1. Einführung
In der Comic-Serie „Didi & Stulle: im Auftrag der Kanzlerin“ von Philip Trägert werden die Protagonisten der Reihe, welche zweiwöchentlich in der Berliner Zeitschrift „Zitty“ erscheint, von der fiktiven Figur der Kanzlerin Merkel um Hilfe für ihren Wahlkampf gebeten. Didi und Stulle sind zwei Schweine mit menschlichen Verhaltensweisen und Eigenschaften, welche innerhalb der fiktionalen Welt jener Erzählung eher am Rande der Gesellschaft zu verorten sind: Beide gehen keiner geregelten Beschäftigung nach, pflegen ein verwahrlostes Erscheinungsbild und haben eine große Affinität zu leichten und schweren Drogen. In der Erzählung ist auch die Figur der Kanzlerin Merkel außerhalb der gesellschaftlichen Norm angesiedelt, da ihr aufgrund ihrer hohen Arbeitsbelastung keine Zeit bleibt, soziale Kontakte zu knüpfen.
Neben jenen sozialen Abweichungen ist die Identität dieser drei Figuren maßgeblich durch ihre Berliner Herkunft geprägt und in ihrer Art und Weise des Sprechens widergegeben. Die Sprache von Didi, Stulle und Kanzlerin Merkel variiert stark zwischen deutscher Umgangssprache und Berliner Dialekt. Diese Kombination schlägt sich selbstredend in der Schrift ihrer Rede, in ihnen zugeordneten Sprechblasen, nieder. Zur graphematischen Umsetzung der Sprechweise der Protagonisten wird jedoch nicht auf eine Orthographie für das Berlinische zurückgegriffen, wie sie anderen deutschen Dialekten zu eigen ist, da diese schlicht nicht existiert. Vielmehr werden die in der deutschen Standardschrift existierenden Prinzipien und Regeln als Grundlage für eine phonographische Schreibung verwendet. Folglich ist die graphematische Repräsentation der Berliner Lautung und der deutschen Umgangssprache vom Rezipienten des Comics durch assoziatives Wissen rekonstruierbar und kann beim Lesen als Berliner Dialekt identifiziert werden.
Um die These zu belegen, dass der Bruch von Regeln der deutschen Schriftsprache mit der Außenseiterposition der Protagonisten Didi, Stulle und Kanzlerin Merkel einhergeht, muss die Schreibung dieses Comics mit den Regeln der deutschen Orthographie verglichen werden. Hierzu wird die Schriftsprache der 29 Comic-Folgen, in denen alle drei Protagonisten auftauchen, untersucht. Als Vorbereitung darauf werden knapp der Status der Schrift im Comic, die Phonem-Graphem Korrespondenz und die phonographische Schreibung der deutschen Standardsprache und die lautlichen Besonderheiten der Berliner Varietät beleuchtet. In der Analyse der Verschriftlichung im Comicband „Didi & Stulle: im Auftrag der
2
Kanzlerin“ werden dann einige ausgewählte Muster in der graphematischen Repräsentation ausgewertet. Analog zur Analyse von Fehlern von Lernern im Schriftspracherwerb wird der Versuch angestellt, ein der Verschriftlichung zugrunde liegendes Regelverständnis zu rekonstruieren.
2. Grundlagen der Untersuchung der Schrift in „Didi & Stulle: im Auftrag der Kanzlerin“
2.1 Schrift im Comic
Laut Joachim Kaps zeichnet sich die Textform des Comics dadurch aus, dass sie „aus mindestens zwei Bildern besteht“, die „mit graphischen und/ oder malerischen Mitteln gestaltet“ sind und von denen mindestens eines Schrift enthält 1 . Die letzte Komponente erhält in dieser Art des Erzählens einen ganz besonderen Status: Durch das Abbilden von Schrift in Sprechblasen stellt diese den Inhalt als „unmittelbares Sprechen dar“ 2 , wodurch die Texte in Comics auf einer Ebene zwischen Bild und Rezipienten liegen 3 . Abgesehen von der „visuellen Sprachkommunikation“ 4 , die Comic-Grapheme durch ihre Typographie, als Piktogramme (z.B. Herzen für Liebe im Text), Ideogramme (auffallende Interpunktionszeichen, z.B. ??> für Verwunderung im Text) oder „übrige Comic-Chiffren“ (z.B. Tröpfchen für Erschöpfung am Kopf eines Protagonisten) übernehmen 5 , verraten sie auch als bloße Alphabetschrift erstaunlich viel über die Charaktere denen sie zugeordnet sind. So ist durch die „Verwendung von Groß- und Kleinschreibung, von bestimmten Formen der Rechtschreibung“ 6 und durch die Darstellung von schichtspezifischer Sprache und Dialekt eine Zuordnung zur sozialen und geographischen Herkunft der Figuren möglich 7 . Die Abbildung von Graphemfolgen in Sprechblasen bringt die geschriebene Sprache dem tatsächlichen Sprechen scheinbar viel näher, als es das Festhalten von Wörtern in einem Roman oder einem Gedicht vermag. Folglich scheint die Textsorte Comic prädestiniert für die Verschriftlichung von standardferner Sprache oder Dialekt.
