Die deutsche Familienpolitik
Inhalt
1 Einleitung 3
2 Demographische Entwicklungen 4
2.1. Das Zeitalter der Industrialisierung. 5
2.2. Die Pluralisierung der Lebensformen. 8
3 Implizite und explizite Familienpolitik 10
4 Typologie der deutschen Familienpolitik 12
5 Familienpolitische Leistungen in Deutschland. 14
6 Fazit - Paradigmenwechsel im familienpolitischen Diskurs 18
7 Literaturverzeichnis 21
8 Abbildungsverzeichnis. 22
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Die deutsche Familienpolitik
1 Einleitung
Die noch in den 1960er Jahren von Konrad Adenauer postulierte Annahme „Kinder bekommen die Leute immer!“ findet heute wohl weniger Zustimmung als damals. Mehr und mehr rückt die Forderung nach „nachhaltiger Familienpolitik“ in das Blickfeld des gesellschaftlichen und politischen Interesses. Viele junge Menschen wünschen sich Familie und Beruf vereinbaren zu können. Allerdings lassen sie sich mit der Realisierung dieses Wunsches oftmals so lange Zeit, bis der richtige Moment verpasst ist. Gleichzeitig lassen die Folgen des demographischen Wandels, die gesamtgesellschaftlichen Leistungen von Familien wieder in den Vordergrund treten. Die Aufrechterhaltung des deutschen Rentensystems und die Forderung nach qualifiziertem Arbeitskräftenachwuchs stehen seit längerem auf der politischen Agenda. Erst jüngst forderte die deutsche Arbeitsministerin Ursula von der Leyen, gemeinsam mit der Familienministerin Kristina Schröder die Frauenquote auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Ziel sei es, mehr Frauen in Führungspositionen zu erheben. Gleichzeitig forderte Frau von der Leyen während ihrer Amtszeit als Familienministerin, dass Frauen mehr Kinder gebären sollten, da sie die sozialen Sicherungssysteme in Gefahr sah. ZweiForderungen, die einander nicht per se ausschließen, deren Umsetzung jedoch problematischer zu seien scheint als postuliert wird. Viele Frauen hätten den Wunsch berufliche Karriere und Kinderwunsch zu vereinbaren. Doch wie soll die junge Unternehmerin ihren Arbeitsalltag gestalten, wenn sie selbst bis 18 Uhr arbeiten soll, die Betreuungseinrichtungen aber nur bis 16 Uhr geöffnet haben? Die Gründung einer Familie ist eine individuelle Lebensentscheidung, die respektiert werden muss. Das Land kann lediglich ein kinder- und familienfreundliches Klima schaffen - Rahmenbedingungen erfüllen, die die Realisierung eines bestehenden Kinderwunsches erleichtern. So stellt die Sachverständigenkommission des 7. Familienberichtes fest: “ Ziel einer nachhaltigen Familienpolitik ist es, jene sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen zu schaffen, die es der nachwachsenden Generation ermöglichen, in die Entwicklung und Erziehung von Kindern zu investieren, Generationensolidarität zu leben und Fürsorge für andere als Teil der eigenen Lebensperspektive zu interpretieren.“ ("Zukunft: Familie. Ergebnisse aus dem 7. Familienbericht“, 2005) Im Verlauf dieser Arbeit möchte ich die demographischen Entwicklungen aufzeigen, die einen Paradigmenwechsel in der familienpolitischen Ausrichtung mit sich brachten. Hierbei soll zum einen auf den Übergang von einer
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Die deutsche Familienpolitik
Industrie- zu einer Dienstleistungsgesellschaft eingegangen werden, als auch die Vervielfältigung der familialen Lebensformen eingehend beleuchtet werden. Anschließend soll die deutsche Familienpolitik theoretisch in die Modelle nach Es-ping-Andersen und Anne Gauthier eingeordnet werden, bevor ich auf die konkreten familienpolitischen Leistungen in der Bundesrepublik Deutschland eingehen werde. Ziel dieser Arbeit soll es sein, die Ursachen und Möglichkeiten politischer Interventionen an einigen wenigen Beispielen hervorzuheben und zu analysieren, welche im Fazit dieser Arbeit kurz zusammengefasst werden sollen.
