Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 02
II. Analyse des ARD/SWR-Spielfilms „Stauffenberg“ von Jo Baier 04
2.1 Absichtserklärungen des Regisseurs und der Produzenten 04
2.2 Kritik - historische Korrektheit und Erfüllung der Absichtserklärungen? 05
2.3 Zu welcher Interpretation der Geschehnisse des 20. Juli 1944 tendiert der Film? 15
III. Analyse des Doku-Dramas ´Die Stunde der Offiziere´ von Hans-Erich Viet 16
3.1 Absichtserklärungen des Regisseurs und der Produzenten 16
3.2 Kritik - historische Korrektheit und Erfüllung der Absichtserklärungen? 17
3.3 Zu welcher Interpretation der Geschehnisse des 20. Juli 1944 tendiert der Film? 23
IV. Abschließender Vergleich der beiden Filme 24
V. Literaturangaben 26
1
I. Einleitung
Zum 60. Jahrestag des Umsturzversuchs vom 20. Juli 1944 lieferten sich ARD und ZDF ein Wettrennen um die Top-Quoten ihrer Filme zu diesem Thema. Das fast schon skurrile Eifern um die Gunst der Zuschauer endete schließlich damit, dass die Premiere des ARD/SWR-Spielfilms „Stauffenberg“ schon auf Februar 2004 vorverlegt wurde. Die Ausstrahlung des Doku-Drama „Die Stunde der Offiziere“ des ZDF im Juni erfolgte wenigstens einigermaßen in Zeitnähe zum Jahrestag. Aufgrund dieses absurden Wettstreits bietet es sich an, die beiden Filme miteinander zu vergleichen. Aus Gründen der Übersichtlichkeit werden die beiden Filme unter den jeweiligen Aspekten getrennt voneinander untersucht. Zunächst soll geklärt werden, welche Absichten der Regisseur des jeweiligen Films verfolgte. Dies soll für „Die Stunde der Offiziere“ anhand der Aussagen auf der ZDF-Homepage über den Film 1 nachgewisen werden. Dabei findet der Artikel „Das Exemplarische und das Emotionale“ von Regisseur Hans-Erich Viet 2 besondere Beachtung. Für „Stauffenberg“ wurde extra ein Web-Special erstellt, welches aber mittlerweile nicht mehr verfügbar ist. Deshalb muss auf Äußerungen des Regisseurs und Autors Jo Baier in Interviews o. Ä. zurückgegriffen werden. Des Weiteren gibt es auf der SWR-Homepage eine Kurzbeschreibung des Films 3 . Daran anschließend soll die historische Zuverlässigkeit untersucht werden, was bei Filmen mit zeitgeschichtlichen Themen aus Sicht des Historikers als wichtigster Faktor gilt. Zu überprüfen wird unter anderem sein, was ausgesagt wird über die historischen Zusammenhänge und die Motive der Verschwörer und ob sich die im Film dargestellten Abläufe, Personen und Orte historisch belegen lassen. Im Zusammenhang damit soll auch die Frage beantwortet werden, ob die Absichten der Regisseure verwirklicht wurden. Die Frage nach der Authentizität der jeweiligen Filme soll den Kernpunkt dieser Arbeit bilden. Zu ihrer Beantwortung dienen vor allem Peter Hoffmanns Biographie „Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder“ aus dem Jahr 1992 sowie seine Untersuchungen „Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944“ von 1994 und „Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler“ von 1985. Des Weiteren finden die Untersuchungen „Das tragische Vermächtnis. Der 20. Juli 1944“ von Joachim Fest aus dem Jahr 1994 sowie Eberhard Zellers „Geist der Freiheit. Der 20. Juli 1944“ von 1963
1 http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/18/0,1872,2140338,00.html (Stand: 26.09.2007)
2 http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/11/0,1872,2140203,00.html (Stand: 26.09.2007)
3 http://www.swr.de/unternehmen/publikationen/-/id=3556/nid=3556/did=724470/1expwzi/index.html (Stand: 26.09.2007)
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Berücksichtigung. Ergänzt wird dies durch diverse Zeitungsartikel, die im Zusammenhang mit den beiden Filmpremieren veröffentlicht wurden.
