P a p a R a s c h k e
Aus dem Leben des Johannisthaler Holzhändlers,
Herausgeber & Autoren: Alexander Kauther, Berlin und Paul Wirtz, Jülich. Heft 12 aus der Dokumentenreihe über den Flugplatz Berlin-Johannisthal 1909-1914. © September 2011, 1. Auflage
Deckblatt- und Homepagegestaltung: D&M agentur, www.dundm-agentur.de 12487 Berlin-Johannisthal, Winckelmannstraße 70.
Inhalt
Anmerkungen der Autoren 5
Zur Person Gustav Raschke 6
Flugplatzlage 1912 7
Flugzeugf ührerprüfung Nr. 802 am 29. Juni 1914 9
Die „Föhn-Flugzeugwerke“ und der Italiener Albert Colombo 9
Das Jahr 1914 - Die Militärzeit von Gustav Raschke 1914-1918 12
Das Jahr 1920 - Gustav Raschke fliegt für Filmaufnahmen der JOFA 13
Gustav Raschke mit Hans Albers bei Filmaufnahmen 14
Fliegergastst ätte Franz Tolinski in Johannisthal 16
Restaurant „Einsiedler“ und die Resolution 1927 17
Das Jahr 1930 - Treffen der „Alten Adler“ und der Fliegergedenkstein 19
Das Jahr 1933 - 180 Jahrfeier und Flugtage in Johannisthal 23
Über die Familie von Gustav Raschke 26
Ehemaliges Wohnhaus der Familie Raschke 29
Grabstelle Gustav Raschke 30
Heinz und Hildegard Raschke 31
Personenregister 32
Quellen 33
Zeitungen und Periodika 33
Literatur 33
Bildnachweis 33
4
Anmerkungen der Autoren
Der Johannisthaler Flugplatz - der erste zivile Motorflugplatz Deutschlands - existiert nicht mehr. Er hat 1945 mit der letzten Landung des Flugzeugs Lissunow Li-2 aus Moskau und 1995 mit einer historischen Flugschau endgültig ausgedient. Am 26. September 2009 wurde der 100. Jahrestag des ehemaligen Flugplatzes Adlershof-Johannisthal begangen.
Heute stehen viele neue Häuser auf dem Flugfeld und fast nichts erinnert mehr an diesen historischen Ort. Kennen die jetzt dort angesiedelten Haus- und Grundstückbesitzer die Geschichten, die mit den Straßen - benannt nach Luftfahrtpionieren - verbunden sind?
Der Johannisthaler Holzhändler Gustav Raschke, wegen seiner väterlichen Art „Papa Raschke“ genannt, gehört zu den 817 „Alten Adlern“ und Pionieren der Luftfahrtgeschichte. Wir begannen zu recherchieren, nachzulesen und zeitgenössische Dokumente und Bilder zusammenzutragen, die Auskunft über das Leben des Flugzeugführers Gustav Raschke geben.
Besonderen Dank gilt seiner heute 89-jährigen Schwiegertochter, Hildegard Raschke, die uns 2008 sehr unterstützte und aus Erzählungen ihres Ehemannes und Sohn von Gustav Raschke berichten konnte. Berlin-Johannisthal, September 2011 www.johflug.de
Mit 24 Jahren gründete Gustav Raschke mit Otto Knape die Johannisthaler „Holzhandel-Holzbearbeitung, Spezialgeschäft für Siedlungsbauten“ in der Friedrichstraße 24 (heute Winckelmannstraße 79). Die Holzhandlung lag günstig, und war direkt gegenüber dem Eingang 6 des neu gegründeten Flugplatzes.
Der Sohn vom Otto Knape, Ernst Knape, arbeitete auch auf dem Holzplatz und dessen Ehefrau Elisabeth Knape, genannt „Lischen“ in der Buchhaltung. Beide wohnten hinter dem Rathaus Johannisthal in der Fielitzstraße. Ernst Knape war 1913 Schöffe in der Gemeindeverwaltung.
Die Familien Raschke und Otto Knape wohnten in der Friedrichstr. 21 (Eigentum Raschke), Knape in Nr. 19 (Eigentum Knape). Auf dem Hof Nr. 19 befand sich eine Bäckerei. Von dort fuhr die Großmutter Frieda Knape, genannt „Oma Friedchen“ mit einem Einspanner Kuchen nach Treptow in die Gaststätte „Zenner“. Ihr Ehemann Friedrich Knape (1867-1918) hatte um 1908 das städtische Gasthaus in Treptow übernommen. Frieda Knape arbeitete dort mit und übernahm nach seinem Tod für kurze Zeit selbst das Ausfluglokal, ehe es an den neuen Besitzer um 1920 überging. 2 Ihre Tochter, Walli Knape, heiratete später Gustav Raschke.
1 1951 umbenannt in Winckelmannstraße, die Nummerierung der Häuser wurde später verändert.
2 „Teltower Kreisblatt“ vom 21.03.1919, Georg Türke: Buch „Treptows vergangene Pracht“ Berlin 2008 (Förderverein für das Heimatmuseum Treptow).
Lageplan des Flugplatzes Ende 1912. 3
3 Skizze aus dem Buch „Als die Oldtimer flogen“ , Die Geschichte des Flugplatzes Johannisthal, Günter Schmitt.
Gustav Raschke kannte in Johannisthal alle und alle kannten ihn! Wer Latten oder Leisten brauchte, kaufte sie in seiner Holzhandlung, denn bequemer ging es nicht. Kleinere Holzarbeiten auf dem Flugplatz ließ man gern von ihm ausführen. Und als er sah, was manche da zusammenbastelten, und dass manches davon am Ende gar noch flog, da wollte er es auch probieren.
