2 Viktoria Szotka, Brechts Liebeslyrik- ein Spiegel seiner Selbst?!
zeitliche Distanz zum Liebeserlebnis auf und stellen die Geliebte, die im Verlauf des Gedichts einen Identitätsverlust erleidet (, da der Name nur im Titel erscheint und sie selbst im Laufe des Gedichts vergessen wird), in der Natur dar. Im Vordergrund stehen der Gefühlskonflikt des Protagonisten und dessen Versuch, das Liebeserlebnis zu verarbeiten. 4 In den „Erinnerungen an die Marie A.“ wird deutlich, was für einen großen Stellenwert die Liebe und das Vergessen besitzen: Allein fünfmal wird das Wort „wissen“ verwendet und die zu keinem Zeitpunkt als Individuum wahrgenommene Geliebte ist dabei der Gegenstand des Vergessens. 5
In den Gedichten von Liebe und Schuld hingegen, zu denen größtenteils Psalmen wie z.B. „Gesang aus dem Aquarium 5. Psalm“ oder „Hybris 2. Psalm“ 6 gehören, liegt der thematische Schwerpunkt auf den Konflikten, in die das lyrische Ich durch das Ausleben seiner Liebe gelangt. Diese entstehen durch die Unvereinbarkeit der ausgelebten Liebe mit den moralischen und religiösen Normen. Jedoch besteht nicht zwangsweise das Verlangen, diese mit dem Verhalten des lyrischen Ichs in Einklang zu bringen, wie bereits die ersten beiden Sätze des „Hybris 2. Psalm“ deutlich machen: Das lyrische Ich weiß, dass seine Hosen „schamlos“ riechen und bestärkt ohne schlechtes Gewissen dieses Eingeständnis nach Liebe zu riechen 7 : „Meine Hosen riechen schamlos nach Liebe. Ich wasche mich nie mehr.“ 8 Trotz, oder vielleicht gerade auf Grund, dieses brisanten Themas, wird innerhalb der Gedichte die Verfolgung des lyrischen Ichs ironisiert und wahlweise es selbst oder seine Frauen direkt mit dem Tod konfrontiert. 9
Auch die Epiloggedichte bestehen hauptsächlich aus Psalmen, wie „Gesang von einer Geliebten 7. Psalm“ oder „Von He. 9. Psalm“ 10 , jedoch bilden diese im Hauptteil einen Nachruf auf eine Frau, welcher von verschiedenen anderen Elementen, wie beispielsweise der Schilderung der momentanen Situation des lyrischen Ichs, oder der Erinnerung an die jeweilige Geliebte, umrahmt wird.
4 Vgl. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 113.
5 Ebd., S. 121.
6 Siehe 8.1 Textnachweise Nr. 2, „Hybris 2. Psalm“.
7 Vgl. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 139.
8 Zit. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 139.
9 Vgl. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der
Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 134.
