1 Einleitung
Auch heute noch sind Märchen ein beliebter Lesestoff und neuere märchenähnliche Stoffe, wie Harry Potter oder Herr der Ringe, erfreuen sich höchster Beliebtheit und beide Erscheinungen begeistern gleich mehrere Generationen. Doch trotz aller märchenhaften und positiven Motive der Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, findet man unterschiedlichste Formen der Grausamkeit in ihnen. In Anbetracht der Tatsache, dass Märchen schon sehr kleinen Kindern zugänglich sind, stellt sich nun die Frage, welche Funktion die in den Märchen enthaltene Grausamkeit hat und welche Wirkung sie auf die Rezipienten hat, zumal bei keinem anderen Medium schon so früh so selbstverständlich so brutale Inhalte weitergegeben werden. Weiterhin soll in dieser Arbeit der historische und kulturelle Hintergrund von grausigen und makaberen Motive in Verbindung zu ihrer heutigen Wirkung gestellt werden. In der Literatur finden sich verschiedenste Stellungnahmen zu der Wirkung der Grausamkeit in Märchen. So vertritt Lutz Röhrich die Meinung, dass Kinder die Bestrafung oder Tötung des Bösen im Märchen als selbstverständlich und nicht als grausam wahrnehmen. 1 Otto F. Gmelin hingegen erteilt den Grimmschen Märchen aufgrund der Grausamkeit eine radikale Absage. Er geht davon aus, dass Aggression und Gewalt vornehmlich gelernt würden und diese somit durch die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm gefördert werden. 2
Weiterhin wird der Grausamkeit in der Literatur besonders eine historische Dimension zugesprochen. Sie spiegelt politische und familiäre Zustände wieder und offenbart uns vergangene Ahndungen von Verbrechen. Ebenso spiegeln sie Aberglauben und kirchliche Einflussnahme wieder. Hans Gerd Rötzer und Harlinde Lox thematisieren dies in ihren Arbeiten und beziehen sich dabei immer wieder auf Lutz Röhrich.
In der folgenden Arbeit soll versucht werden, zu klären, wie die Grausamkeit in den Märchen auf ihre Rezipienten wirkt und welche Funktion sie für das Märchen hat. Dazu sollen zunächst typische Eigenschaften des Märchens erläutert werden. Da sich die Ausführungen auf die für deutsche Volksmär- 1 Vgl. Röhrich Lutz: Märchen und Wirklichkeit, 2. Aufl., Wiesbaden 1964
2 Vgl. Gmelin, Otto F.: Böses kommt aus Märchen, in: Die Grundschule, 7. Jg.
1975, Heft 3, S.125-131
1
chen exemplarischen Märchen der Brüder Grimm beziehen, folgt eine kurze Darstellung der Entstehung der Grimmschen Sammlung. Um die Problematik der Gewalt im Märchen zu verdeutlichen, folgt eine Zusammenstellung von beispielhaften Brutalitäten aus den Grimmschen Märchen, wobei auch frühere Fassungen der Märchen Erwähnung finden werden. Dabei werde ich mich mit den auftretenden Formen der Grausamkeitder Kannibalismus, die Strafen und der Tod - auseinander setzen. Hier werden auch die Funktion und der historische Hintergrund - soweit belegbarmit einbezogen werden. Daran anschließend werde ich mich mit den Märchen Rotkäppchen (KHM 26) und dem Blaubartmotiv (KHM46) befassen und dabei die Entwicklung des Textes, unter besonderer Berücksichtigung der Grausamkeiten, herausarbeiten. Im Fazit soll versucht werden die Wirkung dieser Grausamkeiten auf die Rezipienten - besonders auf die Kinder - herauszuarbeiten, wobei ich auf verschiedene Positionen in der Literatur eingehen werde.
