Die Struktur jeder Silbe ist nach dem Prinzip des Kontrasts aufgebaut, nicht nach dem der Opposition wie die distinktiven Merkmale. Der häufigste Kontrast dabei ist der zwischen Vokal und Konsonant. Sowohl das vokalische als auch das konsonantische Element der Silbe kann mehr als ein Phonem enthalten, aber es gibt immer ein so genanntes Gipfel-Phonem (peak phoneme) oder silbisches Phonem, das den Ton der Silbe trägt. Sollte der vokalische Teil aus mehreren Phonemen bestehen, den so genannten kulminativen Phonemen (crest phonemes), so ist immer eines von ihnen durch den Kontrast kompakt/diffus oder Vo-kal/Sonorlaut herausgehoben.
Im russischen Wort война zum Beispiel ist das o kompakt und trägt deshalb den Ton der Silbe, wogegen das й diffus ist.
Umgekehrt wird ein Phonem aus dem nicht-kulminativen Silbenteil (ein slope phoneme) in seiner Lautstärke merklich reduziert, wenn es aus der Gruppe von Konsonanten hervortritt, da es an sich lauter ist als seine Nachbarphoneme. Ein Beispiel hierfür wäre das tschechische Wort jsem, in dem das j zugunsten des e reduziert wird. Zusammenfassend kann man also sagen, dass jede Silbe nur ein Gipfelphonem hat. Der Hauptunterschied zwischen prosodischen und inhärenten Merkmalen besteht nun darin, dass die prosodischen Merkmale nur bei den Phonemen auftreten, die den kulminativen Teil der Silbe bilden, während die inhärenten Merkmale bei allen Phonemen zu beobachten sind.
Es wurde schon erwähnt, dass der Kontrast der aufeinanderfolgenden Merkmale innerhalb der Silbe das Hauptprinzip der Silbenstruktur ist. Dies gilt folglich auch für die prosodischen Merkmale.
Hier ist der zweite große Unterschied zwischen prosodischen und inhärenten Merkmalen. Die inhärenten Merkmale bilden eine Opposition, es kann also immer nur einer der beiden Teile eines Merkmalpaars vorhanden sein, ein Phonem ist entweder palatalisiert oder nicht palatalisiert, entweder abrupt oder kontinuierlich. Das Prinzip der Opposition gilt natürlich ebenso für die prosodischen Merkmale, eine Silbe (bzw. ihr Gipfel-Phonem) ist entweder betont oder unbetont, ein Gipfel-Phonem ist entweder lang oder kurz.
2
Um aber die Betonung oder die Länge richtig hervorzuheben und um es dem Hörer zu ermöglichen, sie auch wahrzunehmen, muss das Prinzip des Kontrasts zum Tragen kommen. Eine Silbe ist nur betont im Vergleich zu ihren Nachbarsilben, ein Vokal ist nur lang im Verhältnis zu anderen Vokalen. Im Folgenden sollen die einzelnen Merkmalspaare dargestellt werden. Was die prosodischen Merkmale betrifft, ist festzuhalten, dass in den meisten Sprachen eines der drei prosodischen Merkmale distinktiv ist. Eine der Ausnahmen stellt das Polnische dar, um ein Beispiel aus der Slavistik zu nehmen. Es hat keine distinktiven Intonations- und Quantitätsunterschiede, und der Akzent liegt fast einheitlich auf der vorletzten Silbe.
Aber es gibt slavische Sprachen mit distinktiven suprasegmentalen Merkmalen. Das Merkmal des Akzents ist zum Beispiel im Russischen distinktiv. So ist руки mit Betonung auf у der Nominativ oder Akkusativ Plural von „Hand“, während руки mit Betonung auf и der Genitiv Singular ist.
Für das Merkmal des Tonhöhenverlaufs, also der Intonation, gibt es ein Beispiel aus dem Serbischen bzw. Kroatischen. Das Wort „sela“ bedeutet Dorf im Genitiv Singular, wenn das e mit einem kurz steigenden Tonhöhenverlauf ausgesprochen wird, und Dorf im Nominativ bzw. Akkusativ Plural, wenn es mit einem kurz fallenden Tonhöhenverlauf ausgesprochen wird.
