dessen unterschiedliche Darstellung in der Literatur und vermeintliche Unterschiede oder Gemeinsamkeiten der hier portraitierten Gesellschaften zu Tage bringen. Besonders für den Unterricht in der Oberstufe kann ein solcher Exkurs äußerst belebend sein und Fragen aufwerfen, die über flüchtige Alltagsbetrachtungen zu Annahmen über Gründe für Geschlechtergewalt, geschlechtliche Unterdrückung oder geschlechterspezifischen Ausprägungen von Gewalt führen. Darüber hinaus kann durch diesen Vergleich das in deutschen Schulen eher unbeliebte Thema der Mittelalterliteratur eingebracht werden, ohne das potentielle Interesse der Schüler an eher fremden Werken vorab durch aufwendige theoretische Vorbereitungen wie Einführungen in die Sprachgeschichte oder Epochenüberblicken möglicherweise abzutöten.
Als Beispiel für männliche Gewalt gegen Frauen bietet sich Erec von Hartmann von Aue besonders an. Gleich zu Beginn der âventiure‐Fahrt Erecs wird ein Hoffräulein von einem ungehobelten Zwerg übel mit der Peitsche zugerichtet. Die Gewalt gegen weibliche Figuren wird vom Held des Artus‐Romans fortgesetzt: Der frisch gebackene Ehemann Erec droht seiner Frau Enite mehrmals Gewalt an und lässt sie schwere körperliche Arbeiten verrichten, welche diese ohne Widerstand erduldet. Zu allem Überfluss muss sich Enite vom Grafen Oringles auch noch vor dessen versammelten Hofe ins Gesicht schlagen lassen, ehe sie von ihrem Mann gerettet wird und Erec sich bei ihr für vergangenes Unrecht entschuldigt. Um Erec im Unterricht behandeln zu können, müssen jene drei Szenen vorerst sorgfältig analysiert werden; auf Grundlage der Textanalyse können dann Vorschläge für eine unterrichtliche Umsetzung des Textes und des Themas erstellt werden. Die folgende Arbeit orientiert sich somit an jener Gliederung: 1. Einführung…………………………………………………………………………………………………………………………1 2. Männliche Gewalt an Frauen im Erec: eine Textanalyse ausgewählter Szenen………………….3 2.1. Hoffräulein und Zwerg……………………………………………………………………………………………………3 2.2 Enite und Erec…………………………………………………………………………………………………………………5 2.3. Enite und Oringles……………………………………………………………………………………………………….…7 2.4. Zusammenfassung der Textanalyse………………………………………………………………………………..8 3. Männliche Gewalt gegen Frauen in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart: Vorschläge zur unterrichtlichen Umsetzung………………………………………………………………………….8 3.1 Vermittlung von Literatur des Mittelalters im Schulunterricht…………………………………………8 2
3.2 Ältere und Gegenwartsliteratur…………………………………………………………………………………….10 3.3 Zusammenfassung……………………………………………………………………………………………………..….14 4.Literaturverzeichnis………………………………………………………………………………………………………….16
2. Männliche Gewalt an Frauen im Erec: eine Textanalyse ausgewählter Szenen Im Erec wird männliche Gewalt gegen Frauen an den eingangs bereits beschriebenen Stellen dargestellt. In der folgenden Analyse sollen die Gewalt gegen das Hoffräulein durch den Zwerg, gegen Enite durch Erec und gegen Enite durch den Grafen Oringles in ihrer Art der Darstellung und ihrer Form bestimmt werden. Um Rückschlüsse auf die Wahrnehmung des Phänomens Gewalt im Geschlechterverhältnis im Mittelalter ziehen zu können, sollen zudem die Einstellung der Figuren und des Erzählers zu jener Gewaltausprägung beobachtet werden.
2.1. Hoffräulein und Zwerg
Da sie wissen möchte, wer der Ritter ist, der, begleitet von einer schönen Frau und einem Zwerg, in Eile durch ihr Land reitet, schickt Ginover, die Frau des König Artus, ihr Hoffräulein zu ihm. Es sei betont, dass Erec sich aufdrängt, diesen Dienst an der Zofe statt zu übernehmen, und dennoch von der Königin abgelehnt wird. Der Grund hierfür mag darin liegen, dass eine höfische Dame, ganz im Gegensatz zum Ritter Erec, als Zeichen friedvoller Absicht gilt. Tatsächlich wird auch wiederholt jene gewaltlose Form des Kommunikationsversuchs vom Autor betont: Das Fräulein spricht den Zwerg mit zühten (V.31) 2 an und betont auch die friedvolle Absicht der Königin (mugget ir mich daz wizzen lân,/âne schaden ir daz tuot, V.42‐43). Nachdem der Zwerg das Fräulein zurückweist, und diese den Versuch unternimmt, zu dem Ritter vorzudringen, schlägt er sie mit seiner Peitsche über huobet und über hende (V.56). Bei der Beschreibung jenes Ereignisses wechselt die Fokalisierung vom Zwerg und dem Fräulein zu Erec und Ginover, welche von weitem den Vorgang beobachten. Nur so kann die physische und offensichtlich willkürliche Gewalt gegen die Hofdame von Erec und Ginover als missewende (V.57) bewertet werden. Als die Zofe zur
2 Hartmann von Aue: Erec, hg. von Thomas Cramer. Frankfurt am Main 2007. Nach dieser Ausgabe wird zitiert. 3
Königin zurückkehrt, wird, durch das Mittel des Fokalisierungswechsels, die Auswirkung der Gewalt betrachtet und darüber hinaus als Zeichen gewertet: Das Hoffräulein zeigt Ginover, wie heftig sie geschlagen worden ist (V.59‐62), und die Königin beklagt heftig, dass sie muoste ane sehen jener Vorfall (V.63‐65). Aus jenen Versen lässt sich schließen, dass die Gewalt des Zwerges gegen das schutzlose Fräulein schändlich und unangemessen ist, und Ginover nun, da sie Zeugin des Ereignisses geworden ist, zu einer Handlung zwingt. Auch Erec ist dadurch, dass er den Verstoß des Zwerges gegen höfische Regeln bezeugt hat, zum Handeln gezwungen. Gleichzeitig beschreibt der Erzähler in der festen Fokalisierung auf Erec das korrekte Verhalten angesichts von Gewalt starker Männer gegen höfische Frauen: Êrec dô ahten began, der ritter enwære dehein vrum man, daz er ez vor im vertruoc daz sîn getwerc die maget sluoc. (V.66‐69).
