Widmung
Dr. Gretel Gallay,
Dr. Albert Hafner und Dr. Jürg Rageth gewidmet, die mich bei meinem Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) unterstützt haben, sowie der wissenschaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert
Inhalt
Vorwort Seite 11
Die Frühbronzezeit in der Schweiz
Abfolge und Verbreitung
der Kulturen und Gruppen Seite 13
Die geheimnisvolle Totenstätte
Die Rhône-Kultur
von etwa 2200 bis 1600 v Chr Seite 17
Rückkehr an die Seeufer
Die Arbon-Kultur
von etwa 1800 bis 1600 v Chr Seite 47
Graubünden war kein Durchgangsland
Die Inneralpine Bronzezeit-Kultur
in der Frühbronzezeit
von etwa 2300 bis 1600 v Chr Seite 73
Anmerkungen Seite 85
Literatur Seite 95
Bildquellen Seite 107
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Die wissenschaftliche Graphikerin
Friederike Hilscher-Ehlert / Seite 109
Der Autor Ernst Probst / Seite 111
Bücher von Ernst Probst / Seite 113
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Der dänische Archäologe
Christian Jürgensen Thomsen (1788–1865) hat 1836 die Urgeschichte nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff in drei Perioden eingeteilt:
Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.
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Vorwort
R und 700 Jahre Urgeschichte von etwa 2300 bis 1600
v. Chr. passieren in dem Taschenbuch »Die Schweiz in der Frühbronzezeit« in Wort und Bild Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und Gruppen, die in dieser Zeitspanne im Gebiet der heutigen Eidgenossenschaft existierten: Rhône-Kultur, Arbon-Kultur und Inneralpine Bronzezeit-Kultur. Geschildert werden die Anatomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunstwerke und Religion.
Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch-land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Die Schweiz in der Frühbronzezeit« ist Dr. Gretel Gallay, Dr. Albert Hafner und Dr. Jürg Rageth gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat unterstützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissenschaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus Königswinter.
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Die Frühbronzezeit
in der Schweiz
Abfolge und Verbreitung der Kulturen
und Gruppen
D ie Frühbronzezeit dauerte in der Schweiz etwa von
2300 bis 1600 v. Chr. Ihr erster Abschnitt, in dem noch weitgehend gehämmerte Metallobjekte hergestellt wurden, wird als ältere Frühbronzezeit bezeichnet. Der zweite Abschnitt dagegen, in dem man bereits massive Bronzeobjekte goss, heißt entwickelte Frühbronzezeit. In der Westschweiz existierte von zirka 2200 bis 1600 v. Chr. die Rhône-Kultur (s. S. 17). Ihre ältere Phase von ungefähr 2200 bis 1800 v. Chr. ist bisher nur durch Grabfunde im Unterwallis und in der Region des Thuner Sees im Berner Oberland belegt. Während der jüngeren Phase von etwa 1800 bis 1600 v. Chr. existierten die westschweizerische Aare-Rhône-Gruppe und die ostfranzösische Saône-Jura-Gruppe. 1 Die Funde aus der Zeit zwischen etwa 1800 und 1600 v. Chr. im nordostschweizerischen Mittelland werden der Arbon-Kultur (s. S. 47) zugerechnet. Nach der Altersdatierung von Hölzern aus Seeufersiedlungen im nordostschweizerischen Mittelland zu schließen, sind diese Dörfer erst in der ausklingenden Frühbronzezeit errichtet und bewohnt worden.
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Von den Relikten der Rhône-Kultur und der Arbon-Kultur unterscheiden sich die frühbronzezeitlichen Funde in weiten Teilen des Kantons Graubünden ganz deutlich. Deshalb spricht man dort von der Inneralpinen Bronzezeit-Kultur (s. S. 73). Diese Eigenständigkeit setzte sich auch in der Mittelbronzezeit und teilweise noch in der Spätbronzezeit fort.
Bisher sind aus der ganzen Schweiz etwa hundert frühbronzezeitliche Siedlungsplätze nachgewiesen. Gräber kennt man vor allem aus den Kantonen Wallis und Bern.
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GEORG KRAFT,
geboren am 11. März 1894 in Bad Neuenahr, gestorben bei einem Bombenangriff am 27. November 1944 in Freiburg/Breisgau. Er studierte in Tübingen und promovierte 1922 in Freiburg/Breisgau. 1926 erfolgte seine Habilitation in Freiburg/Breisgau, wo er das Museum für Urgeschichte der Universität betreute und ausbaute. Ab 1926 war er staatlicher Denkmalpfleger für Südbaden.
Auf Kraft geht der Begriff Rhône-Kultur zurück.
