Inhalt
Einleitung 4
1 Die Stellung der Negationsträger nicht und não - ein deutsch-portugiesischer
Vergleich 6
1.1 Die Stellung der Negationspartikel nicht im Deutschen 6
1.1.1 DUDEN 7
1.1.2 Zifonun 7
1.1.3 Jacobs 8
1.1.4 Hentschel 9
1.1.5 Helbig 9
1.1.6 Zusammenfassung 10
1.2 Typologische Einordnung der Negation im Deutschen 11
1.3 Die Stellung des Negationsadverbs não im Portugiesischen 13
1.4 Vergleich der Stellungsmöglichkeiten und potentielle Schwierigkeiten 16
2 Die Rolle der Muttersprache beim Zweitspracherwerb 19
2.1 Der Einfluss der Muttersprache auf den Zweitspracherwerb 19
2.1.1 Die Kontrastivitätshypothese 19
2.1.2 Die Identitätshypothese 21
2.1.3 Transfer 22
2.2 Der Einfluss der Muttersprache auf den Negationserwerb 26
2.3 Zusammenfassung 29
3 Erwerb der Negation im Deutschen als L1 und L2 30
3.1 Der Erwerb der Negation im Deutschen als L1 30
3.2 Der Erwerb der Negation im Deutschen als L2 34
3.3 Vergleich des Spracherwerbs im Deutschen als L1 und L2 unter besonderer
Ber ücksichtigung des Negationserwerbs 38
3.4 Die Bedeutung von externen Faktoren für den Spracherwerb 45
2
4 Gründe für potentielle Schwierigkeiten bei der Stellung von nicht für
portugiesischsprachige Lerner des Deutschen 48
5 Der Negationserwerb innerhalb des gesteuerten Zweitsprachenerwerbs 51
5.1 Gesteuerter L2-Erwerb und Unterschiede zum natürlichen L2-Erwerb 51
5.2 Der Negationserwerb im gesteuerten L2-Erwerb 53
5.3 Kann Spracherwerb durch Unterricht gesteuert werden? 57
5.4 Vorschläge für die Praxis 58
Fazit 61
Literaturverzeichnis 63
3
Einleitung
Die Negation im Deutschen ist ein sehr komplexes Thema. Es gibt die verschiedensten Teilbereiche in diesem Gesamtkomplex, vielfältige Herangehens- und Sichtweisen, um die Thematik zu beschreiben, und selbst die Terminologie wechselt von Grammatik zu Grammatik, was es alles andere als einfach macht, sich einen Gesamtüberblick über das Thema zu verschaffen. Hinzu kommt auch noch, dass sich die verschiedenen Linguisten z.B. über unterschiedliche Negationsarten, -typen, -formen nicht einig sind und in jeder Grammatik andere Aspekte der Negation mal mehr, mal weniger verständlich dargestellt werden. Es erscheint also unmöglich, dieses Phänomen in einer einzigen Arbeit umfassend zu beschreiben und verständlich zu erklären. Wenn linguistisch interessierte deutsche Muttersprachler schon Probleme damit haben, dieses Phänomen mit all seinen Formen und Funktionen zu verstehen, geschweige denn es umfassend zu beschreiben bzw. zu erklären, wie soll dann erst ein Deutschlerner verstehen, wie man im Deutschen „richtig“ negiert, wohin man die entsprechenden Negationswörter im Satz stellt etc.? Natürlich muss er die Negation längst nicht so ausführlich untersuchen und verstehen wie ein Linguist und kann mitunter auch auf sein muttersprachliches Wissen als Hilfsmittel zurückgreifen. Doch bleiben meiner Meinung nach noch genügend Schwierigkeiten bestehen, mit denen er sich auseinanderzusetzen hat. Um Deutschlernern, speziell denen mit Muttersprache Portugiesisch, dabei behilflich zu sein, diese Schwierigkeiten zu überwinden, möchte ich mich in dieser Arbeit mit einem kleinen Aspekt der Negation im Deutschen beschäftigen, und zwar mit der Stellung der Negationspartikel nicht.