Das Merkmal der Quantität lässt sich gut anhand eines Beispiels aus dem Tschechischen darstellen. Dráha ist die Bahn, drahá dagegen bedeutet teuer im Nominativ Singular Femininum, im ersten Fall wird das erste a lang artikuliert, im zweiten Fall das zweite.
Wenn man diese drei prosodischen Merkmale schließlich auf das Deutsche anwendet, so stellt man dabei fest, dass das Deutsche den Akzent und die Quantität als distinktive Eigenschaften besitzt. Für den Akzent kann man das Wortpaar umgéhen/úmgehen als Beispiel anführen, für die Quantität die Wortpaare Ass/aß und satt/Saat. Die inhärenten oder segmentalen Merkmale, die weiter oben schon von den prosodischen abgegrenzt wurden, untergliedern sich wiederum in Tonalitäts- und Sonoritätsmerkmale.
3
Um die Tonalitätsmerkmale darstellen zu können und um sie sich besser merken zu können, ist es hilfreich, sich den Mund, genauer gesagt den oralen Artikulationsraum, als Helmholtz-Resonator vorzustellen, also als eine Glasflasche mit einem Hals an beiden Seiten.
Die Tonhöhe (Tonalität) hängt nun von dem Verhältnis zwischen Volumen des Hauptkörpers und den Volumina der beiden Hälse ab. Hat der Hauptkorpus im Verhältnis zu den Hälsen mehr Volumen, ist der Ton tiefer.
Dieses Verhältnis kann man nun logischerweise auf zwei Arten beeinflussen. Entweder man vergrößert/verkleinert direkt das Volumen im Hauptresonanzraum, oder man erweitert/verengt die Hälse, so dass sich im Verhältnis wiederum ein größeres oder kleineres Volumen des Hauptkörpers ergibt.
Direkt das Volumen im Hauptresonanzraum beeinflusst das Merkmalspaar dunkel/hell (grave/acute). Bei den hinteren (grave) Vokalen blockiert die Zunge weniger Mundraum als bei vorderen (acute), so dass hintere Vokale tiefer sind als vordere. Konsonanten, deren Aussprache einen Verschluss oder eine Verengung an den Hälsen bewirkt, sind tiefer als solche, deren Artikulation zu einem Verschluss oder einer Verengung in der Mitte führt. Dentale und Palatale sind also acute, Velare und Labiale dagegen grave.
Bei der Opposition gerundet/ungerundet (flat/plain) werden die Lippen und gleichzeitig die Rachenhöhle zusammengedrückt, im Verhältnis zu den verengten Hälsen ist also der Hauptresonanzraum größer, weshalb gerundete Vokale wie o und u eine niedrigere Tonalität vorweisen als ungerundete wie a und e.
Für Konsonanten spielt die Opposition flat/plain im Vergleich zur Opposition grave/acute eine untergeordnete Rolle.
Genauso wie grave/acute beeinflusst auch das Merkmalspaar nichtpalatalisiert/palatalisiert (plain/sharp) das Volumen des Hauptresonators. Das Anheben der Mittelzunge gegen den harten Gaumen nimmt im Mund Raum in Anspruch, weswegen palatalisierte Konsonanten eine höhere Tonalität haben als nichtpalatalisierte. Bei der zweiten Untergruppe der segmentalen Merkmale, den Sonoritätsmerkmalen, werden die Laute anhand ihrer Energie und anhand der Art der Konzentration dieser Energie geordnet.
4
Arbeit zitieren:
Robert Schwaig, 2007, Die Theorie der distinktiven Merkmale von Jakobson und Halle, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Russistik / Slavistik: neuer Titel erschienen: Die Theorie der distinktiven Merkmale von Jakobson und Halle
Robert Schwaig hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare