1. Einleitung - Zum Forschungsstand
In den letzten zwei Dekaden fand ein Paradigmenwechsel innerhalb der historischen Forschung statt, nämlich von der Erforschung der Herrschafts- und Politikgeschichte hin zur Alltags und Mentalitätsgeschichte. So beschäftigen sich Historiker zunehmend mit der Geschichte des Handwerks, den Formen der Grundherrschaft, Lebensmittelproduktion, Geschichte der Gebrauchsgegenstände, Kleidung, Spielzeug etc. Aber es wird auch ein deutlich größeres Augenmerk auf das Zwischenmenschliche gelegt: Z.B. Erfahrungen von Kindheit, Ehe, Liebe, Nachbarschaft usw. In den letzen Teilbereich siedle ich auch diese Arbeit an, die sich mit dem Thema Sexualität beschäftigt. Mittlerweile ist auch eine größere Anzahl von Publikationen zu diesem Thema erhältlich, die sich, gestützt auf verschiedene Quellengattungen und in unterschiedlicher wissenschaftlicher Güte mit dem Themenkomplex ‚Sexualität im Mittelalter’ beschäftigen, die Zeitspannen und Regionen, die die Werke beleuchten unterscheiden sich erheblich. Ich möchte einige der verwandten Beiträge hervorheben: Einen wertvollen Einstieg in das Thema bietet meiner Meinung nach Peter Dinzelbacher mit seinen beiden Publikationen 1 , gibt Hinweise auf ‚bereits hinreichend Beackerte Felder’, wie z.B. die frühmittelalterlichen Bußbücher und schlüsselt seine Quellenempfehlungen für weitere Forschungen nach der jeweiligen Zeitspanne des Mittelalters auf. Der Sammelband von Gabriele Bartz u.a. 2 beschäftigt sich beispielsweise überwiegend mit Produkten bildender Kunst (Malerei, Fresken) in der Zeit des Hoch- und Spätmittelalters. Arnaud de la Croix beschäftigt sich in seiner Publikation 3 hingegen mit der höfischen Liebeslyrik des Hochmittelalters, Mythen keltischen Ursprungs und weiblicher Mystik im 11. und 12. Jahrhundert. Er deduziert meiner Ansicht nach sehr einseitig und verkürzt das Liebesbild der Antike aus Platons „Gastmahl“ und versucht es auf die höfische Lyrik umzumünzen. 4 Eine umfangreiche und analytisch sehr aufwendige Arbeit zur Sexualmoral hat Hubertus Lutterbach vorgelegt. 5 Sein Quellenschwerpunkt sind die frühmittelalterlichen Bußbücher, woraus man sich zweifelsohne
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Dinzelbacher, Peter: Mittelalterliche Sexualität - die Quellen. In: Privatisierung der Triebe? Sexualität in der frühen Neuzeit, hg. v. Daniela erlach u.a., Frankfurt/M. 1994, S. 47-110. Dinzelbacher, Peter: Sexualität/ Liebe. Mittelalter. In: Europäische Mentalitätsgeschichte, hg. v. Peter Dinzelbacher, Stuttgart ²2008, S. 80-101.
2 Bartz, Gabriele/ Karnein, Alfred/ Lange, Claudio: Liebesfreuden im Mittelalter. Kulturgeschichte der Erotik und Sexualität in Bildern und Dokumenten, Stuttgart/ Zürich 1994.
3 Croix, Arnaud de la: Liebeskunst und Lebenslust. Sinnlichkeit im Mittelalter, Paris 1999. [= übers. v. Gritje Hartmann, Ostfildern 2003.
4 Vgl. Croix, Arnaud de la: Liebeskunst und Lebenslust. Sinnlichkeit im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 15ff.
5 Lutterbach, Hubertus: Sexualität im Mittelalter. Eine Kulturstudie anhand von Bußbüchern des 6. bis 12. Jahr-hunderts [= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Bd. 43], hg. v. Egon Boshof, Köln/ Weimar/ Wien 1999.
