Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Filmanalyse „Der Neunte Tag“ 5
2.1. Das Leben und Wirken der beiden Hauptdarsteller. 5
2.1.1. Der Protagonist - Abbé Henri Kremer (Ulrich Matthes) 5
2.1.2. Der Antagonist - Untersturmbannführer Gebhardt (August Diehl) 6
2.2. Humanes Handeln in einer inhumanen Welt? - Die Filmbotschaft und der ethische Konflikt. 7
2.3. Die Leitmotive. 8
2.3.1. „Und führe uns nicht in Versuchung “ - Die Frage der Schuld 8
2.3.2. Der Glaube und das Problem der Theodizee 9
2.3.3. Versuchung und Verrat 10
2.4. Die Symbolik. 12
2.4.1. Wasser 12
2.4.2. Brot. 13
2.4.3. Die theologische Dimension der Symbole: Wasser und Brot 13
3. Die Historizität und Authentizität 14
3.1. Die Historizität 15
3.1.1. Das Verhältnis der katholischen Kirche im Dritten Reich am Beispiel von Luxemburg. 15
3.1.2. Das KZ Dachau und der „Pfarrerblock“ 16
3.2. Die Authentizität 16
3.2.1. Die Quellen der Filmhandlung 17
3.2.2. Ausgewählte Beispiele der Authentizität 18
4. Die Erinnerungskultur und die ethische Relevanz des Films für die Gegenwart und Zukunft 19
5. Ergebnis und Ausblick 21
Literaturverzeichnis. 23
2
1. Einleitung
„Film kann die Welt nicht verändern oder verbessern, er kann aber Stimmung schaffen.“ 1
Dieses Zitat von Bernhard Wicki wurde anlässlich der ersten Jugendkinotage im Jahr 2003 zum Grundsatz der Bemühungen für ein besseres Verständnis von Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Gerade die jungen und heranwachsenden Mitglieder unserer Gesellschaft besitzen nur wenige Berührungspunkte mit den menschenverachtenden Diktaturen der Vergangenheit. Allerdings muss sich gerade unsere heutige säkularisierte Gesellschaft mehr denn je mit der Fragestellung nach der Allmächtigkeit des Menschen und der daraus resultierenden Grenz- bzw. Maßlosigkeit des menschlichen Handelns auseinandersetzen. Werte wie Ethik, Moral und Verantwortung gegenüber seinen Mitbürgern und der Gesellschaft als Ganzem scheinen in die Vergessenheit zu geraten. 2 Nur eine lebendige Erinnerungskultur, welche die Leistungen der Vergangenheit in die Gegenwart und Zukunft trägt, ist in der Lage, diesem geistig-moralischen Zerfall entgegenzuwirken. Der Begriff der Erinnerungskultur ist in einer Vielzahl von Staaten untrennbar mit dem Schlagwort des Holocausts verbunden. Erinnerungskultur als das „kollektiv geteilte Wissens über die Vergangenheit“ 3 kann folglich als die Geschichte im Gedächtnis der Gegenwart aufgefasst werden. 4 Diese unvergängliche Relevanz begründet die aufgezeigte Fragestellung und rechtfertigt die ausführliche Beschäftigung mit diesem Themenbereich.
Die folgende Arbeit beschäftigt sich auf der Grundlage dieser Überlegungen mit der Fragestellung: Welchen Beitrag leistet der historische Spielfilm: „Der Neunte Tag“ von Volker Schlöndorff für die Erinnerungskultur?
Der Hauptteil dieser Arbeit fokussiert sich auf die Einordung des zu interpretierenden Films in den historischen Gesamtkontext. Im Besonderen wird hier sowohl auf die Historizität und Authentizität als auch auf die ethische Relevanz des Films hinsichtlich des Beitrages, welchen er für die Erinnerungskultur leistet, eingegangen. Um jedoch eine zufriedenstellende Antwort auf die dargestellte Problematik zu erhalten, wird zunächst eine Analyse des Films „Der Neunte Tag“ vorgenommen. Unter diesem Gliederungspunkt werden die bisherigen Karrieren der beiden Hauptdarsteller: Jürgen Matthes sowie August Diehl herausgearbeitet und im Hinblick auf ihre Filmrollen dargestellt. Im Folgenden werden die Filmbotschaft, die Leitmotive und die daraus resultierende Symbolik kritisch hinterfragt. Anschließend liegt die schwerpunktmäßige
1 Wicki, Bernhard; In: Weyrich, Franz Günther, Filmbegleitheft, München 2004, 2.
2 Vgl. Weyrich, Franz Günther, Filmbegleitheft, München 2004, 2/3.
3 Assmann, Jan, Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität; In: Assmann, Jan /Hölscher, Tonio, Kultur und Gedächtnis, Frankfurt am
Main 1988, 9.
