Inhalt
Das Baskenland und Spanien 1
Der baskische Nationalismus 4
Sabino Arana Goiri und der baskische Nationalismus 5
Jos é Antonio Aguirre und die Erfüllung des baskischen Traums 6
Guernica S. 8
Die Franco-Ära 8
Der Widerstand wächst 9
Francos Ende und die Transición 10
Die Baskenfrage heute 11
Schlusswort S. 11
Quellenverzeichnis 13
Das Baskenland und Spanien
Schon zur Zeit des römischen Kaiserreiches lebten die Basken in ihren kleinen Dörfern in den Pyrenäen, dem Gebirge, das sie weitgehend von äußeren Einflüssen der romanisierten Welt abschottete, sodass die Basken sich ihre einzigartige Sprache und Kultur erhalten konnten. Das Baskische ist eine isolierte Sprache an der spanisch-französischen Westspitze der Pyrenäen. Es wird von etwa 1 Million Basken in Frankreich und Spanien gesprochen: in Spanien im Baskenland mit seinen Teilprovinzen Viscaya, Guipúzcoa und Alava, und auch in Navarra. Die baskischen Separatisten, die für einen eigenen Staat für ihr Volk kämpfen, zählen zu den baskischen Provinzen auch die in Frankreich liegenden Territorien Soule, Basse-Navarre und Labourd.
Im Mittelalter (11. bis 13. Jahrhundert) befanden sich auf der iberischen Halbinsel mehrere Königreiche: Aragonien im Osten, Navarra im Norden, Portugal im Westen, und ein großer Teil Südspaniens, der unter arabischer Herrschaft stand.. Den restlichen und weitaus größten Teil der iberischen Halbinsel nahm aber das Königreich Kastilien-León ein. Im Jahre 905 n. Chr. waren die heutigen baskischen Provinzen auf spanischem und französischem Gebiet im Königreich Navarra vereint. Aber schon im 12. Jahrhundert schrumpfte das Reich etwa auf die Größe der heutigen Provinz Navarra. Isabella von Kastilien hatte 1469 Ferdinand von Aragón geheiratet und als sie 1474 den Thron bestieg, wurden Aragón und Kastilien in "Matrimonialunion" vereint, jedoch verwalteten beide Monarchen ihre Königreiche selbst.
Nach mehreren Auseinandersetzungen zwischen Aragón, Frankreich und Navarra "lässt Ferdinand das Königreich Navarra im Rahmen eines diplomatischen und militärischen Handstreichs besetzen und der Krone von Kastilien inkorporieren (1515)" (Ploetz, 1998, S. 560)
Da der König nur wenig Zeit in seinen Kronländern verbrachte, setzte er im Jahre 1494 den "Aragonienrat" zur Verwaltung der Provinzen ein. Vor allem der Provinz Katalonien sprach er viele Sonderrechte (Fueros) zu.
Ferdinands und Isabellas Tochter Juana hatte 1497 Philipp "den Schönen", Herzog von Burgund 1 , geheiratet und im Jahre 1500 gebar sie einen Sohn, Karl. Nach dem Tode Ferdinands bekam Karl 1516 die spanischen Ländereien zugesprochen, und im Jahre 1519 nach dem Tode seines anderen Großvaters Maximilian I wurde er Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation.
Spanien und Deutschland waren somit in einer "Personalunion" vereint, die Habsburger Monarchie in Spanien begann. Die Einheit Spaniens war auf die Treue zum König und die Einheit der Kirche festgelegt. Dabei behielt jedes "Teil-Königreich" seine Sitten und Bräuche, konnte eigene Gesetze erlassen und bestimmte Sonderrechte (Fueros) wahrnehmen, wie sie bereits Ferdinand seinen aragonischen Provinzen zugesprochen hatte. Noch vor seinem Tode trennte Karl das riesige Reich in einen spanischen und einen deutschen Teil.
Der Begriff "Spanien" bezeichnete vorrangig die geographische Lage des Königreiches auf der iberischen Halbinsel. Er wurde bevorzugt von Ausländern gebraucht. Im 18. Jahrhundert übernahmen die Bourbonen die Herrschaft. Deren Regenten hatten eine andere Auffassung von der Nation "als politische Gemeinschaft, die eine gewisse Einheitlichkeit in Sprache, Gesetzgebung und Sitten und Gebräuchen haben sollte ... damit
1 Maximilian I, österreichischer Erzherzog aus dem Hause Habsburg, hatte 1477 Maria von Burgund geheiratet. Nach deren Tod wurden die burgundischen Ländereien auf ihren minderjährigen Sohn Phillip übertragen.
