1
Frau aus der Frühbronzezeit in Niederösterreich.
Ausschnitt aus einer Zeichnung
von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter,
für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996)
von Ernst Probst
3
Ernst Probst
Österreich in der
Frühbronzezeit
Mit Zeichnungen
von Friederike Hilscher-Ehlert
5
Widmung
Dr. Elisabeth Ruttkay (19262009)
und Dr. Johannes-Wolfgang Neugebauer (19492002)
gewidmet,
die mich bei meinen Büchern
,,Deutschland in der Steinzeit" (1991) und
,,Deutschland in der Bronzezeit" (1996)
unterstützt haben,
sowie der wissenschaftlichen Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert
7
Inhalt
Vorwort / Seite 11
Die Frühbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung
der Kulturen und Gruppen / Seite 13
Keramikdepots und Scheingräber
Die Leithaprodersdorf-Gruppe
von etwa 2300/2200 bis 2000 v. Chr. / Seite 17
Menschenopfer im Megaron
Die Aunjetitzer Kultur
von etwa 2300/2200 bis 1800 v. Chr. / Seite 29
Die Alpen werden besiedelt
Die Straubinger Kultur
von etwa 2300 bis 1800/1600 v. Chr. / Seite 49
Banden durchwühlten die Gräber
Die Unterwölblinger Gruppe
von etwa 2300/2200 bis 1600 v. Chr. / Seite 71
Gute Beziehungen zum Nachbarn
Die Wieselburger Kultur
von etwa 2000 bis 1600 v. Chr. / Seite 103
8
Mit vier Pferden ins Grab?
Die Litzenkeramik oder Draßburger Kultur
von etwa 2000 bis 1600 v. Chr. / Seite 115
Die Festung von Böheimkirchen
Die Veterov-Kultur
und die Böheimkirchener Gruppe
von etwa 1800 bis 1500 v. Chr. / Seite 129
Versunkene Dörfer auf dem Seegrund
Die Attersee-Gruppe
von etwa 1800 bis 1500 v. Chr. / Seite 153
Anmerkungen / Seite 161
Literatur / Seite 187
Bildquellen / Seite 215
Die wissenschaftliche Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert / Seite 219
Der Autor Ernst Probst / Seite 221
Bücher von Ernst Probst / Seite 223
9
Der dänische Archäologe Christian Jürgensen Thomsen
(17881865) hat 1836 die Urgeschichte
nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff
in drei Perioden eingeteilt:
Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.
11
Vorwort
R
und 800 Jahre Urgeschichte von etwa 2300 bis 1500
v. Chr. passieren in dem Taschenbuch »Österreich
in der Frühbronzezeit« in Wort und Bild Revue. Es
befasst sich mit den Kulturen und Gruppen, die in dieser
Zeitspanne im Gebiet der heutigen Alpenrepublik
existierten: Leithaprodersdorf-Gruppe, Aunjetitzer
Kultur, Straubinger Kultur, Unterwölblinger Gruppe,
Wieselburger Kultur, Litzenkeramik oder Draßburger
Kultur, Veterov-Kultur und Böheimkirchener Gruppe
sowie Attersee-Gruppe. Geschildert werden die Ana-
tomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern,
Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen,
Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge,
Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel,
ihre Kunstwerke und Religion.
Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst
Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch-
land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit«
(1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen
Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Österreich in
der Frühbronzezeit« ist Dr. Elisabeth Ruttkay (1926
2009) und Dr. Johannes-Wolfgang Neugebauer (1949
2002) gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei
seinen Werken über die Steinzeit und Bronzezeit unter-
stützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissenschaft-
lichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus
Königswinter.
13
Die Frühbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen
D
ie Frühbronzezeit (Bronzezeit A) begann in
Österreich etwa um 2300 v. Chr. und endete um
1600 v. Chr. Sie wurde von verschiedenen Autoren
zunächst in zwei Abschnitte (Stufen A 1 und A 2), später
in drei (Stufen A 1, A 2, A 3) oder sogar in vier
Abschnitte (Phasen 1, 2, 3, 4) eingeteilt. All diese
Gliederungen gehen auf deutsche Experten zurück.
In die älteste Kulturstufe der Frühbronzezeit in
Österreich ist die Leithaprodersdorf-Gruppe (s. S. 17)
einzuordnen. Sie existierte von etwa 2300/2200 bis
ungefähr 2000 v. Chr. östlich des Wienerwalds in
Niederösterreich und im Burgenland.
1
Die in weiten Gebieten Mitteleuropas nachweisbare
Aunjetitzer Kultur (s. S. 29) war von etwa 2300/2200
bis 1800 v. Chr. im Weinviertel und am Ostrand des
Waldviertels im nördlichen Niederösterreich verbreitet.
In Oberösterreich, im Land Salzburg und im Raum
Kufstein in Nordtirol behaupteten sich von etwa 2300
bis 1800/1600 v. Chr. Ausläufer der Straubinger Kultur
(s. S. 49).
Südlich der Donau zwischen Enns und Wienerwald in
Niederösterreich hatte ab ungefähr 2300/2200 bis 1800
v. Chr. die Unterwölblinger Gruppe (s. S. 71) ihr
Verbreitungsgebiet.
14
Im östlichen Niederösterreich südlich der Donau und
im nördlichen Burgenland war von etwa 2000 bis 1600
v. Chr. die Wieselburger Kultur (s. S. 103) heimisch,
welche die Leithaprodersdorf-Gruppe ablöste.
