- 2 - 1 Einleitung
Der Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Untersuchung der Parallelen im Schelmenroman „Lazarillo de Tormes“ zu dem Werk von Erasmus Desiderius von Rotterdam.
Es gilt die Frage zu klären, ob der Autor von „Lazarillo de Tormes“ ein Befürworter von Ideen von Erasmus gewesen ist und ob er diese bewusst in sein Werk miteingeflochten hat oder inwiefern er unabhängig von Erasmus geschrieben hat. Es soll zunächst der historische Hintergrund beleuchtet werden. Dabei werden zwei Epochen angesprochen, nämlich die Regierungszeit von Karl I. und von Philipp II. Die Analyse wird ferner anhand eines Vergleichs der Schrift von Erasmus „Encomium moriae“ mit dem Roman „Lazarillo de Tormes“ vorgenommen. Die Frage nach der Intertextualität soll geprüft und die eventuellen Gemeinsamkeiten untersucht werden. Neben der möglichen inhaltlichen Affinität des Romans mit der Lehre von Erasmus, halte ich die Beobachtung der Gattungsspezifik und die Untersuchung des Sprachstils beider Autoren für relevant. Dies wird im Kapitel „Zu der Form- und Schreibstilähnlichkeit“ unternommen. 2 Die allgemeinhistorische Sicht: Der Einfluss des Werks von Erasmus auf den Roman „Lazarillo de Tormes“ 2.1 Im Zeitalter des Karl I. von Spanien
Während der Regierungszeit des Karl I. von Spanien genoss die Ideenlehre von Erasmus von Rotterdam eine breite Befürwortung. Der Pazifismus von Erasmus und die Frage nach dem Krieg und Frieden lösten in Spanien eine deutliche Sympathie für Erasmus aus. Die Schriften von Erasmus wurden ins Spanische übersetzt und verbreitet. (Vgl. Bataillon 1983: 638) Der Einfluss der Ideologie von Erasmus betraf insbesondere die spanische Geistlichkeit, ferner hatte Erasmus im Umgang mit der Moral Wirkung auf die profane spanische Literatur ausgeübt. (Vgl. Bataillon 1983: 609)
- 3 -Eines der Beispiele, wie groß der Einfluss von Erasmus auf die spanische Literatur war, ist die von Erasmus stammende Spruchdichtung Adagia. 1 Diese löste eine Modewelle in Spanien aus und trug der Erweiterung der spanischen Sprichworttradition bei. Sie wurde zu einer beliebten Dichtungsart. (Vgl. Bataillon, S. 626 f.) Die Entstehung des anonymen Romans „Lazarillo de Tormes“ ist von einem Rätsel umwoben. Marcel Bataillon schreibt ihm Folkloristik zu, die mit den mittelalterlichen fabliaux verwurzelt sein soll. (Vgl. Bataillon 1983: 609) Nach Bataillon impliziere der volkstümliche Antiklerikalismus das Fehlen der Ehrfurcht vor den Machtinstanzen, die Provokation der Machtinhaber und der gelehrte Antiklerikalismus bedeute das „Christentum des Herzens“ über die Hierarchien aller Spezies zu stellen. In seiner satirischen Auseinandersetzung mit dem Klerus werfe Erasmus den Kirchendienern nicht vor „falsch zu leben“ sondern „falsch zu glauben“. (Vgl. ebd.) Dieses Argument von Bataillon spricht nicht gegen die Gemeinsamkeit in den Weltansichten des Autors von „Lazarillo de Tormes“ und Erasmus, weil die Thematik des „falschen Glaubens“ sehr wohl eines der Themen im vorliegenden Roman ist, wie in den folgenden Kapiteln zu zeigen sein wird. Auch stellt Erasmus in seinem Werk das Leben ironisch dar, das heißt, die Realität wird umgekehrt, das heißt auch, um es an einem Beispiel zu beschreiben, dass, wenn er schreibt: „Der Klerus betrüge, aber dies sei keine Schikane gegenüber dem Klerus, weil das Leben anders nicht funktioniere“, meint er: „Der Klerus lebt falsch, weil gerade vom Klerus erwartet wird, dass dies die rechtschaffenste Instanz sei.“ Einer der Wesenszüge der spanischen Erasmusanhänger ist die Kritik an den Ritterromanen. (Vgl. Bataillon 1969: 620) Der Roman „Lazarillo de Tormes“ ist 1554, während der Blüte der Befürwortung der Ideen von Erasmus entstanden. Ein neues Genre des Schelmenromans oder novela picaresca wurde eingeführt, nachdem das Genre der Ritterromane oder las novelas caballerescas eine Verschmähung erlitten hatte. So kann vermutet werden, dass auch der Verfasser von „Lazarillo de Tormes“ sein als Schelmenroman zu bezeichnendes Werk schreibt, während er von den innovativen Ideen von Erasmus inspiriert wird.