10 Siehe 8.1 Textnachweise Nr. 3, „Von He. 9. Psalm“.
3 Viktoria Szotka, Brechts Liebeslyrik- ein Spiegel seiner Selbst?!
Während in den „Erinnerungsgedichten“ der Name der (ehemals) Angebeteten nur im Titel auftaucht, da diese im Verlaufe des Gedichts vergessen wird, sind am Beispiel des 9. Psalms „Von He.“ deutlich die Kennzeichen eines Epiloggedichts festzustellen: Der Name wird oft wiederholt und das lyrische Ich erinnert sich an sie. Zudem findet keine Selbstreflektion des lyrischen Ichs statt. 11 Zu erkennen sind diese Epilogpsalmen weiterhin daran, dass die geschilderten Beziehungen stets durch eine gewisse Art des Kampfes bestimmt sind, da die Frau dem lyrischen Ich überlegen ist. Somit wird der gesamte Verlauf des Beziehungskonfliktes dargestellt. 12 Abschließend gilt es noch zwei komplett gegensätzliche Einteilungen der Liebeslyrik zu betrachten, durch die man sich, sollte man bisher nur mit einer in Kontakt gekommen sein, ein komplettes „Entweder-Oder Bild“ von Brecht und seinem Verhältnis zu Frauen, und der Liebe im Allgemeinen, bilden kann. Zum einen wären da die „Fiktionen der beständigen Liebe“ und zum anderen „Erotika“. Während in den „Fiktionen beständiger Liebe“ wie „Ballade der Freundschaft“ und „Ballade von der Hanna Cash“ 13 über dauerhafte Beziehungen unterschiedlichster Art phantasiert wird, obwohl dabei die Beziehungskonflikte nur verdrängt werden, ist die Liebe in den „Erotika“ Gedichten (siehe z. B. „Baals Lied“ 14 ) rein auf das physiologische Geschehen beschränkt, so dass eine emotionale Beziehung nicht nachweisbar ist. In „Baals Lied“ ist der Geschlechtsverkehr allein an die Bedürfnisse des Mannes angepasst („[…] denn ich liebe das.“, Vers 2,4,6.), die Degradierung der Frau
zum Lustobjekt ist von Anfang an gegeben. Somit stehen die „Erotika“ Gedichte im kompletten Gegensatz zu den „Fiktionen beständiger Liebe“, die als Wunschvorstellungen der Freundschaft bzw. Ehe interpretiert werden können und jeweils die Liebe von Außenseitern, die nicht in die Gesellschaft integriert sind, thematisieren. 15 Dabei scheint die Besonderheit der Beziehung bei der „Ballade der Hanna Cash“ in der Dauer dieser zu liegen, da in der sechsten und achten Strophe das gemeinsame Umherziehen „Jahr für Jahr“ und ein Zeitraum von fünfzig Jahren genannt wird,
11 Vgl. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 165.
12 Ebd., S. 157.
13 Siehe 8.1 Textnachweise Nr. 4, „Ballade der Hanna Cash“.
14 Siehe 8.1 Textnachweise Nr. 5, „Baals Lied“.
15 Vgl. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 195.
4 Viktoria Szotka, Brechts Liebeslyrik- ein Spiegel seiner Selbst?!
in dem sie „in einem Bett“ schlafen. 16 Nicht verwunderlich erscheint es, dass Brecht häufig einen eher „schmutzigen“ Ruf besitzt, was seine Liebesgedichte angeht, da seine „Erotika“ Gedichte die größte Gedichtsgruppe darstellen und er sich zu diesen auch nicht so distanziert, wie er es durch den Er-Erzähler in den „Fiktionen beständiger Liebe“ schafft. „Die stilisierte Prosa der Gedichte spricht über sexuelle Erfahrungen nicht in hymnischer Form, sondern mit Anklängen an den ,schmutzigen’ Slang einer ,niedrigen’ Sprache.“ 17 Als Hauptaspekt der „Erotika“ Gedichte kann man den Protest gegen die repressiv empfundenen bürgerlich-religiösen Moralvorstellungen ansehen, der durch das Bekenntnis zum uneingeschränkten Ausleben der Sexualität deutlich wird. 18
3. Brecht und die Liebe
Bertolt Brechts Werke sind gezeichnet von Liebe und ihrer oft harten Kehrseite. Sie zeigen was die Liebe und die Ehe aus einem Menschen machen können, sowohl im positiven, als auch im negativen Sinne. Doch welche Auffassung vertrat er selbst zu dem ganzen Thema? Kann man ihn gewissenhaft als einen Anhänger der Monogamie und somit auch jemanden, der an die eine wahre Liebe, die infolgedessen auch die Ehe wert wäre, glaubte, nennen? Die Annahme, dass Brecht nicht daran glaubte, dass eine erfüllte, dauerhafte Liebesbeziehung möglich ist, lässt sich leicht dadurch begründen, dass seine Liebesgedichte häufig von Beziehungskonflikten oder auch Problembeladenen Beziehungen handeln und er sich zu den Gedichten, die von einer beständigen und erfüllten Liebe handeln selbst deutlich distanziert (siehe „Fiktionen beständiger Liebe“ in 2. Unterteilung der Liebeslyrik). Dies wird durch den genannten Aspekt, dass diese Fiktionen, die als Sehnsucht nach einer erfüllten Ehe beziehungsweise Beziehung angesehen werden können, die Protagonisten als Außenseiter portraitieren. Diese Tatsache könnte man dahingehend interpretieren, dass Brecht eine durchgehend zufriedenstellende
Liebesbeziehung nicht für möglich hält, wenn man gleichzeitig (aktiv) Teil des gesellschaftlichen Lebens sein will. Albrecht Weber nach entfesselte die neue Existenzphilosophie (, die durch Krieg, Revolutionen und der „Nach- uns- die-
