I. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Genesis‐Apokryphon der Höhle 1 aus Qumran. Es soll mit Hilfe eines biblischen und parabiblischen Vergleichs die Besonderheit dieser Schrift untersucht werden. Welche Intention hatten die Essener mit ihrer Schriftauslegung und woher rührte sie? Folgend soll diese Frage beantwortet werden. Dazu wird erst das Genesis‐Apokryphon mit allgemeinen Informationen vorgestellt. Anschließend wird es mit der Genesis und dem Jubiläenbuch verglichen, woraufhin die essenischen Besonderheiten des Genesis‐ Apokryphons unter genauerer Betrachtung der Gefährdung der Ahnfrau untersucht werden.
II. Das Genesis‐Apokryphon
In den 1940er Jahren wurde in Qumran eine Höhle durch Hirten entdeckt. 1 Diese enthielt Gefäße, in denen Schriftrollen zu finden waren. Eine dieser Schriftrollen war die des Genesis‐Apokryphons. Damit ist sie eine der sieben ersten entdeckten Schriften. Unter den gefundenen Rollen war sie, die am schlechtesten erhaltene. Zudem ist das Genesis‐Apokryphon als einzige Schrift in aramäisch geschrieben. Außerdem wurde sie in herodianischer Schrift verfasst und wird somit um die Wende zur heutigen Zeitzählung datiert. 2 Die Schriftrolle besteht aus vier Lederblättern und unterteilt sich in 22 Kolumnen. Davon sind jedoch der Anfang und das Ende dermaßen stark beschädigt, dass davon nichts zu entziffern ist. Die Bezeichnung Genesis‐Apokryphon entspringt dem Inhalt der Schriftrolle. Es werden Geschichten aus der Genesis nacherzählt und umformuliert. Ursprünglich hieß das Fragment Lamech‐Apokalypse, da es mit einer Ich‐Erzählung des Lamech beginnt.
Die Fragmente des Genesis‐Apokryphons beginnen mit Lamechs Erzählung über seine Ängste, seine Frau Batenosch sei durch einen Wächterengel geschwängert worden. Daraufhin folgt Noahs Geburt. Der anschließende Teil der Schriftrolle fehlt, sodass die Erzählung über Noahs Arche auf dem Berg Ararat einsetzt. Noah baut einen Altar und bringt Räucheropfer dar, um für die gesamte Erde zu büßen.
1 Vgl. VanderKam: Einführung in die Qumranforschung. S. 22.
2 Vgl. Davies: Qumran. Die Schriftrollen vom Toten Meer, S. 100. 2
Daraufhin setzt Gott seinen Bogen als Zeichen in die Wolken. Es folgt eine Aufzählung der Nachkommen Noahs und die Errichtung eines Weinbergs durch denselben. Nachdem die Aufteilung der Welt unter Noahs Nachkommen beschrieben wird fehlt ein großer Teil der Schrift. Danach eröffnet sich jedoch der am besten erhaltene Abschnitt des Genesis‐Apokryphons. Er handelt von den Abram‐Erzählungen: der Hungersnot, wie sie nach Ägypten ziehen, dem besorgniserregenden Traum, Sarais Entführung sowie von dem geplagten Pharao und wie Abram für ihn betet. Der Pharao gibt Sarai zum Abschied Gold, Silber, Kleider und die Magd Hagar mit. Daher zog Abram mit vielen Besitztümern aus Ägypten. Es folgt die Trennung von Lot und die Wanderung durch das gelobte Land. Daraufhin wird der Kampf um Lot beschrieben und der Segen, den Abram von Melchizedek erhält. Woraufhin Abram ihm den Zehnten seines Besitzes gibt.
III. Das Genesis‐Apokryphon im biblischen und parabiblischen
Vergleich
Nun folgt ein biblischer und parabiblischer Vergleich zum Genesis‐Apokryphon 3 . Genesis 6 bis 14 4 stellt die Grundlage für den biblischen Vergleich dar und das Jubiläenbuch IV bis XIII 5 die für den parabiblischen.