2
2 Die Sammlung der Brüder Grimm
Die Brüder Wilhelm (1786-1859) und Jacob Grimm (1785-1863) sammelten ab dem Jahr 1806 alte Lieder aus der Kasseler Bibliothek für Clemens Brentano (1778-1842), der mit Arnim eine Fortsetzung der Liedersammlung Des Knaben Wunderhorn (1805-08) plante. Brentano schreibt an Achim von Arnim 1807: 3
„Ich habe hier zwei sehr liebe, liebe altteutsche vertraute Freun-de, Grimm genannt, welche ich früher […]für die alte Poesie inte-ressirt hatte, und die ich nun […] so gelehrt und so reich an Noti-
zen, Erfahrungen und den vielseitigen Ansichten der ganzen ro-
mantischen […] Poesie wiedergfunden habe […] Sie selbst wer-
den uns alles, was sie besitzen, noch mitteilen, und das ist viel.“ 4
Bis 1810 arbeiten Wilhelm und Jacob mit Clemens Brentano in reziprokem Austausch und der zweite und dritte Band des Wunderhorns entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Brüdern Grimm. Die Sammlung von Märchen begann etwa im Oktober 1807. Es ist deutlich zu erkennen, dass sie Brüder Grimm sich bei ihren Märchensammlungen an Brentanos Empfehlungen und Geschmack orientierten, da sich - natürlich auch durch die sehr ähnlichen literarischen Bestrebungen - die Brüder Grimm die gleichen Texte wie Brentano heranzogen. Hier sind beispielhaft Schelmufsky von Christian Reuter, Die Geschichte von Mäuschen und Bärenhäuter zu nennen. 5 Die mündliche Erzähltradition wurde den Brüder Grimm von Clemens Brentano nahe gebracht, der keineswegs seine Märchendichtungen allein aus literarischen Quellen bezog. Vielmehr besaß er ein besonderes Geschick, wodurch Menschen aller Schichten ihm ihre Märchen und Sagen erzählten. Er zeichnete sich ebenfalls als Märchenerzähler aus, was den Brüder Grimm nicht zugeschrieben werden kann. Auffällig ist in diesem Zusammenhang, dass sich in den Aufzeichnungen von Jacob und Wilhelm Grimm kein Text findet, der aus eigener Erinnerung zu Papier gebracht wurde. Allein unter einer Kurzfassung des Sternthaler steht die Anmerkung von Jacob Grimm:
3 Vgl. Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm - Quellen und Studien,
Schriftenreihe Literaturwissenschaft; Bd.50; 2.Aufl., Trier 2004, S.57
4 ebd., S.57
5 Vgl. ebd., S.57-58
3
„Nach dunkeler Erinnerung aufgeschrieben, mögte es jemand ergänzen und berichtigen.“ 6
Ebenso wichtig wie der Hinweis auf die mündliche Tradition ist die Begeisterung Brentanos für die Rungeschen Märchendichtungen, die sich auf die Brüder Grimm übertrug und maßgeblich zur Gestalt der Kinder- und Hausmärchen beitrug. Die Brüder Grimm waren in ihrer Arbeit sehr stark durch Clemens Brentano geprägt, was ihnen durchaus bewusst war und Brentano konnte sich ihres Dankes sicher sein. 7
Doch sorgte die nicht erfolgte Zurückgabe der handschriftlichen Märchensammlung der Brüder Grimm für Verstimmungen zwischen ihnen und Brentano. Auch die Tatsache, dass Brentano die Brüder in der Veröffentlichung des Märchens Die Gründung Prags nicht erwähnt verschärfte den Konflikt. 8 Dies spiegelt sich in der Vorrede der Kinder- und Hausmärchen von Wilhelm Grimm aus dem Jahr 1819 wieder:
In diesem Sinne gibt es unseres Wissens sonst keine Sammlung
von Märchen in Deutschland. Entweder waren es nur ein paar
zufällig erhaltene, die man mitteilte, oder man betrachtete sie
bloß als rohen Stoff, um größere Erzählungen daraus zu bilden. 9 Doch trotz alledem profitierten die Grimms und Brentano immer wieder von-einander. Der jeweils andere beeinflusste die Arbeiten des anderen und zuletzt verdankt Brentano den Brüdern die Beschränkung auf die eigentlichen Märchenmotive. 10