Zwischen dem Fluss Leitha in Niederösterreich und dem
Südrand des Neusiedler Sees im Burgenland kon-
zentrierte sich von etwa 1800 bis 1500 v. Chr. die Kultur
mit Litzenkeramik bzw. Draßburger Kultur (s. S. 115)
In der Frühbronzezeit um 1800 v. Chr. ist die
Böheimkirchener Gruppe der Veterov-Kultur (s. S. 129)
entstanden. Sie behauptete sich bis ungefähr 1500 v.
Chr. südlich der Donau in Niederösterreich. Ihr jüngerer
Abschnitt fällt bereits in die Mittelbronzezeit.
Größtenteils der Frühbronzezeit entsprach auch die von
zirka 1800 bis 1500 v. Chr. nachweisbare Attersee-
Gruppe (s. S. 153). Sie war in Oberösterreich verbreitet
und überdauerte teilweise bis in die Mittelbronzezeit.
16
ALOIS OHRENBERGER,
geboren am 16. Mai 1920 in Neuarad
(Rumänien), gestorben am
23. Januar 1994 in Eisenstadt.
Noch 1920 zog seine Familie nach
Budapest, später nach Eisenstadt.
1949 promovierte er in Wien.
1949 bis 1980 arbeitete er
im Burgenländischen Landesmuseum
in Eisenstadt. Ohrenberger prägte
1956 in der Publikation über
seine Ausgrabungen
in Loretto/ Leithaprodersdorf
den Begriff Typus Loretto-Leithaprodersdorf,
woraus der Name
Leithaprodersdorf-Gruppe hervorging.
17
Keramikdepots und Scheingräber
Die Leithaprodersdorf-Gruppe
D
ie Leithaprodersdorf-Gruppe gilt als eine der
ältesten frühbronzezeitlichen Kulturen in
Österreich. Sie war von etwa 2300/2200 bis um 2000 v.
Chr. östlich des Wienerwalds in Niederösterreich und
im Burgenland verbreitet. Der Name dieser Gruppe
erinnert an das l950 ausgegrabene Gräberfeld von
Leithaprodersdorf
1
im Burgenland. Dort hatte der
Landesarchäologe Alois Ohrenberger (19201994) aus
Eisenstadt insgesamt 50 Bestattungen der Leitha-
prodersdorf-Gruppe und weitere aus späterer Zeit
freigelegt.
Die Bezeichnung »Leithaprodersdorf-Gruppe« geht
auf Alois Ohrenberger zurück, der 1956 vom Typus
Loretto-Leithaprodersdorf sprach. Der 1981 von der
Wiener Prähistorikerin Elisabeth Ruttkay (19262009)
vorgeschlagene, etwas einprägsamere Ausdruck Leitha-
Gruppe konnte sich nicht durchsetzen, weswegen
sich der Begriff Leithaprodersdorf-Gruppe einbürger-
te.
Wie die Landschaft zur Zeit der Leithaprodersdorf-
Gruppe in der Gegend des Leithagebirges und des
Ruster Höhenzuges aussah, hat 1986 der Wiener
Botaniker Gustav Wendelberger rekonstruiert. Seinen
Erkenntnissen zufolge breitete sich dort eine auf-
gelockerte Mischung von Wald und Steppe aus.
18
Die Angehörigen der Leithaprodersdorf-Gruppe er-
richteten ihre Siedlungen im Flachland und auf An-
höhen. Flachlandsiedlungen existierten in Gallbrunn
2
und Pellendorf
3
in Niederösterreich, möglicherweise gab
es solche auch in Siegendorf und Trausdorf im
Burgenland, wo Keramikdepots zum Vorschein kamen.
Eine Höhensiedlung war auf dem Jennyberg bei
Mödling
4
(Niederösterreich) gegründet worden.
In der sagenumwobenen Königshöhle bei Baden
5
(Niederösterreich) konnte anhand von Keramikresten
ein kurzer Aufenthalt nachgewiesen werden. Nach
dieser Höhle wurde die jungsteinzeitliche Badener
Kultur (etwa 3600 bis 3000 v. Chr..) benannt, von der
später kurz die Rede sein soll.
In Pellendorf werden viele kreisrunde und leicht ovale
Gruben von 25 bis 80 Zentimeter Durchmesser, die
zehn bis 25 Zentimeter in den Schotter eingetieft sind,
als Pfostenlöcher der ehemaligen Behausungen gedeutet.
In einer Pfostengrube lag eine für die Leithapro-
dersdorfer Gruppe typische Trausdorf-Tasse. Außerdem
befanden sich in Pellendorf zwei größere Gruben
nebeneinander.
Die Höhensiedlung auf dem Jennyberg bei Mödling
hatte eine besonders geschützte Lage. Denn der 375
Meter lange Berg, der seine Umgebung 117 Meter
überragt, fällt auf allen Seiten steil ab. Diesen Vorteil
wusste man schon zur Zeit der erwähnten Badener
Kultur im vierten vorchristlichen Jahrtausend zu
schätzen. Die jungsteinzeitliche Siedlung wird in der
Fachliteratur als Jennyberg I bezeichnet, die Anlage der
19
frühbronzezeitlichen Leithaprodersdorf-Gruppe als
Jennyberg II.
Bei den Ausgrabungen der Prähistorischen Abteilung
des Naturhistorischen Museums, Wien, unter der
Leitung des Prähistorikers Wilhelm Angeli wurde 1970/
71 am Osthang des Jennyberges ein 300 Meter langer
Graben ausgehoben. Sobald sich darin die Funde
häuften, hat man in der Umgebung weitere Flächen von
jeweils drei mal drei Metern abgedeckt und untersucht.
Auf diese Weise wurden mehrere Anreicherungen von
Keramikresten und Hüttenlehm aufgespürt. Zahlreiche
typische Gefäße bezeugen zwar die Existenz einer
Siedlung der Leithaprodersdorf-Gruppe am Jennyberg,
aber eigentliche Siedlungsobjekte blieben dort bislang
unentdeckt.
Funde aus Frauengräbern von Leithaprodersdorf
lieferten spärliche Hinweise auf die damalige Kleidung.
Dabei handelt es sich um zwei kupferne »Diademe«,
die als Besatz von Hauben angesehen werden. Solche
Kopfbedeckungen wurden auch in anderen früh-
bronzezeitlichen Kulturen getragen.
Im Grabhügel II von Jois barg man auf Höhe der
Halswirbel eines Toten einen durchbohrten Fischwirbel
und den durchbohrten Eberzahn eines Wildschweins.
Damit werden Fischfang und Jagd belegt.
Andere Funde aus dem Grabhügel II von Jois verraten,
welche Haustiere damals gehalten wurden. Der Wiener
Archäozoologe Erich Pucher identifizierte einen
durchbohrten Hundezahn, den Knochen eines jungen
Hausschweins und Reste eines einjährigen Hausrinds.
20
Außerdem entdeckte man dort Knochen eines Haus-
pferds.
Die Keramik der Leithaprodersdorf-Gruppe ähnelt
teilweise derjenigen der so genannten Begleitkeramik
der jungsteinzeitlichen Glockenbecher-Kultur (etwa
2600 bis 2000 v. Chr.), aus der sie hervorgegangen ist.
Außerdem hat sie Gemeinsamkeiten mit manchen
Tongefäßen der gleichzeitigen Nagyrév-Kultur
6
in
Ungarn. Zu ihrem Formenschatz gehören Tassen,
Schalen mit Henkel, kugelige Henkeltöpfe, konische
Schüsseln und ebensolche Becher. Als typische Ton-
gefäße gelten die Leithaprodersdorf-Tasse und die
Trausdorf-Tasse.
Die Leithaprodersdorf-Tasse vom gleichnamigen Fund-
ort hat ein kugeliges Unterteil, einen leicht abgesetzten
konischen Hals mit gewulstetem Rand und einen den
Hals überbrückenden Bandhenkel. Die Trausdorf-Tasse
nach dem Fundort Trausdorf an der Wulka im Burgen-
land benannt ist vom Profil her ähnlich, unterscheidet
sich aber durch einen engeren und höheren, deutlich
abgesetzten Hals, kleinere Abmessungen und einen
unterrandständigen Bandhenkel.
Für verzierte Tongefäße ist ein unterhalb des Halses
eingeritztes Zierband typisch. Es besteht aus im Zickzack
angebrachten Strichbündelgruppen, die beidseitig mit
je zwei Linien eingerahmt sind. Von diesem Zierband
hängen mitunter senkrechte Fransenmuster herab.
Gelegentlich sind Tongefäße mit fein eingestochenen,
weiß inkrustierten umlaufenden Punktreihen ver-
schönert.
21
An den burgenländischen Fundorten Trausdorf
7
und
Siegendorf
8
wurden Keramikdepots entdeckt. Hierbei
könnte es sich um Lager von Töpfern oder Händlern
handeln, aber auch um Weihehorte mit Opfergaben für
Götter. Der damals in Wien tätige Prähistoriker Clemens
Eibner deutete 1969 die Gefäßdepots als Belege einer
Kulthandlung mit Trankspenden und Umtrünken, nach
denen die praktisch gebrauchsneuen Gefäße eingelagert
wurden.
Das Depot von Trausdorf umfasste 18 kleine Hen-
keltassen (Trausdorf-Tassen) von bis zu 9,7 Zentimeter
Höhe mit 9,5 Zentimeter Bauchdurchmesser und 5,3
Zentimeter Mündungsdurchmesser sowie größere
konische Töpfe von maximal 18,3 Zentimetern Höhe
und eine Leithaprodersdorf-Tasse. Zum Depot von
Siegendorf gehören die Reste von drei mindestens 30
Zentimetern hohen Tongefäßen und fünf kleine
komplett erhaltene Trausdorf-Tassen.
Die Metallhandwerker der Leithaprodersdorf-Grup-
pe beherrschten die Herstellung von Waffen und
Schmuckstücken aus reinem Kupfer, jedoch noch nicht
aus Bronze. Auf dem Jennyberg bei Mödling wurde eine
ihrer Gussformen gefunden.
Eine typische Waffe war der Kupferdolch vom Typus
Leithaprodersdorf. Darunter versteht man eine ge-
drungene Klinge mit vier Nieten auf der Heftplatte zur
Befestigung des Griffes aus Holz, Knochen oder
Geweih. Das Vorhandensein auch knöcherner Werk-
zeuge wird durch eine Ahle aus Pellendorf in Nieder-
österreich bewiesen.