1 Die fremdsprachigen Gattungsbezeichnungen sowie aus der Forschungsliteratur übernommenen Termini und die
- 4 -Demnach übte Erasmus in vielerlei Hinsicht Einfluss auf seine spanischen intellektuell aktiven Zeitgenossen aus. Die Einflussnahme betraf die humanistische Weltanschauung und die Befürwortung der moralischen Werte. Es ist daher offensichtlich, dass es während der Epoche von Karl I. viele Schriftsteller und Intellektuelle gab, die seine Ideen in ihren Werken unterstützt hatten. (Vgl. Briesemeister 1987: 76, 87) Dieses wird nun genauer im Hinblick auf die weiteren Kapitel der vorliegenden Arbeit untersucht. 2.2 In Bezug auf die Verfolgung der Ideen von Erasmus und den Index Librorum Prohibitorum
Nach der Thronbesteigung des Philipp II. wurde der Roman „Lazarillo de Tormes“ verboten und erschien erst wieder in einer zensierten Version. Dieses Verbot geht mit den Ansichten der spanischen Inquisition einher, der anonyme Text wird auf die Liste des Index Librorum Prohibitorum gesetzt. Als Begründung wird die Verfechtung der Ideenlehre von Erasmus im Roman genannt.
Erasmus suggeriert eine stärkere Verinnerlichung des Glaubens und diese sollte auf dem Studium der Evangelien basieren. Der “wahre Glaube” soll sich nach Erasmus in christlicher Wohltätigkeit zum Ausdruck kommen. (Vgl. Morros 2005: 20) Er lehnt den im Mittelalter verbreiteten öffentlichen, feierlichen Charakter des Glaubens und die Art der Kundgebung der “falschen Gottseligkeit” ab:
Atque ita fit, mea [stulticia] quidem opera, ut nullum paene hominum genus vivat mollius, minusque sollicitum, ut qui [Ecclesiae Principes]abunde Christo satisfactum existiment, si mystico ac paene scenico ornatu, cerimoniis, beatitudinum, reverentiarum, sanctitatum titulis, et benedictionibus ac maledictionibus, Episcopos agant. (Erasmus 1622: 190)
Sich gegen die mittelalterliche Ideologie zu stellen, bedeutet jedoch gegen die göttliche Vorsehung zu sein. Das bedeutet, wer sich gegen die Obrigkeiten ausspricht, spricht sich gegen Gott und die Kirche aus. Diese Infragestellung der Dogmen der katholischen Kirche macht Erasmus zu ihrem Feind. Die Inquisition erkennt in dieser Bewegung herätische Anklänge, somit erlebt die Anerkennung der Ideen von Erasmus ab dem Zeitalter von Philipp II. eine Wendung zur Ablehnung seiner Ideologie. Diese Gemeinsamkeit zwischen Erasmus und dem Verfasser von „Lazarillo de Tormes“ betrachte ich als eine Verbindung zwischen diesen beiden Autoren.
Arbeit zitieren:
Marianne Wenz, 2006, Die Ideenlehre von Erasmus Desiderius von Rotterdam im Schelmenroman „Lazarillo de Tormes“, München, GRIN Verlag GmbH
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