Warum nicht? Zum Einen ist „das Morphem nicht […] das häufigste Negationszeichen der deutschen Sprache“ (Weinrich 2003: 866), da es sowohl einen ganzen Satz als auch nur einen Teil davon negieren kann. Somit kommt ihm eine ganz besondere Bedeutung zu. Zum Anderen wird häufig von Lehrern, aber auch von Lernern festgestellt, dass
gerade die Stellung von nicht im Satz enorme Probleme bereitet 1 , da die Stellung des Negationsträgers im Deutschen, im Gegensatz zu anderen Sprachen, gewisse Besonderheiten mit sich bringt, auf die ich später noch genauer eingehen werde. Und warum gerade portugiesischsprachige Deutschlerner? Einerseits habe ich Portugiesisch als Kontrastsprache aus persönlichem Interesse gewählt, da ich die Sprache selbst seit einigen Jahren mit großer Freude lerne und auch schon Erfahrung im Unterrichten portugiesischer Deutschlerner sammeln konnte. Das erleichtert es mir, die
1 „A posição de nicht - grande problema no ensino do Alemão...” (Koller 1989: 29)
4
Schwierigkeiten der portugiesischen Deutschlerner besser nachvollziehen zu können. Andererseits gibt es dafür, dass Portugiesisch zu den sechs meist gesprochenen Sprachen der Welt zählt und auf vier Kontinenten verbreitet ist (vgl. Endruschat/ Schmidt-Radefeldt 2006: 13), im Vergleich zu anderen romanischen Sprachen wie z.B. Spanisch oder Französisch noch überraschend wenige kontrastive linguistische Studien zu dem Sprachenpaar Deutsch-Portugiesisch. Diese Arbeit soll auch dazu beitragen, dieses Defizit ein wenig zu verkleinern.
In einer kontrastiven Analyse möchte ich zu Beginn die Stellungsvarianten der
Negationsträger nicht im Deutschen 2 und não im Portugiesischen kurz aufzeigen und miteinander vergleichen. Dabei werden auch typologische Überlegungen eine Rolle spielen. Anhand dieser Analyse werde ich dann Thesen darüber anstellen, was portugiesischen Muttersprachlern beim Erlernen dieses Teilbereichs der deutschen Negation besondere Schwierigkeiten bereiten könnte. Im zweiten Kapitel setze ich mich mit der Rolle der Muttersprache für den Zweitspracherwerb generell und den Negationserwerb im Besonderen auseinander. Dabei werden verschiedene Hypothesen vorgestellt und diskutiert und besonders auf das Phänomen des Transfers eingegangen.
Im darauffolgenden Kapitel möchte ich unter Zuhilfenahme einiger ausgewählter Studien den natürlichen Erwerbsprozess der Negation im Deutschen als L1 und L2 skizzieren und Vergleiche über diese beiden Erwerbsarten anstellen. Besondere Beachtung findet dabei wieder die Stellung von nicht. Außerdem befasse ich mich mit der Bedeutung von externen Faktoren für den Spracherwerb.
Daran schließt sich im vierten Kapitel eine Diskussion über die Gründe für die im ersten Kapitel prognostizierten Schwierigkeiten bei der Stellung von nicht für portugiesischsprachige Deutschlerner.
Im letzten Kapitel wird auf den gesteuerten Erwerb der Negation eingegangen und die Frage diskutiert, ob Spracherwerb überhaupt durch Unterricht gesteuert werden kann und falls ja, wie. Abschließend werden ein paar Vorschläge für die Praxis des Sprachunterrichts unterbreitet.
2 Dabei möchte ich mich auf nicht in negierender Funktion beschränken. Die Verwendung von nicht in Sätzen, wie z.B. „Ist sie nicht süß?“(Kürschner 1983: 24), in denen keine Aussage in Abrede gestellt wird, wird in dieser Arbeit nicht behandelt.