22
Die Frauen haben sich mit kupfernen Blechstreifen
(»Diademe«), kupfernen und knöchernen Nadeln,
Halsketten mit Anhängern aus verschiedenen
Materialien und kupfernen Armringen geschmückt.
Derartige Funde wurden vor allem in Gräbern geborgen.
Kupferne »Diademe«, die als Randbesatz von Hauben
betrachtet werden, kamen in zwei Gräbern von
Leithaprodersdorf zum Vorschein. Außerdem hat man
dort kleine beidseitig umgebogene Kupferbleche,
kupferne Rollennadeln mit zierlicher, dreieckiger
Kopfplatte und gebogenem Schaft sowie Armringe mit
rundem oder halbkreisförmigem Profil mit leicht
übereinandergreifenden Enden entdeckt.
Teilweise wurden die zum Zusammenhalten der
Kleidung oder zur Zierde der Garderobe bestimmten
Nadeln aus Tierknochen geschnitzt. Auf dem Jenny-
berg bei Mödling fand man das Fragment einer
Knochennadel mit zweifach durchbohrter Kopf-
platte. Im Grabhügel II von Jois lag eine 5,5 Zenti-
meter lange, gelochte Nadel aus einem Vogelkno-
chen.
Die Toten wurden in Flachgräbern (Leithaprodersdorf,
Sankt Margarethen
9
bei Eisenstadt) und unter Hügeln
(Jois
10)
bestattet. Tierknochen mit und ohne Feuer-
spuren im Hügel sowie Scherben zertrümmerter Tonge-
fäße stammen von Totenfeiern, bei denen Feuer, Speise
und Trank sowie das Zerschlagen des Geschirrs eine
Rolle spielten.
Den Verstorbenen legte man eine tönerne Tasse, Schale
oder Schüssel mit ins Grab, wie es früher schon bei
23
den jungsteinzeitlichen Glockenbecher-Leuten üblich
war. Frauen erhielten offenbar zwei Tassen, Männer
dagegen nur eine Tasse. Die Beigaben wurden in Nähe
des Kopfes, Rückens, Oberkörpers, Beckens, der Knie,
Oberschenkel und Füße deponiert. In Jois hatte man
zwei Toten eine Schale unter den Kopf gelegt.
Das Gräberfeld von Leithaprodersdorf bestand aus etwa
50 Bestattungen der Leithaprodersdorf-Gruppe in
Flachgräbern sowie Gräbern der darauffolgenden
Wieselburger Kultur (etwa 2000 bis 1600 v. Chr.) und
der Spätbronzezeit. Die Männer hatte man auf die linke
Körperseite mit dem Kopf im Norden und den Beinen
im Süden gelegt, die Frauen auf die rechte Körperseite
mit dem Kopf im Süden und den Beinen im Norden.
Sowohl Männer als auch Frauen blickten nach Osten,
also dorthin, wo die Sonne aufgeht.
Im Gräberfeld von Leithaprodersdorf wurden viele
vermeintliche Scheingräber (Kenotaphe) entdeckt, die
alle von Norden nach Süden ausgerichtet waren. Sie
enthielten keinerlei Reste einer Körper- oder Brand-
bestattung. Die Gruben dieser mutmaßlichen Schein-
gräber sind durchschnittlich zwei Meter lang, 1,50 Meter
breit und bis zu 1,45 Meter tief. Der Rand der Gruben
war mit Steinen verkleidet, auf ihrem Boden standen
meistens mehrere Tongefäße und lagen Kupferob-
jekte und Schmuckstücke. Scheingräber sollten viel-
leicht an in fernen Gegenden Verstorbene erin-
nern.
Interessante Erkenntnisse über die Bestattungssitten
lieferte der bereits 1930 durch den Wirtschaftsrat
24
Alexander Ritter von Seracsin (18831952) freigelegte
Grabhügel II von Jois. Letzterer bedeckte 15 Bestat-
tungen mit zumeist der gleichen Orientierung der Toten
wie in Leithaprodersdorf und ein Scheingrab. Ausgräber
Seracsin deutete diese Funde 193l phantasievoll als Bei-
setzung eines Stammesfürsten, dessen Frau, Kind und
Gefolge erschlagen und mit ihm begraben worden
waren. Diese Vermutung stieß mehrfach auf Zweifel,
konnte aber nie widerlegt werden.
In Jois werden die Grabhügel I und II sowie ein
Flachgrab der Leithaprodersdorf-Gruppe zugerechnet.
Die Bestattungen im Joiser Grabhügel II erfolgten in
der Übergangszeit zwischen der Leithaprodersdorf-
Gruppe und der Wieselburg-Gruppe. Im Grabhügel II
spiegelt sich das friedliche Nebeneinander in der
Ablösungsphase wider: Dort gab es neben zahlreichen
Bestattungen der Leithaprodersdorf-Gruppe auch zwei
der Wieselburger Kultur, nämlich die von einer Frau
und einem Kind.
26
KAREL BUCHTELA,
geboren am 6. März 1864 in Nový Pavlov,
gestorben am 19. März 1946 in Prag.
Er war Finanzoberrat
und hatte von 1924 bis 1938
das Amt des Direktors
des Staatlichen Archäologischen Instituts
in Prag inne. Bei seinen Forschungen
arbeitete Buchtela mit
dem tschechoslowakischen Archäologen
Lubor Niederle aus Prag zusammen.
Buchtela und Niederle haben 1910
im Handbuch der Tschechischen Archäologie
den Begriff Aunjetitzer Kultur
verwendet und populär gemacht.