2 Demographische Entwicklungen
Politischen Entscheidungen gehen oftmals historische Entwicklungen oder aber auch Erfindungen voraus. Deutlich wird dies bspw. an der aktuellen Fukushima-Katastrophe, die auch ein Umdenken in der deutschen Atom- und Umweltpolitik mit sich brachte. So finden wir auch für die deutsche Familienpolitik konkrete Anlässe in der historischen Entwicklung, die auf politische Entscheidung in diesem Bereich Einfluss nahmen. So haben auch Ostner und Mätzke in ihrem „Special Issue: Explaining Recent Shifts in Family Policies” zusammenfassend festgestellt, dass familienpolitischen Entscheidungen oftmals konkreten Trägern und Dynamiken unterliegen und aus dieser Erkenntnis ein Vier-Felder Schema entwickelt, Tabelle 1: Types of Explanation nach Ostner/Mätzke (2010)
Es werden also vier Erklärungsmodelle entwickelt, welche eine Analyse der sich ändernden Familienpolitik ermöglichen. So stehen materialistische bzw. sozioökonomische, ideationale und politische sowie soziale Faktoren im Zusammen-
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Die deutsche Familienpolitik
hang. Somit finden wir zumeist eine Kombination aus verschiedenen Feldern um eine Änderung der familienpolitischen Ausrichtung analysieren zu können. An dieser Stelle möchte ich auf den ökonomischen Aspekt der Wandlung zu einer Dienstleistungsgesellschaft und auf die Pluralsierung der Familienformen Bezug nehmen. Die daraus resultierenden familienpolitischen Änderungen entstehen demnach aus der demographischen Entwicklung, die sich dann auch politisch auswirkte. Somit können wir diese innerhalb des ersten Feldes des Ostner/Mätzke-Schemas verorten. 2.1. Das Zeitalter der Industrialisierung
Bis zu den frühen Anfängen des Industrialisierungszeitalters wurde die Familie weitgehend autonom behandelt und erhielt weder staatlichen Schutz noch Förderung. Die Wohlfahrt der einzelnen Familienmitglieder wurde primär durch den wechselseitigen solidarischen Austausch gewährleistet. Der Staat nahm eine nicht-interventionistische Haltung ein. Familienleben war Privatsache. Die ersten konkreten Maßnahmen entwickelten sich aus Befürchtungen, die Bevölkerung könnte zu schnell altern, was wirtschaftliche, politische und auch militärische Konsequenzen mit sich brächte. Somit bestanden die ersten familienpolitischen Maßnahmen aus einer Verbesserung der hygienischen Verhältnisse zur Senkung der Kindersterblichkeit, sowie aus finanziellen Anreizen für die Geburt von Kindern. (Gauthier, 1996) Erste Ansätze einer Familienpolitik, wie sie uns heute bekannt ist, entwickelten sich erst im Zuge der Industrialisierung. In der vorindustriellen Zeit fanden wir vorrangig Haushaltsfamilien. Im Mittelpunkt dieser Familien stand der Haushalt, welche sich je nach ökonomischer Lage, Größe und der Zusammensetzung ihrer Haushaltsmitglieder deutlich voneinander unterschieden. Familien ohne Produktionsfunktion waren demnach überwiegend Kernfamilien und somit oft eigentums- und besitzlos, besaßen einen niedrigeren Rechtsstatus, kennzeichneten sich durch Autonomie von Verwandtschaftsverhältnissen, freie Ehepartnerwahl und ein spätes Heiratsalter. (Nave-Herz, 2004) Familien mit Produktionsfunktion bestanden ebenfalls überwiegend aus Familienmitgliedern, wobei hier die Familie bis zu drei Generationen umfasste. Hinzu kommen jedoch (bspw. im Handwerk oder im Bauerntum weit verbreitet) familienfremde Personen, wenn der Betrieb auf weitere Mitarbeiter angewiesen war. Für Familien mit Produktionsfunktion galt deshalb, dass der Betrieb den Mittelpunkt des Familienlebens bildete, dass sie patriarchalisch strukturiert waren und nur eine bedingt freie Ehepartnerwahl be-
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stand. Bis zur Übergabe des Betriebes an die nächste Generation, bestand eine sehr hohe Abhängigkeit von den Eltern. Die Übergabe verzögerte sich oft durch wirtschaftliche Gründe oder auch in Folge der geltenden Erbschaftsregelungen. (Nave-Herz, “Ehe- und Familiensoziologie. Eine Einführung in Geschichte, theoretische Ansätze und empirische Befunde", 2004)
Ehe und Familie wurde in der vorindustriellen Zeit primär ein instrumenteller Charakter zugesprochen. Man heiratete um Kinder zu zeugen, um das Vermögen oder auch den Namen, mit den daran geknüpften Titel weiter zu vererben. Zudem wurde die Versorgung der Familienmitglieder, insbesondere die der Elterngeneration, im Falle von Krankheit und auch im Alter gewährleistet. Romantische Liebe spielte für die Entscheidung zu einer Eheschließung nur eine untergeordnete Rolle. Die Kinderzahl war, entgegen der heute weit verbreiteten Einschätzung, recht gering. So wurden von den verheirateten Frauen zwar durchschnittlich 8-12 Kinder geboren, weit über die Hälfte dieser Kinder, starben allerdings im Säuglings- und Kleinkindalter. In Folge der zunehmenden Urbanisierung und Industrialisierung kam es mehr und mehr zu einer räumlichen Trennung zwischen Arbeiten und Wohnen. Die Etablierung einer differenzierten Industriegesellschaft wandelte zunehmend die familialen Strukturen aber auch die Funktionen der Familie für die Gesellschaft. Die Stellung der Kinder innerhalb der Familien wandelte sich, durch die Verlagerung der Produktion, von Mitproduzenten des Familieneinkommens hin zu reinen Konsumenten im Familienhaushalt. Kinder erfüllten immer weniger einen wirtschaftlichen Nutzen und wurden mehr und mehr zum Kostenfaktor innerhalb der familialen Gemeinschaft. Weiterhin wurde das Auskommen der Familie in der Regel nicht mehr durch Familienarbeit sichergestellt, sondern erfolgte durch die Teilnahme der Mitglieder am staatlich organisierten Erwerbssystem. Das seit Mitte des 20. Jahrhunderts in Deutschland übliche Modell der Erwerbspartizipation be-stand dabei im sogenannten „Ernährermodell“, in dem der männliche Ehepartner durch außerhäusliche Erwerbstätigkeit die Familie finanziell absicherte, während die Frau für die Führung des Haushaltes sowie die Betreuung und Pflege der Kinder verantwortlich war. F.-X. Kaufmann (1995) spricht an dieser Stelle von der Ausbreitung des adeligen und großbürgerlichen Familienmodells in die kleinbürgerlichen Schichten und die Arbeiterschaft, dem „dabei unterwegs allerdings das Dienstmädchen und das übrige Hauspersonal abhanden gekommen ist.“ (Kaufmann, 1995) Durch die Einbindung der Familie in das Erwerbssystem ist
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Arbeit zitieren:
Anja Koßurok, 2011, Die Deutsche Familienpolitik, München, GRIN Verlag GmbH
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