5
1 Die Stellung der Negationsträger nicht und não - ein deutsch-portugiesischer Vergleich
1.1 Die Stellung der Negationspartikel nicht im Deutschen
Nach einem Blick in verschiedene Grammatiken und linguistische Abhandlungen über die Negation mag sich manch einer fragen, ob es überhaupt möglich ist, für die Stellung
von nicht im Deutschen allgemeingültige Regeln 3 zu formulieren. Denn erst einmal wirkt es so, als könne man die Negationspartikel beliebig an jede Stelle im Satz einfügen. Sollte man sich nicht lieber gleich Adamzik (1987; zitiert in Hentschel 1998: 107) anschließen, der nachzuweisen versuchte, dass es für die Stellung der Negationspartikel nicht im Deutschen keine allgemeingültige, obligatorische Regel gibt? Das wäre für den Muttersprachler, dem ja sein Sprachgefühl bei der korrekten Stellung automatisch hilft oder helfen sollte, wohl die einfachste Lösung bzw. Umgehung des Problems, aber einem Deutschlerner ist damit natürlich nicht weitergeholfen. Wie kann man also die doch sehr flexiblen Stellungsvarianten des deutschen nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen, d.h. in klaren, allgemeingültigen Regeln ausdrücken, soweit dies überhaupt möglich sein sollte? Hinzu kommt eine weitere Schwierigkeit der Negation im Deutschen: die Unterscheidung zwischen Satz- und Sondernegation 4 . Durch die Stellung von nicht im Satz kann man bestimmen, ob die Aussage des Satzes komplett negiert werden soll oder nur einzelne Teile davon, die dann jeweils durch andere ersetzt werden. In der traditionellen Grammatik heißt es, dass die Negation des Verbs automatisch Satznegation bedeutet (weshalb diese auch manchmal als Verbnegation bezeichnet wird) und eine Sondernegation durch die unmittelbare Stellung von nicht vor den zu negierenden Teil erreicht wird. Dass das so nicht hundertprozentig zutrifft und man auch durchaus nicht immer eindeutig zwischen diesen beiden Typen trennen kann, ist ein großes und vielbeschriebenes Thema in der Literatur zum Thema Negation (siehe dazu z.B. Haas 1996). Darauf soll hier aber nicht ausführlich eingegangen werden, denn
3 Bei der Beschreibung der möglichen Stellungsvarianten bzw. -regeln von nicht wird es in dieser Arbeit hauptsächlich um syntaktische Gesichtspunkte gehen, wenn es auch unumgänglich ist, ab und zu auf semantische Aspekte einzugehen.
4 Oft wird in Bezug auf die Unterscheidung dieser beiden Negationstypen ebenso von totaler und partieller Negation gesprochen bzw. bei Sondernegation z.B. auch von Satzglied-, Wort-, Teil- oder Konstituentennegation. In der vorliegenden Arbeit werde ich durchgängig die Termini Satz- und Sondernegation verwenden bzw. bei anderslautenden Begriffen darauf hinweisen, um welchen Negationstyp es sich handelt.
6
ich möchte mich in dieser Arbeit trotz der eben genannten Schwierigkeiten soweit wie möglich auf die Stellung von nicht bei der Satznegation beschränken, wenn auch der Vollständigkeit halber die Sondernegation natürlich nicht ganz ausgeschlossen werden kann.
Hier soll nun erst einmal kurz beschrieben werden, wie fünf ausgewählte Grammatiken und Linguisten sich dieser Thematik annähern und welche Regeln sie aufstellen.
1.1.1 DUDEN
In der Dudengrammatik wird die Unterscheidung zwischen Skopus (Geltungsbereich) 5 und Fokus der Negation betont. Wichtig für die Stellung der Negationspartikel nicht ist der Fokus. Als Regel gilt, dass die Negationspartikel am linken Rand ihres Fokus steht. Dabei kann der Fokus einzelne Satzglieder oder Bestandteile eines Satzgliedes umfassen (Sondernegation) oder das gesamte Prädikat mit einschließen (Satznegation). Als weitere Hinweise zur Stellung von nicht bei Satznegation nennt der Duden: -In Verberst- und Verbzweitsätzen wird das finite Verb in die linke Satzklammer gesetzt. Die Negation behält ihre Stellung im Mittelfeld und kann ganz ans Satzende rücken.