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Die geheimnisvolle Totenstätte
Die Rhône-Kultur
D er Zufall bescherte 1961 der Archäologie im
Kanton Wallis eine Sternstunde: Damals stießen Arbeiter beim Bau einer Wasserleitung in der Avenue du Petit Chasseur von Sitten (Sion) auf eine rätselhafte Totenstätte mit imposanten Großsteingräbern und verzierten Statuenmenhiren. Bei den Ausgrabungen, die von 1961 bis 1972 andauerten, stellte sich heraus, dass an dieser Stelle mehr als 1000 Jahre lang die Menschen verschiedener Kulturen ihre Toten zu Grabe getragen hatten.
Zu den prächtigsten Entdeckungen in dieser Totenstätte gehören die Hinterlassenschaften der jungsteinzeitlichen Glockenbecher-Kultur, die in manchen Gebieten Europas von etwa 2500 bis 2200 v. Chr. existierte. Diese Kultur verdankt den typischen glockenähnlichen Tongefäßen ihren Namen.
Von ebendiesen Glockenbecher-Leuten stammen die Menschen der frühbronzezeitlichen Rhône-Kultur ab, die von etwa 2200 bis 1600 v. Chr. in der Westschweiz und in Ostfrankreich angesiedelt war. In der Totenstätte von Sitten-Petit Chasseur folgen die Bestattungen dieser beiden Kulturen aus unterschiedlichen Zeitaltern der Urgeschichte, nämlich der Stein- und der Bronzezeit, unmittelbar aufeinander.
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Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der jüngeren
Frühbronzezeit (etwa 1800 bis 1600 v. Chr.) in der Schweiz
18
Den Begriff »Rhône-Kultur« hat 1948 der am Schweizerischen Landesmuseum, Zürich, arbeitende Prähistoriker Emil Vogt (1906–1974) geprägt, ihn damals jedoch dem in Freiburg/Breisgau tätigen deutschen Prähistoriker Georg Kraft (1894–1944) zugeschrieben, der ursprünglich den Namen Walliser Kultur 1 benutzte. Andere Prähistoriker dagegen sprachen von der Civilisation rhodanienne 2 oder von der Alpinen Gruppe 3 .
Der damals in Freiburg/Breisgau wirkende Prähistoriker Albert Hafner gelangte in den 1990-er Jahren nach Untersuchungen und dem Vergleich von Funden aus der Schweiz, Frankreich und Deutschland zu neuen Erkenntnissen über die Rhône-Kultur. Er unterteilte sie 1995 in eine ältere Phase von etwa 2200 bis 1800 v. Chr. und in eine entwickelte Phase von ungefähr 1800 bis 1600 v. Chr.
Die ältere Rhône-Kultur ist aus der erwähnten Glockenbecher-Kultur entstanden. Als charakteristisch für erstere gilt eine einfache Metallurgie, die Experimentierphase genannt wird und meistens gehämmerte Objekte erzeugte. Bisher hat man die ältere Rhône-Kultur nur anhand von Grabfunden aus dem Thuner-See-Gebiet im Berner Oberland (Thun-Wiler, Thun-Renzenbühl) und dem Wallis (Sitten-Petit Chasseur I) archäologisch nachweisen können.
Der in Bern geborene Prähistoriker Christian Strahm, der später an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg/ Breisgau in Süddeutschland lehrte, hat 1995 nach den Funden aus der Thuner Gegend die Thuner Gruppe
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benannt. Letztere Gruppe der älteren Frühbronzezeit betrachtet er als Übergangsform zur Rhône-Kultur. Aus der älteren Rhône-Kultur ging die entwickelte Rhône-Kultur hervor, für die eine komplexe Bronzemetallurgie und massive gegossene Bronzeobjekte typisch sind. Letztere Phase wurde 1995 von Albert Hafner in eine westschweizerische Aare-Rhône-Gruppe und in eine ostfranzösische Saône-Jura-Gruppe geteilt. Er definierte die Aare-Rhône-Gruppe durch einen einheitlichen Bestattungsritus sowie durch Keramik- und Bronzeinventare.
Die Aare-Rhône-Gruppe war in der Umgebung des unteren Thuner Sees im Berner Oberland, im westlichen Mittelland zwischen Aare und Genfer See, im Chablais und im Unterwallis verbreitet. In den Seeufersiedlungen am Bieler See, Neuenburger See und Murtensee wurden die östlichsten Elemente der westschweizerischen Frühbronzezeit gefunden.