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ein Bild von der frühmittelalterlichen kirchlichen Sexualmoral machen kann - mehr aber auch nicht. 6 Franz X. Eders Beitrag 7 ist zwar mit dem Untertitel „Eine Geschichte der Sexualität“ versehen, beschäftigt sich jedoch fast ausschließlich mit dem Zeitraum vom 17. bis 19. Jahr-hundert. Nichtsdestotrotz gibt er wertvolle Hinweise für die den Umgang mit Sexualität in der Historie. Als besonders hilfreich schätze ich Rüdiger Schnells Werk zur Sexualität und Emotionalität ein. Seine zentrale Fragestellung lautet: „Inwiefern werden in Texten des 10. bis 17. Jahrhunderts die sexuelle und emotionale Beziehung zweier Eheleute in Abhängigkeit vonein-ander beschrieben? Wie hängen Sexuelles und Emotionales zusammen?“ 8 Er fasst Sexualgeschichte, ähnlich wie Foucault, als Diskursgeschichte auf und deckt im Laufe seines Werkes mehrere Dirkursstränge, sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Kirche, auf, worauf ich weiter unten nocheinmal eingehen werde. Schließlich bleibt noch Ruth Karras zu erwähnen. 9 In ihrem Buch schreibt sie das, was man wohl Populärgeschichtsschreibung nennt. Nicht bloß weil sie eine These an die andere reiht und dabei jeglichen Quellennachweis missen lässt. Sie deckt in ihrem Buch auch die gesamten tausend Jahre des Mittelalters mit unzulässigen Verallgemeinerungen ein. Trotzdem werde ich auf ihre teils doch sehr interessanten Thesen hin und wieder eingehen.
Nach dieser kurzen Literaturbesprechung werde ich fortfahren mit einem Versuch der Definition von Sexualität und den Schwierigkeiten, die einem dabei begegnen. Ferner werde ich die potentiellen Quellen zur Erforschung von Sexualität im Mittelalter aufzählen. Der Hauptteil der Arbeit soll dann aber schließlich darin liegen, die Unterschiede zwischen dem kirchlichen Sexualdiskurs und einer als ‚profan’ 10 bezeichneten Sexualität, anhand von altfranzösischen Schwankerzählungen, den Fabliaux, herauszustellen. Dazu werde ich einige Erzählungen genauer untersuchen und aus ihnen drei Thesen deduzieren. Da es sich bei den Fabliaux um Schwankerzählungen handelt, die ihre Blütephase im 13. Jahrhundert haben, können die Thesen, wenn überhaupt, nur für diesen Zeitraum Geltung beanspruchen; gleiches gilt für die räumliche und soziale Verortung: Verbreitung und ‚Anwendung’ fanden die Erzählungen
6 Das Defizit an dieser Arbeit liegt - quellenbedingt - darin, dass man von Regelungen der Bußbücher kaum auf Praktiken und Vorstellungen von „profaner“ Sexualität schließen kann, da Bußbücher vorwiegend für den Kloster-internen Gebrauch konzipiert waren und deren Regelungen auch kaum außerhalb der Klostermauern überprüft werden konnten. Auch dieses „Umsetzungs-„ oder „Verinnerlichungsproblem“ ist anhand der Quellen nicht nachvollziehbar und lässt dementsprechend auch nur Rückschlüsse auf die Sexualmoral der Verfasser (heilige Kirchenväter, bzw. von Mönchen mit hohem Ansehen und einer dementsprechend strikten Sexual-moral) zu. Andersherum ist es sehr wohl denkbar, dass ‚profane’ Praktiken und Vorstellungen von Sexualität auf die Bußregeln eingewirkt haben können.
7 Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002.
8 Schnell, Rüdiger: Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe, Köln u.a. 2002, S. 1.
9 Karras, Ruth Mazo: Sexualität im Mittelalter, New York 2005. [= übers. v. Wolfgang Hartung, Düsseldorf 2006].
10 ‚Profan’ bedeutet hier ‚weltlich’ oder ‚nicht kirchlich’.
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überwiegend im städtischen Bürgertum des (heute) nördlichen Frankreichs (Pikardie) und Belgiens 11 , auch wenn gesagt werden muss, dass es auch deutsche Schwankerzählungen gab.
2. Einschränkung des Gegenstandes
2.1. Zum Begriff Sexualität
Die seit circa 100 Jahren existierende Historiographie der Sexualität bedeutete zunächst Sitten- und Moralgeschichte und wurde als solche auch nicht von Historikern geschrieben, sondern von Medizinern, Anthropologen und Ethnographen. 12 Dabei wurde eher auf das Erzählen sexueller Geschichten aus vermeintlich zivilisatorisch rückständigeren Zeiten wert gelegt, als eine Geschichte der Sexualität zu schreiben.