1 Kaps, Joachim: Das Spiel mit der Realität. Erwachsenen-Comics in der Bundesrepublik Deutschland. Marburg 1990, S. 45.
2 Dittmar, Jakob: Comic-Analyse. Konstanz 2008, S.98.
3 Dittmar 2008: 110.
4 .Wienhöfer, Friederike: Untersuchungen zur semiotischen Ästhetik des Comic strip unter der besonderen Berücksichtigung von Onomatopoese und Typographie. Dortmund 1979, S. 12.
5 Krieger, Jolanta: Paraverbale Ausdrücke als Gestaltungsmittel der Textsorte Comic am Beispiel der Reihe Asterix. Lublin 2003, S. 218-220.
6 Dittmar 2008: 100.
7 Vgl. Dittmar 2008: 104-108.
3
2.2 Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln und Phonographische Schreibung im Deutschen
Die Graphem-Phonem-Korrespondenzregeln für Konsonanten und Vokale besagen nach Peter Eisenberg, dass „[i]n den meisten Fällen einem Phonem als einfacher phonologischer Einheit ein Graphem als einfache graphematische Einheit“ entspricht
8
. Folglich werden die 16 Vokalphoneme des Deutschen durch neun Vokalgrapheme, die 20 Konsonantenphoneme durch die gleiche Anzahl an Konsonantengraphemen und drei Diphthonge durch drei Mehrgraphen repräsentiert
9
. Dabei weicht jener Graphembestand vom lateinischen Alphabet ab, da <ß> und die Umlautgrapheme <ä, ö, ü> sowie Mehrgraphen (
8 Eisenberg, Peter: Grundriss der deutschen Grammatik. Das Wort. Stuttgart 2006, S. 307.
9 Vgl. Eisenberg 2006: 305-306.
10 Vgl. Eisenberg 2006: 306-307.
11 Vgl. Eisenberg 2006: 309.
12 Eisenberg 2006: 309.
13 Fuhrhop, Nana: Orthografie. Heidelberg 2009, S. 12.
14 Fuhrhop 2009: 24.
15 Fuhrhop 2009: 25.
4
2.3 Lautliche Besonderheiten des Berlinischen
Schreibprinzipien, wie sie oben aufgeführt sind, gibt es für das Berlinische nicht. Obwohl mehrere Schriftsteller wie Adolf Glaßbrenner, Kurt Tucholsky oder Bertolt Brecht Berliner Dialekt verschriftlichten oder diese Varietät auch im Schriftverkehr von Berliner Kanzleien graphematisch realisiert wurde, haben sich keine allgemeingültigen Regeln zur Schreibung herausgebildet. Überhaupt scheint in der Forschung zur schriftlichen Repräsentation des Berlinischen bis heute nur Agathe Lasch nennenswerte Erkenntnisse festgehalten zu haben, welche aufgrund ihrer zeitlichen Distanz zum momentanen Berlinisch im Comic allerdings nicht zum Vergleich herangezogen werden können 16 . Auch Helmut Schönfeld, auf dessen Ergebnisse zur Lautung des Berliner Dialekts im Folgenden Bezug genommen wird, und andere Forscher zur Stadtsprache Berlin scheuen sich, Aussagen über Prinzipien der Schreibung jenes Dialekts aufzustellen, obwohl sie neben der Transkription beständig alphabetische Schreibung zur Darstellung des Dialektes nutzen. Dass im Gegensatz zu anderen deutschen Varietäten das Berlinische keine Orthographie besitzt, scheint wohl zu bedeuten, dass eine Norm zur Schreibung von Sprechern des Dialektes nicht gebraucht wird. Um die Verschriftlichung in „Didi & Stulle“ dennoch als Abbild der Berlinischen Lautung zu erkennen und zu bewerten, inwiefern die Schriftsprache die Muster der gesprochenen Sprache abbildet, wird auf eine Phonologie des Berlinischen zurückgegriffen.