Lesbar wird das Genesis‐Apokryphon ab Kolumne II. Dort äußert Lamech seine Angst, Wächterengel könnten seine Frau Bat‐Enosch geschwängert haben. Diese beteuert ihm jedoch, dass das Kind von ihm sei. Lamech ist sich immer noch unschlüssig und sucht somit seinen Vater Methusalah auf, um ihn um Rat zu fragen. Dieser wiederum ging zu seinem Vater, Henoch. Dieser Abschnitt ist vergleichbar mit Genesis 6,1‐4, worin die Vereinigung der Gotteskinder und Menschentöchter beschrieben wird. Im Jubiläenbuch (IV, 28) wird hingegen lediglich beschrieben wie Lamech Bat‐Enosch ehelicht. Außerdem berichtet das Jubiläenbuch V, 1 von den Engeln Gottes, wie sie sich die Töchter der Menschenkinder zu Frauen machten. Genesis und das Jubiläenbuch geben hier Hinweise auf die Vereinigung von
3 Alle Zitate aus dem Genesis‐Apokryphon sind aus: Maier, Johann: Die Qumran‐Essener. Die Texte vom Toten Meer (Band 1), München 1995.
4 Alle biblischen Zitate sind aus: Die Bibel nach der Übersetzung Martin Luthers. Bibeltext in der revidierten Fassung von 1984, hg. V. der Evangelischen Kirche in Deutschland, Stuttgart 1985.
5 Alle parabiblischen Zitate sind aus: Lichtenberger, Hermann: Unterweisung in erzählender Form. In: Jüdische Schriften aus hellenistisch‐römischer Zeit (Band 2), Gütersloh 1999. 3
Menschen und Engeln, woraus laut Genesis 6,4 Riesen entstanden. Im Genesis‐ Apokryphon findet daher eine Ausschmückung dieses Ereignisses anhand einer Familientragödie statt. Es besteht auch die Vermutung, dass die Kolumne I des Genesis‐Apokryphons einen Hinweis auf Noahs Geburt gibt. 6 Das Ratsuchen Lemachs und Methusalah bei ihren Vorfahren bezeugt ihre und Noahs Ahnentafel. Aus den Fragmenten der Kolumnen V‐VI ist noch die Verfluchung der Menschen lesbar, die auch in Genesis 6,11‐13 und im Jubiläenbuch V, 3‐4 wieder zu finden sind. Der Plan Gottes, die Erde und die Menschen darauf zu vernichten, ist aufgrund fehlender Fragmente nicht aus dem Genesis‐Apokryphon zu entnehmen. Trotz der lückenhaften Kolumne VII, wird die Überflutung der Erde deutlich, die auch in Genesis und dem Jubiläenbuch beschrieben wird. Der Text des Genesis‐ Apokryphons wird erst wieder ab der Kolumne X etwas deutlicher. Darin wird das Gebirge Ararat erwähnt, auf dem die Arche aufsetzt. Dieses Gebirge wird auch in Genesis 8,4 und indirekt im Jubiläenbuch V, 28 genannt. Es folgt der Bericht über das Brandopfer, das Noah bringt. Er baut einen Altar auf und sühnt so für die ganze Erde. 7 Durch Genesis 8,20f gibt Gott zu verstehen, dass er die Menschen in Zukunft nicht mehr verfluchen will. Das Jubiläenbuch berichtet ebenfalls von dem Altar auf dem Noah ein Brandopfer bringt. 8 Zudem offenbart es auch den Standort des Altars als den Berg auf dem sich die Arche niederließ.
Das nächste lesbare Fragment des Genesis‐Apokryphons stellt die Kolumne XI, 17 dar. Es wird der Verbot des Blutverzehrs ausgesprochen. Parallelen sind hier in Genesis 6,4 zu finden sowie im Jubiläenbuch VI, 7. Das Jubiläenbuch gibt im Gegensatz zur Bibel und der Qumran‐Schrift Aufschluss über die Bedeutung dieses Verbots. Das Blut wird als Sitzt der Seele beschrieben. Zusätzlich steht im Jubiläenbuch VII, 32 das Verbot, die Seele mit dem Fleisch zu essen. Dies dient zum Schutz des Menschen, da Gott die Seele der Tiere fordern wird um das Blut der Menschen zu rächen. Wenn aber nun die Menschen das Blut der Tiere verzehrt haben, so wird Gott es von den Menschen fordern. Auch Genesis 9,4 berichtet davon, dass Gott das Blut der Tiere fordern wird um das der Menschen zu rächen.
6 Vgl. Fitzmyer: The Genesis Apocryphon of Qumran Cave I. Rom 1971, S. 78.
7 1QGenAp Kol. X, 15.
8 Jub VI, 3. 4
Identisch ist der Abschnitt aus Kolumne XII, 1 mit Genesis 9,13 und dem Jubiläenbuch VI, 16. Gott setzt hier den Bogen als Zeichen des Bundes mit Noah in die Wolken.
Daraufhin pflanzt Noah, gemäß dem Genesis‐Apokryphon, einen Weinberg auf Horarat. Dies scheint das Ararat‐Gebirge zu sein, denn das Jubiläenbuch berichtet in VII, 1 von dem Wein, den Noah am Berg Lubar (im Ararat‐ Gebirge) pflanzt. Aus Genesis 9,20 ist lediglich in Erfahrung zu bringen, dass Noah als Erster einen Weinberg pflanzt.
Es folgt eine Aufzählung der Nachkommen der Söhne Noahs. Diese beginnt mit Kolumne XII, 10, der Geburt des ersten Sohnes des Sems. Er wird Arpachschad genannt. Dieser Name taucht im gleichen Zusammenhang in Genesis 10,22 auf. Im Jubiläenbuch (XII, 18) jedoch nicht. Dort wird er Arfaksad genannt. Der einzige Hinweis darauf, dass Arpachschad damit gemeint ist, ist die zeitliche Angabe zu seiner Geburt, nämlich zwei Jahre nach der Flut (Genesis 11,10). Auch Kanaan, Hams Sohn, ist zu betonen. Er wird in Kolumne XII, 11, Genesis 10,6 und im Jubiläenbuch VII, 13 erwähnt. Aus ihm entspringt das Volk der Kanaaniter. Auch Put ist zu erwähnen, der im Jubiläenbuch Fud genannt wird, denn er ist der Begründer des Landes Libyen. 9
Nun folgt im Genesis‐Apokryphon (Kolumne XII, 13f.) die Pflanzung des großen Weinbergs am Berg Lubar. Auffällig ist hier, dass diese Pflanzung in Genesis und im Jubiläenbuch vor der Aufzählung der Nachkommen Noahs beschrieben wird. Im Genesis‐Apokryphon (XII, 13ff.) und im Jubiläenbuch (VII, 2‐3) werden Angaben Neumondsfest gemacht, die mit denen aus der Kolumne XII, 13f vergleichbar sind. An dem Tag kostet Mose von seiner Weinernte. In Genesis 9,20ff. fügt sich eine Geschichte an die Pflanzung des Weinberges an, die den Segen über Sem (Gen 9,26) und den Fluch über Kanaan (Gen 9,25) von sich trägt. Hiervon berichtet auch das Jubiläenbuch (VII, 10). Interessant ist auch, dass das Genesis‐Apokryphon das Fest hervorhebt und kein Fluch über Kanaan ausgesprochen wird. Das eben angesprochene Fest wird zum Lob Gottes sehr ausgeschmückt dargestellt, denn
9 Vgl. Fitzmyer: The Genesis Apocryphon of Qumran Cave I. Rom 1971, S.100. 5
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2011, Das Genesis-Apokryphon im biblischen und parabiblischen Vergleich, München, GRIN Verlag GmbH
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