-Die Negation steht nie zwischen Vorfeld und linker Satzklammer. [Denn das würde ja bedeuten, dass nicht unmittelbar vor dem finiten Verb steht und das ist im Deutschen nicht möglich, S.W.]
-Bei Sätzen mit komplexen Prädikaten steht nicht vor den Prädikatsteilen der rechten Satzklammer.
-Wenn der Fokus der Negation das Prädikat umfasst (Satznegation), sind (a) adverbiale und (b) prädikative Ergänzungen gewöhnlich mit inbegriffen. Die Negationspartikel nicht steht dann vor diesen Satzgliedern (vgl. Duden 2009: 908ff.):
(a) Die Goldkette befand sich nicht [im Tresor]. (b) Der Gärtner war nicht [der Mörder]. (ebd. 910).
1.1.2 Zifonun
In der Grammatik der deutschen Sprache von Zifonun et al. (1997) werden drei Formen der Negation unterschieden: pauschale, fokussierende und kontrastierende Negation. In Bezug auf die Stellung von nicht werde ich mich hier auf die pauschale Negation (≈ Satznegation) beschränken. Diese zeichnet sich laut Zifonun et al. durch das Fehlen
5 „Der Geltungsbereich oder Skopus der Negation lässt sich mit einer Umschreibungsprobe bestimmen, nämlich mit der Umwandlung des fraglichen Satzes in eine Konstruktion des Typs „Es ist nicht der Fall, dass…“. Der Geltungsbereich der Negation entspricht dann dem dass-Nebensatz [Hervorhebungen im Original].“ (Duden 2009: 907).
7
markierter Wortstellung und Betonung aus. Hinsichtlich der Stellung von nicht werden unter anderem folgende Punkte benannt, die ich als besonders wichtig erachte: -Der Negationsausdruck nicht befindet sich im Verbzweitsatz stets im Mittelfeld. -Argumentausdrücke, die als Präpositionalphrase realisiert werden, stehen im Verbzweitsatz rechts vom Negationsausdruck (Bsp.: H. liegt nicht im Krankenhaus.).
-Ausdrücke von Prädikatsspezifikationen stehen im Verbzweitsatz rechts vom Negationsausdruck (Bsp.: Die Arbeiter erholten sich nicht schnell.). -Nicht steht hinter Abtönungspartikeln und geltungsmodifizierenden Supplementen [anderswo Angabe genannt, S.W.].
-Enthält der Satz einen quantifizierenden Ausdruck, tritt nicht unmittelbar vor diese Quantitätsphrase.
-In nicht-quantifizierten Sätzen steht nicht vor dem Ausdruck des (erweiterten) Prädikats (vgl. Zifonun, G./ Hoffmann, L./ Strecker, B. 1997: 854f., 1556).
Es wird angenommen, dass der Negationsträger primär auf das Prädikat wirkt. Dies wird durch seine Stellung unmittelbar vor dem Ausdruck des (erweiterten) Prädikats angezeigt. Die eigentliche Ausrichtung des Satznegators auf das finite Verb wird im Deutschen nicht durch ein besonders enges Stellungsverhältnis ausgedrückt, sondern nur indirekt durch eine über das gesamte Prädikat vermittelte Reihenfolgebeziehung (vgl. ebd. 1551).