Die erste Ausgabe veröffentlichten die Brüder Grimm im Jahr 1812. Bis zur Ausgabe letzter Hand veränderten sich die Märchen jedoch noch in ihrer Form. Vor allem Wilhelm Grimm überarbeitete die Märchensammlung. Die Ausgabe letzter Hand enthält 211 Texte. Durch eine umfassende philologische Erforschung müsste das Werk der Brüder Grimm auf etwa 240 Einzelmonographien beziffert werden. Neben zahlreichen Parallelfassungen, die durch die Brüder Grimm in den umfassenden Anmerkungen wiedergegeben werden, zählen auch die 30 ausgeschiedenen Märchen dazu. Die Überarbeitung der Märchen zeigt sich besonders in der Tatsache, dass es ursprünglich von den Brüder Grimm nicht beabsichtigt war ein Märchenbuch für Kinder herauszugeben, was dennoch eintraf. Die Eignung ihrer Kinder- und Hausmärchen für Kinder legen sie in der Vorrede von 1819 dar:
6 Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm - Quellen und Studien, S.61
7 Vgl. ebd., S.61-62
8 Vgl. ebd., S.63
9 http://www.sagen.at: Vorrede der Brüder Grimm 1819
10 Vgl. Rölleke, Heinz: Die Märchen der Brüder Grimm - Quellen und Studien, S.65
4
Das ist der Grund, warum wir durch unsere Sammlung nicht bloß
der Geschichte der Poesie und Mythologie einen Dienst erweisen
wollten, sondern es zugleich Absicht war, daß die Poesie selbst,
die darin lebendig ist, wirke und erfreue, wen sie erfreuen kann,
also auch, daß es als ein Erziehungsbuch diene. […] Sollte man
dennoch einzuwenden haben, daß Eltern eins und das andere in
Vergangenheit setze und ihnen anstößig vorkomme, so daß sie
das Buch Kindern nicht geradezu in die Hände geben wollten,
[…] im ganzen, das heißt für einen gesunden Zustand, ist [die
Sorge] gewiss unnötig. 11
Die Hinwendung zu den Kindern als Rezipientengruppe drückt sich beispielsweise in Diminuitiven und der Ausschmückung der Märchen aus. Die Funktion als Erziehungsbuch zeigt sich in der Verbürgerlichung der Märchen. Besonders deutlich wird dies in der Änderung der Märchenmoral zugunsten der vorherrschenden Arbeits- und Gehorsamsvorstellungen des Bürgertums. 12 Die Märchen dienten dazu „den Kindern des Bürgertums […] die Vergangenheit und den geistigen Besitz des deutschen Volkes näüher [zu] bringen.“ 13
3 Das Volksmärchen
Volksmärchen wurden Jahrhunderte in ganz Europa erzählt, wodurch sie sich immer wieder veränderten. Es lässt sich ein Grundmuster erkennen, dass allen Märchen eigen ist, auch wenn die Märchen aus unterschiedlichen Epochen oder Völkern zuzuordnen sind. 14
Der Handlungsablauf ist dadurch gekennzeichnet, dass der Held oder die Heldin Schwierigkeiten bewältigen muss. Auch wenn Spannung und Entspannung für den Verlauf eines Märchens wichtig sind, so zielen sie nicht darauf, ob der Held die Gefahren meistert, sondern vielmehr darauf, wie der Held auf die Probe gestellt wird. Das gute Ende - als typisches Merkmal des Märchens - beeinflusst die Erwartungshaltung des Lesers oder Hörers jedoch nicht, auch wenn es bereits bekannt ist.
Der Ausgangspunkt eines Märchens ist meist eine Mangelsituation. Sie kann in verschiedensten Formen auftreten; durch Armut - wie bei Hänsel und Gretel (KHM 15) - oder auch einen Generationskonflikt, wie er bei Aschenputtel
11 http://www.sagen.at: Vorrede der Brüder Grimm 1819
12 Vgl. Spörk, Ingrid: Studien zu ausgewählten Märchen der Brüder Grimm, König-
stein 1985, S.50/51
13 Spörk, Ingrid: Studien zu ausgewählten Märchen der Brüder Grimm, S.51
14 Vgl. Krochmann, Ulla: Grausamkeit in Märchen, dargestellt an einem selbstge-
wählten Beispiel, Hausarbeit, Oldenburg 1994 S.18/19
5
Arbeit zitieren:
Jeannine Richter, 2006, Grausamkeit in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, München, GRIN Verlag GmbH
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