Inhalt
Seite
1. Einleitung 1
2. Die Kategorie des Gesprächs 2
3. Gesprächsanalyse 3
4. Gesprächstypologisierung 9
5. Das Gespräch als Diskurstradition 11
6. Schlusswort 13
7. Bibliographie 14
1. Einleitung
In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit wesentlichen Aspekten der Gesprächsforschung. Dabei werde ich sowohl auf theoretische Grundlagen als auch auf einige zentrale Betätigungsfelder näher eingehen. Zunächst scheint es mir wichtig zu klären, was aus sprachwissenschaftlicher Sicht unter einem Gespräch zu verstehen ist und welche Vorgehensweisen sowie bisherigen Erkenntnisse der linguistischen Gesprächsanalyse existieren. Des weiteren möchte ich verschiedene Ansätze einer Gesprächstypologisierung aufzeigen, denn solche Bemühungen haben einerseits zum Ziel, die Möglichkeiten einer Systematisierung und Kategorisierung des Gegenstandsbereichs der Gesprächsforschung zu ergründen, andererseits verdeutlichen sie aber auch grundlegende Probleme, die sich bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Gesprächen ergeben.
Nicht umsonst hatte Ferdinand de Saussure die langue, das Sprachsystem, und nicht die parole, die Sprachanwendung, zum bevorzugten Gegenstand einer strukturalistischen, d.h. systematischen Sprachwissenschaft erklärt. Dazu sei jedoch bemerkt, dass erst die Entwicklung und Nutzung geeigneter Speichermedien (z.B. Tonbänder, Videos, CDs usw.) eine ernsthafte Beschäftigung mit der gesprochenen Sprache - und damit den Gesprächen - ermöglichte, wodurch sich eine Vielzahl an neuen Perspektiven für die sprachwissenschaftliche Forschung ergeben hat.
Den Abschluss meiner Arbeit bilden Aussagen zum Gespräch als Diskurstradition. Damit möchte ich vor allem die aufgrund des Vorliegens ausschließlich schriftlicher Quellen aus vergangener Zeit leider nur noch schwer fassbare historische Dimension der Herausbildung und diachronen Entwicklung von Gesprächsformen in meine Betrach- tungen einbeziehen.
2. Die Kategorie des Gesprächs
Ferdinand de Saussure nahm in seinem Cours de lingüistique général (1916) eine grundlegende Unterscheidung zwischen langage (Sprechfähigkeit des Menschen), langue (Sprache als System von Zeichen) und parole (Sprachanwendung, Sprechtätigkeit) vor, wobei er der langue zunächst eine gewisse Vorrangstellung innerhalb der Sprachwissenschaft einräumte. Im Laufe des 20. Jh. rückten jedoch auch die beiden anderen Bereiche immer mehr ins Zentrum des Interesses, zumal eine Vielzahl technischer Neuerungen die Möglichkeiten zur eingehenden Erforschung des Sprech-und Verstehensvorgangs sowie zur Aufzeichnung von gesprochener Sprache revolutionierte.
