellen beschrieben und verschiedene Betreibermodelle von Produktionsstätten aufgezeigt. Weiterhin setzt sich dieser Hauptabschnitt mit dem Nutzen sowie den Vor- und Nachteilen des kompetenzzellenbasierten Vernetzungsansatzes auseinander.
Der sechste Hauptabschnitt „ Zusammenfassung und Ausblick“ schließt die Arbeit ab.
12
2 Theorien zur Bildung von Netzknoten und Netzen der Produktion
In diesem Kapitel werden theoretische und praktische Ansätze zum Herausbilden von Netzelementen als unternehmerische Produktionseinheiten und Netzen in Form von Produktionsnetzen hinsichtlich der Zielstellung der Arbeit untersucht. Im Ergebnis sollen Erfolgsfaktoren zur Herausbildung von Netzknoten und Netzen definiert werden aus denen eine ganzheitliche Denkanleitung zur Herausbildung von Netzknoten und Netzen der Produktion entwickelt wird. Dabei ist davon auszugehen, dass es sich um die Bildung komplexer vernetzter sozialer Systeme handelt in deren Mittelpunkt der Mensch als Individuum und damit dessen Lebensfähigkeit steht. Lebensfähige komplexe Systeme:
- bestehen aus verschiedenen Elementen,
- die verschiedenartig voneinander sind und
- zu einem bestimmten Aufbau vernetzt sind /VEST-93/.
Das Netz muss allerdings nicht unbedingt sichtbar 1 sein, sondern kann auch aus Wirkungen bestehen, die durch Kommunikation, also durch reinen Informationsaustausch entstehen. Weitere Netzknoten sind die Arbeitsmittel und Arbeitsgegenstände sowie Produktionsgebäude.
Die Entwicklung von Systemen, deren Abbildung und Beschreibung steht schon lange im Mittelpunkt der Betrachtung von Biologen, Chemikern und Physikern /GRAH-78/. Besonders in den letzten Jahren wurden verstärkt evolutionstheoretische Erkenntnisse in systemtheoretische Betrachtungen eingebaut, die in den Bereichen der Chaosforschung /DESE-97/, Synergetik /HAKE-81/, Evolutionsbiologie /MALI-84/ und Gehirnforschung /VEST-78/ zu neuen Erkenntnissen über Eigenschaften und Verhaltensweisen von Systemen geführt haben /SERV-91/, auf die nachfolgend eingegangen wird. Abgeleitet aus diesen Theorien werden bestehende Fabrikorganisationstheorien zur Herausbildung von Netzknoten und Kooperati-onstheorien zur Herausbildung von Produktionsnetzen an diese neuen Erkenntnisse angepasst bzw. weiterentwickelt.
1 Das Netz kann auch virtuell - nur gedacht, scheinbar - bestehen.
13
2.1 Derzeitige Theorien und Ansätze zur Beherrschung von Komplexität
Anhand der Zielstellung der Arbeit werden die theoretischen Grundlagen zur Bildung von Netzknoten und Netzen der Produktion nach den Schwerpunkten der Beschreibung soziokultureller Systeme, der Herausbildung von Systemelementen und deren Vernetzungen gegliedert.
2.1.1 Systemtische Ansätze zur Bildung sozio-kultureller Syteme
Produktionsnetze sind eine Organisation sozialer Systeme 2 . Nach /PROB-94/ sind soziale Systeme „gemachte und spontane Ordnungen“ in denen Organisations- und Selbstorganisationsprozesse stattfinden (s. Bild 1).
Bild 1: Ordnungsbildung in sozialen Systemen
Organisieren und Selbstorganisation sind komplementäre und sich reflexiv beeinflussende Prozesse in sozialen Systemen. Weder die „totale“ Bürokratisierung 3 noch die „zügellose“
2 Unter einem sozialen System sollen im Weiteren das Unternehmen bzw. andere Institutionen verstanden wer-
den, in denen menschliche Aktivitäten, Aufgaben und Verantwortlichkeiten geregelt sind und die für eine Ziel-
erreichung notwendigen Beziehungen bestimmt wurden.
3 Verlust von Anpassungsfähigkeit, Dynamik, Innovationsfähigkeit und Flexibilität.
14
Selbstorganisation 4 werden langfristig die Lebensfähigkeit eines Systems sichern. Aufgabe des Managements ist es, die Koordination von sozialen Systemen im Spannungsfeld zwischen den Potenzialen Organisieren und Selbstorganisation zu realisieren. Dies bedeutet:
- zuerst durch symbolisches Gestalten dem System einen Sinn zu geben, der durch gemeinsam entwickelte Visionen und Ziele getragen wird,
- in dessen Rahmen durch substanzielles Gestalten sich dann Organisationen herausbilden können,
- die sich anhand der Vision selbst organisieren können, was anhand der Selbstkoordination und Selbstreferenz erreicht wird.
Nun gibt es für diese Aufgaben des Managements zwei grundlegende Ansätze, deren Wurzeln im konstruktivistisch-technomorphen /MALI-93/ bzw. mechanistischen Ansatz /MACH-93/ auf der einen Seite und dem systemtheoretisch-kybernetischen /MALI-93/ bzw. systemisch-evolutionären Ansatz /MACH-93/ auf der anderen Seite zu finden sind (Bild 2).
Die konstruktivistisch-technomorphen Ansätze gehen dabei von der vollständigen Beherrschbarkeit komplexer Systeme aus. Besondere Kennzeichen dieser Ansätze sind:
- die Trennung von Geist und Körper 5 ,
- die Betrachtung der Welt als eine kausale und völlig determinierte Maschine,
- die mit absoluter Sicherheit voraussagbare Zukunft jedes Teils im System /BRÖD-85/.
4 Verlust von Sinn und gemeinsamen Zielen.
5 Taylor trennte z. B. die Arbeit in Kopf- und Handarbeit /GOME-81/.
15
Auf diesem Newton-kartesianischen Paradigma baut der Glaube der „westlichen“ Gesellschaft auf, alle Probleme mechanistisch mit Hilfe von Analyse, Logik, Vorhersage und Kontrolle lösen zu können /KERN-84, KIES-93/.