Anschließend soll der Versuch unternommen werden, die jeweilige Tendenz der Filme nachzuvollziehen, also zu welcher Interpretation der Ereignisse um den 20. Juli 1944 sie jeweils neigen.
Im letzten Punkt soll abschließend ein Vergleich zwischen den beiden Filmen gezogen werden. Da es sich um unterschiedliche Formate handelt, soll der Vergleich auf die Frage abzielen, welches Format auf der Basis der vorherigen Untersuchung für die Darstellung historischer Inhalte besser geeignet ist. Dies soll sowohl aus Zuschauersicht und aufgrund des Quotenerfolgs als auch aus Sicht des Historikers bewertet werden.
3
II. Analyse des ARD/SWR-Spielfilms „Stauffenberg“ von Jo Baier
2.1 Absichtserklärungen des Regisseurs und der Produzenten
Der Film „Stauffenberg“ erreichte bei seiner Erstausstrahlung in der ARD einen Marktanteil von 22,9 Prozent und erzielte nach eigener Aussage des SWR mit 7,58 Millionen Zuschauern „eine Top-Quote 4 “. Die Dreharbeiten zu dieser Co-Produktion der teamWorx Television & Film GmbH mit dem SWR, WDR und RBB dauerten rund sieben Wochen, im August 2003 wurde an Schauplätzen in Berlin und Umgebung gedreht, Ende September waren die Innenaufnahmen aus einem Kölner Studio im Kasten und zuletzt folgten Anfang Oktober Aufnahmen in Spanien 5 . Für den Regisseur Jo Baier war es eine große Herausforderung, einen Spielfilm über das Stauffenberg-Attentat zu drehen. Er interessiere sich für das Attentat, „weil es dabei um Zivilcourage geht, um Mut bis zur Selbstverleugnung; weil es um Menschen geht, die für ihre Überzeugung ihr Leben hingegeben haben 6 “. Doch der Film soll 60 Jahre später mehr bieten als Bewunderung. "Ich wollte Stauffenberg vom Sockel holen und zu einem Menschen machen" beschreibt der Regisseur seine Absicht. Baier sieht in den Medien ein wichtiges Instrument zur Vermittlung von Geschichte. Ziel seines Films sei es gewesen, eines der wichtigsten Kapitel der deutschen Geschichte interessant darzustellen, ohne es medienwirksam zurecht zu biegen. Sein Anspruch an den Film ist hoch, er wolle ihn „historisch genau, aber spannend wie ein[en] Krimi“ gestalten 7 . Dabei orientiere er sich in seinem Drehbuch eng an den historischen Fakten und stelle den Mann in den Mittelpunkt, der am 20. Juli 1944 den Anschlag auf Hitler ausführte und den Umsturzversuch in Berlin leitete: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Homepage des SWR gibt an, das es sich der Film zur Aufgabe mache, „minutiös den Tag des Attentats - vom Aufbruch ins Führerhauptquartier über das Zünden der Bombe bis zum Zusammenbruch des Staatsstreichs und zur standrechtlichen Erschießung Stauffenbergs und seiner engsten Mitverschwörer im Hof des Bendlerblocks“ zu schildern. Rückblenden sollen die Vorgeschichte des dramatischen Tages einbeziehen: Stauffenbergs Wandlung vom Hitler-Anhänger zum Widerstandskämpfer, konspirative Treffen, den Zwiespalt zwischen Berufung und Familie 8 “. Soweit die Absichtserklärungen des Regisseurs und des SWR. Nach ihrer Aussage war es „ein Wagnis,
4 http://www.swr.de/unternehmen/publikationen/-/id=3556/nid=3556/did=724470/1expwzi/index.html