16 Vgl.Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 214.
17 Zit. Knopf, Jan (2001): Brecht Handbuch. Band II, Gedichte. J.B. Metzler Verlag, Stuttgart, S. 88.
18 Vgl. Arendt, Christine (2001): Natur und Liebe in der frühen Lyrik Brechts. Peter Lang Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, S. 233-234.
5 Viktoria Szotka, Brechts Liebeslyrik- ein Spiegel seiner Selbst?!
Sintflut-Stimmung“ gekennzeichnet war) und in der Zeit der frühen Lyrik Brechts aufkam, auch im jungen Brecht selbst eine gesteigerte Begierde nach Lust, rücksichtsloser Lebensgier und einem amoralischen bis asozialen Vitalismus. Deutlich wiederzufinden ist diese Tatsache in seinen (vor allem frühen) Werken (siehe „Baal“), in denen die „Liebe“ hauptsächlich zur Stillung des sexuellen Verlangens diente und den Partner lediglich zum Werkzeug degradierte. 19 Somit schaffte seine frühe Lyrik, ein neues, das sogenannte „baalsche Weltbild“, das vor allem das Wissen um die Vergänglichkeit mit einbezog, was verbunden mit dem Nihilismus eine „Lebe den Moment“ Stimmung geschaffen hat. 20 „Wenn Gedichte auch keineswegs erst mit der Deckung durch das Leben des Autors wahr werden, so drücke sie doch sein Lebensgefühl aus, sind Teil seines Lebens, haben den Wert von Dokumenten, in denen die Sprechweise des Verfassers enthalten ist, wie Brecht 1927 feststellte.“ 21 Zudem ließ Brecht viele seiner Gedichte im Kreise der Dirnenwirtschaft, die er in vielen Werken aufgriff, vortragen. 22 So auch das Gedicht „Die Liebenden“ 23 , welches man weder beim ersten noch beim zweiten Lesen einem solchen Milieu zuordnen würde. Die von Brecht gewählte Vortragsweise durch eine Prostituierte und einen Freier (er band das Gedicht in der Oper „Mahagonny“ ein) lässt nun die Frage aufkommen, ob er seine Worte selbst nicht so ernst genommen hat, wie sie dem Betrachter erscheinen, was uns wieder dem Zyniker und Parodisten Brecht nahebringen und vermuten lassen würde, dass er hiermit nicht nur seine eigenen Worte, sondern viel mehr die Liebe selbst einer sarkastischen Betrachtungsweise unterzogen haben könnte. Andererseits könnte man auch mutmaßen, dass es sich hierbei lediglich um einen Teil seines im epischen Theater verwendeten Verfremdungseffektes handelt, der dazu dienen soll, die Liebe selbst einer kritischen Betrachtung zu unterziehen. Jedoch wurde bereits früh die Vermutung deutlich, dass einige der erotischen Liebesgedichte Brechts (so zum Beispiel die „Augsburger Sonette“) als Auftragswerk entstanden sind, da der Autor selbst sie, wie es eher untypisch für ihn ist, nur zurückhaltend erwähnt hat. Diese Vermutung lässt sich durch das Lehrgedicht „Ratschläge
19 Vgl. Interpretationen zur Lyrik Brechts (1971). Hirschenauer, Rupert und Weber, Albrecht (Hrsg.), R. Oldenbourg Verlag, München, S. 58.