Aber es gibt auch andere Tendenzen. In vielen Bereichen der Wissenschaft findet derzeit ein massiver Umorientierungsprozess statt. Die Physik hat die Annahme des absoluten Determinismus fallen gelassen /CRES-95/, die Medizin akzeptiert nun die Zusammenhänge von geistigen und körperlichen Befinden des Menschen im Heilungsprozess /MARS-94/ und auch die Wirtschaftswissenschaften /MANN-88/ öffnen sich neueren Erkenntnissen. Hierzu zählen auch die systemtheoretisch-kybernetischen Ansätze zur Beschreibung von Systemen. Systeme werden demnach in künstlich geschaffene und somit auch nur künstlich erhaltbare Systeme und in organisch entwickelte und somit selbst erhaltende Systeme unterschieden /KIES-93/. Letztere sind dadurch gekennzeichnet dass ein System:
- ein Individuum ist,
- akausalen Vorgängen unterworfen ist,
- durch den Wechsel von Ordnung und Unordnung 6 gekennzeichnet ist,
- offen ist und
- untergeordnte und übergeordnete Systeme bilden kann, mit denen es symbiotisch 7 vernetzt ist /VEST-93/.
Die wichtigste Eigenschaft ist dabei die Offenheit. Lebensfähige Systeme sind immer nach außen offen bzw. von außen zugänglich. Abgeschlossene Systeme streben immer in Richtung Unordnung und würden sich selbst zerstören 8 . Diese Tatsache erklärt eines der Kernprobleme im Umgang mit sozialen Systemen. Diese Systeme lassen sich nicht isoliert wie eine Maschine betrachten. Es geht nicht um das einzelne Element, sondern um das Zusammenwirken des Ganzen. Hierzu liefern die Kybernetik und die Biokybernetik sowie die Cha-osforschung wertvolle Erkenntnisse.
2.1.1.1 Kybernetische und biokybernetische Ansätze
Unter Kybernetik wird die Erkennung, Steuerung und selbsttätige Regelung ineinander greifender, vernetzter Abläufe bei minimalem Energieaufwand verstanden /BEER-73/. Wesentlichstes Prinzip der Biokybernetik im Gegensatz zur Kybernetik ist die Selbstorganisation /VEST-93/. Biokybernetik bedeutet im Gegensatz zur Kybernetik keineswegs zentrale Steue-
6 s.Chaos in Kapitel 2.1.1.2
7 ...Zusammenleben zum beiderseitigen Vorteil.
8 s. 2. Hauptsatz der Thermodynamik: Der Zustand größerer Entropie (Chaos) ist der wahrscheinlichere Zustand
in einem geschlossenen System. Die Natur scheint also Unordnung oder Chaos vorzuziehen.
16
rung und detaillierte Vorprogrammierung, sondern lediglich Impulsvorgabe zur Selbstregulation, Antippen von Wechselwirkungen zwischen Individuum und Umwelt, Stabilisierung von Systemen und Organismen durch Flexibilität sowie Nutzung vorhandener Kräfte und Energien.
Übergeordnete Führungsgrößen und Richtwerte werden in kybernetischen Regelkreisen von Außen eingegeben. In letzter Konsequenz würde das zu einem absoluten Dirigismus führen, ein solcher ist aber bei lebenden Systemen nirgendwo zu beobachten, demnach also offensichtlich nicht überlebensfähig.
Führungsgrößen und Richtwerte in biokybernetischen Regelkreisen entstehen aus dem Wechselspiel der Systeme selbst also durch Informationsaustausch und Kommunikation /DÖRN-79/.
Die Funktionsteilung der Zellen eines Organismus erfolgt durch Verständigung - also Kommunikation. Zellen besitzen einen gemeinsamen Code, mit dem sie sich verständigen können und in dem die Regeln für die Entstehung des Organismus abgelegt sind. Informationsaustausch und Kommunikation sind wesentliche Voraussetzungen zur Entstehung lebensfähiger Systeme /VEST-93/.
Kommunikation spielt auch bei der Herausbildung von Hierarchien eine bedeutende Rolle. In der Natur gibt es keine Weisungshierarchie wie in derzeitigen Unternehmen, sondern eine
Feed-back-Hierarchie 9 . Die Kommunikation und Befehlsweitergabe läuft in beiden Richtungen, nämlich durch die bereits erwähnten Regelkreise. Grundlage der Biokybernetik ist das nichtlineare vernetzte Denken - das Denken in Kreisläufen /GOME-91/. Dieses vernetzte Denken setzt nicht nur Interdisziplinarität, Beherrschung mehrerer Fachbereiche, sondern auch Interfunktionalität 10 voraus, was wiederum das themen- bzw. aufgabenorientierte Denken und Handeln erfordert. Zur Schaffung und Beurteilung überlebensfähiger Systeme wurden im Rahmen einer UNESCO-Studie /VEST-83/ acht biokybernetische Prinzipien erarbeitet nach denen Systeme auf ihre Lebensfähigkeit überprüft werden können. Diese sind:
- Negative Rückkopplung 11 (Selbstregulation) in verschachtelten Regelkreisen dominiert über positive Rückkopplung /MARU-63/;
- Funktionen und Prozesse sind unabhängig vom Mengenwachstum 12 /GABO-76/;
9 Entscheidungen werden durch gegenseitige Rückkopplungen getroffen.
10 Beherrschung verschiedener Arbeitsebenen
11 Negative Rückkopplung verhindert das „Aufschaukeln“ eines Systems, was dessen Zerstörung zur Folge hätte.
12 Übergang vom quantitativen zum qualitativen Wachstum bzw. Bildung von Subsystemen
17
- Prozessorientierung statt Produktorientierung durch Produktvielfalt und -wechsel /VEST-93/;
- Nutzung vorhandener Kräfte des Umfeldes durch erzielen von Synergien /KÖNI-92/;
- Mehrfachnutzung von Produkten, Verfahren und Organisationseinheiten;
- Recycling unter Kombination von Einwegprozessen zu Kreisprozessen;
- Symbiose 13 unter Nutzung kleinräumiger Diversität 14 ;
- Biologisches Design beim Schaffen von Strukturen, Funktionen und Organisationsformen berücksichtigen. /VEST-93/
Grundlage und Antrieb dieser Prinzipien sind der Wechsel von Ordnung und Chaos in offenen Systemen.