Erec reitet nun, diesmal mit Erlaubnis der Königin, zum Zwerg, um Auskunft über die Identität des Ritters zu bekommen und um den Zwerg zur Rede zu stellen. Abermals offenbart die Figurenrede des Protagonisten die höfisch geprägte Haltung zu Gewalt gegen Frauen. Laut Erec habe der Zwerg sich missetân und er hätte die zuht nicht beachtet (V.78‐ 79). Daraufhin erleidet Erec, der so ungeschützt und unbewaffnet wie das Fräulein ist, das gleiche Schicksal wie sie, weshalb er die Königin verlässt, um den Ritter und sein Gefolge zu stellen.
Die Haltung Erecs und Ginovers zur Gewalt eines bewaffneten Zwerges gegen eine Hofdame deutet darauf hin, dass diese Gewaltausprägung gegen geltende Regeln verstößt und sanktioniert werden muss, vor allem, da jenes Fräulein als Zeichen der Friedfertigkeit zum unbekannten Ritter geschickt wurde. Abgesehen von der Gewalt gegen eine Frau wurde hier also auch Gewalt gegen die Institution der Königin als Repräsentantin eines Hofes verübt. Die merkwürdige Formulierung, die Königin muost eane sehen (V.65) lässt ebenfalls vermuten, dass jenes Ereignis trotz der unrechten Gewalt gegen eine Frau vor allem auch politische Brisanz besitzt; hätte die Königin weder die Zeichen der Gewalt am Körper der Hofdame noch den Akt der Gewalt selbst gesehen, so wäre er in ihren Augen wahrscheinlich nicht so schwerwiegend. Diese Gewalthandlung kann also nicht allein als Gewalt eines 4
Mannes gegen eine Frau definiert werden, und somit auch nicht ausschließlich Gewalt im Geschlechterverhältnis illustrieren. 2.2 Enite und Erec
Die Arten der Gewalt, welche von Erec an seiner Frau Enite verübt werden, sind jedoch, obgleich beide Repräsentanten ihres Hofes sind, gänzlich privat, da sie in nicht‐öffentlichen Kontexten, in der undomestizierten Wildnis, stattfinden. Nachdem Erec mit Enite zu viel Zeit in der königlichen Kemenate verbringt und sich der Missbilligung des Hofes ausgesetzt sieht, verlässt er mit seiner Frau das Land Destregales um âventiure zu suchen und sich als Ritter zu beweisen. Zu Beginn der Reise legt ErecEnite ein Redeverbot auf, welches diese jedoch beständig bricht: Auf seiner Fahrt sieht sich der Held Gefahren durch Angriffe von Räubern oder eines hinterlistigen Grafen ausgesetzt, welche er nur durch die Warnungen seiner Frau und deren List bestehen kann. Der Erzähler berichtet von Enites inneren Konflikten zwischen der ihr durch Erec angedrohten Todesstrafe, sollte sie sprechen, und der Angst um das Leben ihres Mannes, welches sie über ihr eigenes stellt. Die Drohungen ihres Gatten und dessen Strafen erträgt Enite allerdings vorbildlich. Als Beispiel jener wiederkehrenden Gewalt gegen Enite soll der Dialog zwischen Held und Heldin nach dem zweiten Räuberangriff gelten (ca. V.3400‐3471).
Das Redeverbot, welches Erec seiner Frau auferlegt, kann an sich schon als Auswirkung von Gewalt angesehen werden. Nach Joachim Bumke steht Schweigen für „Gehorsamkeit und Minderwertigkeit“ und ist folglich ein Zeichen weiblicher Tugendhaftigkeit. 3 Im Redeverbot Enites drückt sich demnach die „Hausgewalt des […] Ehemannes“ aus, welche im Mittelalter durchaus legitim und rechtlich einwandfrei ist. Zu Beginn jener Szene erschöpft sich die Gewalt gegen Enite allerdings in Beschimpfungen und Drohungen. Erec nennt sie eine ungezogen Frau (V.3404) und unterstellt ihr indirekt, sie wolle ihn mit ihrem abermaligen Reden gegen sein Gebot provozieren (V.3406‐3407). Er fährt fort, ihr zu drohen: ‚und möhte dehein êre man an wîbe begân, ez ensolde iuch niht sô ringe stân,
3 Bumke, Joachim: Der »Erec« von Hartmann von Aue. Eine Einführung. Berlin 2006, S.117. 5
Arbeit zitieren:
Franz Kröber, 2011, Gewalt im Geschlechterverhältnis in der Literatur des Mittelalters und der Gegenwart, München, GRIN Verlag GmbH
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