Die Bezeichnung „Sexualität“ stammt aus dem Beginn des 19. Jahrhunderts. 13 Laut Michel Foucault sei die Vorstellung von ‚Sexualität’ überhaupt erst mit dem wissenschaftlichen Diskurs der Humanwissenschaften darüber entstanden. Seit seiner Erfindung ist dieses Konzept von Sexualität nun dabei sämtliche Bereiche des menschlichen Lebens in seinen Bann zu ziehen „und so [wird] die Identitäts- und Wahrheitssuche des modernen Menschen sexualisiert.“ 14
Zur Aufgabe der Historiographie gehört es den Begriff Sexualität und damit die Formen des Sexuellen immer neu zu konstruieren. Bei Franz X. Eder sieht das folgendermaßen aus: „Unter ‚Sexualität’ werden alle mit dem Geschlechtsleben zusammenhängenden Erscheinungen verstanden - das sind Begriffe, Ideen, Wissen, Begierde, Orientierung, Phantasie und Praxis. Im Gegensatz zur häufig geäußerten Meinung, Sexualität sei etwas Privates, vom Öffentlichen und Politischen getrenntes, wird angenommen, dass die sexuellen Objekte unabwendbar den soziokulturellen Codes ausgeliefert sind - was allerdings nicht bedeutet, dass sich der Mensch nicht auch gegen diese Vorgaben entscheiden könnte. So gesehen wurde und wird das Sexuelle immer auf konkrete Art und Weise gelebt, also durch Erfahrung und Praxis konstituiert.“ 15 Die Grundfrage die hier zu stellen ist, lautet: Ist das Subjekt, insofern man für das Mittelalter schon von einem (wahrgenommenen) Subjekt sprechen kann, der Herr im Hause der eigenen Sexualität oder ist es Objekt eines Diskurses, welcher sexuelle Verhaltensnormalitäten und -abnormalitäten bestimmt. Ist denn überhaupt so etwas wie ein sexuelles Subjekt, welches für
11 Vgl. Blake, Norman F.: Fabliaux. In: Lexikon des Mittelalters, Bd. 7, Sp. 211.
12 Vgl. Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 10.
13 Vgl. Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 11.
14 Vgl. Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 13.
15 Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 15.
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heute evident aber für frühere Jahrhunderte schwer nachweisbar ist, konstruierbar? Schließlich wurde der Begriff ‚Sexualität’ erst zu Beginn des 18. Jahrhunderts etabliert. 16
Missverständnisse gegenüber früheren Zeiten zum Thema Sexualität - so die Vorstellung, dass es im Mittelalter prüde Repressionen der individuellen Sexualität seitens der Kanoniker gab, als auch die gegenteilige Behauptung, dass mittelalterliche Sexualität im Vergleich zum
19. Jahrhundert geradezu freizügig war - beruhen oftmals auf den mannigfaltigen Konnotationen sexueller Begriffe, Kategorien und Vorstellungen der Jetztzeit. Nach Eder sollten demzufolge vier wesentliche Kritikpunkte an der „europäisch-amerikanischen Sexualideologie“ 17 berücksichtigt werden: 18
1. Viele in der Moderne gebrauchten Begriffe beträfen eine imaginäre ‚ganze Sexualität’, bzw. bezeichnen deren Spielarten (Sadismus, Onanie, kindliche Sexualität), wofür es aber zu früheren Zeiten weder sprachlich noch mental Äquivalente gegeben hat.
2. Es sei nicht gestattet von der zur Zeit engen Verknüpfung von sexueller, insbesondere orgiastischer Befriedigung mit individueller Glückssuche und dem zentralen Stellenwert der Sexualität im derzeitigen Menschenbild, auf die Unterdrückung und mangelnde Befriedigung früherer Generationen zu schließen, weil diese der Sexualität keinen solchen zentralen Raum gewährten.