5 Ebd.
6 Vgl. Leszczynski, Ulrike von: „Stauffenberg“ - Gewissen in gewissenloser Zeit, in: Der Stern vom 25.02.2004.
7 Ebd.
8 http://www.swr.de/unternehmen/publikationen/-/id=3556/nid=3556/did=724470/1expwzi/index.html
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die Geschehnisse um das gescheiterte Hitler-Attentat am 20. Juli 1944 filmisch aufzubereiten. Doch das Wagnis wurde belohnt 9 “.
Als historische Expertin im Hintergrund gilt zum einen Gabriela Sperl, eine studierte Historikerin, die zugleich Produzentin des Films ist. Zum anderen wurde nach ihren Angaben auch der Historiker Peter Hoffmann, ein anerkannter Stauffenberg-Spezialist, engagiert, um das Drehbuch auf historische Fehler hin zu durchsuchen 10 . Hoffmann entwickelte sich im Nachhinein jedoch zum größten Kritiker des Films, da seiner Ansicht nach die im Gutachten beanstandeten Fehler des Film nicht korrigiert wurden 11 . Ob es Jo Baier und seinem Team dennoch gelungen ist, die Ansprüche an ihren Film erfolgreich umzusetzen und damit „Qualitätsfernsehen und Zuschauerinteressen 12 “ miteinander zu verbinden, was historische Zuverlässigkeit mit einschließt, soll im Folgenden untersucht werden.
2.2 Kritik - historische Korrektheit und Erfüllung der Absichtserklärungen?
Jo Baiers „Stauffenberg“ ist der genaueste Film über das Attentat vom 20. Juli 1944, der bisher gedreht wurde 13 . Über die letzten Sekunden des Lebens von Claus Schenk Graf von Stauffenberg gibt es zwei historische Überlieferungen. In der einen wurde Stauffenberg erschossen, als die Reihe an ihn kam, in der anderen sprang sein Adjutant Oberleutnant Werner von Haeften vor ihm in die Schusslinie und wurde dabei getötet, erst danach wurde Stauffenberg erschossen 14 . Der Film verwendet beide Varianten. Er beginnt mit der Exekution Stauffenbergs. Am Schluss des Films wird dann diese Szene exakt wiederholt - nun jedoch mit dem Sprung von Haeftens. Mit diesen beiden szenischen Versionen des Schlusses wird die Unsicherheit der historischen Überlieferung effektvoll filmisch verarbeitet 15 . Somit beginnt und endet der Film mit der standesrechtlichen Erschießung im Hof des Bendlerblocks. Dazwischen liefert er eine detailgetreue Chronologie des 20. Juli. Der Zuschauer kann durch die eingeblendeten Angaben von Ort und Uhrzeit minutiös verfolgen, wie der Tag des Attentats abgelaufen ist, beginnend mit dem morgendlichen Abflug Stauffenbergs nach Rastenburg über seine Ankunft in der Wolfsschanze bis zum Präparieren der Bombe. Hier hält sich der Film bis ins kleinste Detail wie beispielsweise dem Frühstück Stauffenbergs mit
9 http://www.swr.de/unternehmen/publikationen/-/id=3556/nid=3556/did=724470/1expwzi/index.html
10 Vgl. Sperl, Gabriela: Der wahre Stauffenberg? Eine Erwiderung auf Peter Hoffmann, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 19.03.2004, S. 44.
11 Hoffmann, Peter: Seine historische Rolle. Das war nicht der wahre „Stauffenberg“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 05.03.2004.
12 http://www.swr.de/unternehmen/publikationen/-/id=3556/nid=3556/did=724470/1expwzi/index.html
13 Vgl. Schirrmacher, Frank: Was fehlt. Die entdramatisierte Geschichte: Jo Baiers „Stauffenberg“-Film und wie es gewesen ist, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25.02.2004, S. 33.