Obgleich die Struktur des Berliner Dialektes hinreichend untersucht wurde, scheint es weiterhin unklar zu sein, welche typischen Elemente von welchem Sprecher zu welchem Anlass realisiert werden 17 . Schönfeld beobachtet bei Sprechern des Berlinischen vielmehr „Übergänge“ zwischen Umgangssprache und der Stadtsprache mit „Variationen innerhalb jeder“, was zu einer starken Heterogenität des Dialektes führe. Eine linguistische Abgrenzung zwischen Stadt- und Umgangssprache sei zudem auf lautlicher Ebene schwierig, da Sprechwissenschaftler einen großen Teil von Lautschwächungen der Standardlautung zurechneten 18 . Nichtsdestotrotz hebt sich die Berliner Varietät auf der lautlichen Ebene maßgeblich durch „wesentliche Unterschiede im Allophonbereich“, sowohl bei Vokalen als
16 Vgl. Agathe Lasch: Geschichte der Schriftsprache in Berlin bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts. Dortmund 1910.
17 Vgl. Schönfeld, Hartmut: Lautliche Variation im Berlinischen. In: Ders.: Berlinisch Heute. Frankfurt am Main, S. 57.
18 Vgl. Schönfeld 2001: 58.
5
auch bei Konsonanten, vom Hochdeutschen ab 19 . Um einer langwierigen Unterscheidung zwischen graphematisch widergegebenen Merkmalen der deutschen Umgangssprache und Eigenschaften der Berliner Varietät zu entgehen, konzentriert sich diese Untersuchung auf drei Phänomene, die zwar auch in anderen Dialekten oder in der Umgangssprache vorkommen, jedoch gleichzeitig klar dem Berlinischen zugeordnet werden können.
Unter diesen drei Merkmalen dürfte die Spirantisierung von /g/ das bekannteste sein. Im Berlinischen kann das
Suffixen, z.B.
oder nach Konsonanten und am Ende, z.B. [afɔlç]/
oder als [j] (im Anlaut, z.B. [jas]/
Konsonantem und vor Vokal, z.B. [feljə]/
Sprecher noch durchgehend den stimmhaften palatalen Approximanten [j] anstelle von [g] benutzen
21
, wird bei jüngeren Sprechern jener stimmhafte velare Plosiv bevorzugt („gloob ick“)
22
; allerdings wird bei der lautlichen Realisierung des Präfixes
Die Reduktion des /e/ an unbetonter Stelle wird zwar auch der Umgangssprache oder dem „ungezwungenen Standard“ zugeordnet, aber dennoch als Merkmal des Berlinischen angesehen
24
. Laut Schönfeld schwindet der ungerundete vordere obermittelhohe Vokal im Berlinischen merklich in folgenden Umgebungen: In der Endung
19 Rosenberg, Klaus-Peter: Der Berliner Dialekt- und seine Folgen für die Schüler. Geschichte und Gegenwart der Stadtsprache Berlins sowie eine empirische Untersuchung der Schulprobleme dialektsprechender Berliner Schüler. Tübingen 1986, S.110.
20 Vgl. Rosenberg 1986: 125.
21 Vgl. Rosenberg 1986: 125.
22 Schönfeld, Hartmut: Zur Lautung des Berlinischen. In: Schildt, Joachim/ Schmidt, Hartmut (Hrsg.): Berlinisch: Geschichtliche Einführung in die Sprache einer Stadt. Berlin 1992, S. 236.
23 Schönfeld 1992: 236.
24 Schönfeld 2001: 76.
6
statt „Laden“) und in
Auch das dritte der hier beleuchteten Merkmale der Berlinischen Lautung ist ebenfalls in der deutschen Umgangssprache anzutreffen. Die „funktionelle Belastung“ von /r/ im Berliner Dialekt beschränkt sich auf den Anlaut, die Stellung zwischen Vokalen (außer in Präfixen) und interkonsonantische Stellung
27
. Nach gespanntem Vokal wird
Standardlautung wird diese Endung als ungerundeter halbtiefer zentraler Vokal [ɐ] im Auslaut realisiert, weshalb es sich hier nicht um ein ausschließliches Dialektproblem handelt
29
. In der Berliner Varietät unterscheidet sich die Realisierung von
als Suffix aber von der Standardsprache in der Quantität des Vokals: Statt [ɐ] wird hier der ungerundete tiefe zentrale Vokal, ungespannt und kurz ([a]) oder ungespannt und lang ([a:]) gesprochen 30 .