2.1.1.2 Chaostheoretische Ansätze
Die Chaosforschung kann im weiteren Sinne auch als Struktur- und Organisationsforschung verstanden werden. Das Hauptaugenmerk dieser Wissenschaft richtet sich dabei auf Untersuchungen über das Verhalten von nichtlinearen dynamischen Systemen, nach evo-lutionstheoretsichen Ansätzen sind das z. B. sozio-kulturelle Systeme 15 . Nichtlinearität besagt, dass kein konstanter Faktor, der die Ursache und die Wirkung aneinander koppelt, existiert. Die Dynamik wird durch die ständige Änderung der Wirkbeziehungen im Laufe der Zeit charakterisiert. /Dese-97/
Die Wirkungsweise komplexer und dynamischer Systeme ist trotz genauer Kenntnis aller Subsysteme, also dem konkreten Aufbau verbunden mit den einzelnen spezifischen Funktionen, nicht hundertprozentig nachvollziehbar. Was im Einzelnen geschieht, geschieht gesetzmäßig. Das Ganze ist jedoch immer mehr als die Summe aller Teile /DAVI-87/ und die Effekte des Gesamtsystems sind nicht prognostizierbar. Die betrachteten Systeme bzw. Prozesse erscheinen aber meist nur chaotisch. Bei näherer Analyse stellt sich heraus, dass sie eine eigene, komplexe Ordnung besitzen. Auch in scheinbar ungeordneten Systemen treten bei näherer Betrachtung immer bestimmte Ordnungsmuster zu Tage.
In nichtlinearen dynamischen Systemen gibt es zwei besonders interessante Betrachtungsebenen. Zum Ersten die Microebene , also alle Einzelheiten. Sie lässt prinzipiell keine Vorhersagen zu. Auf der Macroebene , folglich der Gesamtheit aller Einzelteile, werden jedoch geordnete, in ihrem Verlauf ähnliche Strukturen sichtbar. Vereinfacht lässt sich fes tstellen, dass selbst bei absoluter Unordnung auf der Microebene geordnete Muster auf der Macroe-
13 Zusammenlebenzweier artverschiedener Organismen zum gegenseitigen Nutzen.
14 Zusammenleben verschiedener Arten bzw. Branchen auf engsten Raum
18
bene existieren. /Dese-97/ Im Chaos gibt es also Ordnung /BERG-96/. Diese, die Ordnung kennzeichnenden Einheiten, werden als Fraktale bezeichnet /MAND-91/. Vorrangige Eigen-
schaften /SCHR-94/ der Fraktale sind die Selbstorganisation 16 und Selbstähnlichkeit 17 , die unter dem Begriff der Wandlungsfähigkeit /WEST-99/ zusammengefasst werden können. Auf Grund von Rückkopplungsmechanismen 18 /PEIT-92/ bei der Fraktalbildung entsteht eine enorme Formenvielfalt, worin wiederum die hohe Dynamik der Fraktale zum Ausdruck kommt. Ähnlich wie die Zellen eines lebenden Organismus enthalten Fraktale die Information zum Aufbau des Gesamtsystems, weisen aber den spezifischen Bedingungen folgend eine angepasste Ausgestaltung auf. Selbstorganisation mit Hilfe kybernetischer Regelkreise gibt es zwar auch in mechanistischen Systemen. Der Unterschied besteht aber darin, dass der Code, also die Information wie etwas „geschieht“, in mechanistischen Systemen von Außen 19 vorgegeben wurde. Lebensfähige Systeme haben hingegen einen sich selbst organisierenden Code 20 , der sich selbst zu entwickeln, zu verändern und anzureichern vermag.
Wesentliche Erkenntnisse aus der Chaosforschung sind /ZUKA-85, HAWK-92/:
- Nebensachen können zu Hauptsachen werden 21 .
- Eine Prognose der Umwelt und des Organisationsverhaltens ist nicht möglich.
- Komplexe Systeme können nicht zentral gesteuert und beherrscht werden.
- Strukturen bilden sich selbstorganisierend,
- die Prozesse verlaufen selbstlenkend und eigendynamisch.
- Management dient der Initialisierung, Moderation und Identifikation.
- Ein plötzliches „Umkippen“ von Systemen ist wahrscheinlich 22 .
Wesentlichste Erkenntnis ist, dass natürlich gewachsene Systeme aus vielen kleinen vernetzten Ordnungseinheiten bestehen, die sich selbstähnlich sind und mit Selbstorganisation und Selbststeuerung ein schnelles und erfolgreiches Reagieren auf Umweltänderungen erreichen. Nachfolgend sollen nun diese Erkenntnisse auf künstlich geschaffene, soziokulturelle Systeme, wie das des Unternehmens, übertragen werden.
15 z. B. Unternehmen
16 Ungeplante, spontane Organisation von Subsystemen im Rahmen eines Gesamtsystems. Im Gesamtsystem
existiert keine Macht.
17 Das Erscheinungsbild selbstähnlicher Objekte ändert sich bei Vergrößerung oder Verkleinerung nicht.
18 Erzeugung exakter, nur im Maßstab verkleinerter Kopien der Ausgangsabbildung. Diese wiederum wird zur
neuen Ausgangsabbildung usw.