1.1.3 Jacobs
Jacobs (1982) unterscheidet zwischen kontrastierender und nicht-kontrastierender Negation, wobei ich mich auch hier wieder nur auf die Stellungsregularitäten von nicht bei der nicht-kontrastierenden Negation (≈ Satznegation) beschränken möchte. Laut Jacobs kann:
-nicht im Allgemeinen nicht allein vor dem Finitum stehen -nicht-kontrastierend negierendes nicht im Allgemeinen nicht unmittelbar vor Eigennamen oder Pronomina stehen
-nicht-kontrastierendes nicht vor einer auf der Verbzweitstellungsstufe präfiniten komplexen Nominalphrase stehen (vgl. Jacobs 1982: 144).
Jacobs bezeichnet das nicht-kontrastierende nicht als ein „Adsentential“, das auch adverbial und als Adverbial-Nominalphrase fungieren kann (vgl. ebd. 159). Somit verhalte sich die Negationspartikel nicht im Deutschen im Hinblick auf ihre Stellungseigenschaften wie ein Adverb bzw. eine Adverbialbestimmung (vgl. Hentschel
8
1998: 97). Die Flexibilität des nicht-kontrastierenden nicht im Satz erklärt er damit, dass es als Attribut null- bis dreistelliger Verbalphrasen fungieren kann, die ihm auf der Verbendstellungsstufe jeweils unmittelbar folgen (vgl. Jacobs 1982: 274).
1.1.4 Hentschel
Hentschel (1998) weist darauf hin, dass es nicht so einfach ist, aus dem Negationstyp Rückschlüsse auf die Stellung des Negators im Satz zu ziehen oder umgekehrt aus der Stellung der Negationspartikel zu entnehmen, um welchen Negationstyp es sich handelt (vgl. Hentschel 1998: 97). Sie betont, dass die Negationspartikel trotz ihrer relativ hohen Beweglichkeit im Satz weder im Hauptsatz noch im Nebensatz über das finite Verb hinwegbewegt werden kann. Auch wenn sich die Entfernungen vom Finitum verändern können, muss der Negator im Hauptsatz stets nach dem finiten Verb stehen, im Nebensatz davor (vgl. ebd. 107). Insgesamt lasse sich zwar feststellen, dass die Negation mehrheitlich rechts bzw. vor der rechten Klammer stehe, aber damit ist keine allgemeingültige Stellungsregel gegeben (vgl. ebd. 133). Zusammenfassend stimmt Hentschel mit Jacobs darin überein, dass sich die Negationspartikel im Hinblick auf ihre Stellungseigenschaften wie ein Adverb bzw. wie eine Adverbialbestimmung verhält. Das bedeute aber, dass sich die Negation nach den bereits unabhängig von ihr bestehenden Thema-Rhema-Verhältnissen im Satz richte. Das negierende Element werde also in einem schon fertigen Satz, soweit das morphologisch-syntaktisch möglich ist, an das Rhema angefügt. Somit bestimmen semantische Faktoren die Stellung von nicht im Satz (vgl. Hentschel 1998: 167).
1.1.5 Helbig
Helbig (1971) bemängelt die Darstellung der Stellungsregeln von nicht bei Satz- und Sondernegation in DaF-Lehrwerken, da diese häufig nicht stichhaltig seien und durch Gegenbeispiele falsifiziert werden könnten (vgl. Helbig 1971: 66). Er weist außerdem darauf hin, dass „die Stellung von nicht keineswegs allein von den klassischen Stellungsregeln her erklärbar ist, sondern außer von Valenz- auch von Intonationseigenschaften abhängig ist“ (ebd. 67). Nachdem er die Darstellung der Negation in der grammatischen Literatur aufgezeigt hat, stellt er eigene Thesen auf, anhand derer er dann spezielle Stellungsregeln für die Negation ausarbeitet. Die wichtigsten Regeln für die Stellung von nicht bei Satznegation sind laut Helbig:
9
-nicht strebt tendenziell zum Ende des Satzes und bildet mit dem finiten Verb eine Negationsklammer (Bsp.: Er besuchte seine Freunde trotz der engen Bindung nicht.)
-nicht rückt vor infinite Verbformen (Bsp.: Er wird morgen nicht abreisen.) -nicht tritt vor substantivisches oder adjektivisches Prädikativum (Bsp.: Er wird nicht Lehrer.)