Die ostfranzösische Saône-Jura-Gruppe war in Bur-gund und im französischen Jura heimisch. Dort gab es einen ähnlichen Keramikstil und gleiche Bronzeobjekte wie bei der westschweizerischen Aare-Rhône-Gruppe. Sowohl in Ostfrankreich als auch in der Westschweiz bettete man die Toten in gestreckter Rückenlage zur letzten Ruhe. In Ostfrankreich waren jedoch Grabhügel üblich, während in der Westschweiz Flachgräber angelegt wurden.
Vereinzelte besonders reich ausgestattete Gräber und das Aufkommen von Prestigeobjekten aus dem Bereich der in Tschechien, der Slowakei, in Mitteldeutschland
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und in Niederösterreich nördlich der Donau verbreiteten Aunjetitzer Kultur legen die Entstehung einer sozialen Oberschicht in der Aare-Rhône-Gruppe nahe. Deren Reichtum beruhte vermutlich auf der Kontrolle und Koordinierung der heimischen Erzlagerstätten und der Produktion von Metallobjekten.
Die Bestattung eines Kriegers in der Totenstätte von Sitten-Petit Chasseur I lieferte Anhaltspunkte für die damalige Kleidung, weil bronzene Schmuckstücke teilweise noch zusammen mit Textilresten geborgen werden konnten. Der Genfer Prähistoriker Alain Gallay hat die Trageweise der Garderobe, des Schmucks und der Waffen dieser Bestattung beschrieben. Er war einer der Ausgräber nach dem Tod des Lehrers und Prähistorikers Olivier-Jean Bocksberger (1925–1970) aus Sitten, der die Totenstätte als erster von 1961 bis 1969 untersucht hatte.
Der Krieger aus dem Grab 3 von Sitten-Petit Chasseur trug ein großes viereckiges Stoffgewand auf dem Leib. Es war unter die Achselhöhlen gewickelt und wurde von einem Lederriemen, der die beiden oberen Tuchenden auf dem Rücken verband, zusammengehalten. Darüber lag ein Mantel, der über die Schultern gehängt wurde.
Zur Befestigung des Mantels auf dem Stoffgewand und als Schmuck dienten zwei Bronzenadeln mit aufgerolltem Kopf. Die beiden Nadeln steckten auf der linken und rechten Brustseite. Die linke Nadel wies mit dem Kopf nach oben und mit der Spitze nach unten, bei der rechten war es umgekehrt. Auf den
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Zeichnung auf Seite 23:
Bestattung eines bewaffneten und geschmückten Kriegers in der Totenstätte von Sitten-Petit Chasseur im Kanton Wallis. Er trägt einen nach oben spitz zulaufenden Hut, wie er durch einen gleichaltrigen Fund in Norditalien nachgewiesen ist.
Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter, für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) von Ernst Probst
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Rand des Mantels waren fünf Bronzeblechröhren genäht.
Um den Hals trug der tote Krieger drei Ketten mit Anhängern aus verschiedenen Materialien. An der ersten Kette hing eine kleine walzenförmige Perle aus Bernstein, an der zweiten ein durchbohrter Bärenzahn. An der dritten Kette prangten sechs mit Ringen verzierte Bronzeblechanhänger und drei Röllchen aus Bronzedraht zwischen den mittleren vier Anhängern.
Bewaffnet war der Krieger mit einem Randleistenbeil und zwei Dolchen aus Bronze. Die 24,6 Zentimeter lange, löffelförmige Klinge des Beils lag quer unter dem Kopf des Toten. Der hölzerne Schaft dieser Prunkwaffe ist vermodert. Er hatte vermutlich am Ende eine Gabelung, in der die Klinge befestigt wurde. Die beiden Bronzedolche befanden sich unter den Rippen des Mannes und zwar in einer solchen Höhe, dass sie nicht am Gürtel getragen worden sein können.
Auf einer Zeichnung des Künstlers Serge Aeschlimann, die 1986 in der Publikation »Das Wallis vor der Geschichte« veröffentlicht wurde, trägt der Krieger von Sitten-Petit Chasseur auch einen geflochtenen, nach oben spitz zulaufenden Hut. Zwar ist eine solche Kopfbedeckung im Grab 3 nicht archäologisch belegt, aber durch einen gleichaltrigen Fund in Norditalien nachgewiesen.
Weitere Hinweise auf die Kleidung jener Zeit liegen aus dem Grab 1 von Thun-Renzenbühl im Kanton Bern vor. Dort kamen ein 9,8 Zentimeter langer, bronzener Gürtelhaken und ein 16,6 Zentimeter langes Kopfband
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Quote paper:
Ernst Probst, 2011, Die Schweiz in der Frühbronzezeit, Munich, GRIN Publishing GmbH
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