19 positive Rückkopplung
20 negative Rückkopplung
21 Schmetterlingseffekt /WEIS-97/
22 s. Bifurkation in Kapitel 3.3.1
19
2.1.1.3 Evolutionstheoretische Ansätze
Die evolutionstheoretischen Systemansätze /MACH-93/ sind mit den systemtheoretischen Sichtweisen /MALI-92/ eng verwandt. Die „Evolutionisten“ nutzen neben den Erkenntnissen des kritischen Rationalismus /HAYE-75/ und kybernetischen Modellen auch ökologische und biologische Theorien /LASZ-92/. Hierbei wird davon ausgegangen, dass Veränderungen in kleinen Schritten verlaufen was durch die vier Evolutionsfaktoren Genese, Selektion, Reproduktion und Mutation /BERG-96/ erklärt werden kann.
Unter Genese wird dabei die Eigenschaft sozio-kultureller Systeme verstanden, Probleme zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten bereitzustellen. Die Genese vollzieht sich durch die direkte Weitergabe des Erlernten und ist somit nicht an Fortpflanzungsbedingungen wie in biologischen Systemen gebunden /KULL-80/. Kompetenz wird hierbei durch erfolgreiches Verhalten aufgebaut /SEGL-85/ und spiegelt die gesamte Erfahrung des sozio-kulturellen Systems wider.
Infolge von Selektionen scheiden einzelne Elemente auf Grund ungenügender Anpassung aus dem sozio-kulturellen System aus /RIED-81/. Um dies zu verhindern, gewinnt das vernetzte Denken bzw. das Denken in Alternativen an Bedeutung. Der Mensch ist z. B. in der Lage, suboptimale Alternativen schon vor der Realisation zu selektieren und kann somit in innovativen Feldern Selektionsvorteile erreichen.
Bei der Reproduktion des genetischen Materials treten Variationen auf, die innovativen Charakter haben. Als Quellen dafür gelten in sozio-kulturellen Systemen Kreativität und Intuition, mit deren Hilfe unvorhergesehene qualitative Änderungen auftreten, die das Lernen aus Erfahrung 23 sinnvoll ergänzen /RIED-81/.
Mutationen treten in sozio-kulturellen Systemen im Gegensatz zu biologischen Systemen nicht nur rein zufällig auf, sondern können auch, wie z.B. bei Innovationen, bewusst eingeleitet werden. Dabei erfolgt eine aktive Anpassung an die Umwelt 24 /KULL-80/.
Aus den evolutionstheoretischen Systemansätzen lässt sich ableiten, dass es in selbst organisierten Systemen weder beständige Hierarchien, noch feste Regeln gibt, welche die Position eines Individuums innerhalb einer Organisation bestimmt. Die Koordination erfolgt hierarchielos. Denn jegliche feste Hierarchie hemmt notwendige Veränderungen und somit den
23 s. Genese
24 s. Selbstorganisation in Kapitel 3.2
20
Fortschritt. Hierarchien sind in der Natur nur vorübergehend gültig. Die Führung wechselt also je nach Thematik und Kompetenzbereich 25 . /BIRN-96/
Der Hauptvorwurf, dass im evolutionstheoretischen Systemansatz Unzulässigerweise natürliche Phänomene und Gesetzmäßigkeiten auf sozio-kulturelle Systeme übertragen werden, kann mit der Universalität der Evolutionstheorie entkräftet werden. /BERG-96/ Die Bezugnahme auf natürliches, insbesondere menschliches Verhalten, lässt eine realistischere Abbildung komplexer Systeme, wie z.B. Unternehmen, erwarten, als die sehr künstliche Übertragung aus technischen Bereichen, wie z. B. Organisationen als Maschinen, Gehirne als Computer etc. /HAYE-75/.
2.1.2 Fabrikorganisationsansätze zur Herausbildung von Netzknoten
Neuere Fabrikorganisationstheorien gehen davon aus, dass Unternehmen offene Systeme /BLEI-92/ sind, die mit dem Umfeld in materiellen, enegetischen und informationellen Vernetzungen stehen und somit einen hohen Komplexitätsgrad aufweisen. Das System Unternehmen ist somit nur bedingt beherrschbar.
Das Management stellt dabei ein Subsystem des Systems „Unternehmen“ dar. Dem Management obliegt es, die Koordination im System sowie zwischen System und Umsystem zu vollziehen /MACH-93/.
Die konstruktivistisch-technomorphen Ansätze und die systemtheoretisch-kybernetischen Ansätze unterscheiden sich, wie in Bild 3 dargestellt, deutlich in den Denkweisen des Managements.
Bild 3: Dominierende Führungsstile der konstruktivistisch-technomorphen und der systemtheoretisch-kybernetischen Systemansätze nach /MACH-93/
25 In diesem Zusammenhang wird auch von Heterarchie gesprochen. s. Kap. 2.1.3.3
21
Hierbei wird besonders deutlich, dass die beiden Denkweisen völlig unterschiedliche Führungsstile bedingen. Die konstruktivistisch-technomorphen Denkweise baut auf den autoritäre und patriarchalischen Führungsstil auf. Die systemtheoretisch-kybernetische Denkweise favorisiert den kooperativen und partizipativen Führungsstil, da nur hier die Mitarbeiter sich frei entfalten können und auch kreativ in die Unternehmensentwicklung eingreifen.
Jüngste Lösungsansätze für das Management von Unternehmen und die zu deren Umsetzung entwickelten Methoden stellen die Kundenorientierung, die Adaptionsfähigkeit und die Vernetzung durch die Bildung kleiner, relativ autonomer Produktionseinheiten in den Vorder-grund. Bild 4 zeigt eine Auswahl verschiedener Ansätze.
Bild 4: Entwicklung von der Gegenstandsspezialisierung zu adaptiven Segmenten /WIRT-98/
Diese Ansätze reichen von
- bionischen /ENGE-90/, lernenden /WILD-95/, vitalen /AWF-96/ und atmenden /HART-96/ Unternehmen,
- der fraktalen /WARN-92/, holonischen /HÖPF-94/, modularen /WILD-94/ und segmentierten Fabrik /WILD-95, WIRT-98/,
- Bausteinen /RUDO-86/, flexiblen Produktionsstrukturen /WIRT-89, SCHE-96, WEST-96, SCHE-99/, robusten Produktionsprozessen /BLAX-92, HAAS-99/ bis hin zu
- virtuellen Unternehmen /MERT-94, SCHU-98/ und wandelbaren Produktionsnetzen /WIEN-96/.
22
Sie alle dienen dem Ziel, Komplexität über die Bildung kleiner flexibler Produktionseinheiten zu reduzieren. Ihre Eigenschaft veränderte sich von relativ starr /RUDO-86/ zu wandlungsfähig /WARN-92/ bzw. zu adaptiv /SCHE-98, WIRT-98/.
Nachfolgend wird auf die derzeit am häufigsten in Unternehmen angewendeten Fabrikorga-nisationstheorien eingegangen. /BULL-96/
Total Quality Management (TQM)
TQM ist ein ganzheitlich integrativer Ansatz, der ein durchgängiges, im Unternehmen implementiertes Qualitätsdenken und -handeln eröffnet /MARS-93/. In diesem Fall sind nicht mehr die Qualitäts- oder Prüfmerkmale eines Erzeugnisses oder Loses von Bedeutung, sondern das gesamte Unternehmen mit seinen organisatorischen Abläufen wird zum Betrachtungs-gegenstand, wobei sogar externe Betrachtungsgegenstände (z.B.: Zuliefer) einbezogen werden können. Analysen, die im Bereich des Qaulitätsmanagements durchgeführt wurden zeigen ganz deutlich, dass der überwiegende Anteil aller Fehler die im Verlauf der Produktentwicklung entdeckt werden, bereits in den planenden Phasen vor Fertigungsbeginn entstehen. Die Aufdeckung derartiger Fehler und ihre Auswirkungen erfolgen dagegen erst sehr viel später. /FREH-93/ Mit TQM wird die Verbesserung der Qualität der Produkte und Dienstleistungen, der Arbeitsabläufe und -verfahren, der Arbeitsbedingungen und der Außenbeziehungen /OAKL-93/ verfolgt. Der TQM-Ansatz sollte auch beim Aufbau und betrieb von regionalen Produktionsnetzen berücksichtigt werden, um die durchgängige Qualitätssicherung im Produktionsnetz zu Gewähr leisten.
Lean Production
Der Ansatz der Lean Production oder auch des Lean Management ist geprägt durch das Prinzip der ständigen Verbesserung und des „schlanken“ Unternehmens. Was sich besonders in der Konzentration auf Kernkompetenzen, der Reduzierung von Hierarchien und der Segmentierung ausdrückt /BOGA-92/. Grundlage des Konzeptes ist die kontinuierliche Verbesserung der Geschäftsprozesse eines Unternehmens. In diesem Ansatz werden überwiegend europäische und amerikanische Managementmethoden integriert bzw. zweckbezogen kombiniert und konsequent umgesetzt /PFEI-94/. Das Prozessdenken und die Vernetzung der Kernprozesse (Marketing, Produktion etc.) des Unternehmens stehen im Mittelpunkt des Konzeptes.
23
Der Wandel der Unternehmenskultur wird bei diesem Konzept allerdings ignoriert. Änderungen beziehen sich hauptsächlich auf das direkte Umfeld der Mitarbeiter und deren Tätigkeiten, aber nicht auf die Organisationsstruktur im Unternehmen. Die Mitarbeitereinbindung bei der Umsetzung des Konzeptes wird somit ignoriert. Das Konzept erstreckt sich auf kurz- bis mittelfristige Aspekte der Unternehmensplanung und berücksichtigt nicht die strategische Anpassung des Unternehmens bzgl. einer dynamischen Umwelt /JÜRG-92/ und sich permanent ändernden Kundenproblemen. Der Ansatz der Lean Production eignet sich besonders zum Erzielen einer flachen bzw. auch hierarchielosen Aufbauorganisation im Produktionsnetz.
Business Process Reengineering
Im Ansatz des Business Process Reengineering werden ohne Berücksichtigung des Ist-Zusandes von Strukturen und Verfahrensweisen betriebliche Abläufe hinterfragt und zu ganzheitlichen Unternehmensprozessen zusammengeführt. Dabei soll ein signifikanter Nutzen für den Kunden entstehen.
Das Business Process Reengineering konzentriert sich auf Prozesse mit strategischem Charakter, die das Unternehmen als Ganzes sehen und somit zu einer Veränderung des gesamten Unternehmens und verstärkter Kundenorientierung führen /HAMM-94/. Allerdings ist in diesem Ansatz die Einbeziehung der Mitarbeiter der unteren Hierarchieebenen nicht vorgesehen. Das kann zu nicht zu unterschätzenden Umsetzungs - und Akzeptanzproblemen bei diesen Mitarbeitern führen.
Hierarchien werden weiterhin aufrechterhalten /DANG-94/. Damit werden Erkenntnisse der Organisationsentwicklung und partizipativen Systemgestaltung vollkommen ignoriert. Dieser Ansatz bietet somit keine permanente Entwicklung und Anpassung des Unternehmens an die Umwelt und sollte zur Strukturierung eines regionalen Produktionsnetzes nur in Kombination mit Lean Production angewendet werden.
Fraktale Fabrik
Die Fraktale Fabrik ist ein offenes System, das aus selbstständig agierenden, in ihrer Zielausrichtung selbstähnlichen Einheiten - den Fraktalen 26 - besteht und durch dynamische Organisationsstrukturen einen vitalen Organismus bildet /WARN-92/.
26 s. Chaosforschung S. 18
24
Fraktale sind Unternehmen im Unternehmen. /BULL-96/
Das wichtigste Unternehmenspotenzial ist der Mensch. Ausgehend vom Menschen werden neue Leitbilder und Werte geschaffen, die sich auch an biokybernetischen Regelkreisen orientieren. Fraktale können nicht in bestehende Unternehmensstrukturen eingebettet werden. Die fraktale Aufbaustruktur unterscheidet sich somit fundamental von der klassischen Hierarchie und ist somit besonders für die hierarchielose Vernetzung von Netzknotenen im regionalen Produktionsnetz geeignet.