-nicht steht vor dem Adjektiv auch in adverbialer Verwendung (Bsp.: Der Schüler arbeitet nicht fleißig.)
-nicht steht nach reinen Kasusobjekten, wenn dadurch die Länge des Satzteils nicht zu groß wird; bei semantischer Einheit steht nicht voran (Bsp.: Er spielt nicht Klavier.)
-bei Präpositionalobjekten kann nicht voran- oder nachstehen -bei enger Bindung einer Adverbialbestimmung an das Verb (Valenzbindung) steht nicht vor der Adverbialbestimmung -bei freien lokalen Angaben kann nicht voran- oder nachstehen -bei freien Kausalangaben kann nicht voran- oder nachstehen (über die Stellung entscheidet die Länge der Angabe; für Nebensätze anders) -bei freien Temporalangaben kann nicht voran- oder nachstehen, wenn diese Präpositionalphrasen sind; bei Akkusativ steht nicht nach (Bsp.: Der Autobus fährt zwei Tage nicht.)
-bei reinen Temporaladverbien steht nicht nach bei Adverbien, die unabhängig vom Sprecher sind (Bsp.: Er besuchte uns gestern nicht.)
-bei Modalitätsadverbien steht nicht nach (Bsp.: Er besucht uns vermutlich nicht.) -bei Nebensätzen gelten die gleichen Regeln, nur bei eingeleiteten Nebensätzen nimmt das finite Verb die letzte Stelle ein und somit rückt nicht jeweils um eine Stelle nach vorn (vgl. Helbig 1971: 73ff. und Haas 1996: 30f.).
1.1.6 Zusammenfassung
Um der oben genannten Forderung nach klaren, allgemeingültigen Regeln zur Stellung von nicht nachzukommen, kann also für die Satznegation aus den eben zitierten Grammatiken und Autoren Folgendes festgehalten werden:
1. Die Negationspartikel nicht steht im Hauptsatz immer hinter und im eingeleiteten Nebensatz immer vor dem finiten Verb.
2. Daraus folgt, dass sie nicht im Vorfeld und nicht im Nachfeld stehen kann. 3. Sie steht also immer im Mittelfeld eines Aussagesatzes und strebt tendenziell zum Satzende.
4. Wenn es einen zweiten Prädikatsteil gibt (z.B. bei trennbaren Verben, infiniten Verbformen etc.), steht nicht davor.
5. Wenn es Satzglieder gibt, die enger mit dem Prädikat verbunden sind als die Negationspartikel, dann stehen diese am Satzende bzw. unmittelbar vor dem zweiten Prädikatsteil und nicht steht vor ihnen.
10
Um einen Überblick über die Regeln für die Stellung von nicht in Bezug auf einzelne Satzglieder zu bekommen, sind die oben aufgeführten Regeln von Helbig sehr ergiebig und hilfreich, wobei man aber auch dort durch die Angabe „kann voran- oder nachstehen“ sieht, dass es in einigen Fällen mehrere Stellungsvarianten gibt. Dabei spielen Faktoren wie Valenz, Intonation oder semantische Einheit eine wichtige Rolle. Vor allem bei der Voranstellung der Negationspartikel entscheidet oft allein die Intonation über die Negationsart. In diesen nicht eindeutigen Fällen sollte man wohl besser von Stellungstendenzen bzw. -präferenzen als von allgemeingültigen festen Regeln sprechen.
1.2 Typologische Einordnung der Negation im Deutschen
Nach diesen Ausführungen muss man sich fragen, ob sich solche Schwierigkeiten hinsichtlich der Stellung des Negators eigentlich nur im Deutschen auftun und falls ja, was die Besonderheit der deutschen Negation im Vergleich zu anderen Sprachen der Welt ausmacht. Auch Elke Hentschel (1998: 97f.) schlägt einen solchen Ansatz vor: Um die vieldiskutierten Probleme, die sich im Zusammenhang mit der Stellung des Negators im Deutschen ergeben, sinnvoll einordnen und beurteilen zu können, ist es naheliegend, sie auf die Basis universeller Beobachtungen zu stellen.
