Viktoria Szotka, Einblicke in Brechts episches Theater 2
Beste halten, was jedoch lediglich daran liegt, dass sie sich nichts Besseres leisten oder vorstellen können. Somit regt das Theater die Menschen nicht zum Denken an, sondern kreiert nur eine große Masse, die stets darauf bedacht ist „nicht klug, aber pflichtbewusst“ zu handeln, so dass infolgedessen nur eine Einheitsmeinung entsteht. 3
3. Unterschiede und Grundgedanken des epischen Theaters
Im aristotelischen Theater ist es so, dass das gesellschaftliche Sein das Denken bestimmt und dieses Denken durch nichts verändert wird (vgl. als Beispiel „Iphigenie auf Tauris“ von Johann Wolfgang Goethe). In Brechts epischem Theater hingegen soll es so sein, dass das Denken selbst das Sein bestimmt und somit auch von äußeren Einflüssen, wie z. B. dem Ausgenutzt werden, beeinflusst wird (vgl. als Beispiel „Der gute Mensch von Sezuan“ von Bertold Brecht). Eine weitere Abgrenzung, die Brecht zum dramatischen Theater vornimmt, ist die Beabsichtigung, dass bei seinen Zuschauern kein Miterleben und somit auch kein Mitfühlen stattfindet, sondern ein Gefühl der Aussichtslosigkeit entsteht und sich demnach niemand mit der Rolle, z. B. der des letztendlichen Verräters (vgl. Bertold Brechts „Heilige Johanna der Schlachthöfe“), identifizieren möchte. So werden dem Zuschauer Entscheidungen abverlangt, anstatt Gefühle ermöglicht und Kenntnisse an Stelle von Erlebnissen vermittelt. Zudem wird im Drama (fast) immer ein Lösungsweg aufgezeigt, so dass sich ein Dilemma beispielsweise durch das Ideal der Wahrhaftigkeit lösen lässt, wohingegen im epischen Theater keine Möglichkeit vorgestellt wird, wie es zu handeln gilt. Vielmehr wird aufgezeigt, was (meist in der Gesellschaft) falsch läuft, so gut wie immer also die Bertold Brecht nach schlechte Moral der Gesellschaft. So stellt er der schlechten gesellschaftlichen Moral z. B. die Nächstenliebe gegenüber, um die Zuschauer selbst dazu anzuregen darüber nachzudenken, was falsch gemacht wird. Es wird also die Neugierde und Aktivität des Publikums geweckt, anstatt verbraucht. Darauf, wie Brecht dieses Hauptmerkmal der Distanzierung zum Publikum schaffen konnte, gehe ich im nachfolgenden Punkt noch genauer ein. 4
4. Mittel und Merkmale
Bertolt Brecht verwendet mehrere verschiedene Merkmale, um eine Distanz des Zuschauers zum Theaterstück zu schaffen, die sich im Grunde genommen alle unter dem Verfremdungseffekt (V-Effekt) zusammenfassen lassen könnten. Zum einen gibt es einen Erzähler, der mit einer kritischen Kommentierung des Stückes beginnt und durch Prologe und Projektionen zu Beginn der einzelnen Szenen wird der Betrachter zusätzlich immer wieder aus der einfachen Betrachtung gerissen, wodurch die Spannung genommen wird.
3 vgl. Brecht, Bertolt (1986): Über experimentelles Theater. Hecht, Werner (Hrsg.), Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main (1970)
1. Auflage, S. 7.
4 vgl. Brecht, Bertolt: Gesammelte Werke. Bd. 15 (Schriften zum Theater). Frankfurt (1967), S. 262-273.
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Zum anderen wird auch auf die Zuspitzung des Dramas verzichtet, indem immer wieder Lieder eingeschoben werden. Außerdem wird der Illusion der perfekten Scheinwelt bewusst durch das Sichtbarmachen der Bühnentechnik entgegengewirkt, genau wie der Identifikation mit der gespielten Rolle der Schauspieler, da diese eine sichtbare Distanz zu dem Gespielten bewahren, indem sie z. B. einfach aus ihrer Rolle heraustreten und eine andere annehmen können.
Auch verläuft die Handlung im epischen Theater nicht linear in einem Handlungsstrang. Es gibt mindestens zwei Handlungsstränge, sprich Protagonisten, die ihre Geschichte vorspielen, die sich mindestens einmal kreuzen, was bedeutet, dass die Protagonisten der verschiedenen Handlungsstränge aufeinandertreffen. 5 Diese Art des Theateraufbaus gibt nicht nur genauere Einblicke in die verschiedenen Rollen und Situationen, in denen die einzelnen Darsteller sich befinden, sondern sorgt auch für Abwechslung, so dass das Zuschauen selbst mehr Spaß macht. Zwar wird die Spannung, die durch das Verborgen bleiben anderer wichtiger Nebenhandlungsstränge im aristotelischen Theater aufgebaut wird, genommen, da alle wesentlichen Handlungen offen liegen, doch dies ist von Brecht, wie im Folgenden auch gleich noch genauer erläutert wird, gerade beabsichtigt. In den folgenden zwei Unterpunkten möchte ich nun genauer auf den V-Effekt und im Besonderen auf die Verwendung der Musik eingehen. 6
4.1 Der Verfremdungseffekt- eine kritische Betrachtung
Wie bereits unter „Unterschiede und Grundgedanken des epischen Theaters“ und „Mittel und Merkmale“ erwähnt, verfolgen Brechts verwendete V-Effekte vor allem die Wirkung, das Publikum auf Distanz zum Stück zu halten und es somit zum Nachdenken und nicht einfach nur zum Betrachten und anschließenden Vergessen des Gespielten zu bewegen. Deswegen sprach Brecht auch bevorzugt von seinen „Verfremdungseffekt“ und nicht der „Verfremdung“es ging ihm viel mehr um die Wirkung als um die Poetik. Doch ist diese Art der Kunst neu? Und handelt es sich dabei eigentlich um Kunst? Beide Punkte sind ambivalent zu betrachten und lassen keine eindeutige Schlussfolgerung zu. Das Brecht nichts komplett Neues erfunden haben kann ist klar, jedoch sind seine Mittel, wie z.B. der Einsatz des Chors, auch nichts völlig Neues, da er mit seiner Auffassung zum Chor an Schillers Chor Theorie anknüpft. Jedoch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass Schiller andere Wirkungen als Brecht beabsichtigte. Auch andere von Brecht eingesetzte Verfremdungseffekte sind nach Knopf „…weder neu noch originell, Brecht beerbt alte Traditionen…, die sich nutzbar machen lassen.“ 7 Brechts eigener Auffassung zum Theater
5 siehe Anhang Nr. 2, Screenshot der offenen Dramenform von http://www.thomasgransow.de/Grundbegriffe/Drama2.gif
[26.10.10].