1
sich die politische Einheit vervollkommne" (Nuñez Seixas, 1999, S. 16). Man begann zusehends die Verwaltung Spaniens zu zentralisieren und konzentrierte die politische Macht auf die Hauptstadt Madrid. Um die Einheit zu erreichen führten die Monarchen eine Reihe von Reformen durch, die unter anderem die regionalen Sonderrechte (Fueros) der einzelnen Provinzen einschränkte.
"Während des 18. Jahrhunderts lebte vor allem im Baskenland ... die 'Habsburger' Auffassung von der hispanischen politischen Gemeinschaft weiter", d.h. eine "dynastische und religiöse Union unterschiedlicher rechtlicher Körperschaften, die ihre Institutionen und Traditionen bewahrten." (Nuñez Seixas, 1999, S. 14)
Im Baskenland bildete sich folglich ein Protonationalismus 2 heraus, zum einen um das Weiterbestehen des Foralsystems 3 zu gewährleisten, zum anderen, weil man nicht das Gefühl hatte, ein Spanier zu sein. Die Verteidiger des baskischen Foralsystems schlossen mit dem bourbonischen Thronanwärter Verträge ab, um ihrer Region die Sonderrechte zu bewahren. "Der Jesuit Manuel de Larramendi erwägt die Möglichkeit, eine Union der baskischen Besitzungen zu bilden, als Antwort auf die Zentralisierungsversuche der bourbonischen Monarchie." (Nuñez Seixas, 1999, S. 45)
In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts verstand man unter "Nation" die politische Einheit des Landes, die "Heimat" jedoch war die Region, aus der man stammte. Im Unabhängigkeitskrieg von 1808 - 1813 gegen Napoleon verteidigten die "Spanier" wohl eher die Grenzen des eigenen Herkunftsgebietes, als dass sie "Spanien" gegen den Feind verteidigten, so wie es die Regierung zu propagieren suchte. Außerdem verlor Spanien mehr und mehr seine Kolonien in Übersee und sein Einflussbereich schrumpfte stark zusammen, sodass die Menschen sich wieder auf die Vergangenheit zu konzentrieren begannen und alte Sitten und Gebräuche erneut zum Leben erweckten, was den Regionalismus noch verstärkte.
Auch im 19. Jahrhundert blieb Spanien ein "Vielvölkerstaat", die einzelnen ethnischen Gruppierungen bewahrten sich ihre Kultur und Sprache in größerem Maße, als das in anderen europäischen Staaten der Fall war.
Während der Isabellinischen Periode, nach 1833, entwickelte sich Spanien allmählich zum Nationalstaat. Dabei kam es jedoch zu Lücken und strukturellen Mängeln. Xosé Manoel Nuñez Seixas führt in seinem Buch "Los nacionalismos en la España contemporánea" (Nuñez Seixas, 1999, S. 21-29) folgende Mängel an:
Zum ersten waren bestimmte Regionen industriell ziemlich schwach entwickelt, die Bevölkerung lebte hier größtenteils von der Landwirtschaft. Dadurch kam es zu einem territorialen Ungleichgewicht in Bezug auf die Verteilung der finanziellen Mittel. Die Gegenreformation hatte alle äußeren Einflüsse und modernen Ideen weitgehend abgeblockt, um die traditionelle spanische Lebensweise aufrechtzuerhalten. Außerdem war die Infrastruktur der einzelnen Regionen relativ unterentwickelt, die Menschen lebten in ihrer Region, ohne dass sie von den anderen viel wussten.
Das nationale Bildungssystem war kärglich ausgestattet. Durch die "Ley Moyano" war festgelegt worden, dass die Finanzierung der primären Erziehung Aufgabenbereich der lokalen Verwaltungen sei. Doch die Gemeinden waren verschuldet und hatten nicht das Geld, um die Kosten zur Erhaltung der Schulen zu tragen. Man schaffte es nicht den Kindern eine einzige Sprache aufzuzwingen, oder eine Reihe von bürgerlich patriotischen Werten einzuschärfen, welche die spanische Bevölkerung kulturell einigen würden. Konsequenz dessen war, dass im Jahre 1900 die Analphabetenrate in Spanien bei 50 Prozent lag.
