1.Einleitung
Mein Interesse für dieses Thema wurde geweckt durch das Seminar „Eva, Kain & Co.“. Ein Referat zu dem Thema „Kain - historisch“ eröffnete mir viele neue Denkansätze von der Sünde zu reden. Besonders der Aspekt der Ursünde war für mich ein völlig neuer Gedanke, den ich vorher noch nicht bedacht hatte. Diese neuen Perspektiven faszinierten mich und ich fing an mir weitere Fragen zu der Sünde zu stellen außerhalb des Seminars.
Was ist eigentlich mit der Sünde heute? Mein erster Gedanke: „Der Begriff Sünde klingt so altmodisch, der wird heute kaum noch benutzt.“ Durch erste Recherchen im Internet kam ich jedoch zu einem gegenteiligen Ergebnis. Allein die Eingabe des Wortes „Sünde“ bei Google leitet mich nicht, wie gedacht, auf religiöse Internetseiten, sondern auf Links, deren Inhalt nichts mit dem theologischen Reden von Sünde zu tun hat. Angeboten wird mir beispielsweise der „Sündenrechner“, der mir meine Tatsünden zusammenrechnet oder auch eine „verführerische Programmzeitschrift“ namens „TVSünde“.
Im ersten Teil meiner Bachelorarbeit untersuche ich folglich die Fragen: Was ist Sünde heute? Welche Bedeutungen und Deutungen stecken noch hinter diesem Begriff? Und warum hat er sich so gegensätzlich zur Theologie entwickelt?
Was sagt die Bibel zur Sünde? wird die Hauptfrage des zweiten Teils sein. Erforschen werde ich diese anhand der Erzählung von Kain und Abel. Der Grund für die Erwählung dieser Bibelstelle liegt darin, dass erst hier der Begriff der „Sünde“ genannt wird und nicht, wie vielleicht viele denken, in der „Sündenfallgeschichte von Adam und Eva“. Mich interessiert, wie die Bibel von der Sünde spricht. Welche Bedeutung und Folge hatte die Sünde für die Menschen?
Im dritten Teil untersuche ich eine zeitgenössische Theologin, die sich mit dem Sündenbegriff beschäftigt hat. Bei Dorothee Sölle (Balz-Otto, Ursula; Steffensky, Fulbert(hrsg.): Dorothee Sölle: Gesammelte Werke. Band 9, Gott denken. Stuttgart 2009.) fand ich einige gute Ansätze und Übereinstimmungen mit meinem eigenen Sündenverständnis. Dorothee Sölle hat ihre Arbeit anhand von verschiedenen Sündendeutungen aufgebaut. Es beginnt mit dem christlichen Konzept der Sünde, dessen wichtigste Punkte ich kurz darlegen möchte. Darauf möchte ich die Sünde anhand der drei Paradigmen (orthodox, liberal, befreiungstheologisch) untersuchen und vergleichen.
Als Fazit werde ich mein eigenes Urteil zur Sünde erläutern bezogen auf das Reden der Sünde im Alltag, in der Bibel und bei der Theologin Dorothee Sölle.
2
2. Was ist Sünde heute?
Startet man die Homepage des Radiosenders 89.0RTL, gelangt man direkt auf die Aktion „89.0RTL zahlt Deine Sünden“. Umrandet wird diese mit einem Bild von zwei jungen Erwachsenen. Beide halten ein Schild auf Höhe ihres Brustbereiches auf dem ihre Tat („Auto geschrottet“, „zu viel geshoppt“), sowie ein Datum steht. Der Vergleich mit einem Foto für die Verbrecherkartei ist nicht zu übersehen.
Jeden Morgen um 07.05Uhr erzählt ein neuer Kandidat seine Sündengeschichte bei 89.0RTL. Diese reichen vom falsch getankten Benzin bis hin zum kaputten Fernseher resultierend aus einem Ehestreit oder auch zerstörte Fotostudios aufgrund eines ungeschickten Models. Nun kann der Zuhörer entscheiden, ob der jeweilige Sünder Gnade erhält und ihm sein Vergehen bezahlt wird oder, ob er doch allein dafür büßen muss. 1
Wenn jemand im Alltag von Sünde spricht, dann geschieht das nicht mehr auf eine seriöse Art, sondern eher auf eine, die belächelt wird, als radikale Ablehnung, als lustbetonte Übertretung, wie der Verstoß gegen Diätvorschriften, oder als Verharmlosung: Sünde im Sinne des Verkehrssünder über den eine Akte in Flensburg geführt wird. 2 Man spricht höchstens von Entgleisungen oder missglückter Affektkontrolle. Keinem bereitet es mehr Kopfschmerzen oder ein schlechtes Gewissen, wenn man mal eine Sünde begeht. Im Gegenteil sie wird gerechtfertigt durch Sätze wie „man gönnt sich ja sonst nichts“ oder „ich hatte eben Lust dazu“. 3 Dies liegt vor allen Dingen daran, dass der Sündenbegriff heutzutage sehr leichtfertig gebraucht und verharmlost wird, wie die Werbung von Langnese zeigt. Eis wird zur „sündigen Verführung“. 4
2003 war der erste ökumenische Kirchentag in Berlin. Pünktlich zu diesem Ereignis präsentiert der Eishersteller Langnese seine neuesten Varianten der Eissorte Magnum benannt nach den sieben Todsünden. 5 „Die neuen Geschmacksrichtungen des Magnum-Eises seien passend zu den Merkmalen jeder Sünde entworfen worden, erklärte Langnese. Der Langnese-Marketing-Chef Harald Melwisch versicherte indes, die Aktion solle keinen Bezug zur Religion haben, sondern verpacke nur die Idee der Verführung in lockerer Form: "Wir spielen nur ein bisschen keck mit der täglichen kleinen Sünde."“ 6
1 vgl. http://89.0rtl.de/index.php
2 vgl. Dutine, Birgit: Heutiges Sündenverständnis und neue Ansätze von Schuld in der Auseinandersetzung mit dem heutigen theologischen Sündenverständnis.
3 vgl. Blickpunkt 2000.
4 vgl. Dutine, Birgit: Heutiges Sündenverständnis und neue Ansätze von Schuld in der Auseinandersetzung mit dem heutigen theologischen Sündenverständnis.
5 vgl. Berliner Zeitung: Sieben süße Todsünden.
6 ebd.
3
Ein weiterer Grund für die heutige Begriffsdefinition von Sünde ist, dass Normen und Werte in ihrer Wertigkeit innerhalb der Gesellschaft sinken oder ganz aufgehoben werden. Als Beispiel dient hier die Hausfrau, die bei der Steuererklärung schummelt. Solch eine Straftat wird heut eher als „Kavaliersdelikt“ bezeichnet, da hier nicht jemandem persönlich geschadet wird, sondern lediglich dem Staat, von dem man sich nur das zurückholt, was einem zusteht. Genau hier verkennt man die eigentliche Bedeutung einer gültigen Norm und übersieht damit auch die Sünde. Keiner würde darüber nachdenken, dass diese Taten das siebte Gebot „du sollst nicht stehlen“ (Ex 20,15) brechen. 7
Bedauert wird eine Sünde meist nur, wenn es zu unangenehmen Begleiterscheinungen kommt und die übermäßige Impulsivität oder Trägheit in Gestalt von Süchten, Aggressivität oder zerstörter Beziehungen folgt. 8
Auf der anderen Seite neigen unsere heutige Gesellschaft sowie Politik und Wirtschaft immer mehr dazu das Gewissen zu vergessen. Sünde ist so sehr zu einem Fremdwort geworden, dass viele gar nicht mehr wissen, was es bedeutet. Daraus folgt, dass es für viele den Begriff Sünde gar nicht mehr gibt. Und wo es keine Sünde gibt, gibt es auch kein Verbot, keine Schuld und kein Gewissen. Aber was ist mit Gewalt, Lüge und wie gehen wir mit Egoismus, Menschenverachtung und Gottlosigkeit um? Wissen wir überhaupt noch, was richtig oder falsch ist, wenn kaum noch jemand die zehn Gebote kennt? Gebote, die das gesellschaftliche Zusammenleben halten und positiv gestalten sollen, geraten immer mehr in den Hintergrund und werden vergessen. Folge ist die Orientierungslosigkeit der Menschen durch fehlende sichere Normen und Werte. 9
Das fehlerhafte Verständnis von Sünde, geprägt durch Massenmedien, fehlende Orientierung des Elternhauses und der beängstigenden Veränderung in unserer Gesellschaft, führt dazu, dass ursprüngliche Normen und Werte ganz andere Bedeutungen bekommen. Mitleid wird als Schwäche bezeichnet, Liebe wird zu Sex degradiert, und Unrecht wird zu Recht. Paare, die früher „in Sünde“ lebten, leben heute einfach zusammen. Wer früher ein Ehebrecher war, hat heute eine Affäre. Das Abnormale wird immer mehr zur Norm erhoben. Die Bibel hat vor solchen Entwicklungen stets gewarnt: „Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen!" (Jesaja 5,20) 10
7 vgl. Dutine, Birgit: Heutiges Sündenverständnis und neue Ansätze von Schuld in der Auseinandersetzung mit dem heutigen theologischen Sündenverständnis.