6 vgl. Brecht, Bertolt, Episches Theater unter: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/99791.html [26.09.10] Anhang Nr. 1
7 Knopf, Jan, Brecht Handbuch. Theater. Stuttgart (1980), S. 388.
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entstammt aber in jedem Fall die Verbindung der verfremdenden Elemente mit den neuen, zeitgenössischen Inhalten. Generell wird Brechts Verfremdung aufgrund ihrer besonderen weltanschaulichen und wissenschaftstheoretischen Darstellungstechniken und Grundlagen von den beiden bereits vorher vorhanden gewesenen Verfremdungstechniken 8 , trotz aller Gemeinsamkeiten, als eigene Technik abgegrenzt und behandelt. 9 Um beurteilen zu können, ob es sich bei den Verfremdungseffekten um Kunst handelt, müsste man sich zunächst einmal darauf einigen, was unter Kunst zu verstehen ist. Im weitesten Sinne gilt als Kunst jede entwickelnde Tätigkeit, die auf Wissen, Übung, Wahrnehmung, Vorstellung oder Intuition basiert. Im engeren Sinne wird ein menschliches Kulturprodukt, also das Ergebnis eines künstlerischen Prozesses, als Kunst bezeichnet. 10 Darüber, ob die Verfremdungseffekte sich in die Definition der Kunst einfügen, lässt sich streiten. Sicherlich: Brechts Überlegungen basieren auf Wissen, schließlich hat er sich eingehend mit dem Stoff befasst, und somit auch auf Wahrnehmung und ganz bestimmt auch auf Vorstellungen, da er sich sein neues Theater ja nach seinen Vorstellungen erschaffen hat. Aber ist das, was Brecht uns zeigt, oder eher gesagt nicht zeigt, da er uns ja keine Illusion der perfekten Scheinwelt bieten will, das Ergebnis eines künstlerischen Prozesses? Ist es nicht viel eher das außer Acht lassen all der Kunst, die uns in eine Welt fernab von unserer führen würde? Kein wirkliches Bühnenbild. Keine 100 %-igen Schauspieler (und kann man es Kunst nennen, sich nicht vollständig seiner Rolle hinzugeben, sondern darüber hinaus sogar aus ihr herauszutreten, um „man selbst“ zu sein und sich mit dem Publikum zu unterhalten?). Kein meisterhaft geschriebenes Drehbuch, das den Zuschauer bis zum Schluss in der Umsetzung fesselt. So stellte auch Otto Mann 1958 fest, dass Brecht mit dem Begriff der Verfremdung seine Nichtkunst lediglich anspruchsvoll benannt und dies dann noch zusätzlich mit der pseudowissenschaftlichen Formel des V-Effekts ausgestattet hat. Darüber hinaus wirft er Brecht vor, das Theater daran zu hindern, Theater zu sein und das jeder Autor, der weniger routiniert wäre als er, mit diesem groben Betrug des Nichtkönnens aufgeflogen wäre und völlig bloß dagestanden hätte. 11 Doch man kann nicht einfach das ignorieren, was hinter Brechts recht einfach scheinenden Effekten steht. Sein Theater war nun einmal nicht als Genuss gedacht. Nein, es ist dazu gedacht wesentlich weiter zu gehen: In die Köpfe und das Bewusstsein der Menschen. „Seine Verfremdungskunst ist alles andere als 'angenehm’, sie ist eine besonders boshafte Form der Ironie im ursprünglichen griechischen Wortsinn von 'eironeia’, nämlich 'Kunst der
8 Hiermit meine ich zum einen den Verfremdungscharakter der Kunst und zum anderen das gesellschaftskritische
Verfremdungsverfahren, das, wie der Name schon sagt, allein auf die Kritik an der Gesellschaft abzielte.
9 vgl. Eckhardt, Juliane: Erträge der Forschung; Das episches Theater. Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt (1983).
10 vgl. Definition der Kunst, Wikipedia, unter: http://de.wikipedia.org/wiki/Kunst Anhang Nr. 3 [26.10.10].
11 vgl. Mann, Otto, Maß oder Mythos. Ein kritischer Beitrag über die Schaustücke Brechts. Heidelberg (1958), S. 79.
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Viktoria Szotka, 2010, Einblicke in Brechts episches Theater, München, GRIN Verlag GmbH
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