Mit welchen Regeln die drei phonologischen Merkmale, die lautliche Realisierung von
3. Untersuchung der Schreibung in „Didi & Stulle: im Auftrag der Kanzlerin“
Die eigentliche Untersuchung dieser Arbeit muss nun ein letztes Mal verzögert werden: Die Gegenstände dieser Analyse sind Wörter im graphematischen Sinne, links und rechts von ihnen werden sie also durch ein Spatium begrenzt. Regeln der Groß- und Kleinschreibung stören die Untersuchung nicht, da alle Wörter dieses Comics in Majuskelschrift repräsentiert
25 Schönfeld 2001: 76.
26 Schönfeld 2001: 76.
27 Rosenberg 1986: 123.
28 Rosenberg 1986: 123.
29 Vgl. Rosenberg 1986: 123.
30 Rosenberg 1986: 113.
7
sind. Außerdem werden nur Wörter untersucht, die den Figuren Didi, Stulle und Kanzlerin Merkel zugeordnet sind, deren Pendants in der deutschen Standardschrift keine Fremdwörter sind und im Duden, welcher hier als Lexikon von Lemmata der Standardsprache gilt, enthalten sind. Neologismen, Fachvokabular, Wörter, welche speziel dem Berlinisch-Brandenburgischen Lexikon zugeordnet sind (z.B.
3.1
Unter 2.3 („Lautliche Besonderheiten des Berlinischen“) wurden bereits die Bedingungen genannt, unter welchen das Phonem /g/ einer Spirantisierung unterliegen kann und welche Allophone des stimmhaften velaren Plosives je nach lautlicher Umgebung auftreten. /g/
kann in der Berliner Varietät also als [g], [ɣ], [ç], [x] oder [j] realisiert werden. In der deutschen Standardsprache entspricht dem Phonem /g/ genau das Graphem
Als Grundlage zur Verschriftlichung dient die Graphem-Phonem-Korrespondenz-Regel (GPK-Regel). Dem stimmhaften velaren Plosiv im Berlinischen entspricht also wie in der orthographischen Schreibung das Graphem
31 In: Trägert, Philip: Didi und Stulle: im Auftrag der Kanzlerin. Berlin 2010, Seite 13, Panel g; S. 25, P.f. Alle weiteren Verweise zu dieser Quelle werden nur mit „S“ und „P“ angegeben.
32 Diese Folgen sind in unregelmäßigen Abständen von Juli 2009 bis Oktober 2010 in der „Zitty“ und 2010 im Sammelband „Didi & Stulle: im Auftrag der Kanzlerin“ erschienen; Herrn Wolfgang Koeglmeier von der „Zitty“ sei herzlich für die unkomplizierte und gründliche Beschaffung der Erscheinungstermine gedankt.
33 S.5, P.b., S.6, P.k; S.10, P.k; S.23, P.d; S.25, P.e; S.27, P.k; S.41, P.d, P.j; S.42, P.d; S.43, P.b.
34 S.6, P.h; S.24, P.b; S.39, P.a.
35 S.7, P.c.
36 S.12, P.k.
8
innerhalb von „Didi & Stulle“ aber eine neue Norm zu konstituieren scheinen. So taucht das Graphem
37
38 S.45, P.a.
39 S.24, P.e.
40 S.11, P.k.
41 S.8, P.g; S.39, P.d; S.40, P.k.
42 S.9, P.h.
43 S.12, P.a; S.23, P.a; S.41, P.c.
44 S.39, P.a.
45 Tophinke, Doris: Regional schreiben: Weblogs zwischen Orthographie und Phonographie. In: Christen, Helen/ Ziegler, Evelyn (Hrsg.): Sprechen, Schreiben, Hören. Zur Produktion und Perzeption von Dialekt und Standarsprache zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Beiträge zum 2. Kongress der internationalen Gesellschaft für Dialektologie des Deutschen, Wien, 20.-23. September 2006, S.162-163.
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Franz Kröber, 2011, Das Berlinische im Comic, München, GRIN Verlag GmbH
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