4 Vgl. Assmann, Aleida, Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung, München 2007, 21-23.
3
Untersuchung auf der Historizität und Authentizität der Filmhandlung, um auf dieser Grundlage den Bezug des Films zur Gegenwart spannen zu können. Insbesondere die ethische Relevanz des Filmes für die Gegenwart und für nachfolgende Generationen als auch der Beitrag, welchen der Film zur Vergangenheitsbewältigung und zur Geschichtserinnerung liefert, wird hier dargelegt. Mit dieser Erörterung ist der Ausgangspunkt für eine umfassende Beantwortung der Fragestellung, nach der Bedeutung des Films „Der Neunte Tag“ für die Erinnerungskultur geschaffen. Augrund der Komplexität der aufgeführten Thematik und des begrenzten Umfangs dieser Arbeit beschränken sich die Ausführungen auf die, für die Beantwortung der Fragestellung wichtigsten Elemente der Filmanalyse. Eine Differenzierung bzw. die Aufarbeitung aller methodisch relevanten Schritte der Filmanalyse ist folglich weder beabsichtigt noch zielführend. Daher wird auf die Präsentation der Heldenreise sowie auf die Erläuterung der visuellen- und der auditiven Ebene des Films verzichtet. Diese Grundbegriffe der klassischen Filmanalyse treten in den Hintergrund und finden nur dann Erwähnung, insofern diese für die oben genannte Fragestellung Auswirkungen entfaltet haben. Auch können die narrativen Elemente des Films nur exemplarisch analysiert werden und lediglich hinsichtlich der aufgeworfenen Problematik in ihrer Gesamtheit behandelt werden.
Um der aufgezeigten Fragestellung gerecht zu werden, ist nicht nur eine vielschichtige, sondern ebenfalls eine breit gefächerte Primär- und Sekundärliteratur erforderlich. Neben der Rezeption und der Filmografie von „Der Neunte Tag“ findet in dieser Arbeit das Werk von Jürgen Haase und Léon Zeches: „Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487“ 5 , in welchem sich die Autoren unter historischen und medienethischen Gesichtspunkten mit dem zu analysierenden Film auseinandersetzen, Beachtung. Sowohl das Filmbegleitheft von Franz Günther Weyrich 6 als auch das Filmheft von Herbert Heinzelmann 7 vervollkommnen die Möglichkeit einer interdisziplinär angelegten Beantwortung der aufgeworfenen Fragestellung.
Die methodische Grundlage für die Anfertigung dieser Arbeit ist die Textanalyse der oben aufgeführten Schriften. Desweiteren wird eine Vielzahl von Interviews aller Beteiligten der Filmproduktion in die Überlegungen eingearbeitet. Die aufgeführte Sekundärliteratur dient dem Quellennachweis und stellt eine fächerübergreifende Ergänzung im Hinblick auf die Bearbeitung der aufgeführten Thematik dar.
5 Vgl. Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487, Luxemburg 2004.
6 Vgl. Weyrich, Franz Günther, Filmbegleitheft, München 2004.
7 Vgl. Heinzelmann, Herbert, Filmheft, Bonn 2004.
4
2. Filmanalyse „Der Neunte Tag“
Erst die Analyse der Filmhandlung und ihre medienethische Einordung ermöglichen eine Bewertung des Films hinsichtlich seiner ethischen Relevanz und der daraus resultierenden Bedeutung für die Erinnerungskultur. Daher stehen die beiden Hauptdarsteller sowohl im Hinblick auf ihre bisherigen schauspielerischen Karrieren als auch bezugnehmend auf ihre jeweiligen Rollen in „Der Neunte Tag“ im Mittelpunkt der Betrachtung. Nachfolgend werden die Filmbotschaft und der damit einhergehende ethische Konflikt thematisiert, um auf dieser Grundlage die Leitmotive und dessen Symbolkraft kritisch darstellen zu können.
2.1. Das Leben und Wirken der beiden Hauptdarsteller
2.1.1. Der Protagonist - Abbé Henri Kremer (Ulrich Matthes)
„Ulrich Matthes ist kein Komödiant, keiner, der brillieren will. Dieser zurückhaltende Mann sucht im Theater nicht die Selbstdarstellung, sondern das Leben - und Gegenentwürfe, sucht die Lüge und die Wahrheit.“ 8
Ulrich Matthes wurde am 9. Mai 1959 in Berlin geboren. Seitdem spielte er an verschiedenen deutschsprachigen Bühnen. Er wurde nicht nur für seine Sprecherrollen ausgezeichnet, sondern erhielt auch zahlreiche Ehrungen für sein schauspielerisches Engagement in Film- und Fernsehrollen. 9
Mit seiner Verkörperung von Joseph Goebbels in: „Der Untergang“ versinnbildlichte er die Reinkarnation des Bösen. Dieser Rolle steht jener des Helden und Protagonisten Abbé Henri Kremer in „Der Neunte Tag“ konträr gegenüber. Hier vollzog Matthes den Weg vom skrupellosen Täter zum scheinbar ohnmächtigen Opfer. In Vorbereitung auf diese Rolle las Matthes die Tagebücher von Klemperer 10 und studierte den Ausschwitzbericht „Ist das ein Mensch?“ von Primo Levi. 11 Insbesondere die „Judas-Problematik“ und die zentralen Themen der Schuld und der Verantwortung, welche in „Der Neunte Tag“ ein zentrales Handlungsmoment darstellen, weckten das Interesse von Matthes an der Rolle des Hauptdarstellers. 12 Die Figur des Abbé Henri Kremer ist angelehnt an das Leben und die Erfahrungen des historisch real existierenden luxemburgischen Abbé Jean Bernard. Er ist der Held im Film und verkörpert als
8 Sucher, Bernd C., Interview mit Angela Henkel; In: Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487, Luxemburg
2004, 106.