3. Den gegenwärtig üblichen Verknüpfungen von sexueller Befriedigung einerseits als Ausdruck von ‚Wahrhaftigkeit’ und ‚Freiheit’, sowie andererseits mit „Emotionalem Beiwerk“ 19 wie Liebe und Erotik dürfen nicht unreflektiert auf die Vergangenheit übertragen werden. Fürderhin dürfe aber auch nicht auf das Fehlen von Leidenschaft aufgrund des Mangels emotionaler Äußerungen geschlossen werden.
4. Die Trennung zwischen öffentlichem, privatem und intimem Raum kann nicht übertragen werden, genauso wie
5. vom (zwingenden) Triebmodell Abschied genommen werden müsse, da Begierde und Leidenschaft sich anhand der Verortung in den jeweiligen Lebensbedingungen (Zeit, soziale Schicht, Geschlecht, Reichtum, Alter, genetische Veranlagung, Erziehung…) konstituieren. Sie sind als unfreier Willensakt erkennbar.
Davon überzeugt, dass Sexualität für die Menschen im Mittelalter - wenn auch nicht entlang der Trennlinie „homosexuell / heterosexuell“ - eine zentrale Rolle gespielt hat ist Karras. Sie argumentiert, dass es im Mittelalter eine ganz entscheidende Art der Dichotomie unter den
16 Vgl. Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 17.
17 Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 32.
18 Vgl. Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 31ff.
19 Eder, Franz X.: Kultur der Begierde. Eine Geschichte der Sexualität, München 2002,S. 32
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Menschen im Bereicht Sexualität gab, nämlich jene, ob sich die Menschen sexuell fortpflanzten oder aber nicht, was den Unterschied zwischen dem „reinen“ geistlichen Leben und dem niederen weltlichen Leben meint. 20
De la Croix geht auf den Begriff Erotik näher ein, der, abgeleitet vom griechischen Gott Eros, für das Mittelalter nicht nachweisbar wäre. Das was er bezeichnet hat sich jedoch über die tausendjährige Periode entwickelt und wurde mit den lateinischen Worten fin’amor, feine Liebe, und luxuria, Fleischeslust, benannt 21 .
Karras behauptet, dass die Menschen des Mittelalters eindeutige Vorstellungen von einer Natur der Sexualität gehabt hätten. Die Frauen wurden laut ihr, beim Sexualakt als passiver Teil und die Männer als aktiver Partner aufgefasst, was nicht von der Sexualstellung oder der Initiative abhing, sondern von dem Eindringen des Mannes in die Frau, die empfing. Demzufolge wurde auch der passive Teil des homosexuellen Geschlechtsverkehrs härter bestraft, weil er die passive Rolle als Mann einnehmend, als widernatürlicher wahrgenommen wurde. 22 Zudem hätte er die patriarchale Stellung des Mannes im Haus und somit auch die gesellschaftliche Ordnung untergraben. 23 Aus der Transitivität, welche bekanntermaßen immer ein Objekt verlangt - schließt dieselbe Autorin, dass die Ansicht vorherrschte, mit dem Sexualpartner „etwas zu machen“, während heute überwiegend die Ansicht vorherrscht, dass beide Partner Teil eines Aktes sind.
Rüdiger Schnell übernimmt in großen Teilen den Sexualitäts-Begriff von Foucault: „Den Begriff ‚Sexualität‘ verwende ich - wie Foucault - nicht für das Ausagieren sexuellen Begehrens, sondern nur für das diskursive ‚Gesamtprodukt‘ Sexualität. Sexualität ist demnach das Gesamtbild, das ein Text, ein Autor, eine Institution oder eine wissenschaftliche Disziplin vom sexuellen Begehren bzw. Tun eines Menschen bzw. eines Geschlechts entwirft. (…) deshalb definiere ich das ‚Gesamtprodukt‘ Sexualität als die diskursive Vermittlung einer auf-grund bestimmter biologisch-anatomischer Gegebenheiten und sozio-kultureller Nominierungen sich einstellenden inneren Disposition des Menschen. Insgesamt unterscheide ich folgende Termini: biologischer Geschlechtskörper (sex); soziokulturell bestimmte Geschlechtsidentität bzw. Geschlechtscharakter (gender); ‚Sex‘ als sexuelles Tun (…); Sexus als Geschlechts- 20 Vgl. Karras, Ruth Mazo: Sexualität im Mittelalter, New York 2005. [= übers. v. Wolfgang Hartung, Düssel-dorf 2006], S. 28f.
