Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Begriffsklärungen. 4
1.1 Was ist Gewalt? 4
1.2 Was ist Aggression? 7
1.2.1 Arten von Aggression 10
1.3 Zum Verhältnis der Begriffe Gewalt’ und Aggression’ 13
2. Ausmaß und Erscheinungsformen von
Aggression und Gewalt in der Schule. 14
3. Ursachen für Gewalt an Schulen. 21
4. Theorien zur Erklärung von Aggression und Gewalt 24
4.1 Psychologische Theorien 25
4.1.1 Instinkt- und Triebtheorien 26
4.1.1.1 Psychoanalytische Triebtheorie 26
4.1.1.2 Ethologische Triebtheorie 27
4.1.2 Frustrations-Aggressions-Hypothese 29
4.1.3 Lernpsychologische Theorien 33
4.1.3.1 Klassisches Konditionieren. 34
4.1.3.2 Operantes Konditionieren 35
4.1.3.3 Lernen am Modell 37
4.2 Soziologische Theorien. 41
4.2.1 Anomietheorie. 42
4.2.2 Subkulturtheorie. 43
4.2.3 Etikettierungstheorie 45
5. Schlussfolgerungen aus den Theorien
zur Erklärung von Aggression und Gewalt. 48
6. Begriffsklärungen. 49
6.1 Was ist Gewaltintervention? 49
6.2 Was ist Gewaltprävention? 49
7. Zum Umgang mit schulischer Aggression. 52
7.1 Interventionsprogramm nach Olweus 52
7.2 Konzept Gestaltung - Öffnung - Reflexion’ nach Schirp. 60
Zusammenfassung. 70
Literaturverzeichnis 74
Einleitung
Das Phänomen der Gewalt 1 und der Aggression 2 in der Schule ist in Deutschland immer stärker in den Fokus des gesellschaftlichen, politischen und medialen Interesses geraten.
Als bisheriger negativer ‚Höhepunkt’ ist in Deutschland der Amoklauf des 17jährigen Schülers Tim K. in der Albertville-Realschule in Winnenden im März 2009 zu nennen.
Tim stürmte mit einem dunklen Tarnanzug bekleidet und einer Neun-Millimeter-Pistole bewaffnet in seine ehemalige Schule und erschoss mit gezielten Kopfschüssen acht Schülerinnen, einen Schüler sowie drei Lehrerrinnen. Die Tatwaffe hatte Tim offenbar aus dem Schlafzimmer seines Vaters entwendet, der als Mitglied eines Schützenvereins legal fünfzehn Schusswaffen besaß. Vierzehn Schusswaffen befanden sich gesichert in einem Tresor, die Tatwaffe jedoch ungesichert im Schlafzimmer.
Auf der Flucht vor der Polizei erschoss Tim noch drei weitere Menschen, verletzte zwei Polizisten schwer, bevor er von der Polizei angeschossen wurde und sich darauf hin selbst das Leben nahm. 3
Für diesen schulischen Amoklauf gibt es diverse mögliche Vorbilder: - 1999 erschießen zwei mit Sturmgewehren bewaffnete Schüler zwölf Mitschüler und einen Lehrer an der Columbine Highschool in Littleton / USA, bevor sie Selbstmord begehen. 4
- 1999 ersticht in Meißen / Deutschland ein 15-jähriger Gymnasiast mit Ankündigung seine Lehrerin. 5
- 2000 schießt ein 16-jähriger Schüler, der am Vortag von seinem Realschulinternat im bayrischen Brannenburg verwiesen wurde, dem Schulleiter in den Kopf und fügt sich anschließend selbst schwere Verletzungen zu. Das Opfer erliegt seiner Schusswunde. 6
1 Der Begriff ‚Gewalt’ wird in Kapitel 1.1 definiert.
2 Der Begriff ‚Aggression’ wird in Kapitel 1.2 definiert.
3 Vgl. Focus Online: Amoklauf in Winnenden.
4 Vgl. Sueddeutsche.de: Amokläufe an Schulen.
5 Vgl. Focus Online: Chronologie - Amokläufe an deutschen Schulen.
6 Vgl. Focus Online: Chronologie - Amokläufe an deutschen Schulen.
Einleitung Seite 1
Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
- 2002 tötet ein 22-jähriger Berufsschüler an einer Berufschule in Freising / Bayern drei Menschen, darunter seinen Schulleiter. 7 - 2002 zieht der 19-jährige Ex-Schüler Robert Steinhäuser schwer bewaffnet durch das Erfurter Gutenberg-Gymnasium und erschießt acht Lehrerinnen, vier Lehrer, eine Schülerin, einen Schüler, die Sekretärin und einen Polizisten, bevor er sich selbst tötet. 8
- 2006 überfällt ein 18-jähriger mit Gewehren und Rauchbomben im westfälischen Emsdetten seine frühere Schule, verletzt 37 Menschen und begeht Selbstmord. 9
Der Amoklauf ist ein sehr extremer Ausdruck der Aggression in Schulen, daneben existieren viel alltäglichere Formen von Gewalt und Aggression im schulischen Alltag, wie z. B.:
Beleidigungen, Erniedrigungen, Provokationen, Sabotage des Unterrichts, emotionale Erpressung, Bullying, Beschimpfungen, Hänseleien, Schlagen, Treten, Raufen, Mobbing, Beschädigung, Vandalismus, Diebstahl etc.. 10 Diese Symptome zeigen sich nicht nur zwischen den Schülern, sondern auch zwischen Lehrern und Schülern.
Da stellt man sich die Frage: Werden diese Probleme aus dem außerschulischen Bereich in die Schule hineingetragen? Oder sind die institutionellen Gegebenheiten von Schule Verursacher von Aggression und Gewalt?
Die Institution Schule sollte Theorien zur Erklärung von Aggression bzw. Gewalt und damit einhergehend auch Modelle und Maßnahmen zur Prävention und Intervention kennen.
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich aufgrund der hohen Relevanz des Themas mit den Möglichkeiten einer Reduzierung von schulischen Aggressions- und Gewaltphänomenen. Hierzu wird folgendermaßen vorgegangen:
7 Vgl. Focus Online: Chronologie - Amokläufe an deutschen Schulen.
8 Vgl. Archiv der Jugendkulturen (Hrsg.) (2003): Der Amoklauf von Erfurt. Berlin: Thomas Tilsner Verlag. S. 9.
9 Vgl. Focus Online: Chronologie - Amokläufe an deutschen Schulen.
10 Vgl. Gugel, Günther (2010): Handbuch Gewaltprävention II. Tübingen: Institut für Friedenspädagogik. S. 94f.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
Zu Beginn findet eine Begriffsklärung der Termini ‚Gewalt’ und ‚Aggression’ im ersten Kapitel statt. Es wird eine Übersicht über die verschiedenen Arten von Aggression geliefert und aufgezeigt, wo es zu Überschneidungen der Begriffe ‚Gewalt’ und ‚Aggression’ kommt.
Im zweiten Kapitel werden Ausmaß und Erscheinungsformen von Aggression und Gewalt in der Schule unter Einbezug der empirischen Datenlage vorgestellt. Anschließend werden die Ursachen für Gewalt an Schulen im dritten Kapitel dargelegt.
Einen Überblick über die klassischen Theorien zur Erklärung von Aggression und Gewalt wird im vierten Kapitel gegeben, unterteilt in psychologischen und soziologischen Theorien. Für die jeweiligen Theorien wird anschließend eine Bewertung vorgenommen.
Im folgenden Kapitel werden Schlussfolgerungen aus den Theorien zur Erklärung von Aggression und Gewalt gezogen und Ziele für die schulische Gewaltprävention und -intervention genannt.
Danach folgt im sechsten Kapitel eine Definition der Begriffe Gewaltintervention und -prävention.
Im siebten Kapitel werden zwei schulische Präventionsmaßnahmen bzw. Interventionsmaßnahmen vorgestellt und bewertet. Am Ende der vorliegenden Arbeit steht eine Zusammenfassung.
Wenn in dieser Arbeit im Folgenden von Schülern und Lehrern gesprochen wird, dann sind selbstverständlich auch Schülerinnen und Lehrerinnen gemeint.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
1. Begriffsklärungen
Da im wissenschaftlichen Kontext die Begriffe ‚Gewalt’ und ‚Aggression’ unterschieden werden, soll dies auch in der vorliegenden Arbeit passieren.
1.1 Was ist Gewalt?
Für den Begriff der ‚Gewalt’ existieren in der Literatur verschiedene Bedeutungen.
Gewalt ist ein Phänomen, das nicht wirklich klar definiert und abgegrenzt werden kann, weder in der Wissenschaft, noch im Alltag und nur in der Vielfalt seiner Formen zu begreifen ist.
Im Alltagsverständnis erfährt der Gewaltbegriff eine negative Nuancierung und es wird keine Abgrenzung zum Begriff der ‚Aggression’ vorgenommen. Oft werden verschiedene Dinge gleichzeitig als Gewalt bezeichnet: Raub- und Morddelikte, Vandalismus oder Ausschreitungen bei Massenveranstaltungen. 11 Man erkennt, dass, wenn von Gewalt gesprochen wird, schwere, körperliche Formen der Aggression gemeint sind.
Darüber hinaus finden sich im deutschen Sprachraum auch positivere Konnotationen für den Begriff der Gewalt: Er ist auch eine Bezeichnung für die Staatsgewalt und deren Träger und weist damit auf eine gestaltende und ordnende Funktion hin. 12
Der wissenschaftliche Gebrauch unterscheidet sich stark von dem alltagssprachlichen Gebrauch:
Die unabhängige Regierungskommission zur Verhinderung und Bekämpfung von Gewalt (Gewaltkommission) hat 1990 in ihrem Gutachten folgenden Gewaltbegriff zugrunde gelegt, der Gewalt als „zielgerichtete, direkte physische Schädigung von Menschen durch Menschen erfasst.“ 13 Ergänzend wird auch „der körperliche Angriff auf Sachen“ 14 in den Gewaltbegriff miteinbezogen. Laut diesem Minimalkonsens der Definition des Gewaltbegriffs geht die Gewaltkommission vornehm-
11 Vgl.Gugel, Günther: Handbuch Gewaltprävention II. S. 54.
12 Vgl. ebd.
13 Schwind, Hans-Dieter (Hrsg.) et al. (1990): Ursachen, Prävention und Kontrolle von Gewalt. Berlin: Duncker und Humblot Verlag. S. 36.
14 Ebd. S.36.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
lich von Gewalt im Sinne von physischen Handlungen gegen einen anderen Menschen oder einen Gegenstand aus. Auch die Weltgesundheitsorganisation (WHO) versteht unter dem Begriff Gewalt den „absichtliche[n] Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft, die entweder konkret oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklungen oder Deprivation führen.“ 15 Diese Definition umfasst nicht nur die zwischenmenschliche Gewalt, sondern auch die Gewalt gegen sich selbst, also das selbstschädigende Verhalten und zusätzlich noch die Auseinandersetzung zwischen Gruppen.
Gewalt kann man aber nicht nur in ‚physische Gewalt’, sondern auch in ‚psychische Gewalt’ unterteilen. Zur psychischen Gewalt zählen vor allem verbale Aggressionen, wie Beleidigungen und Drohungen, aber auch nonverbale, wie Gestiken oder Grimassen schneiden. 16
Doch der wissenschaftliche Sprachgebrauch des Begriffs ‚Gewalt’ wurde stark von dem Gewaltbegriffs Johan Galtungs geprägt. GALTUNG, als ein Vertreter des gewaltstrukturellen Ansatzes, hat Ende der 1960er Jahre die Unterscheidung von personaler und struktureller Gewalt eingeführt und Anfang der 1990er Jahre noch durch den Begriff der kulturellen Gewalt ergänzt. Nach Galtung liegt Gewalt dann vor, wenn „Menschen so beeinflusst werden, dass ihre tatsächliche körperliche und geistige Verwirklichung geringer ist, als ihre mögliche Verwirklichung.“ 17
Nach dieser Definition ist Gewalt die Ursache für den Unterschied zwischen dem, was sein könnte, dem Potentiellen und dem was ist, dem Aktuellen. Gewalt ist folglich das, was den Abstand zwischen dem Potentiellen und dem Aktuellen vergrößert oder die Verringerung des Abstandes erschwert.
Bei personeller Gewalt sind nach Galtung Täter und Opfer eindeutig identifizierbar und zuzuordnen.
15 Gugel, Günther: Handbuch Gewaltprävention II. S. 57.
16 Vgl. Bäuerle, Siegfried (1999): Ursachen von Gewalt in der Schule. In: Petersen, Jörg (Hrsg.) (1999): Gewalt in der Schule. Donauwörth: Auer Verlag. S. 9.
17 Gugel, Günther: Handbuch Gewaltprävention II. S. 56.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
Auch die strukturelle Gewalt bringt Opfer hervor. Verantwortlich sind hier jedoch spezifische organisatorische oder gesellschaftliche Strukturen und Lebensbedingungen.
Mit kultureller Gewalt meint Galtung Ideologien, Überzeugungen, Überlieferungen und Legitimationssysteme, mit deren Hilfe direkte oder strukturelle Gewalt ermöglicht und gerechtfertigt werden. 18
Diese drei Arten der Gewalt fasst Galtung zusammen zum ‚Dreieck der Gewalt’.
Abbildung: ‚Das Dreieck der Gewalt’, nach GALTUNG, 1993 19
Mit dem ‚Dreieck der Gewalt’ will Galtung ein System zeigen, das sich selbst stabilisiert, da gewalttätige Kulturen und Strukturen direkte Gewalt hervorbringen und reproduzieren.
Bezieht man Galtungs Gewaltbegriff allerdings auf die Institution Schule, würde dann Gewalt vorliegen, wenn Schüler durch die institutionellen Gegebenheiten von Schule, beispielsweise zu großen Schulklassen und damit einhergehender mangelnder individueller Förderungsmöglichkeiten, sich nicht gemäß ihren potentiellen geistigen Fähigkeiten verwirklichen könnten.
18 Vgl. Gugel, Günther: Handbuch Gewaltprävention II. S. 56.
19 Ebd. S. 56.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
Ob man das obige Gewaltphänomen als gewaltsam erlebt, hängt von dem Bezugssystem und der Interpretation der Beteiligten ab und kann durchaus auch kritisch gesehen werden. Unstrittig ist, dass es nicht reicht, Gewalt lediglich als menschliches Verhalten zu begreifen. Will man Gewalt als komplexes Phänomen verstehen, muss man auch religiöse, kulturelle und gesellschaftliche Legitimationssysteme und gesellschaftliche Strukturen berücksichtigen. In der vorliegenden Arbeit werden für den Terminus ‚Gewalt’ die Definitionen von Galtung, der Gewaltkommission und der WHO nicht alternativ, sondern ergänzend gebraucht, denn die Kombination dieser Gewaltverständnisse erscheint zur Zeit am differenziertesten und am geeignetesten, da Gewaltprävention einen Gewaltbegriff braucht, der ein umfassendes Verständnis von Gewalt ermöglicht und die vielfältigen Formen und Ebenen von Gewalt einschließt.
1.2 Was ist Aggression?
Der Begriff der ‚Aggression’ ist in der Alltagssprache weit weniger geläufig als der Begriff der ‚Gewalt’.
Der Begriff ‚Aggression’ leitet sich vom lateinischen „aggreddi“ ab und bedeutet „etwas in Angriff nehmen“ im Sinne von jemand geht offensiv auf etwas zu. 20 Somit beschreibt der Begriff der Aggression ursprünglich ein prosoziales Verhalten. Eine Begriffsverwirrung entsteht dadurch, dass man „etwas in Angriff nehmen“ auch auf eine zweite Art deuten kann, nämlich die, des „schädigende[m], gewalttätige[m] Angriffsverhalten[s]“. 21 Diese Auslegung wird negativ konnotiert.
Im wissenschaftlichen Sprachgebrauch hat sich durchgesetzt unter dem Begriff der Aggression destruktive bzw. schädigende Handlungen und Verhaltensweisen zu verstehen, die von Einzelpersonen ausgehen, da sonst praktisch jedes mögliche menschliche Verhalten als eine Aggression aufgefasst werden kann. 22
20 Vgl. Verres, Rolf; Sobez, Ingrid (1980): Ärger, Aggression und soziale Kompetenz: zur konstruktiven Veränderung destruktiven Verhaltens. Stuttgart: Klett-Cotta-Verlag. S. 33.
21 Ebd. S.33.
22 Vgl. ebd. S.33.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
Da eine Vielzahl von Begriffsdefinitionen nebeneinander existieren, werden auf-grund dieser Fülle nur die wichtigsten ausgewählten Beispiele wiedergegeben: DOLLARD et al. definieren Aggression allgemein als „eine Handlung, deren Zielreaktion die Verletzung eines Organismus (oder Organismus-Ersatzes) ist.“ 23 Diese Definition ist deutlich an behaviouristischen Kriterien orientiert: Aggression wird nicht nur als ein spezifisches Verhalten beschrieben, sondern durch den Begriff der ‚Zielreaktion’ soll weiterhin deutlich werden, dass eine aggressive Handlung immer auch eine Intention hat und somit nicht zufällig passiert. 24 BANDURA charakterisiert Aggression als „schädigendes und destruktives Verhalten […], das im sozialen Bereich auf der Grundlage einer Reihe von Faktoren als aggressiv definiert wird, von denen einige eher beim Beurteiler als beim Handelnden liegen.“ 25 Banduras Definition von Aggression ist weiter gefasst, als die von Dollard: Ob die Bezeichnung Aggression für ein Handeln verwendet wird, hängt nach dieser Definition wesentlich vom jeweiligen Bezugssystem der Beurteilenden ab. Hier wird berücksichtigt, dass es oftmals kein eindeutiges Bezugssystem für die Klassifikation aggressiven Verhaltens gibt. 26 Nach SELG besteht eine „Aggression […] in einem gegen einen Organismus oder ein Organismussurrogat gerichtetes Austeilen schädigender Reize; eine Aggression kann offen (körperlich, verbal) oder verdeckt (phantasiert), sie kann positiv (von der Kultur gebilligt) oder negativ (missbilligt) sein.“ 27 VERRES und SOBEZ vertreten folgende Begriffsdefinition nach SCHMIDT -MUMMENDEY von 1972: „Aggressionen sind jene Verhaltensweisen, die 1. gegen einen Gegenstand oder einen anderen Menschen gerichtet sind, und die 2. für den, der sich gerade aggressiv verhält, eine subjektive Wahrscheinlichkeit aufweisen, diesen Gegenstand oder Menschen auch zu erreichen und damit ent-
23 Dollard,John et al. (1971): Frustration und Aggression. Weinheim, Berlin, Basel: Julius Beltz Verlag. S. 19.
24 Vgl. Bierhoff, Hans Werner (Hrsg.) (1998): Aggression und Gewalt. Stuttgart, Berlin, Köln: W. Kohlhammer Verlag. S. 5.
25 Bierhoff, Hans-Werner (Hrsg.): Aggression und Gewalt. S. 5.
26 Vgl. ebd. S. 5.
27 Bierhoff, Hans-Werner (2006): Sozialpsychologie. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag. S. 168.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
weder jene aus seinem Weg zu räumen oder ihnen unangenehme oder schädliche Reize zuzufügen oder beides.“ 28
Auch diese Definition der Aggression basiert wieder auf der beabsichtigten Schädigung eines Menschen oder eines Gegenstandes.
Eine sehr umfassende Definition von Aggression stellt ZILLMANN (1979) vor. Eine Aktivität ist dann als Aggression zu definieren, „wenn von der handelnden Person versucht wird, einer anderen Person körperlichen Schaden oder physischen Schmerz zuzufügen, und wenn das Opfer gleichzeitig danach strebt, eine solche Behandlung zu vermeiden.“ 29 Aggression liegt also nur dann vor, wenn die Zielperson diese Zufügung von Schmerzen etc. vermeiden will. GUGEL zitiert aus dem dtv-Wörterbuch zur Psychologie, in dem Aggression wie folgt definiert wird: „Allgemeine und umfassende Bezeichnung für gehäuft auftretendes feindseliges, sich in verbalen oder tätlichen Angriffen äußerndes Verhalten bzw. das Überwiegen feindselig-ablehnender und oppositioneller Einstellungen beim Menschen.“ 30
Diese sehr weit gefasste Definition scheint eine gute Grundlage für pädagogische Denk- und Handlungsansätze zu sein, da sie die wichtigsten Tatbestände umfasst und durch den Einschluss von „feindselig-ablehnender und oppositioneller Einstellungen“ den Horizont pädagogischer Zielvorstellungen, wie z. B. der Förderung der sozialen Kompetenz miteinschließt.
Es stellt sich zusammenfassend heraus, dass es nahezu unmöglich ist, eine Aggressionsdefinition zu finden, die alle offenen und verdeckten Formen menschlicher Aggression zu umfassen vermag, deshalb dient für die vorliegende Arbeit die Definition aus dem dtv-Wörterbuch zur Psychologie als Basis, da diese aufgrund ihrer pädagogischen Interpretierbarkeit am brauchbarsten erscheint.
28 Verres, Rolf; Sobez, Ingrid: Ärger, Aggression und soziale Kompetenz: zur konstruktiven Veränderung destruktiven Verhaltens. S. 49.
29 Bierhoff, Hans-Werner (Hrsg.): Aggression und Gewalt. S. 6.
30 Gugel, Günther (1983): Erziehung und Gewalt. Waldkirch: Waldkircher Verlag. S. 12.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
1.2.1 Arten von Aggression
Aggression erscheint in vielfältigen körperlichen und sprachlichen Erscheinungs-formen.
Eine Aufzählung über die Aggressionsarten wird nachfolgend getätigt und folgt der Systematik nach Zillmann (1979).
Zillmann unterteilt Aggression gegen andere in unterschiedliche Typen: - „offensiv, ohne dass ein erkennbarer Anlass im Verhalten der Zielperson der Aggression erkennbar ist,
- defensiv im Sinne einer Abwehr eines aktuellen oder früheren Angriffs, - vergeltend im Sinne einer Kompensation für die Folgen eines früheren Angriffs der Zielperson, - provoziert und reaktiv, - unprovoziert und spontan, - Bestrafung entfliehend (Ärger-motiviert),
- Belohnung suchend (Anreiz-motiviert im Sinne instrumenteller Ausübung von Gewalt; man spricht daher auch von instrumenteller Aggression), - sanktioniert (auf sozial akzeptierte Ziele gerichtet, nicht notwendigerweise durch Gesetze gedeckt), - legal (auf der Basis von staatlichen Gesetzen) - gerechtfertigt in den Augen der Angreifer, der Zielperson oder von Zeugen.“ 31
Ergänzend dazu unterscheidet NOLTING die Aggressionsarten noch nach ihren Handlungskontexten (Individualität und Kollektivität). Mit individueller Aggression bezeichnet Nolting das aggressive Verhalten eines einzelnen Menschen, während er von kollektiver Aggression spricht, wenn mehrere Menschen miteinander gegen einen anderen oder mehrere andere Menschen aggressiv sind. Kollektive Aggression kann einen organisierten Charakter haben (Krieg, politische Gewalt, organisierte Kriminalität, etc.).
Es ist deshalb sinnvoll die Aggressionsarten noch zusätzlich nach ihren Handlungskontexten zu unterscheiden, da bei kollektiver Aggression der Einzelne ganz anderen situativen Einflüssen ausgesetzt ist, als alleine. Die stimulierenden Ver-
31 Bierhoff,Hans-Werner: Sozialpsychologie. S. 169.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
haltensweisen anderer Personen machen es möglich, dass Menschen Dinge tun, die sie als Einzelne vermutlich niemals tun würden. 32 Nolting hat die Unterschiede der Handlungskontexte in einer Tabelle zusammengestellt, die an dieser Stelle übernommen wird.
Tabellarische Übersicht: Typische Unterschiede zwischen individueller und kollektiver, organisierter Aggression 33
Des Weiteren unterscheidet Nolting nach den Motiven der Aggression (Vergeltung, Abwehr, Erlangung und Spontanität) und stellt dies in einer Übersicht dar,
32 Vgl. Nolting, Hans-Peter (1993): Kein „Erklärungseintopf“ - Ein Überblick aus psychologischer Sicht. In: Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.) (1993): Aggression und Gewalt. Stuttgart, Berlin, Köln: W. Kohlhammer Verlag. S. 18.
33 Ebd. S. 18.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
die ebenfalls übernommen wird. Diese Unterscheidung der Arten aggressiven Verhaltens erscheint besonders für die Unterscheidung von Aggression in der Schule sinnvoll.
Übersicht: Arten der Aggression - unterschieden nach Art der Motivation 34
- Vergeltungsaggression: Zielgerichtete Antwort auf Provokationen, Kränkungen usw. Will Schmerz zufügen, um etwas „heimzuzahlen“. Beruht auf feindseligen Ärgergefühlen gegen bestimmte Personen (Groll, Hass u. dgl.)
- Abwehr-Aggression: Eine Form instrumenteller Aggression. Dient dem eigenen Schutz bzw. der Schadensabwendung. Die Schmerzzufügung ist dabei nur Mittel zum Zweck und würde unterlassen, wenn man sich anders zu schützen wüsste. Wird getragen von Gefühlen zwischen Angst und Ärger.
- Erlangungs-Aggression: Ebenfalls instrumentell. Dient Nutzeffekten wie Durchsetzung, Bereicherung, Beachtung, Anerkennung. Schmerzzufügung, ist nur Mittel zum Zweck. Wird zuweilen relativ kühl und überlegt ausgeführt.
- Spontane Aggression: Die Vergeltung wird nicht auf Nutzeffekte, sondern auf emotionale Befriedigung gerichtet. Ist aber keine Reaktion auf eine Provokation, sondern wird spontan „gesucht“, vermutlich weil die Schmerzzufügung mit Nervenkitzel und / oder Stärkegefühl verbunden ist.
Ausgelassen wurde an dieser Stelle der Terminus „Unmutsäußerung, expressive Aggression“, da diese keine Aggression im engeren Sinne ist, sondern ein impulsiver Affektausdruck.
Besonders interessant aus erziehungswissenschaftlicher Sicht ist der noch hinzuzufügende Bereich der Selbst- bzw. Autoaggression, bei denen Menschen sich selber Schädigungen psychischer oder physischer Art zufügen. Ausprägungen
34 Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hrsg.): Aggression und Gewalt. S. 19.
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dieser Selbst- bzw. Autoaggressionen können Essstörungen, Selbstverletzungen, Drogensucht, Alkoholsucht, Nikotinsucht etc. bis hin zum Suizid sein. 35
1.3 Zum Verhältnis der Begriffe ‚Gewalt’ und Aggression’
Wie bereits angedeutet, gibt es zwischen den Begriffen der Gewalt und der Aggression Überschneidungen.
Der Begriff Gewalt wird nicht nur häufig auch synonym zu dem Begriff Aggression gebraucht, sondern auch als Teilmenge von Aggression verstanden oder auch als Vorform von Aggression.
Nach den in dieser Arbeit zu Grunde liegenden Definitionen, wird Gewalt als eine extreme Form der Aggression verstanden, die darüber hinaus zwischen personaler, struktureller und kultureller Gewalt unterschieden werden.
35 Vgl. Struck, Peter (1995): Zuschlagen, Zerstören, Selbstzerstören: Wege aus der Spirale der Gewalt. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft Darmstadt. S. 23ff.
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Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention
2. Ausmaß und Erscheinungsformen von Aggression und
Gewalt in der Schule
Verfolgt man die öffentliche Diskussion, herrscht häufig die Annahme vor, dass die ‚Jugendgewalt’ und darin eingeschlossen die Gewalt an Schulen, ständig zunimmt und die Täter immer jünger und immer brutaler werden, wobei brutale Einzelfälle oft zu Tendenzen stilisiert werden. Entspricht das der Wahrheit oder handelt es sich hier nur um ‚Panikmache’?
Laut SCHUBARTH kann die empirische Datenlage eine solche Annahme bisher nicht bestätigen, vielmehr sei die Befundlage z. T. widersprüchlich, was Schubarth vor allem in der Problematik der unterschiedlichen Begriffsverständnisse, methodologischen und methodischen Verfahren der Studien sowie der unterschiedlichen Einordnung und Bewertung der Befunde begründet sieht. Erschwerend kommt nach Schubarth hinzu, dass durch die öffentlichen Debatten das Gewaltverständnis bestimmten Wandlungen unterliegt und eine möglicherweise gestiegene Sensibilität das Anzeigeverhalten für verschiedene Gewaltformen beeinflusst. 36
Laut Gugel gibt es für Deutschland keine flächendeckenden Untersuchungen zur Gewalt an Schulen, jedoch gibt es eine Vielzahl von regionalen Arbeiten. 37 Schubarth stellt anhand von mehreren Studien übergreifende Ergebnisse der empirischen schulbezogenen Gewaltforschung heraus, an denen sich diese Arbeit orientieren wird.
Für Schubarth ist Jugendgewalt ein „episodenhaftes Phänomen“, da die Alterskurve der Tatverdächtigen ab 14 Jahren stark ansteigt, je nach Deliktart zwischen 16 und 21 Jahren ihren Höhepunkt erreicht und dann wieder absinkt. 38 Die ‚Gewaltspitze’ sehen Tillmann u. a. in der 8. / 9. Klasse. Dies zeigt, dass Gewaltphänomene in der Schule verstärkt im Kontext der Pubertät auftreten. Ebenso weisen die Opferraten zwischen 14 und 21 Jahren die höchsten Werte auf, wobei laut Schubarth Jugendliche ihre Gewalthandlungen überwiegend zwischen ihresglei-
36 Vgl.Schubarth, Wilfried (2010): Gewalt und Mobbing an Schulen. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag. S. 57f.
37 Vgl. Gugel, Günther: Handbuch Gewaltprävention II. S. 97.
38 Schubarth, Wilfried (2010): Gewalt und Mobbing an Schulen. S. 62.
Ausmaß und Erscheinungsformen von Aggression und Gewalt in der Schule Seite 14
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Arbeit zitieren:
Jennifer Keller, 2011, Gewalt in der Schule - Analyse und Prävention, München, GRIN Verlag GmbH
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