27
LUBOR NIEDERLE,
geboren am 20. September 1865 in Klatovy,
gestorben am 14. Juni 1944 in Prag.
Er habilitierte sich 1891
und war 1898 bis 1929
Professor der vorgeschichtlichen Archäologie
und Ethnologie an der Universität in Prag.
Später wurde er Rektor
der Universität Prag
sowie Begründer und erster Direktor
des Archäologischen Instituts in Prag.
Niederle verwendete 1910
zusammen mit Karel Buchtela
im Handbuch der Tschechischen Archäologie
den Begriff Aunjetitzer Kultur.
28
Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der älteren
Frühbronzezeit (etwa 2300 bis 1800 v. Chr.) in Österreich
29
Menschenopfer im Megaron
Die Aunjetitzer Kultur
I
m Weinviertel und am Ostrand des Waldviertels im
nördlichen Niederösterreich hinterließ zwischen etwa
2300/2200 bis 1800 v. Chr. die nach einem tschechischen
Fundort benannte Aunjetitzer Kultur ihre Spuren. Dass
sie nur auf das nördliche Niederösterreich beschränkt
war, hatte der Wiener Prähistoriker Oswald Menghin
(18881973) bereits 1915 erkannt. Die niederösterreichi-
schen und die mährischen Funde bilden eine gemein-
same Gruppe.
Die Anfänge der Aunjetitzer Besiedlung in Nieder-
österreich liegen noch im Dunkel. In Mähren kennt man
eine so genannte Proaunjetitz-Stufe, die sich kon-
tinuierlich aus der einheimischen Glockenbecher-Kultur
(etwa 2500 bis 2200 v. Chr.) entwickelt hat. In der öster-
reichischen Fachliteratur ist im Gegensatz zu
Deutschland häufig von der Aunjetitz-Kultur die Rede.
Die niederösterreichischen Aunjetitzer erreichten teil-
weise bereits eine beachtliche Körperhöhe. So war ein
min-destens 19-jähriger Mann aus Stillfried/Auhagen
1,74 Meter groß, während es eine Frau aus Zwingendorf
auf 1,73 Meter brachte. In Würnitz hatten die Männer
eine Körperhöhe zwischen 1,63 und 1,73 Metern und
in Zwingendorf zwischen 1,65 und 1,70 Metern.
An den Gebissen der in Schleinbach bestatteten
Menschen sind mehrfach Zahnstellungs- und Biss-
30
anomalien, Karies, Zahnstein und starke Abnutzung der
Kauflächen bereits bei Jugendlichen zu erkennen. Ein
Mann aus Stillfried/Auhagen hatte schon alle Ba-
ckenzähne der linken Unterkieferhälfte verloren.
Am Skelett einer Frau aus Schleinbach sind Spuren einer
Krankheit am Schädelknochen diagnostiziert worden.
Außerdem litt sie in den Bereichen der Gelenke der
Oberschenkelknochen und Schienbeine unter Knor-
pelschädigungen und einem degenerativen Prozess. Bei
einem Mann aus Schleinbach war am linken Ellbogen
eine Entzündung feststellbar, bei einer Frau ein quer
verlaufender, verheilter Bruch im Bereich des dritten
Sakralwirbels.
Der bereits erwähnte 1,74 Meter große Mann aus
Stillfried/Auhagen litt am rechten Oberschenkel unter
einer Knochenmarksentzündung (Osteomylitis). Die
hierdurch entstandene Eiteransammlung verursachte in
der Kniekehle des rechten Beines eine Geschwulst, die
seine Bewegungsfähigkeit einschränkte und ihn beim
Gehen schmerzte. Dieser leidgeprüfte Mann hatte
zudem eine schüsselförmige Knochennarbe am Schädel,
die durch einen Hauttumor oder eine symbolische
Schädeloperation (Trepanation) entstanden sein könnte.
Solche Trepanationen sind aus Mokrin und Tape in
Ungarn bekannt.
Auf der linken Schädelhälfte eines in Unterhautzenthal
bestatteten, etwa 45 Jahre alten Mannes wurde von der
Wiener Anthropologin Maria Teschler-Nicola eine
Fraktur erkannt, die vom Schlag mit einem stumpfen
Gegenstand herrührt. Diese Verletzung ist zwar wieder
31
verheilt, könnte aber Lähmungserscheinungen oder
epileptische Anfälle zur Folge gehabt haben.
In Röschitz, Roggendorf (Kirchenbergheide) und
Stillfried/Auhagen wurden Skelettreste von Menschen
gefunden, an denen zu Lebzeiten eine Schädeloperation
(Trepanation) vorgenommen worden war. Von den zwei
Schädeln mit Trepanationsöffnungen verschiedener
Größe aus Röschitz ist heute nur noch einer auffindbar.
Er stammt von einer 31- bis 40-jährigen Frau mit einer
verheilten Schabtrepanation im Bereich des linken
Scheitelbeinhöckers. Bei dem Fund in Stillfried handelt
es sich um eine verheilte symbolische Trepanation am
hinteren rechten Scheitelbein eines 19- bis 22-jährigen
Mannes.
Zur Kleidung gehörten mitunter kupferne Gürtelbleche,
wie sie in Niederrußbach und Schrick gefunden wurden.
