-2-
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Die Begriffe von Valenz und Bedeutung 4
2.1 Der Valenzbegriff. 4
2.2 Der Begriff der Bedeutung. 7
2.3 Die unterschiedliche Behandlung des semantischen
Aspekts in Valenzmodellen 9
3. Der Zusammenhang von Valenz- und
Bedeutungsunterschieden 10
3.1 Quantitative Valenz. 11
3.2 Qualitative Valenz. 13
3.3 Selektionale Valenz. 14
4. Fazit 16
Anmerkungen 18
Literaturverzeichnis 20
-3- 1.Einleitung
Dieser Arbeit liegt die Frage nach dem Verhältnis von Valenz und Bedeutung zugrunde, die für die Entwicklung des Valenzbegriffs eine besondere Rolle spielt. Das Modell der Valenz dient dazu zu beschreiben, wie das Verb bzw. Prädikat die Struktur des Satzes bestimmt. Fraglich erscheint nun, auf welcher sprachlichen Ebene eine solche Beschreibung zu erfolgen hat. Kann die Valenz eines Verbs allein auf syntaktischer Ebene beschrieben werden, obwohl sie doch offensichtlich in Abhängigkeit zur Bedeutung des Verbs steht?
Zur Erläuterung, welche Stellung die Semantik innerhalb der Valenz einnimmt, soll zunächst auf die Begriffe von Valenz und Bedeutung im allgemeinen eingegangen werden. Diese grundlegenden Betrachtungen sollen dann auf einen Teilaspekt des Valenzmodells konzentriert werden. Geht man davon aus, daß die Valenz von der Bedeutung des Verbs bestimmt wird, so liegt die Vermutung nahe, daß anhand von Valenzunterschieden auch Bedeutungsunterschiede von Verben erkannt werden können. Zur Be-handlung des Zusammenhangs von Valenz- und Bedeutungsunterschieden wird untersucht werden, ob mehrdeutige Verben Unterschiede in ihrer Valenz aufweisen. Die Erörterung der hier genannten Fragestellungen dient nicht nur dazu, Aufschlüsse über das Verhältnis von Valenz und Bedeutung zu erhalten, sondern trägt gleichzeitig dazu bei, Ansprüche zu entwickeln, die an ein Valenzmodell gestellt wer- den können.
-4- 2.Die Begriffe von Valenz und Bedeutung
2.1 Der Valenzbegriff
Der aus der Chemie entlehnte Begriff der Valenz bzw. Wertigkeit bezeichnet in der Linguistik die Fähigkeit des Verbs, seine syntaktische Umgebung vor-zustrukturieren, d. h., innerhalb des Satzes eine bestimmte Anzahl von Leerstellen zu eröffnen, die von anderen Satzkonstituenten nach vom Verb vorgegebenen Bedingungen ausgefüllt werden. 1 Das Verb fordert also bestimmte Ergänzungen. Diese verbabhängigen Ergänzungen werden Komplemente genannt. Die Wertigkeit des Verbs richtet sich nach der Zahl der geforderten Komplemente. Im allgemeinen werden ein- bis dreiwertige Verben unterschieden. So verlangt beispielsweise das Verb „schlafen" im folgenden Satz nur eine Nominalphrase als Ergänzung:
Jörg schläft.
Dagegen erweist sich „schenken" als dreiwertig:
Ich schenke ihm ein Buch.
Von den Komplementen werden die Supplemente 2 unterschieden, die von der Valenz des Verbs unabhängige Angaben darstellen. Komplemente erscheinen also als notwendige Ergänzungen des Verbs, während in Supplementen freie Angaben gesehen werden. Diese Unterscheidung bereitet jedoch insofern Schwierigkeiten, als in der Linguistik keine einheitlichen Kriterien für die Notwendigkeit von Verbergänzungen bestehen. 3 Helbig hält die Differenzierung von notwendigen Ergänzungen und freien Angaben für noch nicht hinreichend. Er nimmt zudem für Komplemente die Unterscheidung von „obligatorischen und fakultativen" Ergänzungen vor. 4 Mit Hilfe der „Weglaßprobe" werden Verbergänzungen ermittelt, deren Tilgung den Satz ungramma- tikalisch werden lassen. Solche Ergänzungen werden als obligatorisch bezeichnet. Satz-
-5- konstituenten,deren Auslassung zwar keine Ungrammatikalität zur Folge hat, die aber dennoch vom Verb eröffnete Leerstellen füllen, erweisen sich demnach als fakultativ. Eine Sonderstellung erfährt die elliptische Auslassung im Satz. Sie ist zwar eine Auslas-sung, die den Satz nicht ungrammatisch werden läßt, doch ist die Ausfüllung der feh-lenden Satzstelle eindeutig bestimmbar und nicht variabel. Deswegen wird eine ellipti-sche Auslassung von Heringer der obligatorischen Ergänzung zugeordnet. Freie Anga-ben werden nur solche Konstituenten genannt, die sich als vollkommen unabhängig vom Verb erweisen, also nicht von ihm regiert werden, keine Leerstellen des Verbs aus-füllen. 5 Dieser Einteilung zufolge stellt in dem Satz „Ich lese die Post heute Nachmit-tag." „Ich" eine obligatorische, „die Post" eine fakultative Ergänzung und „heute nach-mittag" eine freie Angabe dar. Festzuhalten ist, daß auch andere Kriterien zur Un-terscheidung von Komplementen und Supplementen herangezogen werden, z. B. von Welke 6 , die von der Einteilung Helbigs abweichen.