14 Vgl. Hoffmann, Peter: Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Brüder, Stuttgart 1992, S. 598.
15 Vgl. Agde, Günter: Der Sprung durchs Bild der Kamera. Stauffenberg und der 20. Juli 1944 im Film, S. 1.
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den Offizieren im Führerhauptquartier oder dem korrekten Namens des Flugzeugs an historisch belegte Fakten, wie sie unter anderem bei Hoffmann 16 ebenso detailliert nachzulesen sind. Auch die Probleme Stauffenbergs bei der Durchführung des Attentats werden gut verdeutlicht: die Lagebesprechung wurde ohne sein Wissen um eine halbe Stunde auf 12.30 Uhr vorverlegt, was ihn unter großen Zeitdruck setzte. Deshalb ging er nur mit einer der beiden mitgebrachten Sprengstoffpackungen in der Aktentasche dorthin. Bei der Verwendung von zwei Kilogramm wären vermutlich alle bei der Lagebesprechung Anwesenden getötet worden 17 . Dieser Fehler ist der Störung durch einen Oberfeldwebel beim ziemlich komplizierten Zünden und Einpacken der „Bombe“ sowie der dadurch erhöhten Entdeckungsgefahr und Nervenbelastung zuzuschreiben 18 . Ebenso ausführlich sind die weiteren Schwierigkeiten nach der Detonation wie die Flucht aus dem Führerhauptquartier nach dem Auslösen des Alarms, das Loswerden des zweiten Sprengstoffpakets und die Passivität der Mitverschwörer aufgrund der schnell kursierenden Nachricht von Hitlers Überleben dargestellt. Belegt ist auch die Tatsache, dass Stauffenberg, wie im Film dargestellt, vom Tod Hitlers überzeugt war. Nach einer späteren Aussage General Fellgiebels hätten er und Stauffenberg gesehen, wie „ein unter dem Umhang des Führers liegender Verletzter“ aus der Lagerbaracke herausgetragen wurde, was Stauffenberg später in der Bendlerstraße bezeugte 19 . Des Weiteren stimmt der Ablauf der weiteren Vorgänge vom Anlaufen des Kommandos Walküre über die Rundfunkmeldung des Überlebens Hitlers bis zur Verhaftung und Erschießung der Verschwörer Mertz von Quirnheim, Olbricht, Stauffenberg und von Haeften mit der Darstellung in der Forschungsliteratur überein 20 . Erwähnenswert hierbei sind das wortgetreu nachgespielte Telefonat des Kommandeurs des Wachbataillons, Major Remer, mit Hitler 21 , der nach Meinung Schirrmachers mit einer einzigen Frage den 20. Juli entschied 22 , sowie die den Film abschließende Rundfunkansprache Hitlers im Originalton. Was die Chronologie des 20. Juli betrifft, muss dem Film also äußerste Exaktheit bescheinigt werden. Die Kulissen wie Hitlers Lagerbaracke und das
Führerhauptquartier sind „bis zu den Mücken 23 “ genauestens rekonstruiert.
16 Vgl. Hoffmann, Peter: Widerstand, Staatsstreich, Attentat. Der Kampf der Opposition gegen Hitler, München 4 1985, S. 487.
17 Hoffmann, Peter: Widerstand gegen Hitler und das Attentat vom 20. Juli 1944, Konstanz 1994, S. 132.
18 Vgl. Hoffmann: Stauffenberg und seine Brüder, S. 424.
19 Ebd., S. 425f.
20 Ebd., S. 428-443.
21 Ebd., S. 432.
22 Vgl. Schirrmacher, Frank: Was fehlt. Die entdramatisierte Geschichte.
23 Ebd.
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Arbeit zitieren:
Nina Hirschle, 2007, Geschichtsfilme ohne Geschichte? , München, GRIN Verlag GmbH
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