Der fragmentarisch erhaltene Fund aus Niederrußbach
ist 15 Zentimeter lang, 11,4 Zentimeter breit und außen
verziert. Das Gürtelblech von Schrick wurde aus einer
Armmanschette vom Typ Borotice herausgeschnitten.
Die Aunjetitzer in Niederösterreich wohnten in weit
verstreuten einzelnen Gehöften, aber auch in aus
mehreren Hütten bestehenden Siedlungen. Ihre Dörfer
lagen im Flachland oder auf markanten Erhebungen,
und manche von ihnen waren mit Gräben und Palisaden
befestigt. Die Ringwallanlagen beziehungsweise
»Bronzezeitburgen« der Aunjetitzer Kultur hatten einen
oder zwei Gräben.
Die in den 1930-er und 1940-er Jahren untersuchten
Siedlungen von Roggendorf und Großmugl wurden von
32
Die Rekonstruktion der Siedlung Großmugl
bei Stockerau in Niederösterreich
mit so genannten »Wohngrubenhäusern«,
wie sie sich 1941 der Wiener Prähistoriker
Eduard Beninger (18971963) vorstellte,
gilt heute als überholt.
33
den damaligen Ausgräbern teilweise zu phantasievoll
gedeutet. So glaubte die Paläontologin Angela Stifft-
Gottlieb (18811941) aus Eggenburg, auf der Flur
Schmidafeld in Roggendorf
1
meistens fünfeckige, in den
Lößboden eingetiefte Grundrisse von Wohnstellen
erkannt zu haben. Vermeintliche Rampen im Löss fasste
sie als Bänke oder Sitze auf. Außerdem stieß sie auf
Feuergruben und ein Pfostenloch in der Mitte einer
Grube.
Zu ähnlichen Erkenntnissen kam Angela Stifft-Gottlieb
auf der Flur Oberfeld in Roggendorf
2
. Hier meinte sie,
rechteckige Wohngruben mit Vorplatz und Ein-
trittsrampe sowie eine Ofenanlage mit Rauchabzug
entdeckt zu haben. In Wirklichkeit handelte es sich nicht
um Wohngruben, sondern um Lehmentnahme-, Vor-
rats- beziehungsweise Abfallgruben.
Auch der Wiener Prähistoriker Eduard Beninger (1897
1963) irrte sich, als er 1941 die von ihm erforschte
Siedlung in Großmugl bei Stockerau
3
beschrieb. Zu
diesem Dorf gehörten nach seiner Auffassung 13
Siedlungsanlagen, nämlich rechteckige Hütten mit
Wänden aus Flechtwerk, Satteldach und Speicher. Die
dortigen Gruben betrachtete er als unterirdische
Wohnanlagen. Heute weiß man, dass es ehemalige
kellerartige Vorratsgruben für Getreide waren.
Die Lage der Kellergruben in Schleinbach
4
lieferte
Hinweise über die Verteilung der Hütten bezie-
hungsweise Häuser in den Siedlungen. Dort waren die
Kellergruben in Abständen von etwa zehn bis 15 Metern
angelegt worden. Dabei ließen sich weder Reihen noch
34
eine andere systematische Anordnung erkennen. An die
Wohnbauten grenzten möglicherweise häufig über-
dachte Werkstätten und vielleicht auch Ställe.
Bei Ausgrabungen in Fels am Wagram
5
und in Frieb-
ritz
6
kam jeweils der Grundriss eines Vorhallenhau-
ses (auch Megaron genannt) zum Vorschein. Diese
Gebäude dienten nach den Bestattungen in ihnen zu
schließen kultischen Zwecken. Untersuchungen auf
dem Haslerberg bei Eichenbrunn
7
förderten Hinter-
lassenschaften einer unbefestigten Höhensiedlung
zutage. Befestigte Höhensiedlungen erstreckten sich
nach Erkenntnissen des Wiener Prähistorikers Gerhard
Trnka auf dem Hausberg bei Oberschoderlee
8
, auf
einem Höhenrücken bei Kollnbrunn
9
, auf zwei Plateaus
bei Stillfried
10
und auf dem Michelsberg bei Stockerau
11
.
Sie konnten anhand von Keramikresten oder Bron-
zeobjekten der Aunjetitzer Kultur zugeordnet wer-
den.
Die befestigten Höhensiedlungen wurden an ge-
fährdeten Stellen durch Gräben und Palisaden vor
Feinden geschützt. Zum Aufschütten der mächtigen
Wälle verwendete man das aus den Gräben gehobene
Erdreich. Die Gräben hatten schräge Wände und waren
im Querschnitt trapezförmig.
Im Fall der kreisförmigen Befestigung auf dem
Hausberg bei Oberschoderlee weiß man nicht, ob diese
nur aus einem oder aus zwei Gräben bestand, weil der
größte Teil der Bergkuppe wegen Aufforstungen nicht
zugänglich ist. Der auf dem Luftbild gut erkennbare
»äußere« Graben hat einen Durchmesser von 112
35
Metern und ist acht Meter breit. Der vermeintliche
»Innengraben« erreicht höchstens 58 Meter Durch-
messer und vier Meter Breite.
Die befestigte Höhensiedlung bei Kollnbrunn wies
einen Durchmesser von maximal 120 Metern auf.
Sie wurde von zwei Gräben umgeben, die jeweils
die Form eines zu zwei Dritteln erhaltenen Kreises
besaßen. Vielleicht handelte es sich wie in Sumice
(Südmähren) um eine zweifache Kreisgraben-
anlage. Die beiden etwa 14 Meter voneinander ent-
fernten Gräben bei Kollnbrunn waren ursprünglich
wohl fünf bis sechs Meter breit sowie drei bis vier
Meter tief.