8 vgl. Blickpunkt 2000.
9 vgl. ebd.
10 vgl. ebd.
4
All diese Auffassungen von der Sünde stehen im radikalen Gegensatz zu der Sprache der Theologie. Ursprünglich war mit Sünde ein Scheitern des Menschen an sich selbst benannt und damit auch mit dem Nichtbeachten der Gottesbeziehung. Denn vorgesehen ist, dass „der Mensch seine Mitte in Gott hat und von diesem, seinem Schöpfer, her und auf ihn hin leben soll.“ 11 Dies gelingt dem Menschen jedoch oft nicht. Er stellt sich selbst in die Mitte und erreicht somit nicht seine Bestimmung. Die Beziehung zwischen Mensch und Gott zerbricht. 12 In der Gesellschaft jedoch, trifft sie damit auf Ablehnung, Desinteresse oder wie genannt absolute gegenteilige Benutzung des Begriffes Sünde.“ 13
Die Theologie hat jedoch auch einiges dazu beigetragen, dass das umgangssprachliche Reden von Sünde keinen christlichen Aspekt mehr hat.
Der theologische Begriff Sünde entwickelte sich weiter und aus dem Leitgedanken des Beziehungsbegriffes wurde eine enge Verknüpfung an die Moralvorstellungen geschaffen und es galt nun primär darauf zu achten, diese moralischen Gebote nicht zu übertreten, vor allem die Sexualmoral. Diese Begriffdefinition blieb jedoch nur so lange „unproblematisch, wie die gesellschaftliche Moral in ein umfassendes christliches Weltbild eingebettet war.“ 14 Mit dem Beginn der Neuzeit und spätestens mit dem der Aufklärung merkte man jedoch, dass auch Moral- und Wertvorstellungen in der Gesellschaft sich entwickeln und verändern. Der Mensch fragte mehr und mehr nach der Autonomie des Menschen ohne vorgegebene Richtlinien und hinterfragte daher das theologische Reden von Sünde. 15 Die christliche Auffassung von Sünde wurde als altmodisch abgestempelt. Es entwickelten sich Moralvorstellungen, die im Gegensatz zum Sündenbegriff das ein oder andere Missachten eines Gebotes tolerierten, damit der Mensch seine Freiheit behalte. 16 Die Vorstellungen zur Moral im 20.Jahrhundert haben sich gelockert, Sitte und Anstand sind verloren gegangen. Biblische Werte waren nicht mehr angesagt. Eine neue Generation, eine neue Moral und die Einstellung zur Sünde wandelte sich. 17
11 Drechsel, Wolfgang: Sünde. In: Hübener, Britt; Orth, Gottfried. Wörter des Lebens. Das ABC evangelischen Denkens. Stuttgart 2007. S. 210- 214, hier S.211.
12 ebd., S.211.
13 ebd., S.211.
14 ebd., S.211.
15 vgl. ebd., S.211.
16 vgl. ebd., S.211.
17 vgl. Dutine, Birgit: Heutiges Sündenverständnis und neue Ansätze von Schuld in der Auseinandersetzung mit dem heutigen theologischen Sündenverständnis.
5
3. Sünde in der Erzählung von Kain und Abel (Gen 4,1-17)
Doch was sagt die Bibel zur Sünde? Die Bibel nennt den Begriff erstmals in der Geschichte von Kain und Abel (Genesis 4,1-17). Hieraus lässt sich erkennen, dass die Verse eine überaus wichtige Bedeutung haben. 18 Aus diesem Grunde werde ich das Sündenverständnis in der Bibel anhand dieser Geschichte untersuchen.
„Die Geschichte von Kain und Abel in Genesis 4,1-17 gehört zur Urgeschichte in der Hebräischen Bibel. Vor dieser Geschichte finden sich die beiden Schöpfungserzählungen und die „Paradiesgeschichte“ mit der Vertreibung des Menschen aus dem Garten von Eden.“ 19 Es ist der Anfang der autonom gewordenen Menschheit, 20 deren Geschichte mit einer Sünde, dem Akt „direkter Gewalt beginnt, mit dem Mord Kains an seinem Bruder Abel.“ 21 Während bei Adam und Eva die Erkenntnis von Gut und Böse im Vordergrund steht, geht es jetzt „um das Tun bzw. Bewirken des Guten“ 22 , dessen Gegenteil und dessen Folgen und Wirkung. Ebenso tritt nun die Urbeziehung des Nebeneinanderseins von Brüdern ein. Im für uns übertragbaren Sinn soll es die Beziehung zwischen Menschen repräsentieren, menschliche Gemeinschaft im Nebeneinander. 23
3.1. Einleitung, Geburt der Söhne Gen 4,1-2
Zunächst wird objektiv, von außen betrachtet die Geburt der beiden Söhne Adam und Evas und deren Namensgebung Kain und Abel dargestellt. 24
Kain und Abel arbeiten in verschiedenen Berufen: Kain ist Ackerbauer und Abel ein Hirte. Es gibt die Ansicht, in dieser Gegensätzlichkeit den Grundkonflikt zwischen Kain und Abel zu sehen und eine prinzipielle Bevorzugung Abels in seine Tätigkeit zu interpretieren. Dies ist jedoch weder in der Bibel, noch in Gottes Reden sichtbar. Ebenso ist nicht erkennbar, dass Kain von Anfang an der Böse und Abel der Fromme war. 25
18 vgl. Crüsemann, Frank: Autonomie und Sünde. „Gen 4,7 und die jahwistische Urgeschichte“. In: Schottroff, Willy; Stegemann, Wolfgang. Traditionen der Befreiung. Sozialgeschichtliche Bibelauslegungen. Band 1 Methodische Zugänge. München 1980. S.60- 77, hier S. 64.
19 Orth, Gottfried: Friedensarbeit mit der Bibel. Eva, Kain & Co. Göttingen 2009. S. 50- 74, hier S. 51
20 vgl. Ebach, Jürgen: Kain und Abel in Genesis 4. In: Ders, „… und behutsam mitgehen mit deinem Gott“. Theologische Reden 3. Bochum 1995. S.190- 202, hier S. 192
21 Ebach, Jürgen: Das Erbe der Gewalt. Eine biblische Realität und ihre Wirkungsgeschichte. Gütersloh 1980. S. 42- 49, hier S.42.
22 Crüsemann, a.a.O., S.64.
23 vgl. ebd., S.64.
24 vgl. Orth, a.a.O., S.52.
25 vgl. Ebach, das Erbe der Gewalt, a.a.O., S.43.
6
Arbeit zitieren:
Lisa Hombaum, 2011, Sünde ein heute ungewohnter theologischer Begriff, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Formatvorlage (Microsoft Word) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Ha...
Für MS Word 2003 - Update 2010
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Formatvorlage (OpenOffice) für eine Diplomarbeit, Masterarbeit, Hausar...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 35 Seiten
Formatvorlage / Vorlage zur Erstellung einer Diplomarbeit, Bachelorarb...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 15 Seiten
Formatvorlage / Vorlage für eine Diplomarbeit / Hausarbeit
Für MS Word 2007 - dotx
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 25 Seiten
Anleitung zum Erstellen schriftlicher Arbeiten: Der Aufbau einer wisse...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 20 Seiten
Erstellen einer schriftlichen Hausarbeit
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Hausarbeit, 14 Seiten
Grundtechniken wissenschaftlichen Arbeitens
Bibliografieren - Reden - Schr...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Skript, 46 Seiten
Ratgeber zur Erstellung wissenschaftlicher Arbeiten. Diplomarbeiten - ...
Vorlagen, Muster, Formulare, Infobroschüren
Ausarbeitung, 39 Seiten
Theologie - Systematische Theologie: neuer Titel erschienen: Sünde ein heute ungewohnter theologischer Begriff
Lisa Müller hat einen neuen Text hochgeladen
Heute von 'Sünde' sprechen / nicht sprechen?
Praktisch-theologische Untersu...
Heye Heyen, Erna Zonne
Gesammelte Werke Band 1. Sprache der Freiheit
Dorothee Sölle, Ursula Baltz-Otto, Fulbert Steffensky
Gesammelte Werke Band 2. Und ist noch nicht erschienen, was wir sein w...
Dorothee Sölle, Ursula Baltz-Otto, Fulbert Steffensky
0 Kommentare