Um dies zu tun, werden die Sprachen der Welt nach ihrer Basiswortstellung untersucht und in Gruppen unterteilt. Laut Dryer (1988: 94) gibt es sechs logische Anordnungen der Satzelemente Subjekt, Objekt und Verb: SOV, SVO, VSO, VOS, OVS und OSV, wobei die letzten beiden Möglichkeiten nicht sehr verbreitet sind. Diese Gruppen von Sprachen können jeweils noch einmal in weitere Untergruppen unterteilt werden, abhängig von der Stellung des Negators. Diese definiert sich hauptsächlich relativ zum finiten Verb und man unterscheidet zwischen den drei Stellungsvarianten präverbale, diskontinuierliche und postverbale Negation (vgl. Lenz 1996: 192). Generell scheint die präverbale Stellung des Negators die vorherrschende zu sein. Postverbale und diskontinuierliche Negationsträger kommen hingegen in den Sprachen der Welt nicht sehr häufig vor (vgl. ebd. 193). Schon Otto Jespersen stellte das 1917 fest: „… there is a natural tendency, also for the sake of clearness, to place the negative first, or at any rate as soon as possible, very often immediately before the particular word to be negatived (generally the verb…)” (Jespersen 1917: 5 [zitiert in Dahl 1979: 89]).
11
Wenn man nun das Deutsche in eine der oben erwähnten Gruppen einteilen möchte, stößt man schon auf den ersten Streitpunkt, denn im Deutschen steht das finite Verb in Haupt- und Nebensätzen auf unterschiedlichen Positionen. Ist Deutsch demnach eher eine SVO- oder eine SOV-Sprache? Richtet man sich nach der Stellung im einfachen, unmarkierten Hauptsatz (Aussagesatz), die bei universellen Untersuchungen üblicherweise zugrundegelegt wird, lässt sich Deutsch als SVO-Sprache mit postverbaler Negation charakterisieren. Geht man aber nach der Stellung im (eingeleiteten) Nebensatz, ist Deutsch eine SOV-Sprache mit präverbaler Negation. Diese zweite Interpretation wird von der generativen Linguistik eindeutig als für das Deutsche gültige bevorzugt. Begründet wird diese Zuordnung neben der Wortstellung im Nebensatz damit, dass Objekte und Adverbialbestimmungen nur vor dem Infinitiv des Verbs stehen können (vgl. Hentschel 1998: 105).
Die in SVO-Sprachen am meisten verbreitete Stellung des Negators ist die zwischen Subjekt und Verb, also SNegVO (vgl. Dryer 1988: 95). Deutsch hingegen würde somit zu einer Minderheit innerhalb der Gruppe der SVO-Sprachen gehören, da es die Negation im unmarkierten Hauptsatz ans Satzende stellt: SVONeg (vgl. Hentschel 1998: 106).
In SOV-Sprachen sind die häufigsten Stellungen des Negators SONegV und SOVNeg, mit einer leichten Präferenz für die zweite Stellungsvariante (vgl. ebd. 105). Sieht man Deutsch also als SOV-Sprache an, würde es mit seiner SONegV-Stellung im Nebensatz wiederum „einer Minderheit von Sprachen innerhalb des Typs angehören, aber diesmal
handelt es sich […] um eine recht bedeutende Minderheit 6 “ (ebd. 107). Es konnte also gezeigt werden, dass die Stellung des Negators im Deutschen tatsächlich eine Besonderheit darstellt. Erstens ist sie in Haupt- und Nebensätzen, bedingt durch die verschiedene Reihenfolge der Satzglieder in diesen Satztypen, unterschiedlich und zweitens gehört sie in beiden möglichen Stellungsgruppen im Vergleich zu den anderen Sprachen der Welt einer Minderheit an.