9 Vgl. Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487, Luxemburg 2004, 207/208.
10 Vgl. Klemperer, Victor/ Nowojski, Walter, Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945, 8 Bände, 3. Aufl., Berlin
1999.
11 Vgl. Levi, Primo, Ist das ein Mensch?, 4. Aufl., München 1992.
12 Vgl. Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487, Luxemburg 2004, 106/107.
5
Pfarrer bestimmte Stereotype. Einerseits wird sein Handeln sehr stark vom Altruismus und der christlichen Nächstenliebe geleitet, andererseits von seinen Moralvorstellungen und seinem Gewissen geprägt. Hilfe ersucht Kremer primär bei Gott und anderen Geistlichen, aber auch bei seiner Mutter als Figur der Liebe und des Schutzes. Der Film zeigt Kremer als Gestaltwandler: Zunächst ist er gebrochen, verängstigt und erstarrt durch die Erfahrungen im Konzentrationslager. Danach erwecken die Begegnung mit seiner Familie und die Auseinandersetzungen mit Gebhardt ihn jedoch aus seiner Lethargie. Er findet wieder zu sich selbst und schöpft aus diesen Erfahrungen die Kraft, Widerstand zu leisten. Am Ende des Films ist er dann mit sich selbst im Reinen, er hat sich trotz der Rückkehr in die Haft befreit und darf Freude zulassen. 13
2.1.2. Der Antagonist - Untersturmbannführer Gebhardt (August Diehl)
August Diehl wurde am 4. Januar 1976 in Berlin geboren. Seinen schauspielerischen Durchbruch erreichte er im Jahr 1997 in seiner Rolle in dem Film „23-Nichts ist so wie es scheint“, durch welchen er den „Bayerischen Filmpreis“ als bester Nachwuchsdarsteller und als bester Hauptdarsteller gewinnen konnte. Mit der Verkörperung des Untersturmbannführers Gebhardt in „Der Neunte Tag“ konnte Diehl an diesen Erfolgen anknüpfen. 14 „Die Rolle war schon in der ersten Fassung einfach spannend: Jemand, der versucht einen anderen von einem bestimmten Weltbild zu überzeugen und das unter Androhung von Gewalt, mit einem Ultimatum, der Drohung wieder ins KZ zurück zu müssen.“ 15 Der Untersturmbannführer und Gegenspieler des Abbé Henri Kremers: Gebhardt wird nicht als klassischer Schurke inszeniert, der den Helden unmittelbar zerstören will, sondern als Verführer, der versucht, Kremer für sich und seine Ideologie einzunehmen. Er begegnet Kremer auf gleicher geistiger Höhe und übt seine überlegene Machtposition subtil bzw. versteckt aus. Er ist bestrebt, Gemeinsamkeiten, besonders im Glauben zwischen Kremer und ihm, darzustellen, um Kremer durch Überzeugung auf seine Seite zu ziehen. Gebhardt selbst hat sich durch das NS-Regime verführen lassen und als geweihter Diakon seinen Glauben verraten, indem er diesen im nationalsozialistischen Sinne umgedeutet hat. 16
13 Vgl. Heinzelmann, Herbert, Filmheft, Bonn 2004, 5.
14 Vgl. Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487, Luxemburg 2004, 208/209.
15 Diehl, August, Interview mit Angela Henkel zu seiner Filmrolle; In: Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock
25487, Luxemburg 2004, 108.
16 Vgl. Haase, Jürgen/Zeches, Léon (Hrsg.), Der Neunte Tag. Pfarrerblock 25487, Luxemburg 2004, 106-107, (Das hier angedeutete
„Judasmotiv“ wird in den nachfolgenden Ausführungen noch genauer betrachtet und erläutert).
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Arbeit zitieren:
Susanne Lossi, 2011, Die Erinnerungskultur im zeitgenössischen Spielfilm am Beispiel des Films „Der Neunte Tag“, München, GRIN Verlag GmbH
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