Eine der beiden Befestigungen bei Stillfried befand sich
südlich des Ortes am rechten Ufer der March. Sie lag
einst auf einer Lößterrasse, die an drei Seiten durch steil
abfallende Flanken auf natürliche Weise geschützt war.
Die Anlage wurde an der vierten Seite durch einen fünf
Meter breiten und zwei Meter tiefen Graben gesichert.
Inzwischen ist die Terrasse durch eine Ziegelei zerstört
worden, die dort Löß abgebaut hat. Dieser Fundort heißt
Stillfried-Ziegelei.
Die andere Befestigung vom Fundort Stillfried-Auhagen
lag auf einem Hang über dem rechten Marchufer. Deren
Erbauer hatten auf der flachen Südseite des Hanges
einen 200 Meter langen, sechs Meter breiten und bis zu
2,20 Meter tiefen Graben ausgehoben.
Auf dem Michelsberg bei Stockerau sicherte ein
zweifaches Graben- und Wallsystem die auf dem ovalen
100 Meter langen und 80 Meter breiten Gipfelplateau
36
errichtete Siedlung. Die zwei Gräben sind im Abstand
von etwa vier Metern errichtet worden.
Funde in Gaindorf belegen den Anbau der Getrei-
dearten Einkorn (Triticon monococcum) und Emmer
(Triticum dicoccon) sowie in Pulkau die Kultivierung von
Einkorn, Emmer und Weizen. Das Getreide wurde mit
Sicheln geschnitten, in deren Holzgriff scharfkantige
Klingen aus Feuerstein eingelassen waren. In Wil-
helmsdorf sind 15 Schneideneinsätze von zwei oder
mehr Sicheln geborgen worden. Sie weisen auf den
Längsseiten deutliche Gebrauchsspuren auf.
Knochen vom Rind, Schwein, der Ziege, vom Hund
und Pferd auf der Flur Todtenweg in Großmugl
veranschaulichen, welche Haustiere gehalten wurden.
Die Skelettreste des Hundes von Großmugl stammen
von einem etwa zwölf Wochen alten Tier mit einer
Rückenhöhe von etwa 30 Zentimetern. Unter den
Knochen von mehreren Hunden aus Jetzelsdorf bei
Haugsdorf befanden sich die eines zwei bis drei Monate
alten Welpen. Bei einem etwa zehn Jahre alten Hund
aus Herrnbaumgarten waren die Zähne schon stark
abgenutzt. In einem Grab von Schleinbach lagen Reste
vom Rind und das Stirnzapfenstück einer Ziege. Kopf
und Schultergürtel eines in einer Speichergrube von
Unterhautzenthal bestatteten Mannes waren mit
Knochen vom Rind und Pferd bedeckt.
Knochen vom Rothirsch (Cervus elaphus) und vom Reh
(Capreolus capreolus) in Großmugl sowie steinerne
Pfeilspitzen und Schalen von Flussmuscheln in Rog-
gendorf (Flur Steinleithen) belegen gelegentliche Jagd
37
und Sammeltätigkeit. Doch hauptsächlich ernährten sich
die damaligen Bauern von den Erträgen des Ackerbaus
und der Viehzucht.
Die Töpfer formten tönerne Henkeltassen, Näpfe,
Schalen, Töpfe, Henkeltöpfe, Siebgefäße und Löffel.
Die Keramik wurde meistens nicht verziert. Gefäße
mit dünnen Wänden aus schokoladebraunem bis
schwärzlichem Ton hat man hochglänzend poliert. In
Henkeltassen wurden manchmal Verzierungen eingeritzt
und mit weißer Masse gefüllt. Typische Ornamente sind
kombinierte waagrechte und senkrechte Linienbänder
sowie Zickzacklinien und Girlandenmuster mit Punkt-
reihen.
In Peigarten im Pulkatal barg man ein 20,8 Zentimeter
hohes Siebgefäß und eine acht Zentimeter hohe
Siebschüssel mit einem Mündungsdurchmesser von 22
Zentimetern. Unter den Keramikfunden von Bern-
hardsthal befanden sich auch zwei Zapfenstiel-Löffel.
Bei der Herstellung von metallenen Werkzeugen, Waffen
und Schmuckstücken setzte sich anstelle des Kupfers
immer mehr die Bronze als neuer Werkstoff durch. Die
gleichmäßige Form der Ringbarren aus Bronze deutet
darauf hin, dass diese als erstes genormtes Zahlungs-
mittel in fast ganz Europa dienten. Der Bedarf an
Bronzewaren wurde vermutlich durch wandernde
Händler und Metallhandwerker gedeckt.
Neben Werkzeugen aus Metall gab es weiterhin zahl-
reiche Geräte aus Knochen und Stein. So fand man in
Roggendorf (Flur Steinleithen) Knochenpfrieme und
in Niederkreuzstätten, Oberschoderlee, Schleinbach und
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Wilhelmsdorf sägeartige Feuersteinklingen. Von an-
deren Fundorten sind steinerne Unterlagsplatten und
Reibsteine zum Mahlen von Getreidekörnern, Klingen
für Flach-, Loch- und Walzenbeile bekannt.
