In der Geschichtswissenschaft hat es immer wieder Entwicklungsschübe gegeben, die das Fach revolutioniert haben. Dabei wurden neue Perspektiven erschlossen, altbekannte Begriffe mit neuen Inhalten diskutiert und vor allem neue Methoden und Themen vorgeschlagen. Als einer der größten, aber auch kontrovers diskutierten Innovatoren der letzten Jahrzehnte auf dem Gebiet der Geistes- und Sozialwissenschaften gilt der französische „Allround-Denker“ Michel Foucault. „Es ist die Geschichte der Wahrheitsproduktion, die im Zentrum des Foucaultschen Denkens steht“, bringt es Hannelore Bublitz in einem Sammelband mit dem Titel „Geschichte schreiben mit Foucault“ auf den Punkt. 1 Und treffender könnte man auch eine Einleitung zu Edward Saids viel beachtetem und von der Kritik sehr unterschiedlich aufgenommenem Buch Orientalism nicht formulieren, in dem dieser den Orientalismus nicht nur als einen vom Okzident über den Orient entwickelten Diskurs beschreibt sondern soweit geht, zu behaupten, der „Orient“ sei eine nahezu europäische Erfindung. 2 Der verstorbene Literaturwissenschaftler beruft sich in seinem Werk darauf, mit den von Michel Foucault entwickelten Methoden gearbeitet zu haben. Dazu zählen die Instrumente „Archiv“, „Archäologie“, „Genealogie“ und „Diskurs“, wobei letzterer die zentrale Rolle in Saids Analysen einnimmt 3 und der Autor sogar sagt:
„My contention is that without examining Orientalism as a discourse one cannot possibly understand the enormously systematic discipline by which EU-culture was able to manage - and even - produce
the Orient political, sociologically, militarily, scientificaly., imaginatively […]”. 4 Der in erster Line von französischen und britischen Orientalisten ausgehende und von ihnen beherrschte Diskurs über die islamisch-arabische Welt kann, in Anlehnung an Michel Foucault, als ein Netzwerk von Texten, Dokumenten, Praktiken und Disziplinen beschrieben werden, in dem Wissen produziert und der Rahmen möglicher Äußerungen bestimmt wird. 5 Orientalismus kann zudem verstanden werden als ein Denkstil, basierend auf einer ontologischen bzw. epistemologischen Unterscheidung zwischen dem „Orient“ und dem „Okzident“. 6 Das dabei in den Texten und durch die Praktiken produzierte Wissen ist in keinster Weise objektiv, sondern erschafft eine Realität, die sie vorgeblich nur darstellt und ist des Weiteren eng mit dem Begriff der Macht verbunden. 7 Um es auf den Punkt zu bringen, der „Orient“ ist
1 Vgl. Bublitz, Hannelore (2002): "Geheime Rasereien und Fieberstürme". Diskurstheoretisch-genealogische
Betrachtungen zur Historie. In: Martschukat, Jürgen (Hg.): Geschichte schreiben mit Foucault. Frankfurt/Main,
S. 29-41, S. 29
2 Vgl. Said, Edward W. (2003): Orientalism. London, S. 1
3 Vgl. Chuaqui, Rubén (2005): Notes on Edward Said's View of Michel Foucault. In: Alif: Journal of Compara-
tive Poetics, H. 25, S. 89-119, S. 98.
4 Said 2003, S. 3.
5 Vgl. Hauser, Stefan (2001): Orientalismus. In: Cancik, Hubert: Der neue Pauly. : Enzyklopädie der Antike.
Herausgegeben von Manfred Landfester. Stuttgart, Weimar, Sp. 1233-1243, Sp. 1235.
6 Vgl. James Clifford, Review on Orientalism, in: History and Theory 19 (1980), S. 204-223, H. 2, S. 208.
7 Vgl. Chuaqui 2005, S. 102.
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nach Ansicht von Said kein Fakt, sondern ein mystisches Konstrukt, erzeugt und gefestigt durch ganze Generationen von Künstlern, Politikern und Orientalisten aus dem Okzident, wobei sich innerhalb des westlichen Diskurses über den Orientalismus niemand seinen Vorstellungen entziehen kann. 8
Das Fundament des Orientalismus gründet sich dabei auf ungleichen Machtverhältnissen auf den Ebenen der Politik Bildung, Kultur und Moral und bestätigt konstant westliche Überlegenheit. Er dient zudem, nach Ansicht Saids, auch als Filter für westliche Vorstellungen vom „Orient“ und als ein Vorrat an Theorie und Praxis für den Umgang mit dem „Orient“, wobei dieser zusätzlich abwertend dargestellt wird. 9
Allein anhand dieser komprimierten Darstellung von Saids Werk wird deutlich, dass man dabei nicht ohne einen Rückbezug auf Foucault auskommt. Doch schreibt Edward Said wirklich Geschichte konsequent nach den Vorstellungen Michel Foucaults oder dient ihm dieser vielleicht nicht eher als kongenialer Stichwortgeber? Festhalten lässt sich zunächst, dass Said grundsätzlich mit Foucaults Konzept der Diskursanalyse arbeitet, das Philipp Sarasin zusammenfassend als ein Bemühen versteht, „die formellen Bedingungen zu untersuchen, die die Produktion von Sinn steuern“ 10 . Foucault selber war vor allem interessiert an der Art und Weise wie sich eine bestimmte kulturelle Ordnung durch diskursive Definitionen wie ge-sund/geisteskrank, legal/illegal, normal/pervers konstituiert. 11 Edward Said hat nun Foucaults Analysen ausgeweitet, in dem er untersucht wie eine kulturelle Ordnung von außen definiert wird. So nehmen im kolonialen Kontext Definitionen und Darstellungen des „Orients“ die gleiche konstitutive Rolle ein wie in den Foucaultschen Arbeiten. 12 Da der Westen der Urheber dieses eigenartigen Konzepts ohne real existierendes Referenzobjektes ist, sagt es letztlich mehr über die Welt aus, in der es konstruiert wurde, als über die Welt, die es konstruiert: „[…] that Orientalism makes sense at all depends more on the West than on the Orient, and this sense is directly indebted to various Western techniques of representation that make the Orient visible, clear, “there” in discourse about it. And these representations rely upon institutions, traditions, conventions,
agreed-upon codes of understanding for their effects, not upon a distant and amorphous Orient.” 13 Saids Vorhaben in Orientalism ist es, den Diskurs zu enthüllen und seine unterdrückende Systematik freizulegen. Bei seinem Vorgehen erfüllt er oberflächlich die ersten drei der von Dominique Maingueneau entwickelten vier Charakteristika, die das Objekt der Diskursanalyse