Die gesprochene Sprache spielt für die Gesprächsforschung eine zentrale Rolle. Als frei formulierte, natürliche, spontan produzierte Sprache in der mündlichen Kommunikation zeichnet sie sich durch einfachen Satzbau, kurze Sätze, Ellipsen, Satzabbrüche, Abtönungspartikel etc. aus (vgl. Lewandowski 1994, Band 1: 360 ff.). Koch/Oesterreicher (1985) heben außerdem noch die stärkere Expressivität sowie die (zeitliche) Unmittelbarkeit und die Prozesshaftigkeit der gesprochenen Kommunikation hervor. Für sie bedeutet Kommunikation zugleich immer auch Kooperation:
[In] der gesprochenen Sprache [sind] Produktion und Rezeption direkt miteinander verzahnt: Produzent und Rezipient handeln miteinander Fortgang und auch Inhalt der Kommunikation aus; der Rezipient zeigt begleitende sprachliche und nichtsprachliche Reaktionen und kann jederzeit eingreifen, rückfragen. (Koch/Oesterreicher: 19/20)
Die menschliche Sprache allgemein lässt sich als ein System sprachlicher Zeichen definieren, die eine Bedeutung haben und zu zusammenhängenden Äußerungen verknüpft werden, mit deren Hilfe ein Sprecher in der Lage ist, Gedanken, die er seinen Mitmenschen mitteilen möchte, kreativ zum Ausdruck zu bringen. Die menschliche Rede ist nun speziell als Sprachhandlung zu verstehen, als kommunikative Tätigkeit von Sprechern. Die Mittel des Sprachsystems kommen dabei u. a. zur Informationsvermittlung, aber auch zur Konstituierung zwischenmenschlicher Beziehungen zur Anwendung. Das Gespräch stellt in diesem Zusammenhang die grundlegende Form sprachlich-kommunikativer Handlungen dar:
Dem Gespräch [kommt] ein besonderer Platz zu, da Gespräche die originäre Form sprachlicher Tätigkeit darstellen und somit allen übrigen Formen sprachlicher Interaktion entwicklungsgeschichtlich weit vorausgehen. Insofern scheint es gerechtfertigt davon auszugehen, im Gespräch
1
eine Form sprachlicher Tätigkeit des Menschen zu sehen, die für alle übrigen Formen sprachlicher Tätigkeit eine modellierende und orientierende Funktion ausgeübt hat und weiter ausübt. (Heinemann/Viehweger 1991: 176)
Die verbale Kommunikation ist für die soziale Interaktion von großer Bedeutung. Die gegenseitige emotionale Zuwendung äußert sich insbesondere im Miteinander-Reden: Die Anrede des einen ist [nach Wilhelm von Humboldt] auf die Erwiderung des anderen hin angelegt, nur im Gespräch erfahren wir etwas voneinander. (Henne/Rehbock 2001: 6)
Henne/Rehbock betonen in diesem Zusammenhang die Verwendung des kollektivierenden Präfixes GE- im Wort Gespräch. 1 Mindestens zwei Kommunikationspartner wechseln sich im Gespräch in der Redeführung ab, wobei sie jeweils aktiv die Rolle des Sprechers oder die des Hörers übernehmen. Der Sprecherwechsel bietet ihnen die Möglichkeit sowohl der Themenanregung als auch der Themenannahme und damit der Festlegung gemeinsamer Gesprächsthemen.
3. Gesprächsanalyse
Die Analyse natürlicher Gespräche aus dem Bereich der gesprochenen Sprache unter kommunikativ-pragmatischen Aspekten dient der Erarbeitung allgemeiner Aussagen über die Gesprächsorganisation und die Interpretation der relevanten Gesprächshandlungen durch die Gesprächsteilnehmer. Dabei sind auch die Sprechakttheorie, die Soziolinguistik und die Hermeneutik von Bedeutung (vgl. Lewandowski 1994, Band 1: 357 ff.). Zur wissenschaftlichen Untersuchung wird meist eine Gruppe von Versuchspersonen dazu veranlasst, unter kontrollierten Bedingungen ein Gespräch zu führen, wobei diese sich möglichst unbeeinflusst äußern sollen. Die Analyse soll helfen, die im Zusammenhang mit dem Spracherwerb erlernten, meist unbewussten Regeln und Automatismen zur Organisation des Gesprächsverlaufs sowie die sprachlichen Verhaltensweisen aufzudecken, die es den Gesprächsteilnehmern ermöglichen, Themen zur Sprache zu bringen, zu entwickeln, wieder zu wechseln und auch zu einem gemeinsamen Ende zu führen (vgl. Linke/Nussbaumer/ Portmann 2004: 294 ff.). Für die linguistische Analyse hat es sich als sinnvoll erwiesen, Transkripttexte der zu analysie- 1 ‘miteinander sprechen’; vgl. außerdem deutsch Ge-fecht (‘miteinander kämpfen’), Gebüsch (‘viele Büsche zusammen’), Ge-rede (‘viele reden zur gleichen Zeit’) und lateinisch com-prehendere (‘in seiner Gesamtheit erfassen, begreifen’), con-versari (‘miteinander verkehren, sich unterhalten’).
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Arbeit zitieren:
Patrick Roesler, 2005, Wesentliche Aspekte der Gesprächsforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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