Den Mut zum Versuch ohne konstruktive Richtwerte, ohne Fachbuch, ohne mehr vom Flugzeug zu wissen, als man beim Zuschauen sah, das hatte er. Er suchte sich den finanziellen Teilhaber und Interessierten Zieske, und im Herbst des Jahres 1913 zog er mit ihm in die leerstehende Abteilung C des „Großen viereckigen Schuppens“ am alten Startplatz ein, die seit 1912 die Werkstatt der „Flugzeugwerke Föhn GmbH“ gewesen war. Anfang 1914 wurden durch Umbau daraus die Schuppen 25 und 26.
Der Fußweg betrug drei Minuten bis zu seiner Holzhandlung und knapp zehn Minuten bis zu seiner Wohnung in der damaligen Friedrichstraße 21 (heute Winckelmannstraße).
In die Mieterliste der Flugplatzgesellschaft wurde eingetragen: „Raschke & Zieske, Konstrukteure“. Hier bauten sie nun ihren Flugapparat, nicht aus Holz, denn zu jener Zeit wurden die Rumpfrahmen längst aus Rohren zusammengeschweißt. Sie kauften Metallrohr in einem Durchmesser, den sie an anderen brauchbaren Flugzeugen sahen, kauften einen Motor und einen Propeller, bauten Tragflächen und bespannten sie mit Leinwand, schweißten den Rumpf zusammen. Weiteres Material aus alten Holzkisten und Stühlen verarbeiteten sie für den Bau des Flugapparat.
Gustav Raschke auf seiner Eigenbau-Konstruktion, mit der er 1914 auch die Flugzeugführererlaubnis erwarb. Er ähnelt sehr dem Föhn-Eindecker, den Albert Colombo auf der Herbstflugwoche flog.
Schließlich war der Eigenbau-Eindecker fertig. Dann kamen Rollversuche und erste Flugversuche. Ständige Reparaturen am Gitterrumpf, Rohrstücke, die immer wieder brachen, wurden herausgeschweißt und durch ein Stück von stärkerem Durchmesser ersetzt. So lange, bis bei Landungen nichts mehr riss. Nach einem halben Jahr war die Eigenbaukonstruktion flugtüchtig.
Flugzeugführererlaubnis
Gustav Raschke 4
Als er erst am 29. Juni 1914 die Flugzeugführererlaubnis Nr. 802 auf seinem selbstgebauten Eindecker erwarb, wies sein Fluggerät etwa 3000 (!) Schweißstellen auf. 5 In verschiedenen Luftfahrthistorischen Arbeiten zurückliegender Jahre wurden der Johannisthaler Holzhändler Raschke und sein Partner Zieske aus Niederschöneweide, als Gründer der „Flugzeugwerke Föhn“ (z. B. bei Peter Supf) oder als Erbauer des „Föhn-Eindeckers“ (z. bei Bruno Lange) angegeben. Beides ist nach Darstellung von Günter Schmitt unrichtig, er schrieb dazu: „Ein Zusammenhang besteht lediglich darin, dass die „Föhn-Werkstatt“ und „Raschke & Zieske“ dieselbe Schuppenabteilung gemietet hatten. Und zwar nacheinander. Die „Flugzeugwerke Föhn GmbH“ wurde im Jahre 1912 gegründet und mietete sich in die Abteilung C des „Großen viereckigen Schuppens“ ein. Hinter diesem großen Fabriknamen verbargen sich zwei Konstrukteure, von denen vermutlich wenigstens einer Föhn hieß. Sie bauten einen Eindecker üblicher Bauart.“ Die Föhn-Werkstatt wurde nach Sorau (heute Lausitz/BL Brandenburg) verlegt. 6
4 Kopie im Besitz des Museums Treptow-Köpenick.
5 „Als die Oldtimer flogen“ , Die Geschichte des Flugplatzes Johannisthal von Günter Schmitt.
6 Ebenda, Seite 60.
Es kann sein, dass Raschke & Zieske den Bau finanziert oder den unfertigen „Föhn- Eindecker“ zuEnde gebaut haben. Zur Herbstflugwoche vom 28. September bis 5. Oktober 1913 war ein Flugapparat mit der Bezeichnung „Zieske-Eindecker“ mit dem italienischen Flieger Albert Colombo angemeldet. Raschke und Zieske hatten zu dieser Zeit keine Flugberechtigung. Dieser Flugapparat und auch der Föhn-Eindecker hatte einen 37 kw (50 PS) Argus-Motor, bespannten Rumpf und gute Flugeigenschaften. 7 Zieske soll mit dem „Föhn-Eindecker“ 1914 seine Pilotenprüfung abgelegt haben. In verschiedenen Flugzeugführerverzeichnissen ist Zieske aber nicht enthalten.
Albert Colombo auf „Föhn-Eindecker“. 8
1913 - Der „Föhn-Eindecker“ (In den Büchern von Supf und Schmitt wird beschrieben, dass es sich vor dem Flugzeug um Gustav Raschke und Zieske handeln soll. Das ist lt. Auskunft der Schwiegertochter Hildegard Raschke vom 19. April 2008 nicht richtig. Es werden vermutlich die Erbauer des „Föhn-Eindecker“ sein. Die Aufnahme entstand hinter der Haupttribüne am neuen Startplatz.
7 Typenhandbuch der deutschen Luftfahrt von Bruno Lange, Seite 19.
8 Flugsport 1914
Arbeit zitieren:
Alexander Kauther, Paul Wirtz, 2011, "Papa Raschke" - Aus dem Leben des Johannisthaler Holzhändlers, Konstrukteurs und Flugzeugführers Gustav Raschke (1885-1949), München, GRIN Verlag GmbH
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