8 Vgl. Stefan Hauser 2001, Sp. 1234.
9 Vgl. Stefan Hauser 2001, Sp. 1235.
10 Sarasin, Philipp (2003): Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt am Main, S. 33.
11 Vgl. Clifford, 1980, S. 213.
12 Vgl. Ebenda.
13 Said 2003, S. 22.
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Foucault’schen Typs ausmachen 14 : Danach untersuche diese erstens den Ort des Aussagens. Das heißt, einen historischen, sozialen, kulturelleren Ausgangspunkt einer Serie ähnlicher Aussagen. Dieser sei zugleich der Ort von Macht, der das legitimierte Sprechen und ein gewisser Grad an Institutionalisierung vorausgehen. Zweitens betrachte die Diskursanalyse nach Foucault die Einschreibung. Darunter versteht Maingueneau, dass Äußerungen erst durch die Wiederholung ähnlicher Äußerungen zu Aussagen werden, da aufgrund der Wiederholung die miteinander verbundenen Aussagen ein Ordnungsschema bzw. eine diskursive Regelmäßigkeit generieren. Drittens suche eine Diskursanalyse nach Grenzen und Interdiskursen. Denn Diskurse zeichnen sich immer durch Verbote des Sagbaren und Verbindungen zu anderen Diskursen aus. Hier deutet sich allerdings schon eine Abweichung zu Saids Vorgehen an, der auf solche Verbindungen nicht weiter eingeht, obwohl zum Beispiel die Literaturwissenschaftlerin Lisa Lowe darauf hinweist, dass sich der Diskurs des „Orients“ ständig mit anderen Diskursen, wie denen über Nation und Klasse kreuzt, und so selbst im Werk einzelner Autoren eine Vielfalt kontextabhängiger orientalistischer Erfahrungen beschrieben werden können. 15
Das vierte und letzte Charakteristikum - das Archiv - wird schließlich durch die ersten drei Elemente gebildet. Damit bezeichnet Maingueneau die „[…] in den Texten einer diskursiven Tradition immer ‚seltenen’ Aussagemöglichkeiten, welche eine bestimmte aktuelle (Wieder-) Aussageweise legitimiert“. 16 Für Foucault wird jegliche menschliche Artikulation letztlich von kulturellen Archiven bestimmt. Die allgemeingültige Wahrheit ist dabei das Resultat des Kampfes diskursiver Formationen, in denen die stärkere gewinnt. Said nimmt demgegenüber eine eher humanistischere Position ein:
„Yet unlike Michel Foucault […] I do believe in the determining imprint of individual writers upon the otherwise anonymous collective body of texts constituting a discursive formation like Orientalism. The unity of the large ensemble of texts I analyze is due in part to the fact that they frequently refer to each
other: Orientalism is after all a system for citing works and authors”. 17 Das Problem daran ist, dass diskursive Formationen nicht von einzelnen Autoren oder einer Traditionen folgenden Schriftstellerzunft produziert werden können. Es ist daher nicht möglich, in derselben Analyseperspektive persönliche Aussagen mit diskursiven Aussagen zu verbinden, da sich die Diskursanalyse nicht für das Subjekt interessiert, sondern für Aussagen und ihre Verbindungen zu anderen Aussagen innerhalb eines diskursiven Felds. 18
14 Vgl. Maingueneau, Dominique (1991) : L´analyse du discours. Introduction aux lectures de l´archive, Paris.
1991, S. 17; Vgl. dazu auch Sarasin 2003, S. 34f.
15 Vgl. Lowe, Lisa (1991): Critical terrains. French and British orientalisms. Ithaca, London, S. 46.
16 Philipp Sarasin, Geschichtswissenschaft und Diskursanalyse, Frankfurt am Main 2003, S. 35.
17 Said 2003, S. 23.
18 Vgl. Clifford 1980, S. 217-219.
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Yannick Lowin, 2011, Michel Foucault als Inspirationsquelle für Edward Saids Orientalismus, München, GRIN Verlag GmbH
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