20 Ebd., S. 62.
21 Zit. Interpretationen zur Lyrik Brechts (1971). Hirschenauer, Rupert und Weber, Albrecht (Hrsg.), R. Oldenbourg Verlag, München, S.60.
22 Vgl. Pietzcker, Carl (1974): Die Lyrik des jungen Brecht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, S. 274.
23 Siehe Textnachweise Nr. 6, „Die Liebenden“.
6 Viktoria Szotka, Brechts Liebeslyrik- ein Spiegel seiner Selbst?!
einer älteren Fohse an eine jüngere“ verifizieren: Der Großteil des Gedichtes wurde aus dem, diesen mehr als ähnlichem, Gedicht des Autors Pietro Aretino übernommen. Im Gegensatz zu der „Baalzeit“ lässt dieses Gedicht sich nur schwer in die gedankliche Welt der zu dem Zeitpunkt vorherrschenden Übergangszeit einordnen. 24 „Das wilde und zügellose Liebesleben der Augsburger Gedichtsgestalten entsprang den Gedanken und Wünschen eines Außenseiters, der sich mit seiner Dichtung bewußt aus dem gesellschaftlichen Bereich entfernte.“ 25 Dazu stellte Klaus Schuhmann ebenso passend fest, dass diese Augsburger Sonette auf die weltanschaulichen Ansichten der „Baalzeit“ zurückverweisen und dementsprechend als Spiegelbild der spätbürgerlichen Krisensituation gedeutet werden müssten „…in der die achtlos gepflegte Liebe die einzige Möglichkeit zu sein scheint, sich gegen die Entwertung der Liebe zynisch zur Wehr zu setzen.“ 26 Dies würde die Hypothese, des angewandten Zynismus zum eigenen Schutz bestätigen.
Nicht außer Acht lassen sollte man zudem, dass sich mit der Zeit eine Wendung in Brechts Liebesgedichten feststellen lässt: Von seinen frühen Gedichten, wie beispielsweise „Erinnerungen an die Marie A.“ (1919) zu seinen Späteren wie „Die Liebenden“ aus Mahagonny (1928/29) lässt sich deutlich herauskristallisieren, dass ein Schritt in Richtung der Bejahung der Liebe stattgefunden hat: Sie wird nun auf eine wirkliche Person (auch wenn diese sich als Metapher in einem Kranich wiederfindet) projiziert. 27 Dennoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass mit der Entwicklung hin zum positiven Bild der Liebe gleichzeitig auch der Individualismus in den brechtschen Liebesgedichten fragwürdig geworden ist. Brecht selbst war der Meinung, dass auch Liebesbezeugungen in der damals entstehenden Warenwelt den ökonomisch bedingten Verhaltensweisen entsprechen würden und die Liebe somit immer weiter zur Ware geworden sei. Dieser sozialkritische Aspekt und die daraus resultierende dichterische Grundhaltung, entsprachen am ehesten der Gedankenwelt der Übergangszeit. 28 Zudem stellt Bertolt Brecht Stücken, in
24 Vgl. Schuhmann, Klaus (1964): Der Lyriker Bertolt Brecht 1913- 1933. Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft (Band 20). Prof. Dr. Krauss, Werner und Prof. Dr. Dietze, Walter (Hrsg.), Rütten & Loening, Berlin, S. 179.
25 Ebd., S. 184.
26 Zit. Schuhmann, Klaus (1964): Der Lyriker Bertolt Brecht 1913- 1933. Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft (Band 20). Prof. Dr. Krauss, Werner und Prof. Dr. Dietze, Walter (Hrsg.), Rütten & Loening, Berlin, S. 179.
27 Vgl. Interpretationen zur Lyrik Brechts (1971). Hirschenauer, Rupert und Weber, Albrecht (Hrsg.), R. Oldenbourg Verlag, München, S. 76.
28 Vgl. Schuhmann, Klaus (1964): Der Lyriker Bertolt Brecht 1913- 1933. Neue Beiträge zur Literaturwissenschaft (Band 20). Prof. Dr. Krauss, Werner und Prof. Dr. Dietze, Walter (Hrsg.), Rütten & Loening, Berlin, S. 184.
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