2 früheste Form des Nationalismus
3 System der regionalen Sonderrechte (Fueros)
2
Ein weiterer Schwachpunkt war, dass das Militär nur ein geringes Ansehen beim Volk besaß. "Im Spanien des 19. Jahrhunderts waren die Streitkräfte nie national und der Wehrdienst nie obligatorisch für alle. Das Rekrutierungssystem ... war äußerst klassistisch, da es jenen erlaubte, sich vom Wehrdienst freizustellen, welche eine bestimmte Menge Geld besaßen" (Nuñez Seixas, 1999, S. 24).
"Aber sicher ist, dass die Verbreitung eines eingefleischten Patriotismus durch den Staat mit Hilfe von Mythen, Denkmälern, bürgerlichen Prozessionen usw. in Spanien mit weit weniger Häufigkeit stattfand als in anderen Staaten Westeuropas, wo es sich außerdem um eine symbolische Politik handelte, die von der sozialen Elite bewusst gefördert wurde" (Nuñez Seixas, 1999, S. 25). Es herrschte große Uneinigkeit darüber, welche die wesentlichen Mythen und Symbole der Nation Spanien überhaupt sein sollten. "Die symbolische Zweideutigkeit zeigte sich [auch] in der Existenz zweier Flaggen ... sie kam auch im Fortbestehen mehrerer Nationalhymnen zum Ausdruck." (Nuñez Seixas, 1999, S. 26).
"Schließlich spiegelte auch der provinzlerische und nicht gerade herausragende Charakter Madrids in den ersten Dritteln des 19. Jahrhunderts diese fehlende Aufmerksamkeit in Bezug auf die symbolischen Aspekte wider: einer Hauptstadt ohne große Monumente und städtische Einheiten, wie sie für Rom und Paris charakteristisch sind." (Nuñez Seixas, 1999, S. 26).
Der Zentralismus der spanischen Regierung in Madrid, in Bezug auf das Rechtssystem und die Verwaltung, stand einer politischen Kultur des Lokalismus in den einzelnen Regionen gegenüber. Den einzelnen 1883 neu eingeteilten Provinzen stellte man einen Zivilgouverneur voran, der kaum über die Mittel verfügte, die öffentliche Ordnung zu sichern und dessen Tätigkeit sich auf die politische Kontrolle und das Abhalten der Wahlen beschränkte. Das bewirkte, dass die Verwaltung die Bedürfnisse der Bürger nur unbefriedigend erfüllen konnte, und somit entstand ein Bewusstsein der Unzufriedenheit in Bezug auf den Staat und ein geringes Vertrauen auf seine Möglichkeiten der Modernisierung. Die Spanier wollten sich nur schwer mit dem neuen System der regionalen Aufteilung anfreunden, in ihren Köpfen bewahrte sich sogar noch bis ins 20. Jahrhundert das traditionelle Modell der mittelalterlichen spanischen Provinzen. Nach dem Sieg über die Franzosen 1813 schien Spanien plötzlich ein Land zu sein, das kaum noch Feinde zu fürchten hatte. Niemand verspürte große Lust mehr, andere Länder zu erobern, und man brauchte auch keine Angst zu haben, dass Spanien von anderen Völkern erobert werden würde. Somit begann der spanische Nationalismus sich viel mehr um die Feinde von innen zu sorgen, als um die von außen.
Die spanische Kirche spielte immer noch eine sehr wichtige Rolle und hatte großen Einfluss auf das politische und gesellschaftliche Leben. Es war seit jeher Tradition, dass der König seine Legitimation der Macht von der Kirche erhielt. 4 Die Kirche wich auch nicht von ihrer permanenten Haltung der Opposition gegenüber dem liberalen Staat ab und wehrte sich weiterhin gegen den Einzug moderner Ideen in Spanien. Sie förderte die lokale traditionelle Lebensweise, die alten Sitten und Bräuche und die verschiedenen Sprachen. Parallel dazu entwickelten sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts intellektuelle Bewegungen der Minderheiten, die zum Ziel hatten, die regionalen Kulturen und Sprachen zu bewahren und zu fördern.
4 Der Anspruch der abendländischen Herrscher auf göttliche Legitimation wird als Gottesgnadentum bezeichnet. Der König wurde vom Papst gesalbt und erhielt den Zusatz Dei gratia ("von Gottes Gnaden") zu seinem Herrschertitel. Der König hatte damit aber zugleich den Auftrag für Recht und Frieden zu sorgen (Encarta, 1998)
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Arbeit zitieren:
Patrick Roesler, 2002, Die historischen Hintergründe der Baskenfrage, München, GRIN Verlag GmbH
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