Bisher ist in dieser Arbeit ausschließlich die Valenz des Verbs behandelt worden. Hierzu muß klärend erläutert werden, daß die Entwicklung der Valenztheorie differenziert erfolgt und sich nicht nur auf eine Wortart bezieht. Zunächst wurde im Sinne des von Tesniere 7 geprägten Valenzbegriffes die Eigenschaft, syntaktische Ergänzungen im Satz zu fordern, in erster Linie dem Verb zugeschrieben. Eine solche Hervorhebung des Verbs entspricht der Auffassung, daß dieses das „strukturelle Zentrum des Satzes" 8 bildet. Doch die Valenz wurde in der weiteren Entwicklung auch auf andere Wortarten, wie z. B. auf das Adjektiv und das Substantiv bezogen, was unter anderem in den Wörterbüchern Sommerfeldts und Schreibers zur Valenz von Adjektiven, 9 bzw. Substantiven 10 Ausdruck findet. Diesen Wörterbüchern liegt die Annahme zugrunde, daß nicht das Verb, sondern das Prädikat Valenzträger des Satzes ist und gemäß seiner Bedeutung bestimmte Ergänzungen verlangt. Somit können innerhalb mehrteiliger Prädikate auch Adjektive und Substantive als selbständige Bedeutungsträger Valenzeigenschaften besitzen. Auf dieser Sichtweise einer bedeutungsabhängigen Valenz baut sich die weitere Begründung für die Valenzeigenschaften von Adjektiven und Substantiven auf. 11 Heringer folgt in seiner rezeptiven Grammatik dieser Auffassung, wenn er dem Prädikat eine „Gesamtvalenz" zuschreibt, an der mehrere Prädikatsteile ihren Anteil haben können. 12 Um einen einheitlichen Bezug zu besitzen, wird hier jedoch nur die Valenz des Verbs behandelt, wozu neben Heringers Grammatik auch das Wörterbuch von Helbig und Schenkel herangezogen werden soll. 13
-6- Schonin der bisherigen Darstellung wurde eine Heterogenität des linguistischen Valenzbegriffs deutlich. Die fehlende Einheitlichkeit in der Valenztheorie scheint unter anderem darauf zurückzuführen sein, daß keine allgemeine Übereinkunft darüber erzielt werden kann, zur Beschreibung welcher sprachlichen Phänomene die Valenz dient, welche sprachlichen Ebenen von der Valenz erfaßt werden. 14 Zum einen wird die Valenz, wie oben erwähnt, durch die Zahl der geforderten Komplemente, also quantitativ bestimmt. Weiterhin können die Verbergänzungen auf syntaktischer und morphologischer Ebene beschrieben werden, was als qualitative Va-lenz eingestuft wird. 15 Zum anderen wählt das Verb seine Komplemente aber nicht nur nach syntaktischen, sondern auch nach semantischen Gesichtspunkten aus; d. h., es muß eine semantische Verträglichkeit zwischen Verb und Komplement vorhanden sein. So-mit gehört zu einer Valenzuntersuchung auch die Angabe der semantischen Merkmale, die für die Komplemente durch das Verb gefordert werden. 16 Zudem weist das Verb gemäß festgelegter Schemata seinen Komplementen semantische Rollen zu. Die Vertei-lung solcher Rollen, wie z. B. „Agens", „Empfänger", „Mittel", 17 dient dazu, den Satz inhaltlich zu strukturieren. Heringer setzt für die Bestimmung der Komplemente nach semantischen Gesichtspunkten den Begriff der „selektionalen Valenz". 18 Daß die Valenz sich im Unterschied zur Rektion, die sich ausschließlich auf eine syntaktisch-morphologische Ebene bezieht, 19 auch die semantische Seite zu be-rücksichtigen hat, begründet Schwierigkeiten bei der Erstellung eines einheitlichen Va-lenzbegriffes. Als eine entscheidende Frage erweist sich hierbei, welche dieser beiden Ebenen innerhalb des Valenzmodells als grundlegend für die Beschreibung von Satz-strukturen angesehen werden soll. Soll von einer rein syntaktischen Ebene ausgegangen werden, der erst anschließend eine Interpretation der semantischen hinzugefügt wird? Oder soll die semantische Ebene von vornherein als Ausgangsbasis betrachtet wer-den? 20
Die Annahme an sich aber, daß der Betrachtung der semantischen Ebene eine wichtige Rolle innerhalb der Valenz zukommt, scheint unbestritten zu sein. So wird beispielsweise auch von Helbig, der grundsätzlich wohl als Vertreter des primär syntaktischen Ansatzes einzuordnen ist, festgestellt, daß eine stärkere Einbeziehung der Semantik, d. h. eine differenziertere Bedeutungsanalyse für die weitere Entwicklung der Va-lenztheorie erforderlich ist. 21 Aus diesem Grunde soll im folgenden Abschnitt der Beg- riff der Bedeutung näher behandelt werden.
Arbeit zitieren:
Dr. Jens Saathoff, 1992, Valenz und Bedeutung, München, GRIN Verlag GmbH
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