Die Randleistenbeile mit metallener Klinge und
Holzschaft eigneten sich als Waffen, aber auch als
Werkzeuge zur Holzbearbeitung. Ein vollständig
erhaltenes und ein zerbrochenes Randleistenbeil wurden
in einem Depot von Schrick entdeckt.
Als weitere Waffen dienten meisterhaft zurecht-
geschlagene Feuersteindolche sowie Kupfer- und
Bronzedolche. Ein Feuersteindolch nordischer Herkunft
mit einer erhaltenen Grifflänge von 7,3 Zentimetern in
Stillfried-Auhagen zeugt von weitreichenden Tausch-
geschäften.
Bronzedolche lagen in Gräbern von Roggendorf-
Steinleithen. In Pranhartsberg und Feuersbrunn hat man
bronzene Stabdolche entdeckt, die als Statussymbol oder
Zeremonialgerät gelten.
Neben Anhängern aus Muschelschalen trugen die
niederösterreichischen Aunjetitzer auch kupferne und
bronzene Nadeln, Drahtschmuck, Ösenhalsringe,
Armspiralen, Blechmanschetten und Zierscheiben. Die
metallenen Schmuckstücke waren häufig gegossen statt
geschmiedet und überwiegend mit eingepunzten Linien
verziert.
Anhänger aus Muschelschalen wurden in Roggendorf-
Steinleithen und in der Ziegelei von Stillfried zutage
befördert. In Stillfried hat man aus einem Grab eine am
Wirbel künstlich durchbohrte Muschel und zwei
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Noppenringe geborgen. In Roggendorf kam in zwei
Gräbern je eine Muschelschale zum Vorschein.
Unter den zum Zusammenhalten von Kleidungsstücken
oder als Zierde verwendeten Nadeln gab es verschiedene
Varianten wie Rollenkopf-, Scheibenkopf- und Hül-
senkopfnadeln. So kennt man aus Niederrußbach eine
Nadel mit breitem Schleifenkopf und von anderen
Fundorten böhmische Ösennadeln. Letztere deuten auf
Kontakte mit böhmischen Aunjetitzern hin.
Die metallenen Ösenhalsringe erfreuten sich damals
offenbar großer Beliebtheit. Allein einer von zwei
Depotfunden auf dem Königsberg bei Roggendorf
12
umfasste insgesamt 37 größtenteils noch nicht fertige
Barrenringe dieser Form. Die Barrenringe waren
zwischen zwei Felsblöcken versteckt. Dabei handelt es
sich vermutlich um das Lager eines Händlers. Das andere
Bronzedepot ist verschollen.
Ein weiteres begehrtes Schmuckstück waren die
kupfernen Blechmanschetten vom Typ Borotice, die
nach ähnlichen Funden aus einem Gräberfeld der
Aunjetitzer Kultur in Mähren benannt sind. Diese
Armstulpen dürften wegen der kantigen Ränder der
Durchbohrungen auf einer Unterlage aus Leder oder
Stoff getragen worden sein. In Mähren wurden an 18
Fundorten und in Niederösterreich an sieben Orten
solche Blechmanschetten geborgen. Ihre reiche
Verzierung war mit einem Meißel eingepunzt wor-
den.
Blechmanschetten vom Typ Borotice kennt man
von den niederösterreichischen Fundorten Bullendorf
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(2 Exemplare), Neudorf bei Staatz (4), Patzmannsdorf
(2), Pfaffstätten (3), Schrick (2), Wartberg bei Putzing
und Niederrußbach (2). Mit Ausnahme des Grabfundes
bei Niederrußbach stammen alle anderen Blech-
manschetten aus Depots.
In dem Grab bei Niederrußbach war eine jugendliche
Person mit reichen Metallbeigaben bestattet. Sie trug
eine Nadel mit breitem Schleifenkopf, zwei Blech-
manschetten vom Typ Borotice, zahlreiche Schleifen-
und Spiralringe, Spiralröllchen und als Gürtelbesatz
gedeutete Blechfragmente.
Zum 1,5 Kilogramm schweren Depot von Schrick
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gehören neben dem bereits erwähnten Randleistenbeil
und dem Bruchstück eines weiteren ein Gürtelblech,
ein Spiralarmring, zwei ineinandergehängte große
Noppenringe und drei Ringbarren (Ösenhalsreifen). Der
Fund war beim Pflügen ans Tageslicht gekommen.
Ein seltenes Objekt aus einem der Gräberfelder von
Roggendorf verrät, dass die Aunjetitzer kleine tönerne
Handtrommeln besaßen. Sie waren einst mit einer
Tierhaut bespannt und wurden wohl mit bloßer Hand
bei Totenfeiern oder anderen Zeremonien geschlagen.
Ähnliche Tontrommeln gab es bereits in der Jung-
steinzeit um 5000 v. Chr. in Niederösterreich.
Die niederösterreichischen Aunjetitzer bestatteten ihre
Toten in Flachgräbern. Sie betteten sie meistens auf die
rechte Körperseite und zogen die Beine zum Körper
hin an. Der Kopf der Leiche lag generell im Süden.
Recht häufig hat man mehrere Verstorbene in einem
Grab beerdigt. Eine lockere Steinsetzung war in
Doris Probst
Dieser Titel ist Teil einer dreibändigen Taschenbuchreihe: Österreich in der Frühbronzezeit, Österreich in der Mittelbronzezeit, Österreich in der Spätbronzezeit.
on Saturday, September 10, 2011-