21 Croix, Arnaud de la: Liebeskunst und Lebenslust. Sinnlichkeit im Mittelalter, Darmstadt 2003, S. 6.
22 Vgl. Karras, Ruth Mazo: Sexualität im Mittelalter, New York 2005. [= übers. v. Wolfgang Hartung, Düssel-dorf 2006], S. 19.
23 Vgl. Karras, Ruth Mazo: Sexualität im Mittelalter, New York 2005. [= übers. v. Wolfgang Hartung, Düssel-dorf 2006], S. 55.
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trieb; Sexualität als diskursive Konzeptualisierung der (biologisch, psychisch und soziokulturell bestimmten) sexuellen Konstitution.“ 24
Ich möchte mich in dieser Arbeit an Schnells Definition anschließen, da sie meiner Meinung nach die Grunddebatte, ob Sexualität nun ausschließlich ein diskursives Produkt oder ein konstanter biologischer Faktor wäre, vereint.
2.2. Quellenlage
Die Quellenlage für das Thema ist umfangreicher als man zunächst vermuten könnte. Viel erfährt man über Sexualität in Bußbüchern 25 und Gesetzestexten, die die Bestrafung bei sittenwidrigem (sexuellen) Verhalten regeln, woraus sich schließen lässt, dass solches Verhalten durchaus praktiziert wurde. Dieses Feld ist jedoch schon hinreichend beackert. Nur marginal mit dem Erkenntnisgegenstand hat, bezüglich des Strafsystems, beispielsweise die Kastration zu tun. Sie reiht sich ein in das mittelalterliche Strafsystem, das mit peinlichen Strafen das entstandene Ungleichgewicht, was dem menschlichen Zusammenleben auf Erden durch einen Regelverstoß zugefügt wurde, durch das Talionsprinzip wieder ausgleichen sollte. Zumeist findet hierfür eine Stigmatisierung am entsprechenden Körperteil, das wesentlich für die Tat war, statt. 26 Gewissermaßen von jener Seite, die den Sexualdiskurs beherrschte, nämlich der Kirche, wird häufig in Visions- und Mirakelliteratur das Thema Sexualität thematisiert, was uns unserem Erkenntnisinteresse wenig weiterhilft, da es sich, wie bei den zuerst genannten Quellengattungen, um stark normative und von herrschaftlicher Seite gewissermaßen „ermahnende“ Quellengattungen handelt. Bei Klerikern und Mönchen sollten die Regungen der Sexualität durch Visionen und Traumgesichten über Kastration gezügelt werden. So erzählt beispielsweise Liutprand von Cremona von einem Pfaffen, der entmannt wurde, weil er dabei ertappt wurde, wie er sich nachts in Frauengemächer schleichen wollte. 27 Auch medizinische Quellen sind hilfreich bei der Erhellung der mittelalterlichen Sexualitäts-Vorstellungen. Sie haben ihren Ursprung oftmals im arabischen Raum und sind von der christlichen Dogmatik, so hat es den Anschein, unberührt. So geht aus ihnen beispielsweise hervor, dass im Mittelalter die Überzeugung verbreitet war, „abrupt eintretender und lange
24
Schnell, Rüdiger: Sexualität und Emotionalität in der vormodernen Ehe, Köln u.a. 2002S. 79f.
25 Vgl. Lutterbach, Hubertus: Sexualität im Mittelalter. Eine Kulturstudie anhand von Bußbüchern des 6. bis 12. Jahrhunderts [= Beihefte zum Archiv für Kulturgeschichte, Bd. 43], hg. v. Egon Boshof, Köln/ Weimar/ Wien 1999.
26 Tuchel, Susan: Kastration im Mittelalter [= Düsseldorfer Studien zu Mittelalter und Renaissance, Bd. 30], hg. v. Uwe Baumann u.a., Düsseldorf 1998, S. 70ff. Vgl. auch Foucault, Michel: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses, Frankfurt/M. 1994. [= übersetzt aus dem frz. von Walter Seitter].
27 Vgl. Tuchel, Susan: Kastration im Mittelalter [= Düsseldorfer Studien zu Mittelalter und Renaissance, Bd. 30], hg. v. Uwe Baumann u.a., Düsseldorf 1998, S. 109.
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