Der Strukturansatz der Fraktale zeigt den Weg, die jeweils geeignetsten Organisationsformen nebeneinander, aber aufeinander abgestimmt zu realisieren. Die Unternehmensziele werden in einem Abstimmungsprozess zwischen globalen Zielen des Unternehmens und den Zielen der Fraktale festgelegt. Zielveränderungen führen entweder zum Wandel oder zum Absterben der Fraktale. In der fraktalen Fabrik ist somit die permanente Anpassung der Fraktale an die Umwelt 27 , ausgehend vom unternehmerisch eigenverantwortlich handelnden Mitarbeitern des Unternehmens, Grundlage der Lebensfähigkeit.
Holonic Manufacturing
Das Konzept des Holonic Manufacturing basiert auf Modellierungsvorschriften von biologischen und sozialen Systemen und soll eine Basis für die Lösung des Komplexitätsproblems in der Produktion bieten /ENGE-90/.
Basiseinheiten offener Systeme sind so genannte „Holons“. Das Holon ist Teil eines Ganzen das selbstständig agiert, Ziele und Pläne selbst definiert und deren Umsetzung kontrolliert. Die Attribute Autonomie und Kooperation machen eine Systemeinheit zu einem Holon. Kooperation wird dabei als ein Prozess definiert, bei dem mehrere Einheiten gemeinsam Pläne entwickeln und ausführen. Diese Einheiten sind in einem Netzwerk organisiert und somit auf die Netzknoten der regionalen Produktionsnetze übertragbar. In diesem Konzept wird ausführlich auf die Vernetzungsproblematik der Segmente bzw. Netzknoten eingegangen. Die permanente Kundenorientierung aller Unternehmensprozesse sowie die Einbeziehung der Mitarbeiter in unternehmerische Entscheidungen wird vernachlässigt.
27 insbesondere die Kunden
25
Bionic Manufacturing Systems
Durch Bionic Manufacturing Systems soll die dynamische Anpassung des Unternehmens an Veränderungen des Umfeldes ermöglicht werden und damit der Wandel der Fabrik von einem statischen zu einem dynamischen System vollzogen werden /ENGE-90/.
Das Vorbild dieser Systeme bildet der biologische Organismus. Zentrale Funktionen sollen minimiert werden und funktionale autonome Einheiten (Zellen), die in einem Netzwerk mit-einander kommunizieren, sollen gebildet werden. Die autonomen Einheiten und deren Elemente steuern sich selbst und können über das Informationssystem spontan mit der Umwelt kommunizieren und erhalten auf diese Weise relevante Informationen. /ZAHN-94/
Das Unternehmen bildet nur noch den rechtlich-finanziellen Rahmen. Die entsprechenden Einheiten können sich auf dem Markt frei positionieren. Durch die vollständige Autonomie der Einheiten können allerdings Rationalisierungspotenziale durch Zusammenfassung identischer Funktionen nicht ausgeschöpft werden /WARN-92/. Im Konzept der Bionic Manufacturing Systems liegt der Schwerpunkt auf der informationstechnischen Vernetzung der gebildeten Segmente, die Rolle der Menschen im System wird dabei vernachlässigt, wie auch die Kundenproblemorientierung bei der Segmentierung. Durch den Bezug des Bionic Manaufacturing auf biologische Systeme eignet sich das Konzept besonders für Betrachtungen zum regionalen Verrnetzungsansatz.
Virtuelles Unternehmen
Das virtuelle Unternehmen stellt eine kooperative Form unternehmensübergreifender Z usammenarbeit dar, bei der sich verschiedene rechtlich selbstständige Produktions- und Dienstleistungsunternehmen als Ganzes oder über deren Teile mit spezifischen Kompetenzen temporär zusammenschließen, um ein Kundenbedürfnis zu befriedigen. Ausgehend von einem gemeinsamen Geschäftsverständnis entstehen mentale 28 und strukturelle 29 Kopplungen /WIRT-98/ innerhalb eines kundendeterminierten Netzes, in dem die beteiligten Akteure bei der Umsetzung ihres gemeinsamen Geschäftsprozesses zentrale Managementfunktionen durch neuste Informations- und Kommunikationstechnologie weitgehendst ersetzen.
Ziele virtueller Unternehmen sind die Überwindung räumlicher und zeitlicher Begrenzungen sowie des Widerspruchs von Zentralisierung und Dezentralisierung und damit die Erschließung der Vorteile des verteilten Operierens, dezentralen verteilten Wissens und lokaler Prä-
28 Vertrauen
29 materielle, energetische und informationelle Verbindungen
26
senz. Dieses Konzept eigenet sich somit besonders für das Planen und Betreiben regionaler Produktionsnetze.
Voraussetzung für die Zusammenarbeit in virtuellen Unternehmen ist Vertrauen. /PICO-94/ Vertrauen sowohl innerhalb des Kooperationsverbundes, aber auch zu Kunden 30 und Lieferanten. Haftungsfragen sind mit den derzeitigen bekannten Regelungen des Bürgerlichen Gesetzbuches bzw. des Handelsgesetzbuches ebenso wenig abgedeckt wie mit dem Zivil-oder Strafrecht /MAYN-93/.
Die Gestaltung der virtuellen Unternehmen wird in erster Näherung von den Transaktionskosten für die wertmäßig größten Anteile am Umsatz von Produkt oder Dienstleistung abhängig sein /HORV-90/. Im virtuellen Unternehmen werden auch hohe Anforderungen an die Mitarbeiter hinsichtlich Selbstorganisation in der Entscheidung gestellt. Mit der Auflösung der klassischen Arbeitsverhältnisse wird hierbei gerechnet. /SCHU-93/ Die Zuordnung von Arbeiter, Arbeitsgegenstand, Arbeitsort und Arbeitsmittel wird völlig neu zu strukturieren sein. Zukünftige Wertschöpfungsprozesse 31 werden eine Aneinanderreihung der zum Prozess erforderlichen Kompetenzen sein.