Im Folgenden sollen nun die Stellungsvarianten des Negators im Portugiesischen, das als SVO-Sprache charakterisiert werden kann, beschrieben werden.
6 Dies geht aus den Ergebnissen der Studien von Dryer (1988) und Dahl (1979) hervor.
12
1.3 Die Stellung des Negationsadverbs não im Portugiesischen
Die gebräuchlichste Form der Negation im Portugiesischen ist die Negation mit não 7 . Dabei wird das Adverb não dem finiten Verb bzw. dem ersten Hilfsverb unmittelbar vorangestellt (Beispiele entnommen aus Palma Caetano et al. 1992: 110): Ontem não saímos. (Gestern gingen wir nicht aus.) A moça não tinha ouvido a campainha. (Das Mädchen hatte die Glocke nicht gehört.)
Steht das Reflexivpronomen oder ein unbetontes Objektpronomen vor dem Verb, dann wird não normalerweise davor gestellt (Beispiele entnommen aus Almeida/da Silva 1977: 80): Não se quer matar a trabalhar. (Er will sich nicht abschuften.) Não o vi. (Ich sah ihn nicht.)
In diesen Beispielen wird jeweils der ganze Satz, d.h. die komplette Aussage negiert (Satznegation). Wenn aber nur ein Teil der Aussage bzw. ein einzelnes Wort negiert werden soll (Sondernegation), gibt es auch im Portugiesischen in manchen Fällen die Möglichkeit, não an andere Stellen im Satz, nämlich vor den zu negierenden Teil, zu
rücken 8 (Beispiele entnommen aus Uppendahl 1979: 60ff.): 1. vor den Infinitiv (in einer Verbalphrase mit Hilfsverb und Infinitiv):
7 Die Negation im Portugiesischen kann (wie auch im Deutschen) auch durch andere Formen realisiert werden, z.B. durch Präfigierung oder durch andere Negationswörter wie z.B. nem, sem etc. Darauf soll in dieser Arbeit allerdings nicht näher eingegangen werden. Für weitere Informationen dazu siehe z.B. Mira Mateus 2003; Gärtner 1998.
8 An dieser Stelle wird nun doch ein wenig ausführlicher auf die Sondernegation eingegangen, um darzustellen, welche Einschränkungen es im Portugiesischen bei dieser Negationsart gibt, die so im Deutschen nicht existieren.
13
Não consegui dormir. im Gegensatz zu: (Ich konnte nicht schlafen.) 2. vor Infinitivkonstruktionen wie:
3. vor Partizipien und Gerundien:
Falaram não dos surdos-mudos, mas sim dos cegos e mudos. 4. vor Objekte:
5. vor Adverbien und adverbiale Ausdrücke:
Adverbien und adverbiale Ausdrücke werden allerdings sehr selten negiert und wenn, dann wird meistens eine Form von „não + ser + Adv“ (nicht + sein + Adv) bevorzugt, z.B. „Não é assim (que se faz)!“ (So macht man das nicht!) oder: „Te juro que não foi o último ano que viajei à Colômbia.” (Ich schwöre dir, dass es nicht letztes Jahr war, dass ich nach Kolumbien gereist bin.).
Einschränkend muss gesagt werden, dass Beispiele wie in 4. und 5. (in denen não nicht vor dem finiten Verb steht), vor allem in der mündlichen Sprachverwendung, eher selten vorkommen und eine markierte Sprachvariante darstellen. In der Umgangssprache würde man sie lieber so umschreiben, dass man wieder auf die
9 Das Beispiel ist brasilianisches Portugiesisch (BP). Im europäischen Portugiesisch (EP) werden die unbetonten Objektpronomen mit Bindestrich an das finite Verb angehängt und es müsste heißen: Ele emprestou-me… Bei negierten Sätzen gibt es aber keinen Unterschied zwischen BP und EP, denn da wird das unbetonte Projektpronomen immer vor das finite Verb gestellt, Bsp.: Não me conhece (Beispiel entnommen aus Gärtner 1998: 107).
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