Der überwiegende Teil der dargestellten Ansätze, insbesondere das Holonic und Bionic Manufacturing sowie die Fraktale Fabrik, teilt die Unternehmen in kleine, beherrschbare, flexible und überschaubare sowie kurzfristig wandlungs- und anpassungsfähige Einheiten. /WIRT-98/ Die Art und Weise der Bildung und Anpassung ist unterschiedlich. Ein zentraler Begriff ist
die Prozessorientierung 32 , dessen Ausgangspunkt die Gesamtbetrachtung des Unternehmens auf der operativen oder der strategischen Ebene ist. Die Unternehmen müssen ihre
Stärken und Schwächen sowie Schlüsselprozesse 33 identifizieren /BULL-96/ und aubauen. Basis für die Schlüsselprozesse bilden die Unternehmensziele, die ausgehend von den Kundenanforderungen zu definieren sind. Zur Optimierung der Unternehmensprozesse gibt es die personalorientierte, strukturorientierte und technikorientierte Strategie. /MORI-93/ Die struktur- und technikorientierten Ansätze erlauben keine tief greifenden Änderungen im Unternehmen. Nur personalorientierte bzw. mitarbeiterorientierte Ansätze ermöglichen die tief greifende Veränderung von Unternehmen, da jedes Unternehmen nur durch die Menschen in ihm existiert /HART-94/. Der Erfolg eines Unternehmens hängt somit von der Leis-
30 z.B. Gewährleistung, Ersatzteillieferungen etc.
31 Prozess von der Erkennung des Kundenwunsches bzw. Markterschließung bis zum after sales Service
32 Wertschöpfungs - oder Geschäftsprozess
33 Schlüsselprozesse sind die Prozesse durch welche sich Unternehmen voneinander unterscheiden und
entscheidenden Einfluss auf den Unternehmenserfolg haben.
27
tungsfähigkeit, dem Können, der Leistungsbereitschaft, dem Wollen und der Befugnis zur Selbstkoordination, dem Dürfen, der Mitarbeiter ab /AWF-96/.
Zur Bewertung der Konzepte bieten sich die Gestaltungsfelder Mensch, Technik und Organisation /HAK-86/ an. Eine vergleichende Bewertung der Konzepte zeigt Bild 5.
Die Unterschiede in der Anwendbarkeit der Konzepte liegen in der Spezifika der Unternehmensgröße, des Produktspektrums und der Produktionsmenge sowie der Kundenorientierung. Die Konzepte der Lean Production, des Business Reengineering, des Holonic und Bionic Manufacturing sowie der Fraktalen Fabrik sind für mittlere bis große Unternehmen mit Serien- bis Großserienfertigung entwickelt worden. Das Konzept der Fraktalen Fabrik eignet sich auch für Einzelfertigung. /BULL-96/ Das TQM-Konzept ist unabhängig von Unternehmens- und Chargengröße und somit für alle Unternehmen geeignet, ein durchgängiges kun-denorientiertes Qualitätskonzept zu entwickeln. Das Virtuelle Unternehmen kann auch als ein optimal organisierter Problemlösungsprozess von Kundenproblemen bezeichnet werden und eignet sich für alle Unternehmens- und Chargengrößen. /BULL-96/
Gemeinsamkeiten der vorgestellten Fabrik- und Managementkonzepte bestehen in der Objekt-, Kunden- und Prozessorientierung der betrieblichen Abläufe. Hierarchien im Unternehmen werden abgebaut oder ersetzt. Dominant ist die Bildung sich weit gehend selbst strukturierender, koordinierender und kontrollierender Projektteams oder teilautonomer Gruppen mit Ergebnisverantwortung. Dabei sollen die Gruppen immer mehr Selbstbestimmung und Kooperationsfähigkeit erlangen. Die Tätigkeiten der Gruppenmitglieder sind durch einen hohen Grad an Variabilität und Aufgabenwandel gekennzeichnet. In Bezug auf strategische Fragestellungen innerhalb eines Unternehmens werden die Gruppen und Teams weiterhin zentral gesteuert. Aus dem Vergleich wird auch deutlich, dass im Einsatz neuer Technik nicht das entscheidende Potenzial zukünftiger Unternehmen liegt, sondern vielmehr in neuen Organi-sationsformen von Unternehmen und der Integration aller Mitarbeiter in Planungs-, Enscheidungs- und Gestaltungsprozesse. Kompetenzen und Kompetenzmanagement bekommen durch den Einsatz neuester Informations- und Kommunikationstechnologien eine große Bedeutung in allen Konzepten.
2.1.3 Kooperationsansätze zur regionalen Vernetzung der Netzknoten
Systeme sind abhängig von den Systemelementen sowie deren Vernetzungen 34 , also von der Art, wie die Systemelemente zueinander organisiert sind und welche Struktur sie dabei bilden. /PRIG-77/ Auch hier gibt die Biokybernetik Antworten, die bei der Vernetzung von Systemen und deren Elementen zu berücksichtigen sind. Demnach vernetzen sich lebensfähige Systeme bei quantitativem Wachstum nicht chaotisch immer weiter mit den neuen Elementen, sondern bilden Teilsysteme. Komplexe Systeme sind also nur lebensfähig, wenn sie Subsysteme mit selbstregelnden Strukturen bilden. /GOLD-78/ Eine solche Differenzierung in gegliederte Strukturbereiche ist aber nur möglich, wenn zwischen den Einzelteilen des
29
Systems eine gut funktionierende Kommunikation stattfindet und somit die Aufgabenteilung zwischen den Subsystemen ermöglicht wird. /VEST-93/
In der neueren Organisationsforschung /GOME-91, SYDO-95, PICO-96/ wird das Phänomen der Vernetzung und Kooperation, wie nachfolgend dargestellt, aus verschiedenen Blickwinkeln untersucht. Dazu existieren für den Bereich der Produktion verschiedene Ansätze 35 . Sie dienen dem Ziel, Komplexität über die Bildung kleiner flexibler, autonomer unternehmerischer Produktionseinheiten zu reduzieren. Diese unternehmerischen Produktionseinheiten werden durch interne und externe Kooperationen miteinander vernetzt. Sie sind somit Knoten eines Netzes und kooperieren innerhalb eines Unternehmens sowie zwischen Unternehmen.
2.1.3.1 Vernetzungs- und Kooperationsansätze
Durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien bekommt die Vernetzung von Unternehmen und Unternehmensteilen eine völlig neue Dimension. Der initiierende Anlass für Unternehmen zur Vernetzung ist im Prinzip analog zur Biologie als Anstoß zur Anpassung an sich verändernde Umstände, z.B. die Änderung von Kundenwünschen zu verstehen. Die darauf folgende Kooperation stellt als Reaktion den Vorgang einer initiierten Selbst-organisation dar
Unter Vernetzung wird die Kopplung von Unternehmen, Unternehmensteilen und/oder unternehmerischen Produktionseinheiten unter strategischen Zielstellungen verstanden. Die Kopplungen können struktureller 36 und/oder mentaler 37 /WIRT-98/ Art sein.
Vernetzungen können auf der operativen Ebene in Kooperationen 38 münden. Kooperation stellt eine freiwillige, ausgehandelte Zusammenarbeit verschiedener Partner dar, von denen jeder bestimmte Aufgaben zur Erreichung eines gemeinsamen Zieles übernimmt. Die Kooperation stellt eine Mischform aus materieller und immaterieller Interaktion dar und ist für die Zukunft die wohl wichtigste Form der Zusammenarbeit von Unternehmen /DELP-98/. Verschiedene unternehmerische Produktionseinheiten schließen sich auf Grund eines bestimmten Anlasses selbstständig aber befristet zu neuen Strukturen zusammen. Somit entsteht das Kooperationsnetz. Im Kooperationsnetz erfolgt die Verschmelzung von strategischer
34 Beziehungen und Wechselwirkungen
35 Siehe Kapitel 2.1.2
36 ist die rechtliche, informationstechnische und/oder materialflusstechnische Vernetzung
37 ist die Vernetzung, die auf Vertrauen, gemeinsamen Zielen und Visionen basiert
38 Viele Kooperationen lassen sich mit Economies -of-Scale (Fixkostendegression) oder mit -Scope-Effekten
(Synergien) begründen)
30
und operativer Ebene der Interaktion zwischen Unternehmen, Unternehmensteilen und/oder unternehmerischer Produktionseinheiten.
Den theoretischen Hintergrund der Netzforschung bilden vor allem mikroökonomische Ansätze der neuen Institutionenlehre /COAS-88, WILL-91, PICO-96/. Demgemäß handelt es sich bei Netzen nicht um grundsätzlich neuartige Strukturen, sondern um hybride Organisati-onsformen, die Elemente der marktlichen Koordination mit solchen der hierarchischen Koordination verbinden. Die Netzidee durchzieht insofern das gesamte Kontinuum wirtschaftlicher Koordinationsmöglichkeiten.
Die Informationsverarbeitung gewinnt in sämtlichen Bereichen des Produktionsprozesses und vor allem bei der Kooperation immer weiter an Bedeutung. Besonders der erfolgreiche und schnelle Datentransfer zwischen den Netzknoten wird ein entscheidendes logistisches Kriterium erfolgreicher Produktionsnetze sein. Dabei sind verschiedene Daten zu unterscheiden (s. Bild 6).
In der Praxis erweist sich der Datenaustausch zwischen den Netzknoten als problematisch. Durch manuelle Dateneingabe und Datenübertragung kommt es häufig zu Datenredudanzen 39 und damit zu Inkonsistenzen 40 /BAUM-97/. Das hat zur Folge, dass die Kosten der Datenspeicherung und Verarbeitung stark ansteigen. Weiterhin hat sich herausgestellt, dass in
39 überflüssige Datenwiederholungen
40 logische Widersprüche
31
Arbeit zitieren:
André Baumann, 2000, Produktionsnetze kleiner und mittelständischer Unternehmen, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Theorie und Strategien des Portfoliomanagements
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Studienarbeit, 34 Seiten
Die Verteilung von Kooperationsgewinnen in Wertschöpfungsnetzwerken
BWL - Beschaffung, Produktion, Logistik
Seminararbeit, 36 Seiten
Möglichkeiten und Probleme der Netzwerkbildung industrieller Unternehm...
Seminararbeit, 21 Seiten
Verhältnis von virtuellen Unternehmen und Unternehmensnetzwerken
Vordiplomarbeit, 43 Seiten
André Baumann hat den Text Produktionsnetze kleiner und mittelständischer Unternehmen veröffentlicht
André Baumann hat einen neuen Text hochgeladen
Arbeits- und Gesundheitsschutz in klein- und mittelständischen Unterne...
Praktische Umsetzung rechtlich...
Mathias Bauer, Alois Engeldinger
Internationalisierung der Absatzmärkte für kleine und mittelständische...
Erfolgsfaktoren für KMU
Phillipp Kruse
Liquiditätsmanagement für mittelständische Unternehmen
Wie Sie Liquiditätsenge vermei...
Christoph Graf von Bernstorff
Profitables After-Sales-Business für kleine und mittelständische Unter...
Kunden binden und lukrative Na...
Hans Fischer
Unternehmenskooperation für kleine und mittelständische Unternehmen
Lösungen für die Praxis
Stephan Killich, Holger Luczak
Die Freude am Unternehmertum in kleinen und mittleren Unternehmen
Ergebnisse einer Quer- und Län...
Christina Stadler
0 Kommentare